Bierkästen im Sendehaus
Bierkästen im Sendehaus

Kapital – Verbrechen

Weihnachten zwischen Besinnung und Besinnungdlosigkeit

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 25. Dezember 2006, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 25./26. Dezember 2006, 23.05 bis 00.05 Uhr
Dienstag, 26. Dezember 2006, 05.15 bis 06.15 Uhr
Dienstag, 26. Dezember 2006, 11.25 bis 12.25 Uhr

Zusammenfassung:

Diese Sendung hat eine ganz eigene Geschichte und fügt sich in die Dynamik einer von den Verantwortlichen des Trägervereins von „Radio Darmstadt“ betriebenen Eskalation ein. – Am 13. September 2006 wurden Katharina Mann und Norbert Büchner unter einem fadenscheinigem Vorwand und unter Zuhilfenahme von diversen Tricks aus dem Verein ausgeschlossen. Am 29. November 2006 sollte auch mich dieses Schicksal ereilen, doch einer der darauf eingeschworenen Vorstände fiel um, was ihm nachträglich eine Menge Ärger eingebracht hat. Um seine Loyalität zu bekunden, stellte selbiger Vorstand kurz darauf selbst einen Ausschlußantrag gegen mich. Auch diese Farce scheiterte auf der Vorstandssitzung am 3. Januar 2007. Daher schalteten mindestens zwei Vorstandsmitglieder den Programmrat ein, um mich vom Sendebetrieb auszuschalten und mundtot zu machen. Der Programmrat spielte begeistert mit und nahm diese hier vorliegende Sendung, insbesondere meine Anmerkungen zu Drogen, hierfür zum Vorwand und behauptete, sie sei imageschädigend.

Zu den Alkoholfragen des Images bei „Radio Darmstadt“ gibt es folgerichtig eine eigene Dokumentationsseite.

Ich schaltete hierauf die Rechtsaufsicht der hessischen Landesmedienanstalt (LPR Hessen) ein, die sich neun Monate Zeit ließ, bis sie in hochkarätiger Besetzung in der ersten Oktoberwoche persönlich beim Vorstand des Vereins vorstellig wurde. Sie muß sehr deutlich geworden sein und die Verlängerung der am 31. Dezember 2006 ausgelaufenen Sendezulassung in Frage gestellt haben, falls die Sendeverbote gegen Katharina Mann, Norbert Büchner und mich nicht umgehend aufgehoben werden. Wenige Tage später, am 8. Oktober 2007, knickte auch der Programmrat ein und kassierte seine Sendeverbote. Dies ließ die Verantwortlichen des Vereins jedoch nicht ruhen, die mir wenige Tage später ein Hausverbot verpaßten, das an inhaltlicher Absurdität kaum zu überbieten ist.

Aber worum ging es nun in dieser Sendung? In der Sendung vom 25. Dezember 2006 sprach ich über die Lebenslügen des Weihnachtsfestes und die publizistische Ergänzung eines Lokalradios, das manchmal genauso schrecklich klingt wie die vermeintlich großen Vorbilder.

Als Ironie der Zeitumstände ist das Auftauen einer Operation namens RADAR zu werten, die offensichtlich nach dem Trägerverein von „Radio Darmstadt“ benannt wurde. Während die Empörung im Sendehaus sich auch daran entzündete, daß ich „die alkoholfreudig drogenkonsumierende Partyfraktion“ als gesellschaftliche Kraft benannt hatte, die auch Zugang zum Medium eines nichtkommerziellen Lokalradios haben sollte, nimmt die Bundesregierung an einem Programm selbigen Namens teil, das sich dem Aufspüren des Schmuggels von Kokain und Cannabis widmet. Siehe hierzu auch den Artikel von Matthias Monroy in Telepolis am 28. Februar 2012: Jetzt nicht mehr so geheim: Operation RADAR.

Besprochenes Buch:

Horst-Eberhard Richter : Die Krise der Männlichkeit, Psychosozial-Verlag

»»  Als Podcast ist diese Sendung über das Audioportal des Bundesverbandes Freier Radios zu finden: Teil 1   Teil 2.

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Weihnachtsgleichschaltung 

Jingle Alltag und Geschichte

Heute mit dem Weihnachts-Spezial der Redaktion Alltag und Geschichte. Am Mikrofon ist Walter Kuhl.

Doch keine Angst. Es geht jetzt nicht so quälend [1] weihnachtlich zu wie in den vergangenen und kommenden Tagen, auch auf diesem Sender. Ich bringe keine pseudokritische Sendung mit dem Titel „Schon wieder Weihnachten“, wie wir sie am Freitagabend hören konnten. Es gibt auch kein „Weihnachts-Special“ und keinen „Heiligabend mit der Unterhaltungs­redaktion“ [2]. Wer den Anspruch, mit dem „Radio Darmstadt“ vor zehn Jahren die Sendelizenz beantragt hat, noch im Kopf hat, weiß, daß die ursprüngliche Absicht darin bestand, Alternativen zum bestehenden privat-kommerziellen und dem sich immer stärker kommerzialisierenden öffentlich-rechtlichen Hörfunk darbieten zu wollen.

Im von der Mitgliederversammlung des Trägervereins RadaR e. V. am 18. September 1996 beschlossenen Lizenzantrag heißt es zur Frage, warum man und frau denn ein eigenes demokratisch organisiertes Bürgerinnen- und Bürgerradio betreiben wolle:

Lokale, nichtkommerzielle und demokratisch organisierte Radiostationen könnten ein wirksames Mittel gegen die Konzentration von Medienmacht sein. Eigentumsverhältnisse und damit Einflußmöglichkeiten auf das Programm können sich bei kommerziellen privaten Anbietern rasch ändern. Die Organisationsform der Bürgerradios, die sich auf ein breites gesellschaftliches Spektrum stützen, bieten in dieser Hinsicht die Gewähr für Kontinuität. Die Gefahr einer Gleichschaltung der Medien in einer Region wird durch NKL [also nichtkommerzielles Lokalradio] deutlich gemindert. NKL wird von vielen Bürgern als Alternative oder Ergänzung zur Lokalpresse ausdrücklich begrüßt.

