Kinderzeichung Tschetschenien
The War Through My Eyes

Tschetschenien

Erste Sendung

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 12. November 2001, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 13. November 2001, 00.00 bis 01.00 Uhr
Dienstag, 13. November 2001, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 13. November 2001, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Das von Karl Grobe-Hagel verfaßte Tschetschenien-Buch gibt einen ausführlichen und analytisch scharfen Einblick in die Geschichte und Kultur des von Rußlands Truppen mehrfach eroberten Gebiets am Kaukasus.

Besprochenes Buch:

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Differenzierter Mord

Jingle Alltag und Geschichte

Tatjana Jordan: Sendungsankündigung auf Russisch

Originalton Gerhard Schröder am 25.09.2001

Ich habe gemeint, daß es im Bezug auf Tschetschenien zu einer differenzierteren Bewertung der Völkergemeinschaft kommen muß und sicher auch kommen wird.

Historische Worte, gesprochen von Bundeskanzler Gerhard Schröder beim Staatsbesuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin am 25. September [2001]. Die differenziertere Bewertung der russischen Politik gegenüber Tschetschenien erfolgt hier vor dem Hintergrund des gemeinsamen Kampfes gegen den Terror.

Gerhard Schröder ist sicherlich gut informiert über das, was russische Truppen in Tschetschenien angestellt haben und bis heute dort anstellen. Würde der Okkupant nicht Rußland heißen, sondern Serbien, und anstelle Tschetscheniens das Kosovo betroffen sein – Joschka Fischer und Rudolf Scharping hätten schon längst einen neuen Hufeisenplan erfunden, um der NATO und der Bundeswehr Gelegenheit zu geben, zur Belebung der schleppenden Konjunktur das neueste militärische Waffenarsenal zu erproben.

Wladimir Putin erklärte am 25. September vor dem Bundestag:

Wir wollen oder können nicht erkennen, daß die Sicherheitsstruktur, die wir in den vorigen Jahrzehnten geschaffen haben und welche die alten Bedrohungen effektiv neutralisierte, heute nicht mehr in der Lage sind, den neuen Bedrohungen zu widerstehen.

Oft streiten wir uns weiterhin über Fragen, die unserer Meinung nach noch wichtig sind. Wahrscheinlich sind sie noch wichtig. Aber währenddessen erkennen wir die neuen realen Bedrohungen nicht und übersehen die Möglichkeit von Anschlägen – und von was für brutalen Anschlägen!

Infolge von Explosionen bewohnter Häuser in Moskau und in anderen großen Städten Rußlands kamen Hunderte friedlicher Menschen ums Leben. Religiöse Fanatiker begannen einen unverschämten und großräumigen bewaffneten Angriff auf die benachbarte Republik Dagestan, nachdem sie die Macht in Tschetschenien ergriffen und einfache Bürger zu Geiseln gemacht hatten.

Internationale Terroristen haben offen – ganz offen – ihre Absichten über die Schaffung eines neuen fundamentalistischen Staates zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meer angekündigt, das sogenannte Kalifat oder der Vereinigten Staaten des Islam.

Ich will gleich hervorheben: Ich finde es unzulässig, über einen Zivilisationskrieg zu sprechen. Fehlerhaft wäre es, ein Gleichheitszeichen zwischen Moslems im generellen und religiösen Fanatikern zu setzen. Bei uns zum Beispiel sagte man im Jahr 1999: Die Niederlage der Aggressoren beruht auf der mutigen und harten Antwort der Bewohner Dagestans – und das sind zu 100 Prozent Moslems.

Natürlich soll das Böse bestraft werden; ich bin damit einverstanden. Doch wir müssen verstehen, daß Gegenschläge den vollständigen, zielstrebigen und gut koordinierten Kampf gegen den Terrorismus nicht ersetzen können. In diesem Sinn bin ich voll und ganz mit dem amerikanischen Präsidenten einverstanden.

Das Thema meiner heutigen Sendung ist – unschwer zu erraten – Tschetschenien oder – wie es als Untertitel des Buches von Karl Grobe-Hagel heißt - Rußlands langer Krieg. Auf dieses (und das möchte ich vorwegnehmen: ausgesprochen informative und fundierte) Buch werde ich mich bei Darstellung dessen, was in Tschetschenien wirklich geschieht, weitgehend stützen.

Für die Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt begrüßt euch Walter Kuhl.

 

Ahnungslos ?

Besprechung von: Karl Grobe-Hagel – Tschetschenien, Neuer ISP Verlag 2001, 223 Seiten, DM 29,80

Glücklich kann sich schätzen, Gerhard Schröder zum Freund zu haben. Einst gab es die Männerfreundschaft zwischen Boris Jelzin und Helmut Kohl; heute folgen ihnen Gerhard Schröder und Wladimir Putin. Wenig glücklich werden sich die Menschen in Tschetschenien schätzen, die mit den Auswirkungen dieser Männerfreundschaften konfrontiert sind. Die von Wladimir Putin zu eigenem Nutzen beschworene Allianz gegen den Terror entpuppt sich schnell als Scharade, die sich der deutschen Unterstützung des eigenen Staatsterrorismus versichert.

