Mahnmal
Mahnmal für die während des National­sozialismus ermordeten Sinti gegenüber dem Justus-Liebig-Haus in Darmstadt

Kapital – Verbrechen

Antiziganistische Kontinuitäten

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Mittwoch, 29. Juli 2009, 19.00 bis 21.00 Uhr

Wiederholt:

Donnerstag, 30. Juli 2009, 01.10 bis 03.10 Uhr
Donnerstag, 30. Juli 2009, 10.00 bis 12.00 Uhr
Mittwoch, 16. September 2009, 21.00 bis 23.00 Uhr

Zusammenfassung:

Tödliche Ressentiments gegen Sinti und Roma haben in Deutschland eine jahrhunderte­lange Tradition. Der national­sozialistische Völkermord war Kontinuität und Eskalation in einem. Das Nachkriegs-Deutschland setzte auf seine demokratisch-rechts­staatliche Weise Ausgrenzung, Kriminalisierung und Vertreibung fort. Es bedurfte einer in den 70er Jahren einsetzenden selbstbewußten Bürger/innen/­rechts­bewegung von Sinti und Roma, damit die Mehrheits­gesellschaft zumindest zur Kenntnis nimmt, daß Sinti und Roma keine „Zigeuner“ sind. Die Ressentiments bleiben jedoch bestehen.

Besprochene Bücher:

Zwischenmusik:

Sandy Lopicic Orkestar

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

In den folgenden beiden Stunden hört ihr das „Alltag und Geschichte Magazin“. Doch so richtig magazinisch wird es nicht werden. Leitthema werden die antiziganistischen Zustände sein, die nicht nur in Deutschland, sondern auch andernorts anzutreffen sind. Allerdings haben Deutsche und die von ihnen zu diesem Zweck gewählten Nazis den ganz normalen antiziganistischen Wahnsinn in einen massen­mörderischen verwandelt. Wir werden noch hören, wie ein lokales Presseorgan den überlebenden Sinti das Überleben irgendwie nicht so recht verziehen hat.

Ressentiments und Klischees bestimmen unser Denken und sicher auch unser Handeln. 1993 und 1994 wurden antiziganistische Einstellungen in der deutschen Bevölkerung abgefragt, und wenig überraschend kam dabei heraus, daß mehr als zwei Drittel weder Sinti noch Roma als Nachbarn haben wollten und ein Drittel sich dafür aussprach, sie gleich aus Deutschland auszuweisen. Ein halbes Jahrhundert nach dem Völkermord scheint eine ethnische Säuberung in diesem Land durchaus diskutabel zu sein. Immerhin leben etwa 70.000 Sinti und Roma mit deutschem Paß in Deutschland.

Die Befindlichkeiten, die hierin zum Ausdruck kommen, haben mit realen Sinti und Roma nicht das Geringste zu tun. Wer von uns kennt schon welche? Ein Standard-Stereotyp lautet, Roma klauen. In den vergangenen Wochen habe ich in der Universitätsbibliothek den „Griesheimer Anzeiger“ der 50er, 60er und 70er Jahre gelesen. Eine im übrigen auch aus zeit­geschichtlicher Sicht recht spannende Lektüre. Bemerkenswert häufig wird vor Diebinnen und Dieben gewarnt.

Offensichtlich war Griesheim in Bezug aufs Klauen im vergangenen Jahrhundert sogar ein richtiges Nest. Schon während der französischen Besatzung der 20er Jahre gehörte hier der Diebstahl zum ganz normalen Alltag. Ihr ahnt es schon – es waren keine Sinti und keine Roma, die Diebinnen und Diebe waren ganz normale Deutsche. Volksdeutsche, wie ich polemisch hinzufügen möchte. Und da ist es doch ganz praktisch, einen zu kennen, der eine kennt, die wiederum erfahren hat, daß irgendwo eine „Zigeunerin“ dabei gesehen wurde, wie sie … und so weiter. Das entlastet die Seele, das Gewissen und bereitet den Boden für eine Moral, die in Auschwitz endet, oder moderner: in Pogromen wie in Rostock-Lichtenhagen 1992 oder in einer ethnischen Säuberung. Man oder frau könnte glatt vermuten, daß hier die lästige Konkurrenz beseitigt werden soll.

