Erste Algerien Sendung

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Algerien (1)
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 19. Januar 1998, 17.00–17.55 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 20. Januar 1998, 08.00–08.55 Uhr
Dienstag, 20. Januar 1998, 12.00–12.55 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Frantz Fanon : Die Verdammten dieser Erde, Suhrkamp Verlag
  • Louisa Hanoune : Terroristen fallen nicht vom Himmel, Rotpunktverlag
  • Werner Ruf : Die algerische Tragödie, agenda Verlag
 
 
Playlist :
  • Geier Sturzflug : Bruttosozialprodukt
  • Kate Bush : Hammer Horror
  • Rose Laurens : Africa
  • Goldene Zitronen : Menschen haben keine Ahnung
  • Tracy Chapman : Subcity
  • Bangles : I Got Nothing
 
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Medialer Fanatismus
Kapitel 3 : Koloniale Gewalt
Kapitel 4 : Louisa Hanoune
Kapitel 5 : Machtkampf gegen die eigene Bevölkerung
Kapitel 6 : Kriminelle Bande an der Macht
Kapitel 7 : Desinformation
Kapitel 8 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Seit letzten Mittwoch - und das heißt, auf Beschluß unserer Mitgliederversammlung - hat Radio Darmstadt ganz offiziell eine neue Redaktion: Alltag und Geschichte heißt sie. In ihr sind vor allem einige Sendungen zusammengefaßt, die bislang als Einzelsendungen im Offenen Haus zu hören waren.

Hierzu gehört die Sendung der VVN, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, die jeden ersten Montag im Monat um 17 Uhr zu hören ist. Diese Sendung der VVN wird von Christoph Jetter moderiert.

Am nächsten Montag moderiert Karin Gerhardt Wohnsinn. Darin wird ein Wohnprojekt in Darmstadt vorgestellt; und zudem werden Fragen, die damit zusammen hängen, behandelt.

Susanne Schuckmann und Günter Mergel beschäftigen sich mit Esoterik zwischen Magie und Aberglaube. Da die Redaktion Alltag und Geschichte sich als eine wissenschaftlich arbeitende Redaktion begreift, wird die Esoterik kritisch beleuchtet und Zusammenhänge mit anderen rechten, undemokratischen Strömungen in dieser Gesellschaft näher untersucht.

Norbert Büchner moderiert MediaLine, das nächste Mal am kommenden Mittwoch um 19 Uhr.

Antje Trukenmüller und Steffen Falk werden sich unter anderem in einer kritischen Sendung zu Drogen und der damit verbundenen Drogenpolitik, zu Polizei und Justiz einmischen.

Und dies ist heute und jetzt die Sendung Kapital und Arbeit. Darin behandle ich Themen aus Wirtschaft und Politik - und nicht zu vergessen die Welt der Arbeit. Nicht jede Arbeit ist Lohnarbeit und erst recht nicht jede wird auch bezahlt. Diese Gesellschaft und in ihr die Kapitaleigner leben davon, daß ziemlich viel Arbeit unentgeltlich geleistet wird. Dabei denke ich nicht nur an Hausarbeit, sondern auch an ehrenamtliche Arbeit. Die Appelle, das Ehrenamt auszubauen, sind ja auch allenthalben zu hören. In einer Zeit, in der überall gespart werden soll, damit das arme Kapital im Standort Deutschland nicht verhungert, wird ehrenamtliche Arbeit geradezu zu einem Kulturgut. Ich will damit ehrenamtliche Arbeit nicht diskreditieren. Damit wird viel Nützliches gemacht. Es fragt sich allerdings, warum diese nützliche Arbeit nicht bezahlt wird, und statt dessen viele unnütze Arbeit Lohn und Profit einbringt. Ich denke da zum Beispiel an die Rüstungsindustrie, die ja selbst von gewerkschaftlicher Seite verteidigt wird. Nützlicher scheint mir da die ehrenamtliche Arbeit der Redakteurinnen und Redakteure von Radio Darmstadt.

