Gedenktafel Darmstadt
Darmstadts Inszenierung als Opfer – Erinnerung an die „Brandnacht“ im September 1944

Kapital – Verbrechen

Der Zweite Weltkrieg und der Kalte Krieg

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 14. März 2005, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 14./15. März 2005, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 15. März 2005, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 15. März 2005, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Die Analyse des Zweiten Weltkrieges ist eine vielschichtige Angelegenheit, in der zuweilen die „Guten“ von den „Bösen“ nicht zu unterscheiden sind. Dies relativiert keineswegs die deutschen Verbrechen. Der darauf folgende Kalte Krieg muß als Versuch begriffen werden, die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs zu revidieren.

Besprochenes Buch und besprochene Zeitschrift:

Playlist:


Inhaltsverzeichnis


Einleitung 

Jingle Alltag und Geschichte

Vor sechzig Jahren endete der 2. Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation Nazideutschlands und des japanischen Kaiserreiches. Sechzig Jahre danach sind sowohl Deutschland wie Japan geachtete Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft und bemühen sich beide um einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat. Das macht natürlich nur Sinn, wenn man diesen Sitz auch zur Herbeiführung weltpolitischer Entscheidungen nutzen will. Das große Spiel, das berühmte Great Game nach dem Zerfall der Sowjetunion mischt die Karten wieder vollkommen neu. Noch sind die USA die einzige Weltmacht, aber es ist nicht ausgemacht, daß das so bleibt. [1]

Der jüngste Besuch des US-amerikanischen Präsidenten George Dubya Bush hat einmal mehr ein Licht auf die Stimmungslage weiter Teile der deutschen Bevölkerung geworfen. You're not welcome, Mr Bush, hieß es, während zur gleichen Zeit der Sicherheitswahn der herrschenden Klasse Teile des Rhein-Main-Gebietes ins Chaos stürzte. In diesem Bekenntnis, daß der US-Präsident nicht willkommen sei, spiegelt sich ein genereller Antiamerikanis­mus. Könnte es sein, daß nicht wenige Deutsche es den Alliierten bis heute nicht verziehen haben, den Krieg gewonnen zu haben?

Deutlicher wird die Stimmungslage bei den Gedenkveranstal­tungen für die im 2. Weltkrieg zerstörten deutschen Städte. Trotz mancher Einlassungen dazu, daß dieser Krieg von Deutschland ausgegangen und mit einer unglaublichen Barbarei verbunden war, wähnt man und frau sich doch eher als Opfer. Oder als Nachfahre bzw. Nachfahrin von Opfern.

Wie hohl dieses Pathos jedoch ist, zeigt sich schnell dann, wenn entsprechend pathetisch vorgetragene Litaneien zugunsten der von Nazideutsch­land zerstörten Städte und Länder, der [durch Deutsche] Vertriebenen und Getöteten fehlen. Die Frauenkirche in Dresden wurde durch fleißiges Spenden wiederaufgebaut. Aber was ist mit den Bauten, die deutsche Truppen zerstört hatten? Der scheidende Oberbürger­meister Peter Benz hat diesen Zusammen­hang richtig herausgestellt, als er schrieb, es dürften

„Ursache und Wirkung niemals verwechselt werden: die Bombardierungen der Alliierten auf deutsche Städte waren die Folge des verbrecherischen deutschen Angriffskrieges.“

Und weiter:

„Noch immer fehlt skandalöser Weise eine deutschsprachige Darstellung über die deutschen Luftangriffe und ihre verheerenden Wirkungen etwa auf die Städte in Polen, Frankreich, Jugoslawien und Griechenland.“ [2]

Ich meine, die heutigen Gedenkveranstal­tungen sind nicht nur in der Tendenz und unterschwellig antiamerikanisch motiviert, sie dienen vor allem einer deutschen Selbstverge­wisserung. Deutsch zu sein, ist wieder gut. Dabei geht es weniger um den neonazistischen Nationalstolz, als darum, anderen das eigene Gutmenschen­tum wieder in aller Welt antun zu dürfen. Manche Übergänge mögen hier fließend sein, weil vieles auch einfach nicht durchdacht ist [3]. Dennoch werden Andere aus dieser Stimmungslage ihren Nutzen ziehen und uns wohlbegründet erklären können, warum Deutschland nicht nur am Hindukusch verteidigt werden muß.

Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich auf einzelne Sendungen der Redaktion treffpunkt eine welt verweisen, die sich wohltuend von diesem unterschwelligen Antiamerikanis­mus abheben. Das Darmstädter Friedensforum hat nämlich nicht nur eine Vorstellung davon, daß es auch ein anderes Amerika gibt, sondern es thematisiert immer auch den deutschen Militarismus, wenn es die US-Außenpolitik kritisiert. Und das ist in der Tat eine gute Richtschnur: nur wer den Feind im eigenen Land erkennt, hat das moralische Recht, Andere zu kritisieren.

Dummerweise ist die ganze Angelegenheit auch noch vertrackt dadurch, daß die Guten zuweilen von den Bösen nicht zu unterscheiden sind. Oder anders ausgedrückt: Eine kapitalistische Wirtschaft bedarf einer expansiven und aggressiven Außen- und Militärpolitik. In jedem Land. Es ist kein Zufall, daß in der neuen EU-Verfassung ausdrücklich das Bekenntnis zur allgemeinen Aufrüstung festge­schrieben worden ist.

Der 2. Weltkrieg ist geradezu das Musterbeispiel für unklare Fronten im internationalen Angriffs-, Bürger- und Klassenkrieg. Der vor zehn Jahren [1995] verstorbene belgische Marxist und Internationalist Ernest Mandel hat 1986 auf Englisch eines der wohl bemerkenswer­testen Bücher über „Den Zweiten Weltkrieg“ veröffentlicht. Hierin widerlegt der Autor Mythen und ideologische Verklärungen und analysiert statt dessen klar und teilweise brillant die Ursprünge wie den Verlauf dieser globalen Auseinander­setzung. Ich werde dieses 1991 auf Deutsch erschienene Buch daher im Verlauf dieser Sendung vorstellen.

Der 2. Weltkrieg mündete sehr schnell in den Kalten Krieg. Das aktuelle Heft 1/2005 der Zeitschrift Mittelweg 36 befaßt sich schwerpunkt­mäßig mit dem Zusammenhang und Zusammen­wirken des Kalten Krieges und der vielen kleinen und größeren heißen Kriege in der Dritten Welt. Hierzu mehr im Verlauf meiner heutigen Sendung. Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist am Mikrofon Walter Kuhl.