Darum erzähle ich hier eine ganz andere Geschichte. Als Versuch, der Wahrheit über Tschetschenien einen Schritt näher zu kommen und die russische Politik in der Kaukasusregion zu verstehen, hat der politische Redakteur der Frankfurter Rundschau Karl Grobe-Hagel ein Buch über Tschetschenien geschrieben. Der Untertitel Rußlands langer Krieg deutet schon an, daß die Unabhängigkeitsbestrebungen Tschetscheniens nicht erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, nicht zuletzt verursacht durch Michail Gorbatschow, beginnen.

Vielleicht ist es ganz nützlich, von einer Lageeinschätzung des russischen Außenministeriums auszugehen, die deutlich macht, warum Putin der Allianz gegen den Terror so zugeneigt ist. Auf einer Tagung der Bundesakademie für Sicherheitspolitik im letzten Jahr in Berlin trug der Leiter der Vierten Abteilung des Außenministeriums, Alexej Borodawkin, folgendes vor:

Für die Bedrohung durch einen sogenannten Terrorbogen von Zentralasien bis zum Kaukasus seien die Eigenarten dieser Übergangszone zwischen Europa und Asien, Christentum und Islam, Rußland und der Türkei zu berücksichtigen. Die dort lagernden Bodenschätze wecken Begehrlichkeiten; hinzu komme die ethnische Vielfalt mit über 120 verschiedenen Völkern, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf der Suche nach einer eigenen nationalen Identität seien.

Deshalb seien Persönlichkeiten wie der georgische Präsident Schewardnadse oder der armenische Präsident Kotscharian wichtige stabilisierende Faktoren in der Region. Sie stünden für einen "starken Staat"   womit Borodawkin indirekt gerade nicht für Demokratie oder die Entwicklung einer Zivilgesellschaft plädierte.

Als Hauptproblem benannte Borodawkin den Terrorismus – von Kirgisien bis zum Schwarzen Meer seien "Kräfte der Destabilisierung" am Werk. Hinter ihnen stünden finanzstarke Kräfte, die von einer fanatischen Ideologie geleitet würden. Es bestünde ein Plan, die gesamte Region zu destabilisieren.

Die darin enthaltenen Verallgemeinerungen mögen durchaus dem Bewusstseinsstand im Moskauer Außenministerium und in der gesamten russischen Führung entsprechen. Für die Spezifika der tschetschenischen Geschichte und Gegenwart enthalten sie allerdings wenig Raum,

kommentiert Karl Grobe-Hagel [Seite 29].

Insofern könnte man und frau fast schon von einem paranoiden Weltbild sprechen; und die russische Politik in der Kaukasusregion zeichnete sich in den 90er Jahren durchaus durch eine gewisse Ahnungslosigkeit und Ignoranz aus. Auf die Folgen dieser Fehleinschätzung, bei der ich mir nicht sicher bin, ob sie nicht politisch gewollt ist, komme ich noch zu sprechen.

 

Kurzgeschichte

Deshalb vielleicht zunächst ein allgemeiner Überblick über Tschetschenien und seine Geschichte, bevor ich auf den russisch-tschetschenischen Krieg (oder besser: die beiden Kriege) in den 90er Jahren zu sprechen komme, der ja bis heute faktisch anhält.

In den Nachfolgestaaten der Sowjetunion leben derzeit etwa 1.000.000 Tschetscheninnen und Tschetschenen. Die letzte sowjetische Volkszählung von 1989 dient hierbei als Grundlage; durch die Wirren und Flüchtlingsströme der 90er Jahre sind seither keine verläßlichen Zahlen mehr zu erhalten. Von dieser einer Million Tschetscheninnen und Tschetschenen leben etwa 100.000 – legal oder illegal – allein in Moskau. Viele sind vor dem Krieg in ihrem Heimatland geflohen. Etwa 200.000 leben in Flüchtlingslagern und Eisenbahnwagen in der Nachbarrepublik Inguschetien; meist Frauen, Kinder, Alte und Kranke.

Einen tschetschenischen Staat hat es bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts nie gegeben; selbst das nationale Bewusstsein, das über die überschaubaren Verwandtschaftsbeziehungen hinausgehende Zusammengehörigkeitsgefühl ist sehr jungen Datums. Es ist erst infolge der sowjetischen Politik zu einem Identifikationsfaktor geworden – einer Politik, die in verschiedenen Etappen von der versprochenen Emanzipation über die Etappen der staatlichen Repression und vor allem der pauschalen Verbannung nach Zentralasien am Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Rehabilitierung und zur Rückkehr des Volkes in den Kaukasus führte. Erst die staatliche Gewalt hat die Verbindung der Clans zu einer Nation gemacht. Aus einer Gruppe von Menschen, die sich zuerst als Mitglieder einer Gemeinschaft Verwandter und in zweiter Linie als Mitglieder der islamischen Welt verstanden, ist dieses Volk als ein von außen her definiertes Kollektiv auf einem langen Weg schließlich zur Nation geworden. Doch noch heute sind die [Clans] als Basis der Gesellschaft vorhanden; politische Koalitionen und Zweckbündnisse im Widerstand gegen die russische Militärmacht sind häufiger durch verwandtschaftliche und eng landsmannschaftliche Beziehungen geknüpft worden als durch gemeinsame programmatische Überzeugungen oder durch die Zweckmäßigkeit eines national einheitlichen Handelns. Die vor-staatliche Gesellschaft der Tschetschenen erhält andererseits die Erinnerung an einen nun dreihundert Jahre andauernden Verteidigungskampf aufrecht; die Geschichte dieser drei Jahrhunderte wird von verschiedenen Ideologien verklärt einerseits als nationale Geschichte, die sie nie war, und andererseits als islamische Geschichte, die sie jedenfalls nicht in dem Sinne war, den ihr verschiedene [Benennungen] gegenwärtig unterlegen. [Grobe-Hagel, Seite 32–33]

