Kapital – Verbrechen

Die barbarische Zivilgesellschaft

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
In der Sendung vom 24. April 2006 sprach ich über die Fallstricke des Konstrukts Zivilgesellschaft und über das Umfeld der Fußball–Weltmeisterschaft 2006.
 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Die barbarische Zivilgesellschaft
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 24. April 2006, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 24. April 2006, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 25. April 2006, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 25. April 2006, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Zeitschriften :
  • Mittelweg 36, Heft 6/2005, Dezember/Januar
  • Mittelweg 36, Heft 1/2006, Februar/März
  • Mittelweg 36, Heft 2/2006, April/Mai
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_barba.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Kalte und heiße Kriege
Kapitel 3 : Verbrannte Erde
Kapitel 4 : Fleischmarkt
Kapitel 5 : Fotos schießen
Kapitel 6 : Begriffsverunklärung
Kapitel 7 : Zivile Nazis
Kapitel 8 : Gewalt und Gewaltmonopol
Kapitel 9 : Was sind Barbaren?
Kapitel 10 : Feedback als mentale Waffe
Kapitel 11 : Schranken
Kapitel 12 : Mit Pappe ins Stadion
Kapitel 13 : Schluß

Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Vielleicht ist es nicht mehr zeitgemäß, von Kapitalismuskritik zu reden und das globale Ausbeutungsverhältnis als das zu benennen, was es ist. Denn die Zeiten haben sich geändert. Mit dem Fall der Mauer bahnte sich ein Denken den Weg in unsere Köpfe, wonach der Kapitalismus das Ende und die Erfüllung der bisherigen Menschheitsgeschichte sei. Natürlich mußten wir nur aus dem Fenster unserer Wohnungen und Arbeitsräume werfen, womöglich auch aus dem Fenster unseres unaufgeräumten Selbst. Denn die Realität, in ihrer nackten Nüchternheit betrachtet, schreit es uns entgegen, so wir es denn wahrnehmen wollen. Diese Welt ist der nackte Wahnsinn – und für Millionen und Abermillionen ein ewiger Alptraum.

Es würde zu weit führen, hier die absurden und obszönen Widersprüche des einzig siegreichen Gesellschaftssystems anzuführen. Millionen Kinder, die qualvoll krepieren müssen, nur weil sie nicht in der Lage sind, die durchaus vorhandenen Lebensmittel und Medikamente zu bezahlen. Kriege, die im Namen der Menschenrechte geführt werden und die verbrannte Erde hinterlassen. Millionen Arbeitslose, die mit unsinnigen aber durchaus konsequenten Hartz–Maßnahmen [1] gequält werden, während andere Millionen dazu verdonnert werden, noch mehr und noch länger für noch weniger Geld zu arbeiten. Von den Unbillen der Lebensmittelchemie, der Autogesellschaft, der Gesundheitsreform usw. einmal ganz zu schweigen. Und dabei leben wir hier – global betrachtet – noch im Luxus.

In meiner heutigen Sendung aus der Reihe Kapital – Verbrechen geht es um diese barbarische Zivilisation. Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist am Mikrofon Walter Kuhl.

Der angesprochene Fall der Mauer ist ein Symptom für den Siegeszug des Neoliberalismus. Jede Epoche, jede ökonomische Transformation modelt sich die Welt nach ihren eigenen Vorstellungen zurecht und bastelt sich hierzu die passende Theorie. Die für diese Theoriebildung verwendeten Bausteine sind meist schon vorhanden, speisen sich aus dem Unbehagen mit der Welt einer vorangegangenen Epoche und machen sich dieses Unbehagen zunutze. Etwa daß zu viel Staat und Bürokratie die Entfaltung des und der Einzelnen hemmen; denn auch der bürokratische Sozialstaat war nicht emanzipativ, sondern verwaltend und entmündigend.

Die Theorie des Neoliberalismus ist die Postmoderne. Wo der Neoliberalismus auf Deregulierung und den totalen Markt setzt, auf die Atomisierung und den Egoismus der Marktteilnehmer, da dekonstruiert die postmoderne Theorie die gesellschaftliche Wirklichkeit und zergliedert sie in handliche Stücke, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Die postmoderne Theorie lebt davon, daß sie ohne globalen Gesellschaftsentwurf auskommt und die verschiedenen dekonstruierten Teile nicht mehr zueinander in Beziehung setzen muß. Deshalb erblühen in Universitäten und intellektuellen Zirkeln Gedankengänge, die bei genauerer Betrachtung eigentlich absurd zu nennen wären.

Eine solche Absurdität ist die Theorie der Zivilgesellschaft. Sie kann dort erblühen, wo der unverstandene Markt und sein globales Gewaltregime ausgeklammert und nur noch die Folgen einer unverstandenen Macht untersucht werden. Die Theorie der Zivilgesellschaft soll die Gesellschaft und ihre Gewaltförmigkeit vor sich selbst bewahren und begründen, warum es aus zivilisatorischen Gründen richtig und notwendig sein kann, nein sein muß, Gewalt anzuwenden. Die Theorie der Zivilgesellschaft wäre demnach als das ideologische Fundament des Imperialismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu begreifen.

Und so absurd ist der Gedanke tatsächlich nicht. Schon Joschka Fischer wußte, warum er Auschwitz beschwor, um Jugoslawien zu zerstören. Die USA – ohnehin seit gut zwei Jahrhunderten Weltpolizist – bauschen die von ihnen oftmals selbst hofierten Schurken zu einer Gefahr für die Menschheit auf, um anschließend mit Gewalt und ohne Zivilisation die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten gerade zu rücken.

Es gibt jedoch auch ein Unbehagen bei denjenigen, die sich mit der Zivilgesellschaft befassen. So ganz läßt sich die Gewaltförmigkeit dieses Gesellschaftssystems nicht unter den Teppich kehren, die Barbarei der kapitalistischen Gesellschaftsordnung nicht verdrängen. Sie ist zu offensichtlich. Also benötigt die postmoderne Theorie ein Gedankengebäude, bei dem sie einerseits weitere zivilgesellschaftliche Illusionen schüren und andererseits die offenkundige Barbarei externalisieren kann. Das Böse – das sind immer die Anderen. Und sofern sich die Theorie der Ambivalenz von Gewalt und Zivilisation bewußt ist, versucht sie, das zivilisatorische Erbe der Moderne zu beschwören. Sozusagen als den einzigen Rettungsanker vor der Barbarei, die täglich vonstatten geht.

