BFR–Kongreß in Darmstadt

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Logo des Bundesverbandes Freier RadiosIn der Sendung vom 31. Oktober 2005 sprach ich über freie Radios und den im November in Darmstadt stattfindenden Kongreß ihres deutschen Verbandes.
 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
BFR–Kongreß in Darmstadt
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 31. Oktober 2005, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 1. November 2005, 00.00–01.00 Uhr
Dienstag, 1. November 2005, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 1. November 2005, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Mehr zum Jahreskongreß 2005 des Bundesverbandes Freier Radios findest du auf der Webseite von Radio Darmstadt.
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_bfrko.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Freie Radios
Kapitel 2 : Selbstverständnis freier Radios
Kapitel 3 : Kongreßvorbereitung
Kapitel 4 : Vernetzte Lokalitäten
Kapitel 5 : Klaus Hornung
Kapitel 6 : Ein repräsentatives Kuratorium
Kapitel 7 : Ausblick
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Freie Radios

Jingle Alltag und Geschichte

In der folgenden Sendung wird es um den Jahreskongreß des Bundesverbandes Freier Radios gehen, der am 12. und 13. November in Darmstadt stattfindet. Durch die Sendung führt Walter Kuhl.

»» Freie Radios Jingle

Freie Radios sind nichts Selbstverständliches in der deutschen Medienlandschaft. Die geistigen Ursprünge liegen in den 60er und 70er Jahren, als alternative Medien eher als Piratenfunk oder Untergrundzeitschriften bekannt wurden. In Westdeutschland war es die Bürgerinnen– und Bürgerinitiativbewegung gegen Kernkraftwerke, welche lokale Radios als Medium unzensierter Kommunikation entdeckte. Als Beispiel sei hier Radio Verte Fessenheim im Gebiet zwischen Basel, Strasbourg und Freiburg genannt, das Ende der 70er Jahre alternative Informationen nicht nur gegen den Atomstaat zu senden begann, oder ein kurzzeitiges Radioprojekt aus der Republik Freies Wendland rund um das Atommüll–Endlager Gorleben im Jahr 1980.

Nachdem in den 80er Jahren kommerzieller Hörfunk und kommerzielle Fernsehsender neben den öffentlich–rechtlichen Anstalten etabliert worden waren, wurden – wenn auch sehr zögerlich und von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich geregelt – in den 90er Jahren sogenannte nichtkommerzielle Lokalradios in den jeweiligen Landesmediengesetzen zugelassen. Aus Radio Verte Fessenheim wurde Radio Dreyeckland in Freiburg, das gegen den Willen der Landesregierung und der baden–württembergischen Landesmedienanstalt dann auch eine legale Sendelizenz erhielt.

In mehreren Städten quer durch die Republik bewarben sich freie Radioinitiativen um die ausgeschriebenen Frequenzen für nichtkommerzielles Radio, um über die gesetzlichen Vorgaben hinaus ausdrücklich alternative linke Gegenöffentlichkeit herzustellen. 1993 gründeten die schon lizenzierten Radios und die Radioinitiativen, die noch in den Startlöchern standen, den Bundesverband Freier Radios, um sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen. Der Trägerverein von Radio Darmstadt ist seit 1994 Mitglied des Verbandes.

Von den politischen und kulturellen Ambitionen der 90er Jahre ist nur wenig übrig geblieben, wobei dies von Radio zu Radio durchaus unterschiedlich sein mag. Steffen Käthner, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Freier Radios, der bei Radio Unerhört in Marburg sendet, schreibt hierzu für den bfr–rundbrief, der dieser Tage erscheinen wird:

Freie Radios sind Sammelbecken vieler unterschiedlicher Radiointeressierter, meist vertritt nur eine Minderheit offensiv die politisch–kulturellen Ansprüche. Durch starke Präsenz und hohes Engagement kann diese Minderheit aber oft die Außenwirkung und die Entwicklungsrichtung des Radios entscheidend mitbestimmen. Dennoch ist ein Trend zur Entpolitisierung innerhalb der freien Radios feststellbar.