Apropos Benennung – der Name Tschetschenien leitet sich von einer Siedlung der ersten russischen Eroberer ab; sie selbst nennen sich Nochtschi. Es gibt Indizien für eine teilweise Christianisierung im achten Jahrhundert, wahrscheinlich durch georgische Missionare. Bis in die 90er Jahre wird die tschetschenische Gesellschaft durch die Clan-Zugehörigkeit geprägt; es soll etwa 150 bis 170 Clans geben, wobei sie in den Bergregionen stärker verankert sind als im Flachland. Obwohl die Sowjetunion alles unternommen hat, diese Clan-Strukturen zu zerschlagen, machen sich politische Loyalitäten und wirtschaftliche Beziehungen inklusive der Schattenwirtschaft und Kriminalität bis zum heutigen Tag eher daran fest als an politische Einstellungen oder religiöse Bindungen.

Es ist eher so, daß selbst der Islam auf eine Weise übernommen wurde, daß er diesen Clan-Strukturen angepaßt wurde. Auch wenn die Scharia aufgrund der Entwicklung der 90er Jahre einigen Einfluß gewonnen hat – bestimmend für das gesellschaftliche Leben Tschetscheniens ist bis heute das vorislamische Gewohnheitsrecht. Dazu gehört auch die bis zum Ende des 20. Jahrhunderts verbreitete Blutrache, die jedoch – im Gegensatz zu vielen Vorurteilen – von genauen gewohnheitsrechtlichen Normen bestimmt wird; sie wird also keineswegs im Affekt, regellos und automatisch ausgeübt.

Die tschetschenische Gesellschaft ist für eine islamische Gesellschaft ausgesprochen liberal und egalitär; hierarchische Strukturen waren bis vor kurzem wenig ausgeprägt. Letztlich entscheiden die Clanvertreter möglichst konsensual über auftretende Konflikte. Allerdings sollten wir dieses Bild nicht idealisieren, denn diese Strukturen wurden durch ein starkes Ehrgefühl und die Zugehörigkeit zu islamischen Bruderschaften zusammengehalten.

Die Verwandtschafts- und Clanbeziehungen waren und sind patriarchalisch; dennoch waren die Frauen gesellschaftlich und beruflich gleichgestellt und finanziell unabhängig.

 

Religiöse Mythen

Die Tschetscheninnen und Tschetschenen sind zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert zum sunnitischen Islam übergetreten.

Das islamische Bekenntnis war keineswegs fundamentalistisch; und es ist nicht so lange in Nordkaukasien verbreitet, wie sowohl dortige als auch russische und auch andere Autoren jetzt meist darstellen. Die Islamisierung im 18. und 19. Jahrhundert fällt in die Zeit der ersten ernsthaften russischen Expansion; sie ist wahrscheinlich eine direkte Reaktion darauf. Eine vergleichbare Entwicklung könnte das Vordringen einer wesentlich radikaleren Variante des Islam zu Beginn des 21. Jahrhunderts sein, des Wahhabismus. [Grobe-Hagel, Seite 37]

Darauf komme ich gleich zurück.

Festzuhalten ist jedoch, daß sich der Islam zum Symbol des Widerstandes und der Abwehr im Bewußtsein der nordkaukasischen Ethnien entwickelte, als das christliche Rußland versuchte, sich die Region zu unterwerfen. Dennoch war bei aller Religiosität der Alltag nicht von der Religion geformt. Das macht sich auch daran fest, daß die meisten Tschetschenen Alkohol trinken, rauchen und Schweinefleisch essen. Daß Frauen verschleiert gehen und vom Arbeitsleben ausgeschlossen sind, ist in Tschetschenien geradezu undenkbar.

In der Sowjetunion gab es neben einem offiziell geduldeten Islam, der mit der Lebensrealität der Menschen wenig zu tun hatte, eine Art Volksislam im Untergrund. Er war jedoch alles andere als fundamentalistisch, sondern knüpfte an Vorstellungen vor der Sowjetzeit an. Dieser parallele Islam war der KPdSU jedoch ein Dorn im Auge, weshalb dieses Dissidententum mit den üblichen Begriffen wie reaktionär, Banditentum, Terrorismus oder auch Separatismus, Wirtschaftssabotage oder Verbreitung religiösen Aberglaubens belegt und bekämpft wurde.

Die russische Propaganda der 90er Jahre verzichtet zwar auf die spezifischen terminologischen Eigenarten der Sowjetzeit, aber inhaltlich wird jede Form islamischer Dissidenz weiterhin diffamiert. Es erübrigt sich zu sagen, daß es sich hierbei um Kampfbegriffe ohne realen Hintergrund handelt.