Nach fast 50 Jahren Erfahrung mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk läßt sich resümieren, daß sich die Rundfunkgesetze in der Praxis als untauglich erwiesen haben, den Rundfunk auf Dauer unabhängig, d.h. parteienfern, und lebendig, d.h. innovativ, zu erhalten. Die Tatsache, daß ungefiltertes, keinen wirtschaftlichen Interessen verpflichtetes, Radio zu hören ist, irgendwo zwischen 88 und 108 Megahertz, bedeutet ein dringend notwendiges Korrektiv in der gegenwärtigen Medienlandschaft. NKL kann durch sein unverwechselbares Programm als dritte Säule des Rundfunkwesens die notwendige Vielfalt sichern helfen. [3]

Vor zehn Jahren waren sich also die damals Radio Machenden ihrer gesellschaftlichen Aufgabe bewußt, Alternativen zum bestehenden Programm entwickeln zu wollen, und sie sahen darin auch die ausdrückliche Chance und Existenzberechtigung eines partizipativen und demokratisch organisierten Radiobetriebs. Zehn Jahre später liegen ausreichende Erfahrungen vor, ob dieses Experiment gelungen ist. Doch dies, das Gelingen, ist nicht das Thema meiner heutigen Sendung.

Weihnachtsstimmung bei Radio DarmstadtFür heute sei angemerkt, daß ein Programm, das genauso weihnachtet wie alle Fernseh- und Radioprogramme dieser Republik, wahrlich nicht den Auftrag der publizistischen Ergänzung wahrnimmt, wie dies ausdrücklich beispielsweise im niedersächsischen Medienrecht festgeschrieben ist. Der Begriff der publizistischen Ergänzung wird in der medienpolitischen Diskussion auch in anderen Bundesländern verwendet. Vom Korrektiv in der gegenwärtigen Medienlandschaft ist nichts zu hören, ganz im Gegenteil: der 1996 ins Feld geführten Gefahr der Gleichschaltung der Medien in der Region wird zumindest in den publizistischen Inhalten nicht begegnet. Es ist eher so: man und frau trottet einfach unkritisch mit zur Krippe.

Nun stehe ich durchaus auf dem Standpunkt, daß nichtkommerzielles Lokalradio durch seine weitgehend ungefilterte Vielfalt zu punkten weiß. Gerade darin, daß ganz normale Bürgerinnen und Bürger ihr eigenes Radio selbst gestalten können, liegt eine erhebliche gesellschafts­politische Brisanz. Ein solches Radio, und das war auch die Absicht derjenigen, die 1996 den Lizenzantrag stellten, nur ein solches Radio kann einer weitgehend gleich­geschalteten politischen Kultur begegnen, deren Politik­verdrossenheit nur das Spiegelbild mangelnder tatsächlicher Einfluß­möglichkeiten darstellt. [4]

Politik findet ritualisiert statt, nicht nur bei den im regelmäßigen Rhythmus stattfindenden Wahlen. Man und frau gibt eine oder mehrere Stimmen ab – und das war's dann. Die wirklichen Entscheidungen fallen nicht in den Parlamenten. Lobbyismus und Korruption sind nur die augenfälligsten Beispiele einer politischen Kultur, die jedoch für das Überleben der kapitalistischen Gesellschafts­ordnung unverzichtbar sind. Lobbyismus und Korruption sind also keine Ausnahmen, sondern geradezu notwendig.

Die Bürgerinnen und Bürger bleiben folgerichtig außen vor. Sie können allenfalls darüber befinden, welche Funktionsträger welcher Partei mehr oder weniger dieselbe Politik betreiben – und das drückt sich besonders augenfällig in einer Großen Koalition aus. Das macht wenig Spaß und bietet erst recht keine Alternative. Also vergnügt man und frau sich lieber auf Parties oder auf der Fanmeile und bleibt der Wahlkabine fern. Die Krise der Demokratie besteht darin, daß das demokratische Versprechen nicht eingehalten werden kann. Eine kapitalistische Gesellschaft kann zwar nicht ohne die Illusion von demokratischer Mitwirkung auskommen, darin liegt ja auch ihr innovatives Potential, aber sie kann auch keine Perspektiven mehr für diejenigen anbieten, die – durch Wahlen legitimiert – allenfalls vertreten werden sollen. [5]

Und nun gibt es die bemerkenswerte Tendenz, daß auch bei den nichtkommerziellen Lokalradios, die sich vor etwa zehn Jahren noch deutlich gesellschafts­politisch begriffen hatten, die Partykultur Einzug hält. Angesichts des selbst formulierten Anspruchs, der auch in der Sendelizenz festgeschrieben ist, „unterschiedlichen gesellschaftlichen Kräften Einfluß auf die Programm­gestaltung“ [6] gewähren zu wollen und zu sollen, ist das ja auch erst einmal kein Problem.

Auch die alkoholfreudig drogen­konsumierende Partyfraktion [7] ist irgendwie als eine gesellschaftliche Kraft anzusehen. Allerdings ist anzumerken, daß die entfremdete Partykultur sich schon längst in allen Kanälen des Hörfunks und Fernsehens bis zur besinnungslosen Peinlichkeit etabliert hat. Insofern ist medienpolitisch betrachtet die Übernahme [8] der nichtkommerziellen Lokalradios durch eine völlig entpolitisierte Partykultur nicht unbedingt zwingend. Und doch findet genau dies gerade statt.

 

Verschiebungen

Ich versuche einmal, nicht zu den Verfechtern einer Kulturkritik zu gehören, die eine elitär bestimmte Hochkultur der herrschenden Klasse zum Maßstab von Kunst oder Kitsch erhebt. Und doch gibt es einfach Grenzen des guten Geschmacks. Ich halte Grenzüber­schreitungen nun nicht rundweg für abzulehnen, weil es Grenzen gibt, die einfach überschritten werden müssen, um zu einer emanzipatorisch orientierten Welt zu gelangen. Manche Grenzen sind absolut überflüssig, und sei es die mörderische Festung Europa, vor deren Grenzen jährlich Hunderte, wenn nicht gar Tausende ertrinken oder ersticken. Manche Grenzen sind jedoch sinnvoll und notwendig, und dazu gehört beispielsweise der Respekt voreinander.

Doch die postmoderne Welt mit ihrem neoliberalen Autismus kennt keine Grenzen mehr. Konzerne werden zerschlagen, verkauft, und deren Beschäftigte einfach auf die Straße gesetzt, und sei es nur, um den Aktienkurs steigen zu lassen. Die Zumutbar­keitsregeln deutscher Arbeitsämter sind schlicht eine Zumutung. Armut und Hunger regieren diese Welt, sogar in einem reichen Land wie Deutschland, in dem es Kinder gibt, die man oder frau zur „Tafel“ führen muß, damit sie auch nur eine regelmäßige Mahlzeit pro Tag erhalten. Zu Weihnachten wird hierfür fleißig gespendet und damit das Gewissen beruhigt. Das restliche Jahr über darf sich das beruhigte Gewissen dann – frisch reingewaschen und freigekauft – wieder gewissenlos austoben.

