Beiträge für den Radiowecker

von Radio Darmstadt

– April 2005 –

 

Radiowecker–Redaktion von Radio Darmstadt
 
03.04.2005Zerstörungsfreie Methoden
10.04.2005Politische Gedichte
17.04.2005Das verlorene Wort
24.04.2005Leitfaden
 
 
Seit November 1998 liefere ich auch kleinere redaktionelle Beiträge für den Radiowecker von Radio Darmstadt. Diese Beiträge fasse ich monatsweise zusammen und stelle sie dann auf einer eigenen Seite ins Internet. Eine komplette Übersicht auf alle Beiträge seit 1998 gibt es auf meiner Radiowecker–Startseite. Zudem gibt es eine inhaltliche Übersicht auf alle Beiträge des Jahres 2005.
Meine Radiowecker–Startseite kann auch mit http://www.wkradiowecker.de.vu aufgerufen werden.
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/rawe/rw_apr05.htm
 
NAVIGATION
 Startseite Waltpolitik 
 Neues auf meiner Homepage 
 Stichwortsuche 
 Orientierung verloren? 
 Abstract in English 
 
RADIOWECKER
 Startseite  
 Beiträge 2005 
 
SENDUNGEN
 Geschichte 
 Kapital – Verbrechen 
 Specials 
 Tinderbox 
 Nächste Sendung 
 
SERVICE
 Besprochene Bücher 
 Sendemanuskripte 
 Veröffentlichungen 
 Bisheriges Feedback 
 Email an Walter Kuhl 
 Rechtlicher Hinweis 
 
LINKS
 Radio Darmstadt (RadaR) 
 Alltag und Geschichte 
 Radiowecker – Redaktion 
 

 


Zerstörungsfreie Methoden
03.04.2005 *** Wdh. 05.04.2005 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Wie untersucht man oder frau Funde aus vergangenen Tagen, ohne sie hierbei zu zerkratzen, zu zersägen, zu verbrennen oder zu zerstören? Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte stellt im folgenden Beitrag eine Möglichkeit vor, 2000 Jahre alte Holzgegenstände zerstörungsfrei auf ihr Herstellungsdatum hin untersuchen zu können.

Beitrag Walter Kuhl

Funde aus früheren Epochen sind oftmals nicht genau zu datieren. Nicht selten sind sie aus dem Fundzusammenhang gerissen worden und entziehen sich hierdurch einer zeitlichen Bestimmung, etwa durch eine Zuordnung zu ergrabenen Fundschichten. Soweit es sich um organische Materialien handelt, etwa Skulpturen aus Holz, läßt sich durch eine Untersuchung des verwendeten Holzes dennoch eine Aussage treffen. Allerdings war es hierfür bislang notwendig, dem Holz eine Probe zu entnehmen, um es unter dem Mikroskop zu betrachten. Bei Pfosten einer Pfahlbausiedlung mag dieses Verfahren noch angehen, weil es genügend Holzreste zu untersuchen gibt. Aber was macht man und frau bei einem einzigartigen Fund?

1977 fand man im Nordosten Stuttgarts in der Nähe von Fellbach–Schmiden die Überreste einer sogenannten keltischen Viereckschanze. Lange Zeit galten derartige Bauwerke aus dem 3. und 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung als Kultstätten oder Heiligtümer, doch war es nicht zuletzt der Fund bei Fellbach, der an dieser Interpretation Zweifel weckte. Heute geht man und frau davon aus, daß es sich bei diesen zunächst militärisch als Schanzen gedeuteten Bauwerken um eingefriedete Gutshöfe gehandelt hat.

Ein Brunnenschacht in dieser Viereckschanze zog schon bald die Aufmerksamkeit auf sich, zumal in seinem Inneren die Überreste dreier hölzerner Tierfiguren gefunden wurden. Diese wurden konserviert und in einer Klimavitrine im Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart ausgestellt. Unklar blieb das Herstellungsdatum; weiterhin stellte sich nach einiger Zeit die Frage, ob die Konservierungsmittel tatsächlich stabilisierend gewirkt hatten. Den einzigen zeitlichen Anhaltspunkt bot das Brunnenholz, das nach Zählung der Jahresringe im Jahr 123 vor unserer Zeitrechnung gefällt worden sein muß. Aber was sagt dies über die offensichtlich später hineingeworfenen Tierfiguren aus?