Die Beteiligung an den Selbstverwaltungsstrukturen lässt oft zu wünschen übrig. Zum Teil werden Freie Radios zunehmend wie Offene Kanäle benutzt und auch von außen als solche wahrgenommen. [1]

Sven Thiermann von coloRadio aus Dresden vertieft diesen Gedanken in einem weiteren Beitrag des bfr–rundbriefs wie folgt:

Darstellungsmodi und Sendungsstrukturen orientieren sich verstärkt an den medialen Vorbildern und die Programmgestaltung wird als Entgegenkommen an die bereits durch Privatradio Degenerierten konzipiert. Bestes Beispiel: Auf dem Radiocamp am Bodensee [im Mai diesen Jahres] halten Sendungsmachende von Radio3fach in Luzern einen Workshop darüber ab, wie die Hörerschaft am besten durch eine Sendestunde zu führen sei. Derartige Überlegungen würden vielen Sendungen fraglos gut tun, nur wurde hier weit über das Ziel hinausgeschossen: Das Konzept der beiden Referenten sah im Wesentlichen so aus, die Sendestunde als reines Hörerbindungsinstrument zu verstehen, die Hörerschaft mittels Ankündigung des nach der übernächsten Musik folgenden Beitrages am Apparat zu halten. […]

Selbst ein freies Radio mit stark hierarchischer innerer Struktur bietet nach wie vor die Chance, es programmlich anders zu machen und die bekannten Radioformate (verstanden als Institutionen des Mediensystems) zu unterlaufen. Ohne die gedankliche Grundhaltung, dass man im Freien Radio an einem Experiment teilnimmt, werden die Radios eine der zentralen Aufgaben einbüßen, die man auch offensiv politisch vertreten kann: Nämlich als mediales Labor zu fungieren, welches in der Lage ist, die Grenzen des Mediums zu erweitern. [2]

Es ist, wenn ich Sven Thiermann richtig verstehe, weniger eine Frage der Zeit, die man und frau für eine Sendung aufbringen kann, ob eine Sendung sich im traditionellen Rahmen bewegt oder ob sie zu neuen Ufern aufbricht. Es ist eine Frage der persönlichen, sicher auch der politischen Einstellung, ob und wie man und frau das Radio als ein Medium begreift, die Welt zu verändern. Denn nur mit dem Anspruch, die Welt zu verändern, will man und frau auch sich selbst und das eigene Handeln verändern. Freie Radios sind angetreten, diesbezügliche emanzipatorische Inhalte auf emanzipatorische Art und Weise zu transportieren.

Hierzu gehört sicher auch eine andere Form der Einbindung der Hörerinnen und Hörer, als dies in traditionellen Radiostationen, also bei den öffentlich–rechtlichen und den privat–kommerziellen Hörfunkanbietern, geschieht. Eine Anbindung über den Aufruf "Ruf Mich An!" oder über Gewinnspiele ist sicherlich ein Versuch, den normalen Einbahnstraßenfluß der Kommunikation aufzubrechen. Doch oftmals frage ich mich bei dem vielen Herumgejingel auf diesem Sender, warum denn angerufen werden soll. Nur Sendungen, in denen die Hörerinnen und Hörer sich aktiv am Geschehen beteiligen können, würden hier dem Anspruch gerecht, traditionelle Einweg–Kommunikations–Strukturen aufzubrechen.

Was bei einem Sender wie Radio Darmstadt geschieht, ist aber eher eine ganz eigentümliche Form der Einbindung. Aus so mancher Hörerin und so manchem Hörer werden mit der Zeit selbst Sendende. Das mag dem durch die Sendelizenz vorgesehenen Charakter nichtkommerzieller Lokalradios entsprechen, wenn das lokale Geschehen durch neue Akteurinnen und Akteure akustisch erfahrbar gemacht wird. Was jedoch auch passiert, ist, daß aus denen, die zuvor berieselt wurden, selbst welche werden, die berieseln. An der Grundform der Kommunikation in einer Richtung ändert sich hierdurch jedoch nichts.