In den 90er Jahren taucht jedoch ein neuer Kampfbegriff auf: der Wahhabismus, also eine bestimmte fundamentalistische Interpretation des sunnitischen Islam, die ihren Ursprung auf der arabischen Halbinsel hat. Er ist heute die offizielle Staatsdoktrin Saudi-Arabiens. Obwohl der Wahhabismus im Grunde genommen gegen alles ist, wofür der sufitische Islam Tschetscheniens steht, hat er in den 90er Jahren durchaus eine gewisse Verbreitung gefunden. Der Wahhabismus hat

erstaunlich raschen Erfolg in sozial instabil gewordenen Gebieten, wo die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung zusammengebrochen ist und Alternativen zu den durchaus einfachen Losungen der Wahhabiten praktisch nicht [oder nicht mehr] vorhanden sind, [Alternativen, die] durch das Scheitern der mit ihnen verbundenen Ordnungen abgenutzt sind. […]

Das Wort Wahhabismus, wie es gegenwärtig in Russland und anderen GUS-Staaten gebraucht wird, bezieht sich jedoch nicht allein – und meist überhaupt nicht – auf diese islamische Richtung, sondern ist zum Kampfbegriff gegen alle Spielarten des Islam geworden, die in irgendeiner Weise als politisch oder religiös militant bezeichnet werden können. Es entspricht im politischen und propagandistischen Sprachgebrauch dem Fundamentalismus-Begriff westlicher Medien. [Grobe-Hagel, Seite 47–48]

Seit Mitte der 90er Jahre ist der Wahhabismus auch im Nordkaukasusgebiet präsent, was mit dem Zusammenbruch staatlicher Ordnung zusammenhängt.

Gesellschaftlich ausgestoßene Gruppen halten sich hier an jede Richtung, die radikale Besserung verspricht und die letztlich, da Reformen ausbleiben, allein auf Gewalt setzen. In Tschetschenien wendet sich ein Großteil der jungen Generation nicht allein von den staatstragenden Ideologien und Ideen – ob Kommunismus und danach Demokratie – und von den staatlich kontrollierten weltlichen und religiösen Institutionen ab, sondern auch von dem bisherigen parallelen Islam, der Volksreligion, die in ihrer Wahrnehmung ebenfalls versagt hat. Die Sozialisation dieser Gruppen kann […] als eine Sozialisation mit der Waffe verstanden werden, [als] eine Identifikation mit den Inhabern der bewaffneten Gewalt, sofern sie nur antistaatlich ist. Mit religiösen Definitionselementen hat das gar nichts mehr zu tun; die[se] sind, wenn vorhanden, allenfalls aufgesetzt oder von warlords instrumentell genutzt worden. Den Terrorismus als gesellschaftliche Erscheinung haben nicht die islamischen Prediger geschaffen, sondern radikale Freischärler auf dem Hintergrund allgemeinen gesellschaftlichen Zerfalls. [Grobe-Hagel, Seite 48–49]

 

Jelzins Coup

In seinem Buch über Tschetschenien verweist Karl Grobe-Hagel auch auf die Bedeutung der Kaukasusregion für die Erdölförderung bzw. den Transport des Öl zu den Häfen am Schwaren und am Mittelmeer. Für viele Beobachterinnen und Beobachter scheint der russisch-tschetschenische Krieg vor allem durch die Ölfelder bei Grosny und die Pipelines, die durch Tschetschenien führen, motiviert zu sein. [1]

Buchcover Karl Grobe-Hagel TschetschenienDoch es scheint so, als seien zum einen die Erdölfelder Tschetscheniens weitestgehend ausgebeutet worden und zum anderen stehen die Kosten für die Wiederherstellung der zerstörten Anlagen in keinem ökonomisch sinnvollen Verhältnis zur potentiellen späteren Nutzung dieser Anlagen.

Was die Pipelines betrifft, haben sowohl Rußland als auch die multinationalen Ölkonsortien, die in Kasachstan oder Aserbaidschan nach Öl bohren, längst Alternativen entwickelt. Letztes Jahr ist eine große Umgehungspipeline fertiggestellt worden, womit Tschetscheniens geostrategische Bedeutung rapide abgenommen hat. Die Kosten wurden mit 160 Millionen Dollar beziffert. Der russische Krieg gegen Tschetschenien soll 1999 174 Millionen Dollar gekostet haben.

Die westlichen Konsortien hingegen sind ohnehin auf der Suche nach Alternativen, entweder über Georgien oder über die Türkei ans Mittelmeer oder – und darin liegt möglicherweise auch ein Grund für den US-amerikanischen Krieg gegen Afghanistan – über Afghanistan und Pakistan zum Indischen Ozean.

Damit wäre Tschetscheniens Bedeutung im internationalen Ölgeschäft endgültig dahin. Die warlords in Tschetschenien scheinen darüber jedoch nicht nachzusinnen. Sie gehen weiterhin davon aus, daß eine eigenständige tschetschenische Wirtschaft sich über Erdölexporte finanzieren ließe.

Wenn die Erdölvorkommen und die durch Tschetschenien führende Pipeline als ernsthafter Grund für den Krieg ausscheiden, müssen andere Gründe eine Rolle spielen. Darüber ist zunächst nur zu spekulieren. Tatsache jedoch ist, daß ein Krieg stattfindet, und zwar ein mit großer Brutalität geführter Krieg, bei dem ich mich wundere, warum sich Joschka Fischer und Rudolf Scharping noch nicht freiwillig für die Front gemeldet haben.

Und damit komme ich zum zweiten Teil des Buches von Karl Grobe-Hagel, der die beiden tschetschenischen Kriege behandelt. Der Krieg um bzw. gegen Tschetschenien ist jedoch nicht ohne den Zusammenbruch der Sowjetunion zu verstehen mitsamt der -–damals durchaus bewußt inszenierten und legalisierten – Unabhängigkeitsbestrebungen.