Von einer wissenschaftlichen Institution, die sich der Sozialforschung verschrieben hat, sollte man und frau eigentlich erwarten, daß es sich mit derartiger Theoriebildung sehr genau auseinander setzt. Denn jede Theorie hat praktische Folgewirkungen, erst recht in einer medial durchgestylten Welt wie der unseren. Aus einer universitären Theorie kann sehr schnell eine Herrschaftsideologie werden, wenn die Zeit und der Boden dafür reif ist. Das Hamburger Institut für Sozialforschung ist eine solche Institution, von der man und frau mehr als das unkritische Abfeiern der Zivilgesellschaft erwarten können muß. In seiner Theoriezeitschrift Mittelweg 36, benannt nach der Institutsanschrift, befaßt es sich seit einigen Monaten sehr umfassend mit dieser Konzeption. Deshalb werde ich mich in meiner heutigen Sendung schwerpunktmäßig dieser Zeitschrift widmen und die letzten drei Hefte vorstellen.

 

Kalte und heiße Kriege

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 6/2005, Dezember/Januar, € 9,50

Das letzte Heft des vergangenen Jahres der Zeitschrift Mittelweg 36 befaßt sich mit der Bundeswehr im Kalten Krieg, der Vietnam–Politik Richard Nixons, der Moderne in Cervantes' Don Quijote, dem Zusammenhang von Söldnern und Organhandel, sowie einem Porträt des Soziologen Zygmunt Bauman. So wenig die Themen miteinander zu tun zu haben scheinen, so kreisen sie doch um den Themenkomplex Zivilisation und Barbarei.

Mittelweg 36Fangen wir mit dem Aufsatz von Klaus Naumann mit seinem Rückblick auf die Bundeswehr des Kalten Krieges an. Unter dem Titel Machtasymmetrie und Sicherheitsdilemma argumentiert der Autor streng systemimmanent und läßt außer Betracht, welche Rolle dem Militär im kapitalistischen Staat zukommt. Eine Armee hat grundsätzlich zwei Aufgaben – die machtpolitischen bzw. imperialistischen Interessen eines Nationalstaates nach außen zu vertreten, sowie eine ordnungsstiftende Funktion innerhalb des Nationalstaats selbst, wenn es sein muß, als Bürgerkriegsarmee. Das gilt für Diktaturen genauso wie für Demokratien.

Hiervon erfahren wir jedoch nichts. Statt dessen referiert der Autor über die begrenzte Souveränität der Bundesrepublik und die damit verbundene Einbindung der Bundeswehr in die NATO–Struktur. Im Rahmen der Blockkonfrontation mit der Sowjetunion und dem Warschauer Pakt wurden Sicherheitsszenarien entwickelt und durchgespielt, welche sich nicht zuletzt der Frage widmeten, welches Territorium denn zu verteidigen sei. Die ursprüngliche Fassung sah vor, sich hinter den Rhein zurückzuziehen und das davon östlich gelegene Deutschland den angreifenden Truppen zu überlassen. Daran anschließende Planungen sahen rigorose atomare Schläge gegen die anrollenden Truppen vor, die Zivilbevölkerung war hierbei sich selbst überlassen.

Das könnte man und frau vielleicht noch als Zynismus von Generälen und Politikern begreifen. Dahinter steht jedoch kein Dilemma, sondern die Tatsache, daß Kriege nun einmal nicht zum Schutz der Bevölkerung geführt werden. Die Ironie der Geschichte könnte allenfalls darin bestehen, daß die westlichen Alliierten den Deutschen zumindest in der Planung einmal demonstriert haben, was es heißt, verbrannte Erde zu hinterlassen. Darin waren die Deutschen ja wahre Experten gewesen.

Nun mag es sein, daß derartige Planungen typisch für den Kalten Krieg gewesen sind. Dennoch stellt sich die Frage, wie realistisch die Grundannahmen waren. Im Nachhinein sind wir natürlich alle schlauer, aber es ist doch symptomatisch, daß ausgerechnet Mitteleuropa im weltweiten Vergleich ein recht friedlicher Platz gewesen ist. Offensichtlich war der Kalte Krieg eben ein kalter, kein heißer – und auch gar nicht als heiß geführter gedacht. Europa war mit Ende des Zweiten Weltkriegs aufgeteilt worden [2]; und alle Beteiligten haben sich daran auch gehalten. Die lange Nachkriegskonjunktur machte es gar nicht erforderlich, sich die Gebiete Osteuropas und der Sowjetunion wieder militärisch einzuverleiben – und erst in den 80er Jahren schien es möglich zu sein, die wirtschaftliche Implosion des trägen Riesen zu provozieren.

Klaus Naumann hingegen stellt die Geschichte der Bundeswehr im Kalten Krieg so dar, als läge hier eine Blockkonfrontation mit realer Kriegsgefahr vor. Sinnvoller wäre es, die Geschichte des Bürgers in Uniform auf der Grundlage kapitalistischer und – spätestens seit dem Fall der Mauer – auch imperialistischer Interessen zu betrachten. Daß der ehemalige Kriegsminister Peter Struck Deutschland am Hindukusch verteidigen wollte, ist kein Betriebsunfall, sondern Ausdruck eines normalen Funktionierens und der entsprechenden Aufgabenstellung dieser Armee.

Natürlich ist es eine wichtige Fragestellung, ob eine Armee, die sich in den 50er Jahren noch auf Strukturen und Dispositionen der vergangenen Wehrmacht gestützt hat, im demokratischen Rechtstaat angekommen ist. Doch der demokratische Rechtstaat ist kein Wert an sich, sondern eine ganz spezifische Ausformung von Macht– und Herrschaftsinteressen. Wie nicht nur das Beispiel der USA zeigt, kann ein solcher Rechtstaat sehr gewalttätig sein Ob eine solche Gewalt durch eine Wehrmachtstradition oder durch eine moderne Menschenrechtsideologie befördert wird, sagt etwas über die Befindlichkeiten einer Gesellschaft aus, tröstet die von der Gewalt Betroffenen aber keinesfalls. Die Bundeswehr ist so gesehen auf dem richtigen Weg. Der Kalte Krieg war nur die Übergangsphase, bis eine deutsche Armee wieder weltweit tätig werden durfte.

 

Verbrannte Erde

Der Historiker Bernd Greiner nimmt im anschließenden Aufsatz Nicht aufhören können die Vietnam–Politik des US–amerikanischen Präsidenten Richard Nixon unter die Lupe. "Eigentlich", so leitet er seinen Aufsatz ein, "hätte der Krieg Anfang 1969 ein Ende finden können." [3] Den Militärs war bewußt, daß sie den Krieg nicht gewinnen konnten und Nixon hatte soeben die Wahl mit dem Versprechen gewonnen, den Krieg zu beenden. Die GIs in Vietnam meuterten und die Jugend in den USA rebellierte. Und doch zogen sich die USA erst 1973 aus Vietnam zurück. Wie konnte es dazu kommen?

