Grüner Wohnen
Verdichtetes grünes Wohnen mit Darmstadts Bauverein.

Kapital – Verbrechen

Anarchismus und Gentrifizierung in Québec

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 31. Oktober 2011, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 31. Oktober / 1. November 2011, 23.15 bis 00.15 Uhr
Dienstag, 1. November 2011, 05.15 bis 06.15 Uhr
Dienstag, 1. November 2011, 12.00 bis 13.00 Uhr

Zusammenfassung:

Interview mit Mathieu Houle-Courcelles über sein Buch „Auf den Spuren des Anarchismus in Quebec (1860-1960)“ und mit Fred Kautz zu seinen Beweggründen, das Buch ins Deutsche zu übersetzen. Abschließend eine prägnante Zusammenfassung, was Gentrifizierung in Ville de Québec (Québec City) für die dort lebenden Menschen konkret bedeutet.

»»  Der zugehörige Podcast ist auf dem Audioportal des Bundes­verbandes Freier Radios zu finden und kann dort angehört und/oder herunter­geladen werden.

»»  Auf dem québécischen Fernsehsender Canoe TV gab es am 30. Juni 2009 ein Interview mit Mathieu Houle-Courcelles auf Französisch [ab Minute 16:07].

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Jingle Alltag und Geschichte

Anfang Oktober hatte ich Gelegenheit, einen Buchautor kennzulernen, der sich auf die Spuren des Anarchismus in Québec gemacht hat. Ehrlich gesagt, habe ich mir schon die Frage gestellt, was denn so besonderes an einer marginalen linken Strömung im französisch­sprachigen Teil Kanadas sein soll. Vielleicht ist es jedoch weniger der Anarchismus selbst, also eine Theorie­strömung, mit der ich nun gar nichts anfangen kann. Wesentlicher erscheint mir der Einblick, den der Autor, Mathieu Houle-Courcelles, in eine uns eher unbekannte Welt bietet, weil ich selten einen Anarchisten kennen­gelernt habe, der derart reflektiert und analytisch genau seine Vorstellungen zum Ausdruck bringt. Hinzu kommt, daß er Aktivist einer sozialen Bewegung in Québec-City ist, die gegen die dortige Variante von Armutspolitik und Gentrifizierung kämpft und durchaus den einen oder anderen Erfolg hat erringen können.

Mathieu Houle-Courcelles sprach zudem am 14. Oktober [2011] im Linkstreff Georg Fröba über dieses Comité populaire Saint-Jean-Baptiste in Québec City und seinen Kampf gegen Immobilien­spekulanten und für selbstbestimmten und bezahlbaren Wohnraum. Mein Gespräch mit dem Autor und Aktivisten über sein Buch und die damit verbundene Geschichte des Klassenkampfes in Québec bildet jedoch den Schwerpunkt des nun folgenden Podcasts. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Mathieu Houle-Courcelles war einige Tage zu Gast bei Fred Kautz, der Mathieus Buch „Auf den Spuren des Anarchismus in Québec (1860–1960)“ aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt hatte. Dieses Buch ist zur Buchmesse im Verlag Edition AV erschienen, und so lag die Frage nahe, welche Gründe den Autoren bewogen haben, nach Darmstadt zu kommen. Wir haben das Gespräch auf Englisch geführt, wobei Fred Kautz dort helfend eingegriffen hat, wo mein Schulenglisch an seine Vokabelgrenzen gestoßen ist.

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Buchcover Auf den Spuren des Anarchismus in QuebecMathieu sprach darüber, daß er nicht nur sein Buch einem deutschen Publikum vorstellen, sondern auch Kontakte knüpfen wolle, um das gegenseitige Lernen voneinander zu befördern. In seinem Buch habe er sich auf Québec konzentriert, weil ansonsten die Beschäftigung mit der Geschichte des kanadischen Anarchismus zu ausufernd geworden wäre. Allerdings hatte gerade der québécische Anrachismus eine ganz eigene Ausstrahlung auf die Klassenkämpfe in Kanada und zudem im Nordosten der USA. – Wenn wir über die Geschichte des Anarchismus in Québec reden, stellt sich die Frage nach ihrer heutigen Relevanz, aber auch der Einordnung in eine lange Geschichte sozialer Bewegungen in Québec.

