Landwehrstraße Darmstadt
Kindererlebnispark. Prägt den Tunnelblick für ein ganzes Leben.

Deutschland 2014

Kinderpornografie mit Fantasiezahlen …

… und einem nachträglich geänderten Kommentar

Ines Pohl, Chefredakteurin der tageszeitung, war am 22. Februar 2014 mit einem Kommentar im Deutschlandfunk zu hören. Dort behauptete sie: „Im vergangenen Jahr haben 250.000 Deutsche rund 20 Milliarden Euro für Bilder und Filme mit nackten Kindern ausgegeben.“ Dieses Zitat wurde tags darauf in Fefes Blog wiedergegeben und mit einer Anmerkung versehen: „Wait, what?! 80k pro Kopf in einem Jahr?! Also DAS machen die Superreichen mit ihrer nicht versteuerten Kohle!1!!“ [1]

Diese Anmerkung oder eine andere kritische Äußerung scheinen bei der Autorin einen Verdrändungsprozeß in Gang gesetzt zu haben, denn am 26. Februar, als ich diese Zeilen schreibe, findet sich auf der Webseite des Deutschlandfunks selbiger Satz nicht mehr (wohl schon am 24. entfernt), statt dessen eine Auslassung im Text mit einer anschließenden „Anmerkung der Online-Redaktion: Der Kommentar wurde nachträglich auf Wunsch der Autorin geändert.“

Erst groß rauskommen mit einer Fantasiezahl und den Hörerinnen und Hörern das Gehirn mit Blödsinn verkleistern – und dann kneifen, nachdem frau beim Spintisieren ertappt wurde, das haben wir gerne! Manchmal sind Suchmaschinen trotz Datenkrakerei doch für etwas gut: So wurde der Satz bewahrt.


Screenshot.
Screenshot der Suchergebnisse einer handelsüblichen Suchmaschine mit dem im Kommentar des DLF nachträglich gelöschten Zitat.

Nehmen wir für einen Augenblick an, die Fantasiezahl der Frau Pohl habe etwas mit der Realität zu tun. Dann ist es offenkundig, daß nur betuchte Männer dieser Republik in der Lage sind, 80.000 Euro für Bilder auszugeben, auf denen mehr oder weniger nackte Kinder in mehr oder weniger aufreizenden Posen zu sehen sind. Daraus, und auf diesen Schluß ist Felix von Leitner, der Autor von Fefes Blog erstaunlicherweise gar nicht gekommen, läßt sich zwingend ein ganz bestimmter Schluß gar nicht vermeiden – neben der Forderung nach Enteignung natürlich: Vorratsdaten­speicherung gegen die Reichenklasse.

Doch schon ein Blick in das Handbuch gesammelten Wissens und mancher Ungereimtheiten, also die Wikipedia, verrät uns, daß die vorgelegten Zahlen rein der Imagination ihrer Schöpferinnen und Schöpfer entsprungen sind. Da jede Journalistin heutzutage lernt, daß ein Blick in die Wikipedia sinnvoll ist, aber dies allenfalls nur der Ausgangspunkt eigener Recherche sein kann, müssen wir uns fragen, wie die Chefredakteurin eines der grünen Partei nahestehenden Blattes auf die wahnwitzige Idee kommt, derlei Blödsinn zu verzapfen. Denn in der Wikipedia ist (am 26. Februar 2014) zu lesen:

„Der heute mit kommerzieller Kinderpornografie erzielte Umsatz ist unbekannt. Eine UN-Studie aus dem Jahr 2009 schätzt den mit Kinderpornografie weltweit erzielten Umsatz auf insgesamt drei bis 20 Milliarden USD. Es finden sich aber keine Belege zur Methodik oder Herkunft dieser Zahl in dieser Studie.“

„Die polizeiliche Kriminalstatistik Deutschlands verzeichnete 2007 bei Besitz, Beschaffung und Verbreitung von Kinderpornografie eine Steigerung von 55 % gegenüber 2006 (von 7318 auf 11.357 Fälle). Bei der Besitzverschaffung von Kinderpornografie über das Internet war von 2006 auf 2007 sogar ein Zuwachs von 111 % (von 2936 auf 6206 Fälle) festzustellen. Die genannten Zahlen stellen die Menge der eingeleiteten Ermittlungs­verfahren dar. Der Anstieg ist auf erhöhte Ermittlungs­bemühungen, etwa die Operation Himmel zurückzuführen, wobei viele dieser Ermittlungen wieder eingestellt werden mussten.“

Auch wenn die Wikipedia nur der Anfang der Recherche sein mag, so erkennen wir: die Zahl von 20 Milliarden ist eine in Dollar und nicht in Euro. Sie wird nach dem Muster der „stillen Post“ kolportiert; auf seriöse Belege kommt es hierbei nicht an. Das Bundeskriminalamt hingegen kann trotz eifriger Bemühungen nur einen Bruchteil dieser Fälle belegen, von denen – vermutlich wegen erwiesener Straflosigkeit – auch noch eine nicht näher benannte, aber wohl erhebliche Zahl der Fälle wieder eingestellt werden mußte. Woher Ines Pohl dann die 250.000 reichen Männer hernimmt, zudem aus Deutschland und nicht – wie in der UN-Studie – aus der ganzen Welt, was ja vielleicht doch einen Unterschied macht, kann sie uns ja mal erklären. Die Dunkelziffer wird es sein, die Dunkelziffer. Ein Raum für viel Fantasie, bei der es nicht darauf ankommt, ob sie mit der Realität vereinbar ist. Toll – das nenne ich seriösen Journalismus. Qualitäts­journalismus made in Germany eben.

