Wachtposten
Am nördlichen Tor zur Cambrai Fritsch Kaserne.

Kapital – Verbrechen

Black Power in Darmstadt, 1971

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 11. Juli 2011, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 12. Juli 2011, 00.00 bis 01.00 Uhr
Dienstag, 12. Juli 2011, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 12. Juli 2011, 14.00 bis 15.00 Uhr
Montag, 18. Juli 2011, 17.00 bis 18.00 Uhr
Dienstag, 19. Juli 2011, 00.00 bis 01.00 Uhr
Dienstag, 19. Juli 2011, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 19. Juli 2011, 14.00 bis 15.00 Uhr

Diese Sendung wurde von Radio F.R.E.I. in Erfurt am 14. Juli 2011, von Radio Helsinki in Graz am 18. Juli 2011, sowie von der Wüsten Welle in Tübingen am 23. Juli 2011 über den Programmaus­tausch freier Radios übernommen.

Zusammenfassung:

Im Juli 1971 gerieten schwarze und weiße GIs in einer Darmstädter Kaserne aneinander. Hieraus entwickelte sich eine politische (auch juristische) Auseinandersetzung, bei der das US-Hauptquartier in Heidelberg mäßigend eingreifen mußte. Eine Reminiszenz, 40 Jahre später, zur Politisierung und zum Widerstand afroamerikanischer GIs in Darmstadt und andernorts. Gespräch mit Louis Natali, einem der damaligen Rechtsanwälte dieser schwarzen GIs, der sich noch gut an die damaligen Ereignisse erinnern kann. Das Gespräch wurde auf Englisch geführt, der restliche Beitrag mitsamt einer historischen Einordnung ist auf Deutsch. Ein Dank geht an Fred Kautz für die Idee zur Sendung und die nachfolgende Unterstützung.

Summary:

In July 1971 Afro-American and white G.I.s got into a brawl in the E.M. Club [Enlisted Men's Club] in Cambrai-Fritsch Kaserne in Darmstadt. It started when the white G.I.s blasted Country & Western music, in order to drown out the soul music, to which the black soldiers were listening. The next morning the C.O. of the 93rd Signal Battalion. put one oft the black soldiers, whom suspected to have been the ring leader, under arrest. In solidarity with him the other blacks demanded to be arrested too. Given the alternative of an Article 15 or a court martial, most opted for the later. This brought with it the risk of higher punishment, but it gave the accused soldiers the right to be represented by legal council of their choice. That's how the American Civil Liberties Union and the National Association for the Advancement of the Colored People (NAACP) got involved. When a team of lawyers, commissioned by them, held a press conference in Frankfurt, USAREUR Headquarters in Heidelberg pulled in its tail and dropped all charges. As a footnote to the incident: The black soldiers were politicized by the racial harassment to which they had been subjected. If they hadn't been against the Vietnam War before, the certainly were now. They sent a delegation to the peace negotiations in Paris, in order to let the Viet Cong delegates know that they were not in agreement with US policy in Southeast Asia. (by Fred Kautz) – You may listen to the podcast with my German text and the English interview here.

Playlist:

Gil Scott-Heron : B Movie

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation. Diese Neoliberalisierung hatte und hat neben einigen unerfreulichen persönlichen Auswirkungen auch Folgen für die technische Qualität der vom Sender ausgetrahlten Sendungen. Aus schlicht unerfindlichen Gründen, die gewisse technik­begeisterte Spielkinder im Sendehaus „innovativ“ herbeigeführt haben und daher auch kennen, werden insbesondere meine auf CD eingereichten Podcasts übersteuert und verzerrt gesendet; zuweilen fallen sie auch dem Minute 34-Syndrom zum Opfer. Verantwortlich hierfür sind die laut sender­eigenen Webseite für die Technik zuständigen Vorstände Benjamin Gürkan, Marco Schleicher und Aurel Jahn. Da die Erstaus­strahlung am 11. Juli 2011 einer derartigen Verzerrung unterlag, durfte der Sender den Podcast eine Woche später erneut ausstrahlen. Wie nicht anders zu erwarten, änderte sich an der verzerrten Wiedergabe eines sauber gepegelten und technisch einwandfreien Podcasts nichts. Entweder ist das Absicht oder Unfähigkeit, vermutlich beides. Ich werde diesen Podcast natürlich auch weiterhin zur Sendung einreichen, und zwar so lange, bis die Verantwortlichen des Senders es gelernt haben, wie man einen Podcast ohne Interferenzen zu Gehör bringt.