Bernd Greiner orientiert sich vorwiegend am Handeln des Präsidenten selbst, das durch zahlreiche Tonbandaufzeichnungen auch sehr gut dokumentiert ist. Nixon konnte und wollte den Krieg nicht beenden. Zwar gab es in Vietnam weder Öl noch andere strategische Rohstoffe; eigentlich hätte man das Land sich selbst überlassen können. Und doch wurde der Krieg mit einer Erbitterung geführt, die nur dadurch zu verstehen ist, daß es um etwas anderes ging. Nämlich das Gesicht nicht zu verlieren. In Vietnam wurde die Glaubwürdigkeit der USA verteidigt, die kapitalistische Ordnung überall auf der Welt durchzusetzen und gegenüber dem kommunistischen Feind nicht nachzugeben.

Nebenbei ging es sicher auch darum, so viel verbrannte Erde zu hinterlassen, daß potentiellen Aufständischen in aller Welt dieses Schicksal deutlich vor Augen geführt werden konnte. Und tatsächlich hat sich die vietnamesische Wirtschaft und Gesellschaft bis heute nicht von den Folgen dieses mörderischen Krieges erholt, der – je nach Schätzung – zwischen zwei und drei Millionen Menschenleben gekostet hat.

Was der Autor jedoch völlig außer Betracht läßt, ist die Bedeutung des Vietnam–Krieges für die US–amerikanische Kriegsökonomie. Die lange Prosperitätsphase nach dem 2. Weltkrieg neigte sich dem Ende entgegen; und der Boom konnte nur durch massive Kriegsausgaben verlängert werden. Und was an Kriegsspielzeug produziert wurde, mußte dann auch eingesetzt werden. Der Vietnam–Krieg endete nicht zufällig dort, wo der sogenannte Ölschock andeutete, daß die guten Zeiten kapitalistischer Expansion vorläufig vorbei waren. Die USA benötigten ein Jahrzehnt, bis sie im Neoliberalismus das Instrument fanden, ihre Wirtschaft neu zu positionieren. [4]

Nixons Verhalten ist also vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Notwendigkeiten zu sehen. Es ist absurd anzunehmen, daß ein Einzelner die Geschicke einer ganzen Nation in Händen hat. Richard Nixons Vietnam–Politik ist nicht daran gescheitert, daß ein mißtrauischer alter Mann mit seinen Feinden gespielt und dabei verloren hat. Die Politik mußte scheitern, weil der Dollar massiv unter Druck geriet, die Wettbewerbsfähigkeit der US–Industrie durch den schwachen Dollar gefährdet war, die Antikriegsbewegung Druck machte – und weil die Vietnamesinnen und Vietnamesen nicht locker ließen. Das massive Bombardement in den letzten Kriegsjahren war kein verzweifelter Versuch, die unvermeidliche Niederlage herauszuzögern, wie Bernd Greiner hinstellt, sondern brutalstmögliche Bestrafung. [5]

Die zivilisierte Welt bemühte sich redselig, ein Drittweltland in die Steinzeit zurückzubomben. Seht genau hin – Widerstand ist zwecklos. Der allseits gelobte Friedensnobelpreisträger Willy Brandt fand das übrigens ganz klasse. [6]

 

Fleischmarkt

Der Historiker Valentin Groebner beschäftigt sich in seinem Aufsatz Körper auf dem Markt mit Söldnern, Organhandel und der Geschichte der Körpergeschichte. "Körpergeschichte", so schreibt der Autor, "ist seit dem Ende der 1980er Jahre ein verlockendes und machtvolles neues Konzept gewesen […]." [7] Grundlage waren die feministische Theorie und die Arbeiten Michel Foucaults auf der einen, der Aufstieg von Biologie und Gentechnologie auf der anderen Seite.

Körpergeschichte wurde sehr rasch zum zentralen Ort für Debatten um Sprache, Subjektivität und Selbstkonstituierung von Menschen in der Vergangenheit. Sie wurde das nicht zuletzt als Versprechen auf einen historischen Superbegriff, der so unterschiedliche Themen wie Sexualität und Fabrikarbeit, Medizin, Politik und Medienspektakel theoretisch durchdringen und synthetisieren konnte." [8]

Aus der Körpergeschichte wurde die Biopolitik – ein weites neues Feld sozialwissenschaftlicher Forschung. Hierbei geht es nicht nur um Forschungsgelder, die mit alten Fragestellungen in neuem Gewand eingeworben werden können, es geht auch um eine bestimmte Darstellung des Menschen und seines Umgangs mit sich selbst und mit anderen. Die Biopolitik steht neben der Hirnforschung, die Postmoderne neben dem neoliberalen Diktat. Es geht um Menschenökonomie und Humankapital, um den Menschen als Ware schlechthin.

Valentin Groebner geht nun der Frage nach, wie sich Kategorien von Menschen als einer Ware im 15. und 16. Jahrhundert, also zu Beginn der kapitalistischen Expansion, entwickelt haben. Er greift hierzu auf Beispiele aus der Schweiz zurück, einem zur damaligen Zeit begehrten Lieferanten von Söldnern, aber auch von Galeerensklaven. Dieser Verkauf von Menschenfleisch, die Gleichsetzung des Menschen mit einer veräußerbaren Sache, bedeutete eine wichtige Umbruchszeit für neue Formen der Vermarktung menschlicher Körper.

Die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals fand noch nicht als sogenannte freie Lohnarbeit, sondern als abgepreßte Arbeit unfreier Männer und Frauen statt. Dies war durchaus ein Skandal und bedurfte einer sorgfältigen Inszenierung, wenn nötig, mit Gewalt. Wie Valentin Groebner zeigt, kehren derartige Formen der Menschenökonomie zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder zurück. Die vormodern scheinende Form, Menschen als Ware zu behandeln, ist gar nicht so vormodern, sondern durchaus kompatibel mit modernen Formen zivilisierter Ausbeutung und Kriegsführung.

Das Dezemberheft 2005 der Zeitschrift Mittelweg 36 wird ergänzt durch eine Literaturbeilage zum modernen Gehalt von Cervantes' Don Quijote, sowie durch einen Artikel zum 80. Geburtstag von Zygmunt Bauman. Gerade Zygmunt Bauman hatte 1989 in einem bahnbrechenden Buch auf den immanenten Zusammenhang von Moderne und Holocaust hingewiesen.

