Sexistische Werbung
Für die Freunde schöner Moves.

Kapital – Verbrechen

Begeisterungswellen

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 9. August 2010, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 9./10. August 2010, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 10. August 2010, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 10. August 2010, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Boygroups ziehen hysterisches Kreischen und grölendes Gestammel nach sich. Der Ball wird wie der Gegenspieler getreten, und taktische Fouls gehören zum fair play dazu. Afrikas Teams kommen nicht nur aufgrund fairen Handspiels nicht ins Finale. Hannah Arendt seziert die Banalität des Bösen, daran zerbricht eine Brieffreund­schaft. Theodor Adorno erklärt Sigmund Freud die Psychoanalyse. Zombies erzählen uns etwas über uns selbst. Väter geraten in Wallung, wenn eine Frau den Mund aufmacht und eine eigene Meinung verbreitet. Eine Welle der Begeisterung verbindet Boygroups, Nationalmann­schaften, banale Bürokraten und polternde Väter.

Besprochenes Buch und besprochene Zeitschrift:


Inhaltsverzeichnis


Einleitung 

Jingle Alltag und Geschichte

Ein Monat ist seither vergangen. Am 11. Juli [2010] besiegten vierzehn in rot-gelben Hemden verkleidete junge Männer vierzehn andere junge Männer in orangenen Leibchen in einem Spiel, das Fußball genannt wird, aber mitunter wird nicht der Ball, sondern ganz gezielt der Gegenspieler getreten. Ich finde das immer wieder lustig, wenn ein Kommentator [1] im Radio oder Fernsehen uns zu erklären versucht, daß dieses Foul nur taktisch und nicht in böser Absicht geschehen sei. Nix ist mit fair play. Wer am besten schummelt, gewinnt.

Nun gut, manchmal ist auch spielerische Klasse hilfreich, doch diese konnte man oder frau bei der Fußball-Weltmeister­schaft in Südafrika wahrlich mit der Lupe suchen. Diese WM war in spielerischer Hinsicht ein klarer Rückschritt. Dafür gibt es Gründe, die ich auch kurz darlegen werde. Ansonsten wird meine heutige Sendung sich mit Hannah Arendt, Theodor Adorno, dem Computerspiele-Magazin von Radio Darmstadt, sowie wildgewordenen Männern befassen. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

Der Ball ist so rund, daß die Torleute verzweifeln

Besprechung von : Birgit Prinz (Hg.) – Südafrika 2010. Das Buch zur Fußball-WM, Das Neue Berlin 2010, 192 Seiten, €19,95

Vier Tage nach dem Schlußpfiff lag es vor, das erste Buch zur Fußball-Weltmeister­schaft. Nur mich erreichte es erst Wochen später, und das lag nicht am Verlag. Der Sender, den ihr gerade hört, und das ist Radio Darmstadt auf den Frequenzen, die euch alle Naselang um die Ohren gehauen werden, manchmal auch falsch wie beim Kulturredakteur Rüdiger G., bei diesem Sender also, dem der Verlag das Buch für mich zugesandt hatte, schlummerte das Buch vor sich hin, bis ich zufälliger­weise im Hinterhof zum Hinterhof­studio auf eine Beschäftigte des Vereins traf, die mir ganz schnell das Buch, das ja wohlbehütet im schnuckeligen neuen Sendehaus vor sich hingeschlummert hatte, aushändigte.

Auch wenn der Verlag aus gutem Grund ein schnelles Erscheinungs­datum vorgesehen hatte, ist es sicherlich nicht überholt, darauf hinzuweisen, daß der Verlag Das Neue Berlin ein von mehreren Redakteuren verfaßtes Buch zum großen Sommerevent mit dem nicht sehr überraschenden, dafür aber eingängigen Titel Südafrika 2010 herausgebracht hat. Damit wir nicht vergessen, daß Fußball im Grunde ein Männersport ist, schreiben auch dreizehn Männer munter vor sich hin, nur die Herausgeberin ist mit Birgit Prinz eine Frau. Ganz zum Schluß des Bandes wird auf die Frauen-Fußballweltmeister­schaft im kommenden Jahr in diesem Land hingewiesen, verbunden mit einer kleinen Anekdote.

Buchcover Südafrika 2010Lange Zeit hatte der DFB Frauenspiele ausdrücklich untersagt, erst 1970 wagte er sich zaghaft an das heran, was dann „Damenfußball“ hieß. Nun gut, diese Zeiten sind vorbei – auch beim DFB haben die Männer etwas gelernt und haben begriffen, daß man nicht einerseits in den 90er Jahren die Stadien zu Eventarenen umbauen kann, die insbesondere ein weibliches Publikum anlocken sollen, andererseits aber Frauen als Menschen zweiter Fußball­klasse behandeln kann. Eine der Anekdoten dreht sich nun um die ersten von Frauen durchgeführten Fußballspiele in England zu Ende des 19. Jahrhunderts. Sie trugen Kniebund­hosen und darüber ein Röckchen; Kopfbälle waren aufgrund der Hütchen nicht möglich. Diese Kniebund­hosen tragen den hübschen Namen „Knickebocker“, zumindest in diesem Buch  [2].

Die spielerischen Glanzlichter, soweit vorhanden, setzten diesmal nicht die großen Fußball­nationen wie Brasilien, Italien oder die Niederlande, sondern die dem Rumpelfußball­zeitalter entwachsene Boygroup um Bastian Schweinsteiger, Mesut Özil, Philipp Lahm und Thomas Müller. Bei genauerer Betrachtung müssen wir jedoch feststellen, daß diese Boygroup dem allgemeinen Trend folgt, nämlich sich mit Kurzpaßspiel und gelegentlichen Kontern die nötigen Torerfolge zu verschaffen. Optimiert wird dieses Konzept vom Fußballwelt- und -europa­meister Spanien, dessen Spieler den deutschen Kickern eines voraus haben: die Ballbeherrschung. Nichts wäre falscher, als der deutschen Jugendelf zu wenig Offensivgeist im Halbfinale nachzusagen. Das Grund­problem ist der Raum, der einem gelassen wird, um das eigene Spiel aufzuziehen. Kein Wunder, daß das auf Kurzpaß und Konter beruhende Konzept gegen die freundlichen Herren aus Australien, England und Argentinien bestens funktionierte, nicht jedoch bei der Niederlage gegen Serbiens Wundersturm und Uruguays Handball­spezialisten. So ist es dann auch kein Wunder, daß selbst die Spezialisten des tiqui-taca am Schweizer Riegel scheiterten und in jedem der vier KO-Spiele nur ein Tor schießen konnten.

Der Rückschritt besteht in der grundsätzlich defensiven Ausrichtung aller WM-Teilnehmer. Selbst die Erfinder des „totalen Fußballs“ haben erkennen müssen, daß Offensivgeist mit Ausscheiden bestraft wird. Insofern war die deutsche Boygroup auch gegen den Wunsch ihres Übervaters Joachim Löw gut beraten, sich nicht von den noch besseren Konter­spezialisten aus Spanien vorführen zu lassen. Zwar wurde im Nachhinein festgestellt, daß die deutsche Elf gegenüber der Europameister­schaft vor zwei Jahren aufgeholt hat, aber letztlich gewinnt die Mannschaft solch ein Spiel, der es gelingt, das erste Tor zu schießen. Sonst kommt es eben anders, als Paul, der Tintenfisch, denkt. Derart meditative Einsichten in die Welt des modernen Fußballs habe ich jedoch in diesem Vier-Tage-Schnellschuß vermißt. Schade.

