Lucas Zeise
Lucas Zeise beim Vortrag

Kapital – Verbrechen

Die Abzockmaschine stockt

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 24. November 2008, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 24./25. November 2008, 23.00 bis 00.00 Uhr
Dienstag, 25. November 2008, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 25. November 2008, 14.00 bis 15.00 Uhr [1]

Zusammenfassung:

Lucas Zeise sprach am 18. November 2008 in Darmstadt über das Ende der Party auf den Finanzmärkten. Anzumerken bleibt, daß die Finanzkrise nicht als spekulative Blase begriffen werden darf, sondern als logische Konsequenz kapitalistischer Akkumulation. Sie steht insofern im Widerspruch zur „Realwirtschaft“, als sie einen bestimmten Anteil der gesamthesellschaftlichen Profitmasse abzwackt, doch ohne diese Blase wäre der Kapitalismus nicht funktionsfähig. Wenn hier von Abzocken die Rede ist, dann nicht im Sinne einer Heuschrecken­plage, sondern zur Kennzeichnung des Wesens des Kapitals als gesellschaftlichem Verhältnis, in dem es nur auf den Profit ankommt.

Besprochenes Buch:

Lucas Zeise : Ende der Party, Papyrossa Verlag

 


 

Jingle Alltag und Geschichte

Passend zum Chaos an den Börsen und Finanzplätzen im Oktober 2008 erschien im Papyrossa Verlag ein kleines Büchlein mit dem Titel Ende der Party. Der Autor, Lucas Zeise, kann als Insider gelten. Als Finanzjournalist war er an der Gründung der Financial Times Deutschland mitbeteiligt. Die jetzige Finanzkrise ist nicht die erste und wird auch nicht die letzte bleiben. Aber sie ist erklärungsbeürftig und hierzu trägt sein Buch bei. Es ist so aktuell, wie ein Buch nur sein kann. Kurz nach Redaktionsschluß brach im Oktober die Panik so richtig aus.

Auf 196 Seiten beschreibt Lucas Zeise auch für ökonomische Laien verständlich das Innenleben und die Funktionsweise der Spekulationsblase, die sich nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes im Jahr 2000 neu gebildet hat. Doch wer könnte den Inhalt seines Buches besser zusammenfassen als der Autor selbst? Praktischerweise kam er am vergangenen Dienstag auf Einladung der DKP zu einem Vortrag in den Linkstreff Georg Fröba nach Darmstadt. In der folgenden Stunde hört ihr deshalb den Vortrag von Lucas Zeise, den er über das Ende der Party gehalten hat.

Am Mikrofon ist Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Die gesamte Sendung einschließlich des Vortrags ist auf dem Audioportal des Bundesverbandes Freier Radios anzuhören bzw. herunterzuladen: [fundstelle]

Jingle Alltag und Geschichte

In der vergangenen Stunde hörtet ihr einen Vortrag von Lucas Zeise über das Ende der Party, gehalten auf Einladung der DKP am 18. November [2008] im Linkstreff Georg Fröba in Darmstadt.

Die Frage nach der Revolution verweist uns an den Anfang des Vortrags von Lucas Zeise: die Verhältnisse sind reif für eine Veränderung, aber wir sind nicht bereit. Lucas Zeises Buch Ende der Party endet deshalb auch mit recht pragmatischen, ja geradezu handzahmen Positionen. Selbstverständlich muß das Finanzsystem wieder einer demokratischen Kontrolle unterworfen werden. Schon die durchaus löchtigen Regeln anzuwenden, die sich das internationale Finanzsystem selbst gegeben hat, also die beiden Abkommen von Basel, würde sicherlich die eine oder andere Spekulationsblase verhindern können.

Buchcover Lucas Zeise "Ende der Party"Andererseits teile ich die Position von Lucas Zeise nicht, wenn er den Zentralbanken und den Institutionen der Finanzaufsicht „Versagen“ vorwirft. Zwar sagt auch er, daß diese Institutionen gar nicht in der Lage waren, das Finanzsystem zu kontrollieren. Entscheidend ist jedoch, daß der aufgeblähte Finanzsektor Ausdruck derselben neoliberalen Blase ist wie seine Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und eben auch Finanzaufsicht. Das Besondere am neoliberalen Wahnsinn ist doch, althergebrachte Strukturen aufzubrechen und hierdurch neue Möglichkeiten zur Steigerung der Profitrate des Gesamtsystems zu eröffnen.

Die Mechanismen sind vielfältig: Deregulierung, Armutsgesetzgebung, Korruptionsbekämpfung gehören dazu genauso wie Hedge-Fonds. Gerade die „Heuschrecken“ [2] wirbeln nicht nur den Kapitalmarkt, sondern auch ganze Konzerne durcheinander. Die verbrannte Erde ist die Saat für neue Profite. Und genau darum geht es. Die sozialen Kosten haben das Kapital und seine Helfershelfer in Regierungen und Parlamenten noch nie interessiert.

Insofern habe ich auch Zweifel, was die Schwäche der herrschenden Klasse betrifft. Es ist richtig: das Finanzkapital hat sich auf Kosten der Realwirtschaft aufgebläht und wird jetzt eingedampft. Aber das, was wie Schwäche aussieht, ist etwas anderes. Es gibt Zusammenarbeit zwischen den Regierungen nur, wo sie allen Beteiligten nützt oder wo Verluste abgewendet werden können. Ansonsten schaut auch hier jede und jeder, die eigenen Schäfchen ins Trockene zu holen und den Rest absaufen zu lassen. Nach mir die Sintflut. [3]

Doch zurück zum Buch. Lucas Zeise zeigt uns recht genau, wie die globale Party organisiert worden ist, welche Tricks sich Banker haben einfallen lassen, wie das Finanzsystem funktioniert; und wir sind vielleicht gar nicht mehr so erstaunt, daß die Krise nach Redaktionsschluß des Buches fast schon so offen zutage trat, wie der Autor es beschrieben hat. Vor allem aber können wir die Sprechblasen von Frau Merkel nun genausogut einschätzen wie die des neuen Hoffnungsträgers in den USA, Barack Obama.

