Überwachungskameras auf der Mathildenhöhe
Überwachungs­kameras auf der Darmstädter Mathildenhöhe

Kapital – Verbrechen

Die Kunst der Ausforschung

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 27. Februar 2012, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 27./28. Februar 2012, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 28. Februar 2012, 05.10 bis 06.10 Uhr
Dienstag, 28. Februar 2012, 11.10 bis 12.10 Uhr

Zusammenfassung:

Weshalb mußte der alte Bundespräsident gehen und weshalb wird der neue wie ein Heilsbringer gepriesen? Welche Rolle spielt hierbei Deutschlands meistgelesene Zeitung? Warum halten sich Datensammler so ungerne an Recht und Gesetz? Was hat es mit der Verführungstheorie Jean Laplanches auf sich?

Besprochenes Buch:

Jean Laplanche : Neue Grundlagen für die Psychoanalyse, Psychosozial-Verlag

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Vier Parteien für ein Hallelujah! 

Jingle Alltag und Geschichte

Hallelujah! Der Faschingstrubel um Christian Wulff ist vorbei und am 18. März [2012] wird ein neuer Heilsbringer gewählt werden. Während auf der einen Seite die Jubelarien erklingen, die uns Joachim Gauck als zeitgemäßen Bundespräsidenten präsentieren, wächst auf der anderen Seite die Kritik. Daß die Linkspartei mit Gauck nichts anfangen kann, liegt auf der Hand, aber es ist schon interessant, daß und wie die Netzgemeinde Punkt um Punkt herauszuarbeiten versucht, wes Geistes Kind der Allparteien­liebling ist. Nun will ich in meinem heutigen Podcast nicht all die vielen schon gesagten Worte noch einmal durch den Wolf drehen, das wäre dann doch zu langweilig.

Ohnehin ist es vom Standpunkt der Aktualität und der inhaltlichen Intervention aus betrachtet auf jeden Fall von Nachteil, wenn ich allenfalls alle zwei Wochen auf die Weltlage zu sprechen kommen kann und dies zusätzlich unaktuell, weil ich aufgrund eines absurden Hausverbots diesen Podcast Tage zuvor vorproduzieren muß. Dennoch ist es dem Verein, der diesen Darmstädter Vereinsfunk betreibt, nicht gelungen, mich an dieser Stelle mundtot zumachen, obwohl es an Versuchen hierzu nun wirklich nicht gemangelt hat. Und um Zensur und die Kunst der Ausforschung soll es an dieser Stelle heute gehen. Nebenbei werde ich ein Buch des französischen Psychoanalytikers Jean Laplanche vorstellen, in dem es um eine andere Art der Ausforschung, nämlich die des unbewußten Seelenlebens geht. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

Der Heiland der verrohenden Mittelschicht

Die Frage, weshalb Joachim Gauck zum Heilsbringer deutscher Befindlichkeiten aufgeplustert wird, läßt sich womöglich einfacher klären als die Frage, weshalb Christian Wulff hat gehen müssen. Zunächst einmal ist es ja eine bemerkenswerte Geschichte, daß ausgerechnet der Liebling der populistischen Bildzeitung von selbiger hart angegangen wurde. Es ist kaum anzunehmen, daß die Bildzeitung den investigativen Journalismus entdeckt hätte, dafür ist dieses Blatt als Dreckschleuder viel zu einschlägig bekannt. Dennoch muß es einen Grund geben, weshalb ausgerechnet der Kredit für ein piefiges Haus in Niedersachsen als Hebel einer Schlammschlacht auserkoren wurde.

Denn Hand aufs Herz – wer in der deutschen Politik (und nicht nur dort) etwas werden will, kommt gar nicht darum herum, sich irgendwo einseifen oder gar einkaufen zu lassen, und von hier ist der Schritt zum Absahnen nun wirklich nicht weit. Das hat es vielleicht auch ein bißchen schwieriger gemacht, einen geeigneten Kandidaten zu finden, denn spätestens seit dem Großen Plagiator muß jede Kandidatin und jeder Kandidat damit rechnen, daß die Netzgemeinde fündig wird. Aber nein, das was alle anderen auch machen, vielleicht ein bißchen cleverer, das kann nicht der Grund für die Bildzeitungs­kampagne gewesen sein. Ohnehin sind selbige Politikerinnen und Politiker dafür zuständig, daß die besitzende Klasse in diesem Land in ganz anderen Dimensionen absahnen kann, ohne daß die Bildzeitung selbige Kapitalisten vorführen würde.

Vielleicht hilft es uns weiter, wenn wir uns erinnern, daß Christian Wulff vor anderthalb Jahren in seiner Funktion als Bundespräsident erklärt hat, daß der Islam zu Deutschland gehöre, ein Bekenntnis, das im bürgerlichen politischen Mainstream gewiß nicht unwider­sprochen geblieben ist. Denn hier hört bei einem bestimmten Teil des Bürgertums der Spaß auf; es ist nun einmal das Kruzifix die religiöse Karte der Scheinheiligen. Spätestens hier wird sich die Bildzeitung gedacht haben, da läuft etwas schief, und so wurde langsam, aber geduldig gesucht – und gefunden.

Günter Herkel hat in „M“, der medienpolitischen Zeitschrift von ver.di, eine andere Lesart gefunden. Seiner Meinung nach könnte es sich bei der dann doch aus dem Ruder gelaufenen Anti-Wulff-Kampagne um den Versuch der Springer-Presse gehandelt haben, ihr nun wirklich nicht positives Image aufzupolieren. Das scheint mir ein wenig weit hergeholt, wenn auch ein anderer Gedanke Günter Herkels erwägenswert ist: die Bildzeitung versucht, sich „zum journalistischen Hüter der politischen Moral des Landes aufzuschwingen“. Na dann, Prost Mahlzeit! Die Moral der Spießbürger im neoliberalen Haifischbecken.

Kommen wir zu Gauck. Abgesehen von den Lobeshymnen seiner Fangemeinde, die urplötzlich die Chance witterte, daß einer der ihren dem gemeinen Volk mal so richtig neoliberale Tugenden predige, gab es auch recht bald Kritik. Da wurden ihm nur schwer nachweisbare Kontakte mit der Stasi vorgehalten, seine als Zustimmung interpretierte Äußerung zu den Sarrazin-Thesen oder sein Bekenntnis zur Vorratsdatenspeicherung. Nun handelt es sich hier um ein weites Feld der politischen und psychologischen Interpretation. Jutta Ditfurth hat recht treffend bemerkt, weshalb sich das Bürgertum in einer Fast-Allparteienkoalition den ehemaligen Pastor ausgeguckt hat.

