Stand des Rotpunktverlags auf der Frankfurter Buchmesse 2010.
Auf der Frankfurter Buchmesse.

Der 11. September

Einstürzende Neubauten oder: Mörder unter sich

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Mittwoch, 11. September 2002, 15.00 bis 16.00 Uhr

Leicht gekürzt wiederholt:

Montag, 12. September 2011, 17.00 bis 18.00 Uhr
Montag/Dienstag, 12./13. September 2011, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 13. September 2011, 05.10 bis 06.10 Uhr
Dienstag, 13. September 2011, 11.10 bis 12.10 Uhr

Zusammenfassung:

Ein Jahr nach dem Anschlag auf US-Einrichtungen erhalten wir eine mediale Inszenierung. Doch was steckt dahinter? Welche Wahrheiten bleiben unerwähnt und werden verschwiegen?

Besprochene Bücher:

Playlist:

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


11. Septe,ber 2002 

Vorspann: Siouxsie and the Banshees – Poppy Day

… In Flanders fields
The poppies grow
Between the crosses
Row on row
That mark our place
We are the dead … [2]

Jingle Alltag und Geschichte

11. September 2002 – weltweiter Tag der Betroffenheit, der Fernsehbilder, der Nebelschwaden und der Legitimation von Terror und Krieg. Vor genau einem Jahr flog das erste entführte Flugzeug in die Zwillingstürme des World Trade Center. Was zunächst wie ein Unfall aussah, geriet schnell zum medial inszenierten Massenmord. Live wurde weltweit das zweite Flugzeug beim Anflug auf den anderen Zwillingsturm gezeigt. Alle waren dabei gewesen. Ein Jahr später werden die Bilder aus den Archiven gekramt und wiederverwertet.

Am 11. September 2001 starben nach Schätzungen der Weltgesundheits­organisation zehnmal mehr Kinder an Hunger oder leicht heilbaren Krankheiten, als in den vier Flugzeugen, den beiden Zwillingstürmen und dem Pentagon zu Tode kamen. Von diesen Kindern gibt es keine Bilder. Diese Kinder sind den Betroffenheits­fanatikern aus aller Welt völlig egal. Sind halt Bimbos. Zählen nicht. Bei diesen Kindern müssen nicht einmal mehr Sterilisations­programme, Familienplanung und Bevölkerungs­politik nachhelfen.

Sie krepieren freundlicherweise auch ohne den Einsatz modernster Technik. Der Markt ist unbarmherzig; und wer nicht kaufen kann, soll halt verhungern. Natürlich wissen alle, daß weltweit genügend Lebensmittel hergestellt werden, um alle Menschen dieser Erde ausreichend und wohlschmeckend zu ernähren. Natürlich wissen alle, daß die Fabriken dieser Erde genügend Material bereit stellen könnten, um allen Menschen dieser Erde menschenwürdigen Wohnraum, sauberes Wasser oder die Errungenschaften der Spaßgesellschaft zur Verfügung zu stellen.

Aber profitabler ist es, zehn Millionen Kinder sterben und eine Milliarde Menschen in Armut und Elend vegetieren zu lassen. Profitabler ist es, zu deregulieren und die Sozialstandards zu senken. Edmund Stoiber beschwört den Dumpinglohn­sektor als segensreich für den Mittelstand. Wie die Menschen von Dumpinglöhnen leben sollen, ist ihm egal. Darin unterscheidet er sich jedoch nicht von Guido Westerwelle, Gerhard Schröder oder Fritz Kuhn. Der Markt wird es schon richten.

Also gut, reden wir am 11. September 2002 über den Markt. Reden wir über Gewalt, denn Markt ist ohne Gewalt gar nicht denkbar. Reden wir über die Bilder des Krieges und über die Bilder, die nicht gezeigt werden. Im deutschen Fernsehen werden derzeit keine verhungernden Kinder in epischer Breite immer und immer wieder gezeigt. Es werden keine Bilder als Endlosschleife abgespult, die US-amerikanische Bombenangriffe auf afghanische Hochzeits­gesellschaften zeigen. CNN war nicht vor Ort dabei.

Es werden keine Bilder vom Mord an einem Flüchtlingstreck im Kosovo 1999 gezeigt, als ein US-amerikanischer Kampfpilot auf Befehl seiner Dienststelle munter hineinschoß und Dutzende Albanerinnen und Albaner tötete, die in die falsche, die nicht erwünschte Richtung geflohen waren. Die vor der NATO geflohen waren. Nein, statt dessen wird gelogen. Bilder lügen. Vor allem durch die Bilder, die nicht gezeigt werden. Das ist Zensur und keine und niemanden scheint es zu stören. Einstürzende Neubauten sind halt interessanter.

Diese Sondersendung der Redaktion „Alltag und Geschichte“ stellt den 11. September als etwas anderes dar. Ich werde mich im Verlauf der folgenden Stunde bemühen, hinter den Spiegel der Verlogenheit schauen. Diese Sendung hat einen Titel: Einstürzende Neubauten oder: Mörder unter sich. Am Mikrofon ist Walter Kuhl.

