Tauben auf dem Luisenplatz
ver.di vor dem Einkaufs­zentrum

Außerhalb von Darmstadt 2013

Einkaufen in Weiterstadt

Wer in den Darmstädter Blätterwald der tageszeitung­lichen Monokultur hineinschaut, fragt sich hinterher, was denn hier wirklich geschehen ist. Dort, wo ernsthaft nachgefragt werden müßte, hört das „Echo“ in der Regel auf. Dabei gibt es so einiges zu entdecken und zu ergründen.

Das Darmstädter Echo berichtete im Januar 2013 mehrfach zur Auseinandersetzung zwischen Kaufrausch und Gewerkschaft in Weiterstadt:

Wenn ich auf die einschlägigen Artikel des „Darmstädter Echo“ verlinke, dann stellt sich als nächstes Ärgernis die dort installierte Paywall ein. Manche Verlage scheinen den Sinn des Internets nicht verstehen zu wollen, denn sie verstecken ihr Angebot. Das müssen sie von den betriebsblinden Betriebswirt­schaftlern gelernt haben, die meinen, knapp gehaltene Güter bringen Geld und Profit. Nur ist es eben im internet so, daß allgemein verfügbare Nachrichten nicht knapp zu halten sind. Deshalb scheitern in der Regel die auf Paywalls beruhenden Geschäftsmodelle.


Vor dem Einkaufszentrum.
Bild 1: Mehr Polizei als Demonstrierende?

Am 6. Januar 2013 reizte der Weiterstädter Einzelhandel ein anderes ihr von einer schwarzgelben Landesregierung profitabel zugeschnittene Geschäftsmodell aus. Es war kurz nach Weihnachten, und es galt, möglichst viel von der als Präsent zum frohen Fest geflossenen Kaufkraft abzugreifen, ehe das öde Tagesgeschäft die Menschen einfängt und vom Shoppen abhält. Das hessische Ladenöffnungsgesetz vom 23. November 2006 gibt in § 6 Abs. 1 weitere Verkaufssonntage frei:

„Die Gemeinden sind aus Anlass von Märkten, Messen, örtlichen Festen oder ähnlichen Veranstaltungen berechtigt […] die Öffnung von Verkaufsstellen an jährlich bis zu vier Sonn- oder Feiertagen freizugeben. Der Zeitraum, während dessen die Verkaufsstellen geöffnet sein dürfen, ist anzugeben. Er darf sechs zusammen­hängende Stunden nicht überschreiten, muss spätestens um 20 Uhr enden und soll außerhalb der Zeit des Hauptgottes­dienstes liegen. Die Freigabe­entscheidung ist öffentlich bekannt zu machen. In der Bekanntgabe sind die Öffnungszeiten zu bestimmen.“

Hier sind windigen Tricks Tür und Tor geöffnet. Märkte und Messen sind genauso wie öffentliche Feste theoretisch aus ortsüblichen Gebräuchen abzuleiten. In der Praxis kann jede noch so absurde Veranstaltung als Markt oder Messe deklariert werden, und schwupps! lassen sich auch am Sonntag die Läden profitabel öffnen. In Weiterstadt jedenfalls suchte man und frau das zugehörige Fest vergeblich. Ob es im stillen Kämmerlein des scheidenden Bürgermeisters Peter Rohrbach versteckt wurde?

Gemeinsam mit einer nicht wirklich progressiven Allianz für einen freien Sonntag mobilisierte die für den Einzelhandel zuständige Gewerkschaft ver.di zu einer Kundgebung vor dem größten Einzelhandels­konglomerat auf Weiterstadt prosperierender grüner Wiese, dem Loop 5. Ein Eilantrag vor dem Verwaltungs­gericht Darmstadt war aus formalen Gründen gescheitert, eine inhaltliche rechtliche Prüfung steht noch aus. Ein kleines Häuflein von etwa 20 Männern und Frauen stand vor dem Einkaufszentrum, verteilte Flugblätter oder hörte sich die per Megafon verbreiteten Reden an. Polizei war auch vor Ort – wen wollte sie vor wem schützen? Die Kaufwilligen vor den Demonstrierenden oder den Profit vor dem dann doch nicht erfolgten Aufruf zur Arbeits­niederlegung? Tausende Kaufwillige hingegen strömten reichlich unberührt von dem nicht allzu großen Trubel vor dem Haupteingang in ihr Shoppingparadies, um sich einem noch viel größeren Trubel auszusetzen. Das Unverständnis dieser teilweise per Pkw weit angereisten Kundschaft ob des Protestes ließ sich im wirtschafts­freundlichen „Darmstädter Echo“ nachlesen.