In dieser Welt sind die Kids von heute in den vergangenen fünfzehn Jahren groß geworden. Das ist ihre Welt, sie kennen keine andere. Sie wissen nichts mehr vom Aufbruch von '68. Dieser Aufbruch muß ihnen ohnehin suspekt erscheinen, wenn die Protagonisten von damals als Minister Kriege führen und Atomkonsense herbeilügen. Und so feiern sie eben ihre Party. Was denn auch sonst? Was bietet ihnen das Leben sonst, außer Arbeit, Arbeitslosigkeit und Leistungszwang? Im Gegensatz zu den Kids der 70er und 80er Jahre wissen sie nichts mehr von Subversion und Widerstand, von gemeinsamer Gegenwehr oder gar Nonkonformismus. Sie kennen nur noch „Deutschland einig Vaterland“. Und sie schlucken alles, was sie kriegen können. Deregulierte Jobs, Tabletten und Alkohol.

Und diese Kids entdecken nun ihr Radio. Nicht etwa als ein Medium, sich Medien­kompetenz zu erwerben, zu begreifen, wie der Medienbetrieb tatsächlich funktioniert und manipuliert. Nein, sie kommen, um sich breitzumachen, Besitz zu ergreifen, ohne zu wissen, was sie tun. Auch das ist irgendwie eine Party, Party bis zur Besinnungs­losigkeit. Und so plappern sie auch drauflos und denken, sie seien hip. In meinem Sendearchiv habe ich eine Menge Beispiele gesammelt, die so peinlich sind, daß ich sie nicht einmal bei „Pleiten, Pech und Pannen“ spielen würde.

Und doch: all dies, ich wiederhole mich, wäre eigentlich kein Problem. Eigentlich – wäre da nicht die damit korrespondierende Tendenz verbunden, daß inhaltliche, gar gesellschafts­kritische Sendungen mehr und mehr an Raum verlieren. Gerade bei „Radio Darmstadt“ können wir beobachten, daß die thematisch orientierten Redaktionen immer öfter auf Austauschbeiträge anderer Lokalradios zurückgreifen müssen, um ihre Sendezeit zu füllen, während weitgehend anspruchslose Party- und Unterhaltungs­programme den Sender mehr und mehr bestimmen. Weil – dazu gehört ja nicht viel, außer: Musik auflegen, dümmliche, im Zweifelsfall auch mal sexistische, Witzchen reißen, und zehnmal pro Stunde die Hörerinnen und Hörer zu begrüßen, damit sie auch wirklich glauben, daß sie willkommen sind. [9]

Damit will ich nichts gegen die Austausch­beiträge anderer Lokalradios gesagt haben; im Gegenteil: in ihnen wird vieles thematisiert, was sonst auf unserem Sender nicht zu Wort kommen würde. Beispielsweise am morgigen, oder – falls ihr die Wiederholung dieser Sendung am 2. Weihnachtsfeiertag hört – am heutigen Dienstagabend um 23.00 Uhr mit Lorettas Leselampe, einer politischen Literatursendung des Freien Sender Kombinats aus Hamburg.

Doch es zeigt sich hiermit auch, daß viele inhaltlich arbeitende Redakteurinnen und Redakteure nicht mehr die Gelegenheit finden, zeitraubend Inhalte zu recherchieren, Interviews und Originaltöne zu organisieren und dann auch noch klar strukturierte Sendungen zu gestalten. Gerade in den Sommerferien­monaten und im Dezember wird dieses Manko besonders hörbar. Statt dessen werden uns abgestandene und vollkommen uninteressante Star-News aus dem Internet ungefiltert eins zu eins vorgelesen, manchmal stammelnd, manchmal sogar eloquent vorgetragen. Da frage ich mich, weshalb wir ein Radio benötigen, welches als Multiplikator denselben Unsinn verbreitet, der in elektronischer Form schon hunderttausende Male abgerufen wurde.

Um es klar zu sagen: „Radio Darmstadt“ ist nicht mehr der Sender, der er einmal war. Das kann und muß man und frau sicher positiv und negativ sehen. Es ist jedenfalls vollkommen sinnlos, sich der guten alten Zeiten zu erinnern und sich nach der Nestwärme der Vergangenheit zurückzusehnen. Vor zehn Jahren war es noch aufregend, ein eigenes Radio zu betreiben, und, um die Lizenz zum Senden zu erhalten, wurde damals viel Arbeit, Energie und Lust investiert. Doch das war Damals. In dem Moment, in dem ein solches Projekt zur Selbstver­ständlichkeit geworden ist, kommen nun all diejenigen, die sich ins gemachte Nest setzen. Womit ich nicht sagen will, daß dies auf alle, die seither zu uns gekommen sind, zutrifft. Im Gegenteil – darunter sind sogar eine Menge spannender Menschen, die auch etwas zu sagen haben. Doch sie sind in der Minderheit.

Das ist soziologisch betrachtet natürlich und nur begrenzt zu kritisieren. Das geschieht eben. Aber es findet hierdurch auch ein unmerklicher Wandel im Sendegefüge und der personellen Zusammensetzung des Senders statt. Genau betrachtet können wir in den vergangenen drei Jahren einen Austausch der Hälfte der sendenden Vereins­mitglieder feststellen. So etwas bleibt nicht ohne Auswirkungen. Wenn wir dann noch berücksichtigen, daß diese Neuen ohne die Erfahrung des Kampfes um eine eigene Frequenz geblieben sind, sondern dieses Radio als etwas betrachten, das einfach für sie da ist, dann sind einige Konsequenzen unausweichlich. Das alles ist nicht negativ zu sehen. Neue Menschen bringen frischen Wind mit. Aber welchen?

Eine der von mir gerade angesprochenen Konsequenzen ist eine hörbare Veränderung im Programm. Weniger Inhalte, mehr Party. So mußte beispielsweise der „Radiowecker“ aus Personalgründen im September pausieren und wurde im Anschluß daran geradezu handstreichartig aufgelöst [10]. Lokal­nachrichten gibt es schon länger nicht mehr. Zum Sendestart 1997 waren sie noch ein Highlight des Programms. Die lokalpolitische Schiene ist ohnehin ein Trauerspiel, und gäbe es nicht Christian Knölkers Berichte aus der Stadtverordneten­versammlung, dann müßte man und frau sich wirklich fragen, warum unsere Lokalredaktion ausgerechnet den hochtrabenden Redaktionsnamen „VorOrt“ trägt, weil: vor Ort ist diese Redaktion nicht.