 

Fotos schießen

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 1/2006, Februar/März, € 9,50

Das Februarheft der Zeitschrift Mittelweg 36 behandelt die Schaulust und Gewalt in der Kriegsfotografie, geht in mehreren Aufsätzen auf das Verhältnis von Zivilgesellschaft und Gewalt ein, und diskutiert den Weltfrieden im politischen Programm der Moderne.

Mittelweg 36Die Fotos aus den irakischen Verliesen von Abu Ghraib haben eine Vorgeschichte. Mittels moderner Technologien wie Digital– und Handykamera kann dem Voyeurismus zwischen sexualisierter Gewalt und Gewaltpornografie einfacher und weniger umständlich gefrönt werden. Das Bild ist faktisch sofort da und kann just in time versandt werden. Der Kulturwissenschaftler Anton Holzer geht in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück um darzulegen, daß mit den damals relativ neuen fotografischen Mitteln durchaus sorgfältig inszenierte Bilder von Hinrichtungen entstanden. Diese damaligen Bilder hatten eine erstaunliche Wirkung, die weit über das bloße Betrachten einer abgelichteten Szenerie hinausgehen. Das Foto ist auch ein materielles, symbolisches oder gar magisch aufgeladenes Objekt. Und der Autor kommt nicht umhin festzustellen, daß diese Bilder in mancherlei Hinsicht den pornografischen Produkten von heute gleichen.

1916 wurde eine Exekutionsszene mit einer Kamera festgehalten. Deutlich ist zu sehen, daß die an der Exekution beteiligten Soldaten nicht nur die Waffen, sondern auch ihre Kameras schußbereit dabei hatten. Die Lust am Töten vereinigt sich mit der Lust der Darstellung. Auch wenn derartige Bilder nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, drücken sie sehr deutlich das Bild einer Gesellschaft über sich selbst aus.

 

Begriffsverunklärung

Wenn von Zivilgesellschaft gesprochen wird, ist es sinnvoll, den Begriff genauer einzuengen. Arnd Bauerkämper, Dieter Gosewinkel und Sven Reichardt erinnern daran, daß es sich zunächst um einen politischen Kampfbegriff gegen die realsozialistischen, aber auch die lateinamerikanischen Diktaturen der 70er und 80er Jahre gehandelt hat, der sich nach 1989 auch in der wissenschaftlichen Debatte eingenistet hat.

In der westlichen Welt wiederum erlangte das Konzept als Allheilmittel gegen die Individualisierung, Vereinzelung und Politikverdrossenheit moderner Gesellschaften, aber auch als eine Barriere gegen eine grenzüberschreitend wirksame, vielfach als übermächtig wahrgenommene kapitalistische Wirtschaft und Steuerungsansprüche eine besondere Prominenz. [9]

Wobei hinzuzufügen wäre, daß der Begriff innerhalb eines bestimmten intellektuellen Milieus in Mode kam. Gerade für diejenigen, die sich einen weniger bösen Kapitalismus wünschen, ist ein solch schillernder, weil unscharfer Begriff besonders beliebt. Die Zivilgesellschaft ist der schöne Schein der zugrunde liegenden gewaltförmigen Wirklichkeit. Was fehlt, ist ein normativer Rahmen, nämlich festzulegen, was als zivil und was als gewaltförmig oder barbarisch gilt. Denn das Problem ist ja, daß keine konkret vorhandene Gesellschaft umstandslos als Zivilgesellschaft charakterisiert werden kann. Auch der Verweis auf einen Prozeß der Zivilisierung hilft nur wenig weiter. Denn – wie die drei Autoren festhalten:

Gerade wegen ihrer Offenheit und ihres Pluralismus sind Zivilgesellschaften für Formen endogener Gewalt anfällig. [10]

Nun wäre es ja gerade interessant herauszufinden, welche diese endogenen Formen der Gewalt sind. Womöglich ließe sich dann festhalten, daß Gewalt das grundlegende Charakteristikum marktförmiger Gesellschaften ist – und nicht etwa eine zivile oder zivilisierte Gesellschaft. Nicht nur historisch läßt sich nachweisen, daß der Markt mit Gewalt durchgesetzt werden mußte. Offensichtlich mußten im Laufe der vergangenen 500 Jahre die Menschen zu ihrem Glück gezwungen werden. Doch an diesen Gedanken, den Karl Marx in seinem Kapitel über die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals mit aller Deutlichkeit herausgestellt hat, verschwenden die Autoren keinen Gedanken. [11]

 

Zivile Nazis

Die Politikwissenschaftlerin Sheri Berman befaßt sich in einem weiteren Aufsatz mit Gesellschaft, Konflikt und Zivilität. Am Beispiel Deutschlands im Kaiserreich und im Nationalsozialismus wie auch am Beispiel des radikalen Islamismus versucht sie zu zeigen, daß zivilgesellschaftliche Institutionen nicht unbedingt als progressiv oder positiv zu bewerten sind. Ich möchte mich hier auf das Beispiel des Nationalsozialismus beschränken, weil hier – wie ich finde – am deutlichsten der gesamtgesellschaftliche Hintergrund ausgeblendet bleibt. So heißt es im Text:

Der deutsche Mittelstand wandte sich in seinem Ärger über die Entwicklung der Weimarer Republik aber nicht nur von den traditionellen liberalen und konservativen Parteien ab, sondern gleichzeitig auch der zivilgesellschaftlichen Sphäre zu. In den 20er Jahren stürzten sich die Angehörigen des Mittelstands in ihre Sportvereine, lokalen Gruppen und vaterländischen Vereine, wo sie die Entschlußkraft und Effektivität zu finden hofften, die sie in den politischen Parteien und der nationalen Politik nicht mehr fanden. Durch diese zivilgesellschaftlichen Aktivitäten wuchs jedoch die Distanz zwischen den gesellschaftlichen Gruppen und zu traditionellen politischen Aktivitäten, was die Probleme Weimars verstärkte. Die Zivilgesellschaft, die einen großen Teil des Engagements der deutschen Öffentlichkeit in nichtstaatliche Gruppen umlenkte, trug dazu bei, den bereits brüchigen gesellschaftlichen und politischen Vertrag der Weimarer Republik zu unterminieren. [12]

Und die Nazis infiltrierten und nutzen diese Vereine Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre, um hier ihr Reservoir an Aktivisten zu finden. Nehmen wir der Einfachheit halber einmal an, daß der Befund so stimmt. Ist deshalb die Weimarer Republik untergegangen, hat deshalb der Nationalsozialismus gesiegt?