Heute werde ich mich schwerpunktmäßig mit der Situation in Algerien auseinandersetzen. Wer sich informationsmäßig hierbei auf unser Darmstädter Heimatblatt verläßt, erhält ein ziemlich verzerrtes Bild. Dazu später mehr. Am Mikrofon begrüßt Sie und euch Walter Kuhl, und die nächsten drei Minuten feiern wir zu Ehren von Kohl, Westerwelle und Schröder wieder einmal das Bruttosozialprodukt.

Geier Sturzflug : Bruttosozialprodukt

 

Medialer Fanatismus

"Algerische Fanatiker im Blutrausch" schreibt das Darmstädter Echo am 7. Januar [1998]. Hat das Darmstädter Echo jemals über die Nationalsozialisten und ihre begeisterten deutschen Mitläufertäter geschrieben: "Deutsche Fanatiker im Blutrausch"? Ich kann mich nicht erinnern.

Ich deutete es in einer früheren Folge von Kapital und Arbeit ja schon einmal an: das Darmstädter Echo hat einen rassistischen touch. Der "Fanatiker" ist eine rassistische Kunstfigur, die vorwiegend nichteuropäischen Völkern zugeschrieben wird. Im Zusammenhang mit dem sogenannten "Islamischen Fundamentalismus" wird gleich eine Bedrohung mitgeliefert. Das Abendland befindet sich wieder in einer Verteidigungsposition. Diesmal sind es nicht mehr Mongolenhorden oder "der Russe", heutzutage spricht man von "islamischen Fanatikern".

So auch das Darmstädter Echo am 5. Januar [1998]: "Fanatische Islamisten ermorden mehr als 400 Dorfbewohner". Schließlich werden derartige Dinge nicht von zivilisierten Nationen begangen. Das muß im Blut dieser Leute liegen. Wilde, unzivilisierte Nomaden. Oder was weiß ich, was für krude Gedankengänge in den Hirnen der Redakteure von dpa und ihrer Nachbeter vom Darmstädter Echo ablaufen.

Vor allem, wenn man bedenkt, daß es überhaupt keine gesicherten Informationen darüber gibt, wer für diese Massaker verantwortlich ist: sind es islamisch orientierte Guerillagruppen, das algerische Militär oder einfach nur marodierende Banden, die die Situation nutzen? Wer hat ein Interesse an dieser Gewalt? Einerlei - die algerische Regierung füttert die nationalen und internationalen Medien mit gefilterten und gezielten Meldungen; und somit erhalten wir hier in Deutschland ein völlig verzerrtes Bild der algerischen Realität.

Dem möchte ich abhelfen. Die folgenden Informationen beruhen im wesentlichen auf zwei Büchern, die ich hiermit gleichzeitig vorstellen möchte.

Es ist zum einen das Buch Die algerische Tragödie von Werner Ruf, zum anderen ein Interviewband mit der algerischen Feministin und Menschenrechtlerin Louisa Hanoune. Sie drückt darin eine einfache Wahrheit aus: Terroristen fallen nicht vom Himmel.

Werner Ruf charakterisiert die Informationspolitik der algerischen Regierung, aber auch der westlichen Medien mit folgenden Worten:

Es ist verständlich, daß man im Westen (fast) nur die Stimmen jener hört, die uns kulturell näherstehen, sich in uns verständlicher Sprache äußern. Aber: Es ist auch eine Folge der oben geschilderten Informationspolitik, daß fast nur die Greueltaten der einen Seite nach außen dringen, die Horrortaten der anderen Seite aber unterdrückt werden; daß Informationen, die das einfache, politisch nützliche Weltbild in Frage stellen würden, nicht gesucht werden. Denn sonst ließe sich das Klischee nicht aufrechterhalten, daß hier ein Kampf zwischen Demokratie einerseits und autoritärem Gottesstaat andererseits ausgefochten würde. Ohne eine Analyse der Interessen ist der ideologische Rauchschleier nicht zu durchdringen, der mit diesen falschen Antagonismen (Gegensätzen) produziert wird. [1]

 

