Kapital – Verbrechen

Aprilgeschichten

Portugal 1974 – Cuba 1961

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Aprilgeschichten
Portugal 1974 – Cuba 1961
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 26. April 2004, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 26. April 2004, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 27. April 2004, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 27. April 2004, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Eberhard Panitz : Cuba, mi amor, edition ost
  • Frank Herbst : Cuba, Reise Know-How Verlag Peter Rump
 
 
Playlist :
  • Ad Libitum : Alma Africana [1998]
  • Dayan : Amor Natural [2003]
  • Septeto Santiaguero : Tu cosita, caridad [2001]
  • Zoraida Beato : Nostalgia Cubana [2001]
  • Buena Vista Social Club : Orgullecida
  • Doris de la Torre : Añorando Encuentro [2001]
  • Buena Vista Social Club : El Cuarto de Tula
 
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Portugiesische Einleitung
Kapitel 2 : Die Kubanerinnen und Kubaner wollen nicht errettet werden
Kapitel 3 : Fidel gewinnt ein Fernsehduell
Kapitel 4 : Die Latrinen der Freiheit
Kapitel 5 : Reisefieber
Kapitel 6 : Cuba libre bittersüß
Kapitel 7 : Schluß
Ausgewählte Literatur zur Sendung
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Portugiesische Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Vor ziemlich genau 30 Jahren, am 25. April 1974, putschten Offiziere des portugiesischen Heeres gegen das faschistische Regime um Regierungschef Marcelo Caetano und Präsident Américo Tomás. Innerhalb von zwölf Stunden wurde ein Regime beseitigt, das seit Ende der 20er Jahre bestanden hatte. Unter dem Begriff Estado Novo wurde 1930 ein korporatistischer Ständestaat definiert, dessen Führung zwischen 1932 und seinem Tod 1968 der rechtsgerichtete Ökonomieprofessor Oliveira Salazar innehatte. Der italienische Faschismus, die Diktatur des Generals Primo de Rivera im Spanien der 20er Jahre, sowie die autoritären Regimes in Österreich und in Deutschland zum Ende der Weimarer Republik übten auf die Züge dieses portugiesischen Regimes einen großen Einfluß aus. Salazar machte aus seiner Bewunderung für Mussolini und Primo de Rivera kein Hehl. [1]

Die Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre führte dazu, daß das portugiesische Bürgertum ein autoritäres Regime befürwortete und in Salazar ihren Mann sah. Dieses Regime wies in den 30er Jahren zunehmend faschistische Elemente auf. Daß es an seinem Ende der Nelkenrevolution vom April 1974 nichts entgegenzusetzen hatte, lag an drei Gründen:

Erstens erwies sich das erstarrte autoritäre Regime als unfähig und aus Herrschaftsgründen auch unwillig, verkrustete Strukturen abzubauen und notwendige politische, wirtschaftliche und soziale Reformen durchzuführen. Wenn Willy Brandt in Deutschland davon sprach, man müsse mehr Demokratie wagen – eigentlich eine skurrile Vorstellung, so als müsse man Demokratie wagen –, so drückt dies den damaligen Zeitgeist aus: das kapitalistische Nachkriegseuropa war an Grenzen gestoßen.

Zweitens führte Portugal in mehreren seiner Kolonien einen verlustreichen Kolonialkrieg, der sich auch wirtschaftlich bemerkbar machte und unvermeidlich zu Toten und Verletzten selbst im kolonialen Mutterland führen mußte. Der Sinn eines solchen Krieges war jedoch nicht mehr zu vermitteln; die Militärführung um den späteren rechten Putschgeneral Spínola und um den späteren Präsidenten Costa Gomes wurde abgesetzt, als sie das Ende des Krieges forderte.

Und drittens kam mit der ersten großen weltweiten Nachkriegsrezession von 1966/67 die Erkenntnis, daß das ungezügelte Wirtschaftswachstum ein Ende haben werde. Die portugiesische Wirtschaft bekam dies besonders zu spüren, ohne daß der autoritäre Staat in der Lage gewesen wäre, selbst im Sinne des Kapitals darauf vernünftig zu reagieren.

Die Nelkenrevolution führte sofort politische und wirtschaftliche Reformen durch. Die Kolonien wurden in die Unabhängigkeit entlassen, die Grundfreiheiten im Mutterland wiederhergestellt. In wirtschaftlicher Hinsicht waren der Militärjunta Grenzen gesetzt, denn die Grundlagen des Kapitalismus sollten natürlich nicht angetastet werden. Schnell zeigte sich, daß die Militärjunta sich zwar mit weiten Teilen der Bevölkerung einig darin war, das alte Regime zu stürzen, daß es jedoch sehr unterschiedliche Vorstellungen für die Zeit danach gab. Die Sozialistische Internationale unter Willy Brandt sorgte dann mit dafür, daß schließlich eine sozialdemokratische Regierung, welche natürlich die Interessen des Kapitals vertrat, etabliert wurde. Allerdings mischten sich die Volksmassen in den Jahren 1974 und 1975 kräftig mit ein. [2]

Eine Revolution durchzuführen erweist sich oftmals als leichter als eine Revolution zu sichern und zu verteidigen. Thema meiner heutigen Sendung wird daher nicht Portugal, sondern Kuba sein. Denn es war auch in einem April, nämlich im Jahre 1961, als kubanische Söldner mit Unterstützung der CIA in der Schweinebucht an Land gingen, in der Erwartung, ein Land vom einem repressiven Regime zu befreien. Doch die Kubanerinnen und Kubaner dachten anders, griffen zu den Waffen und besiegten die Eindringlinge.