 

Von Krieg zu Krieg

Besprechung von : Ernest Mandel – Der Zweite Weltkrieg, ISP Verlag 1991, € 17,50

Wenn Edwin Starr „What is it good for?“ fragt und die Antwort gibt „Absolutely nothing.“, dann ist das allenfalls die Sicht des liberalen US-amerikanischen Pazifismus. Doch diese Antwort geht an der Realität vorbei: Krieg ist (im Kapitalismus) äußerst nützlich.

Ernest Mandel beginnt seine Darstellung über die Ursachen und den Verlauf des 2. Weltkrieges mit einer allgemeinen und gleichermaßen historisch fundierten Betrachtung der Entwicklung des Kapitalismus. Das Kapital organisierte sich zunächst im Rahmen bestehender oder sich entwickelnder Nationalstaaten. Da das Kapital seinem Wesen nach jedoch maßlos ist, wird die nationale Hülle irgendwann gesprengt. Die Eroberung oder zumindest die politische bzw. wirtschaftliche Beherrschung anderer Länder oder ganzer Kontinente ist zwangsläufig. Das klassische Zeitalter des Imperialismus vor dem 1. Weltkrieg spiegelt diese Tendenz wider.

Waren noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts Großbritannien und Frankreich die führenden Mächte, so holten andere Staaten und die sich in ihnen organisierenden Kapitale auf. Deutschland, Japan, Rußland und die USA machten ihre Ansprüche geltend und forderten dadurch die herrschende territoriale Ordnung heraus. Es war kein Zufall, so Mandel, daß der erste Schritt, den Status Quo in Frage zu stellen, von Deutschland ausging. Deutschland war zu Beginn des 20. Jahrhunderts die führende Industriemacht in Europa. Die Neuaufteilung der Kolonien und damit der Erde konnte nur über eine territoriale Neuaufteilung Europas verlaufen.

Der Ausgang des 1. Weltkrieges ist bekannt. Doch die Widersprüche blieben bestehen. Hinzu kam ein gänzlich neues Phänomen: die sozialistische Revolution. Jedes imperialistische Land mußte seither nicht nur von äußeren Feinden ausgehen, sondern auch von einem Klassenfeind im Inneren jedes Landes.

Deshalb wagten es die im 1. Weltkrieg siegreichen Alliierten nicht, die deutschen Armeen gänzlich zu entwaffnen. Denn diese Armeen wurden noch für den Fall benötigt, daß das deutsche Proletariat wie in Rußland die Macht ergriff. Dieses Vorgehen prägte auch den Friedensvertrag von Versailles: Deutschland mußte geschwächt werden, ohne die deutsche Bourgeoisie wehrlos zu machen. Und damit war der Keim zum zweiten deutschen Anlauf gelegt, die europäische Ordnung umzustürzen.

Parallel dazu expandierte der japanische Imperialismus, zunächst im Bündnis mit den USA. Ziel war die Eroberung Chinas. Doch auch hier entwickelte sich zwangsläufig ein Gegensatz zwischen japanischen und US-amerikanischen Interessen im pazifischen Raum, der nur militärisch gelöst werden konnte. Die Entwicklung auf beiden Kriegsschauplätzen führten in den gemeinsamen 2. Weltkrieg.

„[D]er Motor des Zweiten Weltkriegs war das Bedürfnis der bedeutendsten kapitalistischen Staaten, die Ökonomie ganzer Kontinente durch kapitalistische Investitionen zu beherrschen, vorzugsweise durch Handelsabkommen, Währungsregulierungen und politische Vorherrschaft. Das Ziel des Kriegs war nicht nur die Unterordnung der weniger entwickelten Welt, sondern auch die anderer Industrienationen, gleich ob es sich um Feinde oder Alliierte handelte, unter die Prioritäten der Kapitalakkumulation einer einzigen hegemonialen Macht.“ [4]

Die Notwendigkeit des Kampfes um die Weltherrschaft war den deutschen, japanischen und US-amerikanischen Akteuren vollkommen klar.

„In einer Welt, die durch Kapital organisiert wird, das wiederum auf Nationalstaaten basiert, ist der Krieg der Mechanismus für die endgültige Behebung von Widersprüchen.“ [5]

Woraus, nebenbei bemerkt, folgt: das 21. Jahrhundert wird sicherlich nicht ein friedliches Jahrhundert werden. Zwischen dem 1. und dem 2. Weltkrieg gab es jedoch nicht nur die innerimperia­listische Konkurrenz, sondern ein weiteres Problem: die Existenz der Sowjetunion als nichtkapitalis­tisches Gebiet mit riesigen Ressourcen. Für die sowjetischen Bürokraten war klar, daß die imperialistischen Staaten einzeln oder im Bündnis eines Tages über die Sowjetunion herfallen würden. Dies erklärt ein Stück weit das Lavieren der Sowjetbüro­kratie und den Hitler-Stalin-Pakt. So richtig die Erkenntnis war, daß es einen Angriff auf die Sowjetunion zwangsläufig geben würde, so dumm war es, auf einen Pakt mit einzelnen Imperialisten zu setzen. Hinzu kam, daß die Sowjetbüro­kratie aus eigenem Herrschaftsinter­esse kein Interesse an einer weiteren sozialistischen Revolution haben konnte. Deshalb paktierte die Sowjetunion seit Stalin im Zweifelsfall auch gegen einzelne kommunistische Bewegungen. Wir werden dieses Muster im Falle Griechenlands wiederfinden.

Dennoch war es der deutsche Imperialismus, der den 2. Weltkrieg herbeiführte. Hitler und seine Nationalsozia­listen sollten dieses Ziel um jeden Preis durchsetzen. Zunächst wurde die krisengeschüt­telte deutsche Wirtschaft, insbesondere auf dem Rüstungssektor, angekurbelt – also die nazistische Variante eines Rüstungskeynesia­nismus. Dann wurde der Angriff gegen die Sowjetunion vorbereitet, um den Weg für ein eigenes Kolonialreich freizumachen, den Lebensraum. Dieser Lebensraum wurde jedoch auch dazu benötigt, um die Schulden zu begleichen, die mit dem rüstungskeynesia­nistischen Industrialisierungspro­gramm verbunden waren: das Erobern, Ausplündern und Unterwerfen war von Anfang an Teil dieser imperialistischen Strategie. Die Nazi-Barbarei vollzog konsequent diese ökonomische Notwendigkeit.