Koloniale Gewalt

Algerien war von 1830 bis 1962 französische Kolonie. Französischen Siedlern wurde Land zugeteilt, das zuvor den einheimischen Besitzern geraubt wurde. Algerierinnen und Algerier waren den französischen und zum Teil spanischen und italienischen Siedlern rechtlich nicht gleichgestellt. Um die vollen französischen Staatsbürgerrechte erwerben zu können, mußten sie aus ihrer muslimisch orientierten Rechts- und Glaubensgemeinschaft austreten. Das heißt, die französischen Kolonisatoren konstruierten ein zweistufiges Rechtssystem, nach denen die muslimisch orientierten Algerierinnen und Algerier zu Staatsbürgern 2. Klasse erklärt wurden. Werner Ruf stellt daher fest:

Die Politisierung des Islam hat ihre Ursache also keineswegs nur in der Religion selbst, sondern ganz wesentlich auch in der durch die Kolonialmacht vollzogenen Instrumentalisierung der Glaubenszugehörigkeit für den Ausschluß der algerischen Bevölkerung von den politischen Rechten als französische Staatsbürger. [2]

Diese Politisierung des Islam sollte sich - wenn auch zeitlich und den gegebenen Verhältnissen angepaßt - bis heute durchziehen.

Frankreich behandelte Algerien aber auch wirtschaftlich als typische Kolonie. Algerien sollte landwirtschaftliche Erzeugnisse und Bodenschätze liefern, im Gegenzug lieferten französische Konzerne die notwendigen Ausrüstungsgüter. Eine Industrialisierung Algeriens fand nur dort statt, wo gezielt für den Export produziert wurde: im Bergbau und bei der Erdöl- und Erdgasgewinnung. Anfang der 50er Jahre besaßen 22000 europäische Eigentümer etwa 40% des bebauten Bodens - natürlich den besten und fruchtbarsten.

In mehreren Aufständen wehrten sich Algerierinnen und Algerier gegen die französische Kolonisation, die regelmäßig blutig unterdrückt wurden. So ermordete das französische Militär mindestens 10.000 Menschen (andere Schätzungen gehen bis zu 40.000) im Anschluß an Unruhen nach den Siegesfeiern im Anschluß an die Kapitulation Nazideutschlands.

Es liegt auf der Hand, daß bei derartig brutalen Unterdrückungsmethoden der Befreiungskrieg alles andere als friedlich verlaufen konnte.

Die französische Diskriminierungspolitik anhand religiöser Grenzen führte zu einer Selbstidentifikation der Algerierinnen und Algerier mit islamischen Werten. Werner Ruf dazu:

Die große Mehrheit der Algerier verstand die Befreiung als Kampf für die Wiedergewinnung der algerisch-muslimischen Persönlichkeit und für die Wiedereinführung einer gerechten, das heißt: islamischen Ordnung. [3]

Der Unabhängigkeitskrieg von 1954 bis 1962 wurde von beiden Seiten mit unglaublicher Härte geführt. Allerdings war es der algerischen Befreiungsarmee allein nicht möglich, die französischen Siedler und das französische Militär (etwa 1/2 Million Soldaten) zu besiegen. Es war letztlich die öffentliche Meinung in Frankreich selbst, die zum Waffenstillstand beitrug, nachdem etwa 100.000 Franzosen getötet oder verletzt worden waren. Die allgemeine Brutalisierung führte allerdings auch zu mörderischen Auseinandersetzungen innerhalb der Befreiungsbewegung. Allein in Frankreich sollen während der Jahre des Befreiungskampfs 4.000 Menschen im Kampf untereinander getötet worden sein.

Ich denke, beides - der Bezug auf eine gerechte islamische Ordnung wie der unreflektierte Umgang mit Gewalt - zieht sich bis heute durch die algerische Gesellschaft. Heute kämpfen dort keine fanatischen Wilden, um die Schlagzeilen des Darmstädter Echo zuzuspitzen, gegeneinander, sondern Menschen, die auch nur Produkt bestimmter vorgefundener gesellschaftlicher Verhältnisse sind.

Schon Frantz Fanon wies in seinem Klassiker Die Verdammten dieser Erde nachdrücklich auf die psychischen Folgen der Kolonisation - und zwar auch der inneren Kolonisation der Köpfe und Herzen der unterdrückten Algerierinnen und Algerier - und auch des Befreiungskampfes hin. Verantwortlich hierfür machte er den französischen Kolonialismus.