Und doch sei den Kritikerinnen und Kritikern der nicht vorhandenen Lokalpolitik auf diesem Sender eines gesagt: „Radio Darmstadt“ ist kein Dienstleister für fremde Bedürfnisse. Wer also Lokalpolitik auf diesem Sender hören will, kann und sollte selbst das Mikrofon ergreifen und diese Lücke schließen. Wer jedoch nur mault und jammert, aber die tatsächlich vorhandene Möglichkeit nicht nutzt, bekommt eben das Lokalradio, das er oder sie verdient. Das ist bitter, aber wahr.

 

Trügerische Stimmung

Nun könnten wir darüber räsonieren, ob für noch mehr Party auf allen Wellen Fördermittel der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk in Höhe von 66.500 Euro pro Jahr ausgegeben werden sollen. Im Grunde genommen ist es ja überflüssig, wenn auch ganz normale Bürgerinnen und Bürger mit ihrem Radio nichts Besseres anzufangen wissen, als etablierte (kommerzielle) Programme mehr oder weniger schlecht zu kopieren. [11]

Andererseits ist jedoch auch nicht einzusehen, warum die Rundfunk­gebühren – und unsere Fördermittel sind Rundfunk­gebühren –, die unserer Landes­medienanstalt hierfür zur Verfügung gestellt werden [12] – andererseits ist also nicht einzusehen, warum statt dessen der Hessische Rundfunk hiermit gefüttert werden soll, dessen Intendant Reitze ja die weichgespülte Welle zum Markenzeichen erhoben hat. Insofern ist es schon korrekt, auch das lokal weichgespülte Programm finanziell zu fördern. Die Frage ist eher, ob wir das eine wie das andere wirklich benötigen. Aber das ist eine Frage, über die mögen sich unsere Hörerinnen und Hörer ihre eigenen Gedanken machen. „Radio Darmstadt“ ist von seinem Selbstverständnis her ein Einschalt- und bei Bedarf dann eben auch ein Ausschaltradio.

Wer demnach Weihnachten mit „Radio Darmstadt“ begehen möchte, schaltet ein, wer zu der gar nicht so kleinen Minderheit gehört, die dem Bethlehemterror zu entgehen sucht, schaltet demnach das Radio auch wieder aus. So einfach ist das.

Da kommt Stimmung auf: Weihnachtsbaum in der UmbaustelleNun ist das Weihnachtsfest abgesehen von seinen kommerziellen Aspekten ja eigentlich eine gute Gelegenheit, sich auf sich selbst zu besinnen oder überhaupt einmal wieder zur Besinnung zu kommen. Allerdings fällt das nicht leicht. Das Weihnachts­geschäft ist nämlich unverzichtbarer Bestandteil des jährlichen Produktions-, Konsum- und Profitkalenders. Die Beschäftigten im Einzelhandel werden unter einen wochenlangen Permanentstreß mit Urlaubs- und Krankheitssperre gesetzt, denn im Dezember wird ein Drittel oder gar die Hälfte des gesamten jährlichen Umsatzes erwirtschaftet. Die Schokoladen­weihnachtsmänner weichen deshalb vorsichtshalber in die letzten Augustwochen aus, um diesem Streß zu entgehen, und werden folgerichtig schon im Hochsommer feilgeboten und gefuttert.

Und so gnadenlos kommerzialisiert das Weihnachtsfest ist, so ist das Fest der Liebe eine Lebenslüge von Millionen. Ganze Familien treffen sich zwanghaft um die Weihnachtstage, um so zu tun, als wären sie ein Herz und eine Seele. Dabei regiert auch hier die Warenbeziehung das gemeinsame Interesse. Wer schenkt wem was? Bekomme ich auch mindestens genauso viel zurück­geschenkt wie ich selbst investiert habe? Zeigt mir das Geschenk Lieblosigkeit und Ignoranz, oder mag mich der oder die Andere wirklich? So etwas wird natürlich am Geschenk festgemacht, weil: eine andere als die monetäre Einheit zeigt uns ja nicht den wahren Wert unserer Selbst. Ich hoffe also, ihr seid ausgiebig beschenkt worden, und glaubt deshalb, tatsächlich gemocht zu werden.

Doch die Illusion trügt. Und genauso trügerisch sind die wärmenden Gedanken und Gedichte hier auf diesem Sender, wenn sich die Weihnachts­stimmung nicht nur durch einen schnell errichteten Weihnachtsbaum symbolisiert, sondern sie auch in die Sendestudios eingelassen wird. Nur wer den Anderen oder die Andere wirklich kennt, kann ermessen, und das gilt nicht nur hier, sondern überall auf der Welt, wie verlogen die ganze Chose ist. Ich weiß, wovon ich rede.

Zur Besinnung zu kommen, wäre also sicherlich nicht das Falscheste, was man oder frau in diesen Tagen tun könnte. Allein – die Besinnungs­losigkeit, mit der wir von gekauften oder medial inszenierten, also künstlich erzeugten Glückshormonen überflutet werden, läßt hierzu wenig Raum. Und nicht einmal heute lasse ich euch zur Besinnung kommen, nein, auch am Weihnachts­feiertag rede ich munter drauflos und versuche, euch etwas über meine Gedanken zu dieser verlogenen und mörderischen Welt zu vermitteln.

Auf der Frankfurter Buchmesse ist mir im Oktober ein zu derartigen Gedanken geradezu einladendes Buch in die Hände gefallen. Der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter schrieb über „Die Krise der Männlichkeit in der unerwachsenen Gesellschaft“, und sein Buch hat mir einige Inspirationen für meine heutige Sendung mit auf den Weg gegeben.

 

Jäger und Hexen

Besprechung von : Horst-Eberhard Richter – Die Krise der Männlichkeit, Psychosozial-Verlag 2006, 283 Seiten, € 19,90

Wenn Weihnachten eigentlich eine gute Gelegenheit wäre, zur Besinnung zu kommen, dann eignet sich ein gutes Buch vielleicht mehr als zur Besinnung anregende Lektüre als die mit Werbespots versehenen Rührstücke im deutschen Fernsehen. Ein solches Buch hat Horst-Eberhard Richter geschrieben, es heißt „Die Krise der Männlichkeit in der unerwachsenen Gesellschaft“ und es ist im Psychosozial-Verlag erschienen.

