Kapital – Verbrechen

20. Juli 1944

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Im Beitrag vom 20. Juli 2005 ging es um den Widerstand gegen den Nationalsozialismus und die Rolle der Wehrmacht.
 
Sendung :
Alltag und Geschichte Magazin
20. Juli 1944
 
Redaktion und Moderation :
Katharina Mann und Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Mittwoch, 20. Juli 2005, 19.00–21.00 Uhr
 
wiederholt am :
Donnerstag, 21. Juli 2005, 02.00–04.00 Uhr
Donnerstag, 21. Juli 2005, 10.00–12.00 Uhr
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_20jul.htm
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I

Katharina Mann :

Am 20. Juli 1944, heute vor 61 Jahren, versuchte Claus Graf Schenk von Stauffenberg in einer militärischen Aktion, Hitler mit einer Bombe im Führer–Hauptquartier in Rastenburg zu töten. Der Aufstand missglückte, Stauffenberg übernahm die Verantwortung und wurde mit seinen Mitstreitern standrechtlich erschossen.

Die offizielle Blickrichtung der Bundesrepublik Deutschland war viele Jahre allein auf den 20. Juli 1944 gerichtet, wenn es um den antifaschistischen Widerstand in Deutschland ging.
Der 20. Juli 1944 war aber nicht der Anfang des Widerstandes, sondern vielmehr Ausdruck seiner politischen Breite.
Zuerst waren es die Vertreter der Arbeiterparteien und Gewerkschaften, einzelne Liberale und Intellektuelle, die sich dem Aufstieg und der Machtübertragung an die Nazis entgegenstellten. Es folgten Christen, die sich dem Regime verweigerten – aus religiöser und humanistischer Überzeugung.
Am 8. Mai 1985, also zum 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation und damit des Kriegsendes, brachte der damalige amtierende Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede die Breite des Widerstandes zum Ausdruck.

Widerstand war immer auch die Sache von Einzelnen, die bereit waren, für ihre politische, religiöse oder moralische Überzeugung Risiken für Leib, Leben, Gesundheit und Freiheit auf sich zu nehmen. Gerade im militärischen Lager kam der Widerstand spät. Er stand unter dem Wissen der vorwärtsrückenden Roten Armee und war stark bestimmt vom Gedanken, zu retten, was zu retten war.
Trotzdem ist natürlich auch dieser späte Widerstand als die Entscheidung von einzelnen zu würdigen.

Der 20. Juli 1944 ist somit nicht der Widerstand gegen die Nazidiktatur, sondern ein Bestandteil von ihm – als solches sollte das Datum politisch eingeordnet werden.

 

II

Walter Kuhl :

Wir müssen uns jedoch auch fragen, welche Motive die Gruppe um Stauffenberg hatte, Hitler zu töten und gegen die Nazis zu putschen. Und wir müssen uns fragen, welche Rolle nicht wenige Männer und auch manche Frauen des 20. Juli in den elf vorangegangenen Jahren gespielt haben.

Bei der militärischen Verschwörergruppe um Stauffenberg wird sehr schnell deutlich, daß es sich nicht um Demokraten gehandelt hat. Insofern ist es bedenklich, möglicherweise gar typisch, daß sich das westdeutsche antifaschistische Selbstverständnis ausgerechnet auf diese Verschwörergruppe bezogen hat.

Zunächst einmal handelte es sich um Militärs; und diese dachten streng militärisch. Am 6. Juni 1944 landeten die westlichen Alliierten in der Normandie und im Osten hatte anderthalb Jahre nach Stalingrad eine großangelegte russische Offensive begonnen, welche die Wehrmachtseinheiten nur noch vor sich her trieb. Die Militärs um Stauffenberg wußten: der Krieg war verloren.

Die Nationalsozialisten, die elf Jahre lang sehr nützlich waren, um Deutschland zur imperialistischen Weltmacht aufzubauen, waren überflüssig geworden. Mehr noch: mit ihrem totalen Durchhaltewillen forderten sie die bedingungslose Kapitulation und Zerstörung Deutschlands geradezu heraus. Den Militärs ging es um die Aufrechterhaltung der gewonnenen diktatorischen und für das Kapital ungemein profitablen Ordnung. Werte wie Demokratie und Menschenrechte kamen dabei nicht vor.

Bundesjustizministerin und Wahlkreiskandidatin Brigitte Zypries (SPD) weist in einer heute gehaltenen Rede darauf hin, daß der Anschlag auf Hitler trotz seines Scheiterns als "Ausdruck des Gewissens gegen das nationalsozialistische Unrechtssystem" von großer Bedeutung sei [1]. Erstaunlich nur, daß die Stunde dieses Gewissens erst dann schlug, als alles verloren war. Die Militärs und die mit ihnen konspirierenden bürgerlichen Kräfte setzten alles auf eine Karte. Nach einem erfolgreichen Militärputsch wollten sie versuchen, mit den westlichen Alliierten einen Separatfrieden zu schließen, um anschließend mit ihnen gemeinsam den Bolschewismus im Osten zu bekämpfen.