Die technisch unverzerrte Originalfassung ist auf dem Audioportal des Bundes­verbandes Freier Radios zu finden und kann dort angehört und/oder heruntergeladen werden. Die den Podcast beendende Einspielung von Gil Scott-Herons „B Movie“ wurde aus urheber­rechtlichen Gründen (sprich: GEMA) herausgeschnitten.


Inhaltsverzeichnis


Einleitung / Introduction 

Jingle Alltag und Geschichte

Im August 2008 verließ die US Army ihren Standort in Darmstadt. Im März 1945 war sie als Besatzungsmacht gekommen und sie blieb auch in den Zeiten des Kalten Krieges, ja selbst nach dem Zusammenbruch des Realen Sozialismus, in den vom deutschen Militär übernommenen Kasernen. Drei Jahre sind vergangen, die Kasernen stehen leer, obwohl oder vielleicht auch gerade weil günstiger Wohnraum in Darmstadt knapp ist. Die Konversion des Kasernengeländes in profitable Wohngebiete wird mit dem Segen einer Bürgerinnen- und Bürger­beteiligung vollzogen; die Schnäppchen werden gewiß sorgfältig filetiert werden. Doch was verbarg sich hinter den Kasernen?

Hinter den Kulissen deutsch-amerikanischer Freundschaft verbarg sich eine weitgehende Trennung zwischen deutscher und US-amerikanischer Lebensrealität. Die US-amerikanischen Soldaten waren nicht gekommen, um mit der deutschen Bevölkerung zu fraternisieren [1]. Zu Beginn mögen sie die ehrenvolle Aufgabe besessen haben, die Reeducation Nazi­deutschlands zu beobachten, zu überwachen und zu begleiten. Als die Weichen Richtung Westintegration gestellt waren, wurden aus Nazis Verbündete im antikommunistischen Kampf. Die Remilitarisierung des besiegten Feindes kam schneller als gedacht, und heute ist die Bundeswehr überall auf der Welt gerne gesehen, wenn es um imperialistische Machtpolitik geht. Da ist es durchaus folgerichtig, wenn die Bundesregierung der Lieferung deutscher Panzer nach Saudi-Arabien zustimmt, denn die Macht kommt bekanntlich nicht nur aus Gewehrläufen, sondern auch aus den Kanonen eines profitablen Exportartikels.

Doch nicht der neueste deutsche Rüstungsdeal ist mein heutiges Thema. Vor ziemlich genau 40 Jahren ereignete sich in der Cambrai-Fritsch-Kaserne eine Auseinandersetzung zwischen weißen und schwarzen Soldaten. Von diesen rassistisch motivierten Prügeleien gab es viele, doch es war diese Prügelei am 18. Juli 1971, die Aufmerksamkeit auch über das mit Mauern und Stacheldraht abgeriegelte Kasernen­gelände erlangte. Vierzig Jahre später war es nicht einfach, diese Episode schwarzen Widerstandes in der US-Armee zu rekonstruieren. Geholfen haben mir hierbei der deutsch-kanadische Historiker Fred Kautz und der US-amerikanische Rechtsanwalt Louis Natali.

 

Eine Schlägerei mit politischer Ansage / A brawl with a political context

Was sich damals auf der Ludwigshöhe ereignete, stand in Zusammenhang mit dem Vietnam-Krieg und der Entwicklung afroamerikanischen Selbst­bewußtseins. Deshalb gibt es heute kein Kalenderblatt nach dem Muster von Gedenktagen und Jubiläen. Vielmehr werde ich versuchen, die Prügelei in der Cambrai-Fritsch-Kaserne in den globalen Zusammenhang zu stellen, in die sie gehört. Zudem werde ich nach vielen Monaten wieder einmal ein wenig Musik einspielen. Vor anderthalb Monaten, am 27. Mai 2011, starb in New York der afroamerikanische Musiker und Dichter Gil Scott-Heron. Er verband politische und soziale Texte mit einem unver­wechselbaren Sprechgesang, aufgrund dessen er als Wegbereiter von HipHop und Rap-Musik gilt. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Buchcover Widerstand in der US ArmeeWas am 18. Juli 1971 geschah, ist schnell erzählt. Es war Sonntag, und einige schwarze Soldaten tranken im Klubraum der Kaserne Bier oder Whisky und hörten der im Hintergrund gespielten Soul Music zu. Einige weiße Soldaten wollten provozieren und spielten mit ihrem Cassetten­recorder Country and Western Songs. Hierbei stand nicht nur die Musik der Unterdrückten gegen die der Unterdrücker, sondern in der jeweiligen Musik drückte sich auch der Rassismus einer Gesellschaft aus, die gerade eben dabei war, die US-amerikanische Form der Apartheid, die Segregation, abzulegen.