Das damit verbundene Problem muß kein Selbstgemachtes sein. Ein Freies Radio lebt davon, daß es eine gesellschaftliche Bewegung gibt, die ihre Inhalte ins Radio hineinträgt und über das Radio in die Welt trägt. Wir haben vielleicht die paradoxe Situation, daß es in den 80er Jahren starke gesellschaftliche Basisbewegungen ohne Radio gab, während es jetzt eher Radios ohne Bewegung gibt. Vielleicht erklärt dies ein Stück weit das Desinteresse an Selbstverwaltungsstrukturen und der von Steffen Käthner festgestellten Tendenz zur Entpolitisierung. Sind Freie Radios dann eine Art Überwinterungskünstler, die darauf hoffen, daß die gesellschaftlichen Verhältnisse einmal wieder so zum Tanzen gebracht werden, daß selbstbestimmte Radios hierbei eine wichtige Rolle als alternative Medien spielen können?

 

Selbstverständnis freier Radios

1994 verabschiedeten die Mitgliedsradios des Bundesverbandes Freier Radios eine Charta, in der die folgenden Grundsätze festgeschrieben wurden:

Offenheit – Die Freien Radios geben allen Personen und Gruppen die Möglichkeit zur unzensierten Meinungsäußerung und Informationsvermittlung. Vorrang haben dabei solche Personen und Gruppen, die wegen ihrer gesellschaftlichen Marginalisierung oder sexistischen und rassistischen Diskriminierung in den Medien kaum oder nicht zu Wort kommen.

Gemeinnützigkeit – Freie Radios sind kein Privateigentum, sondern unterliegen der Verfügung aller aktiven Hörerinnen und Hörer. Freie Radios sind kollektiv verwaltet. Das Prinzip der Gemeinnützigkeit muß gewährleistet sein. Parteien können daher kein freies Radio betreiben.

Transparenz – In Freien Radios sind die interne Organisation und die Auswahlkriterien für Sendeinhalte durchschaubar und nachprüfbar. Durch ihre Programme zeigen Freie Radios gesellschaftliche Zusammenhänge auf, die in herkömmlichen Medien nicht aufgedeckt werden.

Nichtkommerzialität – Freie Radios sind nicht gewinnorientiert. Sie lehnen kommerzielle Werbung ab. Die redaktionelle Arbeit ist ehrenamtlich. Damit ist die programmliche Unabhängigkeit und der freie Zugang zum Radio gewährleistet.

Lokalbezug – Die Freien Radios verstehen sich als Kommunikationsmittel im lokalen und regionalen Raum. Dies schließt die Auseinandersetzung mit überregionalen Themen mit ein. Freie Radios arbeiten aktiv zusammen, z.B. durch Programmaustausch.

Wirkung – Freie Radios fördern eine selbstbestimmte solidarische Gesellschaft. Sie treten für Gleichberechtigung, Menschenwürde und Demokratie ein.

 

Kongreßvorbereitung

Um was geht es beim diesjährigen Kongreß des Bundesverbandes Freier Radios? Normalerweise ist es ja so, daß wir hier bei Radio Darmstadt bei Interviews die Fragenden sind. Im folgenden Beitrag wird dieses Verhälrnis einmal umgedreht. Unser Vorstandsmitglied Niko Martin wird von einem Aktiven eines befreundeten Lokalradios befragt, nämlich von Stefan Tenner von Radio Corax aus Halle.

»» BFR–Kongress am 12. / 13. November in Darmstadt

Stefan Tenner von Radio Corax aus Halle im Gespräch mit Niko Martin von Radio Darmstadt über das Programm des diesjährigen Jahreskongresses des Bundesverbandes Freier Radios [3].

Der von uns ausgerichtete BFR–Kongreß ist nicht zuletzt eine logistische Herausforderung. Für rund 30 bis 50 Personen müssen möglichst kostengünstig Unterbringung für zwei Nächte und Verpflegung für zweieinhalb Tage organisiert werden. Gerade bei der Frage der Übernachtungsmöglichkeiten sind wir auf die Unterstützung der sendenden Vereinsmitglieder, aber auch von Außenstehenden angewiesen. Wir suchen dabei nicht gerade die Luxusunterkunft, fast schon eher das Gegenteil. Gewiß wird keine unserer Gäste ein weiches Federbett verschmähen, aber die Aktiven der freien Radioszene sind es gewohnt, auch mal mit Isomatte und Schlafsack auf dem harten Boden zu nächtigen.