Dass CDU/SPD/FDP und Grüne ihn gemeinsam aufstellen verrät uns, dass uns noch mehr Sozialstaatszerstörung, noch mehr Kriege und noch weniger Demokratie drohen. Einen wie ihn holt man, um den Leuten die Ohren vollzuquatschen.

Er ist, in ihren Worten, der Prediger einer verrohenden Mittelschicht. Dies paßt oberflächlich nun gar nicht zu dem Gesülze, das die Chefschalträgerin der grünen Volkspartei Claudia Roth am 19. Februar [2012] aus sich hinausgeblubbert hat.

 

Ein Gauck, der genau weiß, wo der Feind steht

Dieses nun wirklich peinliche Salbadern läßt die wesentlichen Fragen offen. Welche inhaltlichen Positionen mögen die Grünen dazu bewogen haben, den Kandidaten Gauck als einen der ihren zu betrachten? Nun – worüber redet Claudia Roth nicht? Sie redet nicht über den Anhänger der Agenda 2010, weil die Grünen wie die Sozis das Niedriglohn- und Armutsprojekt selbst in Gang gesetzt haben. Sie redet nicht über den Befürworter des Krieges in Afghanistan, weil die Partei ehemaliger Pazifistinnen und Pazifisten ihr Innerstes nach außen gekehrt hat und nun munter selbst mit noch mehr Waffen Ordnung schaffen will. Sie redet auch nicht über den Apologeten der Vorratsdaten­speicherung und der Überwachung der Linken, obwohl spätestens mit dem Auffliegen der jüngsten Verquickung von Neonazis und Verfassungsschutz auch dem Antikommunisten Joachim Gauck klar geworden sein muß, daß der Feind in der Mitte der Gesellschaft nur darauf wartet, losgelassen zu werden. Nein – für einen wie Gauck steht der Feind links, und das ist auch folgerichtig, denn dies ist im wesentlichen die Gesinnungslage des Kapitals und seines staatlichen Anhangs.

Und wer Kritik äußert, wird von den Gauck-freundlichen Medien entweder denunziert oder, wie beim Mitteldeutschen Rundfunk, zensiert. Dort verschwand eine Umfrage mit fadenscheinigen Ausflüchten, als sich eine klare Mehrheit gegen den Liebling der Nation abzeichnete. Hallelujah! [1]

Einer wie Gauck läßt lieber die Linke vom Verfassungsschutz überwachen, als den Verfassungsschutz wegen erwiesener Förderung neonazistischer Mörderbanden ersatzlos abzuschaffen. Dieser Geist hat eine lange Tradition, er reicht weit über den Kalten Krieg oder die NS-Diktatur zurück. Wir finden ihn schon im Deutschen Kaiserreich. Nehmen wir ein Beispiel aus Darmstadt. Für den November 1901 war eine Nachwahl zur Stadtverordneten­versammlung angesetzt. Das hiesige Bürgertum lud zu einer Bürger­versammlung ein, aber auch die verschiedenen Bezirksvereine. Letztere stellten eine gemeinsame Liste auf ohne Ansehen der Partei. Das war den biederen Bürgern zuviel und folgerichtig polemisierte ihr Sprachrohr, die „Darmstädter Zeitung“, gegen diese Verrohung der politischen Sitten. Schon damals stand der Feind links. [2]

Zeitungsmeldung.Dreizehn Jahre später zeigten die Sozialdemokraten ihr wahres Gesicht, ein Gesicht, das sie, den Zeitumständen angepaßt, bis heute beibehalten haben. Sie fördern die Geschäfte des Kapitals, wo immer sie können, führen Kriege nach außen, falls dies der Förderung des Industrie­standortes Deutschland förderlich ist, und befördern den sozialen Krieg nach innen, wenn den Kapitalisten die Profitrate nicht hoch genug erscheint. Und für die Überwachung derer, die noch Flausen im Kopf haben und den Kapitalismus nicht wirklich für erstrebenswert halten, sind sie ohnehin zu haben. Folgerichtig ist Joachim Gauck ihr Mann.

Die Parallelen im Umgang mit der Sozialdemokratie damals und der Linkspartei heute sind jedenfalls unübersehbar; wobei sich die Linkspartei nicht darüber beschweren sollte, zum Choral der Wulff-Nachfolge nicht eingeladen worden zu sein. Oder welche Kröten möchte diese Partei zukünftig schlucken, um wohlgelitten und nicht mehr überwacht zu werden?

 

Der Feind ist immer und überall

Vor zehn Jahren, am 22. Februar 2002, wurde die Hartz-Kommission ins Leben gerufen, angeführt und benannt nach einem Manager, der als Treppenwitz der Geschichte einige Jahre später wegen Untreue abgeurteilt wurde, wozu in einem kapital­freundlichen Land ja schon so einiges gehört. Seither werden Erwerbslose nicht nur mit einem Katalog des Forderns und Forderns drangsaliert, sondern mit Sperrzeiten und einem Datenscreening, das einem sozialen Striptease nahekommt. Striptease ganz anderer Art verspricht der sogenannte Nacktscanner, der vor nicht allzu langer Zeit als neuester Schrei zur Überwachung der Sicherheit auf internationalen Flughäfen vorgestellt worden war. Von Anfang an war klar, daß ein solches Gerät zum zielgerichteten Gebrauch genutzt werden würde, auch wenn – wie immer – die Befürworter der Repressions­technologie derartiges rundweg abstreiten. So wurde kürzlich bekannt, daß Frauen ganz gezielt auch mehrmals durch den Nacktscanner geschickt wurden, während sich an den Überwachungs­geräten die männlichen Sicherheits­beamten an den Bildern aufgeilten.

Ohnehin ist diese ganze Diskussion um Überwachung, egal ob im Internet oder der realen Realität, eine ziemlich verlogene, weil grundsätzlich davon auszugehen ist, daß jede Möglichkeit, die sich ergibt, auch genutzt werden wird. Recht und Gesetz spielen da keine Rolle; es wird einfach gemacht und irgendein Vorwand dafür hergenommen.

Da gibt es Filtersoftware, die angeblich den Jugendschutz im Internet befördern soll, die sich jedoch als ein Mittel der Zensur herausstellt, wenn selbst so harmlose Seiten wie die der Grünen als jugend­gefährdend abgeschaltet werden.