Am Mikrofon ist Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

Geschichte und Gegenwart einer Disposition

Besprechung von : Markus End, Kathrin Herold, Yvonne Robel (Hg.) – Antiziganistische Zustände, Unrast Verlag 2009, 284 Seiten, € 18,00

Noch eine Bemerkung zu den Griesheimerinnen und Griesheimern. Ich gebe nur den Eindruck einer Zeitungs­lektüre wieder, also das, was im lokalen Hausblatt zu lesen stand. Ansonsten leben die Menschen aus Griesheim in Bezug auf Beschaffungs­kriminalität genauso auffällig oder unbescholten wie der Rest der Menschheit auch. Griesheim ist als ein Beispiel für Zustände zu verstehen, wie sie auch andernorts anzutreffen sind. Und nur nebenbei: wer hat es nicht in seinem Leben schon einmal mit Besitz oder Eigentum nicht ganz so genau genommen? Die oder der werfe den ersten Stein. [1]

In dieser Sendung geht es jedoch nicht um Griesheim, sondern um Antiziganismus.

Darmstädter Stadtpost, 24. Juni 2009Ein Ressentiment benötigt keine realen Grundlagen, es ist da. Es ist nützlich, es dient dem eigenem Spiegelbild, und so wird es kultiviert. Rund sechshundert Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung leben die meisten Sinti und Roma seßhaft unter uns. Das vielzitierte „fahrende Volk“ ist ein Mythos, in Deutschland ein deutscher Mythos. Der strukturelle Antiziganismus, der sich hierin ausdrückt, ist der Untersuchungs­gegenstand eines Buchs, das ich, ohne den Rest des Jahres abzuwarten, unumwunden zum „Buch des Jahres“ erklären würde. Es heißt „Antiziganistische Zustände“ und ist im Unrast Verlag herausgekommen. Die Autorinnen und Autoren des Sammelbandes machen uns den Zugang zu diesen Zuständen und vielleicht auch zu uns selbst nicht einfach. Ihre Sprache ist akademisch, ihr Vokabular wissenschaftlich, ihre Aussage intellektuell. Und doch kann ich nur sagen: es lohnt sich, bis zum Schluß des Buches durchzuhalten.

Aufgearbeitet wird die Geschichte und ideologische Funktion des Antiziganismus. Sogenannte „Zigeuner“ wurden schon 1498 für „vogelfrei“ erklärt. Spätestens hier setzt eine fünfhundert­jährige Geschichte der Verfolgung, Ausgrenzung und Ermordung ein. Vogelfrei zu sein, war keine idyllische Freiheit von den Zwängen der Arbeits­gesellschaft, sondern ein Todesurteil. Wer für vogelfrei erklärt wurde, konnte jederzeit aus niedrigsten Beweggründen getötet werden. Seither stehen die „Zigeuner“ für das Andere, konstituieren damit sozusagen aus dem Negativen heraus das eigene Selbst­verständnis, was insbesondere Roswitha Scholz im theoretischen Teil und Anda Nicolae Vladu und Malte Kleinschmidt am Beispiel der Identitäts­stiftung Rumäniens sehr eindringlich und klar aufzeigen.

Überhaupt zeigt sich, daß der Umgang mit Sinti und Roma vielfach einer Projektion entspringt. So wurden „Zigeuner“ beschuldigt, kleine Kinder entführt zu haben; tatsächlich jedoch war es die Politik des modernen Staates des 19. und 20. Jahrhunderts, die Roma-Kinder ihren Eltern wegnahm, um sie mittels Schulen und Pflegefamilien an ein der bürgerlichen Gesellschaft gefälliges Leben zuzuführen. Sozusagen „Integration“ und Assimilation auf die harte Tour.

Der nationalsozialistische Völkermord an den europäischen Sinti und Roma, dem etwa eine halbe Million Menschen zum Opfer fielen, wäre, zumindest in Deutschland, nicht möglich gewesen ohne die Vorarbeit der Polizei­behörden. Schon in der Weimarer Republik wurden Listen bekannter Sinti angefertigt, auch der von den Nazis ermordete Wilhelm Leuschner war als hessischer Innenminister an der Verrechtlichung der Verfolgung maßgeblich beteiligt.