Durch die heutige Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt führt Walter Kuhl.

Ad Libitum : Alma Africana

 

Die Kubanerinnen und Kubaner wollen nicht errettet werden

Der uruguayische Schrifsteller Eduardo Galeano schreibt in seinem historische Fakten und dichterische Freiheit verknüpfenden Buch Das Jahrhundert des Sturms:

1961, SCHWEINEBUCHT
Gegen Wind und Wetter und gegen den Tod, immer vor–, niemals rückwärts lebt die kubanische Revolution nur acht Flugminuten von Miami unverschämt lebendig weiter.
Um mit soviel Frechheit aufzuräumen, startet die CIA von Nordamerika, Guatemala und Nicaragua aus eine Invasion. Somoza II verabschiedet am Kai die Kämpfer. Die kubanische Befreiungsarmee, die die CIA aufgebaut und in Marsch gesetzt hat, besteht aus Militärs und Polizisten der Diktatur Batistas und aus den hinausgeworfenen Erben der Zuckerplantagen, der Banken, der Zeitungen, der Spielhöllen, Bordells und politischen Parteien.
Bringt mir ein paar Barthaare von Castro, gibt ihnen Somoza mit auf den Weg.
Flugzeuge der Vereinigten Staaten dringen in den kubanischen Luftraum ein. Sie sind nicht als solche zu erkennen. Sie tragen den Stern der kubanischen Luftwaffe. Die Flugzeuge beschießen im Tiefflug die Menschen, die ihnen zuwinken, und werfen Bomben auf die Städte. Nach dem Bombardement, das das Terrain vorbereiten soll, gehen die Invasoren in den Sümpfen der Schweinebucht an Land. Unterdessen spielt Präsident Kennedy in Virginia Golf.
Kennedy hat den Einsatzbefehl gegeben, doch es war [sein Vorgänger] Eisenhower, der den Invasionsplan aus der Taufe hob. Eisenhower hatte seine Zustimmung zum Einmarsch in Kuba am gleichen Schreibtisch gegeben, an dem er zuvor grünes Licht für den Einmarsch in Guatemala [1954] gab. Der Chef der CIA, Allen Dulles, hatte ihm versichert, daß er mit Fidel Castro genauso aufräumen würde wie mit [Guatemalas Präsidenten] Arbenz. Es sei eine Frage von ein paar Wochen, ob ein Tag mehr oder weniger, spiele da keine Rolle, und die gleiche Mannschaft der CIA übernähme den Job: die gleichen Männer von den gleichen Stützpunkten aus. Die Landung der Befreier sollte den Volksaufstand auf der unter roter Knute ächzenden Insel auslösen. Die nordamerikanischen Spione wußten genau: Das kubanische Volk, das es leid war, dauernd Schlange zu stehen, wartete nur auf das Signal zur Erhebung. [3]

Doch es kam anders.

1961, PLAYA GIRON
Die zweite militärische Niederlage der Vereinigten Staaten in Lateinamerika
In drei Tagen hat Kuba die Invasion beendet. Unter den Toten sind vier nordamerikanische Piloten. Die sieben von der nordamerikanischen Kriegsmarine eskortierten Schiffe fliehen oder gehen in der Schweinebucht unter.
Präsident Kennedy übernimmt die volle Verantwortung für die katastrophale Niederlage der CIA.
Die CIA hatte wie immer den Berichten ihrer gewitzten Spione vor Ort geglaubt, die sich dafür bezahlen lassen, das zu sagen, was gern gehört wird; und wie immer hat sie die Geographie mit einer Militärkarte verwechselt, die weder mit den Menschen noch mit der Geschichte etwas zu tun hat. Die Sumpfgebiete, die die CIA für die Landung ausgewählt hatte, waren der schlimmste Ort ganz Kubas gewesen, ein Reich der Krokodile und der Moskitos, bis schließlich die Revolution kam. Dann veränderte menschliche Begeisterung diese Schlammlöcher, baute Schulen, Krankenhäuser und Straßen. Die Bewohner dieser Gegend waren an der Spitze derjenigen, die sich in die Schlacht gegen die Eindringlinge warfen, die gekommen waren, sie zu erretten. [4]

Am 15. April 1961 kamen acht US–amerikanische Bomber vom Typ B–26 aus Nicaragua, um die kubanische Luftwaffe am Boden auszuschalten. Dies gelang nur begrenzt. Zwei Tage später landete die rund 1500 Mann starke Invasionstruppe, um sich eine blutige Nase zu holen. Weitere zwei Tage später war der Spuk vorbei; die kubanischen Milizen machten 1189 Gefangene. Worum es ging, machte Fidel Castro deutlich:

Es ging um die Rückeroberung von 371.930 Hektar Land, 9666 Immobilien, 70 Fabriken, 10 Zuckerzentralen, 3 Banken, 5 Bergwerke, 2 Zeitungen und 12 Nachtlubs. [5]

Dieser (ehemalige) Besitz konnten den Mitgliedern der Invasionstruppe zugerechnet werden.

Anfang 1962 wurden die gefangenen Invasoren zu hohen Haftstrafen und zu einer Entschädigung für den angerichteten Schaden in Höhe von 62 Millionen Pesos verurteilt. Die kubanische Regierung war jedoch bereit, die Gefangenen den USA zu übergeben, wenn deren Regierung die Freilassung einer gleichen Zahl politischer Gefangener in den USA, im Spanien Francos, in den Diktaturen Nicaragua und Guatemala, sowie in der US–amerikanischen Kolonie Puerto Rico bewirken würde. Darauf gingen die USA logischerweise nicht ein und schließlich tauschte Kuba die Gefangenen gegen medizinische Hilfsgüter im Wert von 52 Millionen US–Dollar aus.