Aber der Krieg geht weiter. Und wir werden noch jahrelang die vielfachen und manchmal unheilbaren Wunden zu verbinden haben, die unseren Völkern durch die kolonialistische Landplage zugefügt worden sind. Der Imperialismus, der heute gegen eine konkrete Befreiung der Menschen kämpft, hinterläßt überall Fäulniskeime, die wir unerbittlich aufspüren und aus unseren Ländern und unseren Gehirnen ausmerzen müssen. Wir behandeln hier das Problem der psychischen Störungen, die aus dem nationalen Befreiungskrieg des algerischen Volkes entstanden sind. Solche psychiatrischen Anmerkungen wird man in diesem Buch vielleicht unangebracht, ja ausgesprochen deplaciert finden. Wir können aber buchstäblich nichts dafür. Es hat nicht an uns gelegen, daß in diesem Krieg psychiatrische Erscheinungen, Störungen der Verhaltens- und Denkweisen bei den Akteuren der »Befriedung« oder innerhalb der »befriedeten« Bevölkerung eine solche Bedeutung angenommen haben. Tatsache ist, daß sich schon die Kolonisation als eine große Lieferantin für psychiatrische Kliniken erwiesen hatte. Wie der Kolonialismus die systematische Negation des anderen ist, eine blindwütige Entschlossenheit, dem anderen jedes menschliche Attribut abzustreiten, treibt er das beherrschte Volk dazu, sich ständig die Frage zu stellen: »Wer bin ich eigentlich?« [4]

Das soll nicht heißen, daß Algerierinnen und Algerier nicht richtig im Kopf sind. Ich mache damit nur auf die Folgen der französischen Kolonisation aufmerksam, die bis heute Auswirkungen auf das Denken und Handeln in Algerien haben.

 

Louisa Hanoune

Louisa Hanoune wurde 1954, kurz vor dem Beginn des Befreiungskampfes, geboren. Um der Einweisung in ein Gefangenenlager zu entgehen, in denen die französischen Besatzer über 1 Million Algerierinnen und Algerier eingesperrt hielten, floh ihre Familie vom Land nach Annaba, einer größeren Stadt an der Ostküste Algeriens. Nach der Unabhängigkeit ging es der Familie besser, doch Louisa mußte sich ihren Schulabschluß regelrecht gegen den Widerstand ihres Vaters erkämpfen. Frauen hatten es nicht leicht, gesellschaftlich anerkannt zu werden; und das ist auch heute nicht anders.

Sie beginnt zu studieren und gründet die erste Frauengruppe in Annaba. In einem Land, das sich offiziell zum Sozialismus bekannte, war es ganz normal, daß

[...] Schwestern, Mütter und Ehefrauen weiterhin der männlichen Autorität unterstellt blieben. Ein Vater, Bruder oder Ehemann konnte seiner Tochter, Schwester oder Frau das Recht auf Ausbildung oder Arbeit vorenthalten. [5]

Das Verstoßen von Ehefrauen wie das Einsperren der Mädchen durch ihre Eltern waren alltäglich.

Louisa Hanoune lernt auch die Schattenseiten des algerischen Wirtschaftswunders kennen. Barackensiedlungen am Rande der großen Industriekomplexe, ohne Wasser und Elektrizität. Für sie wurde deutlich, daß Frauenemanzipation nur durch eine Verbesserung der Lebensbedingungen erfolgen konnte. Also setzte sich Louisa Hanoune mit ihrer Frauengruppe hierfür ein und traf sofort auf die staatliche Repression.

1980 ging sie nach Algier. Dort fanden die ersten Demonstrationen gegen den Gesetzentwurf zum sogenannten 'Familienrecht' statt. Darin sollte die zweitrangige Rolle der algerischen Frauen festgeschrieben werden. In der Nationalversammlung wurde unter anderem die Frage diskutiert, wie lang ein Stock sein dürfe, mit denen Frauen geschlagen werden dürften, um sie gefügig zu machen. Die Regierung mußte den Gesetzentwurf aufgrund des massiven öffentlichen Drucks zurückziehen, setzte das Familienrecht aber mittels einer selektiven Repressionspolitik Mitte der 80er Jahre durch. Es ist bis heute gültig. 1983 wurde Louisa Hanoune wegen ihres feministischen Engagements festgenommen und nach sechs Monaten, wenige Tage nach der Verabschiedung des Familienrechts, wieder freigelassen.