Ich sprach von einer Boygroup; und wer das hysterische Kreischen in den Straßen­schluchten und Hinterhöfen Darmstadts während der Spiele der deutschen Nationalmann­schaft verfolgt hat, muß den Eindruck gewinnen, daß es hier weniger um Fußball, vielleicht nicht einmal um Nationalismus, sondern schlicht und ergreifend um regressive Seufz-, Stöhn- und Kreischorgien geht. Den Anfang machte dieses Jahr der Rummel um die wahrlich nicht begeisternde sogenannte Sängerin Lena Mayer-Landrut. Millionen ließen sich beim Eurovision Song Contest vor ihren Fernsehgeräten von einer öden Präsentation noch öderer Kunstprodukte langweilen, bei der zugegebener­maßen die am wenigsten schlechte Performance mit einem mittelmäßigen Song den Sieg davontrug. Daß aber weitere Zigtausende auf irgendwelchen Fanmeilen sich die Füße in den Bauch standen, sagt uns zweierlei. Erstens – die Suche nach Nähe und Sinn führt zu einer kollektiven Psychose. Zweitens – die Jungen und Mädchen lassen sich von x-beliebigen Kunstprodukten nach Strich und Faden verarschen, und wollen das auch noch so. [3]

Nun möchte ich hier nicht mißverstanden werden. Mir ist konservative Kulturkritik genauso fremd wie ein Herumhacken auf dem Musikgeschmack der Jugend von heute. Ich sehe durchaus einen Unterschied zu der Musik der 50er, vor allem der 60er Jahre, die in Elternhäusern, Schulen und auch anderswo tabu war und als „Negermusik“ verteufelt wurde, und dem monotonen Takt seichter Liedchen und digital zusammenge­stückelter Endlosschleifen. Beide Musikrichtungen geben ein Lebensgefühl wieder. Das Lebensgefühl der 60er, meinetwegen der 68er, aber noch danach, war das des Aufbruchs, des Nicht-Einverstanden-Seins mit dem Leben und den Werten der Eltern, der Schulen, ja der ganzen Gesellschaft. [4]

Beim heutigen Lebensgefühl geht es um das Dabei-Sein, die Selbstverge­wisserung im Mitmachen, und durchaus im Zerstören des bißchen Emanzipation, das von 1968 übrig geblieben ist. Die neoliberale Konterrevo­lution findet ihren sichtbaren Ausdruck nicht nur an den Börsen oder im Niedriglohn­segment bei tegut und anderen ökologischen Nischen [5], sondern vor allem im kollektiven Erlebnis des Eins-Seins auf der Fanmeile, im Fußballstadion, im Konzert oder – wenn auch tragisch gescheitert – bei der Loveparade. Die Selbstbespaßung der Massen ersetzt den Inhalt dessen, dem man und frau zuschaut. Es ist egal, ob die zweiundzwanzig in bunten Kostümen verkleideten Jungs mit dem Ball irgendetwas Sinnvolles anstellen. Das fällt sogar den Moderatoren und Kamerateams im Fernsehen auf, die bei langweiligem Rasenschach das sich selbst feiernde Publikum positiv vereinnahmen.

Die Selbstbespaßung benötigt einen Katalysator, wobei es – um beim Bild zu bleiben – egal ist, ob die Katalyse wirklich gelingt. Hauptsache, Deutschland gewinnt, warum auch immer. Die Boygroup auf dem Fußballplatz mit ihren einstudierten Laufwegen unterscheidet sich insofern kaum von der Dutzendware der ihre Pose auswendig daherhüpfenden Sternchen im Showbusiness. Beide werden unkritisch und unreflektiert angehimmelt, als sei der künstliche Pop das Größte auf der Welt. Zu hören ist derlei übrigens in aller entfremdeten Peinlichkeit auf diesem Sender, beispielsweise, aber nicht nur, Samstagnach­mittags ab 17 Uhr.

Ich kann das ja verstehen, daß Jugendliche, die sich von ihren Eltern abzunabeln versuchen, ihre eigenen Idole finden und pflegen, denen sie nacheifern oder die sie einfach nur authentischer finden als die alltägliche Lüge um sie herum. Was ich nicht verstehe, ist, daß das Offensichtliche derart beharrlich verdrängt wird, nämlich daß diese Idole durch und durch Produkte des Marketings und der selbstver­liebten Pose sind. Denn seltsam ist es ja schon, wenn Hundert­tausende auf der Straße Millionären zujubeln, anstatt sie – und erst recht die Milliardäre – kollektiv zu enteignen.

Das ist schon nicht mehr Selbstverleugnung, sondern der immer wieder neu und zwanghaft zelebrierte Versuch, im Konsumrausch künstlicher Produkte so etwas wie Sinn zu entdecken. Der Katzenjammer kommt dann später. Wobei ich mir schon die Frage stelle, welcher Teil der deutschen Bevölkerung auf dieser Welle mitschwimmt und welcher sich schlicht nicht dafür interessiert. Denn ich fand es trotz aller Hupkonzerte und Selbstbe­spaßung im miefigen Tunnel unter der Wilhelminen­straße schon interessant, wie wenige Autos schwarz-rot-golden beflaggt waren, mehr noch, wie schnell die Flaggen wieder eingezogen wurden, als der Spaß schlagartig durch das Tor von Carles Puyol beendet wurde. Ganz ehrlich, da habe ich meinen Spaß gehabt. Mir ist dieses nationalistische Dumpfbacken­gehabe einfach fremd.

 

Neokolonialer Multi-Kulturalismus

Die Begeisterung für diese schwarz-weiß-textilierte Boygroup mag allerdings auch einem Multi-Kulti-Faktor geschuldet sein. Es ist inzwischen so selbstverständ­lich, wenn Kicker mit tunesischen, türkischen, polnischen oder ghanaischen Vorfahren den Bundesadler überstreifen, daß wir uns eigentlich fragen sollten, weshalb alle vier Jahre ein Turnier stattfindet, das diesem Multi­kulturalismus durch künstliche Nationalmann­schaften widerspricht. Andererseits, so selbstverständ­lich ist das nun auch wieder nicht, denn das Buch zur Fußball-WM muß diesen Sachverhalt auch erst einmal der Leserin und dem Leser richtig verdaubar präsentieren. Wenn die Hälfte der Spieler entweder einen Vater oder eine Mutter hat, die nicht aus Deutschland stammen, dann ist das in einem Land, das Menschen anderer Hautfarbe, Sprache oder sogenannter Ethnie immer noch in Sammellager einsperrt, abschiebt oder im alltäglichen Leben diskriminiert, nicht ohne Widersprüche.

Ein Land, das Integration fordert und gleichzeitig Migrantinnen und Migranten durch soziale Selektion ausgrenzt, benötigt wohl ein Feigenblatt. Selbst das Ausland war vom Auftritt der Boygroup begeistert. Die Berichter­stattung in israelischen Zeitungen mußte dafür herhalten, daß sich Deutschland 65 Jahre nach dem kollektiven Rausch mitsamt Massenmord, Hungerpolitik und Zerstörung einfach toll anfühlen kann. [6] Da fällt es dann weniger ins Gewicht, wenn auch in Darmstadt spanische Fußballfans nach der Niederlage im Halbfinale angepöbelt wurden.

Einstudierte Laufwege, Rasenschach, taktische Zwänge – all dies verweist darauf, daß Kreativität nicht gefragt ist. Vielleicht ist dies einer der Gründe dafür, daß auch bei dieser Weltmeister­schaft die afrikanischen Teams meist frühzeitig ausgeschieden sind. Fußball, und das sollten wir uns immer wieder vergegenwärtigen, ist kein Spiel der Lust und Freude, sondern eine Disziplinarmaß­nahme. Das Fußballspiel gehorcht Regeln; und das Befolgen dieser Regeln war schon im 19. Jahrhundert Teil der Einübung eines erfolgversprechenden Verhaltens. Die kapitalistische Leistungsgesell­schaft benötigt derartige Regeln. Je absurder, desto besser, denn wer absurden Regeln folgt, läßt sich prima verwerten. Das Abseits mit all seinen Schattierungen ist solch eine absurde Regelung. Das Abseits zwingt die Akteure jedoch auch dazu, die Absurdität so zielgerichtet zu nutzen, daß dem Gegner ein Nachteil erwächst. Derlei Regelungen waren und sind Teil der Disziplinierung europäischer oder europäisch sozialisierter Arbeitermassen, die auf dem Umweg über die Regeln auf dem Spielfeld die notwendige Disziplin in hierarchischen Strukturen ohne Murren akzeptieren. Nicht zufällig nutzten die europäischen Kolonisatoren in ihren afrikanischen Kolonien das Fußballspiel, um eine einheimische Elite mit europäischen Wertmaßstäben zu impfen. Nun hat der Fußball in Europa und in Afrika nicht nur verschiedene Wurzeln, sondern auch eine eigene Geschichte. Ich will hier gar nicht von verschiedenen Mentalitäten reden, weil es letzten Endes doch wieder nur um koloniale bzw. neokoloniale Strukturen geht.

