Jobcenter Darmstadt
Jobcenter Darmstadt.

Darmstadt 2013

Eingesperrt im Jobcenter

Dokumentation eines Bürgerservices

Mitte Februar 2013. Ein Freund bittet mich, ihn zu einem Termin beim Jobcenter in Darmstadt zu begleiten. Ein ihm unbekannter Alexander Schreiber ludt zu einer „Vorstellung des Arbeitgeber­services“ und der Unterbreitung von Stellenangeboten ein.

Beim Aufsuchen des Jobcenters rechne ich zwar mit manchem, aber das, was ich dann erleben durfte, habe ich wirklich nicht erwartet.


Es ist Montagmorgen, der 18. Februar, zehn Uhr. Der Raum 234 im zweiten Stock erweist sich als Gruppentreff. Eine Schlange bildet sich vor der Eingangstüre zum Versammlungsraum. Die Eintreffenden werden auf einer Anwesenheits­liste abgezeichnet. Es ist somit kein Einzeltermin beim PAP, sondern eine Massen­veranstaltung. Alle erhalten einen Fragebogen und betreten den Raum.

Der Raum füllt sich. Immer mehr Männer und Frauen, die meisten über 50 und längere Zeit erwerbslos, betreten den Raum. Das eine oder andere bekannte Gesicht. Die Stühle reichen nicht aus. Auch die letzten freien Plätze sind belegt. Neue Stühle werden geholt, sie belegen die letzten freien Flächen. Zu viele Menschen in einem viel zu kleinen Raum. Der Raum hat zwei Türen. An einer lehnt ein Beschäftigter.

Pünktlich um zehn Uhr begrüßt Herr Schreiber die Anwesenden. Fragt, ob der kurz vor zehn eintreffende Bus pünktlich gewesen sei. Murmelm im Raum, aber keine Antwort. Er dreht sich um und schließt die Eingangstür ab. Keine kann mehr rein, keiner kann mehr raus. Man wolle pünktlich anfangen, begründete er seine Maßnahme, und nicht durch Zuspätkommende unterbrochen werden. Dies sei, so fügt er suggestiv hinzu, doch auch im Interesse der Anwesenden. So kämen sie früher wieder nach Hause. Zu keiner Zeit lag das Einverständnis der Eingesperrten vor.

Ungläubig schaue ich ihn an. Ich sitze direkt vor ihm. Diese Entmündigung erinnert mich an Methoden einer Kaffeefahrt, bei der alle Mitreisenden in einen Raum eingeschlossen werden, der erst dann wieder geöffnet wird, wenn die zur Kaffeefahrt gehörende Verkaufs­veranstaltung genügend Geld eingespielt hat. Statt um verkaufte Teppiche geht es hier um einen Fragebogen. Denn die Daten, um die es hier geht, sind dem Jobcenter wohlbekannt. Darauf hat der Arbeitgeber­service der benachbarten Arbeitsagentur allerdings keinen Zugriff. Die Datenerhebung wird mit Schlüsselgewalt gefördert.

Nachdem ich meine ungläubige Verblüffung abgeschüttelt habe, werfe ich ein, das Abschließen des Raumes sei mit feuer­polizeilichen Vorschriften nicht vereinbar. Ich hätte natürlich auch gleich von Freiheits­beraubung im Amt sprechen können und davon, daß dies ja dann ein Fall für die Staats­anwältin sei. Aber ich war nicht auf Eskalation aus. Er erwidert, er könne ja im Falle eines Brandes oder anderen Notfalls auch wieder aufschließen. Dies sei dann womöglich zu spät, beharre ich. Nicht auszudenken, was geschieht, wenn Panik ausbricht und die Anwesenden sich durch Tische und Stühle drängeln müssen, ehe sie auf eine verschlossene Türe treffen.