Dayani : Amor Natural

 

Fidel gewinnt ein Fernsehduell

Wenige Tage nach der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht wird der damals 29–jährige Autor Eberhard Panitz von der Leitung der FDJ gefragt, ob er nicht Lust habe, mit zwei Kollegen für drei Monate nach Kuba zu reisen, um seine Eindrücke anschließend zu Papier zu bringen. Allerdings gebe es da ein Sprachproblem. Kurz zuvor waren drei kubanische Schriftsteller auf Einladung der FDJ in der DDR gewesen.

Die schönste sozialistische Verbundenheit und Solidarität nütze nichts, wenn es zwischen den Genossen Sprachschwierigkeiten gäbe. Und die hätte man hier mit den drei jungen Kubanern gehabt, bis sich endlich eine Romanistik–Studentin ihrer angenommen hätte: Tamara Bunke, in Argentinien geboren, die Tochter deutscher Kommunisten, emigriert in der Nazizeit und nach dem Krieg zurückgekehrt. Diese Tamara [so Werner Lamberz vom Zentralrat der FDJ] sei unlängst ziemlich eigenwillig, ohne die bürokratischen Vorschriften zu erfüllen, nach Kuba ausgereist – doch nun sei sie für uns dort genau die Richtige, perfekt im Deutschen wie Spanischen und eine leidenschaftliche Verfechterin der kubanischen und jedweder Revolution. [6]

Tamara Bunke ging später mit Che Guevara nach Bolivien und wurde in einem Hinterhalt am 1. September 1967 beim Überqueren eines Flusses erschossen.

Eberhard Panitz trifft sie im Juli 1961 in Havanna. In der edition ost ist nun auf der Grundlage seines damaligen Tagebuchs das Buch Cuba, mi amor erschienen, das die Eindrücke eines in der DDR sozialisierten Schriftstellers in der Zeit zwischen Schweinebucht–Invasion und Raketenkrise wiedergibt. Auf Einladung des kubanischen Jugendverbandes Juvenes Rebeldes sollen die drei DDR–Bürger die Insel erkunden; Tamara Bunke ist als ihre Dolmetscherin dabei.

Schon der Flug nach Kuba ist eine kleine Weltreise. Von Ostberlin geht es erst nach Prag, dort nach drei Tagen Aufenthalt weiter nach Havanna mit Zwischenlandung auf den portugiesischen Azoren. Für die DDR–Bürger wird bestens gesorgt:

Wir erhalten ein Zimmer im elften Stock. Alles ist modern, Klimaanlage, ein luxuriöses Badezimmer, wie ich es nur aus amerikanischen Filmen kenne, Extrafahrstuhl zum Swimming Pool. Einstige USA–Immobilie. 1957 hat der Mafia-Boß Meyer–Lanski das Hotel bauen lassen, 17 Etagen, 354 Zimmer. Unten ein Spielkasino, das noch »in Betrieb« ist. Und Salons mit samtenen Sesseln und noblem Mobiliar, wo wir Tamara Bunke treffen.

... notiert Eberhard Panitz [7]. Kurz darauf ist der 26. Juli – Nationalfeiertag. Hunderttausende, wenn nicht gar eine Million Menschen versammeln sich unterhalb der Statue von José Marti, die auf einem 142 Meter hohen Obelisken aus den 20er Jahren steht. Ob schon damals auf dem Platz mit Kreide die Aufstellungsplätze der Menschen aus den verschiedensten Stadtteilen aufgemalt war, verrät uns der Autor nicht. Dafür erscheinen Fidel Castro und Che Guevara auf einer Tribüne, und Fidel Castro setzt zu einer seiner endlos langen Reden an.

Als Fidels Stimme heiser wird und versagt, ruft es von vielen Seiten: »Schon dich, Fidel. Mach eine Pause, Che soll inzwischen sprechen!« Es werden Lieder angestimmt, fast alle singen, tanzen mit den Revolutionsfahnen. Bald ist der ganze riesige Platz in Bewegung. Auch auf der Tribüne tanzen die lateinamerikanischen Gäste, Fidel lacht. Und dann beginnt er von neuem: »Wollt ihr wie die Yankees, daß ich nicht mehr spreche?« und mit einem Begeisterungssturm antwortet man ihm: »No!« [8]

Und anschließend fragt Tamara Bunke den Autor:

»Versteht ihr jetzt, warum ich hier bin und nie mehr zurück will?« [9]

Für diesen Tag hatte die CIA übrigens eines ihrer vielen Attentate auf Fidel Castro geplant. [10]

Am Tag darauf geht es zur Schweinebucht. Tamara Bunke kannte Che Guevara von einem Besuch in DDR und macht die DDR–Besucher mit dem Revolutionshelden bekannt.