Diese Fantasiezahlenproduktion hat Methode. Seit den 70er Jahren, vermehrt in den 90er Jahren, wurden wir vom Repressionsapparat samt seiner willfährigen Medien (bis hin zur taz) mit der grassierenden und ganz gefährlichen „Organisierten Kriminalität“ verschreckt, die sich wie eine Krake in den gesunden Volkskörper des Kapitalismus hineingefressen habe. Dabei wissen wir doch schon spätestens seit Marx brillianter Darstellung der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals, daß selbiges von Anfang an bluttriefend sein Unwesen getrieben hat. Was die Bedeutung der Organisierten Kriminalität betrifft, so wurde und wird mit beliebig herbeijonglierten Zahlen operiert. Als es etwa 1994 darum ging, eine europäische Polizei zu legitimieren, wurde vor einer Drogenmafia gewarnt, die alleine in Deutschland jährlich 150 Milliarden Dollar umsetze. Dagegen wären die Schwarzgeldkonten der CDU, die bald darauf aufgeflogen sind, nun wirklich kleine Fische gewesen. Heiner Busch bewertet in seinem 1999 herausgekommenen Buch „Polizeiliche Drogenbekämpfung – eine internationale Verstrickung“ diese Fantastereien mit einem drastischen, wenngleich zutreffenden Urteil als „schlicht aberwitzige Schätzung“. [2]

Nun kommt es bei interessegeleiteten Zahlen überhaupt nicht auf den Wahrheitsgehalt an. Beim Thema Kinderpornografie kann man und frau davon ausgehen, daß redliche deutsche Männer und Frauen gleich an die Rübe denken sollen, die abgehackt gehört. Wieviele derselben Frauen und (vor allem) Männer ihre ganz geheimen erotischen Fantasien beim imaginierten Anblick von Kindern, vorzugsweise jungen Mädchen, ausleben mögen? Wie dem auch sei – das Schlagwort wirkt und alle Gehirne werden ausgeschaltet. Auch das der Frau Pohl?

Nun ist das, was der oder die gemeine Deutsche für Kinderpornografie hält, durchaus nicht immer gesetzlich sanktioniert. Eine ganze Industrie lebt davon, daß es legale Konsumtions­möglichkeiten gibt, sich Bilder nackter menschlicher Lebewesen zu verschaffen, ohne gleich als kriminell zu gelten. So verabscheuenswert dies alles sein mag – non olet. Mit den Bedürfnissen von Menschen und vor allem den Bedürfnissen der Gewinnproduktion lassen sich prima Geschäfte machen. Wenn es profitabel ist, blutrünstige Diktaturen mit Waffen zu versorgen, dann wird das selbst­verständlich gemacht; und genauso selbst­verständlich ist der Segen hierzu der jeweiligen für Exportkontrollen zuständigen Bundesregierung, die sich gleichzeitig darüber ereifert, daß Kinder zum Objekt der Begierde werden. Eine bessere Ironie der Geschichte hätte sich die Große Koalition gar nicht ausdenken können, als sie Zensursula zur Kriegsministerin erkor.

Halten wir einfach fest: Das Zurschaustellen nackter Kinder ist ein Geschäft. Wie groß der Markt wirklich ist, ist unbekannt. Es sind nicht kranke Hirne, die sich hier ausleben, sondern (in der Regel) ganz normale Männer. Nur daß es hier (ausnahmsweise) einmal nicht Frauen trifft, sondern Kinder. Wesen, die sich qua definitionem nicht wehren können. Komisch ist nur, daß die Katholische Kirche als Massenorganisation derartiger Täter noch nicht geschlossen worden ist. Auch aus Sportvereinen kommen immer wieder Nachrichten von sogenanntem Kindesmißbrauch, als ob es einen rechtmäßigen Kindesgebrauch geben würde. Sportvereine werden – wie übrigens die Katholische Kirche auch – weiterhin mit Steuergeldern zugeschüttet. Gibt es hier eine Dialektik der Verlogenheit?

Nun ja, Deutschland ist nicht gerade als kinderfreundlich bekannt. Eine tabakfinanzierte und vielleicht auch interessegeleitete Stiftung für Zukunftsfragen ließ die Deutschen ein Urteil über sich selbst sprechen. Und es war vernichtend. Nur 15 Prozent der Befragten hielten das eigene Land für kinderfreundlich. Tja, aber dann Krokodilstränen über Kinderbilder absondern. Paßt. Die Kinder sind ihnen nämlich egal. Hauptsache, man (und auch frau) kann mal wieder dem ureigensten Bedürfnis nach Strafen frönen.