Buchcover Gern/SegbersDie übrigen Beschäftigten haben das Abschließen unkommentiert mitgetragen. Keine und niemand scheint ein Problem damit zu haben, daß ihr Kollege die Freiheit der Anwesenden willkürlich beschneidet. Er bespricht sich kurz mit einem dieser Kollegen, schließt dann widerwillig auf. Der Problematik scheint er sich nicht bewußt zu sein. Er gibt mit den Worten nach, wenn das hier Konsens sei … Dies sei keine Frage von Konsens, meint mein Nachbar.

Überhaupt – worin besteht das Problem, wenn eine oder jemand fünf Minuten zu spät kommt?

Es gibt keines, denn es gibt einen Plan B. Einer seiner bislang schweigsamen Kollegen öffnet die Türe, geht hinaus, um Störungen von außen abzuhalten. Tatsächlich kommt ein Vorgeladener zu spät, wie ich durch die wieder geschlossene Türe raunen hören kann. Bekommt der jetzt eine Sperrzeit wegen mangelnder Pünktlichkeit? Doch die Veranstaltung selbst hat noch nicht begonnen.

Es folgt ein Vortrag über die Aufgaben des Arbeitgeber­services, untermalt durch eine Powerpoint-Präsentation. Hier werden die „Kunden“ des Jobcenters wie eine Ware den Kunden des Arbeit­geberservices verhökert. Gestandene Männer und Frauen mit ausgewiesenen Qualifikationen sollen unbeachtet vorhandener Qualifikationen gezielt dem Niedrig­lohnsektor zugeführt werden. Männer und Frauen, die sich auf verschiedene Weise buchstäblich den Rücken krumm geschuftet haben, häufig körperlich nur begrenzt belastbar sind, sollen ihre „Chance“ als Lagerarbeiter, Berufskraft­fahrer, Maurer oder Verkäuferin ergreifen. Sofern die Anwesenden über die hier erforderlichen Qualifikationen nicht verfügen, so meint er, könnten sie ja durch die Arbeitgeber angelernt werden. So etwas nennt man oder frau dann wohl euphemistisch Qualifizierung.

Mit den vorbereiteten Fragebögen gehe es nun darum, derlei Qualifikationen abzufragen, um sie potentiellen Arbeitgebern mitteilen zu können. Denn der Arbeit­geberservice bestehe darin, selbigen Arbeitgebern eine Kundschaft schmackhaft zu machen, die, so wie ich das sehe, auf dem Arbeitsmarkt aufgrund ihres Alters oder ihrer Qualifikation nicht oder nur mit entsprechend nach unten angepaßten Löhnen und Gehältern unterzubringen sind. Ohnehin, das Alter sei kein Problem. Er, vielleicht so an die Anfang 30 und in seinem Samtanzug mit passendem Outfit, könne das „aus eigener Erfahrung“ sagen, daß das Alter bei vielen Arbeitgebern im Prinzip kein Grund für eine Nichtanstellung sei. Es müsse nur „passen“.

Er bekommt seine Fragebögen nicht. Denn nach Ende des Vortrags gibt es weder Fragen noch konkrete Jobs. Die vorgeladenen Erwerbslosen verlassen den Raum. Verschwendete Zeit.

Von einer Bekannten, die zu den Eingeschlossenen gehört hat, erfahre ich später von einer sie betreffenden schriftlichen Anhörung. Sie sei angeblich nicht zum Termin erschienen. Eine Sperrzeit wird ihr angedroht.

Da frage ich mich, wird so die zunehmende Anzahl an Sperrzeiten generiert?

Veranstaltungen wie diese hinterlassen, nein, verstärken den Eindruck, hier wird nicht auf gleicher Augenhöhe miteinander umgegangen. Die mündige Bürgerin, der mündige Bürger, sie alle geben ihre Menschenwürde mit Betreten einer kafkaesken Institution ab. Die Stadt Darmstadt listet das Jobcenter als eine Organisation für Bürgerservice auf. Eingesperrt im Jobcenter. Vielleicht ein Einzelfall, bestimmt kein Service, aber pars pro toto. Ich kenne Menschen, in Darmstadt, die tun sich diese Entwürdigung nicht an und verzichten freiwillig auf ihnen zustehende Leistungen.


Diese Seite wurde zuletzt am 30. März 2013 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2013. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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