Da gibt es Abkommen wie ACTA, die durch ihre vagen Formulierungen nicht nur geltende gesetzliche Regelungen gezielt unterlaufen, sondern deren Inhalt den Entscheidungsträgern oftmals bewußt vorenthalten werden. Offensichtlich vertraut die einschlägige Wirtschaft nicht einmal [ihren eigenen] gewählten Parlamentarierinnen und Regierungs­funktionären. Hier wird ganz offenkundig ein Spezialrecht für Kapitalisten außerhalb jeder demokratischen Kontrolle etabliert.

Da unterzeichnen die Universitäten von Western Ontario und Toronto ein gesetzwidriges Abkommen mit einem Urheberrechts­verband, das nicht nur das zügellose und beliebige Überwachen von universitären Emails erlaubt, sondern die dadurch entstehenden Kosten den überwachten Studierenden aufbrummt. In den USA haben sich Drucker- und Kopiergerätehersteller verpflichtet, die Identifizierung von Dokumenten daraufhin zu ermöglichen, auf welchem Gerät sie gedruckt wurden. Nun sind ja nicht nur die USA und jetzt auch Kanada einschlägig für ihren Überwachungs­wahn bekannt. Die deutsche Polizei und deutsche Geheimdienste stehen ihnen in nichts nach. Da wird ohne jede gesetzliche Grundlage die Telekommunikation einer ganzen Stadt überwacht, wie etwa in Dresden und Berlin, oder als neueste, aber gewiß nicht letzte Blase steigt aus dem Sumpf mal wieder ein Geheimdienst empor. 2010 wurden 37 Millionen Emails und Datenverbindungen überprüft, aus denen selbst nach den undurchsichtigen Kriterien geheimer Dienste sich nur 213 verwertbare Hinweise ergeben haben sollen. Vollkommen logisch, daß bei einer solch hervorragenden Trefferquote die inzwischen auch anhand einer Studie nachgewiesener­maßen überflüssige Vorratsdaten­speicherung erst recht zu fordern ist.

Und so könnte ich ewig weiter machen.

Etwa in Rostock, an dessen Universität die Videokameras bei Prüfungen mitlaufen. Der Fall mag etwas skurril klingen, aber belegt die Methode, nach der alles und jede zu überwachen sind, nicht nur in Nacktscannern, sondern auch im intimsten Bereich zu Hause. Wissen wir doch nun, daß der Bundestrojaner selbst das sexuelle Verhalten der Überwachten aufzeichnet. Tja, das sind eben die Spanner, die eine Republik wie die unsere so dringend zum Schutz der Freiheit des Profits benötigt.

Und wenn so viel soziale Kontrolle nicht ausreicht, dann kommt die Bundeswehr in die Schule und erzählt etwas vom Pferd oder bettet Schülerinnen als angehende Journalistinnen ganz unverbindlich, aber erfolgreich ein. Und das ist schon seltsam, wo sich doch die ganze Medienkanaille noch vor zwei, drei Jahrzehnten über den Wehrkunde­unterricht in der DDR aufgeregt hatte. Und damit alle brav bei der Stange gehalten werden, gibt es auch einmal eine Weihnachtsfeier im Mainzer Stadion für die Beschäftigten der HSE, die wir mit unseren Strom- und Erdgasrechnungen bezahlen dürfen. Nun wäre ja nichts dagegen einzuwenden, wenn Beschäftigte anständig bezahlt würden. Aber solch ein Mummenschanz in einer Sportarena klingt doch mehr nach der verschworenen Gemeinschaft derer, die auf Kosten Anderer unter sich bleiben wollen.

 

Die Entfremdung und ihre neoliberalen Stilblüten

Besprechung von : Jean Laplanche – Neue Grundlagen für die Psychoanalyse, Psychosozial-Verlag 2011, 200 Seiten, € 24,90

Neben dem sozialwissen­schaftlichen Konzept der Entfremdung gibt es das psychologische Konzept der Verdrängung, das psychoanalytisch als eine Wirkung des Unbewußten gefaßt werden kann. Auch wenn es so scheint, als ließen sich hiermit ähnliche, wenn nicht gleiche Vorgänge nur mit unterschiedlichem Vokabular theoretisch fassen oder gar praktisch nutzbar machen, so meint Entfremdung etwas Anderes als Verdrängung, und nicht jede Verdrängung ist Ausfluß unbewußter Handlungen.

Karl Marx postulierte ein entfremdetes Verhältnis der Menschen zu sich selbst und zu anderen Menschen als ein Ergebnis entfremdeter Arbeit, wie sie insbesondere im Kapitalismus vorkomme. Demnach ist die Arbeiterin oder der Arbeiter weder Herrin des Produktionsprozesses, noch Herr des Produktes der eigenen Arbeit, weil zum einen der Arbeitsprozeß seitens des Kapitals vorgegeben und gegen den Widerstand der Arbeitenden ökonomisch, aber auch mit Gewalt durchgesetzt werde, zum anderen das Produkt dieser Arbeit vom Kapitalisten angeeignet werde und somit der Arbeiterin und dem Arbeiter als etwas Fremdes gegenübertrete.

Hinzu komme, daß die Tätigkeit des abhängigen Arbeitens selbst keinem wirklichen Bedürfnis der Arbeitenden entspreche, sondern aus rein materieller Not gezwungenermaßen ausgeübt werde. Dieser Sachverhalt findet sich in der Vorstellung wieder, daß man und frau als Selbständige, als Handwerkerin oder als Freiberufler, Herr oder Frau des Arbeitsprozesses oder des Arbeitsergebnisses sei, was angesichts des durch den Markt und seiner Akteure ausgeübten Drucks eine reine Illusion ist.

Es ist jedoch nicht nur das Arbeitsprodukt oder der Prozeß seiner Entstehung als etwas Fremdes zu betrachten, sondern auch das Arbeitsprodukt in seiner Gestalt als Ware, die der Arbeiterin und dem Arbeiter nicht als Gebrauchswert, sondern als reiner Tauschwert gegenübertritt. Marx beschreibt dies in seinern Ökonomisch-philosophischen Manuskripten von 1844 so:

Wir haben den Akt der Entfremdung der praktischen menschlichen Tätigkeit, die Arbeit, nach zwei Seiten hin betrachtet. 1. Das Verhältnis des Arbeiters zum Produkt der Arbeit als fremden und über ihn mächtigen Gegenstand. Dies Verhältnis ist zugleich das Verhältnis zur sinnlichen Außenwelt, zu den Naturgegenständen als einer fremden, ihm feindlich gegenüberstehenden Welt. 2. Das Verhältnis der Arbeit zum Akt der Produktion innerhalb der Arbeit. Dies Verhältnis ist das Verhältnis des Arbeiters zu seiner eignen Tätigkeit als einer fremden, ihm nicht angehörigen, die Tätigkeit als Leiden, die Kraft als Ohnmacht, die Zeugung als Entmannung, die eigne physische und geistige Energie des Arbeiters, sein persönliches Leben – denn was ist Leben [anderes] als Tätigkeit – als eine wider ihn selbst gewendete, von ihm unabhängige, ihm nicht gehörige Tätigkeit. Die Selbstentfremdung, wie oben die Entfremdung der Sache.