Buchcover Antiziganistische ZuständeEs entsprach dem selbstver­ständlichen Selbst­verständnis des aufgeklärten Bürgertums schon vor dem National­sozialismus, daß Sinti und Roma anders seien, daß sie zu beobachten, zu registrieren und zu kontrollieren seien. Unterstützt wurde diese Politik von pseudo­wissenschaftlichen ethnologischen Forschungen. Darauf konnten die Nazis problemlos aufbauen, und die hieraus entstandenen Karteien wurden bis in die 80er Jahre an deutschen Universitäten für die Forschung genutzt. Erst die aufkommende Bürger­rechtsbewegung der Sinti und Roma in den 70er und 80er Jahren konnte diesem Spuk – hoffentlich – ein Ende setzen.

Allerdings zeigt die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, daß das Erbe des National­sozialismus auch unter demokratischen Bedingungen fortgeführt werden konnte. Die Polizeiakten über Sinti und Roma fanden auch weiterhin in speziellen Karteien, etwa die der berüchtigten bayerischen Landfahrer­zentrale, Verwendung. Proteste führten 1970 zur deren offizieller Auflösung. Aber Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn sich nicht Mittel und Wege finden ließen, die Praktiken rassistischer Erfassung weiter fortzuführen. So wurden in Köln und Hamburg spezielle Zigeunerdateien angelegt, und die damals einsetzende elektronische Daten­verarbeitung ermöglichte die Erfassung unter scheinbar neutraleren Begrifflichkeiten wie HWAO gleich „häufig wechselnder Aufenthaltsort“ oder TWE wie „Tageswohnungs­einbrüche“. Die Erfassung geht also weiter. [2]

Wie bei vielen ethnischen Konstrukten zeigt sich auch hier, und das belegen die Aufsätze des Bandes, daß Sinti und Roma zu Zigeunern gemacht wurden. Was immer ihre eigene Identitäts­findung ausmachen mag, sie hat nichts mit den Zuschreibungen der Mehrheits­gesellschaft zu tun. Daraus läßt sich der Schluß ziehen, daß die Konstruktion des Zigeunerischen ein Problem der Mehrheits­gesellschaft zum Ausdruck bringt, das durch Verfolgung, Vernichtung und geradezu magisch durch Beschwörung mit Hilfe von Projektionen an Sinti und Roma ausgelebt wird. Die Kristallkugel der Zigeunerin ist das Gegenstück zur Beschwörung der anziehenden Fremdheit. Was man und frau nicht sein kann, nicht sein darf, darf auch nicht sein, und muß eliminiert oder ideologisch verrückt werden.

Zu den üblichen Zigeunerbildern gehören der Reiz der Exotik und die erotischen Phantasien der Männer der Mehrheits­gesellschaft, aber auch die Reduktion der Zigeunerkultur auf Musik und Tanz. Daß Sinti und Roma in der Mehrzahl ganz „normale“ Männer und Frauen innerhalb der eigenen Gesellschaft sind, kommt bei diesen Verzerr­bildern nicht vor. Das Klischee des „fahrenden Volkes“ wird allerdings dort bestärkt, wo insbesondere osteuropäische Roma aufgrund des Zerfallprozesses des osteuropäischen Real­sozialismus zur Flucht gezwungen waren. Die deutsche Asylpolitik sieht in ihnen keine brauchbaren Ausländer, weshalb sie mittels Abkommen mit den Verfolgerstaaten wieder dorthin abgeschoben werden, zum Beispiel auch in das NATO-Protektorat Kosovo, das zuvor durch ethnische Säuberungen juden- und romafrei gemacht worden war.

