Buchcover Global Brutal
Michel Chossudovsky: Global Brutal

Michel Chossudovskys Irrtümer über Tschetschenien

Artikel

 

Von Walter Kuhl. Geschrieben am 24. Dezember 2003, aktualisiert am 31. Januar 2008.

Der Artikel behandelt Michel Chossudovskys Buch Global Brutal. Der entfesselte Welthandel, die Armut, der Krieg, erschienen 2002 im Verlag Zweitausendeins.

Vergleich hierzu auch: Michel Chossudovsky – Who Is Osama Bin Laden? Dieser Aufsatz gibt im wesentlichen den Inhalt der unten dokumentierten deutschen Fassung wieder.

Zunächst werden einzelne Textstellen aus Chossudovskys Buch dokumentiert. Mittels der nachfolgenden Anmerkungen werden diese Textstellen analysiert und kommentiert.

 


 

CHOSSUDOVSKY, GLOBAL BRUTAL, SEITE 384-386

 

Der Krieg in Tschetschenien. Die wichtigsten Rebellenführer in Tschetschenien, Shamil Basajew und Emir Al-Khattab [1], wurden in von der CIA finanzierten Camps in Afghanistan und Pakistan ausgebildet. Yossef Bodansky zufolge, Direktor der vom US-Kongress eingesetzten Spezialtruppe zur Terrorismusbekämpfung, wurde der Tschetschenienkrieg 1996 während eines geheimen Treffens von Hisbollah-Vertretern aus mehreren Ländern im somalischen Mogadischu geplant [2]. An dem Treffen nahmen Osama Bin Laden sowie hochrangige iranische und pakistanische Geheimdienstler teil [3]. Die Verstrickung des pakistanischen Geheimdienstes in Tschetschenien geht folglich »weit über die Versorgung der Tschetschenen mit Waffen und Know-How hinaus: Tatsächlich haben der pakistanische Geheimdienst und seine radikalislamistischen Handlanger die Kontrolle über diesen Krieg«. [4]

Die wichtigsten Ölpipelines Russlands verlaufen durch Tschetschenien und Dagestan. Zwar verurteilt Washington offiziell den islamischen Terrorismus, aber die indirekten Nutznießer des Tschetschenienkrieges sind die angloamerikanischen Ölkonzerne, die um die Kontrolle der Ölressourcen und Pipelines in der Kaspischen Senke wetteifern.

Die beiden wichtigsten tschetschenischen Rebellenarmeen mit zusammen etwa 35.000 Mann – die eine geführt von Shamil Basajew, die andere von Emir Al-Khattab – wurden vom ISI unterstützt, der auch eine Schlüsselrolle bei ihrer Organisation und Ausbildung spielte. [5]

(1994) sorgte der pakistanische Geheimdienst ISI dafür, dass Basajew und seine Vertrausensleute im Amir-Muawia-Camp in der afghanischen Provinz Khost – Anfang der 80er Jahre von der CIA und dem ISI eingerichtet und vom berühmten afghanischen Gulbuddin Hekmatyar geleitet – islamistisch indoktriniert und im Guerillakrieg ausgebildet wurden. Im Juli 1994 kam Basajew dann in das Lager Markaz-i-Dawar in Pakistan, um sich weiter in Guerillataktik ausbilden zu lassen. Basajew traf in Pakistan die höchstrangigen Militärs und Geheimdienstler: Verteidigungsminister General Aftab Shahban Mirani, Innenminister General Naserullah Babar und den Leiter der Abteilung der ISI für die Unterstützung islamischer Bewegungen, General Javed Ashraf (heute alle im Ruhestand). Solche Verbindungen zu höchsten Ebenen erwiesen sich für Basajew bald als sehr nützlich. [6]

Nach seiner Ausbildung und Indoktrination erhielt Basajew die Aufgabe, im ersten Tschetschenienkrieg 1995 den Angriff gegen die Truppen der Russischen Föderation zu führen. Seine Organisation knüpfte zudem ausgedehnte Kontakte zu Verbrechersyndikaten in Moskau und Verbindungen zum organisierten Verbrechen Albaniens und der UÇK. 1997 und 1998 begannen nach Auskunft des russischen Geheimdienstes »die tschetschenischen Warlords damit, über mehrere Maklerfirmen, die zur Tarnung in Jugoslawien registriert waren, Immobilien im Kosovo zu kaufen«. [7]

Basajews Organisation war auch in eine Reihe von illegalen Geldbeschaffungsaktionen verstrickt: Drogenhandel, Anzapfen und Sabotage russischer Pipelines, Entführungen, Prostitution, Handel mit Dollarblüten und Schmuggel von Nuklearmaterial [8]. Neben der ausgedehnten Geldwäsche flossen die Erlöse aus verschiedenen illegalen Aktivitäten in die Rekrutierung von Söldnern und den Waffenkauf.