Hieraus ergibt sich jedoch eine weitere Folgerung, noch einmal in den Worten von Karl Marx:

Indem die entfremdete Arbeit dem Menschen 1. die Natur entfremdet, 2. sich selbst, seine eigne tätige Funktion, seine Lebenstätigkeit, so entfremdet sie dem Menschen die Gattung; sie macht ihm das Gattungsleben zum Mittel des individuellen Lebens. Erstens entfremdet sie das Gattungsleben und das individuelle Leben, und zweitens macht sie das letztere in seiner Abstraktion zum Zweck des ersten, ebenfalls in seiner abstrakten und entfremdeten Form.

Und weiter:

Ebenso indem die entfremdete Arbeit die Selbsttätigkeit, die freie Tätigkeit, zum Mittel herabsetzt, macht sie das Gattungsleben des Menschen zum Mittel seiner physischen Existenz. Das Bewußtsein, welches der Mensch von seiner Gattung hat, verwandelt sich durch die Entfremdung also dahin, daß das Gattungs[leben] ihm zum Mittel wird. Die entfremdete Arbeit macht also:

3. das Gattungswesen des Menschen, sowohl die Natur als sein geistiges Gattungsvermögen, zu einem ihm fremden Wesen, zum Mittel seiner individuellen Existenz. Sie entfremdet dem Menschen seinen eignen Leib, wie die Natur außer ihm, wie sein geistiges Wesen, sein menschliches Wesen.

4. Eine unmittelbare Konsequenz davon, daß der Mensch dem Produkt seiner Arbeit, seiner Lebenstätigkeit, seinem Gattungswesen entfremdet ist, ist die Entfremdung des Menschen von dem Menschen. Wenn der Mensch sich selbst gegenübersteht, so steht ihm der andre Mensch gegenüber. Was von dem Verhältnis des Menschen zu seiner Arbeit, zum Produkt seiner Arbeit und zu sich selbst, das gilt von dem Verhältnis des Menschen zum andren Menschen, wie zu der Arbeit und dem Gegenstand der Arbeit des andren Menschen.

Überhaupt, der Satz, daß der Mensch seinem Gattungswesen entfremdet ist, heißt, daß ein Mensch dem andern, wie jeder von ihnen dem menschlichen Wesen entfremdet ist.

Es sind demnach die sozialen Verhältnisse, die aus dem Menschen, der von Natur aus nicht so angelegt ist, zu einem Wesen machen, das aggressiv, selbstbezogen, egoistisch, materiell orientiert und konsumistisch sich andere Menschen und überhaupt die ganze Welt aneignet. Nach der Entwicklung des Stands der Produktivkräfte ist das derzeitige Stadium des Neoliberalismus seine nackte, brutale Ausdrucksform, in der alles, aber auch wirklich alles, monetär gegeneinander abgewogen, eingesaugt und wieder ausgespieen wird. Die totale Vernutzung des Menschen ist der Lebenszweck des neoliberal durchgeknallten Kapitals, und es gibt keine Macht, die diesem Wahnwitz ein Ende setzen könnte. Weder ist hier – wie in den Forschungen und Schriften von Jan Philipp Reemtsmas Hamburger Institut für Sozialforschung – der Appell an das aufgeklärte Eigeninteresse des Kapitals sinnvoll oder gar hilfreich; noch der Versuch, die kapitalistische Globalisierung als Chance zu begreifen, die man oder frau zur freien Entfaltung der eigenen Persönlichkeit nur nutzen müßte. Es funktioniert nicht.

 

Ganz authentische Selbstverarschung

Die Entfremdung der Menschen von sich selbst und voneinander führt jedoch auch zu den merkwürdigsten Stilblüten der Authentizität. Und wenn den Menschen, insbesondere den Menschen der reichen kapitalistischen Metropolen, vorgegaukelt wird, sie könnten ihre individuellen Fähigkeiten erfolgreich einbringen und ihre Individualität kreativ ausleben, dann werden sie das Objekt der totalen Ausnutzung ihrer Sehnsüchte und Träume von einer Welt, die nicht durch Leistungsdruck, Arbeitshetze, Mobbing und Schönheits­wahn gekennzeichnet ist. Sie werden animiert, deine Musik zu hören und zu kaufen, sie werden animiert, deine Fashion oder dein Styling zu begehren, nur um sie anschließend nach Strich und Faden zu verarschen, denn dieses dein ist nichts weiter als der Ausdruck eines konformistischen Mainstreams, der durchaus die eine oder andere Facette oder Abweichung zuläßt, solange alle brav mitmachen.

Und das damit einhergehend in allen möglichen Medien verbreitete Rumgesülze von einer extra auf die jüngeren und etwas älter gewordenen Kids zugeschnittenen Musik, Mode oder der entsprechenden Eventkultur entpuppt sich als derart künstlich Soße, wenn man oder frau auch nur eine einzige kritische Frage dazu stellen würde, so daß es im Grunde genommen schon recht erstaunlich ist, wie gut dieser Kleister wirkt. Hierzu bedarf es neben Anpassungsdruck und Dazugehören­wollen auch mentaler Dispositionen, die eingeübt werden wollen und deren Durchsetzung nie ganz gelingen wird. Denn auch die entfremdetste Soße sabbert das Gehirn nicht selbst­verständlich zu, weil der Mensch nicht darauf angelegt ist, ein fremdbestimmtes, sondern ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ein Leben jedoch, das unter den Sachzwängen des kapitalistischen Marktes und seiner patriarchalen Grundorientierung nur begrenzt möglich ist.