Die Nazis hätten es dabei sicher vorgezogen, nicht gleichzeitig Krieg gegen Rußland und Großbritannien und Frankreich zu führen. Allerdings hätte das geheißen, daß diese beiden Mächte eine deutsche Vorherrschaft auf dem Kontinent hätten akzeptieren müssen. Deutschlands Plus war sein militärischer Vorsprung. Was immer die deutsche Bourgeoisie vermittels ihrer Nazis erobern wollten, es mußte schnell geschehen. Großbritannien konnte dieses Vorgehen jedoch nicht akzeptieren. Die englische Bourgeoisie mit ihrem Frontmann Winston Churchill war klug genug zu erkennen, daß eine deutsche Vorherrschaft auf dem Kontinent nur das Vorspiel zur Eroberung der britischen Inseln sein konnte.

 

Ganovenehre

Hier eine Zwischenbemerkung. Die Erkenntnis, in einer Welt von Ganoven zu leben, bedeutet nicht, daß alle Ganoven gleich sind. Es war Hitlerdeutsch­land, das den Krieg begann, und es war Hitlerdeutsch­land, welches den entgrenzten, den totalen Krieg führte. Die Motive einzelner Kriegsgegner mögen ebenso imperialistisch gewesen sein. So gab es bei den westlichen Alliierten weder ein Interesse, Deutschland zu befreien, noch gar die Jüdinnen und Juden Europas zu retten. Aber auch unter Ganoven gibt es manchmal welche, die das eine oder andere ehrenhafte Motiv und Verhalten entwickeln.

 

Kriegsverlauf

Zur Vorgeschichte des 2. Weltkriegs gehört das Münchener Abkommen. Es wird gemeinhin als eine falsche Strategie betrachtet, Hitler mit einzelnen Gebietskonzes­sionen beschwichtigen zu wollen. Dabei liegt der Sinn des „appeasement“ wesentlich tiefer. Chamberlain und Churchill stritten um den effektivsten Weg, das Empire zu erhalten und Hitler entgegenzu­treten, zumal der militärische Vorsprung Deutschlands bekannt war. In dem Moment, wo beiden klar war, daß Hitler zu allem bereit war, betrachteten sie den Einmarsch in Polen als Kriegserklärung.

Buchcover Ernest MandelAber auch der Eintritt der USA in den Krieg war zwangsläufig. Der New Deal von Franklin Delano Roosevelt geriet 1938 in eine tiefe Krise, als es wieder 12 Millionen Arbeitslose gab. Dem US-Establishment dämmerte es, daß nur die Expansion nach außen die Auslastung der US-amerikanischen Industrie sichern konnte. Der japanische und deutsche Angriffskrieg lieferte dann nur noch die Begründung dafür, ebenfalls in den Krieg einzugreifen, mit dem Ziel, ihn für die US-amerikanische Vorherrschaft zu gewinnen.

Im Gegensatz zum Beginn des 1. Weltkrieges gelang es keiner imperialistischen Macht, bei den Massen Begeisterung hervorzurufen, nicht einmal in Hitlers Deutschland. Die Nazis mußten die Begeisterung mit Aufmärschen inszenieren. Das änderte sich in einigen Ländern im Verlaufe des Krieges. In England führte die konkrete Angst vor einer deutschen Invasion zu einer besseren Mobilisierung der Bevölkerung; in den USA kam es nach Pearl Harbor jedoch eher zu chauvinistischen und rassistischen Ausfällen. In der Sowjetunion war die mangelnde Kriegsbegeis­terung nach dem deutschen Überfall verflogen. Trotz der stalinistischen Säuberungen der 30er Jahre und der massiven Repression konnte Stalins Armee gar nicht so viele Freiwillige einkleiden und ausrüsten, wie sich meldeten. Die deutsche Barbarei mobilisierte eine demoralisierte russische Arbeiterklasse.

Neben der innerimperialistischen Konkurrenz und dem Verteidigungs­krieg der Sowjetunion entstand ein weiterer Faktor, der Hitlers Divisionen binden, zum Teil auch vernichten sollte: die Partisanenbewe­gung in der Sowjetunion und Osteuropa. Mit unglaublichem Mut und Hingabe kämpften sie für ihre Freiheit. Dieser Faktor, verbunden mit einer in einzelnen Ländern Europas starken Arbeiterbewe­gung vor dem 2. Weltkrieg, brachte die Alliierten dazu, sich ernsthafte Gedanken darüber zu machen, wie eine Revolution in Europa verhindert werden könne. Das Beispiel des Endes des 1. Weltkrieges stand ihnen hierbei klar vor Augen.

Nur eine militärische Besetzung weiter Teile Europas, verbunden mit einer Demoralisierung der unterdrückten und/oder klassen­bewußten Bevölkerung, konnte dieses Schreckgespenst bannen. Hierin liegt auch ein wesentlicher Grund für das Bombardement deutscher Städte durch britische und US-amerikanische Bomberverbände. Mandel zeigt hier anhand einzelner Zahlen, wie wenig der Bombenkrieg sich gegen militärische und industrielle Ziele richtete. 1943 wurden mehr als 80% aller abgeworfenen Bomben auf zivile Ziele gerichtet. [6]

Ernest Mandel analysiert in seinem Buch über den 2. Weltkrieg nicht nur die Kriegsursachen und die gesellschaftlichen Kräfteverhält­nisse. Er geht selbstverständlich auch auf die materiellen Hilfsmittel ein, über welche die Kriegsparteien verfügten. Allerdings trügt der erste Augenschein. Sicher ist es richtig, daß Nazideutsch­land aufgrund seiner Ressourcen eigentlich nie eine ernsthafte Chance besaß, den Krieg zu gewinnen. Dies erklärt das Blitzkrieg-Konzept. Denn nur dann, wenn Hitlers Armeen in der Lage waren, den militärischen Vorsprung durch Eroberungen und anschließende Verhandlungen abzusichern, bestand für die deutsche Bourgeoisie eine ernsthafte Chance, damit durchzukommen.