Wenn also unsere Hörerinnen und Hörer eine Übernachtungsmöglichkeit für die Nächte von Freitag, dem 11. November, auf Samstag, den 12. November, sowie von Samstag, den 12. November, auf Sonntag, den 13. November, anbieten können und möchten – wie können wir dann in Kontakt treten?

Nun, eine Möglichkeit besteht, auf unserer Homepage das entsprechende Kontaktformular auszufüllen. Dieses Formular ist zu finden unter http://kongress.radiodarmstadt.de. Die andere Möglichkeit ist, eine kurze Mitteilung mit Rückrufnummer auf unserer Büro–Voicebox zu hinterlassen; die Telefonnummer lautet Darmstadt 87 00–114. Ich werde beides zum Schluß dieser Sendung noch einmal wiederholen.

Wie nun sieht es mit der Teilnahme am Kongreß aus? Da es sich um einen Kongreß der Aktiven aus den Mitgliedsradios handelt, die der freien Radioszene verbunden sind, ist klar, daß es sich um eine Art halbgeschlossener Veranstaltung handelt. Wer daran teilnehmen möchte, um sich inhaltlich in die von Niko Martin im Interview angesprochenen Arbeitsgruppen einzubringen, sollte sich ebenfalls über das hierfür vorgesehene Kontaktformular auf unserer Kongreßseite anmelden. Wir erheben hierbei einen Unkostenbeitrag von 20 Euro pro Person.

 

Vernetzte Lokalitäten

Freie Radios senden nicht einfach nur in ihrem lokalen Umfeld. Zwar bieten einige dieser Radios inzwischen ihr Programm auch im Internet per Livestream an, so auch Radio Darmstadt für diejenigen, die entweder außerhalb des Sendegebietes wohnen oder die sich gleich aus der multimedialen digitalen Welt berieseln lassen wollen. Doch einer der Vorteile eines Verbandes freier Radios ist der der Vernetzung. Seit einigen Jahren gibt es im Internet ein Audioportal, auf das einzelne Sendungen oder Beiträge zunächst für die anderen Radios, inzwischen aber auch für die Allgemeinheit hochgeladen werden.

Die Redaktion Alltag und Geschichte nutzt dieses Audioportal des öfteren, um interessante Beiträge auch in Darmstadt zu Gehör zu bringen. Es müssen ja nicht mehrere Radios nebeneinander dasselbe Thema bearbeiten, auch wenn dann die inhaltliche Bandbreite sicher größer wäre. Da wir jedoch nicht die Allrounder sein können, die sich intensiv mit allen Dingen dieser Welt befassen, greifen wir gerne auf diesen Service zurück. Im Gegenzug laden wir dann auch den einen oder anderen Beitrag für die anderen Radios hoch.

Das vorhin gehörte Interview von Stefan Tenner von Radio Corax aus Halle mit unserem Vorstandsmitglied Niko Martin ist ein Beispiel für diese Kooperation. Ich werde jetzt gleich ein anderes Beispiel senden, weil dies ein Beitrag ist, der nicht von einem anderen Radio parallel hätte recherchiert werden können. Es handelt sich um einen Beitrag mit Lokalbezug aus Tübingen. Er ist insofern auch in Darmstadt interessant, weil er in eine radiointerne Diskussion hineinwirkt, nämlich um die Frage, welche Organisationen wir auf diesem Sender hören wollen – und welche nicht.

Am 11. August strahlte die Redaktion treffpunkt eine welt eine Sendung über Menschenrechte in China aus, gestaltet von Aktiven der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte – IGfM. Als Sendeverantwortlicher hatte ich die Ausstrahlung beanstandet und dies auch ausführlich in einer zweistündigen Sendung im August begründet. Der Techniker dieser Sendung wollte dies jedoch nicht auf sich beruhen lassen. Er fragte auf der Mitgliederversammlung des Trägervereins von Radio Darmstadt am 21. Oktober, gegen welche Anforderungen von Satzung und Redaktionsstatut von Radio Darmstadt die IGfM konkret verstoße, wenn möglich mit Fundstelle.