In Heft 2/2005 der Zeitschrift Archäologie in Deutschland wird nun ein Verfahren vorgestellt, mit dem sich zerstörungsfrei nicht nur eine zeitliche Bestimmung der Figuren herstellen, sondern sich womöglich gar die Bauzeit der Viereckschanze bestimmen läßt. Der wissenschaftliche Fortschritt auf anderen Gebieten läßt sich, wie ein Projekt an der Fachhochschule Aalen zeigt, nämlich auch gewinnbringend für die Archäologie nutzen. Es handelt sich hierbei um die Computertomographie, die in Verbindung mit einem produktionstechnischen Verfahren, der Stereolithographie, gegenständliche 3D–Bilder aus dem Inneren der drei Tierfiguren geliefert hat.

Mittels dieses Verfahrens lassen sich nicht nur die Jahresringe im Innern der Tierfiguren darstellen, sondern auch die Markstrahlen des Holzes, die wiederum verraten, daß und wie die drei Figuren aus derselben Eiche hergestellt worden sind. Diese Eiche wurde gegen 127 vor unserer Zeitrechnung gefällt. Charakteristische Spuren im Holz zeigen zudem, daß diese Eiche um das Jahr 240 kräftigerem Licht ausgesetzt war. Dieses Phänomen, das auch von den zeitlich jüngeren Eichen des Holzbrunnens bekannt war, läßt darauf schließen, daß diese Viereckschanze, also der Gutshof, um das Jahr 240 angelegt worden sein könnte.

Und was den Zustand der Tierfiguren angeht – es besteht beruhigenderweise kein akuter Handlungsbedarf für eine nachträgliche Restaurierung. Diese virtuell gewonnenen Erkenntnisse lassen sich nun auch in anderer Hinsicht nutzen: Mittels der 3D–Daten lassen sich auch beliebig viele Repliken der Figuren für andere Museen oder Ausstellungen herstellen, ohne beim Abnehmen der Silikonform das Original der Figuren beschädigen zu müssen. –

Das aktuelle Heft der Zeitschrift Archäologie in Deutschland geht außerdem in seinem Schwerpunktteil auf die Bodendenkmalpflege in Nordrhein–Westfalen ein, stellt Überlegungen zu den logistischen Rahmenbedingungen des ägyptischen Pyramidenbaus an und lädt zu einer Wanderung auf den Spuren der Römer am Limes zwischen Weißenburg und Regensburg ein. Das Heft ist im gutsortierten Buch– und Zeitschriftenhandel für 9 Euro 95 erhältlich oder auch direkt beim Theiss Verlag in Stuttgart.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Danica Hensel (Dienstag)
Zum Seitenanfang Vorheriger Beitrag

 


Politische Gedichte
10.04.2005 *** Wdh. 12.04.2005 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

In drei Wochen ist er wieder da – der 1. Mai. Doch welche Bedeutung kann er heute noch haben? Sind politische Manifestationen noch zeitgemäß? Oder fehlt hierbei der Spaßfaktor? Nun – vielleicht ist die Wirklichkeit für die meisten Menschen dieser Erde auch einfach nicht spaßig genug. Ihnen seien die politischen Gedichte von Bertolt Brecht gewidmet. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat einige von ihnen gelesen.

Beitrag Walter Kuhl

Worauf wartet ihr?
Daß die Tauben mit sich reden lassen
Und daß die Unersättlichen
Euch etwas abgeben!
Die Wölfe werden euch nähren statt euch zu verschlingen!
Aus Freundlichkeit
Werden die Tiger euch einladen
Ihnen die Zähne zu ziehen!
Darauf wartet ihr!

Die Hoffenden von Bertolt Brecht. 1898 in Augsburg geboren, 1956 in der DDR gestorben, handeln seine politischen Gedichte von den Problemen, den Hoffnungen und den Erfordernissen seiner Zeit. Wer würde heute noch ein Gedicht mit dem Titel Lob des Kommunismus schreiben? Hat nicht die Geschichte bewiesen, daß der Kommunismus ein großer Irrtum war? Hat sie das? Müßten wir nicht angesichts des nackten alltäglichen Wahnsinns kapitalistischer Verbrechen fragen, ob die 500jährige Herrschaft des Kapitals ein geradezu kapitaler Irrtum ist?

Die Ausbeuter nennen ihn ein Verbrechen.
Wir aber wissen:
Er ist das Ende der Verbrechen.