„Diese Musik“, so schrieb das Darmstädter Echo damals, „wirkt auf Schwarze wie das rote Tuch auf den Kampfstier: amerikanische Neger wollen nichts von cotton fields hören, auf denen ihre Vorfahren Sklavenarbeit leisten mußten.“ Selbst der deutsche Journalist, der den Artikel zu dem sich nun entwickelnden Zwischenfall schrieb, war keineswegs frei von der Attitüde eines weißen Massah. Wo die Schwarzen von „Black Power“ sprachen und begannen, schwarz „beautiful“ zu finden, benutzt er noch den rassistischen Begriff des Negers. Zudem reproduziert der Vergleich mit dem Kampfstier die rassistische Zuschreibung animalischer Verhaltensweisen für angeblich primitivere, jedenfalls nicht-weiße Bevölkerungsgruppen. [2]

1971 waren die USA schon seit einigen Jahren dabei, den Krieg in Vietnam zu verlieren. Doch solange sie ihn führten, töteten sie, erbarmungslos. Sie töteten feindliche Soldaten und noch viel mehr feindliche Zivilisten. In Vietnam, Laos und Kambodscha. Sie konnten diesen Krieg nicht gewinnen, nur noch verlieren, und sie mordeten solange weiter, bis der Vietcong stark genug war, den Krieg zu gewinnen. Der US-Imperialismus verlor diesen Krieg an drei Fronten: Gegen die Vietnamesinnen und Vietnamesen, die heroisch seit der japanischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg für die nationale Befreiung und Selbstbestimmung kämpften und anschließend ein autoritäres Regime erdulden mußten. Er verlor ihn an der Heimatfront, als eine US-amerikanische Friedens­bewegung der Kriegsbe­geisterung im Heimatland schweren Schaden zufügte.

Entscheidend war jedoch eine Front, mit der das Militär niemals gerechnet hatte. Es waren die GIs selbst, die sich nicht verheizen lassen wollten und die mittels Verweigerung, Desertion und Sabotage die Kampf­fähigkeit der Truppe schwinden ließ. Der Zusammenbruch von Moral und Disziplin kann allenfalls mit dem Zusammenbruch der zaristischen Armee 1917 verglichen werden. Für eine imperialistische Großmacht bedeutete dies ein Desaster. Denn beim historischen Vorbild fiel der Zarismus bekanntlich in sich zusammen, wurde zunächst durch eine bürgerliche Regierung ersetzt, bis wenige Monate später die Bolschewiki durch die Oktober­revolution an die Macht kamen.

Mit dem Aufkommen von „Black Power“, den Black Panthers und sicherlich auch der weißen 68er Bewegung ließen sich US-amerikanische Soldaten nicht mehr alles gefallen. Sie verteilten vor den Augen ihrer Offiziere Antikriegs­zeitungen, in denen Sympathie mit dem Feind zum Ausdruck kam, oder verschwanden einfach für Tage und Wochen, bis sie wieder zum Dienst erschienen. Wenn überhaupt. Mehr als 10.000 Soldaten oder zur Einberufung vorgesehene junge Männer desertierten, jährlich. Vor allem die schwarzen Soldaten politisierten und organisierten sich. Hierzu Peter M. Michels, dessen Artikel in dem 1986 erschienenen Buch „Widerstand in der US-Armee“ veröffentlicht wurde:

„Im August 1968 ereignete sich auf Fort Hood die erste große Militärrevolte. 60 schwarze GIs weigerten sich, nach Chicago geflogen zu werden, um dort Dienst bei der Nieder­schlagung des Aufruhrs zu tun, den man für den Parteitag der Demokraten erwartete. Im Juni 1969 revoltierten die Insassen des Militär­gefängnisses von Fort Dix, New Jersey, und brannten die Gefängnis­baracken nieder. Etwa zur selben Zeit setzte sich die gesamte Kompanie A der 196. Infanterie­brigade bei Son Chan Valley in Vietnam auf dem Schlachtfeld nieder und zwang ihren Kompanieführer zu der berühmt gewordenen Meldung: ‚Sir, meine Leute weigern sich zu gehen; wir können nicht vorrücken.‘“ [3]

Auf den US-amerikanischen Basen in Europa waren häufiger ganze Einheiten mangels Personals nicht mehr kampffähig. Was im Kalten Kriegs-Europa vielleicht noch zu verschmerzen war, wurde in Vietnam zu einem ernsthaften Problem. Manche Einheiten rückten pro forma aus dem Lager aus, weigerten sich jedoch, in den Feldern und Wäldern Vietnams auf Minen zu treten oder den Feind aufzuspüren. Manchmal setzten sie sich einfach auf den Boden, warteten eine angemessene Zeit, gaben vor, aktiv zu sein, und kehrten unverrichteter Dinge wieder zurück. Drogen aller Art waren weit verbreitet, Haschisch und Heroin allgegenwärtig. Es konnte vorkommen, daß eine Einheit ein Feld besetzte und ein aus der Luft deutlich erkennbares Friedens­zeichen bildete (und dabei rauchte). Der Vietcong hatte verbreiten lassen, daß man diejenigen in Ruhe lassem wolle, die Widerstand gegen den Krieg leisteten. Solch ein Widerstand konnte im Mitführen einer Antikriegs­zeitung bestehen. Der Vietcong war nicht wählerisch. Er wußte, daß sich die US-Armee zersetzte, obwohl manche Einheiten nur zu gerne bereit waren, zu morden, zu plündern und zu zerstören.

Eine sehr effektive Methode dieses Widerstandes gegen den Befehl auszurücken bestand im sogenannten „Fragging“. Ein Unteroffizier oder Offizier, der besonders erpicht auf Kampf­handlungen war, fand in seinem Zeit eine Granate vor, als Warnung. Mißachtete er die Warnung, legten die Soldaten zusammen und setzten eine Prämie für denjenigen aus, der diesen Unteroffizier oder Offizier töten würde. Der Begriff „Fragging“ leitet sich von Fragmentieren her, also die Zerlegung eines Unteroffiziers durch eine Handgranate (die „fragmentation grenade“). Es konnte aber auch vorkommen, daß solch ein Held seiner Truppe voranging und von hinten erschossen wurde. Es kam häufig vor. Für 1970 gab die Armee über 200 Fälle von „Fragging“ zu, und die meisten Fälle konnten nie geklärt werden. Die Jungs hielten zusammen.

Dennoch landeten viele im Knast. Die US-amerikanischen Militär­gefängnisse, die „stockades“, waren brutal. Die Gefangenen wurden geschlagen, erhielten mieses Essen, wenn überhaupt, und hungerten. Das Eingangstor des „stockade“ von Fort Dix ließ dem Zynismus der Militär­maschine freien Lauf. Dort hieß es sinnigerweise orwellesk: „Unterordnung unter das Gesetz ist Freiheit.“

 

Rassismus und Kriegsgericht / Racism and court-martial

Das Militär war in Aufruhr. Und innerhalb des Militärs war Rassismus genauso verbreitet wie im Rest der US-amerikanischen Gesellschaft. Vielleicht sogar mehr. Im August 1971 unternahm der Beauftragte des Kongresses für Rassenfragen, Thaddeus Garrett, eine Rundreise durch Europa. Er stellte hierbei fest, daß die Benachteiligung der schwarzen Soldaten in Deutschland größer sei als in allen anderen NATO-Staaten. Dabei wollen wir nicht unterschlagen, daß schwarze GIs auch bei der deutschen Bevölkerung auf massive Ablehnung stießen. Deutsche Bars und andere Vergnügungs­stätten waren ihnen häufig verwehrt.