1989 bildeten sich in der ganzen Sowjetunion politische Protestbewegungen; und auch die herrschenden Apparate einzelner Republiken orientierten sich Richtung Unabhängigkeit. Zunächst proklamierten 1990 die drei baltischen Republiken Litauen, Lettland und Estland ihre Unabhängigkeit. Während in Vilnius und Riga bewaffnete Sondereinheiten des Innenministeriums eingriffen, verhielt sich die Sowjetarmee in Estland neutral. Der ranghöchste sowjetische Offizier in Estland war damals der General der Raketentruppen Dschochar Dudajew. Dudajew wurde später der erste Präsident des unabhängigen Tschetschenien.

Doch zuvor erreichte die Aufbruchsstimmung auch Tschetschenien und das damals noch territorial mit ihm verbundene Inguschetien. Im November 1990 verabschiedete die Volksvertretung eine Deklaration der staatlichen Souveränität – ein damals in vielen anderen Republiken durchaus üblicher Vorgang. Noch war das Ziel nicht die staatliche Unabhängigkeit, sondern die Anerkennung als gleichberechtigte Republik innerhalb der Sowjetunion (wie etwa die große Ukraine oder das verhältnismäßig kleine Georgien).

Auf der zweiten Tagung des Nationalkongresses […] Anfang Juni [1991] hatte die radikalere Fraktion bereits die Mehrheit erreicht. In einer Abschlusserklärung verlangte der Kongress nun baldige Parlaments- und Präsidentenwahlen, die Verabschiedung der neuen Verfassung der Republik und ein Referendum über ihren Status. Die bedingungslose Anerkennung des tschetschenischen Selbstbestimmungsrechts, Entschädigung für die [unter Stalin begangenen] Verbrechen gegen das tschetschenische Volk und Gerichtsverfahren gegen die Schuldigen wurden zur Vorbedingung für einen mit Rußland zu schließenden Vertrag gemacht. Tschetschenien war damit nicht weiter gegangen als andere nationale Territorien innerhalb der [Russischen Föderation], etwa Baschkortostan, Tatarstan oder Jakutien. [Grobe-Hagel, Seite 100]

Im August 1991 versuchte ein konservativer Teil des KP-Apparates, gegen Gorbatschow zu putschen. Dies sollte für Tschetschenien entscheidende Folgen haben. Zunächst einmal rief Dschochar Dudajew zum Widerstand gegen den Putsch auf, die bisherige tschetschenische KP-Führung wurde von demonstrierenden Menschen für abgesetzt erklärt. Boris Jelzin und Parlamentspräsident Chasbulatow unterstützten Dudajew anfangs durchaus begeistert, erhofften sie sich doch seine Unterstützung im Kampf nicht nur gegen die Putschisten, sondern auch gegen Michail Gorbatschow. Hinzu kam, daß Boris Jelzin im Putschmonat öffentlich dazu aufrief, daß sich die Führungen der Unionsrepubliken und der autonomen Gebiete soviel Souveränität nehmen sollten, wie sie verdauen könnten. Nur der Rest solle per Vertrag an Rußland abgetreten werden.

Insofern war das, was in Tschetschenien vor sich ging, ein völlig normaler und durchaus gewollter Vorgang. Natürlich hielt sich Jelzin nur solange daran, bis er selbst sicher genug im Sattel der Macht saß. Dann wiederum forderte er die Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung. Das Präsidium des Obersten Sowjet schloß sich dem an. Dudajew betrachtete dessen Resolution als Kriegserklärung, zumal die nicht verfassungsmäßige, aber durchaus legitimierte Exekutivgewalt unter Führung Dudajews in bekanntem Tonfall als Kriminelle bezeichnet worden waren.

Dudajew wurde kurz darauf im Oktober 1991 mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten gewählt; Wahlbeobachter aus Georgien und den baltischen Staaten bewerteten den Wahlvorgang als den Gesetzen entsprechend. Eine erste militärische Konfrontation endete mit einer politischen Niederlage Jelzins und Chabulatows. Die russischen Truppen mußten die Republik verlassen.

In Tschetschenien verblieben große Mengen an Waffen und sonstigem Kriegsmaterial. Das Staatsbudget Tschetscheniens wurde jedoch von Moskau weiter finanziert; die Einstellung der Zahlungen hätte als Anerkennung der Unabhängigkeit ausgelegt werden können. [Grobe-Hagel, Seite 105]

Ohne großen Druck von außen wandten sich die Clanführer wieder ihren internen Streitigkeiten zu.

