Antisemitismus

Anmerkungen zu einer instrumentalisierten Realität

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Antisemitismus
Anmerkungen zu einer instrumentalisierten Realität
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 11. August 2003, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 12. August 2003, 00.00–01.00 Uhr
Dienstag, 12. August 2003, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 12. August 2003, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Initiative Sozialistisches Forum : Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten, ça ira Verlag
  • Moshe Zuckermann : Zweierlei Israel? Konkret Literatur Verlag
 
 
Zum Zusammenhang zwischen dem im Sendemanuskript genannten Gerhard Wisnewski, seinem Verschwörungsszenario zum 11. September 2001, rechten Claqueuren und Antisemiten siehe den Text von Ivo Bozic: Cui bono? Den Antisemiten!
 
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Antisemiten haben die bessere Lobby
Kapitel 3 : Jungfräuliches Land
Kapitel 4 : Feudale Unterlegenheit
Kapitel 5 : Kantische Träume
Kapitel 6 : Diskussionsgrundlagen
Kapitel 7 : Alarmsignale ?!
Kapitel 8 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Radio Darmstadt – RadaR

mit der Sendereihe Kapital – Verbrechen. Mein heutiges Thema lautet: Antisemitismus – Anmerkungen zu einer instrumentalisierten Realität. Die Existenz des Antisemitismus in Deutschland und auch in der deutschen Linken (soweit es sie noch gibt) ist unbestreitbar. Dennoch wird der Antisemitismus–Vorwurf auch dazu genutzt, damit Politik zu machen. Dies gilt gleichermaßen für diejenigen, die mit diesem Vorwurf arbeiten, wie für diejenigen, die eher von einer Antisemitismus–Keule sprechen. Eine wirkliche Auseinandersetzung wird oftmals gar nicht erst geführt und gewollt.

Um diesen Sachverhalt näher zu beleuchten, werde ich zwei auf sehr unterschiedliche Weise lesenswerte Bücher vorstellen. Zum einen das 2002 in zweiter Auflage im freiburger ça ira-Verlag erschienene Buch Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten. Zum anderen das im Konkret Literatur Verlag herausgebrachte Gespräch mit dem israelischen Historiker Moshe Zuckermann und dem Titel Zweierlei Israel? Auskünfte eines marxistischen Juden.

Durch die Sendung führt Walter Kuhl.

Jingle Alltag und Geschichte

 

Antisemiten haben die bessere Lobby

Im Dezember 2002 sagte Wolfgang Schmitt, Sprecher der attac–Regionalgruppe Trier auf einer Veranstaltung zur NPD sinngemäß: "Für alles ist Geld da, nur nicht für die Jugend. Letztens hat der Staat schon wieder drei Millionen für die Juden ausgegeben." Auf den antisemitischen Ton seiner Äußerung angesprochen, verwies er auf seine jüdische Tante und seine vielfältigen jüdischen Bekannten. Antisemitismus sei ihm daher fremd. Und dann schrieb er seinen Kritikerinnen und Kritikern im Januar 2003:

Ich lasse mich von keinem in eine Ecke stellen, weder links noch rechts noch in eine antisemitische. [...] Die Tatsache, daß die Bundesregierung dem Zentralrat der Juden 3 Millionen Euro für die Förderung des Judentums in Deutschland zur Verfügung gestellt hat, hat bei mir das Maß voll gemacht. Warum muß das in Anbetracht leerer Staatskassen sein, dieser Kotau vor dem Zentralrat der Juden? [...] Die Beziehung der Deutschen zu den Juden ist gewiß eine besondere. Aber der deutsche Staat sollte heute, im 21. Jahrhundert, mutig genug sein, Selbstbewußtsein an den Tag zu legen, zu sagen, die Vergangenheit war grausam, aber wir leben im Jetzt und Heute, in einer neuen Dimension mit anderen Voraussetzungen. Vergessen wollen wir nicht, aber auf der ständigen Anklagebank wollen wir auch nicht mehr sitzen. Es ist Geschichte. Die Zeit ist aus. [...] Es drängt sich der Verdacht auf, daß die Juden die bessere Lobby haben.

Offensichtlich haben die Juden auf der Grundlage dieser Gedankenwelt nicht nur in Deutschland die bessere Lobby. Viktoria Waltz, Dozentin an der Universität Dortmund, schreibt hierzu in der April–Ausgabe 2002 der Sozialistischen Zeitung:

Warum sehen wir nur weinende Israelinnen, aber niemals palästinensische Trauernde und Verzweifelte? Gibt es sie nicht auch? Warum hören wir nie etwas über die Beweggründe der Selbstmordattentäter? Weil sie immer gleich erschossen werden, damit sie gar nicht erst sprechen können [...]? Warum hören wir kaum eine fundierte Kritik und zweifelnde, Partei nehmende Stellungnahme gegen Unrecht, während in den europäischen und auch den amerikanischen Medien Hintergründe und Aufdeckungen jede Menge zu erhalten sind? Clintons Wahlkampf durch die israelische Arbeitspartei mitfinanziert, Bushs Wahlkampf durch den Likud–Block; fast die Hälfte der amerikanischen Regierungsmitglieder sind Doppelstaatler, Israelis und Amerikaner [...]. [1]

Na, dann müssen wir uns ja um Israel und die dort lebenden Jüdinnen und Juden keine Sorgen mehr machen. Oder doch? Ganz andere Fragen stellen sich bei Boykottaufrufen gegenüber Israel. Boykottiert Israel, stand schon Ende der 80er Jahre an der Hausfassade der besetzten Häuser in der Hamburger Hafenstraße zu lesen. Was damals (vielleicht) noch als gutgemeinte solidarische Geste gegenüber der palästinensischen Intifada angesehen werden konnte, wird auch heute noch diskutiert. Unterschiedlich und mit unterschiedlich gewollter Wirkung.

Das halbamtliche Regierungsblatt der zivilisatorischen rotgrünen Menschenrechtsregierung, also die taz, veröffentlichte am 18. April 2002 einen wohlwollenden Artikel zu einem skandinavischen Boykott israelischer Waren aus den besetzten Gebieten, der in der Online–Ausgabe dann zielstrebig mit einem Link auf eine islamistische Haß–Seite versehen wird. [2]

Auch in Tübingen ist letztes Jahr eine entsprechende Initiative zum Boykott israelischer Siedlerwaren ins Leben gerufen worden, welche sich der Unterstützung der bekannten ehemaligen israelischen Rechtsanwältin Felicia Langer versichern konnte. Ob dies den Boykottaufruf besser macht, weiß ich nicht, aber es belegt, daß vielleicht doch ehrenwerte Motive zugrunde liegen könnten.