Er mustert uns freundlich lächelnd. »Hier gibt es jetzt für euch nicht viel Revolutionäres zu sehen«, sagt er und weist zur Bucht mit ein paar ausgebrannten Fahrzeugen am sandigen Weg. »Das war hier nur ein kleines Gefecht, kein Krieg, keine Konterrevolution. Aber daß wir es geschafft haben, daß weder ein Krieg noch eine Konterrevolution daraus geworden ist, das sollte man zur Kenntnis nehmen und sich überall gut merken.« [11]

Sieben Tage nach dem Scheitern der Invasion traf Fidel Castro vor laufenden Fernsehkameras mit den Gefangenen im Sportkolosseum von Havanna zusammen. In dieser Live–Sendung führte er den Kubanerinnen und Kubanern die moralische Überlegenheit der Revolution im Dialog mit deren Feinden eindrucksvoll vor. Eberhard Panitz zitiert aus dem Protokoll dieser Veranstaltung. Ein Gefangener spricht zu Fidel Castro:

Gefangener : Doktor Castro, ich möchte nochmals auf die Frage zurückkommen, die einer von uns gestellt hat. Sie sagten, daß es eine sozialistische Ordnung sei, keine kommunistische. Meines Erachtens ist auch das demokratische System, wenn es gut gehandhabt wird, zum Nutzen des Volkes. Warum hat die Revolution anstatt des Sozialismus nicht die gut angewandte Demokratie zur Grundlage genommen?
Castro : Und wer sagt Ihnen, daß die von den Yankees bezeichnete Demokratie Demokratie ist?
Gefangener : Ich meine nicht die, die von den Yankees so bezeichnet wird, sondern die echte, die wahre Demokratie.
Castro : Und wer sagt Ihnen, daß unsere Revolution nicht demokratisch ist? Allein schon die Tatsache, daß Sie hier mit dem Ministerpräsidenten der Revolutionären Regierung diskutieren ... Sagen Sie irgendeinem der Kubaner, die sich in den USA in Haft befinden, daß er mit Kennedy diskutieren soll; wir wollen doch mal sehen, ob Kennedy ihn empfängt, um mit ihm zu diskutieren. [12]

Wie sicher muß sich eine revolutionäre Regierung sein, wenn sie ohne Scheu vor laufenden Kameras mit ihren Feinden diskutiert?

Septeto Santiaguero : Tu cosita, caridad

 

Die Latrinen der Freiheit

Während die USA ihre Söldnertruppe angreifen läßt, findet auf Kuba eine Kulturrevolution statt. Alle Menschen, ob jung oder alt, sollen lesen und schreiben lernen. Am Ende dieser Kampagne wird Kuba weniger Analphabeten haben als die USA. Kasernen des Batista–Regimes wurden zu Schulen umgebaut, selbst in die entferntesten Dörfer gehen junge Männer und Frauen, um die Unwissenheit zu vertreiben.

Sie helfen bei den Schreib- und Lesekursen, die regulär drei Monate dauern. Aber weil die Landarbeiter oft schon um Mitternacht zum Melken müssen und schließlich auch ihren Schlaf brauchen, geht es mit der Alphabetisierung langsam voran. Nach Abschluß der Ausbildung muß eine Prüfung abgelegt werden: das Alphabetisierungsdiplom. [13]

Eduardo Galeano beschreibt dies so:

1961, HAVANNA
María de la Cruz
Kurz nach der Invasion versammelt sich das Volk auf der Plaza. Fidel kündigt an, die Gefangenen würden gegen Medizin für Kinder ausgetauscht werden. Dann vergibt er Urkunden an vierzigtausend alphabetisierte Frauen.
Eine alte Frau will auf die Tribüne und besteht so lange darauf, daß man sie schließlich hinaufhebt. Vergeblich rudert ihre Hand auf der Suche nach dem Mikrofon durch die Luft, bis Fidel es ihr zurechtrückt:
Ich wollte sie kennenlernen, Fidel. Ich wollte Ihnen sagen ...
Sehen Sie mal, wie rot ich da werde.
Doch die Alte, die aus tausend Runzeln und Haut und Knochen besteht, überhäuft ihn weiter mit Lob und Danksagungen. Sie hat mit einhundertsechs Jahren lesen und schreiben gelernt. Und stellt sich vor. Sie heißt María de la Cruz, weil sie am Tage der Kreuzesauffindung geboren ist, und mit Nachnamen Semanat, weil das der Name der Zuckerrohrplantage war, auf der sie als Sklavin, Tochter von Sklaven, Enkelin von Sklaven geboren wurde. In jener Zeit steckten die Herren Neger, die Bildung verlangten, in den Block, erzählt María de la Cruz, denn die Neger waren die Maschinen, die zum Klang der Pfeife und im Rhythmus der Peitsche funktionierten, und deshalb hat es so lange gedauert, bis sie etwas lernen konnte.
María de la Cruz bemächtigt sich der Tribüne. Als sie mit ihrer Rede fertig ist, beginnt sie zu singen. Als sie zu singen aufhört, tanzt sie. Es ist mehr als ein Jahrhundert her, daß María de la Cruz zu tanzen begonnen hat. Tanzend verließ sie den Bauch ihrer Mutter, und tanzend überquerte sie Schmerz und Schrecken, bis sie hierhergelangte, wohin sie gelangen mußte, und so gibt es nichts und niemand, der sie halten könnte. [14]

Was Eduardo Galeano hier schildert, könnte zu diesem Zeitpunkt für die gesamte kubanische Insel gelten. Es gibt nichts und niemanden, der die Menschen dort hätte halten können.