Hiergegen setzten sich an verschiedenen Orten Roma zur Wehr, und hier zeigt sich auch ein Riß innerhalb der Sinti und Roma-Selbst­organisation. Es gibt nicht allein den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, sondern auch eine Vielzahl kleinerer Organisationen, welche die ganz normalen Differenzen in Selbst­wahrnehmung und politischer Handlungs­fähigkeit zum Ausdruck bringen. Yvonne Robel zeigt dies am Beispiel gedenk­politischer Stereotypisierung, was dann Kathrin Herold anhand der Bleiberechts­kämpfe Hamburger Roma genauer ausführt. Typisch für den deutschen Mehrheitsdiskurs zeigt sich hier, daß den Sinti und Roma ihre Uneinigkeit als Makel vorgehalten wird, um sich vor Entschädigungen, vor Wieder­gutmachung oder symbolischen Gesten drücken zu können.

Ich könnte von Aufsatz zu Aufsatz ziehen und weitere Bausteine antiziganistischer Projektionen und Zustände vorstellen. Statt dessen greife ich auf ein Gespräch zurück, daß die Redaktion 3 des Freien Sender Kombinats in Hamburg mit einigen Autorinnen des Bandes „Antiziganistische Zustände“ geführt hat. Ich kann nur empfehlen, das Buch selbst zu lesen. Es ist mit seinen 284 Seiten im Unrast Verlag zum Preis von 18 Euro erschienen.

Sendungs­dramaturgisch folgten die drei Teile des aufgezeichneten Studiogesprächs, die jeweils unterbrochen wurden durch die nachfolgen dokumentierten Meldungen aus dem „Griesheimer Anzeiger“.

Der Kompetenzabteilung des Senders, bei dem ich aufgrund eines Hausverbots zwangsweise meine Sendungen per CD einreichen muß, gelang ein besonders einfühlsames Kunststück. Bei einer zweistündigen Sendung sind zwei Sendungs-CDs hintereinander abzufahren. Aus Gründen, die nur das senderinterne Kompetenzteam auflösen kann, gelang es einem Techniker, vielleicht (obwohl ich das nicht glaube) auch einer Technikerin, die zweite CD sozusagen in einem Stumm-Modus abzustarten. Die Folge war ein Sendeloch. Nach etwa einer Dreiviertel­minute erkannte die selbst­gebastelte Sendeloch-Erkennung selbiges und ließ Dudelmusik vom Feinsten erklingen. Für einen Partysender sind mehrere Hits am Stück selbstverständlich die passende Untermalung für eine redaktionelle Bearbeitung des Völkermords an den europäischen Sinti und Roma. Immerhin fiel es der Kompetenz­abteilung dann schon nach siebeneinhalb Minuten auf, daß ihr Sendeloch-Erkennungs­computer allerfeinstes Dudelprogramm absonderte, weshalb sie den passenden Regler hochzog oder auf den richtigen Knopf drückte. Ich habe beschlossen, diese Kompetenz­abteilung darf das Abstarten zweistündiger Sendungen jetzt solange üben, bis sie es im Schlaf kann. Deshalb wird diese Sendung – hoffentlich – am 19. August 2009 (Wiederholung am 20. August) vollständig und ohne dümmliche Zwischenmusik noch einmal ausgestrahlt werden.

Nachtrag, September 2009: Obwohl dem Sender die beiden vorproduzierten CDs vorlagen, wurde die Ausstrahlung am 19. August 2009 ohne Angabe von Gründen verweigert. Einen Monat später, am 16. September 2009, wurde die zweistündige Sendung dann tatsächlich fehlerfrei abgespielt und ausgestrahlt. Bei der Wiederholung der Sendung am Tag darauf hingegen kam ein neuartiges bastel­technik­generiertes Artefakt zum Tragen, so daß auch hier Teile der Sendung fehlten.

Ihr hörtet im ersten Teil dieser zweistündigen Sendung über antiziganistische Kontinuitäten ein Gespräch der Redaktion 3 des Freien Sender Kombinats in Hamburg mit Autorinnen des Buches „Antiziganistische Zustände“, das im März vom Unrast Verlag herausgebracht wurde – und das ich zur Lektüre wärmstens empfehle.