Während des Trainings in Afghanistan knüpfte Shamil Basajew Kontakt zu dem aus Saudi-Arabien stammenden erfahrenen Mudschaheddin-Anführer Al-Khattab, der als Freiwilliger in Afghanistan gekämpft hatte. Kaum ein paar Monate nach Basajews Rückkehr nach Grosny lud er Al-Khattab Anfang 1995 ein, einen Stützpunkt in Tschetschenien aufzubauen, um Mudschaheddin auszubilden. Der BBC zufolge wurde Al-Khattabs Entsendung nach Tschetschenien »von der in Saudi-Arabien ansässigen International Islamic Relief Organisation arrangiert, einer von Moscheen und reichen Individuen finanzierten militanten religiösen Organisation, die Mittel nach Tschetschenien schleuste«. [9]

 

 

CHOSSUDOVSKY, GLOBAL BRUTAL, SEITE 396-398

 

Strategische Pipelinerouten. […]

Die Pipeline aus sowjetischer Zeit verbindet Baku am Kaspischen Meer über Grosny mit Noworossisk am Schwarzen Meer. Weil auch die Ölleitung aus Kasachstan in Noworossisk endet, liegt Tschetschenien an der Kreuzung zweier von Russland kontrollierten strategischen Pipelinerouten. Während der Sowjetära war Noworossisk auch der Endhafen für die Pipeline aus Kasachstan. Entscheidend für westliche Pipelinepläne ist es nun, mit dem aserbaidschanischen und dem kasachischen Öl den Hafen von Noworossisk zu umgehen.

Unmittelbar nach dem Ende des Kalten Krieges ermutigte Washington auf verschwiegene Weise die beiden wichtigsten Rebellengruppen Tschetscheniens, ihre Republik von der Russischen Föderation loszusagen. Wie bereits erläutert, sind die islamischen Aufstände in Tschetschenien von Osama Bin Ladens al-Qaida und dem pakistanischen Geheimdienst unterstützt worden. [10]

1994 begann Moskau einen Krieg, um die strategische Pipeline zu schützen, die von den tschetschenischen Rebellen bedroht wurde. Im August 1999 wurde die Pipeline zeitweise außer Betrieb gesetzt, als die tschetschenische Rebellenarmee in Dagestan einfiel und dadurch den Kreml veranlasste, russische Truppen nach Tschetschenien zu schicken. [11]

Die Belege deuten darauf hin, dass die CIA hinter den tschetschenischen Rebellen stand und sich den ISI als Vermittler zunutze machte. Washington ist interessiert daran, die Kontrolle der russischen Ölgesellschaften und des russischen Staates über die Pipelinerouten durch Tschetschenien und Dagestan zu schwächen. Wenn sich diese beiden Republiken von der Russischen Föderation abspalten würden, ließe sich ein großteil des Territoriums zwischen dem Kaspischen und Schwarzen Meer unter den »Schutz« des westlichen Militärbündnisses bringen und fielen so alle existierenden und geplanten Pipelinerouten und Transportwege dieser Region den britisch-amerikanischen Ölkonzernen zu.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]    Bassajew und Chattab mögen eine verhältnismäßig große Anhängerschaft haben, aber daß sie die wichtigsten Rebellenführer sind, ist reine Propaganda. Der 1997 legal gewählte Präsident Aslan Maschadow konnte sich bis zu seiner Ermordung im Jahr 2005 trotz aller inner-tschetschenischen Konflikte immer noch einer breiten Unterstützung erfreuen.

»» [2]    Die zugehörige Anmerkung 49 im Buch von Michel Chossudovsky lautet: "Vgl. Levon Sevunts, »Who's Calling the Shots? Chechen Conflict Finds Islamic Roots in Afghanistan and Pakistan«, in: The Gazette, 26. Oktober 1999". Tatsächlich dauerte der 1. Tschetschenien-Krieg von 1994 bis 1996 und endete mit einer Niederlage Rußlands. Der 2. Tschetschenien-Krieg wurde im Herbst 1999 von Rußland geplant und mit aller mörderischen Konsequenz mit dem Ziel der Rückeroberung der abtrünnigen Republik durchgeführt.