Sehr schön wird in dem Buch zur Weltmeister­schaft in Südafrika der logistische Aufwand dargestellt, den der DFB betrieben hat, damit es den deutschen Kickern im winterlich kühlen Süden an nichts mangelt. Vorab wurde per Schiff die benötigte Ausrüstung nach Südafrika verschifft, das Team selbst flog mit dem Riesenvogel A380, und das Quartier in der Nähe von Pretoria und Johannesburg wurde mit ein paar Millionen Euro aufgemöbelt. Wer einen solchen Apparat mit entsprechenden Ressourcen zur Verfügung hat, wird zwar nicht sicherer Weltmeister, besitzt jedoch einen Standortvor­teil gegenüber Teams aus Ländern, in denen der Euro nicht so locker sitzt. Da ist es auch unerheblich, wenn die FIFA jedem Team der Vorrunde neun Millionen Euro spendiert, denn diejenigen, die aufgrund ihres Standortvor­teils weiterkommen, bekommen am Ende einen dicken Batzen draufgelegt. Leider finden wir hierzu auch kein Wort in diesem Buch.

Dennoch war es nicht der Reichtum der Metropolen, sondern ein simples Handspiel, welches Afrikas Hoffnung aus Ghana am erstmaligen Einzug ins Halbfinale gehindert hatte. Manchmal sind es verschiedene Köche, hier Redakteure, die aneinander vorbeischreiben, weshalb Daniel Theweleit das Erreichen des Viertelfinales durch eine afrikanische Mannschaft als ein Ereignis beschreibt, das zum dritten Mal stattgefunden habe, während einige Seiten später Jens Jörg Rieck von einer vierten Mannschaft, nämlich Marokko, in der Runde der letzten Acht spricht [7]. Marokkos Elf scheiterte jedoch 1986 ausgerechnet an der Bundes­republik Deutschland, und zwar im Achtelfinale.

Solche Patzer wären ja durchaus vermeidbar, aber vielleicht ist hier der Zeitdruck zu groß gewesen. Wiederum bei Daniel Theweleit findet sich beispielsweise die Überschrift „Schöner spielen mit Señor Dunga“, allerdings in der spanischen und nicht der portugiesischen Schreibweise. [8]

Abgesicherte Stolperfalle.Was vielleicht noch zu bemerken wäre: Da werden in einem Land voller sozialer Gegensätze, niedriger Löhne, krasser Ausbeutung, korrupter Eliten und bitterer Armut Stadien errichtet, die nach der Weltmeister­schaft womöglich keine und niemand mehr so richtig benötigt. Nun ist das Verprassen gesellschaftlichen Reichtums durch prestigefreudige Eliten nichts, was auf den afrikanischen Kontinent beschränkt wäre. In Darmstadt halten wir uns beispielsweise ein Kongreßzentrum, aus dem kürzlich die Jubelnachricht kam, daß es dieses Jahr nur 3,2 Millionen Euro städtischer Unterstützung benötige. Nur! Während sich die Pißrinne vor dem durch einen Stararchitekten verschwurbelten Haus als Stolperfalle in der Ödnis eines zugepflasterten und damit ökologisch desaströsen Platzes erweist. Ich stehe ja auf dem Standpunkt, daß all die Stadtverordneten und Magistratsmit­glieder, die einstens der Errichtung dieses Protzbaus zugestimmt haben, mit ihrem persönlichen Vermögen zu haften haben. Aber das ist ja Wunschdenken; wer übernimmt schon Verantwortung für Beschlüsse, die auf unsere Kosten gefaßt werden?

Und noch etwas ist anzumerken und findet auch Eingang in das von mir hier vorgestellte Buch über die Fußball-Weltmeister­schaft in Südafrika. Wobei ich mir ein bißchen mehr fundamentale Kritik gewünscht hätte. Daß Torhüter mannigfach am Ball vorbeigesegelt sind, mag dem Jabulani geschuldet gewesen sein, oder auch nicht. Daß die Leistung der Schiedsrichter und ihrer Assistenten in einem Maße zu wünschen übrig gelassen hat, das mitunter spielent­scheidend war, ist eigentlich nicht zu tolerieren. Aber vielleicht gehören diese Überraschungs­momente zu den Ingredienzien eines total verschulten Spiels, bei dem die Überraschung nicht mehr Garrincha, Maradona oder Cruijff heißt.

Und dann gab es eben noch Paul, den Medienstar im Aquarium. Nichts ist zu blöd, um es nicht auszuschlachten. Die Wahrsagerei eines Tintenfischs ist nun wahrlich ein Leckerbissen für's deutsche Gemüt, und zum Glück erteilte er der deutschen Nationalelf die gerechte Strafe für derlei Unsinn. Matthias Winkelmann hat den Medienhype um Paul zum Anlaß genommen, in einem Artikel auf dem Portal Telepolis die Wahrsagerei der fünf führenden Wirtschafts­institute auf die Schippe zu nehmen. Er weist nach, daß, wenn Paul, der nach der WM ermüdet ist und daher einfach dieselben Zahlen wie im Vorjahr voraussagt, also ein Wachstum von Null Prozent, bessere Voraussagen tätigt als der kreative Sachverstand von Wirtschafts­experten, die Jahr für Jahr irgendwelche Zufallszahlen mit einer Genauigkeit von zwei Stellen hinter dem Komma verbreiten. Doch das gläubig-hypnotisierte Publikum übernimmt diesen wirtschaftstheolo­gischen Hokuspokus unbesehen, genau so, wie es gebannt darauf starrt, ob Paul die rot-gelben oder die schwarz-weißen Jungs gewinnen läßt. Ist diese Welt nicht bescheuert, sogar im Detail? Doch kommen wir zurück zum Hype um den runden Ball.

Der von Birgit Prinz herausgegebene, aber ansonsten recht männlich dominierte Band Südafrika 2010. Das Buch zur Fußball-WM ist, sagen wir mal, solide Standardware, nichts, was dich vom Hocker reißt, aber etwas, worin du nachschlagen kannst, wenn du nicht gleich eine Suchmaschine im Internet bemühst. Ich hatte mir von diesem Buch aus einem im Osten Deutschlands beheimateten Verlag einen etwas anderen Blick versprochen. Gut, das war meine fixe Idee, für die der Verlag nichts kann. Aber, was bitte sehr, soll ich denn nun mit einem nicht wirklich spannenden Interview mit Angela Merkel anfangen? Merkelt die nicht sowieso überall herum? Wie dem auch sei – alle Basisdaten und Spielberichte sind vorhanden, nette Bilder und Hintergrund­infos gibt es auch. Aber ehrlich gesagt, finde ich den Preis von 19 Euro 95 dafür etwas zu hoch.

Der im Verlag Das Neue Berlin erschienene Band wartet jedoch mit einer Kleinigkeit auf, die ich schon wieder ungewöhn­lich finde, so ungewöhnlich, daß ich sie hier erzähle. Während Radio Darmstadt, also der Sender, den ihr gerade hört, sich schwer damit tut, Frauen zu verbalisieren – es gibt Hörer und Moderatoren, Techniker und Redakteure, wie es sich eben für ein Männerradio gehört –, endet Birgit Prinz in Bezug auf die Frauen-WM im kommenden Jahr mit den Worten: „Ich hoffe, man/frau sieht sich!“

 

Vom Teamgeist der Bundeswehr

Nun könntet ihr ja sagen, was rege ich mich so auf, es ist doch nur ein Spiel. Es ist eben nicht „nur ein Spiel“. Dieses „nur ein Spiel“ ist eine Veranstaltung, die nicht nur Geld einbringen soll, es ist auch eine Veranstaltung, mit der bestimmte Werte und Normen eingeübt, dargestellt und vermittelt werden. Das hiermit verbundene Leistungsethos, das zum Erfolg führen soll, beruht auf Selbstauf­gabe, Unterordnung, Disziplin und das Abtöten all der Triebe, die das Fußball­spielen erst so richtig lustvoll werden lassen. Wer Laufwege einstudiert und im Spiel schematisch abruft, wer aus taktischen Erwägungen den Gegenspieler foult, wer genau sieht, daß Frank Lampards Schuß die Torlinie überquert hat und dennoch den Schiedsrichter nicht korrigiert, kann nun wirklich nicht behaupten, daß hier Spaß und Freude vorherrschen, sondern eher internalisierter Zwang mit eingeübtem künstlichen Funfaktor.