Je länger der Krieg dauerte, desto klarer war die Niederlage abzusehen. Damit ist nicht die Niederlage bei Stalingrad gemeint. Vielmehr handelt es sich um das Kernproblem: Zuschlagen, bevor die anderen aufgeholt haben; und das Eroberte dann am Verhandlungs­tisch zu sichern. Vielleicht war das absolut irreal, aber sowohl Großbritannien wie auch die Sowjetunion standen zu bestimmten Zeitpunkten am Rande einer totalen Niederlage. Zum Glück kam es anders. Und zum Glück beschränkte sich auch die USA nicht auf ihren pazifischen Kriegsschau­platz, weil es auch für die USA letztlich um die globale Hegemonie ging. Hierbei war allerdings ein langer Krieg gut für das Kriegsziel der USA:

„Die USA konnten in dem Bewußtsein einen langen Krieg führen, daß die Zeit gegen die anderen Teilnehmer arbeitete, gegen »Freunde« und Feinde gleichermaßen; je länger der Krieg dauerte, desto mehr würden sie dadurch ökonomisch und finanziell geschwächt werden. Ein langer Krieg war tatsächlich der kürzeste Weg ins »Amerikanische Jahrhundert«. Die US-Strategie wurde zu einer Angelegenheit des langsamen, unverdrossenen, beständigen Vormarschs – besonders in Europa –, der auf einer überwältigenden Überlegen­heit in der Luft und einer beträchtlichen Anwesenheit zu Lande basierte – eine Strategie ohne wirkliche Initiativen, Durchbrüche oder wagemutige Überraschungsangriffe.“ [7]

Dieses langsame Auspowern von Freunden und Gegnern rächte sich allerdings an einem Punkt: die US Army kam langsamer voran und erreichte Deutschland später als die Rote Armee.

 

Detailfragen

Der 2. Weltkrieg wurde jedoch auch von anderen Faktoren beeinflußt. Wer hat die besseren Waffen, aber auch: wer kann diese Waffen am effektivsten am richtigen Ort zum richtigen Zeitpunkt zu Verfügung stellen? Transportmittel und Logistik sind manchmal kriegsentschei­dend. Das mußten Hitlers Armeen in Rußland erfahren, als sich die Front immer weiter ausdehnte. Aber auch die Rote Armee kam nur langsam voran, was Hitlers Armee mehr als einmal vor der völligen Vernichtung rettete. Dies alles verlängerte den Krieg genauso wie das bewußt langsame Vorgehen der US Army.

Ernest Mandel zeigt an einem Detail die Brauchbarkeit seiner Analyse. Er betrachtet Hitlers Entscheidung, um jeden Preis an Stalingrad festzuhalten, keineswegs als irrational. Eine viertel Million Soldaten wurden geopfert, um mehr als eine Million zu retten. Hätte sich die 6. Armee bei Stalingrad schneller ergeben, wären russische Truppen freigesetzt worden, die sehr schnell große Teile der Wehrmacht hätten aufreiben können, was den Krieg womöglich entscheidend verkürzt hätte. Überhaupt verfolgt der Autor immer wieder bestimmte Kriegshandlungen, um an ihnen die Wirksamkeit der marxistischen Methode demonstrieren zu können. Krieg ist bei ihm mehr als nur militärisches Handeln. Krieg handelt immer auch von politischen Erfordernissen und gesellschaft­lichen Kräfteverhältnissen.

Weiterhin geht der Autor auf den wissenschaftliche Fortschritt ein, etwa in Form neuer Ortungstechno­logien wie dem Radar, der Entzifferung deutscher und japanischer Geheimcodes oder auch der Atombombe. Ebenso spielen für ihn ideologische Faktoren eine Rolle, insbesondere dann, wenn es darum geht, die eigene Bevölkerung zu mobilisieren und den Gegner zu demoralisieren.

Bleiben zum Schluß noch einzelne Fragen zu klären:

Warum eroberten die westlichen Alliierten nicht Berlin? In der Tat wurde der Gedanke ernsthaft erwogen und anschließend verworfen. Eisenhower befürchtete 100.000 Tote im Straßenkampf um Berlin und ließ daher die Drecksarbeit von der Roten Armee erledigen. Dabei starben 300.000 Rotarmisten.

Spielte bei der Entscheidung der westlichen Alliierten, nicht selbst Berlin zu erobern, das Abkommen von Jalta mit der Aufteilung Europas eine Rolle? Das ist nicht ganz auszuschließen. Tatsache ist jedoch, daß in Jalta nur das festgehalten worden war, was sich ohnehin abzeichnete. Sprich: die Siegermächte hatten ein realistisches Bild von ihren Eroberungen. Nicht das Abkommen, sondern reale militärische Stärke bildete die Basis der Teilung Europas.

Warum warfen die USA Atombomben auf Hiroschima und Nagasaki ab, obwohl die Japaner den Krieg faktisch verloren hatten? Es war eine Machtdemon­stration, insbesondere gegenüber der Sowjetunion. Die USA machten deutlich, daß sie zu allem bereit sein würden, um den Krieg nach ihren Wünschen zu beenden. Diese Entscheidung hatte zudem eine rassistische Komponente. Eine Atombombe auf Japanerinnnen und Japaner abzuwerfen, würde die Gemüter zuhause weniger belasten, als wenn dasselbe mit einer europäischen Stadt angestellt worden wäre.

War das Beharren auf einer bedingungslosen Kapitulation klug? Das hängt vom Standpunkt des Betrachters oder der Betrachterin ab. Weder Churchill noch Stalin waren dafür. Die Forderung verlängerte sicher den Krieg. Wäre die deutsche Bourgeoisie klüger gewesen, hätte sie schon 1944 kapituliert. Und daß es Überlegungen gab, sich mit den westlichen Alliierten zu verbünden, um gemeinsam gegen die Sowjetunion zu kämpfen, ist kein Geheimnis. Allerdings wären die Menschen in den USA im Sommer 1945 nicht bereit gewesen, den Krieg weiter zu verlängern. Die GIs begannen zu demonstrieren und gingen bis an den Rand der Meuterei, um nach Hause gelassen zu werden.

War der Kalte Krieg vermeidbar? Wahrscheinlich nicht. Als den USA klar wurde, daß der sowjetische Machtbereich nicht zurückzuge­winnen sein würde, ging es ihnen darum, den eigenen Machtbereich zu konsolidieren. Dabei kollaborierte man bewußt mit der deutschen wie mit der japanischen Bourgeoisie, zumal es ja immer noch darum ging, die Massen ruhig zu halten. In einem zweiten Schritt verkündeten die USA ihren Marshall-Plan. Ziel war die ökonomische Durchdringung des eigenen Machtbereichs und, wenn möglich, die Destabili­sierung der osteuropäischen Ökonomien. Das konnte Stalin nicht zulassen, weshalb die Kommunisten in den Ländern Osteuropas überall die Macht ergriffen. Die Teilung Europas war damit vorläufig vollendet.

Für den westlichen Kapitalismus war das kein wirklicher Beinbruch. Und wie die Geschichte zeigt, florierte der globale Kapitalismus unter US-amerikanischer Vorherrschaft mehrere Jahrzehnte mehr oder weniger vorzüglich. Und so stellt sich die Frage, wer letztlich den Krieg gewonnen hat. Die Sowjetunion ist Geschichte, die US-Wirtschaft schwächelt vor sich hin; und Deutschland und Japan erfreuen sich nicht nur (im Gegensatz zu Uncle Sam) globaler Beliebtheit, sondern auch wachsenden Einflusses. Doch dies ist eine andere Geschichte, die heute und in Zukunft abläuft.