Aber wie weit ist es vom Boykott israelischer Waren bis zu Hirngespinsten wohlgelittener Meinungsmacher? Der WDR sendete am 20. Juni 2003 zu später Stunde einen Film des verschwörungstheoretischen Bestseller–Autors Gerhard Wisnewski zu den wahren Hintergründen des 11. September. Wisnewski ist der Miterfinder des durch die Realität längst widerlegten verschwörungstheoretischen Machwerkes Das RAF–Phantom. Genauso wahr wie das RAF–Phantom wird dann auch der Unsinn sein, den er zum 11. September von sich gegeben hat. Wisnewski stellte auf seiner Website unverblümt die entscheidende Frage:

Steckte Sharon hinter den Anschlägen vom 11. September 2001? Hat er so die arabische Welt in Misskredit gebracht und die Aggression der Supermacht USA auf sie gelenkt? [3]

Selbstverständlich ist das nur eine Frage, ganz unschuldig natürlich. Und deshalb ließ er eine Unterlassungsklage verschicken, als er deshalb in der Berliner Zeitschrift Jungle World als "offener Antisemit" geoutet wurde. Dazu vermerkte Ivo Bozic – das ist derjenige, der Gerhard Wisnewski einen offenen Antisemiten genannt hatte – ganz richtig:

Kennen Sie einen Antisemiten? Nein? Kein Wunder. Denn es gibt gar keine. Noch die letzte braune Dumpfbacke legt wert darauf, kein Antisemit zu sein. Man ist ja nur gegen Sharon oder gegen Israel oder gegen den Zionismus oder gegen den Ostküstenkapitalismus, egal, alles, nur nicht gegen die Juden an sich. Und selbst dann wäre man ja noch kein Antisemit, weil auch Araber Semiten sind, und solange man zumindest die Araber mag, kann man also gar kein Antisemit sein. Sie sehen also, es gibt nicht nur keine Antisemiten, sondern wenn man es genau betrachtet, auch keinen Antisemitismus. [4]

Und damit wir das auch richtig verstehen, schreibt Gerhard Wisnewski, dieser Vorwurf mache ja schon auch deshalb keinen Sinn, weil seine Frau aus einer jüdischen Familie stamme. Bei dem einen ist es die Tante, bei dem anderen die Ehefrau. Und wo der eine das Ende der Anklagebank herbeiwünscht, schreibt der andere auf seiner Homepage:

Die Verbrechen an den Juden haben ein Recht auf einen angemessenen Platz in der Geschichte. Sie haben ein Recht darauf, daß man an sie denkt und sich ihrer als Warnung erinnert – auch als Warnung vor Verbrechen der Juden. Denn sonst wäre das Opfer Millionen jüdischer Menschen völlig umsonst gewesen. [5]

Diese Bemerkung ist von einer derart bemerkenswerten Schwachsinnigkeit, daß man sich fragen muß, warum ein Autor derartigen Unsinns im WDR munter seine Verschwörungstheorien ausplaudern darf. Oder liegt es nur daran, daß Antisemitismus keinerlei Begründung bedarf, weder einer intellektuell wertvollen noch einer schwachsinnigen? Weil er immer dort ankommt, für wen er bestimmt ist.

So auch hier: die Verbrechen an den Juden haben ein Recht auf einen angemessen Platz in der Geschichte. Sehr interessant. Vor allem haben die von uns begangenen Verbrechen das Recht, euch Juden daran zu erinnern, euch gefälligst nicht so aufzuführen, weil ... ihr erinnert euch ja, was mit euch passiert ist. Weil: wenn ihr so weiter macht, war das Opfer von Millionen Menschen völlig umsonst. Natürlich hat Wisnewski das ganz gewiß nicht so gemeint, schon gar nicht die daraus unausgesprochene Konsequenz, denn er hat ja eine Ehefrau aus einer jüdischen Familie. Aber er hat es so geschrieben.

Henryk Broder kommentiert dann auch nur noch lapidar:

[A]uf eine solche Idee kann nur einer kommen, der kein offener, dafür aber ein praktizierender Antisemit ist. Da hat die Jungle World wohl das falsche Adjektiv gewählt, mit dem Substantiv dagegen lag sie ganz richtig. [6]

Beispiele wie diese lassen sich noch mehr finden. Sie belegen einen unterschwelligen Antisemitismus, der dort zum Ausdruck und auch zum Ausbruch kommt, wo ihn wohlmeinende Gutmenschen nie erwarten würden. Bei attac etwa, dieser emanzipatorischen und globalisierungskritischen Bewegung. Etwa am 10. Mai 2002 in Stuttgart, bei der ein Redner auf einer Veranstaltung von attac fast unwidersprochen sagen durfte, Paul Spiegel wolle jede Kritik an Juden im Keim ersticken. Paul Spiegel und Michel Friedman seien eine ungeheuerliche Bedrohung für Deutschland. Sie seien Kriegstreiber und gehörten beide vor ein Kriegsgericht.

Vielleicht ist es doch kein Zufall, daß derart antisemitische Ausfälle gerade bei attac auf fruchtbaren Boden fallen. Nicht, daß ich attac für eine antisemitische Organisation halten würde. Doch schon im Gründungsgedanken der Organisation kommt die wahre Leidenschaft zum Ausdruck. Besteuert werden soll ja über eine Tobin Tax das vagabundierende und rastlos raffende Finanzkapital, das für die Störungen der globalen Wirtschaft verantwortlich sei.