In den USA ist man da wohl schon weiter; in den Teams der dortigen Football-Profiliga wird das work ethic, also die Einstellung zur Arbeit, sehr ernst genommen. Ein Spieler, der dieses work ethic nicht zeigt, kann noch so gut sein, er wird nicht genommen oder eingesetzt. Nun sind derartige Methoden auch hierzulande nicht unbekannt. Bei Berti Vogts hieß das noch „Der Star ist das Team“, und genau diesen Teamgeist versuchen Trainer und Manager, ihren Spielern auf mannigfaltigste Weise einzuimpfen. Manche Teams gehen zur Saisonvor­bereitung gemeinsam klettern, oder sie paddeln gemeinsam auf Stromschnellen herum. Hierbei geht es darum, gemeinsamens Handeln zu koordinieren, sich aufeinander verlassen zu können, sich besser kennenzulernen, zu begreifen, wie der Andere tickt. Den Vogel bei derlei Saisonvor­bereitung hat im Juli der Zweitligist Alemannia Aachen abgeschossen. Nicht nur, daß auf der Webseite dieses Klubs groß das martialische Motto für die nächste Saison prangt – Auf Gedeih und Verderb –, nein, man variierte die Suche nach dem Teamgeist im gemeinsamen Trainingscamp mit der Bundeswehr. Einen Tag lang, so vermeldet es die Webseite, zog die Mannschaft ins Manöver, mit Morgenappell und einem Programm unter vorheriger höchster Geheimhaltungsstufe.

Was so schlimm daran ist? Nichts. Es zeigt bloß, wie sehr die neoliberale Gehirnwäsche Einzug in alle Lebensbe­reiche gehalten hat. Die Bundeswehr wird's freuen, sucht sie doch auf Volksfesten und in Schulen, auf dem Luisenplatz oder eben auf dem Fußballplatz nach Möglich­keiten, sich positiv darzustellen und Rekruten zu gewinnen. Es handelt sich bekanntlich um dieselbe Truppe, die in Afghanistan mal einfach eine Menschentraube unter dem Vorwand der Terrorismusbe­kämpfung bombardiert und erst aufgrund öffentlichen Drucks mit den Hinterbliebenen mit ein bißchen Kleingeld einen Ablaßhandel vollzieht.

Alemannia Aachen gehörte noch vor einigen Monaten neben Arminia Bielefeld zu den Sorgenkindern der Zweiten Liga. Beide Vereine standen vor der Insolvenz. Beide hatten sich beim Neubau eines schmucken Stadions in Aachen und beim Umbau des vorhandenen Stadions in Bielefeld finanziell übernommen. Während in Aachen die öffentliche Hand, die ja ansonsten kein Geld für unsereins mehr übrig haben will, eine Ausfallbürg­schaft über fünfeinhalb Millionen Euro einging, verweigerte sich die Stadt Bielefeld dieser Lösung. Doch in Bielefeld war man findig. Hier sprangen die Städtischen Kliniken ein, die in Bielefeld als eine gemeinnützige GmbH reorganisiert worden sind. Als Geist der Partnerschaft wurde der äußerst zinsgünstige Kredit gelobt, mit dem der Verein jedoch die Verpflichtung einging, seine Spieler im dortigen Krankenhaus behandeln zu lassen.

Pikant ist hierbei, daß bei den vorangegangenen Tarifverhand­lungen der Klinikbetreiber behauptet hatte, es sei kein Geld für Lohn- und Gehaltsver­besserungen vorhanden. Für innovative Geschäftsideen auf Kosten der Beschäftigten offensichtlich schon. In letzter Sekunde gelang es somit beiden Vereinen, eine Lizenz für die kommende Saison zu erhalten. Es wäre ohnehin eine lohnende Aufgabe, einmal herauszuar­beiten, wie viel Geld aus öffentlichen Kassen, also Steuergelder, in den vergangenen fünfzig Jahren Bundesliga in den Rachen kommerzieller Fußball­vereine geworfen wurden. Zwar wird dann mit dem Wirtschaftsfaktor Fußball argumentiert, aber eine seriöse Kosten-Nutzen-Kalkulation würde ich hier genauso gerne einmal sehen wie beim Darmstadtium, bei dem ja auch behauptet wird, selbiges würde das lokale Wirtschafts­leben finanziell aufpeppen.

 

Banal, aber mörderisch – ein deutscher Bürokrat

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 3, Juni/Juli 2010, 96 Seiten, € 9,50

Vor knapp einem halben Jahrhundert stand einer der deutschen Mörder vor einem israelischen Gericht. Adolf Eichmann, SS-Obersturmbann­führer und vom Mossad aus Argentinien entführt, mußte sich vor einem israelischen Gericht für seine Schreibtischtäter­taten verantworten. Das Ergebnis ist bekannt: er wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die jüdische, deutsch-US-amerikanische politische Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt nahm das Gerichtsver­fahren gegen Adolf Eichmann zum Anlaß, die vielzitierte Banalität des Bösen zu beschreiben und zu analysieren. Ihr hierbei entstandenes Werk „Eichmann in Jerusalem“ ist ein Klassiker der Literatur über den Nationalsozia­lismus. Es kann selbst heute noch, trotz aller weiterführenden Werke über den Nationalsozia­lismus und die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, mit einem erheblichen Erkenntnis­gewinn gelesen werden, zum Beispiel in einer neueren Taschenbuchausgabe.

Hannah Arendt war aus eigenem Interesse als Gerichts­reporterin nach Jerusalem gefahren. Hierbei traf sie auf die israelische Historikerin Leni Yahil, die ebenso wie sie in Deutschland geboren worden war, aber 1934 nach Palästina auswandern konnte. Beide freundeten sich an und hielten einige Zeit einen Briefwechsel aufrecht, in dem es nicht zuletzt um den Eichmann-Prozeß ging. Als Hannah Arendt jedoch begann, ihre Reportagen in den USA zu veröffentlichen, ging diese Freundschaft in die Brüche. Dieser Briefwechsel mitsamt eines sorgfältigen Kommentars bestimmt den ersten Teil der Juniausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36 aus dem Hamburger Institut für Sozialforschung.

„Eichmann in Jerusalem“ wurde von Anfang an kontrovers diskutiert. Hannah Arendt hatte hierin nicht nur die israelische Prozeßführung kritisiert – obwohl sie mit dem Todesurteil keine Probleme hatte –, sondern zudem einige moralische Aspekte im Verhalten der jüdischen Führer, insbesondere der Judenräte, als problematisch thematisiert. Vor allem aber stieß sie mit ihrer Darstellung der „Banalität des Bösen“ auf Widerspruch. Hannah Arendt ging jedoch, anders als das Gericht in Jerusalem, davon aus, daß Eichmann im Grunde ein kleines Licht war. Während der Ankläger im Eichmann-Prozeß aus Eichmann einen monströsen Massenmörder machte, wies sie zurecht darauf hin, daß es gerade die Schreibtisch­täter waren, die ohne einen ihnen innewohnenden bösen Trieb die Vernichtung von Millionen von Menschen ermöglicht hatten.

Das Spannende in ihrem Buch ist weniger ihre Beschreibung des Gerichtsverfahrens. Vielmehr legt sie eine generelle Übersicht über die deutsche Vernichtungs­politik vor und zeigt hierin Motivlagen und menschliche Abgründe auf. Man und frau benötigt keine Monster, um den Holocaust zu verstehen, es reicht vollkommen aus, wenn Menschen gedankenlos keine Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und sich so zu einem konformistischen Handeln treiben lassen. So schrieb die Autorin:

Viel von der gespenstisch peniblen Gründlichkeit, mit der die »Endlösung« in Gang gesetzt und gehalten wurde – einer Gründlichkeit, die auf Beobachter meistens als typisch deutsch oder doch als Charakteristikum des perfekten Bürokraten wirkt –, läßt sich auf die eigentümliche, in Deutschland tatsächlich sehr verbreitete Vorstellung zurückführen, daß Gesetzestreue sich nicht darin erschöpft, den Gesetzen zu folgen, sondern so zu handeln verlangt, als sei man selbst der Schöpfer der Gesetze, denen man gehorcht. Daraus entwickelt sich leicht die Überzeugung, mehr als seine Pflicht zu tun sei das mindeste, was man von sich verlangen müsse. [9]

Juristisch mag die Frage ohne Belang sein, doch, so Hannah Arendt, sei

es doch von hohem politischen Interesse festzustellen, wie lange ein durchschnittlicher Mensch dazu braucht, seinen eingeborenen Abscheu vor Verbrechen zu überwinden, und wie er sich im einzelnen verhält, wenn er diesen Punkt erreicht hat. Auf diese Frage hat der Fall Adolf Eichmann eine Antwort gebracht, die gar nicht klarer und präziser hätte sein können. [10]

Sie ging nämlich davon aus, daß in einer Gesellschaft, in der das Recht von seiner moralischen Dimension befreit ist, jedes Individuum fähig zum Massenmord sei. Gehirnwäsche und Konformitäts­druck erzwingen und erzwangen und erleichterten ein Verhalten, das ohne jede Bösartigkeit dazu fähig ist, Menschen zu schikanieren, bürokratisch zu sortieren, abzuurteilen und einem ungewissen oder sogar sehr gewissen Schicksal auszuliefern. Auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach der bedingungs­losen Kapitulation Nazideutsch­lands wirken diese Mechanismen fort. Derartiges bürokratisches Denken und Handeln findet sich beispiels­weise in Ausländerbe­hörden, Sozialämtern oder Hartz IV-Agenturen, also dort, wo die Verfügbarkeit über Menschen, genauer gesagt: über bestimmte als minderwertig betrachtete Menschengruppen zum handlungs­leitenden Prinzip gehört.