Eine mögliche Antwort findet sich im folgenden Beitrag von Andreas Linder vom freien Radio Wüste Welle aus Tübingen. Der Beitrag handelt vom Auftritt eines gewissen Klaus Hornung beim Tübinger CDU–Arbeitskreis Christ und Politik. Klaus Hornung ist Kuratoriumsmitglied der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte.

Wüste Welle Jingle (wirkt wie wahnsinnig)

 

Klaus Hornung

»» Schlagseite am rechten Rand der CDU

Christ und Politik nennt sich ein Arbeitskreis der Tübinger CDU. Das klingt zunächst völlig unverdächtig. Unter diesem unscheinbaren Mäntelchen verbirgt sich allerdings ein Kreis von religiös angehauchten Nationalkonservativen. Die CDU hat eine Schlagseite an ihrem rechten Rand, der Übergang zum rechtsextremen Lager ist fließend. In Tübingen sammelt sich dieses rechtslastige Spektrum im Arbeitskreis Christ und Politik, unter dem großen Dach der CDU. Zwei oder drei mal im Jahr tritt dieser Arbeitskreis in Tübingen auch an die Öffentlichkeit, meist durch politische Vortragsveranstaltungen. Neulich, am 19. Oktober, war der Politologe Professor Dr. Klaus Hornung eingeladen. Das klingt erst mal ebenso unverdächtig. Ein Professor, ein Politologe, na und? Doch dieser Herr Hornung ist nicht irgendwer. Der 78–jährige Professor Hornung gehört zu den auffälligsten rechtsextremen Intellektuellen in Deutschland. Seit vielen Jahren ist er ein Hans Dampf in allen Gassen der rechtskonservativen bis rechtsextremen Ideologiebildung. Im rechtsextremen Tübinger Grabert–Verlag hat er diverse Bücher veröffentlicht, er schreibt für die einschlägig bekannten rechtsextremen Zeitschriften Junge Freiheit, Criticon und Nation für Europa und er ist seit vielen Jahren Vorstandsmitglied des Studienzentrums Weikersheim. Diese rechtskonservative Ideologieschmiede wurde einst von Ex–Ministerpräsident Hans Karl Filbinger nach dessen unfreiwilligen politischen Karriereende gegründet. In Weikersheim in der Hohenlohe geben sich Geschichtsrevisionisten, Nationalkonservative und honorige Rechtsausleger die Hand – und viele davon sind prominente Mitglieder der CDU – wie zum Beispiel Heinrich Lummer und Jörg Schönbohm. Und auch Professor Hornung ist seit vielen Jahren Mitglied der CDU.

Kommen wir zurück zu der Veranstaltung am 19. Oktober in Tübingen. Vor dem Verbindungshaus der Germania Strassburg in der Neckarhalde 47 versammeln sich Burschafter in Frack und Lametta. Die Germania Strassburg gilt als die reaktionärste Studentenverbindung in Tübingen. Offenbar fühlt sich der CDU–Arbeitskreis "Christ und Politik" im Klima eines solchen Verbindungshauses wohl. Auch der Referent Prof. Hornung dürfte im Verbindungshaus kaum gefremdelt haben, ist er doch auch häufiger Vortragsgast beispielsweise bei der neofaschistischen Münchner Verbindung Danubia. Nun ist es gerade in Tübingen nichts Besonderes, wenn ein greiser Emeritus einen Vortrag hält. Bei dieser Konglomeration aus schlagender Verbindung, rechtslastiger Orts–CDU und dem Weikersheim–Professor wäre allerdings Empörung und Protest zu erwarten gewesen. Immerhin wurde die Veranstaltung von der Lokalzeitung schon eine Woche zuvor in einem großzügigen Zweispalter angekündigt. Titel: Patriotismus und multikulturelle Gesellschaft. Aber: Das weltoffene und liberale Tübingen ignoriert solche rechten Umtriebe. Wie der Grabert–Verlag wird auch die rechtslastige Szene geflissentlich übersehen. Vielleicht hätten auch die fünfzehn Antifas mit ihrem kaputten Megaphon lieber zuhause bleiben sollen. Das einzige, das sie bewirkt haben, ist, dass sie vom Referenten und den Veranstaltern zur einfachen Feinbildkonstruktion missbraucht und wegen ihrer organisatorischen Schwäche hämisch verlacht wurden.