KasernengeländeIn diesem Klima kam es wie schon häufiger zuvor zu einer Schlägerei zwischen schwarzen und weißen Soldaten. Meist gewannen die schwarzen, weshalb sie als die Angreifer galten und eher eingesperrt wurden als die weißen. So auch in diesem Fall, obwohl später in einem offiziellen Militärreport zugegeben wurde, daß die Provokation von den weißen Soldaten ausging. Am folgenden Morgen ließ der Batallions­kommandeur Oberstleutnant (Lieutenant Colonel) David Partin das Bataillon antreten und griff sich einen schwarzen Soldaten heraus, den er als angeblichen Rädelsführer festnehmen ließ. Dies führte zur Solidarisierung seiner „Brüder“, also der schwarzen Soldaten vor Ort, die nun forderten, entweder alle oder keiner. Sie alle wurden durch die Militärpolizei gefangengesetzt und ihnen drohte nun das Kriegsgericht. Für das Verständnis der damaligen US-amerikanischen Militärjustiz ist es wichtig zu wissen, daß es hierbei ein abgestuftes Verfahren gab.

Nach Article 15 war die einfachste Bestrafung eine außer­gerichtliche. Der Kommandeur einer Kompanie wird hierdurch in die Lage versetzt, einfache Vergehen durch persönliche Strafgewalt mit maximal 90 Tagen Bunkerhaft in einer „stockade“, schwerer Arbeit oder Soldentzug zu ahnden. Der bestrafte Soldat kann hierbei keinen Anwalt hinzuziehen und muß die Bestrafung ohne Kenntnis des Strafmaßes innerhalb von 48 Stunden annehmen. Tut er dies nicht, landet der Fall vor dem Kriegsgericht und kann mit lebenslanger Haft oder dem Tod geahndet werden. 94% der Kriegsgerichts­verfahren endeten damals mit einem Schuldspruch, so daß es durchaus Sinn machte, eine Bestrafung nach Article 15 zu akzeptieren.

Ein Teil der Soldaten akzeptierte deshalb die Strafe nach Article 15, der größere Teil hingegen weigerte sich, eine Bestrafung freiwillig zu tragen. Ihr Fall galt nun als hoffnungslos. Sie hatten zunächst keine Lobby, keine Öffentlich­keit und keine Anwälte. Im Oktober 1971 jedoch kamen Vertreter schwarzer Bürgerrechts­organisationen und mehrere Anwälte nach Deutschland, um die schwarzen Soldaten zu vertreten. Über die genaue Zahl der betroffenen Soldaten gibt es unterschiedliche Angaben in der Literatur. Mal ist von 51, mal von 52, mal von 53 die Rede.

Über diese Darmstädter Geschichte sprach ich mit der Unterstützung von Fred Kautz vor kurzem mit einem der damaligen Rechtsanwälte, Louis Natali, der an der Temple University in Philadelphia als Juraprofessor tätig ist, aber zum Zeitpunkt des Gesprächs in der Außenstelle dieser Universität in Rom europäisches Gemeinschafts­recht gelehrt hat. Wir haben das Gespräch auf Englisch geführt; im Anschluß daran werde ich eine kurze Zusammen­fassung auf Deutsch geben.

Louis Natali erinnert sich noch gut daran, wie er in die Geschichte verwickelt wurde.

Es gibt kein Transkript dieses Interviews. Dieses kann jedoch als Podcast angehört werden.

 

Ein Telegramm und ein Marschbefehl / A telegram and marching orders

Louis Natali erzählt, daß es zwei Frauen waren, die es geschafft hatten, Anwälte aus Philadelphia nach Deutschland zu holen. Als sie am Freitag, den 22. Oktober 1971, in Frankfurt angekommen waren, hielten sie eine gut besuchte Pressekonferenz ab und trafen sich mit ihren „Mandanten“. Der kommandierende General in Heidelberg, Michael S. Davison, schickte daraufhin ein Telegramm des Inhalts, daß alle Fälle niedergeschlagen werden und auch diejenigen, die nach Article 15 bestraft wurden, rehabilitiert seien. Die anschließende, ziemlich feuchtfröhliche Feier wurde dadurch getrübt, daß alsbald der Befehl an alle dieser schwarzen GIs erging, nach Vietnam versetzt zu werden. Dies konnte durchaus als Todesurteil angesehen werden, doch sie alle kamen glücklicher­weise unverletzt in die USA zurück.