Ich denke nicht. Die Machtübergabe an die Nazis war eine bewußte Entscheidung der deutschen Bourgeoisie, weil die Nazis am ehesten versprachen, die demokratischen und sozialen Errungenschaften der Weimarer Republik zurückzudrängen. Ein Terror–Regime war hierzu natürlich bestens geeignet. Mag ja sein, daß manche Vereine bei der Rekrutierung halfen, aber wenn es nicht diese Art Zivilgesellschaft gewesen wäre, hätte sich etwas anderes finden lassen. Nein – es waren nicht zivilgesellschaftliche Institutionen, die den Nazis halfen, ihre Aufgabe zu erfüllen. Das Ende der Weimarer Republik hat nun wirklich gänzlich andere Ursachen.

 

Gewalt und Gewaltmonopol

Der Sozialwissenschaftler Wolfgang Knöbl untersucht den Zusammenhang zwischen Zivilgesellschaft und staatlichem Gewaltmonopol. Es ist, so führt er aus, durchaus folgerichtig zu denken, daß ohne ein staatliches Gewaltmonopol eine Zivilgesellschaft schlecht denkbar ist. Eine zivile, eine bürgerliche Gesellschaft kann nur frei von Gewalt sein, wenn diese Gewalt monopolisiert ist.

Allerdings stellt sich hier die Frage, was denn diese Gewalt ist, derer sich die Zivilgesellschaft enthalten soll. Diese Frage ist umso spannender, weil jede zivile Gesellschaft nicht nur eine Klassengesellschaft ist, sondern auch eine Gesellschaft mit sehr unterschiedlichen Interessen. Um diese durchzusetzen, ist es oftmals sogar dringend erforderlich, Gewaltmittel einzusetzen, wobei hinzuzufügen wäre, daß die Definitionsmacht über den Begriff und die erlaubten Mittel der "Gewalt" grundsätzlich bei der herrschenden Klasse liegt.

Leider wird dieser Frage hier nicht weiter nachgegangen. Der Autor betrachtet vielmehr den Entstehungsprozeß von Nationalstaaten und damit einhergehender monopolisierter Gewalt als Voraussetzung für eine parallele Entwicklung relativ friedlichen Zusammenlebens der Gesellschaftsmitglieder. Und dennoch läßt sich daraus nicht ableiten, daß eine Zivilgesellschaft auch friedlich oder gar demokratisch sein muß. Der Schluß, daß – was immer diese Zivilgesellschaft auch sein mag – diese offensichtlich eine bestimmte Form gesellschaftlicher Konfliktaustragung darstellt und nicht etwa das Ideal an sich, liegt nahe, wird jedoch nicht gezogen. Hier rächt sich die Trennung des Untersuchungsgegenstandes von den realen gesellschaftlichen Bedingungen.

Die Frage, ob Zivilgesellschaften sich bei der Ausübung zwischenstaatlicher Gewalt eher zurückhalten, ist nicht so einfach zu beantworten. Wolfgang Knöbl greift zwar die Erkenntnis gerne auf, daß Demokratien selten Kriege untereinander geführt haben. Aber ob dies mit der Demokratie, mit der Zivilgesellschaft oder mit ganz anderen Gründen imperialistischer Herrschaft zusammenhängt, bleibt noch eine zu klärende Frage. Dem Autor ist jedoch zuzustimmen, daß das Zusammenspiel von Zivilität und Gewalt wesentlich komplexer ist, als dies die Theoretikerinnen und Theoretiker der Zivilgesellschaft einzugestehen bereit sind.

Das Ergebnis befriedigt also nicht so recht. In diesem Kontext ist auch die Literaturbeilage von Thorsten Bonacker über Den Frieden in der globalisierten Moderne zu sehen. Wenn er zum Schluß seiner Ausführungen die Zukunft des Weltfriedens betrachtet, dann handelt es sich doch wohl eher um eine sehr merkwürdige Illusion. Denn jeder Friedensforscher könnte sofort erklären, daß seit Ende des Zweiten Weltkrieges jede Menge Kriege geführt worden sind. Vom Weltfrieden zu reden, heißt, eurozentristisch zu denken. Frieden ist nun einmal keine Charaktereigenschaft kapitalistischer Gesellschaften.

 

Was sind Barbaren?

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 2/2006, April/Mai, € 9,50

Das diesen Monat erschienene Heft der Zeitschrift Mittelweg 36 verspricht einige interessante Erkenntnisse. Ich werde hier allerdings nicht näher auf die Literaturbeilage von Stephen Shapin eingehen, der sich mit dem deutschen Chemiker Fritz Haber befaßt. Haber schaffte es, anfangs des 20. Jahrhunderts Ammoniak als Grundlage stickstoffhaltiger Düngemittel in industriellem Maßstab herzustellen. 1918 erhielt er den Nobelpreis für Chemie. Dies ist insofern bemerkenswert, weil Haber während des 1. Weltkrieges auf den Einsatz von Giftgas gedrängt hatte. Offensichtlich kann die Wissenschaftsgemeinde sehr gut zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und Moral trennen. Hinzuzufügen wäre, daß Haber Jude war und sein Einsatz fürs Vaterland von den Nazis nicht belohnt wurde.

Mittelweg 36Ich werde auch nicht ausführen, Warum Adorno keine Abhandlung über Paul Celan geschrieben hat, obwohl die Ausführungen von Jan Philipp Reemtsma uns so einiges über Brieffreundschaften und ritualisierte Antwortschreiben sagen. Auch auf die Ausführungen von Uta Andrea Balbier darüber, Wie die Bundesrepublik lernte, den Sport politisch ernst zu nehmen, werde ich nicht näher eingehen, obwohl Sportpolitik alles andere als uninteressant ist und wir daraus auch lernen können, was es heißt, zu Gast bei Freunden zu sein. Und schließlich werde ich auch den Aufsatz von Sandra Lehmann nicht vorstellen, die sich mit dem Niemandsland zwischen Israel und Palästina befaßt und hierbei nicht unspannende Impressionen liefert.

Hingegen ist eine Auseinandersetzung mit dem Aufsatz von Michael Wildt lohnend, der das Thema Zivilgesellschaft auf eine etwas provokative Weise angeht. Er fragt: Sind die Nazis Barbaren? Nun könnte man und frau sagen, klar, und zur Tagesordnung übergehen. Doch ist es so?

