Tafel zur Brandnacht
Darmstädter Selbstmitleid.

Kapital – Verbrechen

Brandnächte II

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 13. September 2010, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 13./14. September 2010, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 14. September 2010, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 14. September 2010, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Wiederholung der Sendung vom 13. September 2004 mit neuem Vorwort und verkürztem Abspann.

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinen Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Neue Einleitung 

Jingle Alltag und Geschichte

Wenn einem nichts mehr zu senden einfällt, dann greift er in seine Konserven­kiste. Nach dreizehn Sendejahren quillen die Konserven über und fordern ihren Tribut. Praktischerweise sind einige Redaktionen derzeit nicht in der Lage, ihre angestammten Sendeplätze mit Frischware zu beliefern. Also wird ins Archiv gegriffen. Die Kulturredaktion hat das Konserven­format vervollkommnet und eine eigene Sendereihe daraus generiert: Retro. Hier ist weniger der Retro-Look manch vergangener Band gemeint, sondern eher die Beliebigkeit. Bei den Sendungen der Reihe Retro steht die Musik im Vordergrund; und da ist es herzlich egal, was kommt. Hauptsache, den Sender trifft kein Sendeloch; und daher ist es wenig verwunderlich, wenn die Retroabteilung einfach irgendeine alte MiniDisc auskramt und den belanglosen Inhalt abdudelt.

Auch ich werde heute in meinen Konserven­schrank greifen. Allerdings hat es mit der Wiederholung einer meiner eigenen Sendungen eine besondere Bewandtnis. Vor genau sechs Jahren sprach ich über Brandnächte und damit einhergehende Verantwortlich­keiten, und an der Notwendig­keit, hierüber zu reden, hat sich seither nichts geändert. Irgendwie ist es sogar schlimmer geworden. Nachdem man und frau mit Gedenkorten und Erinnerungsveran­staltungen die nötige Abbitte gegenüber denen, die man nicht hat umbringen können, geleistet hatte, war es endlich an der Zeit, die eigene Opferrolle larmoyant zu thematisieren. Die Schrecken der Vertreibung, der Horror der Vergewalti­gungen, die Feuersbrünste über deutschen Städten. Kein Wort darüber, daß das nun einmal so ist: wer einen totalen Krieg entfacht, muß damit rechnen, daß dieser Krieg zu den Tätern zurückkehrt. Und das ist gut so, denn sonst wäre der Hemmungs­losigkeit nun gar kein Riegel mehr vorgeschoben.

Heißt dies, nicht über das zu reden, was den Volks­deutschen zwischen 1939 und 1949 widerfahren ist? Sicherlich nicht. Nur die Angemessen­heit der Rede, die damit verbundene Demut und die Übernahme der eigenen Verantwortung dafür, was einer oder einem vielleicht angetan wurde, all dies fehlt weitgehend. Und damit wird deutlich, daß man und frau sich auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges weigert, den Unterschied zwischen einem Täterkollektiv und einem Opferkollektiv zu begreifen. Wenn wir schon von Tätern und Opfern reden und mit Begriffen etwas festschreiben, was so eindeutig, wenn auch nur im Einzelfall, nicht ist.

Umfrageergebnis.Ein Blick in unsere Heimatzeitung zeigt uns, was in diesem Land wirklich gedacht wird. Damit meine ich nicht die ewiggestrige Erika Steinbach, der man oder frau vielleicht erklären sollte, daß Polen nach dem Verrat von München nichts anderes übrig blieb, als sich auf den nächsten Nazifeldzug einzurichten. Auch nicht den wohlkalkuliert den deutschen Mob mit feinsinnigen Ausfällen bedienenden Thilo Sarrazin. Einer Umfrage zufolge sollen mit der FDP-Quote von 18% ebensoviele Menschen bereit sein, eine von Sarrazin geführte Protestpartei zu wählen. Daß nur 17% der Anhängerinnen und Anhänger der CDU/CSU mitmachen würden, überrascht mich sogar mehr als die 29% aus den Reihen der Linkspartei.

Das Potential für das öffenrliche Ausleben der Blockwart­mentalität ist vorhanden. Es zeigte sich beim Schill-Projekt in Hamburg und findet sich überall dort wieder, wo in den vergangenen vier Jahrzehnten erkämpfte emanzipatorische Ansätze plattgemacht werden sollen. Kein Wunder, daß im Darmstädter Echo die Hälfte all derer, die sich in den vergangenen Tagen an der Frage der Woche beteiligt haben, eine rechtspopulistische Arschloch­partei wählen würden. Das ist das wirkliche Darmstadt, wenn der Deckel geöffnet wird, auch wenn derartige anonyme Internet­umfragen nicht repräsentativ sind. Und damit leite ich über zu meiner Sendung von vor sechs Jahren. Denn diese 50% tauchen auch dort wieder auf, nur anders.

Eine Sendung von Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

»»  Zur wiederholten Sendung Von Brandnächten und Verantwortlichkeiten vom 13. September 2004.


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