Witzigerweise erklingt diese Soße auch in Medien, die von ihrem Grundverständnis her nicht kommerziell orientiert sind, wie etwa ein nichtkommerzielles Lokalradio, so wie etwa der Vereinsfunk von „Radio Darmstadt“. Da werden die dümmlichsten nach dem Baukastenprinzip zusammen­gekleisterten Songs als Frischware oder Oldies rauf- und runtergedudelt, selbst­verständlich ohne einen Begriff davon zu vermitteln, daß diese Songs nicht etwa die Individualität der Sängerin, des Sängers oder einer Band ausmachen, sondern auf Durch­hörbarkeit für eine möglichst breite Masse getrimmt wurden. Ausnahmen bestätigen hier die Regel, denn selbst sich als nonkonformistisch begreifende Künstlerinnen und Künstler bewegen sich im Rahmen entfremdeter Verhältnisse, in denen ihr musikalisches Produkt die eigenen entfremdeten Bedürfnisse und Lebens­weisheiten eben nicht reflektiert, sondern mehr oder weniger unverarbeitet nach außen trägt. Den Grundtakt hierzu liefert ein Beat, der stakkatohaft mal mehr, mal weniger deutlich in den Vordergrund tritt, und sich der industriell durch­organisierten Vertaktung des Lebens anpaßt.

Der Hype, der um einen solchen Schrott gemacht wird, durchzieht die geradezu hysterisch anbiedernden Worthülsen eines Jürgen Radestock, etwa in der Sendung Hallo Darmstadt; und wenn wir die deutsche Radio­landschaft einmal durchhören, dann werden wir seine Intonation mit der zugehörigen plaudernden Belanglosigkeit auch auf anderen Wellen wiederfinden. Die Jugendredaktion Young Power promotet diese Schein- und Kunstwelt als den Hype schlechthin; und wir mögen es ihnen ein wenig nachsehen, denn eigenständiges, kritisches Denken muß sich erst in der Auseinander­setzung mit dieser bösartigen Welt entwickeln; und dazu emanzipiert ein biederer Vereinsfunk wie dieser hier nun wahrlich nicht. Die Spielkinder vom CS-Mag hingegen entführen uns in eine virtuelle Welt, die derart banal und einfach gestrickt ist, daß wir uns fragen müssen, ob die Köpfe, die dahinter stecken und derlei Unsinn im Einklang mit den Produzenten der Spiele, welche sie zum Ausprobieren geschenkt bekommen, als Monsterhype in die Welt setzen, ähnlich schlicht und aggressiv funktionieren.

Doch auch der Darmstädter Bandpromoter Michael, genannt „Chappi“, Schardt ist ein eifriger Jünger der Darbietung kapitalistischer Kommerzialität, selbst dann, wenn seine Darmstadt Hitparade jüngere und ältere Künstlerinnen und Künstler vorstellt, die noch nicht vollständig vom Zwang zur Verwertung aufgesogen worden sind. Als Hitparade konzipiert, reproduziert diese Sendung das Leistungs­prinzip einer Warenwelt, in der nur die Sieger zählen und bei der auch die Stimmabgabe nach Belieben manipuliert werden kann.

So, wie etwa bei dem Fake namens Darmstadts schönste Stimme, zu dem der Sender während des letztjährigen Heinerfest­radios einen Wettbewerb ausrief, in dem die paar Zuhörerinnen und Zuhörer aus zehn Vorschlägen die Stimme auswählen durften, die als besonders schön zu gelten hatte. Da es sich hierbei um eine massenkompatible, dem herrschenden Schönheits­wahnideal verpflichtete Veranstaltung gehandelt hat, war klar, daß eine glockensüße Stimme mehr Chancen auf Entfaltung haben würde als eine sperrige, krächzende Performance.

Und doch hatten die Veranstalter dieses Fakes wohl nicht daran gedacht, daß eine Internet­abstimmung mit ein bißchen technischem Sachverstand locker zu manipulieren ist. So auch hier. Tagelang dümpelten die Ergebnisse einzelner Stimm­vorschläge vor sich hin, um plötzlich binnen weniger Stunden hundertfach „gevotet“ zu werden, wie das im denglischen Sprachgebrauch so heißt. Und tatsächlich war es so, daß die Gewinnerin nicht aufgrund ihrer Performance, sondern aufgrund ausgetüftelter Klickerei den Sieg davongetragen hat. Das hat ihr bei der Preisverleihung im Sendehaus wahrscheinlich keine und niemand verraten, aber der ganze Quark darum ist auf meiner Webseite ohnehin nachzulesen.

 

Geschlossene Mehrheiten und der Feind der Wahrheit

Bei der Verdrängung hingegen handelt es sich um einen ganz anderen Mechanismus als bei der Entfremdung. Zwar werden auch hier wie bei der Entfremdung psychische Instanzen durchlaufen, doch handelt es sich bei der Verdrängung um einen Vorgang, in dem bestimmte Vorstellungen, Bilder, Gedanken und Gefühle unterdrückt werden. Diese Unterdrückung ist normativ, sprich: es gibt eine Instanz wie das Über-Ich, das Unerwünschtes vom Erwünschten scheidet und es versucht einzudämmen. Nun gelingt diese Eindämmung nie vollständig und das im Unbewußten Vergrabene macht sich auf anderem Wege bemerkbar, etwa durch Ticks, gedankliche oder sprachliche Fehlleistungen wie die "Freudschen Versprecher", aber auch durch derart ernsthafte Symptome, die in der gesunden Vorstellung von Normalität kapitalistischer Entfremdung als „krankhaft“ eingestuft werden, und die tatsächlich dem einzelnen Menschen zur Qual werden können.

Ich erlaube mir an dieser Stelle eine Abschweifung zum Thema der sprachlichen Fehlleistung. Hier gibt es durchaus die Variante, daß ein Text eine ganze Menge über den mentalen Zustand seiner Verfasserin oder seines Verfassers aussagen kann, vor allem dann, wenn das Moment der Reflexion eines solchen Textes durch die Autorinnen und Autoren ausgeschlossen werden kann. Hiermit meine ich nicht das beliebte „Zwischen den Zeilen Lesen“, das mitunter mehr über die Leserin aussagt als über den Verfasser, weil die Leserin aus Gründen, die wir hier nicht näher untersuchen müssen, aus der eigenen nicht reflektierten Grundhaltung heraus Aussagen herausfiltert, die dem Text fremd sind. Gerade in psychisch angespannten Situationen oder auch dann, wenn die Konzentration nachläßt, entfleuchen dem Gehirn Wörter und Sätze, die besser weder zu Papier gebracht noch gesagt werden sollten. Ein solcher Text liegt dem gegen mich ausgesprochenen Hausverbot zugrunde, und ich habe einige Zeit benötigt, um den zugehörigen Subtext zu dechiffrieren. Das Hausverbot selbst hat folgende schlichte Aussage:

Sehr geehrter Herr Kuhl,

auf der Vorstandssitzung am 10. Oktober 2007 beschloss der Vorstand mit geschlossener Mehrheit, dass Sie ab sofort ein Hausverbot bei RadaR e.V. haben. Auf Grund der aktuellen Vorkommnisse und des Verbreitens von Internas haben wir uns für dieses Hausverbot entschieden.