Zwei Ereignisse ganz unterschiedlicher Tragweite geschehen in den Juli– und Augustwochen des Jahres 1961. In Punta del Este, einem Badeort in Uruguay, trifft sich der Interamerikanische Wirtschafts– und Sozialrat. Um eine Ausweitung der Revolution in Lateinamerika zu verhindern, verkünden die USA ihren Plan einer Allianz für den Fortschritt. Weit davon entfernt, Armut und Hunger zu bekämpfen, geht es darum, die oligarchischen Systeme Lateinamerikas mit gezielter Wirtschafts– und Militärhilfe zu stabilisieren. Es ist Che Guvara, der diesen Plan demaskiert – in den Worten Eduardo Galeanos:

1961, PUNTA DEL ESTE
Die Latrinokratie
Nach der fehlgeschlagenen Landung der Söldner in Kuba kündigen die Vereinigten Staaten eine große Anlandung von Dollars in Lateinamerika an.
Um die Bärtigen zu isolieren, bietet Präsident Kennedy den Lateinamerikanern Ströme von Schenkungen, Krediten, Investitionen an:
Kuba ist das Huhn, das goldene Eier legt, findet Che Guevara in der Panamerikanischen Konferenz von Punta del Este bestätigt.
Der Che entlarvt das Bestechungsvorhaben als das Betrugsmanöver, das es ist. Damit sich nichts ändert, wird von Veränderung geredet. Eine halbe Million Seiten umfassen die offiziellen Berichte der Konferenz, und es gibt keine Seite, auf der nicht von Revolution, Agrarreform und Entwicklung die Rede ist. Während die Vereinigten Staaten die Preise lateinamerikanischer Produkte purzeln lassen, versprechen sie den Armen, den Indios, den Schwarzen Latrinen – keine Maschinen, keine Anlagen, sondern Latrinen:
Für die Herren Techniker, klagt der Che an, heißt Planung die Planung einer Latrine. Wenn wir auf sie hörten, könnte Kuba ... ein Paradies von Latrinen sein. [15]

Fast zur gleichen Zeit wird in Berlin die Mauer gebaut und die Grenze zwischen Bundesrepublik und DDR mit Stacheldraht und Minenfeldern versperrt. Eberhard Panitz und seine zwei Begleiter sind lange im Unklaren darüber, was in Mitteleuropa geschieht. Tamara Bunke sieht das so:

Nach ihrem Verständnis hätten wir und alle anderen Genossen aus der DDR, wo auch immer, sofort die Koffer packen, nach Hause eilen und uns an der Grenze oder sonstwo im Land zur Verfügung stellen müssen, um unsere sozialistische Republik zu verteidigen. Indirekt sagt sie uns, indem sie von Che spricht, der in einer solchen Situation gewiß »allen Compañeros Beine gemacht« hätte. [16]

Doch die drei bleiben. Vielleicht gab es in der DDR ja auch gar keinen Sozialismus zu verteidigen ...

Eberhard Panitz beschreibt in seinem Buch Cuba, mi amor eine Gesellschaft im Aufbruch. Neben der Alphabetisierung ist es auch notwendig, das Bewußtsein zu verändern und sich selbst kritisch zu hinterfragen. Nach einer Rundreise durch die westliche Provinz Pinar del Río kehren die drei in ihr Hotel zurück und hören die Stimme Fidel Castros, der gerade im Fernsehen über das planlose Chaos der Organisierung der Wirtschaft sagt:

Es wäre schlecht, wenn wir dächten, wir seien Genies, vollkommen und fehlerlos [...] Wir müssen wenigstens anfangen zu wissen, daß wir wenig wissen. [17]

Überhaupt ist es das organisierte Chaos, daß die kubanische Wirtschaft ausmacht – und das, trotz Planwirtschaft und Bürokratie, sogar heute. Mehrmals fragen die drei DDR–Bürger despektierlich nach, warum manches nicht so klappt, wie es sollte, und Tamara Bunke regt sich über soviel Respektlosigkeit regelmäßig auf. Sie selbst ist während eines Marsches der Jungen Rebellen in die Berge der Sierra Maestra die einzige Frau; und überhaupt – so der Autor –

hatten wir in den Tagen und Wochen zuvor in den Schulen, Armeelagern und den meisten Organisationen nur selten Frauen getroffen, so gut wie gar nicht in leitender Funktion. Darüber ging Tamara mit einem Schulterzucken hinweg und meinte nur: »Das wird sich ändern, und Ausnahmen gibt es schon genug – seht mich doch an.« [18]

Allerdings – es hat sich auf Kuba in dieser Hinsicht eine Menge geändert. 1998 betrug der Frauenanteil in der Nationalversammlung 28%, das entspricht etwa dem Frauenanteil im Deutschen Bundestag. Im politischen Leben sind Frauen allerdings erheblich unterrepräsentiert, doch in der Justiz gibt es 43% Richterinnen und 55% Staatsanwältinnen. Alle Einzelgewerkschaften haben einen Frauenanteil in ihrer Leitung von über 50%. [19]

Eberhard Panitz hat nach seiner Rückkehr in die DDR im Herbst 1961 den geplanten Reisebericht nicht geschrieben. Sein damaliges Tagebuch ist nun die Grundlage für eine Rückschau nach über 40 Jahren. Man und frau versteht vielleicht manches besser, auch, warum die Kubanerinnen und Kubaner auch heute noch zu ihrer Revolution stehen, selbst dann, wenn alle nur das Ableben von Fidel Castro erwarten. Doch dieser sieht dem gelassen entgegen:

Ich habe keinerlei Amt geerbt und bin kein König; deshalb brauche ich keinen Nachfolger vorzubereiten und schon gar nicht, um dem Volk das Trauma eines chaotischen Übergangs zu ersparen. Es wird kein Trauma geben und keinerlei Wandel nötig sein. Der Übergang von einem Gesellschaftssystem in ein anderes erfolgt seit mehr als vierzig Jahren. Es handelt sich nicht um die Ablösung eines Mannes durch einen anderen. Hat sich eine Revolution gefestigt, und geht die Saat der Ideen und des Bewußtseins auf, dann ist kein Mensch unersetzlich. [20]

Cuba, mi amor ist in der edition ost der Neue Berlin Verlagsgesellschaft zum Preis von 12 Euro 90 erschienen.