Louisa Hanoune leitet heute eine kleine sozialistische Arbeiterpartei und ist dennoch im ganzen Land bekannt. Im Gespräch mit Ghania Mouffok entwickelt sie in einer eindringlichen Deutlichkeit, daß das Morden in Algerien von den Machthabern selbst zu verantworten ist. Diese nämlich sind es, die der algerischen Bevölkerung die nominell vorhandenen demokratischen Rechte in der Praxis absprechen. Und diese sind es, die demokratische Wahlen abbrechen, weil ihnen das Ergebnis nicht paßt, und statt dessen eine Militärdiktatur einrichten. Der Kampf gegen den islamischen Terror ist eigentlich ein Kampf gegen das eigene Volk.

 

Machtkampf gegen die eigene Bevölkerung

Direkt nach der Unabhängigkeit kam es zum offenen Kampf um die Macht zwischen den rivalisierenden Clans. Ein Teil der Armee verhalf Achmed Ben Bella zur Macht, doch dieser wurde 1965 durch Oberst Houari Boumedi ne gestürzt. Unter Boumedi ne wurde Algeriens Schwerindustrie aufgebaut, die Menschen im Land selbst konnten durch Erdöl- und Erdgasexporte in einem relativen Wohlstand leben. Dennoch mußte das Regime für den Aufbau seines ehrgeizigen Industrialisierungsprogramms im Ausland verschulden.

Um den Auflagen des Internationalen Währungsfonds zu entgehen, der für die Kreditgewährung drastische Maßnahmen verlangt, die zuallererst von der einfachen Bevölkerung zu tragen sind, nahm Algerien auf den internationalen Finanzmärkten kurzfristige Kredite mit hohen Zinssätzen auf. Aber die Erdölpreise sanken im Laufe der Jahre und so gingen die Einnahmen zurück. Der 1. Golfkrieg zwischen dem Iran und dem Irak in den 80er Jahren tat ein übriges. Beide Länder hielten sich nicht mehr an die verabredeten Förderquoten. Da Algerien zudem über 90% align=center seiner Grundnahrungsmittel einführen muß, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch Algerien sich dem Diktat des Internationalen Währungsfonds unterwerfen mußte. Der Lebensstandard der Algerierinnen und Algerier ging rapide zurück.

Ein fünftägiger Volksaufstand gegen Teuerung und für Demokratie wurde im Oktober 1988 zusammengeschossen. Allein in Algier wurden 500 Menschen getötet. Mit diesem Massaker verspielte die Armee ihren Ruf als moralische Instanz, den sie sich durch den Befreiungskampf erworben hatte. Die Islamisten und hier insbesondere die FIS, die Islamische Heilsfront, erhielten regen Zulauf.

Ich erwähnte ja schon, daß die französischen Kolonialherren die religiöse Zugehörigkeit zum Kriterium von Bürgerrechten erhoben hatten. Sie waren es, die den Islam in Algerien politisierten. Aber auch das Regime, das nach der Befreiung an die Macht kam, bediente sich des Islams. Der Islam wurde zum Teil der algerischen Identität erklärt und war im täglichen Leben allenthalben präsent. Auch das Familiengesetz wurde auf islamischer Grundlage gegen die Frauen durchgesetzt. Seit 1989 ist der Islam Staatsreligion.

Louisa Hanoune ist jedoch rechtzugeben, wenn sie sagt, daß die Spaltung der Gesellschaft zwischen Männern und Frauen nur die Spitze eines Eisbergs ist. Das Regime verfolgt, erst recht aufgrund der Demokratiebewegung der 80er Jahre, eine Politik der Spaltung.