Albert Hammond : I Don't Wanna Die In An Air Disaster

The engines spit out fire
I'm pushed back in my chair
Pressure gives me thrills
As we climb in the air
And I love to watch the clouds
And the mountains and the sky
Swish around a cocktail the stewardess brings by
Lord this is the life for me
Lord, oh Lord, this is the life for me
But I don't wanna die in an air disaster
I don't wanna die on a plane. [3]

 

11. September 1973

11. September
1973
Die chilenische Armee stürzt unter der Führung von Augusto Pinochet die legale chilenische Regierung des Präsidenten Salvador Allende. Der Sozialist Allende, also ein Sozialdemokrat, war 1970 gewählt worden. Allende gab sich radikaler, als er war, aber er nahm Reformen in Angriff, die seine christdemokratischen Vorgänger zugunsten des heiligen Profits niemals in Angriff nehmen wollten. Die Kinder in den Elendsvierteln erhielten Milch zum Frühstück und Allende schaute etwas genauer beim Ausverkauf chilenischer Rohstoffe – Kupfer z.B. – hin. Drei Jahre lang entfachten die Kapitalisten und Konservativen eine Medienkampagne nach der anderen. Sie sahen in Allende einen Vorboten des Kommunismus. Wirtschaftliche Sabotage wurde kombiniert mit Putschdrohungen. Die US-amerikanischen Kupferkonzerne, der multinationale Konzern ITT und die CIA entwickelten mit Billigung der Regierung Nixon einen Putschplan, der am 11. September 1973 in die Tat umgesetzt wurde. Sie haben gute Gründe:

Eine Million Menschen marschieren [1972] durch die Straßen Santiagos, als Zeichen der Unterstützung Salvador Allendes und gegen die Mumien des Bürgertums, die so tun, als lebten sie, die so tun, als seien sie Chilenen.

Ein Volk in Flammen, ein Volk, das die Gewohnheit durchbricht, zu leiden: Auf der Suche nach sich selbst holt sich Chile sein Kupfer zurück, den Salpeter, die Banken, den Außenhandel und die Industriekonzerne. Und es wird auch die baldige Nationalisierung der Telefone der ITT angekündigt. Bezahlt werden soll das bißchen, das sie den Steuererklärungen der ITT zufolge wert sind. [4]

Doch Salvador Allende, der in den drei Jahren seiner Präsidentschaft immer wieder Zugeständnisse machte und hoffte, durch eine Appeasement-Politik seine Feinde besänftigen zu können, war wohl einer der ganz wenigen Sozialdemokraten, die im Ernstfall nicht die Seite wechselten und mit den Mördern paktierten. Salvador Allende ist deshalb eine Kultfigur in Lateinamerika, Augusto Pinochet, der Freund des Westens, ganz sicher nicht.

Er lebt gern gut. Wiederholt hat er gesagt, daß er weder zum Apostel noch zum Märtyrer geeignet ist. Doch er hat auch gesagt, daß es sich für all das zu sterben lohnt, ohne daß es sich nicht lohnt, zu leben. Die putschenden Generäle fordern seinen Rücktritt. Sie bieten ihm ein Flugzeug, um Chile zu verlassen. Sie drohen ihm, daß der Präsidentenpalast zu Lande und aus der Luft bombardiert werden wird.

Doch:

Der Präsident spricht über Radio, zum letzten Mal: Ich werde nicht zurücktreten. […] Sie haben die Gewalt in ihren Händen. Sie können uns unterjochen, doch läßt sich die Entwicklung der Gesellschaft weder durch Gewalt noch Verbrechen aufhalten. [5]

Tausende Systemgegner wurden damals umgebracht oder verschwanden, Zigtausende wurden unter anderem in Fußballstadien interniert. Auf die knallharte Tour wurden die Grundlagen der neoliberalen Wirtschaftsordnung geschaffen. Denn Augusto Pinochet rief die „Chicago Boys“ ins Land, eine ultrareaktionäre Truppe aus der Lehre eines gewissen Milton Friedman. Und die „Chicago Boys“ leisteten ganze Arbeit. Die Löhne fielen rasant, was ja auch einfach war. Milton Friedman erhielt konsequenterweise für die Erfolge seiner neoliberalen Theorie den Nobelpreis. Wenn es der Markt nicht richtete, rief der Markt ganz marktkonform nach der Gewalt des Staates. Das Militär war zur Stelle. Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter wurden ermordet, verschwanden oder wurden jahrelang eingesperrt. Die Wirtschaft florierte – die Wirtschaft der Profiteure jedenfalls. Noch nie konnte in Chile so gut ausgebeutet und ausgeplündert werden. Ein Putsch ist eben ein profitables Geschäft. Und der Ziehvater von Edmund Stoiber, ein gewisser Franz Josef Strauß, reiste 1977 in dieses El­Dorado und sprach:

Ich habe keinen Zweifel, daß Chile ein demokratisches und freies Land ist und vor allem, weil es in den vergangenen vier Jahren fundamentale Prinzipien der deutschen Demokratie übernommen hat: die Disziplin, den Respekt und die Hilfsbereitschaft. Sorgen Sie dafür, daß die Freiheit in Ihrem Lande […] erhalten bleibt. […] Es ist einfach Unsinn, davon zu reden, daß in Chile gemordet und gefoltert würde. [6]

Edmund Stoiber fand dies schon damals nicht anstößig; und selbstverständlich hatte er auch kein Problem damit, daß Augusto Pinochet ein Prozeß in England erspart geblieben ist. Die Reichen und Mächtigen dieser Welt sorgen schon aus ganz komplizenhaften Gründen dafür, daß Ihresgleichen nur unter ganz besonderen Umständen vor Gericht gezerrt werden.

Milošević zum Beispiel, der den Markt nicht so richtig hatte öffnen wollen. Ein Verbrechen. Saddam Hussein etwa, der es gewagt hat, nicht nur im US-Auftrag, sondern auf eigene Rechnung Kuwait zu erobern. Ein Sakrileg. So etwas steht nur den Herren Bush & Co. zu.

Für Pinochet und seinesgleichen findet sich im Zweifelsfall die Formel des fortgeschrittenen Alters und des Gesundheits­zustandes. Der Markt macht normalerweise keine derartigen Kompromisse. Aber bei Massenmördern wird augenzwinkernd schon einmal das eine oder andere Auge zugedrückt. Man weiß ja nie, ob man einander nicht doch noch braucht.