Zoraida Beato : Nostalgia Cubana

 

Reisefieber

Es muß ja nicht gerade eine Liebeserklärung sein, die eine oder jemanden dazu veranlaßt, nach Kuba zu reisen. Fünfundvierzig Jahre nach der Revolution steckt das Land in existenziellen finanziellen Schwierigkeiten, die allerdings nur zum Teil hausgemacht sind. Seit über 40 Jahren wird Kuba von den USA boykottiert und die damit verbundene Wirtschaftsblockade führt zu zuweilen absurden Verrenkungen. US–Firmen ist der Handel mit Kuba untersagt, und das gilt natürlich auch für alle ausländischen Tochtergesellschaften und deren Lieferanten. Also untersagt von derselben US–Regierung, die sich ja die Freiheit des Welthandels auf die Fahnen geschrieben hat.

Dennoch hat sich Kuba vom Zusammenbruch der realsozialistischen Länder erholt. Ob die Förderung des Massentourismus der Weisheit letzter Schluß war, muß sich noch zeigen. Dennoch ist klar, daß die damit verbundene Dollarisierung des Landes das Bewußtsein der Menschen prägt. Der run auf den Dollar ist in jeder Stadt zu beobachten. Nicht überall ist er so diskret wie in Havanna, wo ein einfaches Kopfschütteln ausreicht, um die allgegenwärtigen fliegenden Händler mit ihren Münzen, Zigarren oder ihren Kitsch wieder loszuwerden. Mancherorts sind die Menschen hartnäckiger, denn vieles ist nur in Dollargeschäften erhältlich.

Eine gute Reisevorbereitung ist hierbei unbedingt sinnvoll, insbesondere in einem Land wie Kuba, wo manches nicht so funktioniert, wie wir es gewohnt sind. Es gibt faktisch eine Zweiklassengesellschaft, nämlich Menschen mit Dollar und welche ohne. Und wer als Touristin oder Tourist im Land unterwegs ist, hat definitiv ganz andere Möglichkeiten als die Kubanerinnen und Kubaner selbst. Allerdings zu einem höheren Preis. Wer glaubt, daß Kuba als Drittweltland auch Drittweltpreise verlangt, irrt sich, zumindest im Dollartourismus. Hier entsprechen die Preise dem mitteleuropäischen Preisniveau. Das sollte bei jeder Reisekasse berücksichtigt werden.

Ich finde das übrigens auch sinnvoll. Denn warum sollen die Kubanerinnen und Kubaner die mit harten Devisen eingekauften oder produzierten Güter spottbillig wieder verhökern?

Wer keinen Pauschalurlaub bucht und damit in den Enklaven des Tourismus verbleiben will, sondern im Land herumreisen möchte, benötigt zweierlei: einen guten Reiseführer und gute Spanischkenntnisse. Ohne Sprachkenntnisse unterwegs zu sein, heißt, darauf zu hoffen, daß man oder frau sich mit den Kubanerinnen und Kubanern irgendwie verständigen wird. Und das ist, wie schon Eberhard Panitz beschrieben hat, meist zum Scheitern verurteilt. Ich kann das aus eigener Anschauung bestätigen. Wenn zwei Menschen mit ihrem Schulenglisch oder gar noch weniger aufeinandertreffen, ist das Mißverständnis schnell vorprogrammiert.

Was den Reiseführer betrifft, so kann ich den CubaReiseführer von Frank Herbst aus dem Reise Know–How Verlag Peter Rump empfehlen. Gut die Hälfte seines Buches macht eine allgemeine Übersicht über Land und Leute aus, bevor er im Detail verschiedene Reiserouten, Unterkünfte oder Städte beschreibt. Und das ist auch sinnvoll so, denn Kuba ist anders. Allerdings ist nicht alles, was er schreibt, auf seinem eigenen Mist gewachsen. Bei der historischen Darstellung der Geschichte Kubas hat er fleißig aus dem Buch von José Cantón Navarro abgekupfert, dessen marxistisch–leninistischer Stil einem oder einer sein Buch zur Qual werden lassen kann. [21]

Dennoch finde ich es gut, daß Frank Herbst keine Scheu davor gehabt hat, die kubanische Geschichte von einem Kubaner selbst erzählen zu lassen, daß er also nicht sogenannte ausgewogene ideologische Machwerke zur Hand genommen hat. Da der Autor das Buch von Navarro jedoch radikal zusammenstreichen mußte, denn so ein Reiseführer hat nur begrenzt Platz, bleibt so manches nur halb verständlich im Raum stehen. Aber das Buch von Navarro bekommt man und frau in Kuba ja in jeder Buchhandlung, natürlich auch auf Deutsch.

Frank Herbst ist dort, wo ich es überprüfen konnte, in seinen Informationen sehr genau. Man und frau kann sich auf Fahrpläne genauso verlassen wie auf die Stadtpläne. Sich zu verirren, ist fast schon unmöglich. Manche seiner Beschreibungen mögen ein wenig optimistisch klingen, etwa wenn er vom Charme der Stadt Matanzas schreibt [22], die einfach nur heruntergekommen und dreckig ist. Allerdings wäre es falsch, daraus den Schluß zu ziehen, daß in Kuba alles verkommt. Es sind eher die fehlenden finanziellen Ressourcen, welche die kubanische Regierung daran hindern, dem Verfall entgegenzusteuern. In Havanna sieht das nämlich teilweise anders aus.