Kein Zufall ist es, wenn sich die Anhängerinnen und Anhänger eines gewissen Silvio Gesell unter die Kritikerinnen und Kritiker des globalen Zinssystems scharen. Silvio Gesell, er lebte Anfang des 20. Jahrhunderts, war gleichermaßen Sozialdarwinist wie Eugeniker wie Frauenfeind – und eben auch Antisemit. Das lag ja auch nahe. Als kleiner Kaufmann konnte er ja nicht auf die Idee kommen, daß die Ausbeutung der Arbeit von Frauen und Lohnabhängigen ein Problem sein könnte, sondern die Tatsache, daß er als kleiner Gewerbetreibender (heute sagt man und frau beschönigend "Mittelstand") Zinsen für Kredite zahlen mußte. Hier stimmt der Satz: Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Seine eigene Täterrolle als kleinkapitalistischer Ausbeuter ließ er unter den Tisch fallen und projizierte sie auf diejenigen, die angeblich seine schaffende wertvolle Tätigkeit schamlos ausplünderten. [7]

Und deshalb geht es mir in der heutigen Sendung auch weniger um Israel und seine barbarische Kriegsführung gegen die palästinensische Bevölkerung. Diese Kriegsführung hat allerdings nichts mit jüdischen Eigenarten zu tun, sondern nur mit ganz ordinären kolonialistischen Mustern einer ganz normalen kapitalistischen Gesellschaft. Ich erlaube mir daher in dieser Sendung die Beschäftigung mit einem Ausschnitt dieses Sachverhalts und mache einige Anmerkungen zu einer instrumentalisierten Realität: dem Antisemitismus.

 

Jungfräuliches Land

Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten lautet der Titel des in zweiter Auflage im freiburger ça ira–Verlag erschienenen Buches der dortigen Initiative Sozialistisches Forum. Nun stellt sich die durchaus berechtigte Frage, wen es interessiert, was die Restbestände der deutschen Linken noch zu sagen haben, und vor allem, wen es interessiert, wenn sie sich gegenseitig herunterputzen. Deshalb werde ich die Tiraden gegen die Linke, die darin vorgetragen werden, auch wegfallen lassen. Wer sich ein eigenes Weltbild so zurecht konstruiert, daß alle anderen nur böse sein können – eben die Linke vereint von olivgrün bis maorot –, kann entweder nicht ernst genommen werden oder muß schon gute Argumente beibringen können, um die eigene Positionierung zu legitimieren.

Ob die Argumente wirklich so gut sind, möchte ich meinen Hörerinnen und Hörern überlassen zu entscheiden; dennoch stecken einige Gedankengänge zum Thema Antisemitismus in dem Band, welche es vielleicht ermöglichen, nicht nur dieses Phänomen besser zu beleuchten, sondern auch zu begründen, warum die Juden und Israel so viel Haß auf sich ziehen.

Denn zunächst einmal kann es dafür ja keinen Grund geben. Die Juden sind eine Nationalität wie viele andere auch, wenn auch mit der nicht unwesentlichen Ausnahme, daß sie eine besonders unterdrückte bzw. verfolgte Nationalität waren und sind. Weiterhin ist der Staat Israel zunächst einmal ein stinknormaler kapitalistischer Staat, vielleicht mit der einzigen Ausnahme, daß seine Existenz auf relativ später kolonialistischer Landnahme beruht. Also – um genau zu sein: die jüdischen Siedlerinnen und Siedler kamen etwa 150 Jahre nach der US–amerikanischen Unabhängigkeitserklärung an. Das Ziel war jedoch dasselbe und die Methoden durchaus ähnlich. Wer erzählt, daß die jüdischen Siedler mal hier ein Stück Land gekauft oder dort eine Wüste begrünt hätten, und daß dies die friedliche Siedlungsgeschichte ausmachen würde, hat weder etwas vom Kolonialismus noch von der Geschichte Israels verstanden.

Die jüdischen Siedlerinnen und Siedler waren jedoch keine ganz normalen Siedlerinnen und Siedler. Sie kamen zumeist aus Ländern und Gesellschaften, in denen sie vor der Wahl standen, sich zu assimilieren, also ihre wie auch immer geartete Identität aufzugeben, ohne je sicher vor antisemitischen Ausfällen sein zu können. Oder ihnen wurde die Assimilierung verweigert und sie wurden verfolgt, wie etwa in den Pogromen Osteuropas. Insofern ist es durchaus folgerichtig, wenn die Parole der zionistischen Landnahme lautete: Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land. Das Problem war zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur, daß es kein jungfräuliches Land mehr gab. Also mußte man eines herbeiphantasieren. Einer der zionistischen Pioniere, Vladimir Jabotinsky, schrieb daher – und zwar durchaus hellsichtig für die Zukunft:

Unbevölkerte Inseln gibt es auf diesem Erdball nicht mehr. [...] Wenn es in der Welt ein Volk ohne Boden gibt, dann ist das bloße Träumen von einer nationalen Heimstätte – ein unethisches Beginnen. Die Obdachlosen sollen für immer heimatlos bleiben; aller Boden auf der Erdkugel ist bereits verteilt und Schluß. So fordert's die Ethik. Es gibt von uns, wie verlautet, 16 Millionen in der Welt: die Hälfte davon führt buchstäblich das Leben eines verjagten Hundes. Araber gibt es 38 Millionen, sie umfassen [...] eine Fläche [...] von der Größe des halben Europa. Auf diesem Riesenterritorium befinden sich je 16 Araber auf einer englischen Quadratmeile; [während] zum Vergleich [...] in England 669 auf eine Quadratmeile entfallen. Von noch größerem Vorteil ist es, sich zu erinnern, daß Palästina annähernd den zweihundertsten Teil dieses Territoriums darstellt. Aber wenn das obdachlose Judentum für sich Palästina beansprucht, erweist sich das als unmoralisch, weil die Einheimischen dies für sich als unbequem betrachten. Bei den Kannibalen gibt es Raum für eine solche Ethik, nicht in der zivilisierten Welt. Der Boden gehört nicht denen, die davon zuviel haben, sondern denen, die keinen haben. Ein Latifundien–Volk um ein Partikelchen zu enteignen, zugunsten eines Exilanten–Volkes, das stellt einen Akt der Gerechtigkeit dar. Wenn das Latifundien–Volk das nicht wahrhaben will – was an sich völlig natürlich ist, so müssen Vorkehrungen getroffen werden, daß es wenigstens nicht mit Hilfe von Mordgesellen und Attentätern stören kann. [8]

Wie bei jeder guten Ideologie springen Wahrheit und verfälschende Behauptungen munter durcheinander. Denn die in Palästina ansässigen Araberinnen und Araber waren kein Latifundien–Volk. Richtig ist, daß es ausgewachsenen Großgrundbesitz in den Händen Weniger gab; die Bäuerinnen und Bauern waren weitgehend vom Gutdünken und der Beschäftigung ihrer herrschenden Klasse abhängig. In dem Moment, wo dem Latifundien–Volk, also den Großgrundbesitzern, das Land weggenommen wurde, wurde gleichzeitig Hunderten, wenn nicht Tausenden die Lebensgrundlage entzogen. Zivilisierte Ethik eben.