Im Dezember 1991 siegt die Islamische Heilsfront beim 1. Wahlgang der Parlamentswahlen. Hochrechnungen für den 2. Wahlgang gingen von über 80% der Parlamentssitze aus. Der Zulauf der FIS erklärt sich vor allem dadurch, daß sie eine erhebliche Anzahl von Proteststimmen gegen das Regime auf sich vereinigen konnte. Das Regime zog die Notbremse. Das Militär setzte den Präsidenten ab, annullierte die Wahlen, rief den Ausnahmezustand aus und verbot die FIS.

Verschiedene islamistische Gruppen sehen keinen anderen Weg als den des bewaffneten Kampfes gegen das Regime. Und das Regime reagiert mit absoluter Härte. Seit 1992 wurden in diesem Kampf etwa 80.000 Menschen getötet. Diese Toten islamischen Terrorgruppen allein zuzuschreiben, geht jedoch an der Realität vorbei. Louisa Hanoune sieht andere Gründe für die beispiellose Eskalation der Gewalt.

 

Kriminelle Bande an der Macht

Louisa Hanoune sieht vor allem zwei Gründe dafür, daß das Militärregime die Gewalt nicht nur nicht in den Griff bekommt, sondern sie geradezu befördert. Das Regime, sagt sie, hat ganz bewußt den Krieg gewählt.

Erstens, sagt sie, ist es ein Krieg gegen die Jugend. Mehr als die Hälfte der Algerierinnen und Algerier ist unter 18 Jahre alt. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von weit über 50% und einer damit verbundenen absoluten Perspektivlosigkeit sind es gerade die Jugendlichen, die vom Regime und seinem Staat nichts mehr erwarten. Und es waren 1988 genau diese Jugendlichen, die dem Regime die Stirn geboten haben und trotz der 500 Toten eine kleine, drei Jahre dauernde politische Demokratisierung erzwingen konnten. Louisa Hanoune dazu wörtlich:

Man instrumentalisiert die Toten, um die Repressionspolitik, die Fortführung des Krieges zu rechtfertigen. Man manipuliert die nationale und internationale öffentliche Meinung und zwingt sie, die Augen vor dem Rest zu schließen. [...]

Man zwingt uns eine makabre Rechnung auf. Im Juni 1996 wurde die Zahl der Toten auf 70.000 geschätzt, wovon 400 Frauen waren. Zwischen Mai 1993 und Dezember 1995 zählte man 50 von bewaffneten Gruppen ermordete Journalisten und Medienleute. Dabei stellt sich die Frage: Wer sind die anderen Zehntausenden von Toten? Die meisten von ihnen sind jung, anonym, ohne Namen, ohne Gesicht; Personen, deren Tod sich politisch nicht ausschlachten läßt. Sie sind das wahre Gesicht dieses schmutzigen Krieges. Die Jugendlichen sind die Mehrheit in unserem Land, sie sind die Akteure und Opfer unseres Dramas. Sie werden als Kanonenfutter benutzt, um politische und Machtfragen zu regeln.[...]

Die Opfer sind heute diejenigen, die wir im Oktober 1988 gesehen haben, fast Kinder noch, wie sie auf die Straße gingen, um ihren Teil an der Zukunft einzufordern. Es sind dieselben, die wir während des Golfkrieges zu Tausenden demonstrieren gesehen haben, um das irakische Volk, mit dem sie sich identifizierten, zu unterstützen. Wenn man all diesen Jugendlichen jedes Recht abspricht und sie dazu noch verfolgt, dann haben sie keine andere Wahl, als ihren Krieg zu wählen: Entweder sie schließen sich bewaffneten Gruppen oder den Sicherheitskräften an - Armee, Polizei, Sicherheitsdienste, Milizen oder Bürgerwehr. Im Klartext, sie wählen die Gewalt. [6]

Der andere Hauptgrund ist ein ökonomischer. Algeriens Wirtschaft gehörte dem Staat. Seit den 80er Jahren gibt es eine massive Tendenz zur Bereicherung, allerdings fehlt noch die direkte private Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel. Die Verschuldungskrise Algeriens zu Ende der 80er Jahre schlug hier eine Bresche. Die Auflagen des Internationalen Währungsfonds sahen auch eine Privatisierung der Wirtschaft vor. Das heißt, der äußere ökonomische Druck wird zum Vehikel eines Transformationsprozesses der algerischen Wirtschaft genutzt. Das Problem dabei ist, daß Algerien seit 1962 eine wie auch immer angebliche, so doch in den Köpfen real gedachte sozialistische Orientierung hat. Und das bedeutet, daß Algerierinnen und Algerier nicht bereit sind, staatlichen Besitz in Privateigentum umwandeln zu lassen. Der Krieg löst das Problem auf geradezu elegante Weise.