Mit freundlichen Grüßen

Peter Fritscher, Susanne Schuckmann
Vorstand

Nun handelt es sich um einen Text, der so unkonkret wie nur möglich ist, der sich ganz bewußt nicht auf einen überprüfbaren Vorwurf stützt, sondern im Gegenteil einfach etwas in die Welt setzt, so wie es der mentalen Disposition des Entscheidungs­gremiums Vorstand zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Schreibens entsprochen hat. Ob es diesen Vorstandsbeschluß am 10. Oktober überhaupt gegeben haben mag, daran habe ich meine berechtigten Zweifel. Aber darauf kommt es hier nicht an. Dieser Text entstand just zu dem Zeitpunkt, an dem ich mich im Sendehaus aufhielt, um eine von mir vorbereitete Sendung anstelle der vorgesehenen meiner ebenfalls mit Hausverbot belegten Kollegin Katharina Mann abzuspielen.

Nur wenige Tage zuvor war die hessische Landes­medienanstalt, die LPR Hessen, persönlich beim Vorstand des Radar e.V. vorstellig geworden, um ihm klarzumachen, daß die drei ausgesprochenen und seit neun Monaten eisern durchgehaltenen Sendeverbote gegen Katharina Mann, Norbert Büchner und mich nicht mit den rechtlichen Grundlagen der Sendelizenz vereinbar seien. Mehr noch, so stand als Drohung im Raum: die Sendeverbote gefährden die Verlängerung der Sendelizenz. Dies war Anfang Oktober 2007.

Wenige Tage zuvor war ich aus dem Verein, der diesen Vereinsfunk betreibt, ausgetreten und hatte auf meiner Webseite aus dem Innenleben des Vereins geplaudert. Derlei „Nestbeschmutzung“ mag keine Organisation, jedenfalls keine, die etwas zu verbergen hat. Denn an der wahrhaften Darstellung war nicht zu zweifeln, und es ist überhaupt eine bemerkenswerte Tatsache, daß es außer einer plumpen Drohung keine rechtlichen Schritte des Vereins gegen mich gegeben hat. Wie das Amtsgericht Darmstadt später in einem anderen Zusammenhang zurecht festgehalten hat, war meine Darstellung absolut mit dem Grundgesetz vereinbar. Woraus folgt: ich habe ein Hausverbot, weil ich das Grundgesetz ernst nehme. Was dies im Umkehrschluß für diesen Vereinsfunk bedeutet, könnt ihr euch selbst ausdenken.

Jedenfalls – wenige Tage nach der persönlichen Vorsprache der Vorstandsetage der Landes­medienanstalt wurden die Sendeverbote aufgehoben. Da gegen Katharina Mann und Norbert Büchner aber weiterhin ähnlich absurde Hausverbote ausgesprochen worden waren, war ihnen weiterhin der Zugang zum Sender verwehrt; mir jedoch nicht. Das galt es zu ändern und es wurde geändert. Nun kann man und frau das nicht so schreiben. Und doch verrät der Subtext genau dies.

Wie hieß es noch? „Aufgrund der aktuellen Vorkommnisse …“. Nun werden weder irgendwelche chinesischen Reissäcke gemeint sein noch die Darmstädter Stadtpolitik. Also muß es sich um etwas handeln, was man und frau nicht offen sagen kann, aber denkt, nämlich: Weil uns die LPR Hessen blöderweise das von uns gewählte Sendeverbot als Mittel der Exklusion aus der Hand genommen hat. Und dann ging es im Text weiter: „und des Verbreitens von Internas …“, womit meine ausführliche Darstellung von Gegebenheiten gemeint war, die im Sendehaus allgemein bekannt oder doch zumindest zugänglich waren, ja sogar von externen Gästen und erst recht von den Hörerinnen und Hörern von „Radio Darmstadt“ wahrgenommen werden konnten. Derlei Interna, und nicht Internas, sind natürlich streng geheim, weshalb das kindliche Gemüt im Sendehaus sich zuweilen zu der Behauptung verstieg, ich würde den Sender überwachen, weil ich mir seine Sendungen anhöre. Ein bißchen Paranoia ist ja ganz niedlich, aber warum gleich so übertreiben? Die dahinter stehende mentale Disposition ist jedenfalls nicht schwer zu begreifen, vor allem wenn man oder frau das Abstraf­bedürfnis dieser Menschen kennt.

Bleibt noch die ominöse Formel, der Vorstand habe das Hausverbot „mit geschlossener Mehrheit“ beschlossen. Was zum Teufel ist eine „geschlossene Mehrheit“? Zur Vorbereitung dieses Podcasts habe ich hierzu die kugelige Datenkrake befragt, und die liefert mir gleich an erster Stelle folgende Episode eines Dramas von Henrik Ibsen. Der Protagonist des Stücks Ein Volksfeind kämpft gegen den Irrationalismus der Mehrheit und sieht in der „geschlossenen Mehrheit“ „den gefährlichsten Feind der Wahrheit und der Freiheit“. Ich gebe ja zu, daß ich mangels literarischer Bildung zunächst an die fest geschlossenen Reihen des Horst-Wessel-Liedes gedacht habe, obwohl im Vereinsfunk natürlich keine derartigen Tendenzen anzutreffen sind.

Allerdings haben mich immer wieder Menschen gefragt, was denn das für eine „geschlossene Mehrheit“ sei. Es gibt absolute Mehrheiten, relative Mehrheiten, einfache Mehrheiten, qualifizierte Mehrheiten, vielleicht auch absurde Mehrheiten, und ganz gewiß offene Fragen. Aber geschlossene Mehrheiten? Psychologisch betrachtet ist der Sachverhalt natürlich leicht erklärbar. Es handelt sich bei diesem Ausdruck um den Ausfluß einer Bunkermentalität und gegenseitigen Versicherung. Schnell heruntergeschrieben und stilistisch wenig durchdacht (und dadurch verräterisch) kondensiert sich dies in besagtem Hausverbotsschreiben.

Und damit komme ich zum Ende dieser Abschweifung, die ein kleines Psychogramm der Befindlichkeiten nicht nur des damaligen und womöglich auch des heutigen Vorstands entwirft, sondern auch der hiermit indoktrinierten Mitgliedschaft; eine Indoktrination, die inzwischen ein derart skurriles Eigenleben entwickelt hat, daß man und frau sich vor übler Nachrede gar nicht genug schützen kann.