Es ist natürlich albern, wenn die Palästinenserinnen und Palästinenser auf ihrem Boden bestehen, weil er ihnen auch vorher nicht gehört hatte. Aber Nationalismus macht blind gegenüber Klassenunterschieden und verklärt eine überhaupt nicht idyllische Vergangenheit zu einem identitätsstiftenden Moment. Und daraus erwachsen in der Tat Mordgesellen und Attentäter, ganz wie es Vladimir Jabotinsky vorausgesagt hat. Nur – er vergaß, daß Vertreibung verbittert und eine nicht vorhandene Lebensperspektive sich meist in männlicher Gewaltlogik entlädt.

Insofern ist es auch unsinnig, die arabische Welt zum Hort des blutrünstigen Islamismus zu erklären, wie es durchaus auch bei deutschen Linken geschieht. So ist in der antideutschen Zeitschrift Bahamas von den Palästinensern als dem "derzeit wohl aggressivsten antisemitischen Kollektiv zu lesen" [9] – womit klar ist, daß die völkische Zuschreibung von Ressentiments eine durchaus deutsche Spezialität ist, selbst wenn sie, wie im Nebensatz bemerkt wird, nicht so gemeint ist, sondern ganz anders:

Es handelt sich dabei vielmehr darum, einen kritischen Begriff von Verlaufsform und Resultat völkischer Mobilmachung zu gewinnen, bei der nur noch das bedingungslose Mitmachen zählt und die schließlich eine Gesellschaft hervorbringt, [...] in der ein als Bündnis von Mob und Elite fungierendes volksgemeinschaftliches Kollektiv gegen die äußeren und inneren Feinde in Stellung geht. [10]

Die Redaktion dieser Bahamas kommt daher zum Abschluß des Buches auch programmatisch zu Wort: Für Israel – gegen die palästinensische Konterrevolution! Wer jedoch in Ressentiments denkt, dürfte Schwierigkeiten haben, die Realität angemessen wahrzunehmen und zu interpretieren. Leider gibt es dann auch noch Menschen aus dem antideutschen Spektrum, die meinen, dem Ganzen die satirische Krone aufsetzen zu müssen. Sie sammeln allen Ernstes für Waffen für Israel, weil: davon hat Israel ja nicht genug. Ich kann darin nicht mehr als das Ausleben kindlicher Allmachtsphantasien sehen; und die sind in der Hand von Erwachsenen meist gefährlich: hier demnach, auch einmal (genauso, nur anders als Joschka Fischer) den gerechten Krieg spielen zu dürfen. Denn: wir sind die Guten. [11]

 

Feudale Unterlegenheit

Doch kommen wir noch einmal auf die Argumentationslogik von Vladimir Jabotinsky zurück. Einen ähnlichen Gedankengang formuliert auch die Initiative Sozialistisches Forum, und darüber wäre zumindest einmal nachzudenken:

Die Entstehung Israels verdankt sich der Ungleichzeitigkeit der Globalisierung des Kapitals. Der welthistorisch einzigartige Moment des Untergangs des Osmanischen Imperiums schuf jenes politische Machtvakuum und jenen weißen Fleck, den der künftige israelische Souverän nutzte, um sich zu installieren. Theodor Herzl mochte noch aufrichtig der Meinung sein, sein Projekt läge im allgemeinen Interesse eines auf Aufklärung und Fortschritt erpichten Abendlandes [...]. De facto allerdings handelte die Jewish Agency nicht als Generalbeauftragter des Westens, sondern als Souverän, der die Widersprüche zwischen den Mächten der Metropole wie die Konflikte innerhalb der arabischen Gesellschaft als Bedingungen seiner Möglichkeit zu behandeln wußte. Während die noch feudalen Formen verhaftete arabische Gesellschaft den Untergang des Osmanischen Reiches nicht zur Setzung eigener Nationalstaaten nutzen konnte [...], eigneten sich Frankreich und Großbritannien den herrschaftslosen Raum an und teilten ihn unter sich auf. Syrien, Libanon, Irak, Jordanien usw.: Die künstlichen Gebilde, die sie dabei schufen, waren eher Verwaltungseinheiten als Nationen [...]. Der Jischuw als einzige bürgerliche Gesellschaft im Nahen Osten verdankt seine Existenz dieser Ungleichzeitigkeit, die er in einem politisch souverän nutzte wie ökonomisch ausbeutete. [12]

Oder anders gesagt: die Kolonisten nutzten den Umstand feudaler Desorientierung gnadenlos aus und gingen dabei auch über Leichen, wie andere Kolonisten dies in den Jahrhunderten zuvor in anderen Gegenden getan hatten. Nichts daran ist so ungewöhnlich, daß ausgerechnet der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern als erster benannt wird, den es weltweit zu befrieden gilt. Oder vielleicht doch: die Juden als (angebliche) Nicht–Nationalität haben es gewagt, ihren eigenen Staat zu gründen.

Der gerade vorgestellte Gedanke greift jedoch noch etwas anderes auf: erstens, daß Israel nicht ein zionistisches Konstrukt, ein Gebilde ist, wie es bis heute zu lesen ist, sondern eine wahrgenommene Option kolonialer Siedlerpolitik, die zur erfolgreichen Nationbildung geführt hat. Und zweitens, daß eine ganze Menge nationaler Grenzen so künstlich sind wie der Herrschaftsanspruch der darin lebenden herrschenden Klasse. Allerdings wird dies ausgerechnet Israel vorgeworfen; und da stellt sich schon die Frage nach dem antisemitischen Warum?