Die Revolution steht in der Tat nicht vor der Tür [4]. Deshalb plädiert Lucas Zeise für vernünftige Lösungen, ohne das Kapital grundsätzlich in Frage zu stellen. Natürlich weiß er, wem es nützt, und er weiß auch, wer bluten muß. Nur mit gehörigem gesellschaftlichem Druck läßt sich aus der Krise die Korrektur von schwarz-gelb-rot-grüner Politik erreichen. Konjunktur­programme mögen hier eine nützliche Sache sein. Doch die Frage bleibt: wem nutzen sie? Demokratische politische Kontrolle des Finanzwesens inklusive der Zentralbanken ist sicherlich nützlich und vor allem machbar. Aber wer kontrolliert diese Kontrolleure, die doch demselben politischen Personal und denselben wirtschaftlichen Verbindungen entstammen wie diejenigen, die kontrolliert werden sollen? Und eine weitere Frage bleibt völlig ausgeklammert: Geht auch diese Runde globalen Wahns zu Lasten der Milliarden Menschen in der Dritten Welt?

Das Kurieren von Krisensymptomen läßt das Monster weiter leben. Das ist nicht dem Autor anzulasten, sondern – uns. Insofern kommt das Buch von Lucas Zeise zum richtigen Zeitpunkt. Es ist als Basis­information wichtig und aufgrund seiner Anatomie des Finanzsektors lesenswert. Es erfordert jedoch – wie ich finde – andere und radikalere Schlußfolgerungen. Das Buch trägt den Titel Ende der Party und ist vor kurzem für 14 Euro 90 im Papyrossa Verlag erschienen.

Außerhalb der Sendung möchte ich noch darauf hinweisen, daß eine gründliche Endredaktion dem Buch nicht geschadet hätte; die Hinterlassenschaften des Fehlerteufels ärgern bei der Lektüre zuweilen doch. Ernsthafter ist ein Tippfehler auf Seite 128, den offensichtlich alle Beteiligten übersehen haben, obwohl er direkt ins Auge springt. Demnach wollte die Allianz 1991 ihren Mehrheitsanteil an der IKB verkaufen. „Der damalige Bundesfinanzminister Hans Eichel“ entsprach diesem Wunsch. Das kann nicht sein, denn Eichels Zeit kam erst noch. Tatsächlich fand der Vorgang 2001 statt.

Am Mikrofon war Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   Die Erstausstrahlung wurde aufgrund des seit Monaten im Sendehaus grassierenden Minute 34-Syndroms um knapp eine Minute gekürzt. Folglich trat im Anschluß an die Sendung ein Sendeloch auf, zumal die Technikerin der nachfolgenden Sendung Äktschn! offensichtlich nicht konzentriert im Sendestudio den Übergang auf die eigene Sendung überwacht hat. – Entgegen den Richtlinien des Programmrats von Radio Darmstadt beschloß auch diesmal ein Wissenschafts­redakteur, die Wiederholung des Abend­programms schon im Hintergrund zu starten, während vordergründig auf dem Sender die vom Deutschlandfunk übernommenen Nachrichten um 23.00 Uhr zu hören waren. Der Programmrat, der als Marionette „Hand in Hand“ mit dem Vorstand zusammenarbeitet, versagt hier ein weiteres Mal in seinem angestammten Aufgaben­feld und kümmert sich nicht um die bewußt herbeigeführten Veränderungen im Programmablauf. Die Redakteure der Wissenschaftsredaktion stehen offensichtlich auf dem Standpunkt, daß es der Hörbarkeit des Programms von Radio Darmstadt gut bekommt, mitten in einen laufenden Vortrag hineinzuplatzen. Ob sie das in ihrem eigenen Studium an Darmstadts Hochschulen ähnlich handhaben?

»» [2]   Eine fürchterliche Bezeichung für einen Auswuchs des ganz normalen kapitalistischen Wahnsinns.

»» [3]   Karl Marx : Das Kapital, Band 1, in: Marx-Engels-Werke, Band 23, Seite 285: „In jeder Aktienschwindelei weiß jeder, daß das Unwetter einmal einschlagen muß, aber jeder hofft, daß es das Haupt seines Nächsten trifft, nachdem er selbst den Goldregen aufgefangen und in Sicherheit gebracht hat. Après moi le déluge! <Nach mir die Sindflut!> ist der Wahlruf jedes Kapitalisten und jeder Kapitalisten­nation.“ – Interessanter­weise steht diese Passage in Marx's Darstellung der rastlosen Vernutzung menschlicher Arbeitskraft! Er fährt nämlich fort: „Das Kapital ist daher rücksichtslos gegen Gesundheit und Lebensdauer des Arbeiters, wo es nicht durch die Gesellschaft zur Rücksicht gezwungen wird.“ Das ist heute nicht anders als zu den Zeiten, die Marx an dieser Stelle beschreibt.

»» [4]   Anspielung auf den Vortrag von Lucas Zeise.

 


 

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