 

Die Landplage deutscher Gemütszustände

Griesheimer Anzeiger Nr. 4
Samstag, 14. Januar 1956

Zigeuner als Landplage

Die Gemeinden haben große Schwierigkeiten mit Zigeunergruppen, die sich an Stadträndern niederlassen und als ehemals Rassisch­verfolgte besonderen Schutz genießen. Die Stadt Darmstadt muß beispielsweise monatlich 5.000 DM aufbringen, wenn die Zigeuner der Fürsorge zur Last fallen, ins Krankenhaus müssen oder Frauen ins Wochenbett kommen. Wie ein Ausschuß der Stadtverordneten­versammlung am Donnerstag­nachmittag besprach, sollen die Zigeuner, die zunächst im Munagebiet in Darmstadt-Eberstadt zusammengezogen sind, schärfer angepackt und kontrolliert werden. 30 Mann Polizei mußten am Donnerstag­vormittag aufgeboten werden, um eine Razzia erfolgreich durchführen zu können. Denn im Tannenwald zwischen Eberstadt und Bickenbach lagern Zigeunerfamilien in Stärke von 130 Köpfen. Sie haben allerhand auf dem Kerbholz. Ein Fahndungsblatt gibt Hilfsmittel, sie besser ermitteln zu können.

 

Griesheimer Anzeiger Nr. 7
Mittwoch, 25. Januar 1956

Zigeunerwagen außerhalb des Zaunes

Darmstadt hat das Zigeunerlager in der „Tanne“ zwischen Eberstadt und Bickenbach mit einem Zaun umgeben, um die dort mit ihren Wohnwagen kampierenden Zigeuner besser überwachen zu können. Daraufhin zog ein kleiner Teil der Zigeuner weg, der andere stellte seine Wagen außerhalb des Zaunes. Die Stadt Darmstadt wird nicht umhin können, die Zigeuner schärfer anzufassen. Zu Beginn der Woche fand bereits eine Razzia statt, weil einige Zigeuner und Zigeunerinnen im Verdacht standen, in der Pfalz (bei Kirchheim­bolanden) Diebstähle und Betrügereien begangen zu haben. Sie wurden am Montag in Darmstadt Geschädigten gegenübergestellt, jedoch konnten sie nicht überführt werden, da die Zigeuner und besonders die Zigeunerinnen es verstanden hatten, offensichtlich ihr Aussehen zu ändern. Auch nahmen die Zigeunerinnen ihre Kinder mit auf das Polizei­präsidium, die zu schreien anfingen und angeblich Hunger hatten, so daß die Polizei noch für Milchfläschchen sorgen mußte.

Die Darmstädter Landtags­abgeordneten wollen für eine Landespolizei­ordnung nach bayerischem Muster eintreten, damit die Gemeinden geschlossen gegen die Zigeuner vorgehen können, die häufig auch die Fürsorge in Anspruch nehmen. Die Bewohner der Kirchtannen-Siedlung in Darmstadt-Eberstadt können es nicht verstehen, daß bei den Zigeunern die jungen Männer nichts arbeiten, gut aussehen und größtenteils noch mit ihren Familien der Fürsorge zur Last fallen. Darmstadt muß bekanntlich auf diesem Gebiete 5.000 DM für die Zigeuner aufbringen, die als Rassisch-Verfolgte von früher die Behörden in Anspruch nehmen.

 

Griesheimer Anzeiger Nr. 51
Mittwoch, 28. Juni 1961

Französische Zigeuner versuchten alten Lagerplatz zu bevölkern

Am Sonntag gegen 11 Uhr zog eine französische Zigeuner­kolonne mit etwa 80 Personen und 15 Fahrzeugen, nebst Wohnwagen durch unseren Ort. Sie hatten den alten Zigeuner­lagerplatz am Dürren Kopf aufgesucht und sich dort niedergelassen. Von der hiesigen Polizei wurden sie nach 16 Uhr wieder aus unserer Gemarkung ausgewiesen.