[D]as Bewußtsein, einer zivilisierten Nation anzugehören, [war] im Ersten Weltkrieg noch ungebrochen. Alle kriegsführenden Parteien entwarfen ein Selbstbild, wonach die eigene Kultur gegen die barbarischen Feinde zu verteidigen sei […]. [13]

Nun mußten aber nicht nur zahlreiche deutsche Jüdinnen und Juden 1933 – wie beispielsweise auch Fritz Haber – feststellen, daß die Barbarei in der eigenen Nation ausgebrochen war:

Nicht fremde Barbaren waren über Deutschland hergefallen, die barbarischen Kräfte entstammten unübersehbar der deutschen Gesellschaft selbst. [14]

Barbarei erscheint normalerweise als etwas, was der zivilisierten Welt entgegen gesetzt ist.

Wo die Barbarei herrscht, ist die Zivilisation vernichtet. [15]

Allerdings stellt sich hier die Frage, ob dieses Bild nicht aus einer tiefen Enttäuschung herstammt. Denn schon der Erste Weltkrieg war wenig zivilisiert; andererseits ist das Barbarische der modernen kapitalistischen Gesellschaft nichts Äußeres. Deswegen, und da hat Michael Wildt zweifellos Recht, ist der Nationalsozialismus kein Rückfall in eine vormoderne Barbarei. Wir werden um den Gedanken nicht herumkommen, und das wäre wohl auch im Sinne Zygmunt Baumans, daß die nationalsozialistische Schreckensherrschaft der Moderne voll und ganz angehört, womöglich gar eine Durchsetzungsform moderner kapitalistischer Herrschaft in einem bestimmten historischen Zeitabschnitt gewesen ist.

Michael Wildt fragt in einem zweiten Schritt danach, wie eigentlich die Nazis selbst über Barbarei geredet haben. Da waren sich die Nazis selbst nicht ganz einig; doch:

Der Barbar als Krieger, der den alten, ermatteten Zivilisationen den Todesstoß versetzt und eine neue heroische Ordnung schafft, stellte im nationalsozialistischen Denken eine weitere Ausdeutung des Gegensatzes von Barbarei und Zivilisation dar. [16]

Und dennoch war ihnen nicht ganz wohl bei der Sache, obwohl sie den Massenmord perfektionierten. Goebbels wie Himmler ahnten, daß das Barbarische, einmal losgelassen, nicht wieder einzuhegen sei:

Offenkundig wurden selbst die entschlossensten Nationalsozialisten die Furcht vor der Barbarei nicht los. [17]

Die Rechtfertigungsfigur, die ihnen blieb, war: anständig zu bleiben. Hier spricht keine pervertierte Moral oder gar grenzenloser Zynismus. Es war alles, an was sie sich noch halten konnten.

Die Idee vom zivilisierten Barbaren, der auf Leichenbergen stehend »anständig« geblieben sei, ist fraglos eine der giftigsten Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus. Sie verbietet den offensichtlich allzu leichtfertigen Versuch, den Massenmord im 20. Jahrhundert als atavistischen Rückfall in die Barbarei zu charakterisieren. Er ist mehr und anderes gewesen als die dunkle Seite der Moderne. [18]

Und so muß die Frage, ob die Nazis Barbaren waren, womöglich anders beantwortet werden. Das Barbarische ist erstens eine Definitionsfrage, zweitens kein Gegensatz zur zivilisierten Welt und drittens immer und überall dort zu finden, wo der Markt über die Menschen regiert.

 

Feedback als mentale Waffe

Ulrich Bröckling widmet sich einem, wie es zunächst scheint, gänzlich anderen Thema. Es geht um Feedback, es geht darum, wie und warum eine Vokabel in die Welt gesetzt wurde. Der Begriff entstammt ursprünglich der Regeltechnik und bezeichnet einen Selbststeuerungsmechanismus in einem dynamischen System. Wir kennen das vom Heizungsthermostat. In den 40er Jahren wurde die US–amerikanische Sozialwissenschaft auf die Erkenntnisse der frühen Kybernetik aufmerksam, versprach diese doch, formalisierte Leitlinien für Gruppenprozesse und menschliches Handeln bereitzustellen.

Für den gruppendynamischen Sozialingenieur ließ sich das menschliche Zusammenleben letztlich regeln wie die Raumtemperatur mittels Thermostat […]. [19]

Und so entstand 1947 das National Training Laboratory for Group Development, das in den folgenden Jahren zum organisatorischen Zentrum der Gruppendynamik werden sollte. Wenn man und frau die im Aufsatz beschriebenen Trainingseinheiten genauer betrachtet, dann ließe sich wohl durchaus der Verdacht erhärten, daß der Übergang zwischen Gruppenerfahrungsprozessen und Gehirnwäschemethoden nur ein relativer ist. Die erste und wichtigste Methode hierbei war das Geben und Empfangen von Feedback. Das Feedback sollte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Lage versetzen, den Gruppenprozeß effektiv selbst zu steuern.

Lassen wir einmal außer Betracht, daß es mit der Ehrlichkeit und Selbstwahrnehmung meist nicht zum Besten steht. Auch Kritikfähigkeit ist nicht weit verbreitet. Allerdings läßt sich mit derartigen Methoden auch ein enormer psychischer Druck aufbauen, weshalb derartige Gruppenprozesse je nach Erfordernis auch von außen gesteuert werden können. Die Dynamik einer Gruppe, die etwas über sich selbst herausbekommen möchte, um angstfreier miteinander umzugehen, ist sicher eine andere als die einer Gruppe, die im kapitalistischen Produktionsprozeß Leistungsreserven freilegen soll.

Grundsätzlich ist jedoch festzuhalten, daß derartige Methoden ein hohes Maß an Formalisierung und Standardisierung beinhalten können. Alle Lebensäußerungen werden festgehalten, und das Feedback von Außenstehenden ergänzt den psychischen Streß von innen. Insofern teile ich den Optimismus von Ulrich Bröckling nicht, der schreibt:

Das Ganze läuft auf einen demokratisierten Panoptimus hinaus: An die Stelle eines allsehenden Beobachters auf der einen und den in ihren eigenen Beobachtungsmöglichkeiten aufs äußerste eingeschränkten Beobachtungsobjekten auf der anderen Seite tritt ein nichthierarchisches Modell reziproker Sichtbarkeit. Jeder ist Beobachter aller anderen und der von allen anderen Beobachtete. Die Norm ist ihrerseits allein relational bestimmt und nach oben hin offen. Kontrolle bedeutet nicht länger, die Kontrollierten auf einen fixen Soll-Wert zu eichen, sondern einen unabschließbaren Prozeß der Selbstoptimierung in Gang zu setzen, bei dem der Vergleich mit den anderen als Motor fungiert. [20]

Das Feedback als Antrieb erhöhter Leistungsbereitschaft, möchte ich hinzufügen. Und wer nicht mithalten kann, fliegt raus.