Die Schlägerei in der Cambrai-Fritsch-Kaserne war eine von vielen, aber es war diese, die zur Politisierung führte. Als einer der schwarzen GIs herausgegriffen wurde, marschierten seine „Brüder“ geschlossen zum Haus des kommandierenden Offiziers und verlangten dessen Freilassung. Der Offizier rief die Militärpolizei und ließ alle 56, das ist die Zahl, die Louis Natali einführt, einsperren. Einer dieser afro­amerikanischen GIs kam zu spät zur Kundgebung und sah, wie seine Brüder auf herbeigebrachte Transporter verladen wurden. Kurz entschlossen rannte er dem Konvoi hinterher und sprang auf die Ladefläche auf.

Eine der beiden Frauen erbte später ein größeres Stück Land in South Carolina. Sie lud alle dieser schwarzen GIs dazu ein, sich auf dem Land niederzulassen; nur das Baumaterial mußten sie selbst stellen. Tatsächlich leben bis heute einige dieser ehemaligen GIs und ihre Familien dort. Diese Form solidarischen Handelns dürfte hierzulande gänzlich unbekannt sein.

Soweit meine Zusammenfassung des Gesprächs mit Louis Natali. – Bemerkenswert ist zudem, daß diese Darmstädter GIs eine Delegation nach Paris zu den Friedens­gesprächen zwischen der Provisorischen Revolutionären Regierung von Vietnam und den USA entsandten. Sie wollten mit den Vietnamesen sprechen und hatten gewiß nicht die Unterstützung ihrer eigenen Regierung im Sinn.

Vielleicht sollte ich noch nachtragen, was es mit der Anspielung auf den Film Animal House auf sich hat. Dieser Film wurde 1982 gedreht, gilt in den USA als Kultfilm und wurde in Deutschland mit dem blödsinnigen Verleihtitel „Ich glaub mich tritt ein Pferd“ gezeigt. Zwei Verbindungen eines Colleges befehden sich darin Anfang der 60er Jahre. Die eine Verbindung ist lebenslustig oder das, was eine US-Klamotte dafür hält: sie saufen, suchen Sex und treiben derbe Späße, nur studieren, das tun sie nicht. Die andere Verbindung besteht aus reaktionären Strebern. Zum Schluß werden die Jungs noch einmal vorgestellt und gesagt, was aus ihnen geworden ist. Einer landete im Knast, einer wurde bei Watergate erwischt, einer wurde evangelikaler Christ, und der große Mann der reaktionären Studenten­verbindung wurde in Vietnam von seinen Soldaten umgebracht.

Die Intervention des US-amerikanischen Oberbefehls­habers in Europa hatte Folgen. Konservative Abgeordnete verlangten in einem Unter­ausschuß des Kongresses Aufschluß darüber, weshalb die rebellischen Gefangenen freigelassen worden seien. Das Militär verwies auf den „schlechten Zustand der Disziplin“ innerhalb dieser Einheit. Offenbar wollte man eine Eskalation vermeiden. Denn nicht nur die schwarzen Soldaten in Darmstadt waren politisiert. Der Einfluß der Black Panther reichte nach Frankfurt und Heidelberg.

Michael S. Davisons taktischer Einsatz in diesem und vielleicht ähnlichen Fällen führte fünf Jahre später zu seiner Ehrung durch die NAACP, der National Association for the Advancement of Colored People, einer einflußreichen afroamerikanischen Bürgerrechts­organisation. Der Viersterne­general wurde einige Jahre später, nach seinem Weggang aus der Armee, mit einem Vorstandsposten bei Mercedes-Benz in den USA belohnt.

Die Lehre, welche die US Army aus Vietnam und vor allem dem Widerstand der afro­amerikanischen GIs gezogen hat, ist, von einer Wehrpflichtigen­armee auf eine Freiwilligen­armee, also bezahlte Söldner, umzurüsten. Am Krieg im Irak und in Afghanistan können wir sehen, daß die US Army nichts von ihrer mörderischen Einstellung verloren hat. Die Reform der Bundeswehr mag zu ähnlichen Resultaten führen; wir werden sehen. Allerdings scheint es auch im Irak Fälle von „Fragging“ gegeben zu haben.