Diese Auseinandersetzungen ließen die staatliche Gewalt in Tschetschenien weiter verfallen und spalteten vorerst das Land. Die oppositionellen Gruppen formierten sich in der Ebene […] im Norden; die Clans der Bergregionen des Südens blieben im allgemeinen loyal gegenüber Dudajew. Die territoriale Spaltung spiegelt die ungleiche wirtschaftliche Entwicklung wider. Die Bewohner des verarmten Berglandes hatten mit der russischen Ordnung längst gebrochen und sich umso leichter auf Dudajews Unabhängigkeitskurs eingelassen. Die eher an Zusammenarbeit mit Russland interessierten Bewohner der städtischen Siedlungen in der Ebene und im Vorgebirgsland legten Dudajew andererseits seine wirtschaftliche Unfähigkeit zur Last: Der Zusammenbruch des modernen Wirtschaftssektors traf fast ausschließlich die Stadtbewohner. Der Exodus vieler russischer und ukrainischer Spezialisten hatte zudem viele Betriebe lahm gelegt. Auch dafür wurde Dudajew verantwortlich gemacht. [Grobe-Hagel, Seite 107]

Dudajew selbst wurde als Präsident auf den Koran vereidigt, strebte aber keine islamische Republik an. Die russische Behauptung, in Tschetschenien werde der islamische Fundamentalismus bekämpft, ist aus der Luft gegriffen, ebenso wie die Behauptung, Tschetschenien sei zu einer Zone freier Kriminalität geworden.

Ein Zerfall der Rechtsordnung ist gleichwohl zu konstatieren; doch er betraf nicht ganz Tschetschenien. Vielen Verarmten blieb außer Tauschhandel und Gelegenheitsarbeiten nur Kleinkriminalität und organisiertes Verbrechen als Einkommensquelle; intakt gebliebene Clan-Beziehungen gaben in diesem Milieu den Rahmen für Bandenbildungen ab. [Grobe-Hagel, Seite 109–110]

Hinzu kam, daß Waffen aus den Militärbeständen der ehemaligen Sowjetunion leicht zu erwerben waren.

 

1. Tschetschenien-Krieg

Ende 1994 beschloß Boris Jelzin, russische Truppen in Tschetschenien einmarschieren zu lassen; doch schon zuvor hatte Rußland die innenpolitischen Gegner materiell und militärisch unterstützt. Doch der russische Einmarsch endete letztlich im Desaster.

Die tschetschenischen Kämpfer waren ähnlich bewaffnet wie ihre Gegner. Sie hatten [aber] einen erheblichen Vorteil: Sie sprachen Russisch, hatten in der russischen oder schon in der Sowjetarmee gedient, und viele trugen russische Uniformen. Sie waren mit der Kampfweise der russischen Armee gut vertraut und konnten deren Bewegungen meistens voraussehen. […] Ihre Kampfmoral war sehr hoch.

Die russischen Einheiten waren zwar in der Regel besser ausgerüstet, doch mit dem Terrain nicht vertraut, der Sprache nicht kundig und völlig demotiviert und desorientiert. Der Ausbildungsstand war niedrig. [Grobe-Hagel, Seite 118]

So baten russische Soldaten die Bevölkerung noch vor Erreichen der tschetschenischen Grenze, die Militärfahrzeuge einsatzunfähig zu machen; andere hingegen massakrierten Zivilisten. Erstmals unternahmen russische Verbände am Neujahrstag 1995 einen Großangriff auf Grosny. Er endete in einer taktischen Katastrophe und kostete einige tausend russischer Soldaten und wahrscheinlich über 25.000 Einwohnerinnen und Einwohnern Grosnys das Leben. Die Stadt wurde verwüstet.

Der Präsidentenpalast blieb dabei unbehelligt, während offensichtlich gezielt die tschetschenische Universität und andere kulturelle Zentren aus der Luft bombardiert wurden. Die Interpretation liegt nahe, daß hiermit gezielt die tschetschenische kulturelle und nationale Identität getroffen werden sollte. Doch die russische Armee konnte sich nicht entscheidend durchsetzen.

Die russischen Militärs und auch die zivile Verwaltung in den zurückeroberten Gebieten terrorisierten die Bevölkerung in bisher unbekanntem Maß. Verdächtige Personen wurden inhaftiert und in der Haft regelmäßig systematisch und schwer gefoltert. Die Festnahmen erfolgten oft auf bloßen Verdacht: Jeder Tschetschene konnte ja ein Freischärler sein, der nur in der Zivilbevölkerung untergetaucht war. Mit dieser Begründung wurden in den eroberten […] Städten Zivilisten summarisch erschossen. Sehr bald wurde die gesamte überlebende männliche Bevölkerung durch Filtrationslager geschleust […]. In den eroberten Städten und Dörfern plünderten die russischen Soldaten fast regelmäßig Geschäfte und Wohnungen aus. Es kam oft zu Vergewaltigungen. In Grosny und später auch in anderen Regionen setzte die Luftwaffe Aerosolbomben mit verheerender Wirkung ein: Die explodierende Bombe versprüht ein Aerosol, ein Gemisch [etwa aus Benzin und Napalm], über eine größere Fläche, die sich entzündet, mit hoher Temperatur verbrennt und auf Kilometer im Umkreis der Luft den Sauerstoff entzieht. Überleben ist im Wirkungsbereich dieser Aerosolbomben nicht möglich. […] Über den Einsatz chemischer Kampfmittel, sogar von Nervengasen, berichteten russische und ausländische Massenmedien, zuerst während der Kämpfe um Grosny. [Grobe-Hagel, Seite 128–129]

Der erste tschetschenische Krieg endete nach mehreren Kommandounternehmen, in denen russische Bürgerinnen und Bürger als Geiseln genommen wurden, dem Attentat auf Präsident Dudajew, der Wiederwahl Boris Jelzins als russischer Präsident und der Rückeroberung Grosnys [2] mit der Niederlage der russischen Armee. Der General Alexander Lebed reiste als Bevollmächtigter Präsident Jelzins nach Tschetschenien und handelte ein Abkommen aus, mit dem Tschetschenien faktisch unabhängig wurde.