Aber irgendwie auch ziemlich utopisch. Die neoliberale Dampfwalze jedenfalls läßt keinen Stein über dem anderen und kennt auch kein Verbrechen, das nicht groß genug wäre, profitabel verwertet zu werden. Sind da die Gedichte eines kommunistischen Poeten nicht altbacken zu nennen? Und doch ist es angebracht, die Gedanken und Erkenntnisse anderer und vielleicht auch nicht besserer Zeiten zu nutzen, zu studieren, zu interpretieren und auf die heutigen Erfordernisse hin zu übertragen. Zumindest scheint sich dies der Verlag Neues Leben gedacht zu haben, als er kürzlich einen kleinen Auswahlband mit den politischen Gedichten Bertolt Brechts herausgegeben hat.

Wer schaut schon in die große Suhrkamp–Ausgabe, um die ausgesprochen politischen Texte zu finden, zu lesen und auf sich wirken zu lassen? Bertolt Brecht setzte auf Vernunft und Dichtkunst, vielleicht zu wenig, um die Welt zu verändern, aber genug, um die Verhältnisse zu begreifen und sich selbst zu fragen:

Du sagst:
Es steht schlecht um unsere Sache.
Die Finsternis nimmt zu. Die Kräfte nehmen ab.
Müssen wir Glück haben?
So fragst du. Erwarte
Keine andere Antwort als die deine!

Ja, da steckt viel Pathos drin. Und sicher auch eine Verherrlichung einer kommunistischen Utopie, die schon in den 30er Jahren alles andere als herrlich war. Aber war das Kommunismus? Oder ist Kommunismus nicht vielmehr das, was wir daraus machen?

Er ist nicht das Rätsel
Sondern die Lösung.
Er ist das Einfache
Das schwer zu machen ist.

Eine kleine, aber feine Sammlung der politischen Gedichte von Bertolt Brecht ist im Verlag Neues Leben mit dem Titel Brecht heute erschienen. Manches Bekannte wird hierin durch manch Unbekanntes ergänzt. Das kleine Bändchen zum Nachschlagen kostet 4 Euro 90.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Simon Hülsbömer (Dienstag)
Zum Seitenanfang Vorheriger Beitrag

 


Das verlorene Wort
17.04.2005 *** Wdh. 19.04.2005 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Die algerische Schriftstellerin Assia Djebar führt uns in ihrem jüngsten Roman Das verlorene Wort in die Gegenwart ihrer zwischen Militärs und Fundamentalisten zerrissenen Heimat. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat es für Radio Darmstadt gelesen.

Beitrag Walter Kuhl

»In Algerien bin ich ein Fremder, und ich träume von Frankreich. In Frankreich bin ich noch fremder, und ich träume von Algier. Ist die Heimat der Ort, wo man nicht ist?« [nach Bernard–Marie Koltès]

Berkane kehrt nach zwanzig Jahren der Emigration nach Algerien zurück. In wenigen Jahren wird er 50. Er hat seinen Job hingeschmissen und rechnet sich aus, mit der erarbeiteten Pension in seiner Heimat über die Runden kommen zu können. So beginnt Assia Djebar ihren Roman Das verlorene Wort; und wer die Autorin kennt, ahnt, daß hinter dieser plötzlichen und nur scheinbar planlosen Rückkehr eine eigene Geschichte stecken muß. Und in der Tat – im Verlauf der Handlung greift die Autorin auf die Entstehungsgeschichte ihres Heimatlandes zurück, um zu ergründen, wieviel Heimat dort noch geblieben ist.

Berkane richtet sich zunächst im Haus der Familie direkt am Meer außerhalb der Hauptstadt ein. Er hängt dort mehr oder weniger herum und träumt von seiner Jugend, in der Kasbah von Algier. Fetzen der Erinnerung drängen sich ihm auf, doch erst nach seiner Begegnung mit Nadija weiß er, warum er nach Algerien zurückgekehrt ist. Er sitzt am Strand und schreibt diese Erinnerungen auf, nicht zuletzt, um zu verstehen, was aus seiner algerischen Heimat geworden ist. Hat er doch bemerkt, daß die Kasbah seiner Jugend und die Kasbah des modernen Algier zwei vollkommen verschiedene Orte sind. Er erkennt sie nicht mehr wieder. Sie, der Stolz von Al Djazaïr, ist so heruntergekommen wie das politische Bewußtsein des Landes.

Assia Djebar verlegt den Zeitpunkt der Rückkehr Berkanes in den Vorabend der Wahlen von 1991. Nach dem sich abzeichnenden Erdrutschsieg der Islamischen Heilsfront putschte damals das Militär und führte das Land in einen mörderischen Bürgerkrieg. Bevor Berkane begreifen kann, wohin er zurückgekehrt ist, findet er das Land gespalten. Doch wo sucht und findet er darin seinen Platz? So findet seine Berufung, indem er schreibt.