Es ist nun sicherlich kein Zufall, daß mir schon auf der ersten Seite der Einleitung ein Gedanke begegnet ist, bei dem ich sofort an jemanden aus meinem Bekanntenkreis denken mußte, der ganz offensichtlich ein Problem mit sich herumträgt. Es gibt nämlich, so scheint es, immer noch Männer, die ein Problem mit Frauen haben, die sich nicht so durch die Welt bewegen, wie sie (die Männer) es gerne hätten. Die Männer von heute, so schreibt Richter,

sind hinter den verselbständigten Frauen zurück und in der Illusion stecken geblieben, mit ihren wissenschaftlich-technischen Eroberungen ihre heimlichen Entmännlichungs­ängste beschwichtigen zu können. Was immer ihr Bemächtigungswille ihnen durch neue Erfindungen an phallisch narzisstischen Triumphen einbrachte, ihre Verunsicherung durch das Aufstreben der Frauen konnte es nicht wettmachen. Immer noch verwechseln sie ihre technischen Prothesen, mit denen sie sich aufrüsten, mit eigener Stärke und vertrauen auf das Anwachsen der künstlichen Intelligenz, ohne in der Verantwortungsreife für deren Gebrauch entsprechend mitzuwachsen. [13]

Und weiter:

Wer an eine Freiheit zur Willkür glaubt, beliebig aus dem Netzwerk der wechselseitigen Abhängigkeit ausscheren zu können, läuft in die Irre. Die Obsession unerwachsener Männlichkeit lautet: Man muss permanent siegen, um Leiden zu vermeiden, weil einzig Übermacht vor Ohnmacht schützt. [14]

Horst-Eberhard Richter zeigt in seinem Streifzug durch die abendländische Geschichte der letzten zwei Jahrtausende anhand ausgewählter Beispiele, wie sich dieser Männlich­keitswahn ausdrückt und auslebt. Mittels der industriellen Revolution und der damit verbundenen unermeßlichen Machtmittel haben es Männer nunmehr in der Hand, Sein oder Nichtsein der gesamten Menschheit in ihrem technokratischen Unverstand zu exekutieren.

Ich finde die Lektüre eines derartigen Buchs schon deswegen anregend, weil wir hierbei immer wieder mit unseren alltäglichen wie auch mit globalen Problemen konfrontiert werden. Auch wenn Richter aufgrund seines politischen Wirkens in der Friedensbewegung mehr an die ultimative Atomkriegsgefahr denkt, so sind seine Ausführungen genauso gut auf der Ebene unseres Mikrokosmos, unserer kleinen Welt der gegenseitigen Zerstörung zu verwenden. Darin liegt eine Stärke seines Buchs, auch wenn er selbst diesen Aspekt eher beiläufig behandelt.

Unser Mikrokosmos zu Beginn des 21. Jahrhunderts kennt natürlich die moderne Fassung der Hexenjagd, die vor einigen Jahrhunderten gleich Hunderttausende von Frauen auf den Scheiterhaufen gebracht hat. Mit dem Beginn der kapitalistischen Moderne im 15. und 16. Jahrhundert geht nicht nur das Gottvertrauen verloren, sondern auch die Eroberung ganzer Kontinente und der weiblichen Sexualität einher.

Aus diesen Bestrebungen lässt sich ahnen, was mit der Theorie des »Gotteskomplexes« angesprochen ist: Die schwindende Gottesgewissheit schlägt in den Anspruch um, den verlorenen Halt durch Eroberung eben der Macht zu ersetzen, in deren Schutz man sich bisher geborgen glaubte: Flucht aus der Ohnmacht gleich in die Allmacht. Und das sollte straflos möglich sein? Eben nicht. Vielmehr liegt es nahe, in der gleichzeitig ausbrechenden Angst vor Hexen- und Satanszauber der Kehrseite des eigenen magischen Machtwillens zu begegnen. In den Hexen verfolgt der männliche Jäger also eigentlich sich selbst, die eigenen Triebe, die eigene Zügellosigkeit. [15]

Damals wie heute ist die

Welt unheimlich geworden. Von fundamentalen Ängsten angetrieben, sieht man überall Gespenster. Die Hexen bilden den internationalen Terrorismus vom 15. bis zum 18. Jahrhundert. Sie verüben hinterrücks die grausamsten Anschläge und halten die »Sicherheitsdienste« jener Zeit in Atem. Die Folterungen zur Geständnis-Erpressung sind die gleichen wie heute. Wer die Hexerei leugnet und »Hexen« in Schutz nimmt, macht sich genauso als »Sicherheitsrisiko« verdächtig, wie es unlängst denjenigen widerfuhr, die im Irak an dessen versteckten Massen­vernichtungswaffen zweifelten. Wie heutzutage überall Video-Überwachung, Telefon-Kontrollen und Geheimdienst-Observationen die Bürger begleiten, so waren es damals grenzenlose Denunziationssysteme. [16]

Die heilige Inquisition von damals findet sich jedoch auch heute wieder. Wehe der Frau, die für die gequälten männlichen Seelen den Sündenbock spielen muß!

Wenn Horst-Eberhard Richter in seinem Buch „Die Krise der Männlichkeit“ eine Geschichte großer Männer schreibt, dann nicht als Heldenepos, nicht einmal um zu behaupten, die Geschichte werde von Männern und nicht von gesellschaftlichen Kräften gestaltet, sondern er schreibt diese Geschichte deshalb so, weil sich anhand sich groß wähnender Männer gezeigt werden kann, wie sich der Männlich­keitswahn überall wiederfinden läßt. Die Egozentrik des Mannes läßt sich demnach in seinen Worten so beschreiben:

Der Mensch gehört nicht länger zur Natur, sondern diese gehört ihm, so wähnt er.

Ich nenne das Egomanie oder – noch deutlicher – einen »Gotteskomplex«, weil in diesem Begriff nicht nur die Grandiosität, sondern vor allem der Allmachtswahn erfasst ist – als Kompensation einer dahinter versteckten Ohnmachtsangst. Diese Ohnmachtsangst nämlich ist die heimliche Kehrseite der Omnipotenzphantasie. Wer alles sein will und nicht erträgt, nur ein sterbliches Etwas zu sein, wandelt am Abgrund des Nichts, der Leere, der Verlorenheit – als Strafe für sein Taumeln in die Haltlosigkeit. […]

Es ist ein Wahnsinn, aber in ihm steckt Methode. […]

Der Weg in die Freiheit, die eine unbegrenzte Machtwillkür verheißt, scheint offen zu stehen.