»» [3]    Das ist zumindest merkwürdig. Der Iran hatte zu keiner Zeit ein positives Verhältnis zu den Taliban und zu Osama bin Laden. Das liegt ganz einfach daran, daß die Mullahs der Iran einen ganz eigenen Fundamentalismus gepflegt haben; ihnen waren die Taliban und die saudischen (sunnitischen!) Wahhabiten einfach zu durchgeknallt. Außerdem setzten sie lieber auf einen Säureattentäter wie den früheren afghanischen Warlord Gulbuddin Hekmatyar oder auf den Warlord von Herat, Ismail Khan. Vgl. hierzu die fundierte Analyse von Karl Grobe-Hagel – Irakistan, Neuer ISP Verlag 2003, Seite 199-212

»» [4]    Chossudovskys Anmerkung 50 lautet schlicht "Ebd.".

»» [5]    Es handelt sich hierbei um reine Phantasiezahlen. Karl Grobe-Hagel schreibt in seinem sauber recherchierten Tschetschenien-Buch, daß keine der angegebenen Zahlen überprüfbar seien. Eine Moskauer Quelle bezifferte sie Anfang September 2000 auf rund zweitausend. Das dürfte zu niedrig geschätzt sein. Tschetschenische Quellen vermelden hingegen 4000 Kämpfer in den Städten und weitere 4000 in den Bergen. Wenn alleine die beiden wahhabitischen Warlords über 35.000 Mann verfügen sollen, dann müßte die tschetschenische Rebellenarmee aller Fraktionen über mehr als 50.000 Mann verfügen. Und das ist absolut unwahrscheinlich. Die angegebenen hohen Zahlen machen jedoch nur Sinn, wenn damit vermittelt werden soll, warum über 100.000 russische Soldaten nicht in der Lage sind, das Land zu erobern und zu beherrschen. Doch bekanntlich ist selbst eine hochgerüstete und vor allem waffentechnisch weit überlegene Armee wie die US Army in Vietnam gescheitert – um den Preis verbrannter Erde und drei Millionen toter Vietnamesinnen und Vietnamesen. Vgl. Karl Grobe-Hagel – Tschetschenien, Neuer ISP Verlag 2001, Seite 165-168.

»» [6]    Chossudovskys Anmerkung 51 lautet schlicht "Ebd.". Es belegt nur, daß Bassajew in Afghanistan und Pakistan ausgebildet worden ist und womöglich einige Leute getroffen hat. Spannend wäre es zu erfahren, wer in welcher Funktion Bassajew welchen Auftrag mit auf den Weg gegeben hat oder ob Bassajew von seiner heiligen Mission so erfüllt war, daß er jedes geheimdienstlich-terroristische Ausbildungscamp mitgenommen hat, das ihm angeboten worden ist. Das sind durchaus zwei verschiedene Dinge. So bleibt der schale Nachgeschmack einer Verschwörungstheorie, die sich auf dubiose Quellen stützt und eine Quellenkritik erst gar nicht versucht.

»» [7]    Hier zeigt sich erst recht die Notwendigkeit einer Quellenkritik! Michel Chossudovsky gibt hierzu als Anmerkung 52 an: "Vitaly Romanov, Viktor Yadukha, »Chechen Front Moves to Kosovo Segnodnia«, Moskau, 23. Februar 2000". Warum sollte hier der Darstellung des russischen Geheimdienstes (Putin!) geglaubt werden? Als gäbe es keine Propaganda und psychologische Kriegsführung, wird auch hier das Märchen vom Organisierten Verbrechen kolportiert. Die Tschetschenen-Mafia von Moskau ist legendär, aber eben genau das: eine Legende! Wenn man und frau sich die Hintergründe des 2. Tschetschenien-Krieges vor Augen führt, dann wird deutlich, daß gerade Putins Geheimdienst FSB eine nicht unerhebliche Rolle am Zustandekommen dieses Krieges gespielt hat. Die Täter als Zeugen der Anklage zu benennen, zeugt von einer absolut unkritischen Herangehensweise. Ich empfehle auch hier das schon genannte Buch von Karl Grobe-Hagel zu Tschetschenien. Im übrigen ist es schon seltsam, daß ausgerechnet Bassajew sich in Jugoslawien (!) registrieren läßt, um Immobilien in der Region seiner terroristischen Kumpels von der kosovarischen UÇK zu kaufen. Was taugt hier die zitierte Auskunft des Russischen Geheimdienstes?