»Schreiben ist ein Zwang: Wenn das geliebte Wesen fehlt und du es nicht vergessen kannst, beginnst du zu schreiben, um so die Verbindung aufzunehmen. […] Ich lasse mich wieder auf dem Territorium meiner Kindheit nieder, auch wenn meine Kasba in Schutt und Staub zerfällt. Ich schreibe im Land der Kindheit, für eine verlorene Geliebte. Um alles wieder in Erinnerung zu rufen, was ich in mir ausgelöscht habe während dieses allzu langen Exils.« [Seite 154]

Während Assia Djebar in früheren Romanen einen inneren Zusammenhang zwischen Sprachlosigkeit, Frauenunterdrückung und der politischen Situation ihres Heimatlandes hergestellt hatte, ist die Hauptfigur dieses Romans ein Mann – Berkane. Die Autorin führt uns in seine Jugend zurück, in die Schlacht um Algier, in die Zeit des Befreiungskampfes gegen den französischen Kolonialismus. Schon dort findet Berkane Hinweise auf die Intoleranz in den eigenen Reihen. Die Autorin spielt hierbei auf die Fraktionskämpfe innerhalb der Befreiungsbewegung an, an deren Ende nicht Emanzipation, sondern Dumpfheit stehen.

Zwar haben die französischen Kolonialherren bei ihrem Abzug verbrannte Erde hinterlassen, doch offensichtlich waren die neuen algerischen Machthaber nicht fähig und auch nicht willens, eine Gesellschaft aufzubauen, in der es sich zu leben lohnen würde. Symptomatisch ist eine Szene, an die sich Berkane gut erinnern kann: In einem französischen Gefangenenlager mißdeuten die Inhaftierten das Wort Laizismus, weil sie weder das Wort noch das damit verbundene Konzept kennengelernt haben. Folgerichtig konnten die neuen Machthaber schon lange vor den islamischen Fundamentalisten ein Unterdrückungsregime errichten, das bewußt Islam und Repression mit einer restriktiven arabischen Sprachpolitik verband.

Berkane erinnert sich gut an die eigene Gefangenschaft, an die subtile Folter der Franzosen, an seine eigene Intoleranz und an einen Fahnenappell, der die Absurdität der gesamten Situation erhellt. Denn obwohl der Abzug der Franzosen nur eine Frage der Zeit ist, sollen die algerischen Gefangenen vor der französischen Fahne salutieren. Ein Gefangener weigert sich, er wird geschlagen: »Schrei wenigstens, das tut doch weh.« Er schreit nicht. Der Algerier wankt. Aber er schreit nicht. [Seite 206] Und Berkane fragt sich:

»Wird nun nach meiner Rückkehr dieses Martyrium wieder anfangen, die Tobsuchtsanfälle, der Wahnsinn, das Schweigen? Bin ich etwa zurückgekehrt, um wie damals nur zum Zuschauer zu werden; um zuzuschauen und hin und her gerissen zu sein?« [Seite 208] Berkane sucht das Lager der Vergangenheit auf, in dem er damals gefangen gehalten wurde. Von dort kehrt er nicht wieder zurück. Zurück bleiben Briefe an seine ehemalige französische Geliebte und – seine Erzählung. Die Erzählung eines Befreiungskrieges, der im Bürgerkrieg endet.

Assia Djebars Roman Das verlorene Wort ist ein weiterer Entwurf, die verlorene Sprache, das verlorene Gedächtnis, die eigene Geschichte zurückzugewinnen. Der 250 Seiten starke Roman ist im Schweizer Unionsverlag erschienen und kostet 19 Euro 90.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Simon Hülsbömer (Dienstag)
Zum Seitenanfang Vorheriger Beitrag

 


Leitfaden
24.04.2005 *** Wdh. 26.04.2005 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Der neue Papst hat seine Bibel und Arbeitslose sollten die ihre kennen. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte stellt im folgenden Beitrag diese Bibel für Arbeitslose vor.

Beitrag Walter Kuhl

Wenn es so etwas wie eine Bibel für Arbeitslose gibt, dann ist es der Leitfaden für Arbeitslose aus dem Fachhochschulverlag. Die komplette Überarbeitung des Arbeitslosenrechts durch die Hartz–Reformen machten bei diesem Leitfaden eine Neuauflage erforderlich. Die soeben erschienene 22. Auflage deutet es an: Arbeitslose, die ihr Recht kennen und durchsetzen wollen, sollten regelmäßig ihren Leitfaden updaten, wie das heute so schön Neudeutsch heißt.