Jedes Jahr berichten UNICEF und andere Organisationen geradezu monoton, wieviele Millionen Kinder im jeweils vergangen Jahr an Hunger oder leicht heilbaren Krankheiten krepiert sind. Das ist kein Naturgesetz, nur eine Geld- und Profitfrage. Wenn es Geld einbringt, Panzer zu verkaufen, die Diktaturen dabei unterstützen, mit Hilfe des globalen Marktes ihre eigenen Landsleute auszubeuten und umzubringen, wenn sie sich dagegen zur Wehr setzen, dann gilt dies als ehrenhaft. Wer dabei draufgeht, geht die Waffenlieferanten nichts an. Schon gar nicht die deutschen. Wenn dabei Lebensbedingungen aufrecht erhalten werden, die Hunger, Armut und Sterblichkeit geradezu befördern, wo ist das Problem? Non olet.

2013 schrieb UNICEF beispielsweise:

„Laut UNICEF erleben heute mehr Kinder ihren fünften Geburtstag als jemals zuvor. Seit 1990 konnte die Zahl der Todesfälle bei Babys und Kleinkindern von mehr als zwölf Millionen auf rund 6,6 Millionen fast halbiert werden. Auch in sehr armen Ländern wie Äthiopien und Bangladesch ist es durch Impfkampagnen und den Einsatz von Gesundheitshelfern in den ärmsten Gemeinden gelungen, die Überlebenschancen der Kinder deutlich zu verbessern.“

So sieht verhaltener Optimismus angesichts einer Tragödie aus. Hinzu kommen die Millionen Kinder, die jährlich sterben müssen, weil sie oder ihre Eltern nicht genügend zu essen haben, von sauberem Trinkwasser ganz zu schweigen. Die Toten der von außen angeheizten Bürgerkriege werden schon gar nicht gezählt. Auch hier liegen nur Schätzungen vor, aber die Zahlen dürften weitaus seriöser sein als die Fantasiezahlen der Straftrupps. Wieviele Milliarden Euro wohl notwendig wären, um die Lebensmittel, die genügend auf dieser Erde vorhanden sind, auch dorthin zu bringen, wo sie benötigt werden? Wieviele Milliarden Euro kostet sauberes Trinkwasser, kostet die Erforschung und Herstellung von Medikamenten gegen Malaria? Tja, und was bringen Panzer und U-Boote und ähnlich nützliche [3] Dinge der deutschen Waffenindustrie ein, die nach Griechenland, in die Türkei, nach Israel oder Saudi-Arabien verkauft werden? Da gibt es eindeutige Wertigkeiten. Mordwerkzeuge sind wichtiger als das Leben von Kindern, und deshalb regen wir uns hierzulande über Kinderpornografie auf und nicht über die Pornografie eines mörderischen Marktes.

Ja, ich weiß, diese Darstellung ist verkürzt. Ich hätte auch noch über Lebensmittel­spekulation, EU-Exportsubventionen für agrarische Produkte, die einheimische Märkte in Drittweltländern destruieren, oder über Sojapflanzen und Biotreibstoffe schreiben können, für deren Produktion lokale Bäuerinnen und Bauern von ihrem Land vertrieben werden. Oder darüber, daß Milliarden Dollar in die Erforschung mikroskopisch kleiner schwarzer Löcher und in Marssonden gesteckt werden, Geld, das ausreichen würde, alle Kinder dieser Welt glücklich aufwachsen zu lassen. Vielleicht hätte ich auch noch näher auf über zehntausend Jahre Patriarchat eingehen sollen, in denen Männer immer wieder Frauen und auch Kinder für ihre jeweiligen Zwecke benutzt haben. Aber reicht das explizite Todeswaffen­programm nicht zur Kontrastierung der ekelhaften heuchlerischen Moral des gutsituierten Bürgertums und seines Spiegel- und bildzeitungs­lesenden Fußvolks aus?

P.S.: Ich habe kein Mitleid mit Herrn Edathy. Er bekommt die volle Härte des Rechtsstaats zu spüren, den er mit seiner Zustimmung zur Vorratsdatenspeicherung weiter zu demolieren half.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Vergleiche auch Alvar Freude: Der Ekel schaltet Gehirnzellen aus.

»» [2]   Heiner Busch : Polizeiliche Drogenbekämpfung – eine internationale Verstrickung [1999], Seite 146. Sein Buch führt weitere, alternative Fantasiezahlen über den Umfang des Organisierten Verbrechens auf.

»» [3]   Um hier nicht mißverstanden zu werden: vom Standpunkt des Kapitals aus sind Panzer und andere Mordwaffen überaus nützlich. Die naive Moral des Pazifismus ist leider nicht bereit zu begreifen, daß es einen inneren Zusammenhang zwischen der Wirtschaftsweise, in der sie leben, und der Güterproduktion, mit der andere sterben, gibt.


Diese Seite wurde zuletzt am 26. Februar 2014 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2014. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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