In diesem ersten Tschetschenienkrieg waren 80.000 Menschen durch Kriegshandlungen gestorben; das Land verwüstet, die Wirtschaft ruiniert. Beste Voraussetzungen also, um radikale islamische Kräfte zu fördern. Männer und Gewalt – zwei Parallelen treffen sich an jeder Ecke.

 

2. Tschetschenien-Krieg

Und noch einmal Gerhard Schröder im O-Ton:

Ich habe gemeint, daß es im Bezug auf Tschetschenien zu einer differenzierteren Bewertung der Völkergemeinschaft kommen muß und sicher auch kommen wird.

Ich bin geneigt zu sagen: gleich und gleich gesellt sich gern. Noch haben US-amerikanische Bodentruppen noch nicht so recht beweisen können, zu was sie fähig sind, aber es gibt ja das historische Beispiel des Vietnam-Krieges, dem über eine Million Zivilistinnen und Zivilisten zum Opfer gefallen sind. Und die [auf Afghanistan abgeworfenen] gelben Lebensmittelpakete, die sich nur unwesentlich von gelben Minen und Streubomben unterscheiden, sind sicher geeignet, die USA mit ihren NATO-Verbündeten auf eine Stufe mit dem glorreichen Kämpfer gegen den Terrorismus, Wladimir Putin, zu stellen.

Doch zurück zu Tschetschenien: In der Zeit zwischen den beiden tschetschenischen Kriegen 1996 und 1999 brach die – ohnehin wenig entwickelte – Staatsgewalt völlig zusammen. Bei einer Arbeitslosenrate von 95% war ein Überleben mit dem, was im Kapitalismus Kriminalität genannt wird, unausweichlich.

Der zweite Krieg gegen Tschetschenien wird offiziell als Reaktion auf eine Kommandoaktion tschetschenischer Freischärler auf die Nachbarrepublik Dagestan im August 1999 bezeichnet. Im September desselben Jahres explodierten etwa 350 Kilogramm Sprengstoff im Erdgeschoß eines achtstöckigen Wohnhauses in Moskau. 94 Menschen starben dabei. Vier Tage später kamen bei einer weiteren Explosion in einem Wohnhaus 130 Menschen ums Leben.

Sofort verdächtigte man Tschetschenen, verantwortlich für die Anschläge gewesen zu sein. Und allen Beteuerungen des ehemaligen Geheimdienstchefs und heutigen russischen Präsidenten zum Trotz ist der Beweis dieser Behauptung nie angetreten worden. Das erinnert ein wenig daran, daß außer ein paar Indizien nach dem Motto A kennt B und B kennt C, also muß A C kennen bis heute der Öffentlichkeit kein nachprüfbarer Beweis für die Behauptung vorgelegt wurde, Osama bin Laden sei für die Anschläge vom 11. September verantwortlich.

Was die russischen Anschläge angeht, deuten Indizien darauf hin, daß der russische Geheimdienst FSB (also Putins Geheimdienst) seine Finger mit im Spiel hatte. Jedenfalls reichten die unbewiesenen Indizien dafür aus, die Tschetschenen schlechthin verantwortlich zu machen. Die russische Militärführung hatte schon 1996 die Massenmedien schriftlich angewiesen, wie sie über Tschetschenien zu berichten haben. Darin heißt es unter anderem:

Tschetschenen sind in der Mehrzahl dem Gesetz gegenüber ungehorsam, als Ergebnis ihres gemeinsamen Nationalcharakters der Immoralität und einer genetischen Tendenz zugunsten krimineller Handlungen. Dieses aussterbende Volk ist aus humanen Gründen Jahrhunderte lang von Rußland künstlich unterstützt worden. Die Presse wurde angewiesen, diesen Feind als Parasiten am gesunden russischen Volkskörper darzustellen.

Die russische Regierung hatte also ihre Lehren aus dem überaus unpopulären ersten Tschetschenienkrieg gezogen und griff zum Allheilmittel der psychologischen Kriegsführung. Was im ersten Krieg jedoch nicht gelang, funktionierte im zweiten fast reibungslos: die Presse berichtete wie erwünscht. Das lag auch in einer anderen Entwicklung begründet: die Liberalisierung des russischen Marktes hatte auch vor der Presse nicht Halt gemacht. Die meisten Massenmedien waren daher hoch verschuldet und somit erpreßbar. Das wurde genutzt.

Die Planung zur Wiedereroberung Tschetscheniens setzte allerdings schon Monate vor dem Kommandounternehmen in Dagestan und der Bomben in mehreren Wohnblöcken ein, wie der zeitweilige Regierungschef Sergej Stepaschin im Januar 2000 zugab. Auch ohne die Bombenanschläge wäre also der Einmarsch erfolgt.

In den Methoden der russischen Kriegsführung unterschied sich dieser Krieg nicht von seinem Vorgänger; er war allerdings effektiver und die russische Presse schwieg diesmal zu Massakern und Kriegsverbrechen. Ganze Dörfer wurden regelrecht dem Erdboden gleichgemacht. Konvois mit weißer Flagge, denen freies Geleit zugesichert worden war, wurden zusammengeschossen.