In dieser 22. Auflage sind die mit den Hartz–Reformen verbundenen Änderungen des Sozialgesetzbuchs III eingearbeitet worden. Zudem findet sich hier alles, was man und frau über das Arbeitslosengeld wissen sollte. Nicht mehr enthalten ist in dieser Auflage die bisherige Arbeitslosenhilfe. Mit Hartz IV wurde diese durch das Arbeitslosengeld II ersetzt. Angesichts dessen, daß der Umfang des jetzt vorliegenden Leitfadens schon knapp 600 Seiten umfaßt, entschieden sich die Herausgeberinnen und Herausgeber vom Arbeitslosenprojekt TuWas, einen eigenen Leitfaden zum Arbeitslosengeld II herauszugeben, der ebenfalls im Fachhochschulverlag herausgekommen ist.

Im Gegensatz zu vielen Ratgebern auf dem Büchermarkt nimmt dieser Leitfaden eine ganz bestimmte parteiische Haltung ein. Er steht konsequent auf Seiten der Arbeitslosen und findet es nicht einmal skandalös, wenn Arbeitslose sich nicht alles zumuten lassen wollen. Selten wird so klar und deutlich der Standpunkt vertreten, daß Arbeitslose Rechte haben, die sie auch einklagen sollten. Zum Beispiel gegen Sperrzeiten.

Sperrzeiten sind ein beliebtes Instrument zur Disziplinierung der ungeliebten und eigentlich lästigen Klientel. Außerdem läßt sich hiermit die Statistik elegant bereinigen. Eine Untersuchung hat nämlich gezeigt, daß Sperr– und Säumniszeiten häufiger gegen weniger Qualifizierte und Geringverdienerinnen verhängt werden als gegen Facharbeiter, Angestellte und gut Verdienende. Offensichtlich wird gezielt ausgenutzt, daß sich Menschen mit geringerer Qualifikation nicht so einfach effektiv wehren können.

Der Leitfaden für Arbeitslose weist jedoch darauf hin, daß Widersprüche gegen Sperrzeitbescheide überdurchschnittlich erfolgreich sein können. Im Jahr 2001 lag hier die Erfolgsquote bei 40,2 Prozent. Klagen gegen abgelehnte Widersprüche waren sogar noch erfolgreicher. Mehr als die Hälfte der Klagen vor den Sozialgerichten führten zum Erfolg. Hier zeigt sich deutlich, daß viele Strafmaßnahmen des Arbeitsamtes schlicht rechtswidrig sind.

Daher ist es gut zu wissen, welche Sperrzeiten durch cleveres Verhalten vermieden werden können und wo man und frau es besser nicht darauf ankommen läßt. Der Leitfaden für Arbeitslose geht deshalb anhand mehrerer Fallbeispiele auf die Tücken der Sozialgesetzgebung ein. Für den Fall der Fälle gibt es natürlich Musterbriefe, die zu Recht und Geld verhelfen sollen.

Die 22. Auflage des Leitfadens für Arbeitslose soll nicht zuletzt all denen weiterhelfen, für die Rechtsfragen eher ein Buch mit sieben Siegeln sind – und das dürften die meisten sein. Ob angesichts des Umfangs des Bandes dieser Zweck erreicht werden kann, mag dahingestellt sein. Das Arbeitslosenrecht setzt voraus, sich gezielt mit der Materie zu befassen. Ein eigenes Kapitel zur Beschäftigung von Ausländern mag verdeutlichen, daß diese Materie umfangreich und zuweilen vertrackt ist. Der Sinn dieses Rechts ist aber nicht gerade, Arbeitslose zu unterstützen, sondern sie für den Arbeitsmarkt zuzurichten. Und hier ist es wieder wichtig, sein oder ihr Recht auch genau zu kennen.

Die elf Euro für diesen Leitfaden sind auf jeden Fall sinnvoll angelegt. Es kann nichts schaden, sie sich beim zuständigen Arbeitsamt als notwendige Bewerbungskosten bzw. Ausgaben zur Beendigung der Arbeitslosigkeit ersetzen zu lassen. Der Leitfaden für Arbeitslose ist im Fachhochschulverlag in Frankfurt erschienen.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Viktoria Thumann (Sonntag), Simon Hülsbömer (Dienstag)
Zum Seitenanfang Vorheriger Beitrag

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 24. Dezember 2005 aktualisiert.
Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur.
©  Walter Kuhl 2001, 2005
Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.
 Startseite Waltpolitik 
 Zum Seitenanfang 
 Radiowecker Startseite  
 Email an Walter Kuhl