Zum Inhalt des Vortrags von Prof. Hornung. Thema wie gesagt der deutsche Patriotismus und das Elend der multikulturellen Gesellschaft, ein Lieblingsthema rechter Intellektueller. Wer nun wie ich einen engagierten Vortrag mit scharfen Thesen erwartet hatte, ist enttäuscht worden. Statt einer flammenden Rede kam nur ein jämmerliches und wehleidiges Blabla, die gebetsmühlenhafte Beschwörung rechtskonservativer Wunschbilder, die von der Realität längst überholt sind. Und ein intellektuelles und wissenschaftliches Niveau ließ der Herr Professor auch vermissen. Schauen wir uns dazu mal die aus Sicht des Professors zentralen gesellschaftlichen Probleme an.

Da ist erstens die Bevölkerungs–Entwicklung. Zitat Hornung: "Die demographische Katastrophe in Deutschland und Europa wird unterschätzt." Zitat Ende. In hundert Jahren würde es nur noch 32 Millionen Deutsche geben, das Ende naht also. Nun weiß jedes Kind, was von Zukunftsprognosen dieser Art zu halten ist. Doch warum ist es eigentlich so wichtig, wie viele Deutsche es gibt? Und vor allem: Was sind eigentlich richtige Deutsche? Etwa Kreuzungen aus Blutsdeutschen mit Blutsdeutschen? Nun denn, wenn der Professor das gemeint hat, könnte er sogar recht haben mit seiner Prognose, nur ist das letzten Endes völlig unerheblich. Denn mittlerweile leben wir in einer Gesellschaft, in der auch Deutscher werden kann, wer nicht in diesem Land geboren ist, und das kann nur gut sein.

Zweites Problem des Herrn Hornung: Der deutsche Staat befindet sich in einer Schuldenfalle. Das muss aufhören, meint der Professor, aber wie das gehen soll, war nicht zu erfahren. Darüber redet man vielleicht auch nicht gerne. Es ist bekannt, wie sich manche Großmächte in bestimmten historischen Situationen aus Schuldenfallen befreit haben. Sie haben Kriege angefangen.

Drittes Problem: Der deutsche Schuldkomplex. Zitat: "Adolf Hitler bestimmt immer noch die Richtlinien unserer Politik." Zitat Ende. So was aber auch: Nach all den Schlussstrichreden und nach den rotgrünen Kriegen der letzten Jahre steht uns die geschichtliche Bürde des Faschismus immer noch im Weg. Oder umgekehrt gedacht, und das hat der Professor wiederum nicht ausgesprochen: Wenn wir die geschichtliche Verantwortung für die Verbrechen des Faschismus nicht mehr auf uns nehmen würden, dann würde was aus Deutschland werden. Wie die Arbeitslosen an der Arbeitslosigkeit Schuld sind, ist bei Hornung der Schuldkomplex an allem schuld. Noch ein Zitat: "Der Schuldkomplex ist die Ursache unserer Blockade und Lähmung – auch ökonomisch." Zitat Ende. Selbstverständlich steht für Prof. Hornung fest, dass ein solcher Schuldkomplex auch wirklich existiert und als Wissenschaftler muss er das natürlich nicht begründen. Schuld am Schuldkomplex ist natürlich nicht der Faschismus, sondern es sind die deutschen Lehrer, Zitat: "Man hat aus der deutschen Geschichte ein einziges Verbrecheralbum gemacht. … Nationaler Selbsthass kommt dabei heraus." Zitat Ende. Und schuld sind natürlich die 68er. Zitat: "Selbstverwirklichung – eines der fürchterlichsten Worte der 68er. Wir sind ein Volk von materialistischen Egoisten geworden." Zitat Ende.

Schließlich darf auch das Lamento über die Globalisierung, wie sie die Rechten verstehen und fürchten, nicht fehlen. Die deutschen Interessen seien bedroht, aber zur selbst gestellten Frage, was denn die deutschen Interessen seien, fällt ihm nur ein, dass deutsche Unternehmen nicht in Billiglohnländer abwandern sollen. Und natürlich gehören die Deutschen nicht zu den Profiteuren des globalisierten Kapitalismus, sondern sie werden davon überrollt. Zitat: "Der Islam wehrt sich gegen die Globalisierung. Alle wehren sich: Polen, die Spanier, Franzosen, aber die Deutschen sagen nicht, was sie wollen und wo das Ende der Fahnenstange ist." Zitat Ende.