Louis Natali engagiert sich seit langem gegen die Todesstrafe und bildet junge Rechtsanwältinnen und Rechtswälte darin aus, nach einem Todesurteil Wege und Möglich­keiten zu finden, diese zu Fall zu bringen. So war er auch im Fall des zum Tode verurteilten Journalisten Mumia Abu-Jamal als Rechtsanwalt tätig. Mumia Abu-Jamal wurde 1982 wegen Polizistenmordes zum Tode verurteilt, doch das Verfahren selbst war eine typisch rassistische Farce.

 

Schluß / Credits

Zum Schluß dieser Sendung möchte ich Fred Kautz danken, der mir nicht nur den Hinweis auf diese längst vergessene Episode US-amerikanischer Militär­präsenz in Darmstadt gegeben hat, sondern der zudem im Gespräch mit Louis Natali aus seinem eigenen Erfahrungs­schatz mit der US Army schöpfen konnte. Louis Natali sei hier besonders gedankt für seine Bereitschaft, uns nach vierzig Jahren an seinen Erinnerungen teilhaben zu lassen. Hinweisen möchte ich auf zwei Bücher. Da ist zum einen das Buch „Widerstand in der US-Armee“ über die GI-Bewegung in den 70er Jahren aus dem Harald Kater Verlag. Dieses 1986 veröffentlichte Buch versammlt eine Reihe von Stimmungs­bildern und Analysen, ist aber allenfalls in Bibliotheken oder antiquarisch zu finden. Jonathan Neale schrieb vor zehn Jahren ein tiefsinniges, aber leicht lesbares Buch über den amerikanischen Krieg in Vietnam, das 2004 unter dem Titel „Der amerikanische Krieg. Vietnam 1960–1975“ als Gemeinschafts­ausgabe des Atlantik und des Neuen ISP Verlags herausgebracht wurde. Es ist weiterhin über den Buchhandel oder den Neuen ISP Verlag erhältlich. [4]

Bevor ich das Wort an Gil Scott-Heron übergebe, noch einige Anmerkungen zu dessen musikalischem Werk. Vor etwas mehr als vierzig Jahren schrieb er das später vertonte Gedicht „The Revolution Will Not Be Televised“. Was vordergründig als eine Abrechnung mit dem Gehirnwäsche­programm von Fernsehstationen und Werbefilmen erscheinen mag, ist eine Aufforderung gerade an die schwarzen Brüder und Schwestern, die Revolution des eigenen Bewußtseins und der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht als Film vorgeführt zu bekommen, sondern sie da zu suchen, wo sie live stattfindet. Ob die GIs in der Cambrai-Fritsch-Kaserne den Song auch so verstanden haben? Aus meiner Platten­sammlung habe ich jedoch auf ein anderes bekanntes Stück von Gil Scott-Heron zurückgegriffen, „B Movie“ aus dem 1981 erschienenen Album „Reflections“. Ronald Reagan war soeben von einer Minderheit zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden und läutete als Repräsentant des US-amerikanischen Kapitals das Zeitalter neoliberaler Despotie ein.

Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN
Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

»» [1]   Außer, um vielleicht mit den deutschen „Fräuleins“ anzubandeln. Bei aller deutsch-amerikanischen Freundschaft (gegen die bösen Russen, versteht sich) verboten die deutschen Honoratioren ihren Töchtern eine derartige Zuneigung.

»» [2]   Das Darmstädter Echo berichtete am 16. und am 25. Oktober 1971 über diesen Vorfall und seine Hintergründe. Beide Artikel sind erstaunlich gut informiert, was wohl auf eine gute Pressearbeit der Unterstützerinnen der schwarzen GIs zurückzuführen ist.

»» [3]   Peter M. Michels : Opposition in der US-Armee, in: Widerstand in der US-Armee. GI-Bewegung in den siebziger Jahren, Harald Kater Verlag 1986, Seite 21–28, Zitat auf Seite 21. Der Beitrag erschien zuerst 1974 in den USA.

»» [4]   Siehe auch meine Besprechung des Buchs von Jonathan Neale in der Sendung Der Vietnam-Krieg … und deutsche Kriegsverbrechen, gesendet bei Radio Darmstadt am 24. Januar 2005.


Diese Seite wurde zuletzt am 31. Juli 2011 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2011. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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