Es braucht eben keine Faschisten, um das Unmenschliche zu exekutieren, nur ganz normale Menschen, die den herrschenden Wertekanon verinnerlicht haben und bereit sind, ihn unreflektiert anzuwenden. Im Umkehrschluß bedeutet dies aber auch, daß diejenigen, die sich diesem Konformitäts­druck, der auch informell sein kann, entziehen können und vor allem wollen, ihre moralischen und ethischen Maßstäbe nicht darauf ausrichten, was ihre soziale Umwelt von ihnen erwartet. Anpasser sind womöglich gute Massenmörder, Nonkonformisten müssen hingegen darauf achten, sich nicht ohne entsprechende Fundierung moralisch über die verlogene Moral der Spießbürger zu stellen und eigene Wertmaßstäbe zu überhöhen.

Nun gebiert Konformismus nicht automatisch Massenmord. Es bedarf entsprechender gesellschaftlicher Verhältnisse, die den Freiraum für ein Handeln bieten, das frei ist von allgemeinverbind­lichen Werten und Normen. Virtuelle Simulationen bieten auch in rechtsstaat­lichen Gebilden eine hinreichende Möglichkeit, die eigenen Befindlichkeiten ohne Über-Ich und Gefahr der Vergeltung auszuleben.

Zudem wäre es falsch, von einer anthropologischen Konstante hemmungsloser Gewalt auszugehen. Der Mensch ist nicht an sich böse, sondern er ist es unter ganz bestimmten Voraussetzungen. Mit der schleichenden Wandlung eiszeitlicher Jägerinnen- und Sammlerkulturen hin zu sozialen Gebilden mit Eigentum, Hierarchien und später auch Geld wurde der Schritt zur institutiona­lisierten Gewalt vollzogen. Wir nennen dies, wenn auch aus anderen Gründen, die Neolithische Revolution. Soziale Gewalt ist Ausdruck sozialer Verhältnisse, in denen es nicht nur Ungleichheit und Unfreiheit gibt, sondern geben muß. Es bedurfte eines jahrtausende­langen Sozialisations­prozesses, bis die Menschen derartiger Gesellschaften bereit waren, diese Prinzipien unhinterfragt zu akzeptieren. Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, treffen durch die Institutionen marschierte Alt-68er und ihre Nachfolger auf eine Jugend­generation, die zwei, drei Jahrzehnte vollkommener Verblödung im Neoliberalismus verinnerlicht hat. Das neoliberale Bewußtsein ist nicht nur ein fremdbestimmtes, sondern auch eines, das keine Grenzen mehr kennt. Da die neoliberale Ideologie und Praxis nicht nur in der Wirtschaft auf Dekonstruktion aller vorhandenen Strukturen ausgerichtet ist, verschwimmen auch die Ankerpunkte halbwegs moralischen Handelns, die noch in den Jahrzehnten zuvor mit der die Klassenwider­sprüche verkleisternden Sozialpartner­schaft verbunden waren.

 

Der Wertekanon

Noch wird die damit einhergehende Zügellosig­keit durch gesellschaftlichen Druck gedeckelt. Sie bedarf daher einiger Ventile. So wie es bei den alten Römern die Saturnalien gab, Festtage, bei denen die Rolle von Herren und Sklaven vertauscht wurden, oder später den Fasching als Ventil, um den Druck von Ausbeutung und Armut zu entsorgen, so bilden heute Fanmeilen, Megakonzerte oder virtuelle Simulationen neue Möglich­keiten, den Dampf abzulassen, der sich womöglich sonst als soziale Destruktion äußern würde. Schauen wir uns beispielsweise die virtuelle Welt kommerzieller Spiele an, dann sehen wir, daß Spiele, die solidarisches und kooperatives Handeln voraussetzen, wenig gefragt sind. Hingegen erfreuen sich Wirtschafts­simulationen, welche die Welt des Kapitals auf die eigene Egomanie herunterbrechen, oder Kriegsspiele, bei denen man nichts denken, aber umso mehr herummetzeln darf, großer Beliebtheit. Vorgestellt werden derartige Spiele beispielsweise im Computerspiele-Magazin von Radio Darmstadt.

Vor anderthalb Wochen, am 30. Juli [2010], hättet ihr in der (vor)letzten Ausgabe dieses Magazins den Wertekanon derjenigen vernehmen können, die ihr Radio mit Haus- und Sendeverboten regieren. Positiv herausgestellt wurden mehrere Spiele und Simulationen, bei denen das Lügen und Betrügen, Meucheln und Unterdrücken, das Metzeln und Zerstören im Vordergrund steht. Zur Volks­belustigung junger Männer hatte eines dieser Spiele ein Bordell integriert, denn ohne Frauenunter­drückung und das Nutzbar­machen von Frauenkörpern geht eben keine echte Spießbürger­lichkeit ab. Und damit wir das Ganze nicht einfach als Spiel abtun, das mit der rauhen Wirklichkeit nichts gemein hat, erfreute sich einer dieser jungen Männer ganz ungeniert über die jungen Frauen, die bei der U20-Weltmeister­schaft dem Ball hinterhergerannt sind:

Die hübschen Frauen spielen auf dem Platz und machen schöne moves. … Die sind aber auch hübsch. Ich dachte immer, Fußballerinnen wären nicht so schön. Aber es gibt auch durchaus ein paar, da kann man was mit anfangen. … Ich warte auf die Nahaufnahmen.

Und da es in dieser nachfolgenden Sendung auch um Liebe und Kinder gegangen ist, können wir uns vorstellen, mit welcher Motivation dieser junge Mann die Nahaufnahmen der Fernsehüber­tragung schätzt. Dafür sind sie ja auch da, und somit ist dieser Voyeurismus nichts Außergewöhn­liches, sondern einfach gesellschaft­liche Konvention. Junge Männer stellen jungen Frauen nach, die das natürlich zu würdigen haben. Und wenn's dann nicht klappt, gibt es ja noch das Bordell im Computerspiel. Und damit zurück ins Funkhaus, nein, zu „Eichmann in Jerusalem“.

Cover Mittelweg 36Was bei der Darstellung Hannah Arendts bemerkenswert ist, ist der Umstand, daß Konformismus sich in bestimmten Situationen auch destruierend auf verbrecherisches Handeln auswirken kann. Als die Nazis in Dänemark vorsichtig angefragten, ob es Schwierig­keiten bei der Einführung des Judensterns geben würde, erfuhren sie erstmals aktiven zivilen Widerstand. Die Däninnen und Dänen waren nicht bereit, Jüdinnen und Juden auszuliefern, selbst wenn sie den Flüchtlingen unter ihnen bislang die Arbeitser­laubnis verweigert hatten. Dies schien sogar auf die Besatzungsbe­hörden abzufärben, die in Berlin als unzuverlässig eingestuft werden mußten, weil sie sich teilweise weigerten, Befehle auszuführen. Das dänische Umfeld übte einen gewissen sozialen Druck aus, dem sich selbst die Härte aus Kruppstahl nicht entziehen konnte. Hinzuzufügen ist, daß auch im mit den Nazis verbündeten Bulgarien Jüdinnen und Juden überleben konnten. Wo die Nazis auf derartigen Widerstand oder auch nur Widerspruch stießen, zogen sie sich zurück. Sie konnten ja nicht überall sein und Truppen abziehen, um ihre Verbrechen durchzuführen. Hingegen hatte Hannah Arendt für die sogenannte „innere Emigration“ in Nazideutsch­land nur Spott übrig.