 

Gespiegelte Lebenslügen

Am 16. November des vergangenen Jahres [2001] erzwang Bundeskanzler Gerhard Schröder im Bundestag die uneingeschränkte Solidarität mit den USA. Nach dem 11. September war klar: it's show time – it's war time. Die USA, die selbst noch die Taliban an die Macht gebracht hatten, eines der wohl chauvinistischsten und frauen­verachtendsten Regimes der letzten hundert Jahre, beschlossen, nach Vietnam, Irak und Jugoslawien ein weiteres Land in die Steinzeit zurückzubomben.

Solange die Geschäfte stimmen, paktiert man lieber mit Mördern als mit Demokraten. Das machen nicht nur die USA so. Das ist Marktstandard.

Und der Bundeskanzler, der ein ganz eigenes imperialistisches Interesse daran hatte, die Bundeswehr endlich weltweit einsetzen zu können, nahm den Anlaß dankend auf und zwang die olivgrüne Friedenspartei, Farbe zu bekennen. Und verlogen, wie diese Partei ist, was sie ja auf ihrem hessischen Parteitag vor kurzem noch einmal eindrucksvoll bestätigte, konnte sie dieser inneren Zerreißprobe nicht widerstehen. Fischer vorneweg. Die Gutmenschen an die Front.

Toncollage, bestehend aus
Kraftwerk : Spiegelsaal
Bundestagsdebatte vom 16. November 2001

O-Ton Kerstin Müller, GRÜNE:

Macht wird in einer Demokratie auf Zeit verliehen; die Moral ist unveränderbar. Wir GRÜNE beteiligen uns an diesem Regierungsbündnis, um eine Politik zu verwirklichen, die auf festen, unveränderlichen moralischen Überzeugungen begründet ist. Und die Koalition hat eine eindrucksvolle Bilanz vorzuweisen. Wir haben diese Republik verändert, meine Damen und Herren.

Kraftwerk:

Der junge Mann betrat eines Tages den Spiegelsaal
und entdeckte eine Spiegelung seines Selbst.
Sogar die größten Stars entdecken sich selbst im Spiegelglas.
Sogar die größten Stars entdecken sich selbst im Spiegelglas.

O-Ton Peter Struck, SPD:

Ich bin fast sicher, daß dir Bundeswehr dort nur noch gebraucht wird, um mitzuhelfen, die humanitäre Versorgung zu organisieren.

Kraftwerk:

Manchmal sah er sein wirkliches Gesicht
und manchmal einen Fremden, den kannte er nicht.
Sogar die größten Stars finden ihr Gesicht im Spiegelglas.
Sogar die größten Stars finden ihr Gesicht im Spiegelglas.

O-Ton Joschka Fischer, GRÜNE:

So, wie wir in der innerstaatlichen Politik Gewalttäter und Gewalttaten versuchen, möglichst vorbeugend zu verhindern, aber wenn Gewalttäter auftreten, wenn schwere Verbrechen drohen oder gar begangen werden, dann muß durchgegriffen werden, und das gilt auch für die Weltinnenpolitik.

Kraftwerk:

Manchmal verliebte er sich in sein Spiegelbild
und dann wiederum sah er ein Zerrbild.
Sogar die größten Stars mögen sich nicht im Spiegelglas.
Sogar die größten Stars mögen sich nicht im Spiegelglas.

O-Ton Guido Westerwelle, FDP:

Was Sie nur dadurch bewirken konnten, Herr Bundeskanzler, weil Sie den GRÜNEN mit dem Verlust ihres Dienstwagens gedroht haben. Und darauf wollt ihr nicht verzichten. Ihr steigt heute aus der Friedensbewegung auf den Feldherrnhügel, und euer Fall wird ganz schön tief sein.

Kraftwerk:

Er schuf die Person, die er sein wollte,
und wechselte in eine neue Persönlichkeit.
Sogar die größten Stars verändern sich im Spiegelglas.
Sogar die größten Stars verändern sich im Spiegelglas.

O-Ton Gregor Gysi, PDS:

Und es wird höchste Zeit, daß hier ein anderes Regime kommt. Was übrigens vorausgesetzt hätte, daß man über Jahre die demokratischen Kräfte Afghanistans bereits unterstützt hätte, was eben genau nicht geschehen ist. Hier wird in diesem Zusammenhang sehr viel über Frauenrechte gesprochen. Nur dennoch bin ich dagegen, die Dinge hier zu verschieben. Es wird doch nicht wegen der Frauenrechte bombardiert, sondern es wurde bombardiert wegen des Anschlags in New York und Washington. Denn wenn es um die Frauenrechte ginge, wieviele Länder wollen Sie denn noch bombardieren, bis sie die durchgesetzt haben? Das kann nicht der Weg sein, um Frauenrechte durchzusetzen, sondern nur die Stärkung der demokratischen Kräfte.

Kraftwerk:

Der Künstler lebt im Spiegel
mit dem Echo seines Selbst.
Sogar die größten Stars leben ihr Leben im Spiegelglas.
Sogar die größten Stars leben ihr Leben im Spiegelglas.

O-Ton Michael Glos, CSU:

Islamische Extremisten werden von Ihnen nicht entschlossen ausgewiesen, trotz aller martialischen Reden des Bundesinnen­ministers und sie werden auch nicht von Deutschland ferngehalten.

Kraftwerk:

Sogar die größten Stars machen sich zurecht im Spiegelglas.
Sogar die größten Stars machen sich zurecht im Spiegelglas.

O-Ton Michael Glos, CSU:

Erpressung kann Überzeugung nicht ersetzen. Ein erpreßtes Ergebnis ist ein verlogenes Ergebnis.

Kraftwerk:

Sogar die größten Stars leben ihr Leben im Spiegelglas.
Sogar die größten Stars leben ihr Leben im Spiegelglas.

O-Ton Heidemarie Wieczorek-Zeul, SPD:

Die Aufgabe besteht darin, die Menschen von Abhängigkeit und Unterdrückung, sowie von Hunger und Not zu befreien.