 

Sinti in Darmstadt …

Besprechung von : Herbert Heuß – Darmstadt. Auschwitz. Die Verfolgung der Sinti in Darmstadt, I-Verb.de Internet Verlag, 2. Auflage 2005, 139 Seiten, € 11,80

Ich muß nicht von Griesheim sprechen, wenn ich auch von Darmstadt sprechen kann. Herbert Heuß hatte Mitte des vergangenen Jahrzehnts ein Buch vorgelegt, das von der Verfolgung der Sinti in Darmstadt während des National­sozialismus handelt. Dieses Buch ist in veränderter Form 2005 neu aufgelegt worden und beschreibt sehr eindringlich die Mittäter­schaft der Darmstädter Polizei und anderer hier ansässiger staatlicher Behörden. Zu berücksichtigen ist sicherlich auch, daß es in Darmstadt bei der Reichstagswahl im März 1933 eine über­durchschnittlich breite Zustimmung zur NSDAP und anderen völkischen Parteien gegeben hat. Dennoch reichte es vollkommen aus, mit ganz normalem bürokratischen Trott Maßnahmen durchzuführen, die im Vernichtungs­lager Auschwitz endeten. Ein besonderer Fanatismus war nicht notwendig.

Buchcover Darmstadt AuschwitzDie Verfolgung der Sinti in Hessen hatte eine jahrhunderte­lange Vorgeschichte, und die Diskriminierung endete nicht 1945. Es sei hier nur an den rassistischen Umgang der Stadt Darmstadt unter ihrem Oberbürger­meister Günther Metzger 1983/84 erinnert, der dazu geführt hat, daß Roma einen weiten Bogen um diese angeblich so weltoffene Stadt gemacht haben [3]. Herbert Heuß läßt als Zeitzeuginnen und Zeitzeugen diejenigen zu Wort kommen, die von den Nazis schikaniert und gequält wurden; die meisten von ihnen verloren fast alle ihre Angehörigen in den Vernichtungs­lagern oder auf Todesmärschen. Die meisten Darmstädter Sinti lebten vor dem Zweiten Weltkrieg in der 1944 zerstörten Innenstadt. Bei ihrer Rückkehr aus den Nazilagern standen sie wie viele Andere vor dem Nichts.

Während jedoch für die deutsche Mehrheits­bevölkerung eine Infrastruktur wiederaufgebaut wurde, in die sie aus den beengten Wohn­verhältnissen der Nachkriegs­zeit entfliehen konnten, wurden die Sinti in den Akazienweg abgeschoben, so als wollte man und frau die Menschen nicht sehen, die man und frau nicht hatte umbringen können. Auf dem Wohnungsamt, so berichtet eine Überlebende, wurde ihnen besserer Wohnraum mit der Begründung verweigert, man habe ja schon für die eigenen Leute, also die Volksdeutschen, nicht genügend davon. Abgestempelt zum sozialen Brennpunkt wird den dort Lebenden der Zugang zur Mehrheits­gesellschaft erschwert, wenn nicht verweigert. Dieser Aspekt taucht in Peter Kunz' Darmstadt-Lied jedenfalls nicht auf, und vielleicht wird der Song auf diesem Sender deshalb so oft gespielt. Party für die Mehrheit; die Minderheit kommt nicht vor.

Dazu paßt, so ein Bericht eines Überlebenden, daß das Darmstädter Sozialamt, vermutlich ganz gesetzestreu, seine Zahlungen eingestellt hat, wenn überlebende Sinti finanziell für das ihnen angetane Leid entschädigt wurden. Das geht schließlich nicht. Dem Staat dafür auf der Tasche zu liegen, weil man oder frau überlebt hat.

Mich hat das Buch „Darmstadt. Auschwitz.“ vor allem auch deshalb beeindruckt, weil es minutiös den schleichenden Übergang von ganz normaler Verfolgung und Repression in Friedenszeiten zur totalen Erfassung und Vernichtung im National­sozialismus aufzeigt. Die Nazis ernteten das, was zuvor schon angelegt war. Etwa auch bei der national­sozialistischen „Rassenkunde“, die auf Vorarbeiten des Kaiserreichs und der Weimarer Republik aufbaute; auch wenn diese Vorarbeiten nicht mit dieser Brutalität und Verfügungs­macht geschah. Dem „Zigeunergesetz“ des Hessischen Landtags von 1929 trat nur eine Partei entgegen – die KPD, die den Charakter dieses Gesetzes als Ausnahmegesetz bezeichnete. Die Zigeuner­nachrichtenzentrale in Darmstadt war bis in die Nazizeit für ganz Hessen zuständig; gesammelte Fingerabdrücke und Lichtbilder wurden an die für das gesamte Deutsche Reich zuständige Zigeunerzentrale in München weitergeleitet.