Nein, das Gewissen schlug nicht, als Millionen Jüdinnen und Juden zuerst schikaniert, dann vom sozialen Leben ausgeschlossen und schließlich vernichtet wurden. Es schlug auch nicht, als die Wehrmacht bei ihrem brutalen Angriffskrieg gegen Polen und die Sowjetunion bei ethnischen Säuberungen, Massenerschießungen und einer Politik der verbrannten Erde mithalf. Das war den Verschwörern alles längst bekannt, als ihre Stunde des Gewissens am 20. Juli 1944 schlug. [2]

Nein – sie dachten an sich und ihre Rolle in einem Nachkriegsdeutschland. Und sie dachten daran, wie sie für all die Verbrechen der tausend Jahre zuvor nicht zur Verantwortung gezogen werden könnten. Die Millionen, die bei ihrer Kriegsführung krepierten, waren ihnen hingegen egal.

Staatsministerin Christina Weiss erklärte letztes Jahr bei der Eröffnung der Ausstellung "20. Juli 1944 – Vermächtnis und Erinnerung", daß das Gewissen der konservativ–national gesinnten Elite schon 1934 geschlagen habe. General Henning von Tresckow beispielsweise sei schon 1934 zum Verschwörer geworden [3]. Doch bei dieser sogenannten Verschwörung ging es eigentlich nur um die Frage, wie Deutschland wieder zur militärisch starken Macht werden könne. Tresckow und andere befürchteten nämlich, daß die heimliche Aufrüstung, der Einmarsch ins entmilitarisierte Rheinland und die Einverleibung des Saargebietes Deutschland in einen Krieg führen würde, der nicht zu gewinnen sei.

Doch als Hitler damit durchkam, verhielt sich auch das Militär ruhig. Es verhielt sich ebenso ruhig, als die Tschechoslowakei zerschlagen, Österreich einverleibt und Polen überfallen wurde. Natürlich gab es im Militär kritische Stimmen. Aber die kritischen Stimmen betrafen mehr Fragen von Strategie und Taktik; denn im Ziel war man sich einig. Der in den national–konservativen Kreisen weit verbreitete Antisemitismus war kein Hinderungsgrund. [4]

Warum eigneten sich derartige Attentäter, die noch zu blöd waren, richtig zu putschen, als Symbolfiguren des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus im Nachkriegsdeutschland? Der Grund ist einfach: es war eine antikommunistische Elite, die der antikommunistischen Grundstimmung der 50er und 60er Jahre entsprach. Gleich und gleich gesellt sich gern. Ist es ein Zufall, daß ein Gewerkschafter wie Wilhelm Leuschner und ein Sozialdemokrat wie Julius Leber von den meisten Verschwörern nur ungern in einer zu bildenden Nachkriegsregierung geduldet wurden? Und ist es so merkwürdig, daß ernsthaft erwogen wurde, Hitler durch Himmler zu erstzen? Nein – es zeigt, daß die Motivation dieser ehrenhaften Männer ganz sicher nicht in der Wiederherstellung einer demokratischen Ordnung lag.

Umso bemerkenswerter, daß dieser Männer an jedem 20. Juli gedacht wird. Wenn sich die Bundeswehr inzwischen positiv auf derartige Verschwörer bezieht, dann läßt dies tief blicken. [5]

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Pressemitteilung des Bundesjustizministeriums vom 20. Juli 1944: "Zypries würdigt Aufstand des Gewissens am 20. Juli 1944"
[2]   Nicht zu vergessen: Jugoslawien und Griechenland.
[3]   "Gottesfurcht statt Selbstvergottung" – Rede der deutschen Staatsministerin Christina Weiss zur Eröffnung der Ausstellung "20. Juli 1944 – Vermächtnis und Erinnerung" in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand
[4]   Selbst der jeder kritischen Darstellung unverdächtige Katalog zur Wanderausstellung des Militärischen Forschungsamtes "Aufstand des Gewissens – Militärischer Widerstand gegen Hitler und das NS–Regime 1933–1945" kommt nicht umhin, einen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Putschplänen und den Erfolgen Hitlers herzustellen. Alle Putschgedanken erlahmten nämlich schnell, sobald Hitler einen weiteren Erfolg mit seinem aggressiven Vorgehen erreichen konnte. Siehe hierzu insbesondere den längeren Text von Heinrich Walle "Ein Rundgang durch die Ausstellung". So heißt es für 1938: "Politische Planungen für den Fall eines gelungenen Umsturzes waren nur ungenau getroffen. Zunächst dachte man an eine zeitlich befristete Militärdiktatur." [Seite 73]
[5]   Siehe hierzu auch:

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 20. Juli 2005 aktualisiert.
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