Fragen wir also nach den Wurzeln des Zionismus, eine Ideologie, die zumindest in ihren Anfängen (nach Ansicht der Autorinnen und Autoren) erst einmal nichts weiteres gewesen ist als eine nationale Befreiungsideologie. Daß derartige Ideologien ihre Eigendynamik entwickeln und sich zur Legitimation von Macht und Eroberung auswachsen, soll uns erst einmal nicht beschäftigen. Denn:

Das Dilemma des Zionismus als nationaler Befreiungsbewegung der Juden liegt darin, die Juden als "Volk" und als Basis legitimer Staatsgewalt konstituieren zu müssen, genauer: wollen zu müssen, das heißt ein "Volk" zu produzieren, dessen positive Gemeinsamkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts – außer in den Restbeständen religiöser Tradition – in nichts anderem bestand als in der Negativität gemeinsamer vergangener, gegenwärtiger und wahrscheinlich künftiger Verfolgung. Die Gemeinsamkeit der Juden als ein "Volk" konnte weder aus ihrer fraglosen Einheit als Material einer Staatsgewalt abgeleitet, nicht über ihre zweifellose Synthesis als Subjekte einer Ökonomie rekonstruiert noch durch ihren unstrittigen Zusammenhang als Bekenner eines Glaubens gestiftet werden. Der objektive Grund ihrer Zusammengehörigkeit als Gemeinschaft der Verfolgten blieb den Juden [...] notwendig verborgen. [13]

(Ich betone dieses schon im Buch mit Anführungszeichen versehene Wort Volk deshalb so besonders, nicht um Jüdinnen und Juden oder Israelis etwas abzusprechen, sondern weil ich grundsätzlich bezweifle, daß es Völker gibt.)

Jedenfalls – diese (als mehr oder minder geduldete Staatsbürger) Verfolgten machen sich selbständig und gründen einen eigenen Staat; mehr noch: es ist der einzig halbwegs demokratische Staat der Region, der in gewissen Grenzen auch Wohlstand und Fortschritt repräsentiert. Das macht nicht nur neidisch, das kann nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Also erhält der Antisemitismus neue verschwörungstheoretische Nahrung. Israel wird zum Grundübel der arabischen Welt erklärt; denn an irgend etwas muß es ja liegen, daß die arabische Welt weder zu Freiheit noch zu Demokratie, weder zu Wohlstand noch zu emanzipatorischem Fortschritt kommt. – Allerdings ist die israelische Politik daran durchaus mitschuldig.

 

Kantische Träume

Leider verkommen die erkenntnistheoretischen Gewinne aus der Analyse der Entstehung der zionistischen Besiedlung Palästinas hin zur Staatsgründung Israels, wenn sie ideologisiert werden. Und den Fehler der Ideologisierung macht die Initiative Sozialistisches Forum.

Es bezieht sich hierbei auf einen Gedanken von Immanuel Kant über die Idee des Weltbürgerrechts. Es ist das Recht eines Fremdlings, auf dem Boden eines Anderen nicht feindselig behandelt zu werden. Es ist ein Gast–, kein Besuchsrecht, welches allen Menschen zusteht, weil alle gemeinsam die Erde besitzen und sich nicht einfach in Luft auflösen können, wenn sie sich nicht irgendwo ansiedeln dürfen. Daraus folgt: keine und niemand hat mehr Recht auf ein Stück Land als ein anderer oder eine andere. So nett der Gedanke ist, er funktioniert nur in der Abgehobenheit der Idee oder in einer klassenlosen Gesellschaft. Die nackte Realität ist eine andere. Man und frau kann nicht einfach irgendwo hinkommen und sich Land aneignen. Fragen sollte man und frau vielleicht schon und sich vor allem auch wie ein Gast verhalten. Es gibt genügend Schilderungen der jüdischen Kolonisierung Palästinas, die darauf hinweisen, daß die vorgefundenen Araber wie Bimbos behandelt worden sind. Auf dieser Grundlage ein Gast– oder gar Besuchsrecht einzufordern, ist albern.

Wir können uns darüber streiten, wem der Boden gehört oder gehört hat. Nur gibt das keiner und niemandem das Recht, andere zu vertreiben, nur um auch leben zu können, egal womit sich die Vertriebenen dann durchschlagen dürfen. Dies ist jedoch die historische Erfahrung jeder kolonialen Besiedlung, nicht nur in Palästina, sondern auch in Algerien, Australien oder Brasilien. Jungfräuliches Land gab es dort überall, nur dummerweise sahen das die dort Lebenden ein wenig anders und mußten daher vertrieben oder ermordet werden.

Der Antizionismus als Reaktion auf die erfahrene Gewalt ist nicht einfach als Antisemitismus abzutun. Er ist beides: antisemitisch und nicht–antisemitisch. Es kommt immer auf den Zusammenhang und die Motivation an, in der er sich äußert.

Israel ist ein Faktum. Und Israel ist – zumindest auf absehbare Zeit – nicht in seiner Existenz bedroht. Selbstmordattentäter sind nämlich keine Existenzbedrohung für den Staat Israel, sondern eine für einzelne Bewohnerinnen und Bewohner. Wer dies verwechselt, begreift die mörderische Logik – oder besser: Dialektik – zwischen Scharon und Hamas und all den anderen Tätern nicht.

Wenn wir nicht im Kapitalismus mitsamt seiner Raubtiergesellschaft leben würden, wäre die Lösung offenkundig. Da die zionistische Ideologie jedoch nicht zuletzt auch eine kapitalistische ist, ist es nicht so elegant und einfach, wie es uns die Initiative Sozialistisches Forum in ihrem Band Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten erklären wollen. Als Ideologiekritik des Antizionismus als einer Spielart des Antisemitismus ist das Buch dennoch interessant, wenn ich auch selbst zu anderen Schlüssen kommen würde. Den Kritikern der israelischen Besatzungspolitik ist ein Blick hierein allemal zu empfehlen. Es schärft zumindest das Denkvermögen und führt vielleicht dazu, nicht in jeden antisemitischen Fettnapf zu treten, und hoffentlich erst recht dazu, die eigenen unreflektierten Ressentiments zu überprüfen.