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Mathieu stellt fest, daß die Anarchistinnen und Anarchisten in Québec geradezu das Rad immer wieder neu erfinden mußten, zu stark waren die Brüche im Lauf der Geschichte. Gerade die beiden Weltkriege unterbrachen die Klassenkämpfe, in denen der Anarchismus Fuß gefaßt hatte, hinzu kam eine Regierungs­politik der Provinz Québec vor allem in den 30er Jahren, die mitunter als klerikal-faschistisch bezeichnet wird. Für Mathieu besonders spannend war die Selbst­organisierung der Immigrantinnen und Immigranten aus Europa, vor allem der jüdischen, die aus Osteuropa und Rußland stammten. Diese gründeten nicht nur die erste Gewerkschaft in der Textilindustrie, sondern demonstrierten als erste in Kanada am 1. Mai.

Die Ironie der Geschichte liegt darin, daß die vor allem jüdischen Textil­fabrikanten dachten, mit den jiddisch sprechenden und in Kanada marginalisierten Jüdinnen und Juden leichtes Spiel zu haben. Doch diese Ausbeutungs­strategie führte dazu, daß es gerade die jüdischen Immigrantinnen und Immigranten waren, die sich wehrten, sich dabei jedoch der Unterstützung der schon einheimischeren Arbeiterinnen und Arbeiter versichern mußten, um nicht niedergeknüppelt zu werden. – Wenn Mathieu von einer geradezu klerikal-faschistischen Regierung in Québec spricht, unterschied sich diese Politik von der im übrigen Kanada?

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Mathieu sieht den Unterschied zwischen Québec und dem übrigen Kanada darin, daß die Katholische Kirche in Québec eine besondere Rolle spielte. Sie war mit den konservativsten Kreisen verbunden und konnte sich durch reaktionäre Priester auffrischen, die vor den säkularen Bestrebungen im Europa des 19. Jahrhunderts geflohen waren. Seit den 60er Jahren spielt die Katholische Kirche in Québec jedoch eine eher progressive Rolle in sozialen Fragen. Insofern erstaunt es nicht, daß für Anarchistinnen und Anarchisten diese Kirche zum Hauptfeind wurde.

Das war anders für die jüdischen Immigrantinnen und Immigranten. Diese verbündeten sich mit den Ausgebeuteten und Unterdrückten anderer Communities und übernahmen hierbei als verbindendes Moment auch deren Eßgewohnheiten. Jüdinnen und Juden aßen Schweinefleisch und grenzten sich somit von ihrem jüdischen Klassenfeind ab. Das beginnende 20. Jahrhundert bedeutete jedoch auch den Aufstieg einer nationalistischen jüdischen Bewegung, des Zionismus. Dies hatte erhebliche Auswirkungen auf das Klassen­bewußtsein jüdischer Arbeiterinnen und Arbeiter. – Kommen wir zu den sozialen Bewegungen der 60er Jahre. Inwieweit waren diese nationalistisch geprügt?

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In den 50er und 60er Jahren modernisierte sich Québec. Doch die Menschen waren auch von der liberalen Regierung enttäuscht und identifizierten sich mit den antikolonialen Kämpfen in Algerien und Vietnam. Während die damaligen Anarchistinnen und Anarchisten durch die nationalistischen Untertöne aufgemischt wurden, konnten die ML-Gruppen davon profitieren. Zum Mainstream geriet jedoch die sozialdemokratisch-nationalistische Parti Québécois. Doch seit den 90er Jahren lassen sich in Kanada auch wieder anarchistische Gruppen finden. – Fred Kautz hat das Buch über die Spuren des Anarchismus in Québec übersetzt. Was hat ihn hierzu bewogen, was fand er daran spannend?

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Mathieu mußte gleich widersprechen. Als Anarchist kann er sich nicht als Kanadier bezeichnen, obwohl er dort geboren wurde und dort auch lebt. Mathieu weist zurecht auf die Kultur der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung hin. Jedenfalls, Fred Kautz fand dieses Buch gut geeignet, einem deutschen Publikum Kanada näherzubringen. Fasziniert hat ihn, daß die Underdogs immer wieder rebellierten, obwohl das Ende der Revolte abzusehen war. Immer wieder waren es neue Einwanderer und Immigrantinnen, die den sozialen Bewegungen einen Schub gaben.