Was bei Ernest Mandel zu kurz kommt, ist die nationalsozia­listische Vernichtungs­politik gegen die europäischen Jüdinnen und Juden. Mandel, selbst jüdischer Herkunft, hat diesem nun wirklich nicht nebensäch­lichen Aspekt ganze vier Seiten gewidmet. Offensichtlich betrachtete er den Holocaust als etwas, was aus der kapitalistischen Irrationalität weitgehend erklärt werdfen kann.

Heute, im Jahr 2005, sind 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen. Mag sein, daß es heute einfacher ist, über derart komplexe Zusammen­hänge zu diskutieren. Mag sein, daß heute die Erkenntnis, daß nicht nur der 1., sondern auch der 2. Weltkrieg ein im wesentlichen innerimperialis­tischer gewesen ist, nicht dazu führen muß, deutsche Verbrechen zu relativieren. Und doch ist zu befürchten, daß eine offenere Diskussion auch dazu führt, neue Geschichtsbilder zu entwerfen, die aus einer bestimmten interessege­leiteten Interpretation der Vergangenheit herrühren.

Ernest Mandel hat sicher in seiner Analyse grundsätzlich Recht gehabt. So ist seine Analyse wesentlich vielschichtiger, als dies zunächst erscheinen mag. Gerade seine sozialpolitische Interpretation, welche die gesellschaftlichen Kräfte benennt, die in den Krieg zogen und die diesen Krieg herbeiführten, macht sein Buch besonders lesenswert. Es zeigt, daß der Imperialismus keine Geschichte von gestern ist, sondern daß die grundsätzlichen Triebkräfte kapitalistischer Expansion bis heute weiterwirken. Diese Kräfte zu erkennen, ihre Motive zu verstehen und zu begreifen, wohin das alles führt, das ist unsere Aufgabe. Sonst wird weder der 2. Weltkrieg noch der Kalte Krieg der letzte große barbarische Krieg gewesen sein.

Ernest Mandels Buch Der Zweite Weltkrieg ist 1991 im ISP Verlag erschienen und auch heute noch im Neuen ISP Verlag lieferbar. Es kostet 17 Euro 50.

 

Schwäche oder Stärke

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 1/2005, € 9,50

Schwerpunkt des aktuellen Heftes 1/2005 der Zeitschrift Mittelweg 36 des Hamburger Instituts für Sozialforschung ist der Kalte Krieg. Hierbei geht es weniger um eine historische Darstellung oder gar Bewertung des Kalten Krieges in der West-Ost-Systemauseinander­setzung. Bernd Greiner legt in seinem Editorial den Schwerpunkt auf einen weitgehend vernachlässigten Aspekt des Kalten Krieges. Der Kalte Krieg wirkte dadurch, daß die direkten Kriegshandlungen in der Peripherie stattfanden. Man könnte, so der Autor,

„von einer Fortsetzung der seit dem 17. Jahrhundert bekannten Kolonialkriege sprechen. Diese waren – zwar nicht durchgängig, aber in hohem Maße – mit exzessiver Gewalt geführte Kriege jenseits aller Regeln und Normen des Kriegsvölker­rechts, geprägt von vorsätzlichem Terror gegen Zivilisten, Vertreibungen und einer Strategie der verbrannten Erde.“ [8]

Auf dieser Kolonialkriegsgeschichte baut der Kalte Krieg auf. Ob hierbei wirtschaftliche und politische Interessen im Vordergrund standen oder Prestige, Glaubwürdigkeit oder eine Demonstration der Macht und eigenen Stärke, mag dahingestellt sein. Allerdings eskalierten die USA diesen Krieg zu einem Zeitpunkt, als ihnen klar war, daß sie diesen Krieg nicht gewinnen konnten. Ebenso führte die Sowjetunion einen Krieg in Afghanistan mit ähnlicher Brutalität weiter, als auch dieser nicht mehr zu gewinnen war.

Cover Mittelweg 36In gewisser Weise ist diese Entgrenzung des Krieges jedoch rational. Da Menschenrechte nicht zählen, kommt es zuweilen nur noch darauf an, dafür zu sorgen, daß eine periphere Gesellschaft nie wieder in der Lage sein wird, eine selbstbestimmte, womöglich gar emanzipatorische Politik zu betreiben. Die Politik der verbrannten Erde ist in diesem Zusammenhang durchaus sinnvoll. Der Zynismus der Macht geht buchstäblich über Leichen und feiert sich selbst dann noch als Friedensbotschafter.

„Welche Rückwirkungen aber hatte die Gewalt der »kleinen Kriege« auf die Krieg führenden Gesellschaften? Sich dieser Frage nicht gestellt zu haben, gehört zu den größten Versäumnissen zeitgenössischer Forschung. Von den menschlichen Opfern ganz zu schweigen, waren die materiellen Schäden – großflächige Umweltvernich­tungen eingeschlossen – in der Dritten Welt exorbitant. Wesentlich schwerer wiegen die psychischen Schäden, zumal dort, wo über Generationen hinweg Kriege und Bürgerkriege tobten. In diesen Gesellschaften eine tragfähige gesellschaftliche Ordnung aufzubauen, scheitert oft an dem Umstand, daß ihre im Krieg sozialisierten Eliten sich an die Gewalt als Lebensform, mitunter auch als materieller Reproduktion, gewöhnt haben.“ [9]

Hier wird deutlich, welche Verbrechen von den westlichen Metropolen, aber auch der Sowjetunion, ausgegangen sind, deren Folgen bis heute nachwirken. Eines aber ist sicher: mit Gewalt und Terror ist dauerhaft jede Form emanzipatorischen Handelns unheimlich schwer gemacht worden, wahrscheinlich sogar unmöglich. Vielleicht ist dies auch einfach nur als Strafe für ungebührliches Verhalten im Verlauf der Entkolonialisierung Afrikas und Asiens zu verstehen.

Und wenn die so sozialisierten warlords heute mit westlicher Billigung und entsprechender Waffenhilfe weiter ihr Unwesen treiben, dann sind die Urheber des Ganzen nicht weit und bieten sich zynisch als Retter in der Not an. Siehe Sudan, siehe Kongo, siehe Afghanistan. Die schnelle Eingreiftruppe wird flankiert von der als humanitär getarnten Mission.