 

Bilder des Krieges

Sprecher: Niko Martin: [7]

… ich kenne das Leben, denn ich war im Kino …

Als im letzten Jahr am Nachmittag des 11. September die Bilder von den in sich zusammenstürzenden Zwillingstürmen in New York in unsere Wohnzimmer flimmerten, waren diese Bilder vielen merkwürdig vertraut. Meist brauchte es mehr als nur eine Schrecksekunde, um zu begreifen, dass das Abbilder von der Realität waren — und nicht eine Animation für einen Horror-Streifen. Es gibt aber auch das umgekehrte Phänomen: Dass Menschen die Fiktion für Realität halten — weil die Katastrophe viel überzeugender und »echter« dargestellt wird, als sie in der Realität eintritt.

Wenn dann tatsächlich etwas Schlimmes passiert, dann braucht es meistens gar nicht lang, bis »den Medien« die Schuld in die Schuhe geschoben wird — oder den Medien doch ein gehöriger Anteil an Mitverantwortung zugesprochen wird, denn die haben es ja schon lange vorgemacht. Irgendwas muss dran sein. Nicht unbedingt an dem Vorwurf und der Schuldzuschreibung. Aber es muss schon einen Zusammenhang geben zwischen den erfundenen Bildern von der Katastrophe, den realen Unglücksfällen — und der Art, wie wir die Bilder aufnehmen und verarbeiten.

Georg Seeßlen und Markus Metz haben ein interessantes Buch über diese Zusammenhänge geschrieben: »Krieg der Bilder — Bilder des Krieges. Abhandlung über die Katastrophe und die mediale Wirklichkeit.« Es ist erschienen in der Reihe »Critica Diabolis« der Edition Tiamat und es kostet 14 Euro. Katharina Mann hat das Buch für Sie gelesen.

Buchcover Krieg der BilderSprecherin: Katharina Mann:

Mit Georg Seeßlen und Markus Metz haben sich zwei ausgesuchte Fachleute und Kenner der Film- und Medienszene an die Arbeit gemacht, den Zusammenhang herauszuarbeiten zwischen den realen Katastrophen einerseits — andererseits ihrer Darstellung wie auch Vorwegnahme in den Bildmedien Film und Fernsehen.

Georg Seeßlen ist Film- und Kulturkritiker und Mitherausgeber der zehnbändigen »Grundlagen des populären Films«. Er schreibt für Die Zeit, die Frankfurter Rundschau, die tageszeitung und für konkret. In Buchveröffent­lichungen wie »Tanz den Adolf Hitler« oder »Natural Born Nazis« — beide aus dem Jahr 1996 — beschäftigte sich Georg Seeßlen damit, wie in einer sich zunehmend rechts formierenden Gesellschaft — unserer Gesellschaft — sich das faschistische Potential auch in den Äußerungen der populären Kultur immer mehr durchsetzt, beziehungsweise, wie diese Bilder wiederauftauchen, denn bereits der NS-Faschismus arbeitete als eine große Bildermaschine, um die Herzen der Menschen zu gewinnen. Ich möchte hier nur die Stichworte »Wochenschau« nennen und »Leni Riefenstahl«.

Markus Metz arbeitet als freier Journalist und Autor vorwiegend für die ARD-Hörfunksender mit den Schwerpunkten »populäre Kultur und Mythen« und »Risiken und Nebenwirkungen des Informationszeitalters«.

In dem vorliegenden Buch »Krieg der Bilder — Bilder des Kriegs« geht es nicht nur um Bilder und Filme vom Krieg. Einbezogen wird der ganze Bereich der Horror- und Katastrophenfilme. Wenn mensch etwas genauer darüber nachdenkt, macht das aber durchaus Sinn.

Worum geht es im Kino denn? — Richtig, es geht um die Inszenierung von Tragödien. Und Krieg ist natürlich sehr viel mehr Tragödie als ein bloßer Unglücks- oder Katastrophenfall. Denn im Krieg gibt es mindestens zwei Gegner, im Krieg hat Gewalt einen Sinn. Während es bei Unglücksfällen und Katastrophen nur Opfer gibt; die auftretende Gewalt ist eine ziellose und sinnlose Gewalt.

So werden im Kinofilm auch Unglücksfälle und Katastrophen zu Kriegen. Es ist dann eben die Natur, die vom Menschen vergewaltigt und ausgebeutet wurde und wird, die irgendwann einmal — zurück schlägt. Nun gibt es Täter zu der dargestellten Gewalt: die Natur, höhere oder finstere Mächte, Aliens … Täter und Opfer werden Gegner, die Gewalt erhält Sinn und wird zum Krieg. Und je ferner, nebulöser, ungreifbarer diese kriegführende Macht ist, umso besser für die Dramaturgie des Krieges beziehungsweise des Filmes. Denn das Erleben der menschlichen Tragödie wird umso intensiver, je geheimnisvoller und übermächtiger der Gegner ist.

So verwundert es nicht mehr, wenn uns die Bilder von realen Katastrophen und Kriegen seltsam vertraut vorkommen, denn die Erzählungen des Kinos haben alles das längst vorweggenommen. Die Bilder haben sich festgesetzt im kollektiven Unterbewussten, das heißt: im Unterbewussten von jeder und jedem Einzelnen — aber immer mit der gleichen archaischen Bedeutung von Schuld und Sühne, die den Bildern in der großen Tragödienmaschinerie des Kinos mitgegeben wurde.

Die Autoren beschreiben die Entwicklung der Action-, Kriegs- und Horrorfilme seit der Entstehung des Kinos bis zur Gegenwart. Dabei lässt sich durchaus eine Entwicklung feststellen, die auch im Zusammenhang steht mit der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung in den jeweiligen Entstehungs­ländern — aber doch erzählt das Kino andrerseits immer wieder die selbe menschliche Ur-Tragödie von Schuld und Sühne. Dabei kommt den Autoren das Verdienst zu, die Filme, die als Beispiele benannt werden, so auf ihren dramaturgischen Gehalt zu reduzieren, dass auch eine wie ich etwas damit anfangen kann, die all diese Filme nicht gesehen hat.