 

Jean Laplanche und die erste Verführung

Nun hat sich die Psychoanalyse seit den Zeiten Sigmund Freuds derart weitgefächert entwickelt, so daß man und frau geradezu von einem wahren Wildwuchs sprechen kann. Viele Begrifflichkeiten werden mal mehr, mal weniger scharf benutzt, überhaupt läßt sich eine Tendenz feststellen, in der die empirische Praxis dominiert, die sich nur selten reflektiert und theoretisch abzusichern sucht. Einer derjenigen, die diesem Wildwuchs Einhalt zu gebieten versuchen, indem sie die klinische Arbeit mit einer angemessenen theoretischen Durchdringung verknüpfen, ist der französische Psychoanalytiker Jean Laplanche, dessen Werk im deutschen Sprachgebiet nur unzureichend bekannt ist. Insofern ist es eine verdienstvolle Arbeit des Psychosozial-Verlags, einige seiner grundlegenden Schriften auch in deutscher Übersetzung vorzulegen, wie etwa die im vergangenen Jahr erschienenen „Neuen Grundlagen für die Psychoanalyse“, die im französischen Original schon vor einem Viertel­jahrhundert verfügbar waren.

Buchcover Jean LaplancheWährend in der jahrzehntelang etablierten Praxis Psychologie und Psychoanalyse munter durcheinander wirken und beide für sich beanspruchen, den gesamten psychischen Apparat eines Menschen (oder auch von Menschengruppen) erklären und heilen zu können, so legt Jean Laplanche Wert darauf, die Psychoanalyse auf das Feld zurückzuführen, für das sie Sigmund Freud einst konzipiert hatte, nämlich das Feld des Sexuellen. Indes ist sein in diesem Buch vorliegender Vorschlag für eine Neubegründung der Psychoanalyse wohlbegründet. In Kenntnis der Irrwege wie der Anerkennung wichtiger Erkenntnisse insbesondere der psychoanalytischen Arbeiten im Anschluß an Sigmund Freuds Werk handelt es sich gleichermaßen um ein anstrengend zu lesendes wie fundamentales Vorhaben, das seinen Leserinnen und Lesern das eigenständige Denken nicht abnehmen will.

Ich will nun nicht behaupten, daß ich seine Ausführungen wirklich verstanden habe; zu wenig Ahnung habe ich wirklich vom Werk Sigmund Freuds und erst recht seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger. Und doch erschließt sich hier eine Gedankenwelt, die erst einmal angenommen und verarbeitet werden will, zumal sie einige wichtige Erkenntnisse vermittelt.

Der 1924 in Paris geborene und somit fast 90-jährige Jean Laplanche ist insbesondere im französischen Sprachgebiet einer der führenden psychoanalytischen Theoretiker. Zusammen mit Jean-Bertrand Portalis verfaßte er in den 60er Jahren das Standardwerk „Das Vokabular der Psychoanalyse“ und seit Ende der 80er Jahre entsteht unter seiner Leitung die Übersetzung der Gesammelten Werke Sigmund Freuds ins Französische, eine Arbeit, die aufgrund einiger sperriger Eigenarten des Deutschen gar nicht so einfach ist; und man oder frau kann in seinem hier vorgestellten Buch durchaus den Ärger einer mitunter schlampigen Übersetzung ins Englische finden.

Sein ureigenstes Forschungsgebiet ist nicht nur die Auseinander­setzung mit dem Werk des Begründers der Psychoanalyse, sondern eine kritische Lesart, bei der Laplanche durchaus bereit ist zuzugeben, daß auch er selbst keinesfalls davor gefeit ist, einen der schon genannten Irrwege zu beschreiten. Wer auf diese Weise eine fundamentale Revision psychoanalytischen Denkens versucht, braucht sich nicht dem Vorwurf des Dogmatismus auszusetzen; vielmehr betrachtet er kritisches Denken als fundamental nicht nur für die psychoanalytische Theorie und Praxis. – Und so überrascht es wenig, daß er einen Gedanken Sigmund Freuds aufgreift, den dieser 1897 verworfen hatte, um ihn als „Verführungstheorie“ gedanklich weiterzuentwickeln.

Jean Laplanche entfaltet in mühseliger, aber wohl auch notwendiger gedanklicher Kleinarbeit eine Vorstellung von menschlicher Subjektivität, bei der nicht das sexuelle Verlangen, sondern das nackte Überleben den Anfang bildet. Der Mensch, frisch auf die Welt gekommen, ist hilflos und um den Preis des Überlebens auf die Interaktion mit einer vollkommen unverständlichen Erwachsenenwelt angewiesen. Weder natürliche, also angeborene Verhaltensweisen, noch Instinkte prägen sein Handeln oder gar seine psychische Konstitution. Das Kind ist erst einmal da und es bedarf von Anfang an des bzw. der Anderen. Zu diesem recht frühen Zeitpunkt liegen weder Entfremdung noch Verdrängung vor, nicht einmal ein Unbewußtes mag vorhanden sein, denn Gehirn und Bewußtsein müssen erst mit dem konfrontiert werden, was Entfremdung und Verdrängung auslösen kann. Jean Laplanche legt hier großen Wert auf die Unterscheidung zwischen der Ebene der Selbsterhaltung und derjenigen des Sexuellen. Die Verarbeitung des einen sei das Feld der Psychologie, das Verarbeiten des anderen das Feld der Psychoanalyse.

Und so schreibt er über einen

Säugling, der weder geschlossen noch eine Tabula rasa, aber dennoch zutiefst fehlangepasst ist. Man gebraucht zurecht weiterhin den Ausdruck »Frühreife«, den wir wie folgt definieren könnten: Konfrontation mit Aufgaben von zu hohem Niveau, gemessen am Grad psychologischer Reife. Doch im Fall des Menschenjungen muss man insofern genau zwei Arten von Vorzeitigkeit unterscheiden, als man gewillt ist, die Ebene der Selbsterhaltung von der des Sexuellen zu unterscheiden. Die Frühreife im Bereich der Anpassung ist an das Problem des Überlebens gebunden; die Frühreife im Bereich der Sexualität ist die Konfrontation mit einer Sexualität, der gegenüber das Kind nicht die adäquate Reaktion besitzt, um diesen aus der Feder von Margaret Mead stammenden Ausdruck aufzugreifen. [3]