»» [8]    Als Quelle für derart blühenden Unsinn gibt Chossudovsky in seiner Anmerkung 53 an: "Vgl. The European, 13. Februar 1997, ITAR-TASS, 4.-5. Januar 2000". Man und frau wird Bassajews Fundamentalisten-Bande sicher einiges nachsagen können. Aber Drogenhandel und Prostitution widersprechen einfach ihren ideologischen Prinzipien. Frauenfeindlich sind sie garantiert, der Rest ist Propaganda. Leider wird aus Chossudovskys zusammengewürfelter Angabe aus den Jahren 1997 und 2000 nicht deutlich, worauf er sich bei jeder einzelnen Behauptung wirklich stützt. Wenn er das Verlautbarungsorgan des Warlords Wladimir Putin (ITAR-TASS) anführt, ist ohnehin Vorsicht geboten. Das Nachbeten von Propagandalügen ersetzt nicht die eigene Recherche. Was das Jahr 1997 betrifft, so war es in der Tat in Tschetschenien allgemein üblich, die russischen Pipelines anzuzapfen. Von irgend etwas mußten die Menschen ja leben, nachdem russische Truppen im 1. Tschetschenien-Krieg verbrannte Erde hinterlassen hatten. Der angegebene Schmuggel von Nuklearmaterial ist eine dermaßene Ente, daß sie sogar Michel Chossudovsky hätte auffallen müssen. Beweise hierfür gibt es nämlich absolut keine. Ob Geldwäsche und Handel mit Dollarblüten im Organisierten Verbrechen namens Kapitalismus ein nennenswertes Verbrechen darstellen, ist ohnehin eine sehr zu bezweifelnde Annahme. Jedoch sollte auch hier die Behauptung durch eine unabhängige Quelle belegt werden!

»» [9]    Chossudovskys Anmerkung 54 lautet: "BBC, 29. September 1999". Erstaunlich daran ist, daß die tschetschenischen Rebellen etwas eigentlich Unmögliches erst am 6. August 1996 schafften: sie eroberten die im Januar 1995 von russischen Truppen besetzte Stadt Grosny zurück. Maßgeblich beteiligt an diesem Unternehmen war Schamil Bassajew. Jetzt frage ich Michel Chossudovsky: Wie hat er dann schon Anfang 1995 Chattab nach Grosny einladen können? (Oder war dies erst für den Fall der damals nicht absehbaren Wiedereroberung Grosnys gedacht?)

»» [10]    Es war 1990, als sich die tschetschenische Nationalbewegung nach dem Vorbild anderer später Föderationssubjekte genannter Gebiete für staatlich souverän erklärte. Die beiden von Chossudovsky gemeinten Rebellengruppen gab es damals noch überhaupt nicht. Und es war nicht die CIA, sondern Boris Jelzin, der am 6. August 1991 in Almetjewsk an die Führungen der Republiken und autonomen Gebiete der damals noch bestehenden UdSSR gerichtet verkündete: "Nehmt soviel von der Souveränität, wie ihr nur verdauen könnt! Und den Rest gebt per Vertrag an Russland ab!". Sollte Osama überhaupt nachweisbar seine Hände im Spiel gehabt haben, dann erst einige Jahre später und begrenzt auf die wahhabitischen Fundamentalisten, die keineswegs die Mehrzahl der tschetschenischen Rebellen befehligen. Dschochar Dudajew (Präsident seit 1991) wurde zwar auf den Koran vereidigt, bekundete aber ansonsten wenig Interesse an religiösen Fragen. Erst sein Nachfolger Aslan Maschadow verkündete unter dem Druck radikalerer Kräfte 1997 die Islamische Republik. Anne Nivat hat jedoch in ihrer Reisereportage aus dem Jahr 1999 den geringen Einfluß islamisch-fundamentalistischer Kräfte festgestellt. [Karl Grobe-Hagel, Seite 98 (Souveränität), 112 (Jelzin), 109 (Dudajew), Maschadow (213); Anne Nivat – Mitten durch den Krieg, Rotpunktverlag 2001]

»» [11]    Michel Chossudovsky spricht von den (für ihn offensichtlich berechtigten) strategischen Interessen Russlands und verschweigt durchgehend, daß die russische Armee in den beiden Kriegen von 1994 bis 1996 und von 1999 bis heute fast 100.000 Menschen umgebracht hat – Zivilistinnen und Zivilisten! Wenn man und frau berücksichtigt, wie er im selben Buch über den Völkermord in Ruanda räsonniert, dann entsteht der Eindruck, daß es sich bei diesen russischen Invasionen um berechtigte Kriege handelt, die eben ihre Opfer fordern. Erstaunlich, daß ein solches Buch zum Renner der Anti-Globalisierungs-Bewegung werden kann und offensichtlich keine Fragen aufwirft!

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 27. Februar 2008 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2004, 2008. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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