Ihre Kritik an der Prozeßführung richtete sich gegen den Versuch, Adolf Eichmann als ein Monster aufzubauen, das er nicht war. Zudem stellte es sich heraus, daß fundamentale Rechtsprinzipien nicht eingehalten werden konnten. Die Verteidigung konnte keine Entlastungs­zeugen aufbieten, da diese völlig zurecht damit rechnen mußten, wegen ihrer Verbrechen selbst vor Gericht gestellt zu werden. Insgesamt handelte es sich eher um eine Art Schauprozeß – wenn auch nicht in dem Sinne, daß der Angeklagte kein rechtsstaat­liches Verfahren zu erwarten hatte. Eher war es eine Schauveran­staltung, in der die Verbrechen der Nazis und ihrer Deutschen ausgiebigst behandelt wurden, selbst dann, wenn diese Verbrechen dem Angeklagten nicht zur Last gelegt werden konnten.

Wenn Hannah Arendt insbesondere die theatralischen Auftritte des Staatsanwalts Gideon Hausner als Ausdruck selbstverliebter Rhetorik bezeichnet, verkennt sie dessen Funktion. Nach ihrem Verständnis soll ein Ankläger nüchtern und sachlich das Gemeinwohl vertreten. Tatsächlich jedoch hat ein Staatsanwalt die herrschende Werteordnung zu verteidigen, und so muß er zu ideologischen Tiraden greifen. Allerdings hielt die Autorin der Prozeßführung zugute, daß ein derartiges Verfahren gerade für die jüdische Bevölkerung Israels eine wichtige identitätsstiftende Funktion besitzt, so daß gewisse Ungereimtheiten zu tolerieren waren.

Um auf den in der Juniausgabe von Mittelweg 36 abgedruckten Briefwechsel mit Leni Yahil zurückzu­kommen. Die beiden Frauen mußten wahrscheinlich an der Diskrepanz ihrer Wahrnehmung scheitern. Während Hannah Arendt ihre frühere Begeisterung für die zionistische Bewegung abgelegt hatte und deshalb in der Lage war, bestimmte Aspekte der israelischen Politik und Justiz zu kritisieren, befand sich die Argumentation ihrer Brieffreundin im zionistischen Mainstream. Leni Yahil schrieb später ihr fundamentales Werk über Die Shoah. Überlebens­kampf und Vernichtung der europäischen Juden.

 

Theodor Adorno erklärt Sigmund Freud die Psychoanalyse

Wie Hannah Arendt mußte und konnte auch Theodor Adorno zu Beginn der nationalsozia­listischen Herrschaft aus Deutschland emigrieren. Beide erreichten auf Umwegen die USA. Während Hannah Arendt Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg allenfalls unregelmäßig besuchte, kehrte Theodor Adorno dauerhaft zurück und wurde an der Frankfurter Universität einer der wichtigsten Vertreter der Kritischen Theorie. Der Kulturwissen­schaftler Christian Schneider betrachtet im (gerade noch) aktuellen Heft der Zeitschrift Theodor Adornos Verhältnis zur Psychoanalyse unter dem Titel „Eine Mesalliance mit Folgen“.

Seine inhaltlich fundierte Darstellung läßt sich so lesen, daß Adorno zwar einerseits der Psychoanalyse zugetan war, ja, sie sogar in Deutschland befördert hat, er andererseits ihr gegenüber ein starkes Mißtrauen gehegt hat. Das Mißtrauen rührt aus den manipulativen Möglich­keiten jeder psychologischen Praxis. Insbesondere die Vorstellung, das Lustprinzip einer Anpassung an die Realität zu opfern, erregte Adornos Kritik. Die Psychoanalyse, so Adorno, ermutige die Menschen, sich zu ihren Trieben zu bekennen, um sie dann dazu zu trainieren, durch Triebsublimation nützliche Mitglieder eines destruktiven Ganzen, also der kapitalistischen Gesellschaft zu werden. Anders gesagt: anstatt psychische Probleme auf gesellschaftliche Ursachen zu beziehen, werden sie individualisiert, um die „geheilten“ Individuen alsdann der Gesellschaft zum Fraß vorzuwerfen; genau der Gesellschaft also, welche die psychischen Probleme erst ermöglicht hat.

Adorno hat jedoch gleichzeitig durch sein Wirken im Nachkriegsdeutsch­land dazu beigetragen, der von den Nazis geschmähten Psychoanalyse wieder Geltung zu verschaffen. Seine Auseinandersetzung mit Sigmund Freud und dessen Epigonen führte ihn zu der Einsicht, daß nur seine eigene Interpretation der Psychoanalyse emanzipatorisch sei. Im Gegensatz zu Max Horkheimer, der sich ganz praktisch einer Psychoanalyse unterzogen hatte, beruhten Adornos Ansichten auf rein theoretischer Grundlage. Christian Schneider faßt Adornos Position pointiert so zusammen:

Intuitive Gewissheiten begründen später gleichsam ex cathedra verkündete Wahrheiten, die in Großtheoreme wie die Marx'sche oder Freud'sche Theorie eingeschrieben und durch deren Autorität gedeckt werden. Im vorliegenden Fall wird die Psychoanalyse als kategoriales Medium benutzt, um das schlicht Ausgedachte in eine scheinbar schlüssige theoretische Gestalt zu bringen. [11]

Hiermit hängen auch einige methodische Probleme in der Studie über den Autoritären Charakter zusammen. Und so kommt der Autor zu dem Schluß, daß Adornos Verhältnis zur Psychoanalyse eher dem eines enttäuschten Liebhabers gleiche. Freud habe seine Theorie nicht so entwickelt, wie er, Adorno, sie konzipiert hatte. Dieses eigenwillige Verständnis Adornos über die Psychoanalyse ist nicht nur ausführlicher im Heft selbst nachzulesen, sondern anregend zugleich. Anmerken möchte ich hier, daß ich das Juniheft für wesentlich interessanter halte als beispielsweise das Vorgängerheft, in dem es allerdings auch um den Umgang mit der maßgeblich von Theodor Adorno und Max Horkheimer entwickelten Kritischen Theorie gegangen war. Diese Theorie gilt als nicht mehr zeitgemäß, weil der neoliberale Wahn nach anderen Deutungs­mustern und ideologischen Theoremen verlangt.

Hier stellt sich für mich eher die Frage, ob eine Reformulierung der Kritischen Theorie in der Lage wäre, die von Christian Schneider im Aufsatz über Adornos Umgang mit der Psychoanalyse aufgeworfenen Probleme derart produktiv anzugehen, daß ihr emanzipatorisches Potential zum Tragen kommt, oder ob diese Kritische Theorie nicht auch ihre erkenntnistheo­retischen Grenzen besitzt, eben weil sie letztlich doch am Bestehenden festhalten will, anstatt es zu überwinden.

Dagmar Reese, wissenschaftliche Autorin in Berlin, nimmt den Faden, der von Hannah Arendt über Theodor Adorno gesponnen wird, auf und betrachtet den Stellenwert der Freiwilligkeit beim Übergang von der Hitler-Jugend in die NSDAP. Wenn die nationalsozia­listische Staatsjugend glaubwürdig und attraktiv erscheinen wollte, bedurfte sie der freiwilligen Teilnahme, wobei der Begriff „freiwillig“ in einem diktatorischen Regime nur begrenzt einen Sinn ergibt. Dennoch, so die Autorin, läßt sich feststellen, daß die totale Erfassung der Jugend nur begrenzt gelang, nämlich vor allem in den sozialen Netzwerken, in denen den Zielen des NS-Staates kein Widerstand entgegentrat. Freiwillig sollte auch der Übertritt von der Hitlerjugend bzw. dem Bund Deutscher Mädel in die Partei erfolgen. 1937 verfügte Adolf Hitler, daß zehn Prozent der Volksgenossen Mitglied der NSDAP sein sollten. Diese Quote zu erfüllen, stellte sich jedoch als nicht so einfach heraus und führte in der Folgezeit zu mehr oder weniger unfreiwilligen Aufnahmeprozeduren der Kader der Jugendorgani­sationen. Die HJ-Führer und BDM-Führerinnen hatten die regional und geschlechts­spezifisch vorgegebenen Quoten nachzuweisen. Dennoch konnten die Quoten, insbesondere in den Kriegsjahren, nur unzulänglich erfüllt werden. Der Druck von oben, die Quoten zu erfüllen, widersprach der offiziellen Linie der freiwilligen Aufnahme in die Partei. Insofern ist tatsächlich nicht auszuschließen, daß manche der in der NS-Kartei geführten Mitglieder nicht gefragt wurden.