Zwei Fallbeispiele antisemitischer Polemiken in freien Radios machen deutlich, daß die unreflektierte Übernahme von Klischees im günstigesten Fall nur dumm, im Normalfall jedoch nicht akzeptabel ist. Debatten im freiburger Radio Dreyeckland und letztes Jahr im hamburger Freien Sender Kombinat zeigen jedoch auch, daß linke – sich als emanzipatorisch verstehende – Medienprojekte alles andere als frei sind von Antisemitismus, aber auch von Rassismus und Sexismus. Die beiden Debatten werden im Buch dargestellt, eine weiterführende Lektüre auf den Webseiten der betroffenen Radiosender ist jedoch unbedingt zu empfehlen. [14]

Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten ist im freiburger ça ira-Verlag erschienen und kostet 13 Euro.

 

Diskussionsgrundlagen

Differenzierter, vielleicht manchmal auch naiver, betrachtet der israelische Historiker Moshe Zuckermann den Zionismus, die Staatsgründung Israels, den Antisemitismus und die arabisch–palästinensische Welt. Angesichts dessen, daß Zuckermanns Äußerungen zu Deutschland und Israel auch gerne von den Gegnern Israels benutzt worden sind, wollten es Thomas Ebermann, Hermann Gremliza und Volker Weiß genau wissen, also Zuckermann auf den Zahn fühlen. Herausgekommen ist hierbei ein ausdrucksvolles Gespräch, das für zukünftige Mißverständnisse, wenn es denn welche waren, keinen Raum läßt. Zum Beispiel beim Begriff und der Wirkung des Zionismus. Zuckermann betrachtete sich früher einmal als linker Zionist, heute jedoch nicht mehr:

Aber nicht [als] Antizionist. Für mich war der Zionismus welthistorisch nicht ein [von Vornherein] zu Verneinendes. Debattiert werden kann nur, was im Zionismus [im Nachhinein] zutage trat, schon im Ursprungszionismus angelegt war. [15]
Was der Zionismus richtig wollte, ist ins Gegenteil umgeschlagen durch zionistische Realpolitik. Das gilt nicht nur für die Sicherheitsfrage, es gilt für die sozialistischen Ideale, für die Einheit des Volkes, für den säkularen Staat. Es gilt für sehr vieles, was der Zionismus sich vorgestellt hat und wovon wir heute wünschten, es hätte sich verwirklichen lassen. Wir können heute nicht mehr vom klassischen Zionismus reden, ohne den real existierenden Zionismus in Israel in Augenschein zu nehmen. [16]
Im großen und ganzen halte ich die Gründung des Staates Israel für ein nicht nur vom Standpunkt des Zionismus aus gelungenes Projekt. So sehr gelungen, daß ich nicht nur aus ideologischen Gründen entschieden habe, dort leben zu wollen – was mittlerweile nicht mehr ganz selbstverständlich ist: Viele Leute meines Umfelds haben eine andere Entscheidung getroffen. Ich bin in Israel geboren. Ich bin mit 21 Jahren, nachdem ich zehn Jahre in Deutschland gelebt habe, zurückgekehrt. Das war eine erwachsene Entscheidung. Ich will in diesem Land auch weiterhin leben und dort um das kämpfen, worum es zu kämpfen gilt.
Israel ist durch die Shoa zur Notwendigkeit geworden. Aber die Shoa ist mehr oder weniger auch zur Matrix der Mentalität der israelischen Gesellschaft geworden und fetischisiert worden. Der Moment der Angst ist umgeschlagen in Ideologie, und daraus haben sich in der politischen Kultur eine ganze Menge Probleme ergeben. Andererseits ging die Gründung Israels einher mit einer großen Katastrophe des palästinensischen Volkes. Das darf man als Linker, als Humanist nie vergessen. [17]

Moshe Zuckermann macht jedoch eines klar: mit deutschen Linken debattiert er nicht über die Existenz Israels. Dafür ist seine Binnensicht der israelischen Verhältnisse erhellender als vieles, was andernorts zu lesen oder zu hören ist. Hier ist jemand, der sich Gedanken dazu macht, und jemand, dem die israelische Gesellschaft viel zu sehr ans Herz gewachsen ist, als daß er sie Leuten wie Scharon überlassen wollte. Dabei beleuchtet er ein Grundproblem der israelischen Gesellschaft, das aus seinen Gründungswurzeln geradezu notwendig erwachsen mußte – das Problem des Verhältnisses von Zionismus und Religion.

Wenn man [...] die Juden aus aller Herren Länder im Land Israel zusammenführen wollte, mußte man die Frage beantworten: Warum Israel? Es gab nur eine Antwort: Weil es das von Gott verheißene biblische Land ist. Wie sollte man auch all diesen Juden aus aller Welt, die nichts miteinander gemein hatten außer ihrer Religion, eine kollektive Identität auf andere Weise anbieten? Wenn nicht mit der negativen Bestimmung, der vom Antisemiten geprägten Identität des Juden, dann war die Religion in der Tat das einzige positive Angebot in dieser Hinsicht. [18]

Ein weiteres gesellschaftliches Problem ist das zwischen westlichen, osteuropäischen und orientalischen Juden, das sich nicht nur kulturell artikuliert, sondern auch politischen Zündstoff birgt. Ethnisch begründetes fundamentalistisch–religiöses Ressentiment mitten in der israelischen Gesellschaft. Und das ist nicht zuletzt die Basis der erfolgreichen Politik von Barak und Scharon.

 

Alarmsignale ?!

Doch neben der Diskussion über deutsche und israelische Zustände ist ein ganz anderer Gedankengang wert, erzählt zu werden. Nachdem nämlich Moshe Zuckermann sich hat anhören müssen, wie schlimm und antisemitisch Deutschland sei, sagte er etwas sehr Interessantes:

Mir fällt [...] auf, daß wir in eine sehr interessante Rollenverteilung geraten sind: Ihr wehrt meine vehemente Israelkritik ab, ich wehre eure vehemente Deutschlandkritik ab. Ihr sagt, ihr wollt euch nicht in einen Alarmismus hineinreden, aber ich bin bereits alarmiert. Wenn ich ernst nehme, was ihr sagt, dann haben unsere Politiker recht, die den in Deutschland lebenden Juden sagen: Packt eure Sachen und haut hier ab. Und ihr müßt dann umso alarmierter sein über die Lage der Araber in Israel. Ich rede nicht von den Palästinensern in den besetzten Gebieten, ich rede von den Arabern in Israel. Denn nicht nur, daß die vom Staat nicht beschützt werden, sie werden vom Staat seit fünfzig Jahren ausgegrenzt, diskriminiert, ausgeschlossen und – zuletzt wieder im Oktober 2002 – vom Staat erschossen. [...]
Ein Standardspruch auf Israels Fußballplätzen heißt: Tod den Arabern. Und so kann man vielleicht auch verstehen, warum es Israelis gibt, die den Arabern wie Ungeheuer vorkommen. Man müßte unter solchen Voraussetzungen wirklich auf's höchste alarmiert sein. Denn etwas Unabänderliches liegt in solchen Erscheinungen und Strukturen. Ich bin aber nicht alarmiert. Ich halte alles, was historisch gewachsen ist, für historisch überwindbar. Ich bin nicht der Meinung, daß alle Israelis geborene Antiaraber und Rassisten seien. Und ich meine, daß Grundstrukturen, die sich gesellschaftlich in Deutschland erhalten haben, sich nicht in alle Ewigkeit perpetuieren müssen, sondern sich wandeln können. [...]
In Israel gelte ich einerseits als der große Schwarzmaler, andererseits aber auch als unverbesserlicher Optimist, der meint, daß alles, was gesellschaftlich konstruiert ist, auch dekonstruiert und neu konstruiert werden kann. Wenn ich daran nicht mehr glauben könnte, wenn Gebilde grundsätzlich nicht veränderbar wären, wenn wir also emanzipativ, aufklärerisch, potentiell auch revolutionär nichts bewirken können, dann ist alle Arbeit und sind auch diese Gespräche hier zwecklos, es bliebe nichts als der moralisierend erhobene Zeigefinger. [19]

Bleiben zwei Bemerkungen zu machen. Erstens geht Zuckermann davon aus, daß es ein Ende der nicht zuletzt von Israel ausgehenden Gewalt geben muß. Er macht sich wenig Illusionen über den Friedensprozeß, weiß er doch auch, daß ein israelischer und ein palästinensischer Staat wirtschaftlich aufeinander angewiesen sein werden – und das unter den asymmetrischen Voraussetzungen eines globalen neoliberalen Marktes. Aber eine positive Alternative hierzu sieht er nicht.

Zweitens widerspricht er denen, die einen eigenständigen arabisch–islamischen Antisemitismus herbeireden, der nur dazu dient, die eigenen Gewaltphantasien den guten Israelis unterzuschieben, die mit dem terroristischen Gesindel aufräumen dürfen.

Der Antisemitismus, den es in der arabischen Welt heute gibt,

(und bei dem auch Zuckermann zugeben muß, eine Gänsehaut zu bekommen)

muß politisch begriffen werden, wenn man ihn bekämpfen will, und nicht als Horrorvisionen der Ausweglosigkeit instrumentalisieren. Ich will ja nicht sagen, die arabische Welt sei meine Lieblingswelt, in der alles edel und gut ist. Der Antisemitismus hat dort Formen angenommen, die zwar heute noch nicht die Vernichtung der dort lebenden Juden bedeuten, aber daß es da wildeste Phantasien gibt, das kann kein vernünftiger Mensch auch nur versuchen, in Frage zu stellen. Daraus eine Dämonisierung des Islams ableiten zu wollen [...], halte ich für falsch. [...] Die Dämonisierung des Islam ist für mich ein politisches Problem und kein religionsphilosophisches. Der Islam ist heute ein Instrument im Kampf großer Teile der Dritten Welt mit der Ersten. [20]

Das macht den Islam (wie jede andere fundamentalistische Religion auch) nun sicher nicht sympathischer. Doch wenn das stimmt, was Moshe Zuckermann zur antisemitischen Dynamik der arabischen Welt sagt, und wenn seine eigene Einschätzung der gewaltförmigen Fortentwicklung der israelischen Gesellschaft zutrifft, dann frage ich: Warum erhebt ein Teil der deutschen Restlinken den Antisemitismus sozusagen zum Hauptwiderspruch und bejubelt die israelischen Angriffe auf palästinensische Städte und Dörfer? Warum werden hier Vernichtungsphantasien von deutschen Linken ausgetragen und wozu benötigen wir eine Waffensammlung für die israelische Armee? Ich denke, dies ist eine zutiefst psychologische Frage; denn rational ist dieses Verhalten nicht, wenn es auch so marginal ist, daß garantiert die meisten meiner Hörerinnen und Hörer noch nie etwas davon gehört haben werden. Und das führt mich zu dem Gedanken, daß manchmal ein Antisemitismus–Vorwurf für etwas instrumentalisiert wird, was mit Jüdinnen, Juden oder Israel nicht das Geringste zu tun hat.

Daß Antisemitismus dennoch anzutreffen ist, ist unzweifelhaft. Meine wenigen Beispiele am Anfang der Sendung sind nur als Hinweis auf die Spitze eines Eisberges zu verstehen. Moshe Zuckermanns Auskünfte eines marxistischen Juden jedenfalls sind unter dem Titel Zweierlei Israel? im Konkret Literatur Verlag erschienen. Der Interviewband kostet sinnvoll angelegte 12 Euro.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute zum Thema: Antisemitismus – Anmerkungen zu einer instrumentalisierten Realität. Unter Herbeiziehung zweier auf sehr verschiedene Weise interessanter Bücher zum Thema. Zum einen von der Initiative Sozialistisches Forum der Band Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten über Israel und die linksdeutsche Ideologie. Der Band ist im ça ira-Verlag erschienen und kostet 13 Euro. Zum anderen erklärt der israelische Historiker Moshe Zuckermann im Gespräch mit Thomas Ebermann, Hermann Gremliza und Volker Weiß kategorisch:

Israel ist durch die Shoa zur Notwendigkeit geworden. Israel muß bestehen. Wenn Juden meinen, in diesem Land ihr Land zu sehen, ist das keine Frage, über die ich mit Deutschen gut diskutieren kann.

Dieses Gespräch ist unter dem Titel Zweierlei Israel? im Konkret Literatur Verlag erschienen und kostet 12 Euro.

Am kommenden Montag werde ich voraussichtlich zwei weitere Bücher vorstellen, die auf unterschiedliche Weise auch mit Antisemitismus zu tun haben. Da wäre zum einen der neuaufgelegte Band des israelischen Psychologen Dan Bar–On über seine Gespräche mit Kindern von NS–Tätern mit dem Titel Die Last des Schweigens. Zum anderen ein Buch zur Psychoanalyse von Vatererfahrung, männlicher Entwicklung und negativem Ödipuskomplex von Josef Christian Aigner mit dem Titel Der ferne Vater.