Ein weiterer Strang im Buch ist die Darstellung der realen Kriege in den Medien. Hier ist die Entwicklung keineswegs linear, dass mit den verbesserten technologischen Möglichkeiten auch immer mehr und bessere Bilder in unsere Wohnstuben kämen. Was auch immer »besser« dann heißen mag: Bilder in besserer Qualität? Genauere Bilder? Oder besser manipulierte Bilder? Nein, es kommen nicht mehr und auch keine besseren Bilder in unsere Wohnstuben. Die genaueste Abbildung eines Krieges wurde während des Vietnamkriegs vom Fernsehen geliefert. Da war die Bildbericht­erstattung so genau, im journalistischen Sinne wahrhaft und ehrlich, dass genau diese Darstellung schließlich eine nennenswerte Mehrheit in der amerikanischen Bevölkerung dazu brachte, diesen Krieg und seine Grausamkeiten abzulehnen. Vietnam wurde an den Bildschirmen des Fernsehens verloren.

Seither werden die Abbildungen der Kriege wieder ungenauer. Die Bildmedien, allen voran das Fernsehen, werden zur Propaganda genutzt, aber nicht zur Kriegsbericht­erstattung. Und auch in der Propaganda sehen wir in endlosen Schleifen immer die gleichen Bilder.

Das hat sicherlich ganz banal mit Zensur zu tun. Das will sich kein Kriegsherr ein weiteres Mal geben, dass der Krieg an der Heimatfront verloren wird, weil die Medien zu genau und detailliert berichtet haben. Es hat aber auch mit der veränderten Struktur der Medien zu tun. Von »Medien auf dem Markt« sind sie zu »Medien des Marktes« geworden, die nicht mehr von ihren Rezipienten leben — Leserinnen und Leser, Radiohörerinnen und Fernsehzuschauer — sondern von ihren Anzeigenkundinnen und Kunden. Das hat Auswirkungen auf die Inhalte. Gebracht wird nun nicht mehr, was interessiert und informiert, sondern gebracht wird, was das möglichst ideale Umfeld für Werbung darstellt. Wenn nun ein wirklich heftiges Ereignis eintritt, wirbelt das das ganze Arrangement gehörig durcheinander. Nach den Anschlägen auf die Zwillingstürme in New York letztes Jahr im September war das genau zu beobachten. Zunächst legten die traditionellen, klassischen Nachrichtenmedien kräftig zu in der Gunst ihrer Konsumentinnen und Konsumenten. Gleichzeitig ging aber das Anzeigenaufkommen drastisch zurück, denn kaum jemand wollte seine Waren zwischen den Katastrophenbildern anbieten. Ob dabei Empfindungen der Pietät überwogen oder werbetaktisches Kalkül sei dahingestellt, denn Werbung zwischen Katastrophenbildern ist vielleicht doch eher Anti-Werbung.

Dieser Zusammenhang liefert uns einen weiteren Erklärungsansatz, warum die Tragödie in New York in den Medien so schnell zum Rührstück wurde, zur »Soap Opera«, und warum wir über den nachfolgenden Krieg in Afghanistan so wenig erfahren haben. — Schlichtweg ökonomischer Druck.

Und die Medien sind global geworden, dank Satelliten-Fernsehen und Internet. Kriegsbericht­erstattung kann sich nicht mehr darauf beschränken, entweder Jubel-Propaganda für die Heimatfront zu sein oder Gegenbericht­erstattung und Desorientierung für die Bevölkerung des gegnerischen Landes, um dieses in seiner Kampfkraft zu demoralisieren. Kriegsbericht­erstattung muss zunehmend damit rechnen, von allen Seiten empfangen werden zu können. Sie wird damit zwangsläufig chaotischer und ungenauer.

Hiermit kommen wir zu einem weiteren Aspekt in der Entwicklung der Kriegsführung, die von der Entwicklung der Medien beeinflusst und bedingt wird. Im Buch ist es der letzte Abschnitt. — Die Entwicklung vom konventionellen Krieg zum Medienkrieg, zum Informationskrieg, zum Cyberwar. Dabei ist es in der Geschichte des Führens von Kriegen durchaus nichts Neues, dass Information, die Verfügbarkeit und die Aufbereitung von Information immer schon eine kriegsentscheidende Rolle gespielt haben. Die Autoren zitieren hier den chinesischen General und Philosophen Sun Zi, der schon vor fast 2500 Jahren schrieb: »Jede Kriegführung gründet auf Täuschung.« Als weitere Beispiele werden die Soldaten Hannibals genannt, die während des Zweiten Punischen Kriegs die Truppenbewegungen der Römer mit Hilfe von Spiegeln von Hügeln aus ausspähten, die Franzosen, die während der Napoleonischen Kriege ein ausgeklügeltes Signalsystem benutzten, den Einsatz der optischen Telegrafie im Feldzug Napoleons gegen Österreich oder das Entschlüsseln der deutschen Funksprüche durch die Alliierten im Zweiten Weltkrieg, das ein entscheidender Schritt war in Richtung Sieg. Die Autoren schließen daraus: »Krieg war also schon immer Informationskrieg. Allen großen Theoretikern war klar, dass es im komplexen System Krieg keine perfekte Information geben kann. Ob sie diesen Unsicherheitsfaktor »Fortuna« nannten wie Machiavelli oder, blumiger, »Nebel des Krieges« wie Clausewitz — alle wussten, dass über manche Dinge erst nach Ende des Krieges Gewissheit herrschen würde. Was jetzt für den Informationskrieg des 21. Jahrhunderts nicht mehr gelten soll. »Wir können euch beobachten«, lautet die Devise der amerikanischen Informationskrieger, »ihr uns aber nicht — deshalb gewinnen wir.«