Aber im Rücken dieser phantasierten Allmacht lauert die verdrängte Ohnmacht und Hilflosigkeit. Keine andere Stütze ist mehr da als die eigenen Macht- und Zerstörungs­mittel. Aber diese sind mit dem Menschen nicht verwachsen. Und so ist die beschworene herrliche Freiheit nur eine scheinbare. Denn echte Freiheit wächst aus Offenheit, nicht aus Argwohn. [17]

Allerdings scheint mir dies eine Erkenntnis zu sein, welche den Kids der Ära Kohl und Schröder nicht beigebracht worden ist. Und wie die Großen tummeln sich dann auch die Kleinen in ihrer beschaulichen Welt so, als gebe es keine Grenzen der Vernunft und der Macht.

Vielleicht ist es der Neoliberalismus, der nicht nur alle gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse in eine Ware verwandelt, sondern auch die Menschen nur noch in ähnlich kurzen Zeitzyklen denken läßt wie es der kurzfristige Profit einer Aktientransaktion verheißt. Wenn es stimmt, daß weitgehend das Sein das Bewußtsein bestimmt, dann kann das auch gar nicht anders sein. Warum auch an die Zukunft denken, wenn schon die Gegenwart undurchschaubar ist? Und so nehmen wir jeden kurzfristigen Gewinn mit und hoffen, damit durchzukommen – und es funktioniert erschreckend häufig! Noch einmal Horst-Eberhard Richter:

Wir alle nehmen inzwischen an einer großen geistigen Korruption insofern teil, als wir uns selbst und erst recht unsere Nachkommen durch unsere Ausrichtung auf momentane Vorteile und Befriedigung betrügen. Das Muster ist das gleiche wie beim Rauchen. Der zeitliche Abstand zur Schadenswirkung erlaubt nicht, aber ermöglicht, sich und die anderen über die unheilvollen Folgen der Unverantwort­lichkeit hinwegzulügen. […]

Die Konstanz von Beziehungen geht verloren. Am besten passt in die Zeit, wer nirgends mehr fest haftet – an Beziehungen zu Menschen, Tätigkeiten und Orten. Das wird als Freiheit gepriesen, bedeutet aber auch Einsamkeit, Verlust an »Wir«, an Verlässlichkeit in einer unverlässlichen Welt. […]

Da will man nicht an Beziehungen kleben, sich etwa mit den Pflichten für Kinder beschweren. Man möchte jeden Tag des Lebens umkrempeln können. Indessen verrät sich in dieser Vision von »Durch die Welt Tanzen« auch deutlich die Angst, erwachsen zu werden und sich Verantwortung aufzuladen. [18]

Wobei, so möchte ich hinzufügen, diese Verantwortung meist fremdbestimmt ist und es daher auch gute Gründe gibt, sich ihr entziehen zu wollen. Aber diese Kultur der Verantwortungs­losigkeit ist nicht nur zum globalen Geschäftsprinzip geworden, sondern findet sich ebenso auch dort in unseren intimsten Zusammenhängen wieder, wo Verantwortung, Selbstbestimmung und der Wunsch nach freien, emanzipierten Beziehungen zu leben wäre. So bleibt dann nicht viel, außer vielleicht zu tanzen oder den Glücksfall eines unverhofften Sommermärchens mitzunehmen.

 

Wir und unsere Illusionen

Horst-Eberhard Richter hat mit seinem Buch über „Die Krise der Männlichkeit“ kein analytisches Sachbuch geschrieben. Es ist vielmehr eine kursorische Lektüre, die uns erwartet, die Zusammenhänge herstellt, ohne uns mit unverständlicher Wissenschaftlichkeit zu erschlagen. Also gut lesbar und vielleicht soweit aufrüttelnd, daß bei aller kritischen Darstellung das Gefühl nicht verloren geht, es könne noch etwas Besseres als diese Welt geben. Und dies ist auch das Anliegen des Autors, nämlich die Hoffnung nicht aufzugeben und, sofern möglich, sie auch mit zu gestalten. Er regt die Vermutung an, eine Vermutung, die ich nur begrenzt teile, es gebe trotz allem einen Trend hin von der Ich- zur Wir-Gesellschaft. Der damit verbundene Wunsch nach Nähe ist sicherlich real, nur wirkt er sich leider ganz anders aus, als erhofft. Doch erst einmal lasse ich Horst-Eberhard Richter zu Wort kommen:

Es sind nur Hinweise. Aber sie liegen einwandfrei in der Richtung wachsender Neigung, Bindung untereinander wichtiger zu nehmen. Auch im Großen melden sich vermehrt Zusammengehörig­keitsgefühle, sichtbar geworden z. B. im Rahmen der Fußball WM, als das Zusammen­strömen von Millionen aus den verschiedenen Ethnien, Rassen und Religionen Angst vor Ausbruch von Hass und Gewalt geweckt hatte. Stattdessen wurde es ein Fest der Freude und Verbundenheit, was wiederum die Kluft zwischen der Sehnsucht der Menschen nach friedlicher Eintracht in Kontrast zu den Mächten offenbarte, die uns seit Jahren durch den Austausch von kriegerischer und terroristischer Gewalt in Atem halten. [19]

Buchcover H.E.RichterWobei ich anmerken möchte, daß hier zwei Faktoren prägend waren: das (unerwartet) gute Wetter im Juni und das überraschend erfolgreiche Auftreten der deutschen Nationalkicker. Nicht auszudenken, es hätte geregnet und nach dem Polen-Spiel wäre Schluß gewesen. Wie hätte sich dann Depression und Enttäuschung ausgelebt? Ich denke, der Grat zwischen Spaß und Haß ist schmal, sehr schmal. Und so fragt auch Horst-Eberhard Richter weiter:

Aber was bewirkt dieser Kontrast? Wer sich nicht einmischt, mag privat noch so viel Nähe, Freundlichkeit und Sanftheit praktizieren, er muss sich irgendwann schämen, wenn er laufend auf dem Bildschirm Flüchtlingsmassen, zivile Bombenopfer, brennende Dörfer und Stadtteile tatenlos auf sich wirken lässt. Aus der Scham wird Wut, dann heimlicher Selbsthass, schließlich gepanzerte Gleichgültigkeit. Lebendig kann man nur bleiben, wenn man sich einmischt und daran glaubt, dass doch einmal ein unwiderstehlicher Heilungswille in einer großen Welle zu einem globalen Aufstand für die Menschlichkeit führen kann. [20]

Und so handelt das letzte Kapitel seines Buches folgerichtig von der Welt der Sozialforen und einer globalisierungs­kritischen Bewegung, die nicht den Standort verteidigt, sondern zusammen arbeitet. Eine andere Welt ist möglich; aber möglich wird sie nur dadurch, daß man und frau sie auch erkämpft und nicht herbeisehnt. Von alleine kommt sie nicht.