Der meiner Ansicht nach schwächste Aufsatz des Heftes stammt von Robert J. McMahon. Er befaßt sich mit den „Heißen Kriegen im Kalten Krieg“ und betrachtet sie als ein Paradox. Zwar bestehe, so der Autor, zwischen dem Kalten und den heißen Kriegen in der Peripherie ein deutlicher Zusammenhang, aber diese Kriege resultierten nicht ursächlich aus dem Kalten Krieg selbst. Vielmehr diente der kalte Krieg als Katalysator, um Konflikte in einem bestimmten Raster austragen zu können, um sich Verbündete zu sichern oder Handlungsspiel­räume zu öffnen.

Schwieriger als die Frage, welchen Zusammenhang es zwischen Kalten und den heißen Kriegen gegeben hat, läßt sich eine eher spekulative Frage beantworten: Hat die internationale Machtstruktur gar auch Kriege verhindert, vor allem in Europa?

„Einige Experten sind zum Beispiel der Ansicht, daß die ethnischen Konflikte in Jugoslawien ohne das Machtgleich­gewicht zwischen Ost und West schon viel früher ausgebrochen wären.“ [10]

Vor allem aber ist der jugoslawische Bürgerkrieg undenkbar ohne deutsche Beteiligung am Auseinander­brechen des Vielvölkerstaates zu Beginn der 90er Jahre, würde ich entgegnen. Mehr noch, Jugoslawiens Zerfall in einem Bürgerkrieg wurde geradezu provoziert durch die Schuldknecht­schaft des Landes in den 80er Jahren. Der Zwang, Devisen um jeden Preis zu erwirtschaften, führte folgerichtig zur internen Entsolidarisierung. Aber das ist eine Fragestellung, die mit dem kalten Krieg direkt nichts mehr zu tun hat.

Parallel zum Entstehen des Kalten Krieges in den 1940er Jahren verlief ein zunächst langsamer Prozeß der Entkolonialisierung. Schon das Auseinander­fallen des britischen Indien 1947/48 fällt in diese Zeit, ohne daß hier der Ost-West-Gegensatz auch nur die geringste Rolle gespielt hätte. Erst später bemühte sich vor allem Indien, eine Bewegung der Blockfreien mit aufzubauen, die den Ländern der Dritten Welt eigene Handlungsspielräume eröffnen sollte. Sowohl die USA als auch die Sowjetunion waren gezwungen, darauf zu reagieren.

Die Schwäche des Aufsatzes von Robert J. McMahon liegt in zwei Punkten begründet. Zum einen scheint er den imperialistischen Charakter kapitalistischer Globalpolitik nicht angemessen zu verstehen, zum anderen die anders gelagerten, zum Teil durchaus defensiven, Interessen der sowjetischen Bürokratie nicht zu begreifen. War der Umschlag des Kalten Krieges in die heißen Kriege der Peripherie nicht zuletzte eine Frage der Glaubwürdig­keit, wie uns der Autor versichern möchte? Fühlten sich die USA zu einer Politik der Stärke provoziert, um für ihre Bündnis­partner glaubwürdig und verläßlich zu erscheinen?

Dieser psychologische Ansatz vernachlässigt jedoch den Grundcharakter kapitalistischer Außenpolitik. Imperialismus ist jedoch keine psychologische Attitüde, sondern ein wesentlicher Bestandteil des globalen Strebens nach Profit und Reichtum. Natürlich spielen psychologische Einstellungen eine nicht zu unterschätzende Rolle, doch sie wirken immer im Rahmen vorgegebener sozialer, wirtschatlicher und politischer Strukturen. Die US-Politik seit Ende des 2. Weltkriegs war hierbei bestimmt durch das Zurückdrängen des sowjetischen Einflusses; und zwar auch da, wo dieser gar nicht vorlag.

Die Entkolonialisierung und die damit verbundenen Befreiungskämpfe zwangen die Eliten der jeweiligen Regionen, sich nicht nur Waffen und Geld, sondern auch die dazu passende Ideologie zu besorgen. Wenn in Mali oder Tansania von Sozialismus geredet wurde, dann handelte es sich jedoch streng genommen nicht um das sowjetische oder chinesische Modell, sondern um ein verbales Gegenmodell zur kolonialen Ausplünderung.

 

Zaren, Kolonien, Insurgenten

In einem weiteren Aufsatz betrachtet Roger E. Kanet „Die sowjetische Unterstützung nationaler Befreiungskriege“. Eines müssen wir vielleicht vorab festhalten: ohne die Existenz der Sowjetunion wäre es vielen Befreiungsbewe­gungen überhaupt nicht möglich gewesen, als politischer Akteur in Erscheinung zu treten, geschweige denn, zu gewinnen. Die sowjetische Globalpolitik mit einem angeblichen Sicherheitswahn, der zudem noch vom Zarismus übernommen worden sei, zu begründen, ist jedoch anmaßend. Ein Land, das im Laufe seiner Geschichte mehrfach überfallen und sowohl 1918 wie auch 1941 vor der völligen Vernichtung stand, leidet wohl kaum unter einem Wahn, wenn es um Sicherheitsfragen geht.

Zudem irrt der Autor, wenn er von einer Totalkonfron­tation druch die Sowjetunion ausgeht, die mit der Einrichtung kommunistischer Regimes in Osteuropa Ende der 40er Jahre und der Berlin-Blockade verbunden war. Der Kalte Krieg wurde nicht von der Sowjetunion losgetreten. Der Kalte Krieg kam geradezu zwangsläufig.

Die Sowjetunion trug nicht nur die Hauptlast des Krieges gegen Deutschland, sondern eroberte die wichtigsten Städte Mittel- und Osteuropas. Das US-amerikanische Bestreben ging einfach dahin, sich zurückzuholen, was die Rote Armee sich angeblich unrechtmäßig angeeignet hatte. Doch genauer betrachtet heißt dies: alles, was nicht der kapitalistischen Logik gehorcht, ist unrechtmäßig. Im Kalten Krieg ging es deshalb darum, dieses Unrecht auf längere Sicht wieder rückgängig zu machen. Nach viereinhalb Jahrzehnten war der Westen uneingeschränkt erfolgreich.

Auch Roger E. Kanet betrachtet den Kalten Krieg durch eine leicht rosa gefärbte US-amerikanische Brille. So kann er den Zusammenbruch der Sowjetunion als Auswirkung der Gorbatschow'schen Perestroika zwar beschreiben, aber nicht begründen. Wahrscheinlich ist es so, daß auch ohne Gorbatschow die Welt heute nicht viel anders aussehen würde. Historische Prozesse bringen meist die Männer und Frauen hervor, welche die notwendige Entwicklung vorantreiben.