 

Schranken

Jingle Alltag und Geschichte –

heute zu Fragen der Barbarei der Zivilgesellschaft in der Moderne anhand einiger Ausgaben der im Hamburger Institut für Sozialforschung erschienenen Zeitschrift Mittelweg 36. Das Einzelheft kostet 9 Euro 50 und kann über den Buch– und Zeitschriftenhandel bezogen werden.

Ich möchte hierbei jedoch eines noch anmerken. Selbst in ihrer Beschränktheit werden in dieser Institutszeitschrift Fragen aufgeworfen und Themen behandelt, die selbst unabhängig von globalen Zusammenhängen auch als Fallstudie durchaus anregend sein können. Wir sind hierbei aber darauf angewiesen, uns den gesellschaftlichen Zusammenhang und damit womöglich auch die Beschränktheit des Ansatzes selbst mitzudenken. Manchmal frage ich mich, warum das Institut sich der erkenntnistheoretischen Möglichkeiten selbst beraubt, die in einer weiter gefaßten und fundamental kapitalismuskritischen Abhandlung der jeweiligen Themen liegen.

Buchcover Georg Fülberth G StrichDer Verdacht liegt nahe, daß hierin das Programm des Instituts für das 21. Jahrhundert begründet liegt. Man und frau ist irgendwo auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen und möchte ein ernst genommener intellektueller Partner bei der Suche nach einem angemessenen Platz im Deutschland des beginnenden 21. Jahrhunderts sein. Man und frau schreibt nicht für ein liksradikales Publikum, sondern für Menschen, die – zwar ein wenig kritisch – mitten im Leben stehen. Die Alternative hierzu wäre womöglich ein Außenseiter–Status ohne gesellschaftspolitische Relevanz, also letztlich der Elfenbeinturm. Dann doch lieber als kritischer, aber aufgeklärter Partner … mitmachen, nachdem man Deutschland intellektuell dessen Läuterung bescheinigen konnte. Das Reden von der Zivilgesellschaft ist die Vergewisserung darüber, das Böse einhegen zu können, wenn man und frau es nur richtig verstehe. Doch das Böse ist immer und überall – und trägt einen Namen: Markt, Geld, Profit, Kapitalismus.

Vielleicht wäre es hier doch angebracht, sich auch theoretisch der Unzulänglichkeit dieses Ansatzes zu vergewissern. Einen kleinen Einstieg bieten hier der Klassiker von Ernest Mandel Einführung in den Marxismus oder das letztes Jahr im Papyrossa Verlag erschienene Bändchen G Strich von Georg Fülberth, mit dem Untertitel Eine kleine Geschichte des Kapitalismus.

 

Mit Pappe ins Stadion

Kommen wir zum Schluß noch kurz zu einem anderen Thema. Die Fußball–Weltmeisterschaft steht vor der Tür und ist somit auch Türöffner für gewinnorientierte Marketingstrategien und publikumswirksame Veranstaltungen. Die Aberhunderte von Millionen Euro, die in Stadien, Autobahnen und andere Infrastrukturprojekte gesteckt worden sind und selbstverständlich aus der allgemeinen Haushaltskasse des Staates (also von uns) bezahlt wurden, müssen sich schließlich rentieren, wenn sie privat (nicht von uns) angeeignet werden.

Am Institut für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt wird sich im Sommersemester 2006 eine öffentliche Ringvorlesung mit den fußballerischen Stadionwelten als Tor zur Gesellschaft befassen. Stadien sind ja nicht nur die Orte, wo – meist schlechter – Fußball gespielt wird. Seit einigen Jahren können wir das Phänomen verfolgen, daß sich die Arenen wieder füllen, daß die Krise des Fußballs der 80er Jahre überwunden zu sein scheint. Fußballstadien sind mehr als nur Austragungsorte von Fußballspielen, sie sind ihr eigener Event, der interaktiv mitgestaltet werden kann, sofern man und frau sich an die Regeln hält.

Das Spiel selbst kann da zur Nebensache werden, die eigene Inszenierung umso wichtiger. Und da wir kurz vor der WM stehen, erschafft sich das Merchandising so seine eigenen Blüten. Da wird zum Beispiel ein gestanzter Weltmeisterschaftspokal zum Verkauf angeboten, den der begeisterte Fan gleich ins Stadion mitbringen und jubelnd hochhalten kann. Dabei kommt es weniger auf den konkreten Spielausgang an, denn wir wissen ja alle, daß die Truppe des Herrn Klinsmann internationalen Ansprüchen nicht genügt. Was übrigens nicht der Fehler von Jürgen Klinsmann ist – sein Konzept ist im Grunde nicht dumm, aber kann so kurzfristig nicht zur Entfaltung kommen.

Wenn schon das Spiel selbst keinen Spaß macht, machen wir uns eben unseren eigenen, singen unsere Lieder, schwenken unsere Fahnen, denken uns so originelle Sprüche wie Schiedsrichter, wir wissen, wo dein Auto steht aus [21] oder halten eben gestanzte Event–Mitbringsel hoch. Auf der Rückseite, aber wer braucht das noch, fehlt auch der Spielplan nicht, vielleicht auch deshalb, damit wir wissen, was wir alles so verpassen könnten. Dieser gestanzte WM–Pokal (zwei–, nicht dreidimensional, also platte Pappe) ist im Buchhandel für 4 Euro 95 zu haben. Journalistinnen und Journalisten, welche diesen Staubfänger vorstellen, werden darauf hingewiesen:

Wenn Sie das Produkt vorstellen, ist der Abdruck der folgenden Zeile obligatorisch:
Der FIFA WM–Pokal ist ein Offizielles Lizenzprodukt zur FIFA WM 2006™.

Keine Raubkopie also. Dann kann ja nichts mehr schief gehen.

Zurück nach Darmstadt und der Ringvorlesung an der TUD. Jeweils mittwochs, beginnend vom Mittwoch dieser Woche bis zum 19. Juli, geht es in der Ringvorlesung Stadionwelten – Fußball als Tor zur Gesellschaft um diese Aspekte und noch viele andere mehr. Diese Woche Mittwoch sollte der Soziologe Eric Dunning von der University of Leicester die Rolle des Fußballspiels und seiner Orte im Prozeß der Zivilisation vorstellen. Doch er ist leider erkrankt. Statt dessen wird – ebenfalls aus Leicester – Pierre Lanfranchi das Thema Weltstadion und Fußballentwicklung behandeln. Pierre Lanfranchi ist Co–Autor des Jubiläumsbandes der FIFA zu ihrem einhundertjährigen Bestehen, erschienen im Verlag Die Werkstatt.