Dass das wohl ein Fehlcheck ist, vermitteln die Autoren im Folgenden ziemlich deutlich. Zunächst einmal fordert die zunehmende Einbindung von Informations­technologien eine Umstrukturierung bei den Militärs. Um zu funktionieren, braucht der moderne Informationskrieg Spezialisten, die diese Informationen verarbeiten können, und nicht mehr nur die Soldaten als bloße Befehlsempfänger. Die Hierarchien in den Militärs verflachen, das Gefüge wird chaotisiert. Gleichzeitig geht die Tendenz immer stärker hin zu sogenannten »intelligenten Systemen«, die die ermittelten Informationen blitzschnell softwaretechnisch auswerten, denn so schnell, wie es nötig wäre, können Menschen die gesammelten Informationen gar nicht erkennen und bewerten. Damit fallen aber auch die Entscheidungen immer mehr automatisierten Systemen zu; über Leben und Tod entscheidet dann eine sogenannte »automatische Befehlserzeugung«. Auch diese Entwicklung chaotisiert den Krieg, anstatt ihn durchschaubarer zu machen.

Wo das System dieser »modernen Kriegsführung« auf Hindernisse oder Widerstand stößt, greifen die Kriegsherren zurück auf die konventionellen Methoden der Kriegsführung. Der Krieg wird also nicht weniger gewaltförmig, nicht einfacher und sauberer. Er wird lediglich bereichert um eine weitere Möglichkeit und dadurch chaotisiert. Zudem birgt diese weitere Möglichkeit die Gefahr in sich, sich zu verselbständigen.

Die Autoren beenden ihr Buch mit folgenden Sätzen: »Vielleicht gibt es da eine Gleichung zwischen der Realität bzw Irrealität der Kriegsziele und der Realität bzw Irrealität des Kriegsbildes. Aber je weniger Adressaten, desto mehr Opfer gibt es, und je virtueller der Krieg, desto gleichgültiger sind sie uns. Ein Krieg, der kein Subjekt und kein Objekt mehr kennt, keine Kriegserklärung und kein Kriegsziel, der hat, nachdem auch ein »Sieg« nicht eigentlich mehr von Bedeutung ist, vor allem eins als Sinn: sich selbst.«

Alles in allem ein rundes und sehr interessantes Buch. Zu Beginn hätte ich, gerade von einem Autor wie Georg Seeßlen, etwas mehr zur ökonomischen Verflechtung erwartet. Dafür gehen die Autoren aber umso deutlicher ein auf die psychologischen Komponenten, auf die Funktion, die Kriegs- und Katastrophenbilder haben: in unserer westlichen Gesellschaft, für unsere Wahrnehmung und für unsere Selbstdefinition als Subjekte in dieser Gesellschaft. So ist es nicht weiter schädlich, dass auf die ökonomischen Zusammenhänge so relativ wenig eingegangen wird.

Was aber ziehen wir für Konsequenzen, was lernen wir aus dem Buch?

Nichts.

Es gibt keine Konsequenzen, denn in unserer medialisierten Wirklichkeit gibt es kein Entrinnen von diesen Mechanismen. So bleibt uns als positiver Ausweg nur, uns darauf zu besinnen, dass es noch etwas anderes gibt als die Wahrheit dieser Gesellschaft. Dazu müssen wir aber unser gesammtes abendländisches Normen- und Wertegefüge in Frage stellen — und dazu braucht es sicherlich sehr viel mehr, als nur ein Buch zu lesen.

Trotzdem ist das Lesen dieses Buches sicherlich ein guter Einstieg, denn es klärt ein Stückchen darüber auf, »was die Welt im Innersten zusammenhält«.

Sprecher: Niko Martin

»Krieg> der Bilder — Bilder des Krieges. Abhandlung über die Katastrophe und die mediale Wirklichkeit« von Georg Seeßlen und Markus Metz. Das Buch ist erschienen in der Reihe »Critica Diabolis« der Edition Tiamat und es kostet 14 Euro.

Einstürzende Neubauten : Haus der Lüge

 

12. September 1980

12. September
1980
Die türkischen Militärs putschen im Auftrag der USA und mit Billigung der Bundesregierung unter Helmut Schmidt. Vorangegangen waren massenhafte Streiks und Demonstrationen. Schon vor 22 Jahren hatten es die Menschen in der Türkei satt, daß ihre politischen und sozialen Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Wie in Chile wurden Hunderte ermordet oder verschwanden, Tausende wurden gefoltert und landeten im Knast. Kurdistan wurde vollkommen abgeriegelt und die westlichen Medien schauten wohlwollend weg. Auch hier hielt anschließend die neoliberale Marktideologie Einzug. Die Türkei wird seither ganz marktkonform unter den wachsamen Blicken der Militärs ausgeplündert.

Doch selbst die zweitgrößte NATO-Armee, die türkischen Streitkräfte, konnten gegen den Guerillakrieg der Kurdischen Arbeiterpartei PKK nicht gewinnen. Statt dessen zerstörten sie mehrere tausend Dörfer, schikanierten die Zivilbevölkerung und blieben bis heute in der internationalen Gemeinschaft wohlgeachtete Mitglieder der Menschenrechts­verletzungsfamilie. Deutsche Waffen und deutsches Geld flossen reichlich in dieses Land; und selbst die Bestände der Nationalen Volksarmee ließen sich noch profitabel in den Bergen Kurdistans einsetzen.

Das Problem der Integration der Türkei in die Europäische Union sind nicht die Menschenrechts­standards. Die F-Typen-Gefängnisse hatten beispielsweise Stammheim zum Modell; der Hochsicherheits­trakt also als Exportschlager. Nein, das Problem ist der mögliche ungezügelte Zuzug von Millionen Menschen, die in der Türkei hungern und in Slums leben, die verfolgt werden oder einfach nur Kohle machen wollen wie alle westlichen Menschen auch.