Louisa Hanoune weist zum Beispiel darauf hin, daß es kein Zufall ist, daß die Gewalt sich vor allem im fruchtbaren Agrargebiet im Süden von Algier ereignet.

Ich stelle fest, daß jedesmal, wenn eine - wenn auch nur zaghafte - politische Debatte aufkommt, die Massaker an der Zivilbevölkerung mit erschreckendem Rhythmus zunehmen, wie wenn es darum ginge, ein ganzes Land zu terrorisieren. Eine andere beunruhigende Tatsache ist, daß diese Massaker beinahe alle in der Mitidja-Ebene stattfinden, und eine der Konsequenzen dieses Terrors ist, daß die Überlebenden und die Bewohner der Umgebung ihre Dörfer und Äcker verlassen. Durch die massive Entvölkerung werden Ländereien frei, die heute öffentliches Eigentum sind, die aber privatisiert werden sollen - auch dies auf Befehl des Internationalen Währungsfonds, was den kriminellen Charakter seiner Politik belegt. Von hier ist es nur ein kleiner Schritt bis zum Gedanken, daß es bei diesen Massakern eigentlich um Land geht. [7]

Hunderttausende wurden inzwischen entlassen, dringend notwendige Medikamente werden nicht mehr subventioniert, hinzu kommen Wasserknappheit und Inflation. Die kriegerische Auseinandersetzung verdeckt die radikale Verschlechterung der Lebensbedingungen der meisten Algerierinnen und Algerier.

Und wer hat ein Interesse an dieser Gewalt?
Islamische Fundamentalisten?
Das Regime, dessen Mitglieder sich bereichern wollen?
Kleine kriminelle Banden?

 

Desinformation

Solange die algerische Regierung das Informationsmonopol hat, wird eine Antwort unmöglich sein. Und solange werden wir den manipulativen Bildern im Fernsehen und den manipulativen Berichten in der Presse ausgeliefert sein.

Louisa Hanoune hat jedoch keinen Zweifel daran, daß nur eine Demokratisierung, verbunden mit der Annulierung der Auslandsschulden, eine Lösung ermöglicht.

Wenn das Darmstädter Echo in seinem Leitartikel vom 8. Januar [1998] unter der Überschrift "Algerien schafft es nicht" auf ausländischen Druck setzt, dann zeugt dies von einer völligen Verkennung der Lage. Hier wird nur einer militärischen Intervention, und sei es durch Blauhelme, vorgearbeitet. Diesen Leitartikel auseinanderzunehmen, erspare ich uns. Er hätte eine meiner virtuellen Zitronen für Glanzleistungen im geistigen Niemandsland verdient gehabt. Aber Klaus Staat hat sich diese Zitrone schon am letzten Montag für seinen Kommentar, in dem er die darmstädter Frauenbeauftragte Edeltraud Baur angriff, abgeholt. Wer Faschismus, Kommunismus und Feminismus in eine Reihe stellt, hat es nicht besser verdient.

Aber nochmal zurück zu Algerien.

Der Öffentlichkeit wird ein Kampf zwischen Mittelalter und Moderne präsentiert. Die islamischen Fundamentalisten stehen für eine rückständige, undemokratische Politik. Die Militärregierung für die Verteidigung europäischer Werte. Nichts wäre falscher. Louisa Hanoune, immerhin Sozialistin, wendet sich gegen das Verbot der Islamischen Heilsfront. Sie sagt, man könne keine demokratische Politik mit undemokratischen Methoden betreiben. Man kann nicht im Namen der Demokratie demokratische Freiheiten außer Kraft setzen und die Repressionsschraube anziehen.