Und was die freundlichen und sanften Menschen angeht: Hinter der Maske des Biedermannes steckt nicht allzu selten der Spießer, und sei es der Spießer des Werbegags, der sein gutes Gewissen dazu benutzt, anderen Menschen mit unbeirrbarer Selbst­gerechtigkeit das Leben zur Hölle zu machen. Ich liebe diese Sorte Gutmenschen überhaupt nicht. Leider begegnen sie mir häufiger als mir lieb ist. Nun wird Horst-Eberhard Richter sicher nicht sehr erfreut sein, wenn ich dieses Gutmenschentum geißele. Aber ich mache mir da keine Illusionen.

Überhaupt ist das vielleicht der einzige Schwachpunkt seines Buches: die unkritische Herangehensweise an die Idole der Friedensbewegung. Mahatma Gandhi beispielsweise wird von Richter so beschrieben:

Also nicht nur um physische Gewaltlosigkeit ging es ihm, sondern gleichzeitig um Achtung des Anderen, um nicht durch irgendeine Gewalt Gegengewalt hervorzurufen. Wegen zivilen Ungehorsams im Unabhängigkeits­kampf steckte man ihn immer wieder ins Gefängnis für Überschreitung ungerechter Gesetze. Aber am Ende gelang ihm das unmöglich Scheinende. [21]

Das ist der Mahatma Gandhi der Idylle. In Wirklichkeit war er ein durchaus machtorientierter Politiker, dem während seines jahrzehntelangen Aufenthalts in Südafrika die Probleme der schwarzen Bevölkerung vollkommen egal waren. Zurück in Indien war er nicht aufgrund seiner Appelle für Gewaltlosigkeit erfolgreich, sondern deshalb, weil die Inderinnen und Inder trotz seiner Beschwichtigungs­politik für ihre Freiheit streikten und kämpften und damit den Briten das Leben zur Hölle machten. Und abschließend sei bemerkt, daß Mahatma ohne den aufopferungsvollen Support seiner Frau Kasturbai nicht die Zeit gefunden hätte, sich als Retter Indiens aufzuspielen. [22]

Ähnliches ließe sich zu Richters Bewunderung für den chinesischen Philosophen Konfuzius sagen. Denn abgesehen davon, daß uns authentische Zeugnisse über sein Leben und Wirken fehlen, handelt es sich bei der Historiographie um eine spätere Idealisierung eines Politikers, dem zur Herrschaftssicherung der chinesischen Fürsten und Könige einige obrigkeitshörige Weisheiten untergeschoben wurden. [23]

Auch die Begeisterung für Willy Brandt und Michail Gorbatschow kann ich nicht teilen, denen ihr sehr wohl machtpolitisch kalkuliertes Auftreten ihnen den Nimbus der Guten eingebracht hat. Gorbatschow war ein Kind der Verhältnisse des langsam implodierenden Sowjetimperiums. Immerhin war er langjähriges Politbüromitglied und also solches mitverantwortlich für die letzten Jahre der (repressiven) Breschnew-Ära. Brandt war in den 60er Jahren noch Kalter Krieger. Sein Kniefall in Warschau war sicherlich ehrlich gemeint, aber durchaus kompatibel mit Berufsverboten und der Inneren Aufrüstung der 70er Jahre, für die er auch verantwortlich war. Ich bin nicht bereit, den idealisierten Held vom Machtpolitiker zu trennen.

Doch bei aller Kritik am mitunter unkritischen Herangehen an die Gutmenschen von Damals und Heute möchte ich dieses Buch dennoch all denen ans Herz legen, die sich Gedanken machen über die Krise der Männlichkeit in einer Welt, in der Verantwortungs­losigkeit und Egoismus zu den positiven innovativen Werten zählen.

Das Buch von Horst-Eberhard Richter heißt „Die Krise der Männlichkeit in der unerwachsenen Gesellschaft“. Es ist im Psychosozial-Verlag erschienen, hat 283 Seiten (Hardcover) und kostet 19 Euro 90.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

Heute mit einigen besinnlichen Gedanken über die Probleme, welche die moderne Welt für besinnungslose Männer und ihre Männlichkeit so bereit hält. Dabei ließ es sich nicht umgehen, auch einige Gedanken über die Besinnlichkeit des Weihnachtsfestes loszuwerden. Und wenn ich euch schon nicht ein frohes Fest wünschen kann, weil mir das dann nun doch zu verlogen klingen würde, so hoffe ich doch, daß ihr auch ohne Märchen in den nächsten Sommer finden mögt, und zwar gut finden mögt.

Diese Sendung wird aller Voraussicht nach in der Nacht von Montag auf Dienstag um 23.00 Uhr, sowie am ganz frühen Dienstagmorgen gegen 5.15 Uhr und am späten Dienstagvormittag gegen halb zwölf wiederholt werden. Es folgt nun eine Sendung der Kulturredaktion von „Radio Darmstadt“; im Programmheft ist hierzu angekündigt „Fußballpoesie und Politik“. Wollen wir mal schauen, was Gerhard Schönberger uns in der nächsten Stunde zu senden beliebt [24]. Und damit ihr auch dranbleibt, empfehle ich euch noch die „Fußpilzshow“ mit Erik und Schlesy in einer Stunde. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte war Walter Kuhl.

 

ANMERKUNGEN
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»» [1]   Diese subjektive Meinungsäußerung habe ich mir nicht verbieten lassen, denn das Weihnachts­programm auf „Radio Darmstadt“ hat mich gequält.

»» [2]   Ich könnte das lange Wochenende vom Freitag, den 22. Dezember, bis Dienstag, den 26. Dezember, auch das „Schönberger-Festival“ nennen. Die regulär Sendenden überließen den Sender aufgrund weihnachlicher Verpflichtungen sich selbst, und Gerhard Schönberger ließ es sich nicht entgehen, von den 96 Stunden dieses viertägigen Programms 26% selbst (mit) zu gestalten. Diese fast schon monopolartige Sendepräsenz ist einmalig. Seine Fans dürften sich gefreut haben.

»» [3]   Lizenzantrag von RadaR e. V. vom 24. September 1996, Seite 8.

»» [4]   Eine Forsa-Umfrage zu Ende des Jahres 2006 ergab demnach wenig überraschend, daß 82 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger der Meinung waren, daß die Politiker [und die Politikerinnen, aber nach denen war gewiß nicht gefragt worden] auf die Interessen des Volkes keine Rücksicht nähmen. dpa-Meldung: Bürger wollen mehr selbst entscheiden, in: Darmstädter Echo, 28. Dezember 2006, Seite 1.