Die systematische Zerstörung Grosnys, die Ausplünderung der industriellen Grundlagen und die Flächenbombardements zerstörten zusammen mit den offenbar einer gewissen Methodik folgenden Massakern die Lebensgrundlagen der Tschetschenen. War die Republik vor dem zweiten Krieg schon in einer verzweifelten wirtschaftlichen Lage, so hat die Bevölkerung seit dem Beginn des Kriegs faktisch keine Existenzmöglichkeiten mehr. Die Tschetschenische Republik Itschkeria, wie sie sich seit 1992 nennt, ist damit Schauplatz eines umfassenden Vernichtungskrieges, nicht gegen Terroristen und Banditen, sondern gegen ein ganzes Volk. [Grobe-Hagel, Seite 174–175]

Zwar verweist Human Rights Watch auf tschetschenische Kriegsverbrechen, die nicht zu leugnen sind, jedoch werde die überwiegende Anzahl der Verbrechen von russischen Streitkräften verübt. Dokumente beweisen, daß Präsident Putin darüber informiert ist. Es handelt sich also um eine ethnische Säuberung, zu der Joschka Fischer und die Grüne Kriegspartei ... schweigen.

Auch Wladimir Putin kommt noch einmal im O-Ton zu Wort:

Natürlich soll das Böse bestraft werden; ich bin damit einverstanden. Doch wir müssen verstehen, daß Gegenschläge den vollständigen, zielstrebigen und gut koordinierten Kampf gegen den Terrorismus nicht ersetzen können. In diesem Sinn bin ich voll und ganz mit dem amerikanischen Präsidenten einverstanden.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

Tschetschenien. Rußlands langer Krieg lautet der Titel des in dieser Sendung vorgestellten Buches von Karl Grobe-Hagel. Es ist im Neuen ISP Verlag erschienen und kostet 29 Mark 80.

Laßt mich noch eine abschließende Bemerkung zu diesem Buch machen. Quellenkritik ist gerade bei einem Thema, das ideologisch befrachtet ist, ein wichtiger Bestandteil der Wahrheitsfindung. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die in diesem Buch unterschwellig vorzufindenden antirussischen Ressentiments dem gerecht werden. Human Rights Watch ist für mich auch nicht eine Quelle der Seriosität. [3]

Aber angesichts dessen, daß wir hierzulande ansonsten fast ungefiltert die russische Variante einseitiger Kriegsberichtserstattung vorfinden, ist die schon herauslesbare Sympathie für die Unabhängigkeitsbestrebungen Tschetscheniens verzeihlich. Aber auch uns sollte klar sein, daß bewaffnete Männer garantiert keine Garantie für die Einhaltung von Menschenrechten, für Freiheit und Demokratie sind, von Emanzipation ganz zu schweigen. Nationale Unabhängigkeit ist kein besonders erstrebenswertes Gut an sich.

Doch wer die historischen Zusammenhänge begreift – und dazu trägt dieses Buch unzweifelhaft bei –, kann in diesem Fall nichts Positives in der russischen Kriegsführung sehen. Die Menschen Tschetscheniens haben das Recht, über ihr Schicksal selbst zu entscheiden. Daß heute der islamische Fundamentalismus in Tschetschenien Einzug gehalten hat, ist das Verdienst Boris Jelzins und Wladimir Putins. Wer einem Land keine Lebensgrundlage läßt, darf sich nicht über die Folgen wundern.

Also noch einmal: das sehr anregende und lesenswerte Buch über Tschetschenien von Karl Grobe-Hagel ist im Neuen ISP Verlag erschienen und in jeder guten Buchhandlung erhältlich.

Für Anregungen, Nachfragen oder Kritik bin ich bei Radio Darmstadt wie folgt zu erreichen: telefonisch unter (06151) für Darmstadt – und dann die 87 00 192. Oder ihr schickt mir ein Fax an folgende Rufnummer: 87 00 111. Oder ihr schickt mir eine Email an kapitalverbrechen <at> alltagundgeschichte.de.

Diese Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte wird am Dienstag um Mitternacht, direkt nach dem Radiowecker um 8.00 Uhr und noch einmal am frühen Nachmittag um 14.00 Uhr wiederholt. Und gleich folgt Gehörgang mit Musik aus Darmstadt. Am Mikrofon verabschiedet sich Walter Kuhl.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   So etwa Michel Chossudovsky in seinen leicht verschwörungstheoretischen Ausführungen. Siehe hierzu meinen Kommentar zu den Irrtümern Chossudovskys über Tschetschenien.

»» [2]   Militärstrategisch ist diese Rückeroberung Grosnys als Meisterleistung anzusehen. Normalerweise benötigt man eine mehrfache Übermacht, um einen Gegner aus einer befestigten Stellung zu vertreiben. Da die Zahl der tschetschenischen Kämpfer jedoch weit unterhalb der Mannschaftsstärke der russischen Truppen in Tschetschenien lag, muß dies als Zeichen fü,r den desolaten Zustand der russischen Armee gesehen werden.

»» [3]   Das hat mit HRW's Informationspolitik in den Kriegen zwischen Serbien, Kroatien und in Bosnien-Herzegowina zu tun, welche die einseitige Sicht auf hauptsächlich serbische Kriegsverbrechen gestützt hat.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 27. Februar 2008 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2008. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

Die Kinderzeichung über den Krieg in Tschetschenien entstammt der Webseite von Human Rights Watch The War Through My Eyes, es gilt folgende Creative Commons License.

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