Mathieu war es hier wichtig, auch über den Tellerrand anarchistischen Einflusses hinauszugehen, um den heutigen Menschen in Québec Momente des Widerstandes in Erinnerung zu rufen, die lange verschüttet waren und die er erst durch seine eigenen Forschungen wieder­entdecken konnte, wie etwa den Aufstand der Fischer gegen die Handels­monopole in der Gaspésie im Herbst 1909. Hier wird bei allem objektiv-wissen­schaftlichem Anspruch eine subjektive Grundhaltung des Autors deutlich, nämlich die Solidarität mit den Ausgebeuteten und Unterdrückten, die sich selbst­verständlich in der Art der Darstellung niederschlägt. – Beim Lesen seines Buches stellt sich dennoch den Eindruck ein, als sei viel Papier beschrieben worden, viel geredet worden, etwa wenn Emma Goldman mehrfach nach Montréal kam …

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Emma Goldman kam häufig nach Montréal und Toronto. Aber gab es auch anarchistische Aktivitäten, die über das Schreiben und Reden hinausgingen? Mathieu weist darauf hin, daß die Klassenkämpfe in Québec ohne die Anarchistinnen und Anarchisten schwer denkbar waren, erst recht, weil sie zu denen gehörten, welche die reformistische Gewerkschafts­bewegung immer wieder anstubsten. Die Katholische Kirche als Wahrerin kapitalistischer Friedhofsruhe war daher besonders aufgebracht. – Bleibt die Frage, was haben uns die Anarchistinnen und Anarchsiten, über die Mathieu geschrieben hat, an Erfahrungen, Einsichten, Spuren hinterlassen?

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Für Mathieu ist die wichtigste Lehre aus dieser Geschichte, daß es Immigrantinnen und Immigranten gewesen sind, welche soziale Bewegungen in Québec vorangebracht haben. Sie waren radikal, sie strebten nach direkter Demokratie, sie waren aber keine Sektiererinnen oder standen abseits. Daß die erste Übersetzung seines Buches auf Deutsch und nicht auf Englisch erschienen ist, hat ihn sehr gefreut, weil er auf den Brückenschlag hofft, auf ein Interesse des alten Europa an sozialen Bewegungen jenseits des Atlantiks. Umgekehrt, war es ja auch das Interesse der Anarchistinnen und Anarchisten an linker, sozialistischer Politik in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das recht ausgeprägt war.

Als er das Buch geschrieben hat, hat ihn die Neugier vorangetrieben und nicht wissen­schaftlicher Ehrgeiz. Andererseits wollte er auch keine heroische Geschichte erzählen, diese nicht durch eine rosarote Brille betrachten. Rezensenten in Kanada wiesen daher auf eine fehlende akademische Unterfütterung hin, was an der Intention des Buches jedoch vollkommen vorbeiging. Mathieu wollte eine verloren gegangene Geschichte wiederfinden, sie aufschrieben und sie in einen gesellschaftlichen Zusammenhang bringen; und nicht irgendwelche wissen­schaftlichen Lorbeeren ernten. Aber er hat daraus gelernt. Er studiert Geschichte, um bei seinem nächsten Buch diesem akademischen Dünkel zu entgehen. Denn sein nächstes Projekt handelt von einer der wichtigen Gewerkschaften zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der One Big Union.

Das hier vorliegende Buch trägt den Titel „Auf den Spuren des Anarchismus in Quebec (1860-1960)“. Es ist mit seinen 179 Seiten in deutscher Übersetzung im Verlag Edition AV zum Preis von 16 Euro herausgekommen.

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Einige Tage nach dem Gespräch mit Mathieu Houle-Courcelles und Fred Kautz gab es im Linkstreff Georg Fröba eine Informations­veranstaltung zu Gentrifizierung in Québec-City. Diese Gentrifizierung ist ein Begriff aus der Stadt­soziologie und beschreibt Verdrängungs­prozesse im urbanen Umfeld zugunsten einer Schicht von alten und neuen Reichen, die sich bestimmte Quartiere für ihre eigenen Wellness-Zwecke herrichten. Im lokalen Darmstädter Raum können wir derartige Prozesse bei der Umwandlung der Postsiedlung am Südbahnhof zugunsten einer Verdichtungs­zone mit grünem Image beobachten, bei der die Mieten in die Höhe schnellen. Ähnliches wird uns wohl auf den Konversions­flächen wiederbegegnen.

Mathieu stellte das „Comité populaire Saint-Jean-Baptiste“ vor, was ich hier angesichts der vorgeschrittenen Zeit unterlasse. Wer mehr darüber wissen will, was er über den mitunter erfolgreichen Kampf um bezahlbaren Wohnraum berichtet hat, kann auf der Webseite des Komitees [www.compop.net] mehr dazu erfahren. Womit Mathieu und das Komitee in Québec-City zu tun haben, mag folgender [hier nicht wieder­gegebener] Ausschnitt aus der Diskussion verdeutlichen.

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Ich danke Mathieu Houle-Courcelles für das Interview und Fred Kautz für den Kontakt und die Übersetzung. Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.


Diese Seite wurde zuletzt am 29. Mai 2012 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2011, 2012. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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