 

Schröder deckt Putin

O-Ton Gerhard Schröder, TV-Kanzlerduell, 25. August 2002:

Das wär kein gutes Bild, das wir machten, wenn wir auf dem Rücken von Menschen, die sich nicht wehren können, politische Auseinandersetzungen führten.

Natürlich ging es beim Krieg gegen Afghanistan nicht darum, Menschenrechte und Demokratie einzuführen. Dies hätte man und frau schon vorher tun können, wie Gregor Gysi dem Menschenrechts­außenminister und seinem Kanzlerspezi richtig entgegenhielt. Es ging auch nicht darum, die Täter des 11.–September zu bestrafen. Die hatte man ja zuvor erst genau dazu ausgebildet. Nein, es geht auch hier vor allem ums Geschäft; und das Geschäft findet in den zentralasiatischen Öl- und Erdgasgebieten statt. Doch der Krieg hatte dennoch unmittelbare Auswirkungen auf benachbarte Regionen. Tschetschenien etwa. In zwei Kriegen seit 1994 versucht Rußland, die abtrünnige Republik gewaltsam zurückzuerobern. Erst Jelzin und dann Putin sind verantwortlich für rund 100.000 tote Zivilistinnen und Zivilisten.

Doch der 11. September ließ den Bundeskanzler nachdenklich werden. Denn was kümmern ihn ein paar tschetschenische Bimbos, wenn's ums Geschäft geht? Nein, Schröder ist kein Rassist. Nur Politiker. Ein differenzierter Politiker, wenn zwischen Menschenleben und Profit abgewogen werden muß. Deswegen ist er ja auch Bundeskanzler.

O-Ton Gerhard Schröder, 25. September 2001, auf einer Pressekonferenz; neben ihm steht der russische Präsident Wladimir Putin und amüsiert sich.

Ich habe gemeint, daß es in Bezug auf Tschetschenien zu einer differenzierteren Bewertung der Völker­gemeinschaft kommen muß und sicher auch kommen wird.

Anne Nivat ist eine französische Journalistin, die vor knapp drei Jahren [1999 / 2000] den tschetschenischen Winter und die russische Besatzung erlebt hat. Ihr im Rotpunktverlag erschienenes Buch „Mitten durch den Krieg“ ist eine erstklassige Quelle zur differenzierten Bewertung der Haltung Gerhard Schröders. Hier ihr Erfahrungsbericht:

Auszug aus einem Telefoninterview mit Anne Nivat, Dezember 2001:

Unfortunately after September 11th the Western politicians – almost all of them – changed their mind or appeased[?] their way of speaking about the Russion president. Before September 11th noone really knew who Putin is. We were constantly hearing that question: Who is Putin, where is Russia going? Now – as September 11th changed everything – those, the same people who denounced[?] him to have the answer of the questions. Only because Russia, the Kremlin, and Putin himself sided by the West with the Anti-Terror-Coalition.

And unfortunately this old new situation on the diplomatic level is having a very negative impact on the situation in Chechnya, for the civilians especially. Because before September 11th we had managed, we the journalists and the aid-workers, to attract some attention to Chechnya. Now you can forget about it. Now as soon as you mention the Chechnyans people saying the Chechnyans are the villains, the Chechnyans are the bad ones. Because the Russian propaganda is working very well, and Putin managed to let the outside world believe that he is completely right in having started – he, Putin, the first having started – the war against terrorism. But the problem is that it's a mix of everything. As I always said: there are some bandits and terrorists inside Chechnya, but they are a minority of the people. The big majority of the Chechnyans are neither bandits nor terrorists, and they are suffering from a nasty war being led by Russia against them. [8]

Und was meint Gerhard Schröder dazu?

Stefan Raab featuring DJ Schröder

Hol mir mal 'ne Pflasche Bier, sonst streik ich hier.

 

Ein Tag im September

Besprechungvon : Georg Stein / Volkhard Windfuhr (Hg.) – Ein Tag im September, Palmyra Verlag 2002, 399 Seiten, €26,00

Ein beliebiger Tag im September 2001 geriet aus einem Anlaß ins Blickfeld der gebetsmühlenartig reproduzierten Weltöffentlichkeit, als ein paar Flieger vom Kurs abkamen. Wie gesagt, ein paar US-Bürgerinnen und Bürger zählen millionenfach mehr als ein paar Bimbokinder. Doch die Hintergründe verschwinden hier hinter den Nebelschwaden der Interessen und dem Profit, der mit dem 11. September zu machen ist. Schnell war wieder der Islam das Feindbild. Das Unbekannte als Aggressor. Dabei steckt die Aggression, die Gewalt im Wesen des Marktes, im Wesen des Kapitals. Siehe Chile, siehe Türkei, siehe Tschetschenien. Drei Beispiele unter Hunderten.

Buchcover Ein Tag im SeptemberPünktlich zum Jahrestag hat der Heidelberger Palmyra Verlag ein Buch herausgebracht, das verspricht, „Hintergründe, Folgen und Perspektiven“ zu beleuchten. Neben Islamwissenschaftlern kommen Journalisten und der einschlägig bekannte Jürgen Möllemann zu Wort. Dem Thema angemessen keine einzige Frau.

In 26 Beiträgen werden verschiedene Facetten dessen, was den 11. September ausmacht, angesprochen. Ist der Islam von Grund auf eine gewalttätige Religion? Nun, er eroberte den Mittelmeerraum mit dem Schwert in der Hand. Insofern kein Unterschied zum Christentum ab dem Moment, als es Staatsreligion wurde. Sind die Attentäter verblendete Irre? Nein, denn in der arabischen Welt gibt es tief verwurzelte Minderwertigkeits­gefühle, auf denen die westliche Welt vortrefflich herumtrampelt.