Die heutige Sendung der Reihe Kapital – Verbrechen wird am Dienstag um Mitternacht, nach dem Radiowecker mit Holger Coutandin ab 8 Uhr und noch einmal ab 14 Uhr wiederholt. Es folgt nun eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Mehr zu diesem speziellen Lobbyismus in meiner Sendung Abgesang auf die Vergangenheit.
[2]   Mehr zur taz und ihrer Begeisterung für boykottierende Islamisten in meiner Sendung Keren Assaf über New Profile.

[3]   Ich kenne mich mit semantischen Feinheiten nicht so aus. Vielleicht können mir die Leserinnen und Leser dieser Anmerkung hier ein wenig weiterhelfen. Auf der Homepage von Gerhard Wisnewski ist folgender Eintrag zu lesen:

Another 9/11?
(4.9.02) Steckte Sharon hinter den Anschlägen vom 11.9.2001? Hat er so die arabische Welt in Mißkredit gebracht und die Aggression der Supermacht USA auf sie gelenkt? Und: Wird er es, da der Widerstand gegen einen Irak–Krieg weltweit wächst, nochmal tun? Eine gewagte Spekulation, ausgelotet hier.

Es folgt der Link auf ein Diskussionsforum, in das ein Beitrag eines LaRouche–Anhängers und/oder Mitarbeiters gepostet wurde (Jeffrey Steinberg, www.larouchepub.com/eiw, 30.8.2002). Ob gewagt oder nicht. Die Quelle ist alles andere als vertrauenswürdig, und das hätte Wisnewski auch so kennzeichnen müssen. Hat er aber nicht. Soviel zum Thema journalistische Sorgfaltspflicht. Doch der Clou kommt noch. Auf derselben Seite bezichtigt Wisnewski den Jungle WorldAutor Ivo Bozic, eine "Verleumdungskampahne" gegen ihn [Wisnewski] zu führen und schreibt:

In dem Artikel selbst reiht sich Falschbehauptung an Falschbehauptung: [...]
8. Ich würde folgende Frage auf meiner Webseite stellen: »Steckte Sharon hinter den Anschlägen vom 11. September 2001? Hat er so die arabische Welt in Misskredit gebracht und die Aggression der Supermacht USA auf sie gelenkt?«

Entweder fehlt jetzt etwas auf der Wisnewski–Homepage, nämlich das Dementi, oder das Dementi folgt nach der nächsten angeblichen Verleumdung. Denn der Text schließt sich ohne Lücke an:

Ferner soll dort stehen:
Scharon »will die arabische Welt vernichten, und die Leiche Arafats als Sahnehäubchen obendrauf haben«. Die arabische Welt stehe vor einem »Genozid«, vor einem »nie da gewesenen Völkermord«.
Diese Behauptung ist falsch. Richtig ist: Diese Frage und Behauptung wird auf meiner Webseite nicht (auf) gestellt.
Sie wurde schon vor Monaten aus redaktionellen Überlegungen gelöscht [...]."

Also, so wie ich das sehe, steht die angebliche Falschbehauptung in aller Offenheit so da, wie es Ivo Bozic auch geschrieben hat. Oder ist das nur eine semantische Frage? Oder steht die Behauptung nur deshalb nicht da, weil sie jemand anderes, nämlich ein Anhänger des rechtsradikalen Lyndon LaRouche auch nicht selbst, sondern von einem "nicht registrierten Benutzer" namens "Hans" hat posten lassen? Das jedenfalls, worauf sich Wisnewski ohne innere Distanzierung bezieht, also Verschwörungs–Müll einer rechtsradikalen Organisation, steht hier [Dieser Link führte am 13. April 2004 jedoch ins Leere.].

[4]   Jungle World 31/2003.
[5]   Nachzulesen ganz am Ende der Seite Jeder Dritte vermutet hinter 11. September Regierungs-Verschwörung. Was immer das aussagen soll, was jeder Dritte vermutet – wenn überhaupt irgendetwas, dann belegt es den Hang zu irrationalen Deutungsmustern. Und damit sind die Leserinnen und Leser auf der Seite von Gerhard Wisnewski genau richtig.
[6]   Henryk Broder in der Jüdischen Allgemeinen vom 30. Juli 2003.
[7]   Unter dem Titel "Schaffendes" und "raffendes" Kapital ist auf den Internetseiten von Context XXI ein Text von Peter Bierl vorhanden, der auf Die Tauschringe, die Lehre des Silvio Gesell und der Antisemitismus näher eingeht: http://contextxxi.at/html/lesen/archiv/c21010207.html.
Siehe zu Silvio Gesell auch den analytisch lesenswerten Aufsatz von Robert Kurz : Politische Ökonomie des Antisemitismus, erschienen in Krisis, Heft 16/17 (1995): http://www.giga.or.at/others/krisis/r-kurz_antisemitismus_krisis16-17_1995.html.
[8]   zit. nach ISF : Furchtbare Antisemiten …, Seite 97.
[9]   zit. nach ISF : Furchtbare Antisemiten …, Seite 176.
[10]  ISF : Furchtbare Antisemiten …, Seite 176–177.
[11]  Kostprobe gefällig?: Krieg dem Baath-Regime, Waffen für Israel!
[12]  ISF : Furchtbare Antisemiten …, Seite 77–78.
[13]  ISF : Furchtbare Antisemiten …, Seite 64–65.
[14]  Zum Konflikt 2002 im Freien Sender Kombinat siehe: www.fsk-hh.org/doc2index.html.
[15]  Das nachfolgende Zitat war in der Diskussion ursprünglich vorangestellt.
[16]  Moshe Zuckermann : Zweierlei Israel?, Seite 13.
[17]  Moshe Zuckermann : Zweierlei Israel?, Seite 15.
[18]  Moshe Zuckermann : Zweierlei Israel?, Seite 20.
[19]  Moshe Zuckermann : Zweierlei Israel?, Seite 92–93.
[20]  Moshe Zuckermann : Zweierlei Israel?, Seite 135–136.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 20. September 2009 aktualisiert.
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