Was diese Entwürdigung für als Zigeuner stigmatisierte Männer, Frauen und Kinder bedeutet haben mag, können wir wohl kaum erahnen. Der staatlich verordnete soziale Striptease derer, die ihnen zustehende Leistungen nach Hartz IV beantragen, ist nichts dagegen. Die Rassen­kundlerinnen und Rassenkundler gingen mit größtmöglicher Perfidie daran, Sinti als Zigeuner zu erfassen, zu vermessen, zu betatschen, zu begutachten – und insbesondere die Kinder nach weiteren Opfern für die arische Wissenschaft auszuquetschen.

Am 15. März 1943 wurden die Sinti aus Darmstadt mit der Reichsbahn nach Auschwitz deportiert. Hieran und an die Verschleppung der Darmstädter Jüdinnen und Juden erinnert das Denkzeichen am Güterbahnhof. Es wurde – ganz die Party­hauptstadt – in der Nacht nach dem Weltmeisterschafts­finale 2006 von ignoranten Mitgliedern der Mehrheits­gesellschaft mutwillig zerstört.

Das Buch „Darmstadt. Auschwitz.“ über die Verfolgung der Sinti in Darmstadt ist über den Buchhandel oder den Internet-Verlag I-Verb.de zum Preis von 11 Euro 80 zu beziehen.

 

… und in Karlsruhe

In der nächsten halben Stunde hört ihr einen Beitrag des Karlsruher Freien Radios Querfunk zur Deportation der Karlsruher Sinti und Roma 1940. Die Querfunkerinnen schreiben zu ihrem Mitschnitt:

Am 16. Mai 2009 jährte sich zum 69. Mal die erste familienweise Deportation der Karlsruher Sinti und Roma. Auf der Grundlage eines Erlasses des Reichsführers-SS Heinrich Himmler diente sie als Modell für die spätere massenweise Verschleppung Tausender Sinti und Roma aus ganz Europa in das Vernichtungs­lager Auschwitz-Birkenau. Anlässlich dieses historischen Datums las Anita Awosusi, Vorstandsmitglied im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg, am Tag darauf, also am 17. Mai, in Kooperation mit dem Stadt­jugendaus­schuss Karlsruhe (Projekt www.ns-in-ka.de) Texte aus ihrem Programm „ROM SOM“ – ich bin ein Mensch, zum Gedenken an die ermordeten Karlsruher Sinti und Roma. Persönliche Zeugnisse der Menschen – in Form von Briefen oder Erinnerungs­berichten – lassen ein Mosaik aus Texten entstehen und versuchen, sich einer Wirklichkeit anzunähern, die letztlich unaussprechlich bleibt.

Sinti und Roma haben eine alte kulturelle Tradition. Ihre Poesie und Lyrik, ihre Musik und die Kunst zu erzählen vermitteln einen lebendigen Ausdruck ihrer Identität. In ihrer Kunst sind Alltags­erfahrungen und Lebensgefühl ebenso eingeflossen wie Momente des Glücks und des Leids.

Es folgte der Mitschnitt der Karlsruher Veranstaltung.

Anita Awosusi las aus ihrem Programm „ROM SOM – Ich bin ein Mensch“ am 17. Mai 2009 in Karlsruhe. Den Mitschnitt stellte uns das dortige freie Radio Querfunk zur Verfügung; vielen Dank. Weitere Informationen enthält das Buch von Michail Krausnick mit dem Titel „Abfahrt Karlsruhe: die Deportation in den Völkermord; ein unterschlagenes Kapitel aus der Geschichte unserer Stadt“.

 

Nicht vorbei

Jingle Alltag und Geschichte

In den vergangenen zwei Stunden hörtet ihr einiges über antiziganistische Zustände. Den gleichnamige Sammelband aus dem Unrast Verlag möchte ich euch genauso ans Herz legen wie das Buch von Herbert Heuß über die Verfolgung der Sinti in Darmstadt. Auf meiner Webseite findet ihr ferner eine Dokumentation zum rassistischen Umgang mit den 1979 nach Darmstadt gekommenen Roma.