Doch die Qualität der Beiträge könnte unterschiedlicher nicht sein. Neben blumigem Geschwätz steht ein Beitrag von Mohssen Massarat, der den 11. September und die anschließende US-Kriegsführung wieder auf den Boden der Tatsachen holt. Der von Pipelines, Kapitalinteressen und Machtpolitik redet, und dann doch wieder in illusionäre Vorstellungen eigenständiger europäischer Politik zurückfällt. Weil auch er nicht versteht, daß eine eigenständige europäische Politik nur eben eine andere imperialistische Politik wäre.

Interessant die immer wieder aufscheinenden Hinweise, daß die meisten der Attentäter des 11. September aus Saudi-Arabien kommen; und diese Brutstätte des Terrorismus von den USA in Ruhe gelassen wird. Auch hier unterstützen die USA aus ganz banalen Marktgründen die finstersten und rückständigsten Regimes.

Doch wo liegen die Perspektiven? Die Globalisierung wird auch die arabische Welt durcheinander­wirbeln und möglicherweise zumindest teilweise derart reaktionäre Kräfte auf den Müllhaufen der Geschichte wirbeln. Aber Globalisierung ohne Gewalt, ohne Militärs und Scheichs bleibt auch in Zukunft undenkbar. Gibt es überhaupt Perspektiven? Ausgerechnet Jürgen Möllemann erhält in diesem Band Gelegenheit, neue Impulse für eine Nahostpolitik zu skizzieren. Warum Möllemann? Möllemann ist Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, eine für Kapitalkreise durchaus interessante Lobby-Organisation. Leider wird dies in diesem Buch überhaupt nicht reflektiert. Statt dessen darf Möllemann so tun, als seien seine Vorschläge, wie die israelische und arabische Welt am europäischen Wesen genesen kann, völlig neutral und ohne eigenständige Interessen.

Und hier ist vielleicht der Hinweis erlaubt, daß eine gewisse Sigrid Hunke der Festschrift zum 30-jährigen Bestehen der Deutsch-Arabischen Gesellschaft 1996 Glanz verleihen darf. Wer ist Sigrid Hunke? Peter Kratz vermerkt in seinem Standardwerk über den Schnittpunkt von „Neuem Denken“, Faschismus und Romantik – das Buch heißt: „Die Götter des New Age“ – lapidar:

Hunke [ist] die gegenwärtig herausragendste religiöse Ideologin des Neofaschismus. [9]

Dies gibt der Debatte um Möllemann und Karsli dann doch eine gewisse Schärfe. Bestimmte Verbindungslinien gehören zumindest problematisiert. Die historisch gewachsene antijüdische bzw. antiisraelische Einstellung weiter Teile der arabischen Welt vermischt sich hier mit Gedankengängen der Neuen Rechten – und das ist ein Problem. Autoren und Herausgeber eines Buches, das von sich behauptet, den 11. September abseits des Mediengewäschs erklären zu wollen, müssen hier ganz besonders genau sein.

Und dennoch: was hier wie ein Verriß klingt, ist nur eine Facette. Das Buch „Ein Tag im September“ hat dennoch seine Qualitäten. Denn bestimmte uns ansonsten unerklärlich bleibende Denk- und Handlungsweisen der arabischen Welt werden auf eine Weise transparent und verständlich gemacht, die zwar den Terror des 11. September nicht legitimieren, aber dabei helfen können, ihn zu erklären.

Und das ist ja nicht das Schlechteste. „Ein Tag im September“, herausgegeben von Georg Stein und Volkhard Windfuhr, ist im Palmyra Verlag erschienen und kostet 26 Euro.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

Heute mit einem special zum 11. September mit dem Thema „Mörder unter sich“. Ich danke Katharina Mann, Niko Martin, Eduardo Galeano, Anne Nivat, Gerhard Schröder und die Bundestagscombo für Beiträge und O-Töne. Für die Zusammenstellung bin natürlich ich ganz allein verantwortlich. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt war Walter Kuhl. Und das meinen die Kinder dieser Welt zum 11. September?:

New Model Army : Here Comes The War

 

ANMERKUNGEN
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»» [1]   Die Besprechung entfiel in der erneuten Ausstrahlung 2011.

»» [2]   Words by John McCrae. „Poppy Day“ ist das einleitende Stück zur LP „Join Hands“ von Siouxsie and the Banshees, erschienen 1979.

»» [3]   Zitat aus dem Song von Albert Hammond, 1974. © Landers-Roberts Music & April Music, Inc.

»» [4]   Eduardo Galeano : Das Jahrhundert des Sturms, Peter Hammer Verlag 1988, Seite 262; eines meiner Lieblingsbücher!

»» [5]   Galeano Seite 264–265.

»» [6]   Bernt Engelmann : Das neue Schwarzbuch Franz Josef Strauß [1980], Seite 159.

»» [7]   Der folgende Text wurde aus dem Sendemanuskript von Katharina Mann und Niko Martin übernommen: Die Muhme Rähle … / Stille Post über Medien, Radio Darmstadt, 18. Juni 2002, 18.05 bis 19.00  Uhr.

»» [8]   Siehe auch meine 2. Tschetschenien-Sendung.

»» [9]   Peter Kratz : Die Götter des New Age, [1994], Seite 201.

Diese Seite wurde zuletzt am 15. September 2011 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2002, 2011. Die Besprechung von „Krieg der Bilder – Bilder des Krieges“ © Niko Martin und Katharian Mann 2002, 2011. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

Die (auszugsweise) Wiedergabe der Songtexte erfolgt zwar ohne ausdrückliche Genehmigung der jeweiligen Rechteinhaber, ist in diesem Zusammenhang jedoch als collagierte Zitatensammlung zu verstehen.

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