Umfrageergebnis.
Abbildung 2: Umfrage zum Sonntagsshoppen (Screenshot).

Umso erstaunter ist man oder frau dann, wenn sie das Ergebnis einer virtuellen Umfrage in Darmstadts einzig verbliebener Tageszeitung zur Kenntnis nehmen. Nun sind die hier abgebildeten 2833 Stimmen nicht gleichzusetzen mit 2833 Personen; es handelt sich allenfalls um die Summe der Mausklicks. Ob hier einzelne Personen mehrfach geklickt haben, muß genauso offenbleiben, wie die Antwort auf die Frage, für wen die Mehrfachstimmen zu zählen wären. Aber der Widerspruch zwischen erlebter Konsumgeilheit und virtueller Ablehnung ist frappierend. 70% erklärten angesichts des Rummels in Weiterstadt, sie wollten am Sonntag nicht einkaufen gehen und nur ein aufrechtes Achtel scheint das Einkaufen rund um die Uhr als seinen und ihren Lebenssinn zu benötigen.

Auch im Weiterstädter Stadtteil Riedbahn scheint sich die Begeisterung für das Sonntagserlebnis im Einkaufshimmel in Grenzen zu halten. Auch wenn Weiterstadts Verkehrs­infrastruktur großzügig auf die Bedürfnisse des automobilen Zugangs zu den Konsumtempeln ausgerichtet ist, so scheinen an bestimmten Tagen die Straßen einem Infarkt nahe. Folgerichtig suchen sich die automobilen Männer und Frauen ihre Schleichwege durch die Wohnstraßen der Umgebung, weil ein richtiger Stau ja nur auf der Autobahn Spaß macht. Am 1. November 2012 tobte in Weiterstadt der Bär, weil in Rheinland-Pfalz und Bayern der Feiertag zum Einkaufen im arbeitssamen Bundesland Hessen genutzt wurde. Julian Heck faßte das Chaos prägnant zusammen:

„Der Zugang zur B 42 war verstopft, die Fahrzeuge standen viele Minuten im Loop 5-Parkhaus und kamen nicht heraus. Die Autos wurden folglich zur Entlastung des Einbahnstraßen­rings auch über die Wiesenstraße geleitet – nicht zur Freude der dortigen Anwohner. Auch dort staute es sich wenige Minuten später ähnlich. Ein Durchkommen von Rettungswagen oder gar der Feuerwehr wäre kaum möglich gewesen.“

Vor dem Einkaufszentrum.
Bild 3: Kämpferisch sieht irgendwie anders aus.

Tja, wenn das geliebte Shoppen und das ebenso geliebte Automobil urplötzlich vor dem eigenen Garten stattfindet, dann ist eben Schluß mit Gemütlichkeit. Angeblich sollen derartige Vorfälle an verkaufsoffenen Sonntagen vollkommen ausgeschlossen sein, so die Beruhigungspille der Verantwortlichen. Ein Aufstand im Hinterhof des Einkaufsparadieses wäre ja auch das letzte, was ein so wirtschafts­freundlicher Standort wie Weiterstadt gebrauchen könnte.

ver.di faßte den eigenen Standpunkt in einem nicht wirklich kämpferischen Artikel so zusammen: Shoppen bis zum Umfallen. Nun ja, eine kämpferische Stimmung kam an besagtem Sonntag auch nicht wirklich auf. Die im Loop 5 Beschäftigten standen vor der prekären Situation, ihre wohl zumeist ebenso prekären Jobs nicht aufs Spiel setzen zu wollen. Die Gewerkschafts­mitglieder unter den Einkaufenden vergaßen an diesem Sonntag ihre Solidarität und frönten dem Eigensinn. Da sollte sich die Gewerkschaft schon einmal überlegen, wie sie ihre Mitglieder nicht nur per Aufruf mobilisieren, sondern aktivierend aufrufen kann. Nur um für zwei Stunden vorbeizuschneien, um sich dann dröge Reden anzuhören, dafür war dieser ansonsten auch meteorologisch trübe Nachmittag gewiß zu schade.


Diese Seite wurde zuletzt am 4. März 2013 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2013. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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