Allerdings stellt Dagmar Reese die durchaus berechtigte Frage, ob die in jahrelanger Mitgliedschaft in der Hitlerjugend ansozialisierte Mentalität nicht schwerer wiegt als der Akt des Übergangs von der einen zur anderen Organisation. „Die reine Parteimitgliedschaft“, so schreibt sie

ist ebenso wenig aussagekräftig wie die Nichtmitgliedschaft. Beide erhalten ihre Bedeutung erst durch den Kontext, in dem sie stehen. [12]

Kontexte ganz anderer Art stellt der vorletzte Aufsatz des Junihefts von Mittelweg 36 zum Verhältnis von Krieg und Bürgerkrieg im Zombiefilm seit 1968 her. Der Militär­historiker Markus Pöhlmann stellt hierbei fest, daß Militär und Krieg zentrale Elemente derartiger Zombiefilme seien. Während jedoch in früheren Filmen die Auseinandersetzung zwischen Zombies und überlebenden Menschen nach einer Katastrophe stattfand, so steht heute eher die Auseinandersetzung unter den Überlebenden im Vordergrund. Zombies sind keine Aliens. Sie dienen nicht einer Gewaltphantasie mit der Absicht, die Menschheit zu vernichten. Vielmehr fehlt ihnen die Rationalität militärischer Gewalt. Sie morden, weil es ihnen eingeschrieben ist, aber nicht mit einer bestimmten Absicht. Zombies sind Opfer.

Nun handelt es sich hierbei um Plots, die aufgrund ihrer skurrilen Ausgangslage bestimmte Handlungs­muster geradezu als alternativlos erscheinen lassen. Darin unterscheiden sich Zombiefilme im übrigen wenig von modernen Actionfilmen oder Kriminalserien, bei denen die dort gezeigte Gewalt keiner weiteren Begründung als der bedarf, daß sie nötig sei. Dies betrifft insbesondere die Staatsgewalt. Egal, ob es sich um einzelne Helden handelt oder um den organisierten Polizei- oder Militärapparat – die Frage, ob es eine andere Lösung als die massenhafter Gewaltanwendung, ja Massenmord überhaupt gibt, darf erst gar nicht aufkommen. Die in diesen Filmen gezeigten Gewaltorgien werden als genauso alternativlos wie der Krieg in Afghanistan oder das Handeln in Killerspielen vorgestellt. Der moderne Zombiefilm zeigt jedoch auch die Kehrseite dieser scheinbaren Alternativlosigkeit. Markus Pöhlmann schreibt hierzu:

In der Auseinandersetzung von Soldaten und Untoten werden Erstere durch die exzessive Gewalterfahrung korrumpiert und wenden zur Aufrechterhaltung der Ordnung selbst terroristische Mittel gegen die eigene Gruppe der Überlebenden an. Der nationale Sicherheitsstaat frisst seine Kinder. [13]

Insofern kann uns der Zombiefilm, so abgeschmackt er uns als „cineastische Zumutung“, so der Autor, auch begegnen mag, mehr über uns und unsere Realitätsverarbeitung sagen, als uns liebt sein kann.

Mittelweg 36 erscheint alle zwei Monate als Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Das Einzelheft kostet 9 Euro 50 und kann über den Buchhandel oder auch im Abonnement über das Institut bezogen werden.

 

Der Väteraufbruch als Haßtirade

Am 21. Juli [2010] entschied das Bundesverfassungs­gericht gegen das alleinige Sorgerecht für Mütter bei unverheirateten Elternteilen, sofern dies dem Kindeswohl entspräche. Dieser Beschluß wurde am 3. August veröffentlicht. Prinzipiell hat das Gericht nichts gegen ein alleiniges Sorgerecht der Mutter, aber es befand es für unvereinbar mit dem Grundgesetz, daß eine gerichtliche Überprüfung dieses Wunsches der Mutter im Gesetz nicht vorgesehen sei. Thomas Pany schrieb hierzu in Telepolis:

Dass das Kindeswohl nicht immer an erster Stelle steht, wenn Mütter den Vätern der unehelichen Kinder den Weg zum Kind versperren und alle Entscheidungsmacht über so wichtige Angelegenheiten wie Wohnort, Schulwahl, ärztliche Betreuung etc. einzig für sich reklamieren, um das zu erfahren, genügt ein Blick in Erfahrungsberichte, Foren und manchmal in den Freundeskreis, wo soeben eine Trennung vollzogen wird und das Sorgerecht für die Kinder zwar rechtlich geklärt, aber umstritten ist und das Wohl der Kinder nicht an erster Stelle steht.

Die hier genannten Erfahrungsberichte und Foren sind Teil einer einschlägig einseitigen und mit viel Haß auf Frauen und Mütter getragenen Vaterrechts­kampagne. Was dieses Kindeswohl ist, wird gar nicht erst reflektiert, weil es hier nicht um das Kindeswohl, sondern um das Zugriffrecht von Vätern geht. Das Kindeswohl ist eine neumodische, um nicht zu sagen neoliberale Floskel, die etwas Allgemeinver­bindliches suggeriert, was sich jedoch einseitig nutzbar machen läßt.

Grundsätzlich ist hier anzumerken, daß das Konstrukt Familie einer patriarchalen Norm entsprungen ist und dazu dient, bestimmte Sozialisations­formen einzuüben, die den Zwecken von Herrschaft und Profit diesen. Es gibt jedoch keinen vernünftigen Grund anzunehmen, daß aufwachsende Kinder Väter benötigen. Alles, was hierüber geschrieben worden ist, geht von der selbstverständ­lichen Tatsache aus, daß Mütter nicht in der Lage sind, Kindern den notwendigen autoritären Halt zu vermitteln. Die einschlägige psychologisierende Literatur ist voll von derart ideologischen Konstrukten. Hingegen wußten die 68er sehr genau, daß Kinder für einen selbstbe­wußten, herrschaftsfreien und widerständigen Charakter vor allem eins benötigen: liebevolle, die Kinder nicht als Besitz, Ware und Aggressions­medium benutzende Bezugspersonen. Das Geschlecht dieser Bezugspersonen ist hier eher nebensäch­lich, wird jedoch relevant dadurch, daß Männer/Väter eher in patriarchalen Rollenmustern denken und handeln als Frauen/Mütter, obwohl auch diese aufgrund vorherrschender Gewaltverhält­nisse selbige Normen oft unterwürfig verinnerlicht haben. Diese Bezugspersonen müssen demnach nicht einmal die leiblichen Eltern sein.

Als Antwort auf den einseitig ideologischen Kommentar von Thomas Pany schrieb Birgit Gärtner im selben Onlineportal einen Artikel über Jammernde Väter. Sie sprach Klartext über die Realität alleinerziehender Mütter, bei denen die Väter das Kindeswohl wohl eher doch nicht im Auge haben, weil sie zunächst an sich selbst und ihre Bespaßung denken. Das hätte sie besser nicht getan, wie der organisierte Väterunmut in rund 800 Kommentaren beweist, die sich wieder einmal an ihrem geliebten Haßobjekt austoben dürfen. Ist es kein Ausländer, man möchte ja kein Rassist sein, und ist es kein Jude, schließlich möchte man ja kein Antisemit sein, dann ist es eine Frau. Vor allem dann, wenn eine Frau ihren Mund aufmacht und etwas sagt, was der Männerwelt nicht paßt.

Wer einmal geistlos miterleben möchte, wie Männermobbing gegen Frauen ausschaut, kann sich in den einschlägigen Internetforen tummeln, in denen Männer, vor allem Väter, ihren Abscheu auf alles Weibliche auskotzen, das sich ihnen nicht unterwirft – insbesondere auf Frauen, die Männern den Zugang zu ihrem imaginierten Besitz, nicht das Kind, sondern die Frau – verweigern. Anstatt nun, wie es ja ihrer Meinung nach ganz leicht möglich wäre, die Argumentation der Autorin selbst argumentativ zu widerlegen, verlegen sie sich auf das, was sie am besten können – Frauen solange verbal zu attackieren, bis diese aufgeben, sich zurückziehen, zusammenbrechen oder sich unterwerfen. Funktioniert ja auch häufig genug. Und das sieht dann so aus. Ein Mann gräbt ein Foto der verhaßten Autorin aus und drei weitere Arschlöcher sekundieren:

Zeit, dem großen Jammern ein paar Fakten entgegenzusetzen. […] Ihr Aussehen wäre normalerweise egal. Aber hier besteht offensichtlich ein Zusammenhang. […] Ah, das kenne ich. Findet man normalerweise unter Steinen. Solche Exemplare wurden in Australien mal ausgesetzt, zur Schädlingsbe­kämpfung. Hat sich zwischenzeitlich zu einer veritablen Plage entwickelt. […] Die frisst Schokolade anstatt Sex zu haben. Armes Ding!