Die Verführung im sexuellen Bereich entsteht im Anschluß daran nicht durch unangemessenen Umgang eines Erwachsenen mit diesem Kleinkind, obwohl auch dies möglich ist, aber nicht die Regel. Wenn wir uns hier von einer genitalen Fixierung lösen und einen umfassenderen Begriff erogener Zonen und Stimulation benutzen, dann ist klar, daß das Kleinkind mit dieser so verstandenen Sexualität nicht nur auf verschiedenste Weise konfrontiert werden kann, sondern zunächst einmal auch gar keine Möglichkeit besitzt, diese damit einhergehende gefühlsmäßige Überflutung zu verarbeiten. Es geht also nicht um Perversion oder Urszenen, sondern um ganz normalen Körperkontakt, der schon deshalb stattfinden muß, weil das Kleinkind im Normalfall die Mutterbrust zur Ernährung nutzen wird. Damit geht jedoch nicht nur eine Stimulans einher, sondern auch das unbewußte Ausagieren der die Brust gebenden Mutter. Und so kommt Laplanche zu folgender Aussage:

Mit dem Ausdruck Urverführung bezeichnen wir also jene Grundsituation, in der der Erwachsene dem Kind sowohl nicht-verbale, verbale als auch verhaltensvermittelnde Signifikanten unterbreitet, die von unbewussten sexuellen Bedeutungen durchdrungen sind. Für das, was ich rätselhafte Signifikanten nenne, braucht man nicht lange nach konkreten Beispielen zu suchen. Kann man denn weiterhin in der analytischen Theorie vernachlässigen, dass die Brust selbst, dieses scheinbar natürliche Stillorgan, von der Frau in hohem Maße sexuell und unbewusst besetzt wird? Kann man glauben, dass diese sexuelle Besetzung […] vom Säugling nicht als Quelle undurchschaubarer Fragen wahrgenommen, erahnt wird: Was will sie von mir über das Stillen hinaus und überhaupt, warum will sie mich stillen? [4]

Es handelt sich also um ein Rätsel, das mit der Etablierung eines kindlichen Ichs zur Abwehr und letztlich auch zur Verdrängung führt. Natürlich ist dieser Vorgang ungleich komplizierter zu erfassen, aber er verweist darauf, daß hier keine anthropologische Konstante vorherrscht, sondern es das Soziale selbst ist, das auf den psychischen Apparat eines zunächst vollkommen überforderten Kindes trifft. Hieraus sind weder Vorhaltungen noch bestimmte Verhaltensweisen abzuleiten, sondern nur die Erkenntnis, wie wichtig es ist zu begreifen, auf welch fundamentale Weise das eigene Unbewußte auch auf Andere wirken kann. Umgekehrt bedeutet dies jedoch auch für die psychoanalytische Praxis, daß es zwar möglich ist, das Verdrängte nach und nach dem Unbewußten zu entreißen, aber es nie möglich sein wird, den Punkt zu fassen zu bekommen, an und mit dem alles begann.

Spannend wäre es nun herauszuarbeiten, wie dieses Rätsel sich mit Entfremdung und Anpassungszwang so verbindet, daß dabei Menschen herauskommen, die sich zwar nicht gänzlich unterordnen, aber doch insoweit funktionieren, daß sie die bestehende Gesellschaft und ihre Muster reproduzieren. Wobei anzumerken ist, daß die frühkindliche Prägung keinesfalls als Ausrede für Verhaltensweisen und Handlungen herhalten darf, die ein Erwachsener oder erwachsen Werdender durchaus zu reflektieren und zu ändern in der Lage ist; allein, dies ist eine Anstrengung, die grundsätzlich von dem Willen getrieben wird, sich und die Welt emanzipatorisch zu verändern.

Daß dem hiesigen Vereinsfunk derlei emanzipatorisches Verständnis fehlt, ist evident. Er will nicht mehr als Mainstream sein, ist auf Anpassung und Gehorsam ausgerichtet, und wer es wagt, sich dem hier vorherrschenden Konformismus zu verweigern, ist hier nicht wohlgelitten. Dann werden phantastische Beschuldigungen aufgebaut, die nur als Projektion des eigenen ungeheuerlichen Denkens zu verstehen sind und deren Realitätsgehalt gen Null tendiert. Dieser Vereinsfunk, sein Trägerverein und die kleine Clique, die den Verein beherrscht, geben ein wunderbares Fallbeispiel gruppendynamischer Prozesse ab, eine wahre Fundgrube psychologischer, wenn nicht gar psychoanalytischer Erkenntnis. Es scheint so, als habe sich hier eine kritische Masse gesammelt, die unbeirrt von der Realität ihr eigenes verschrobenes Weltbild pflegt. Aber dies nur nebenbei.

Jean Laplanches Buch „Neue Grundlagen für die Psychoanalyse“ ist allerdings nicht nur durch seine theoretische Herleitung nicht ganz einfach zu lesen, sondern zudem durch seine vielfältigen Verweise auf Passagen, in der er einzelne Gedanken näher dargestellt hat, oder auf Fundstellen im Werk von Sigmund Freud. Hinzu kommt eine Fülle von Anspielungen, die der Übersetzer nach Möglichkeit versucht hat, erklärend in den Text zu integrieren. Die deutsche Fassung der „Neuen Grundlagen für die Psychoanalyse“ ist im vergangenen Frühjahr im Psychosozial-Verlag herausgebracht worden; sie umfaßt 200 Seiten und kostet 24 Euro 90.

 

Abschreckung und Widerstand

Zum Schluß noch ein Hinweis zur politischen Bildung. Vom 20. Februar bis zum 9. März [2012] gibt es auf 603 qm eine Ausstellung zur Residenzpflicht in deutschen Landen zu sehen. Neben der allgegenwärtigen Überwachung treffen Migrantinnen und Migranten, die hier Asyl suchen, auf eine Beschränkung ihrer Bewegungsfreiheit, die rational nicht wirklich begründbar und ohnehin auf Abschreckung ausgerichtet ist. „Vor allem kommen aber auch Flüchtlinge selbst zu Wort. Sie berichten nicht nur, was es bedeutet der deutschen Asylpolitik ausgesetzt zu sein, sondern zeigen darüber hinaus auf, wo im Alltag Widerstand geleistet wird.“ So der Begleittext zur Ausstellung im 603 qm.

Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN
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»» [1]   Einen auf ironische, aber angemessene Weise scharfsinnigen Beitrag zum neuen Heiland Joachim Gauck hat Konrad Hartmann-Meister am 10. März 2012 verfaßt: Mit allen Wassern ungewaschen.

»» [2]   Darmstädter Zeitung vom 14. November 1901, [online].

»» [3]   Jean Laplanche : Neue Grundlagen für die Psychoanalyse, Seite 127.

»» [4]   Laplanche Seite 158–159.


Diese Seite wurde zuletzt am 17. März 2012 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2012. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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