Das Freie Sender Kombinat in Hamburg steuerte ein Studiogespräch mit einzelnen Autorinnen des Sammelbandes „Antiziganistische Zustände“ bei, den Mitschnitt des Programms von Anita Awosusi stelle das freie Radio Querfunk in Karlsruhe zur Verfügung. Die Meldungen aus dem „Griesheimer Anzeiger“ habe ich beim Lesen in der Universitäts­bibliothek entdeckt. Bemerkens­wert finde ich die Unverfrorenheit, mit der den Sinti besonders dreistes Verhalten unterstellt wurde. Krank oder gar schwanger zu werden auf Kosten der Volksdeutschen, wo kämen wir da auch hin …– Irgendetwas muß schon dran sein an dem Wort, daß die Deutschen den Juden Auschwitz niemals verzeihen werden [4]. Wir können es auf Sinti und Roma problemlos erweitern.

Wie Kontinuitäten gedankenlos durch die Jahrzehnte übertragen werden, zeigt ein unkommentierter historischer Rückblick des „Griesheimer Anzeigers“ am 24. März 1973. Dort hieß es in der Rubrik „Es stand im Griesemer …“:

24. März 1893: Dem ständig hier herumstreichenden Zigeunerpack ist es gelungen, auch einige hiesige Geschäftsleute um Geldbeträge zu beschwindeln. Das beste ist bei diesem Gesindel, gleich von seinem Hausrecht Gebrauch zu machen.

Ich kann mich nicht erinnern, daß irgendwo im vergangenen Jahr auch nur Annäherndes über die Profiteure der Finanzkrise zu hören oder zu lesen gewesen wäre. Und ich bin mir ziemlich sicher, daß für die Milliarden­verluste dieser Finanzkrise mitsamt wertloser Aktien, verlorener Häuser und verschwundener Jobs keine Sinti und keine Roma verantwortlich waren, sondern ganz normale kapitalistische Geschäftsleute.

Uneinsichtig ist – wie in anderen Bereichen auch – die Katholische Kirche. Sie veranstaltete im September vergangenen Jahres einen Weltkongreß der Pastoral für die Zigeuner und findet nichts dabei, den vor allem in Deutschland belasteten und diskriminierend verwendeten Begriff weiterhin zu benutzen. Die hierbei organisierte Mission der „Menschen unterwegs“ verweist auf das Stereotyp des „fahrenden Volkes“, das der Wirklichkeit nicht entspricht. [5]

Die Musik zur Sendung kommt vom Sandy Lopicic Orkestar, einer multiethnischen Formation, die sich zwar auf Roma-Brassbands bezieht und Roma-Lieder spielt, aber eben keine Roma-Band ist. Eine Sendung, die von Zigeuner­klischees handelt, sollte nicht selbige durch die Hintertür wieder einführen.

Ich danke der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt für ihre Unterstützung bei der Produktion dieser Sendung. Im Anschluß folgt eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war für die Redaktion Alltag und Geschichte Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Die gesamte rund 500-jährige Geschichte des Kapitalismus ist eine horrende Ansammlung von Diebstahl, Raub und Plünderei. Während heutzutage die Gazetten jeden Ladendieb und jede sozial deviante Person hysterisch vorführen, dürfen die Agenturen und Manager moderner Plünderei unbehelligt ihr lukratives Geschäft betreiben. Ich wette, hier gibt es einen kausalen Zusammenhang.

»» [2]   Indem Tageseinbrüche umstandslos als modus operandi umher­streifender Roma-Banden registriert werden, erhalten wir Statistiken und darauf aufbauend öffentlichkeits­wirksame Presse­meldungen, die mit der Realität vermutlich wenig gemein haben.

»» [3]   Siehe hierzu meine Sendung Roma in Darmstadt 1979 bis 1984 vom 17. Juni 2009.

»» [4]   Urheber dieses Satzes ist der israelische Psychoanalytiker Zwi Rex.

»» [5]   Siehe die etwas angepaßtere Variante zum Welt­kongreß der Pastoral für die Sinti und Roma.

 


 

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