Auch das Heise-Forum ist nicht gegen derartigen Verbalmüll – in den USA würde so etwas hate speech genannt werden – gefeit.

Ein Artikel wie der von Frau Gärtner ist in meinen Augen nur Festhalten an der Denkweise von gestern in einer Welt, die langsam normal wird. Warum so ein Quatsch hier veröffentlicht wird, weiß ich allerdings auch nicht.

Ja, das Patriarchat schlägt zurück. Feministische Ansätze, geboren aus der 68er Bewegung, sind längst als Gender Mainstreaming weichgespült worden. Selbst diese neoliberale Vernutzung weiblicher Fähigkeiten geht der Männerwelt noch zu weit. Frauen, die an ihrer Befreiung festhalten, werden als rückständig betrachtet. Etwa hier:

Beim Lesen des Artikels beschlich mich der Verdacht, die Autorin könnte noch nicht ganz im 21ten Jahrhundert angekommen sein. In den letzten Jahrzehnten hat sich einiges verändert, die Emanzipation hat viele kleine Trippelschritte vorwärts gemacht.

Und wieviele derartiger Trippelschritte sind noch nötig, um reale Gleichberechtigung zu erreichen? Wieviele Hundertmilliarden Trippelschritte benötigen wir beispielsweise, damit Frauen den gleichen Lohn für gleiche Arbeit erhalten oder damit der Frauenanteil in den Führungszentralen patriarchal geführter Banken und Konzerne mal wenigstens bei 10% ankommt? [14] Viele kleine Trippelschritte – und jeder davon war genau dieser Sorte Mann schon einer zuviel. Folglich lesen wir ganz ernst gemeint – hier allerdings als Kommentar zum Artikel von Thomas Pany:

Die Rechte der Weiber müssen beschnitten werden (auf null), zudem muss das Wahlrecht für Weiber abgeschafft werden.

Das ist dann kein Widerspruch zu einem anderen Kommentator, der da schreibselt:

Hey Birgit, komm mal an im 21. Die 70er sind lange vorbei… Mehr braucht man zu diesem bekloppten Artikel nicht schreiben.

Derart neoliberales Gesülze folgt der Zerstörung jeglicher sozialen Empathie. Eine Gesellschaft, in der nur der Erfolg sexy ist, in der Menschen und Menschengruppen gegeneinander ausgespielt und aufgehetzt werden, gibt es diejenigen, die mit den Wölfen heulen und dabei von Toleranz reden, und diejenigen, die sich diesem Mainstream verweigern und abserviert werden. Aber auch das ist typisch: eine Frau, die nicht das Männerspiel mitmacht, ist bekloppt. Psychiatrisierung von nicht angepaßten Frauen ist jedenfalls ein Rückschritt bis mindestens weit ins 19. Jahrhundert. Nix da mit dem 21. Folglich dauerte es auch nur einige Minuten länger, bis nicht nur im männlichen Schmuddelforum, sondern auch bei Heise das Aussehen der Autorin als Argument herhalten mußte:

Die würde ich im Garten zur Nacktschnecken Bekämpfung einsetzen.

Daraus ziehe ich den Schluß, daß vollkommen unabhängig vom Aussehen einer Frau der praktische Nutzen der Befriedigung niedrigster männlicher Bedürfnisse im Vordergrund steht. Und dabei lasse ich es bewenden. Die Väterlobby zeigte einmal wieder ihr wahres Gesicht. [15]

Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Wahlweise auch eine Sportmoderatorin, aber das kommt beim Fußball nicht so häufig vor.

»» [2]   Birgit Prinz (Hg.) : Südafrika 2010, Seite 191. Rechtschreib-, Tipp- oder Druckfehler lassen sich nicht immer vermeiden. Verräterisch wird die mangelnde Sorgfalt hingegen bei Eigennamen und Wörtern, die der besonderen Aufmerksam­keit bedürfen.

»» [3]   Stefan Raabs Handschrift ist nicht zu verkennen.

»» [4]   Dies war einer der seltenen Momente, in denen die Avantgarde noch nicht kommerzialisiert war und wurde. Ein Jimi Hendrix ist eben etwas anderes als eine deutsche Lena. Dennoch ist nicht zu verkennen, daß Kunstprodukte auch damals bei Schlagerstern­chen und Rockbands zu finden waren.

»» [5]   Siehe hierzu den Artikel von Hans Dieter Erlenbach : Schuften für einen Minilohn in der Online-Ausgabe des Darmstädter Echo am 7. August 2010. Zur bei tegut tätigen Leiharbeits­firma Teamwork siehe auch den Artikel 400-Euro-Jobberin protestiert von Madeleine Reckmann in der Online-Ausgabe der Frankfurter Rundschau am 31. März 2009 (bzw. FR).

»» [6]   Siehe hierzu den Artikel von Jakob Meyr auf tagesschau.de am 7. Juli 2010.

»» [7]   Prinz Seite 44 bzw. 65.

»» [8]   Prinz Seite 72. Richtig wäre „Senhor“.

»» [9]   Hannah Arendt : Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen [1964], Seite 175.

»» [10]   Arendt Seite 128.

»» [11]   Christian Schneider : Eine Mesalliance mit Folgen. Adorno und die Psychoanalyse, in: Mittelweg 36, Heft 3/2010, Seite 43–62, Zitat auf Seite 51.

»» [12]   Dagmar Reese : Zum Stellenwert der Freiwilligkeit. Hitler-Jugend und NSDAP-Mitgliedschaft, in: Mittelweg 36, Heft 3/2010, Seite 63–83, Zitat auf Seite 83.

»» [13]   Markus Pöhlmann : Planet Terror. Krieg und Bürgerkrieg im Zombiefilm seit 1968, in: Mittelweg 36, Heft 3/2010, Seite 84–91, Zitat auf Seite 90.

»» [14]   Wenige Tage später, am 12. August 2010, bezifferte das Darmstädter Echo (dpa-Meldung) den Fortschritt der Trippelschritte genauer: „Der Frauenanteil in den 30 DAX-Unternehmen hat sich in den vergangenen zwölf Monaten vervierfacht. In absoluten Zahlen ist diese «Feminisierung» allerdings auf bescheidenem Niveau: Nach einer Frau zuvor sind es inzwischen vier Frauen oder ganze zwei Prozent.“

»» [15]   Aufgrund zeitlicher Beschränkung wurde das achte Kapitel leicht gekürzt vorgetragen. – Thomas Pany, Autor des väterfreund­lichen Artikels, mußte aufgrund der Reaktionen seiner Geschlechts­genossen am 10. August konstatieren: „Dass [Birgit Gärtner] eine andere Realitätssicht, die sich auf die alleingelassenen Mütter konzentrierte, zu Wort kommen ließ, ist als Diskussions­beitrag völlig legitim; erstaunlich, wie viele Forumsbeiträge zu ihrem Meinungs­artikel und Mails dazu zensurähnliche Maßnahmen eingefordert haben. Wut schürte, dass von der Autorin vor allem ein Männerbild bemüht wurde, in dem Verantwortungs­losigkeit, Gewalttätig­keit und Machtinter­esse bestimmend sind. Altbewährte Vorwürfe also, die man seit 40 Jahren kennt. Dass sie noch immer zu äußerst lebendigen Reaktionen führen, zeigt das Forum zum Artikel – und es zeigt, dass darauf teilweise mit einem noch viel älteren Repertoire aus Hexenjagd­zeiten eingegangen wurde. Das wirft kein günstiges Licht auf die Autoren der Beschimpfungen …“  – Mehr noch, es belegt, daß auch die angeblich veränderten Männer sich genauso verhalten, wie von Birgit Gärtner hingestellt. Die Autorin nahm auf Telepolis am 15. August 2010 auch selbst noch einmal Stellung zu diesem wahnhaften Ausbruch an Ehrlich­keit: Die Sorge der Mütter und die Rechte der Väter.


Diese Seite wurde zuletzt am 1. September 2010 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. Zur Flüchtigkeit virtueller Welten gehört es, daß Artikel wieder verschwinden oder nach Relaunches neu gesucht werden müssen. ©  Walter Kuhl 2001, 2010. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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