Bleiben zwei durchaus anregende Aufsätze von Dierk Walter und Jon V. Kofas. Dierk Walter betrachtet den Zusammenhang zwischen „Kolonialkrieg, Globalstrategie und Kaltem Krieg“ anhand der Aufstände in Malaya und Kenia zwischen 1948 und 1960. Das britische Empire war hier mit zwei Bewegungen konfrontiert, welche das angeschlagene Selbstbewußt­sein weiter angriffen. Die Briten bemühten sich jedoch, zwei Dinge gleichzeitig zu bewerkstelligen; und in gewisser Weise waren sie hiermit auch erfolgreich.

Zum einen verorteten sie die kommunistische Aufstandsbewe­gung auf der Halbinsel Malaya eben nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, innerhalb des Ost-West-Gegensatzes, sondern versuchten, die Aufständischen einfach als Terroristen ohne soziale und politische Basis zu denunzieren [11]. Ähnlich gingen sie auch beim Mau-Mau-Aufstand in Kenia vor. Zum anderen waren die Briten intelligent genug zu akzeptieren, daß sie Malaya und Kenia in die Unabhängigkeit würden entlassen müssen. Die britische Kriegsführung, counterinsurgency genannt, hatte deshalb zum Ziel, durch geschickte Auswahl einer kollaborations­willigen Elite zu bestimmen, wer nach der Unabhängigkeit die britischen Interessen wahrnehmen sollte.

In diesem Zusammenhang wäre das klassische Grundlagenwerk des britischen Antiterror-Spezialisten Frank Kitson zu erwähnen, der sowohl in Malaya wie auch in Kenia an der Aufstandsbe­kämpfung beteiligt war. Kitson systematisierte seine Erfahrungen in seinem 1971 erschienenen Werk „Low Intensity Operations“, das 1974 auch auf Deutsch mit dem Titel „Im Vorfeld des Krieges“ erschien. Die Bedeutung Kitsons liegt darin, daß seine im Buch niedergeschrie­benen Erfahrungen sowohl bei der britischen Repressions­politik in Nordirland wie auch bei der deutschen Antiterror-Strategie der Inneren Sicherheit in den 70er Jahren Eingang fanden. [12]

Schließlich ist noch der gänzlich anders gelagerte Fall des griechischen Bürgerkrieges 1946 bis 1949 zu nennen. In diesem Bürgerkrieg testeten die USA erstmals die vom US-amerikanischen Präsidenten entwickelte Truman-Doktrin mit dem Ziel des Zurückdrängens des sowjetischen Einflusses aus. Griechenland war 1945 ein kriegszerstörtes und vollkommen verarmtes Land. Der Nazi-Überfall kostet ungefähr einer halben Million Menschen das Leben. Die führenden Kräfte des griechischen Widerstandes waren kommunistisch geprägt, während Stalin auf der Konferenz in Moskau im Oktober 1944 Griechenland zu 90% der britischen Einflußsphäre zugestand.

Großbritannien war nach dem 2. Weltkrieg jedoch nicht in der Lage, seinen Einfluß geltend zu machen. Deshalb setzte die griechische herrschende Klasse auf die USA, welche die Situation – gegen einen großen Widerstand in Griechenland selbst – eiskalt ausnutzten. Die Folgen waren langwierig. Das Obristenregime, das sich 1967 an die Macht putschte, nutzte hierzu nicht nur einen NATO-Militärplan, sondern bemühte sich, im Sinne seiner Auftraggeber in Griechenland und den USA, die mittlerweile neu entstandenen linken und sozialen Bewegungen zu zerschlagen. Das Regime scheiterte 1974 kläglich. Aber es zeigte sich hier einmal mehr, daß Machtinteressen nicht mit Menschenrechten vereinbar sind.

Heft 1/2005 der Zeitschrift Mittelweg 36 ist im Februar vom Hamburger Institut für Sozialforschung herausgegeben worden. Die Ausgabe beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Politik des Kalten Krieges und enthält zusätzlich die Betrachtungen des Psychoanalytikers Léon Wurmser zu Don Quijote. Das Einzelheft kostet 9 Euro 50; das Jahresabo mit sechs Heften ist für 48 Euro erhältlich.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

… mit einem Rückblick auf Ursachen und Verlauf des 2. Weltkriegs und des Kalten Krieges. Hierbei habe ich das Buch von Ernest Mandel über den 2. Weltkrieg und das aktuelle Heft 1/2005 der Zeitschrift Mittelweg 36 vorgestellt.

Ernest Mandel betrachtet den 2. Weltkrieg als eine Kombination sehr verschiedener Kriege, die zum Teil schon vor 1939 begonnen hatten noch nach 1945 zu Ende gingen. Neben dem innerimperialis­tischen Krieg um die Weltherrschaft und dem Selbstverteidigungs­krieg der Sowjetunion gegen den deutschen Überfall kamen Kriege um nationale Befreiung von Kolonialismus und Fremdherrschaft hinzu – in Asien und in Europa. Der 2. Weltkrieg war demnach nicht einfach ein Krieg der Guten gegen die Bösen, aber er war dennoch ein Krieg, in dem es notwendig war, Partei zu ergreifen.

Dennoch wäre es unangemessen zu sagen, Deutschland wäre befreit worden. Dies entspräche weder den Zielen der Alliierten noch der Selbstwahr­nehmung weiter Teile der deutschen Bevölkerung. Befreit wurden jedoch diejenigen, welche die deutsche Herrschaft erfahren haben und die verschleppt, eingesperrt oder auf übelste Weise mißhandelt und entrechtet worden waren.

Ernest Mandels Buch über den 2. Weltkrieg vermittelt uns eine Lesart der Geschehnisse, die unmittelbar mit den heutigen Zuständen auf der Erde verbunden ist. Die Gründe, die zum innerimperialistischen Krieg 1939 geführt haben, bestehen heute weiter. Koloniale Unterdrückung wurde abgelöst durch neokoloniale Praktiken; und es ist irgendwie nur eine Ironie der Geschichte, daß der ehemalige Chef der wirtschaftspolitischen Unterdrückungs­organisation Internationaler Währungsfonds heute Bundespräsident eines angeblich geläuterten Deutschlands ist.

Ernest Mandels Buch Der Zweite Weltkrieg ist 1991 erschienen. Wer sich ernsthaft mit der Geschichte Nazideutsch­lands und des 2. Weltkrieges befassen will, kommt um dieses Buch nicht herum. Es ist über den Neuen ISP Verlag immer noch lieferbar und kostet 17 Euro 50.