Die Ringvorlesung findet jeweils von 19.00 bis 20.30 Uhr im Schloß, und zwar im Hörsaal 36, statt. Im Anschluß daran besteht die Möglichkeit des gemeinsamen Fußballschauens im Schloßkeller, so denn ein Spiel der Champions' League, des UEFA–Cups oder eben der Fußball–Weltmeisterschaft stattfindet. Zu dieser Ringvorlesung gibt es auch eine Webseite mit weiteren Informationen: www.stadiumworlds.de.

 

Schluß

Diese Sendung wird in der Nacht zum Dienstag um 23.00 Uhr, am Dienstagmorgen um 8.00 Uhr und am Dienstagnachmittag um 14.00 Uhr wiederholt. Das Sendemanuskript zur Sendung werde ich in den kommenden Tagen auf meiner Homepage veröffentlichen: www.waltpolitik.de. Am kommenden Montag, dem 1. Mai, bzw. In der Wiederholung am 2. Mai, werden meine Kolleginnen und Kollegen der Redaktion Gegen das Vergessen mit der gleichnamigen Sendung auf diesem Sendeplatz zu hören sein. Es folgt nun Äktschn!, eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Eine Kritik an der Hartz–Gesetzgebung, die diese an ihren Ansprüchen mißt, neue Arbeitsplätze zu schaffen, ist verfehlt. Der Sinn liegt nicht darin, die Arbeitslosigkeit zu senken, sondern einen regulären 2. Arbeitsmarkt zu etablieren. Und der permanent ausgeübte Druck auf die Arbeitslosen entspringt dem Bestreben, diese zu ihrem Glück zu zwingen. Denn freiwillig begibt sich keine und niemand in den Status eines Hungerleiders, Tagelöhners und Aussortierten. Und wer dies nicht freiwillig tut, betreibt, in den Worten des Sozialdemokraten Franz Müntefering, Mißbrauch mit den Sozialleistungen. In der Logik des Kapital–Lobbyisten Müntefering ist das auch konsequent.

[2]   Die Konferenz von Jalta besiegelte jedoch nur das, was sich ohnehin abzeichnete. Die alliierten Siegermächte haben sich grundsätzlich daran gehalten. Ernest Mandel schreibt hierzu in seinem Buch über den Zweiten Weltkrieg:

Wurde dieses Ergebnis in Teheran, Jalta und Potsdam beschlossen? War es, mit anderen Worten, das Produkt von diplomatischem Kuhhandel, »Fehlern« oder sogar »Verrat«? Es wurde zum großen Teil auf dem Schlachtfeld entschieden. Die Teilung Europas entlang der Linie Stettin–Triest stand eindeutig im Gegensatz zu den langfristigen Interessen des britischen und amerikanischen Imperialismus. Sie war jedoch ein unvermeidliches Ergebnis der Tatsache, daß die Sowjetunion die Hauptlast des Krieges gegen Hitler getragen hatte [Seite 147]. Die Vereinbarung für Osteuropa, ebenso wie für Italien, spiegelte im wesentlichen das militärische Kräfteverhältnis, das vom Oktober 1944 bis zum Februar 1945 auf dem europäischen Kontinent herrschte. Die Tatsache, daß es den westlichen Alliierten nicht gelang, von Italien aus nach Deutschland einzudringen, ihre Unfähigkeit, nach der Invasion in der Normandie schnell den Rhein zu überqueren, und, vor allem, die Auswirkungen der deutschen Offensive in den Ardennen auf ihre militärischen Ziele – zu einer Zeit, als die Rote Armee die Länder Osteuropas überschwemmte –, führten zum politischen »Geist von Jalta« [Seite –].

Ich halte dieses Buch für die beste materialistische Analyse, die bis heute verfügbar ist. Mandel erklärt darin auch, warum die westlichen Alliierten darauf verzichteten, das verlorene Terrain gewaltsam wieder zurück zu erobern.

[3]   Bernd Greiner : Nicht aufhören können, in: Mittelweg 36, 6/2005, Seite 29–48, Zitat auf Seite 29
[4]   Zur Bedeutung der US–amerikanischen Rüstungswirtschaft siehe Ernest Mandel : Der Spätkapitalismus.
[5]   Vergleiche hierzu: Winfried Wolf : Vietnam ein "großes Mißverständnis"?, in: Sozialistische Zeitung, Nr. 13/2000, 22. Juni 2000. Jonathan Neale : Der amerikanische Krieg, besprochen am 24. Januar 2005.
[6]   Die Freiheit Berlins werde in Vietnam verteidigt, so der spätere Friedensnobelpreisträger. Die Nähe von Freiheit und Massenmord ist evident.
[7]   Valentin Groebner : Körper auf dem Markt, in: Mittelweg 36, Heft 6/2005, Seite 69–84, Zitat auf Seite 69
[8]   Groebner Seite 69
[9]   Arnd Bauerkämper / Dieter Gosewinkel / Sven Reichardt : Paradox oder Perversion?, in: Mittelweg 36, Heft 1/2006, Seite 22–32, Zitat auf Seite 22
[10]  Bauerkämper u.a. Seite 25
[11]  Vergleiche hierzu meine Sendung Die gewalttätige Idylle der ursprünglichen Akkumulation vom 26. Mai 2003.
[12]  Sheri Berman : Gesellschaft, Konflikt und Zivilgesellschaft, in: Mittelweg 36, Heft 1/2006, Seite 33–48, Zitat auf Seite 38
[13]  Michael Wildt : Sind die Nazis Barbaren?, in: Mittelweg 36, Heft 2/2006, Seite 8–26, Zitat auf Seite 9
[14]  Wildt Seite 9
[15]  Wildt Seite 10
[16]  Wildt Seite 18
[17]  Wildt Seite 21
[18]  Wildt Seite 26
[19]  Ulrich Bröckling : Und … wie war ich?, in: Mittelweg 36, Heft 2/2006, Seite 27–44, Zitat auf Seite 29–30
[20]  Bröckling Seite 42
[21]  Mittelweg 36, Heft 2/2006, Seite 1. Vergleiche hierzu auch: Fußball unser – Das WM–Gästebuch, besprochen am 16. April 2006.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 22. Mai 2006 aktualisiert.
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