»» [5]   Als der Klassiker der Parlamentarismus­kritik kann auch heute noch Johannes Agnolis „Die Transformation der Demokratie“ aus dem Jahr 1968 gelten.

»» [6]   Zulassungsbescheid der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk vom 3. Dezember 1996, Seite 7 [online]

Der gelbe Kopfhörer-Regel, voll aufgedreht.»» [7]   Mir wird sich das nie erschließen, weshalb die verständigen Hörer des Programmrats aus dieser Äußerung auf die Behauptung des Genusses illegaler Drogen im Sender geschlossen haben. Aber wenn solch verständige Menschen schon nicht richtig zuhören können, dann scheint die audiophone (und die damit verknüpfte rezeptive) Verstopfung in diesem Land schon sehr weit gediehen zu sein. Augenfälliges Beispiel in den Studios vieler nichtkommerzieller Lokalradios sind die voll aufgedrehten Kopfhörer, die signalisieren, daß ein leises Geräusch gar nicht mehr wahrgenommen wird. Genauso wenig werden die Feinheiten der deutschen Sprache verstanden. Wenn es heißt: „alkoholfreudig drogenkonsumierende Partyfraktion“, dann ist es doch so, daß die Partyfraktion durch das Adjektiv drogenfreudig näher bestimmt wird, und dieses Adjektiv wiederum durch ein weiteres vorgeschaltetes erläuterndes Adjektiv, nämlich alkoholfreudig. Zudem geht es in dieser Sendung um eine allgemeine Charakterisierung einer Partyfraktion, einzelne Redaktionen oder gar Sendende bei „Radio Darmstadt“, so sie sich einer wie immer definierten Partykultur oder Partyfraktion zugehörig fühlen, waren nicht gemeint. Aber interessant ist schon, daß sie sich offenkundig angesprochen gefühlt haben, warum nur? Von illegalen Drogen ist jedenfalls nicht die Rede; ich finde schon den Umgang mit den legalen Drogen problematisch genug. Nichts­destotrotz trete ich für die Freigabe aller Drogen ein, weil Suchtprobleme in einer kapitalistischen Leistungs­gesellschaft nicht mit repressiven Maßnahmen zu lösen sind, sondern nur durch Abschaffung der Ursachen, die zur Sucht führen.

»» [8]   Eine polemisch überspitzte Charakterisierung mit mehr als einem Körnchen Wahrheit.

»» [9]   Damit ist nicht gesagt, daß ein anspruchsloses Programm auch wenig arbeitsintensiv sei. Das Anschleppen Hunderter Platten oder der eigenen Monitorboxen oder eine Außenüber­tragung aus einem „angesagten“ Club kann durchaus anstrengend sein. – Für den von mir gemeinten unterschwelligen Sexismus der Spaßfraktion auf „Radio Darmstadt“ mögen die beiden nachfolgenden Beispiele aus der Sendung „Wir üben Silvester“ der Unterhaltungs­redaktion stehen, gesendet in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember 2006:

Moderator 1: Ja ja, das ist Sinclair. John Sinclair, mit wem zusammen? Ist ja nicht alleine. – Moderator 2: […] anderem Sänger. – Moderator 1: Irgend so'ne Tussi ist dabei, auf jeden Fall. Hier ist RadaR, Wir üben Silvester.

Nils P.: Die DJ-Zone auf „Radio Darmstadt“. Im Hintergrund läuft schon mein absoluter Lieblingstrack. Das hat aber auch was mit meiner Vergangenheit zu tun, ich kannte auch mal 'ne Marie, die war sehr böse zu mir. Und das letzte, das ich mit ihr gesprochen oder Kontakt hatte, war, da hab ich ihr dieses Lied mit besten Wünschen per Email geschickt:

Ich gab ihr meine Liebe / ich gab dir mein Geld / und wo bist du jetzt, Marie?
Ich gab dir die Schlüssel zu meiner Riesenwelt / und wo bist du jetzt, Marie?
Doch ganz egal, wo du dich rumtreibst / ich hoffe, es geht dir schlecht / du Schlampe, du Drecksau.
Ich hoffe, es geht dir schlecht / du Schlampe, du Drecksau.

Und so weiter, es wird nicht besser, eher krasser. Da ist dem Umfeld des Sängers mit dem Künstlernamen Joachim Deutschland nur zu wünschen, daß er tatsächlich für immer allein bleiben möge. Beiden Maries geht es jetzt hoffentlich besser ohne ihre Macker.

»» [10]   Neben dem in der Einleitung erwähnten Hausverbot gegen Katharina Mann und Norbert Büchner war auch der „Radiowecker“, den beide erfolgreich mit weiteren Frühauf­steherinnen und Spätnacht­schwärmern aufgezogen hatten, das folgerichtige Ziel der nächsten Attacke aus dem Sendehaus.

»» [11]   Auch diese Passage erregte Anstoß, was beweist, daß der Programmrat nicht in der Lage ist, a )zuzuhören, und b) eine differenzierte Position zu verstehen.

»» [12]   Was dem Hessischen Rundfunk seit Jahren ein Dorn im Auge ist, weil er Offene Kanäle und vermutlich auch nicht­kommerzielle Lokalradios für überflüssig hält, so in letzter Zeit der Intendant Helmut Reitze in einer Stellungnahme für den Hauptausschuß des Hessischen Landtags am 21. Dezember 2011. Das Geld will er dann lieber selbst für die Übertragung überteuerter Sport­veranstaltungen oder ähnlich sinniger Events verprassen.

»» [13]   Horst-Eberhard Richter: Die Krise der Männlichkeit, Seite 9–10.

»» [14]   Richter Seite 11.

»» [15]   Richter Seite 168.

»» [16]   Richter Seite 169.

»» [17]   Richter Seite 21–22.

»» [18]   Richter Seite 82–83.

»» [19]   Richter Seite 86.

»» [20]   Richter Seite 86.

»» [21]   Richter Seite 54.

»» [22]   Antje Windgassen : Kasturbai Gandhi, Biographischer Roman [1997]. Siehe meine Kurzbesprechung in meiner Weihnachtssendung am 23. Dezember 1997.

»» [23]   Zhanao Yang : Konfuzianismus, Gastvortrag zur 90. Sitzung der Humboldt-Gesellschaft am 29. Juli 1999.

»» [24]   Gerhard Schönberger brachte statt dessen ein Telefoninterview mit Stella Deetjen zu Gehör.


Diese Seite wurde zuletzt am 2. März 2012 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2006, 2012. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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