Vom Platz der Revolution in Havanna wird man und frau sicher enttäuscht sein, denn er ist im Grunde eine große häßliche Asphaltfläche. Dafür sollte man und frau sich für die Altstadt Havannas unbedingt Zeit nehmen. Denn was die kubanische Regierung, vor allem im Bereich des Weltkulturerbes, hat restaurieren lassen, ist wirklich beeindruckend. Während hierzulande die historischen Fassaden garantiert eine Luxusmodernisierung flankieren würden, ist es in Havanna ganz anders. Dort können die Menschen in ihre Häuser nach der Renovierung zurückkehren, ohne mehr Miete zahlen zu müssen. Die Renovierung selbst ist behutsam und geschmackvoll.

Überhaupt haben die Kubanerinnen und Kubaner Geschmack. So ist das werbefreie kubanische Fernsehen eine zuweilen merkwürdige Mischung aus biederem DDR–Charme, dritten Bildungsprogrammen und poppig aufgemachten Sendungen, die hierzulande unerkannt durchgehen würden. Bei aller schrillen Farbmalerei gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen schreiendem deutschem Privatfernsehen und dem geschmackvoll ausgestatteten kubanischen Programm. Daß der Sportnachrichtensprecher knarzend daherkommt und als letzte Geste seines Handelns seinen überaus wichtigen Kugelschreiber im Jackett verschwinden läßt, macht das ganze fast schon liebenswert.

Doch um auf Havanna zurückzukommen – Frank Herbst hat unbedingt Recht, wenn er schreibt:

La Habana ist das größte Architekturmuseum, das ich jemals gesehen habe. Ich bin begeistert, mit welcher Energie die Cubaner den Kampf gegen Moder, Zerfall, Termitenfraß und Baufehler aufgenommen haben – und das bei der Materialknappheit. Habanas Altstadt ist die besterhaltenste in der gesamten Karibik, so unglaublich sich das anhört. [23]

Allein die Fülle an Architekturstilen, die zum Teil übergangslos nebeneinanderstehen, lohnt einen längeren Aufenthalt. Aber auch andere Städte der Insel bemühen sich, (nicht nur) ihr architektonisches Erbe zu zeigen. Kuba ist also eine Insel, die man und frau nicht im Schnelldurchgang erkunden kann. Außerdem wird ja auch Neues gebaut – und zwar nicht nur Plattenbausiedlungen. Das ist ohnehin eine bemerkenswerte Eigenschaft: Altes steht neben Neuem. Das gilt für Häuser genauso wie für Fahrzeuge. Pferdekutschen als Bestandteil des öffentlichen Nahverkehrs stehen neben hochmodernen Bussen, und die Improvisation kennt ohnehin kaum eine Grenze.

Es ist so oft zu hören, daß Havanna aufgrund der sozialistischen Mißwirtschaft so heruntergekommen sei. Erstaunlicherweise habe ich dieselben Klugscheißer noch nie sagen hören, es läge am Kapitalismus, daß die von Frank Herbst zum Vergleich herangezogenen karibischen Städte noch weiter heruntergekommen seien.

Dies alles ist bei Frank Herbst schon einmal vorher nachzuschlagen, bevor man und frau es mit eigenen Augen sehen kann. Daß Kuba zudem schöne Strände besitzt, ist sicher ein angenehmer Nebeneffekt. Der Cuba-Reiseführer von Frank Herbst ist im Reise Know–How Verlag Peter Rump zum Preis von 17 Euro 50 erschienen.

Buena Vista Social Club : Orgullecida

 

Cuba libre bittersüß

Die ehemalige Stadtguerillera Inge Viett hat vor einigen Jahren ihren Reisebericht Cuba libre bittersüß so beendet:

Es gibt so viele Lügen über Kuba. Sie forderten mich heraus, ihnen mit meinen eigenen Wahrnehmungen entgegenzutreten. Drei Monate war ich in dem Land unterwegs und habe in verschiedene Fenster geschaut. Ich weiß selbstverständlich, daß ich nur kleine Ausschnitte aus den Räumen der kubanischen Gesellschaft sehen konnte. Ebensowenig habe ich die Komplexität des täglichen Lebens umfassend erkennen können. Vor allem habe ich nicht den Stimmen der kubanischen Dissidenten zugehört, aber auch nicht den offiziellen Verlautbarungen der Funktionäre. Von den Leuten dazwischen habe ich meinen tiefen Eindruck von Kuba gewonnen: Ich empfinde das Land widersprüchlich und doch im Einklang, verschwenderisch im Genießen und Geben trotz materiellem Mangel, grenzenlos optimistisch und auch fatalistisch, vorwärts denkend und doch verharrend. Beseelt von der gesellschaftlichen Gerechtigkeit, die von der Realität schmerzhaft beschnitten wird. Kuba müht sich, seine schöne revolutionäre Seele nicht aus dem neuen hermaphroditischen Körper fahren zu lassen. Es leugnet die Identitätskrise und ist doch mitten in der Anstrengung, aus ihr herauszufinden. So viele Spatzen in Europa pfeifen das Lied von den Dächern: "Die Revolution in Kuba ist tot." Ich kann das nicht bestätigen. Sie ist mir oft begegnet, wenn auch mit einem tiefen Schatten von Bedrohung. Sie lebt in der Lebensphilosophie und Lebensfreude der Leute, in ihrer Solidarität, ihrer Kreativität, ihrer Stärke und Opferbereitschaft bei der Bewältigung der gegenwärtigen Krise.
Selbst wenn die kubanische Revolution vollständig gestoppt und besiegt werden sollte, wird Kuba der mutigste, würdigste Verlierer sein unter allen besiegten sozialistischen Ländern. Es wird auch als Verlierer ein beispiel sein für den weiteren Verlauf der Befreiungsgeschichte. Kuba hat es verdient, so geachtet, gewürdigt und geliebt zu werden, wie die unterdrückten Völker des Südens es tun, für die Kuba immer noch Hoffnung und Beispiel ist. [24]