Nach so viel Gejammer wollte der Professor am Schluß auch noch etwas Positives sagen. Dabei kam er zum ersten mal auf das eigentliche Thema des Vortrags zu sprechen und zwar auf die von den Rechten heißgeliebte multikulturelle Gesellschaft. Und das sagte der Professor: Zitat: "Wir haben jahrzehntelang vom Umweltschutz gesprochen – wir müssen auch unsere Identität schützen wie unsere Gewässer." Zitat Ende. Und voller Stolz verkündete er einen wichtigen Leitsatz des Studienzentrums Weikersheim. Der heißt: "Zukunft kommt nur aus Herkunft". Zitat Ende. Will sagen, wir müssen die Reinheit des deutschen Blutes erhalten, Zitat: "oder wir nehmen hin, dass diese Nation untergeht." Zitat Ende. Damit hat Prof. Dr. Hornung auch noch brav sein rassistisches Sprüchlein aufgesagt und seine Anhänger waren nun zufrieden. Zum Beispiel auch ein Pfarrer Digel vom CDU–Arbeitskreis Christ und Politik, dem es wichtig war, zu betonen, dass man Moslems nun mal nicht in Deutschland integrieren könne.

Auch nach dieser Veranstaltung drängt sich erneut die Frage auf, wie lange sich die Christlich Demokratische Union eigentlich noch mit ihrem reaktionären Flügel schmücken möchte. Ihr Mitglied Prof. Hornung ist sicher kein Holocaust–Leugner und auch kein Neonazi, aber seine geschichtsrevisionistischen und rassistischen Positionen bewegen sich außerhalb des demokratischen Meinungsspektrums. Unglaublich jedenfalls, dass eine Person mit einer solchen Vita und solchen Auffassungen viele Jahre lang Schüler und Studierende unterrichten durfte und immer noch unter dem Dach der CDU Politik macht.

Andreas Linder vom Freien Radio Wüste Welle aus Tübingen über eine Veranstaltung des dortigen Arbeitskreises Christ und Politik mit dem als rechtsradikal bekannten emeritierten Politik–Professor Klaus Hornung. [4]

 

Ein repräsentatives Kuratorium

Klaus Hornung ist Kuratoriumsmitglied einer Organisation, die sich Internationale Gesellschaft für Menschenrechte nennt. Diese 1972 gegündete Gesellschaft geht auf eine streng antikommunistische exilrussische Organisation namens NTS zurück, der Kollaboration mit den Nazis während des Vernichtungsfeldzugs ab 1941 in der Ukraine vorgeworfen wird. Das Kuratorium dieser Gesellschaft ist mit ähnlich einschlägigen Personen bestückt, die beispielsweise mit antisemitischen Ausfällen glänzten, mit dem Franco–Regime zusammengearbeitet haben, in Litauen für die Judenverfolgung einen Nationalfeiertag einrichten wollten, und so weiter.

Jürgen Wüst, dessen Buch über die IGfM 1999 mit dem Titel Menschenrechtsarbeit im Zwielicht erschienen ist, schreibt hierin über die Funktion des Kuratoriums dieser Organisation. Wüst kann als mit der IGfM sympathisierend angesehen werden; der Titel seines Buches bezieht sich auf die Verfolgung der Organisation durch das Ministerium der Staatssicherheit der ehemaligen DDR. Die IGfM führt derzeit [5] achtzehn Kuratoriumsmitglieder in ihrem Briefkopf auf, von denen drei, zum Teil schon seit längerem, verstorben sind. Jürgen Wüst schreibt:

Die heute auf dem Briefbogen der IGFM aufgeführten Kuratoriumsmitglieder stellen nur einen Teil der tatsächlichen Mitglieder dar, was durch den Hinweis "u.a." kenntlich gemacht ist. Durch repräsentative Befragungen werden aus dem Kreis der Gewählten jene ermittelt, die weiterhin öffentlich für die Gesellschaft in Erscheinung treten wollen. Daher gibt es Personen im Kuratorium, zu denen seit Jahren kaum noch Kontakt besteht, die jedoch nie ihren Rücktritt erklärt haben. Sie gehören zwar offiziell weiterhin dem Kuratorium an, ihre Namen werden jedoch von Seiten der IGFM nicht mehr verwendet. [6]

Lassen wir die damit verbundene Problematik einmal beiseite, daß sich Tote nicht mehr gegen ihre Instrumentalisierung wehren können. Jürgen Wüst fährt dann fort:

Aufgrund seiner primär repräsentativen Funktion kann das Kuratorium als Spiegel des politischen Standorts der Menschenrechtsgesellschaft angesehen werden. […] Um eine ausgewogene Besetzung unter Einbeziehung von Persönlichkeiten aus dem eher links–liberalen Lager war die Menschenrechtsgesellschaft mangels potentieller Ansprechpartner nicht bemüht. So wirkte das Kuratorium in seiner Besetzung nahezu ausschließlich in das bürgerlich–konservative Lager hinein. [7]

So gesehen müssen wir die Fragestellung des Technikers der IGfM–Sendung umdrehen. Wo, bitte sehr, ist in unseren Statuten festgeschrieben, daß wir einer Organisation Sendezeit überlassen sollen, bei denen Repräsentanten, die zuweilen eindeutig jenseits des rechten Randes unserer Gesellschaft zu verorten sind, den politischen Standort der IGfM mit widerspiegeln? Dazu müßte der Techniker der Sendung einen Antrag auf Satzungsänderung stellen, um die emanzipatorischen Ziele des Trägervereins und unseres Radios zu beseitigen. Und das, da bin ich mir sicher, will weder er noch der Weltladen, für den er bei uns die Sendungen gestaltet.

 

Ausblick

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit einer Sendung zum bevorstehenden Kongreß des Bundesverbandes Freier Radios am Samstag, den 12., und Sonntag, den 13. November, in Darmstadt. Wie ich im Verlauf der Sendung schon erwähnt habe, benötigen wir für unsere etwa 30 bis 50 zu erwartenden Gäste Übernachtungsmöglichkeiten für die beiden Nächte von Freitag auf Samstag und Samstag auf Sonntag. Unsere Gäste sind relativ anspruchslos, den meisten von ihnen reicht auch ein warmer Platz auf dem Boden. Wer uns einen Übernachtungsplatz zur Verfügung stellen kann, kann

Wer sich zum Kongreß anmelden möchte, kann dies nur auf dem Weg des Kontaktformulars im Internet tun. Es wird hierbei ein Unkostenbeitrag von 20 Euro erhoben.

Und wer mehr über die Arbeit des Bundesverbandes Freier Radios erfahren möchte, findet Informationen hierzu auf der Webseite www.freie–radios.de.

Diese Sendung wird um Mitternacht in der Nacht zum Dienstag, am Dienstagmorgen nach dem Radiowecker um 8 Uhr und noch einmal am Dienstagnachmittag ab 14 Uhr wiederholt. Nächste Woche hört ihr auf diesem Sendeplatz die Sendung Gegen das Vergessen der gleichnamigen Redaktion. Es folgt nun Augenweide, eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt mit Margret Modrow–Weimann und Klaus Weimann. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Steffen Käthner : Die freie Radioszene in Deutschland, in: bfr–rundbrief, 4. Quartal 2005, Seite 4–5, Zitat auf Seite 5
[2]   Sven Thiermann : Keine geschlossene Gesellschaft, in: bfr–rundbrief, 4. Quartal 2005, Seite 5–6
[3]   Das Interview liegt in einer verschriftlichten Fassung nicht vor.
[4]   Gesendet am 28. Oktober 2005 in der Sendereihe TÜFUNK; mehr im Skript zur Sendung.
[5]   Stand Juli 2005
[6]   Jürgen Wüst : Menschenrechtsarbeit im Zwielicht, Seite 115
[7]   Wüst Seite 117

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 22. Dezember 2005 aktualisiert.
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©  Andreas Linder 2005 [für den Beitrag über Klaus Hornung in Tübingen]
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