Aber sie betrachtet die Angelegenheit auch als Feministin. Die FIS steht für eine reaktionäre Politik den algerischen Frauen gegenüber. Kämen die Islamisten an die Macht, würden die Frauen unterdrückt. Dazu sagt Louisa Hanoune ganz schlicht:

Aber ich habe ja gar keine Rechte als Frau! Ich müßte zumindest welche haben, um sagen zu können, die FIS stelle eine Bedrohung dar. [8]

Denn es war schließlich das Regime selbst, daß eine reaktionäre Politik gegen die algerischen Frauen durchgeführt hat. Die algerischen Machthaber, die algerische Frauen zur Legitimation eines Kampfes für die Freiheit der Frauen anführen, sind dieselben, die das Familiengesetz, das die Unterdrückung der Frauen festschreibt, durchgesetzt haben.

Wenn man keinen Zugang zu Schulbildung, Gesundheitsversorgung, zu einer Wohnung hat

sagt Louisa Hanoune,

wenn man dazu seine Vertreter nicht wählen darf und einem aufgrund von Polizei- und Militärgewalt alle Freiheiten versagt werden, dann soll mir einmal jemand erklären, worin hier die Moderne besteht ... [9]

 

Schluß

Ich komme zum Schluß der heutigen Folge von Kapital und Arbeit. Im März werde ich noch einmal ausführlich auf Algerien, das Land, seine Gesellschaft und auch seine Musik eingehen. [10]

Die beiden von mir vorgestellten und als Hintergrundinformation benutzten Bücher zur Situation in Algerien sind zum einen:

Werner Ruf: Die algerische Tragödie. Vom Zerbrechen des Staates einer zerrissenen Gesellschaft. Dieses eher soziologisch angelegte Buch ist im agenda Verlag erschienen und kostet 29 Mark 80.

Und dann das Buch, das ich uneingeschränkt empfehlen kann:

Louisa Hanoune im Gespräch mit Ghania Mouffok: Terroristen fallen nicht vom Himmel. Zur aktuellen Situation in Algerien. Das Buch ist im Rotpunktverlag erschienen und kostet 38 Mark.

Zurückgegriffen habe ich auch auf den immer noch lesenswerten Klassiker von Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde. Fanon starb 1961 an dem Tag, an dem die französische Originalausgabe erschienen ist. Die mir vorliegende Taschenbuchausgabe ist im Suhrkamp-Verlag erschienen; sie ist von 1981 und kostete damals 8 Mark.

Weitere Bücher werde ich im März vorstellen. [11]

Die nächste Folge von Kapital und Arbeit ist am Dienstag, den 10. Februar [1998]. Morgen um diese Zeit werden wir mit unserem Magazin Flickenteppich zu hören sein. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Werner Ruf : Die algerische Tragödie, Seite 136
[2]   Ruf, Seite 22f.
[3]   Ruf, Seite 59
[4]   Frantz Fanon : Die Verdammten dieser Erde, Taschenbuchausgabe 1981, Seite 210
[5]   Louisa Hanoune : Terroristen fallen nicht vom Himmel, Seite 75
[6]   Hanoune, Seite 36f.
[7]   Hanoune, Seite 307
[8]   Hanoune, Seite 124
[9]   Hanoune, Seite 286
[10]  Das Sendemanuskript meiner zweiten Algerien-Sendung ist verfügbar.
[11]  Die folgende Passage des originalen Sendemanuskripts ist überholt - Radio Darmstadt residiert inzwischen am Steubenplatz 12 mit einer neuen Rufnummer 87 00 100: "Das Manuskript dieser Sendung ist gegen einen Unkostenbeitrag von 3 Mark erhältlich. Sie können bzw. Ihr könnt es telefonisch unter der 29 11 11, per Fax unter der 29 11 55, oder schriftlich über die Redaktion Alltag und Geschichte, Bismarckstraße 3, in 64293 Darmstadt erhalten."

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 30. Dezember 2004 aktualisiert.
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©  Walter Kuhl 1998, 2001, 2004
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