Auf den zweiten großen Krieg des 20. Jahrhunderts folgte zumindest in Europa eine Epoche relativen Friedens. Daß der Kalte Krieg jedoch alles andere als kalt geführt wurde, ist offensichtlich. Die Kriege in Korea und Vietnam, die Stellvertreterkriege rund um den Globus, die Instrumentalisierung von Befreiungsbewe­gungen und Repressions­regimes bilden den Schauplatz dieses kalt geführten Krieges um die Hegemonie auf der Erde. Die Sowjetunion verlor ihn und büßte mit dem Zerfall seines Staatsgebildes. Das aktuelle Heft 1 der Zeitschrift Mittelweg 36 beleuchtet einige Facetten dieses Krieges. Das Heft kostet 9 Euro 50 und ist über den regulären Buchhandel erhältlich.

Es folgte ein Veranstaltungs­hinweis auf einen Vortrag des Historikers Heinrich Pingel-Rollmann (Herford): März 1945 – Die Befreiung Darmstadts und der Region Starkenburg. Am 16. März 2005 im Hans-Böckler-Saal des DGB-Hauses Darmstadt, 19.00 Uhr. Live übertragen durch die Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt.

Diese Sendung wird in der Nacht von Montag auf Dienstag nach den Deutschlandfunk-Nachrichten um 23.00 Uhr wiederholt; und dann noch einmal am Dienstagmorgen nach dem Radiowecker um 8.00 Uhr und am Dienstagnach­mittag um 14.00 Uhr. Das Sendemanuskript zu dieser Sendung wird es in den nächsten Tagen auf meiner Homepage nachzulesen geben: www.waltpolitik.de. Es folgt nun Heinerkult, eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Siehe hierzu beispielsweise die Bücher von Zbigniew Brzezinski : Die einzige Weltmacht und den Bericht an die Trilaterale KommissionDer Kaspische Raum vor den Herausforderungen der Globalisierung.

»» [2]   Peter Benz : Von Guernica bis Darmstadt: Hitlers Angriffskrieg und die Folgen, in: Fritz Deppert / Peter Engels : Feuersturm und Widerstand. Darmstadt 1944, Seite 7–9; die beiden Zitate auf den Seiten 7 und 8.

»» [3]   Manche Gutmenschen argumentieren in der Tat so, daß man und frau ihre Ausführungen nicht von neonazistischen, antisemitischen, rassistischen etc. Gedankengängen unterscheiden kann. Ihnen ist nicht bewußt, was sie tun, aber sie tun es im Brustton der Überzeugung, es richtig zu machen.

»» [4]   Ernest Mandel : Der Zweite Weltkrieg, Seite 13.

»» [5]   Mandel Seite 15–16.

»» [6]   Mandel Seite 132–133. So betrug das Gesamtgewicht der 1943 auf Deutschland abgeworfenen Bomben etwa 187.000 Tonnen, von denen etwa 12% auf Industrieanlagen und U-Boot-Basen abgeworfen wurden. Ein nützlicher Nebeneffekt dieser Bombardements war auf jeden Fall, daß die Luftwaffe gezwungen war, Flugzeuge von der russischen Front abzuziehen, um sie gegenüber einem überlegenen Gegner zu verheizen. Ob dies jedoch kriegsentscheidend war, ist schwierig zu belegen. Doch es ging wohl um etwas anderes, so Mandel auf Seite 134: „Schließlich war es das Ziel, eine allgemeine Desorganisation der deutschen Gesellschaft, einen Zusammenbruch des städtischen Lebens, ein Versagen all der elementaren Mechanismen der industriellen Zivilisation zu verursachen. In dieser Hinsicht war das Flächenbombarde­ment weitgehend erfolgreich. So sehr, daß die Stärke der Arbeiterklasse untergraben wurde und die Möglichkeit eines massiven Aufschwungs der Kampfbereitschaft der deutschen Arbeiter (und erst recht die Möglichkeit einer deutschen Revolution) – eine ständige Furcht nicht nur der Nazis und der deutschen Imperialisten, sondern ebenso der Alliierten – allmählich verschwand.“ Daß die Furcht vor einem Erstarken der von den Nazis zerschlagenen ArbeiterInnen-Bewegung kein Wunschdenken eines Trotzkisten gewesen ist, zeigt sich daran, daß alle nach 1945 neu oder wieder entstandenen großen Parteien der Sozialisierungs­frage des Eigentums großes Gewicht beimaßen. Es gab durchaus ein, wenn auch nicht überall verbreitetes, Bewußtsein über den Zusammenhang von Kapital und Naziherrschaft.

»» [7]   Mandel Seite 59.

»» [8]   Bernd Greiner : Editorial, in: Mittelweg 36, Heft 1/2005, Seite 3–4; Zitat auf Seite 3.

»» [9]   Greiner Seite 4.

»» [10]   Robert J. McMahon : Heiße Kriege im Kalten Krieg. Überlegungen zu einem Paradox, in: Mittelweg 36, Heft 1/2005, Seite 5–21; Zitat auf Seite 6.

»» [11]   Es ist immer wieder zu beobachten, daß die Definitionsmacht über das, was „Terrorismus“ genannt wird, bei denen liegt, die seit fünf Jahrhunderten die gesamte Erde terrorisiert haben.

»» [12]   John McGuffin listet in seinem 1974 erschienenen Buch The Guinea Pigs Kitsons Einsatzgebiete auf: Kenia, Malaya, Zypern und Oman. Von 1970 bis 1972 war er Armeekomman­dant in Belfast; McGuffin bezeichnet Nordirland als „Testgebiet“ für die in Kitsons Buch verarbeiteten Kolonialer­fahrungen [dort Seite 139–140]. Das Vorwort zur deutschen Ausgabe „Im Vorfeld des Krieges“ endet mit den prophetischen Worten: „Es bleibt somit, analog zum Vorwort der englischen Ausgabe, nur zu hoffen, daß dieses Buch von allen denen, die sich mit Fragen unserer äußeren und inneren Sicherheit befassen oder sich hierfür interessieren, gelesen und verstanden wird. Die Konsequenzen werden sich dann von selbst ergeben.“ [Seite 11]. Siehe hierzu auch die Besprechung des Buchs von Frank Kitson durch Dale Wharton [1996], den Artikel Wars of National Liberation – Insurgency von Colonel Wendell E. Little [1980], den Artikel Prosons and low-intensity conflict: The need for a peacebuilding approach von Michael von Tangen Page [1997, PDF], sowie den Artikel British Counter Insurgency Strategy [2000].


Diese Seite wurde zuletzt am 10. Juni 2010 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2005, 2010. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

URL dieser Seite : http://waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_2welt.htm

Zur vorangegangenen Sendung

Zur nachfolgenden Sendung

 
 
 
Valid HTML 4.01 Transitional  Valid CSS!