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute

  • mit einem kurzen Rückblick auf die Nelkenrevolution vom April 1974 in Portugal
  • den Tagebuchaufzeichungen von Eberhard Panitz über seinen Kuba–Aufenthalt im Sommer 1961 und
  • einem Reiseführer in das heutige Kuba.

Das Buch von Eberhard Panitz heißt Cuba, mi amor und ist in der edition ost der Neue Berlin Verlagsgesellschaft zum Preis von 12 Euro 90 erschienen. Der Cuba–Reiseführer von Frank Herbst ist im Reise Know–How Verlag Peter Rump erschienen und kostet 17 Euro 50.

Das Buch von Inge Viett – Cuba libre bittersüß – ist 1999 in der Edition Nautilus erschienen. Von Eberhard Panitz gibt es ein Buch über Tamara Bunke mit dem Untertitel Mit Che Guevara in Bolivien. Es ist im GNN Verlag erschienen und kostet 10 Euro 50. Eines meiner Lieblingsbücher ist Das Jahrhundert des Sturms von Eduardo Galeano aus dem Peter Hammer Verlag.

Diese Sendung wird am Montagabend um 23 Uhr, sowie am Dienstag nach dem Radiowecker um 8 Uhr und am Nachmittag ab 14 Uhr wiederholt. Das Sendemanuskript wird in den kommenden Tagen auf meiner Homepage zu finden sein: www.waltpolitik.de. Es folgt nun Äktschn!, eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

Doris de la Torre : Añorando Encuentro
Buena Vista Social Club : El Cuarto de Tula

 

 

AUSGEWÄHLTE LITERATUR ZUR SENDUNG

 

zu Kuba :
[Calvo] Hernando Calvo Ospina und Katlijn Declerq : Originalton Miami, PapyRossa Verlag 2001. Besprochen in der Sendung Weltpolitik : Den Haag–Irak–Kuba am 9. Juli 2001
[Cantón] José Cantón Navarro : Die Geschichte Kubas, Verlag SI–MAR, 5. Auflage der 2. Ausgabe 2002
[Galeano] Eduardo Galeano : Das Jahrhundert des Sturms, Peter Hammer Verlag 1988
[Guevara] Ernesto Che Guevara : Schriften zum Internationalismus, Pahl–Rugenstein Verlag 1989
[Herbst] Frank Herbst : Cuba, Reise Know–How Verlag Peter Rump, 3. Auflage 2003
[Morais] Fernando Morais : Die rote Insel. Kuba heute, Peter Hammer Verlag 1978
[Panitz I] Eberhard Panitz : Cuba, mi amor, edition ost 2004
[Panitz II] Eberhard Panitz : Tamara Bunke. Mit Che Guevara in Bolivien, GNN Verlag 1995. Ursprünglich 1973 im Verlag Neues Leben Berlin unter dem Titel "Der Weg zum Rio Grande" erschienen.
[Viett] Inge Viett : Cuba libre bittersüß, Edition Nautilus 1999
 
zu Portugal :
[Kritik] Kritik der Politischen Ökonomie, Heft 5 : Portugal – Grenzen der Revolution? Verlag Olle&Wolter 1976
[Oliveira] A.H. de Oliveira Marques : Geschichte Portugals und des portugiesischen Weltreichs, Alfred Kröner Verlag 2001

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Oliveira Seite 576
[2]   Den kalendarischen Hinweis auf den 30. Jahrestag der Nelkenrevolution verdanke ich Katharina Mann.
[3]   Galeano Seite 215–216
[4]   Galeano Seite 216–217
[5]   Panitz I Seite 33
[6]   Panitz I Seite 10
[7]   Panitz I Seite 15–16
[8]   Panitz I Seite 22
[9]   Panitz I Seite 22
[10]  Panitz I Seite 23. Siehe auch Guevara Seite 58, der allerdings in Punta del Este von einem geplanten Anschlag auf Castros Bruder Raúl spricht.
[11]  Panitz I Seite 26
[12]  Panitz I Seite 41–42
[13]  Panitz I Seite 55
[14]  Galeano Seite 218–219
[15]  Galeano Seite 219–220. Siehe auch Guevara Seite 65–66.
[16]  Panitz I Seite 62
[17]  Panitz I Seite 96–97
[18]  Panitz I Seite 118
[19]  Herbst Seite 171. Am 26. Oktober 1998 betrug der Frauenanteil im Deutschen Bundestag 30,9% [207 von 669], im Mai 2003 betrug er 32,8% [198 von 603].
[20]  Panitz I Seite 95–96
[21]  Cantón – siehe Literaturverzeichnis
[22]  Herbst Seite 279
[23]  Herbst Seite 180
[24]  Viett Seite 122–123

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 20. Dezember 2004 aktualisiert.
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