Kapital – Verbrechen

Spielfreude, Aberglaube und Politik

Fußball in Brasilien

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Spielfreude, Aberglaube und Politik
Fußball in Brasilien
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 29. November 2004, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 29. November 2004, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 30. November 2004, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 30. November 2004, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Alex Bellos : Futebol. Die brasilianische Kunst des Lebens, Edition Tiamat
  • Michael Fanizadeh, Gerald Hödl, Wolfram Manzenreiter (Hg.) : Global Players – Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballs, Brandes & Apsel Verlag
  • Eduardo Galeano : Der Ball ist rund und Tore fallen überall, Peter Hammer Verlag
  • Lorenz Knieriem, Matthias Voigt : Fußballweltmeisterschaft 1950 Brasilien, Agon Sportverlag
  • Raul Pont : Hoffnung für Brasilien, Neuer ISP Verlag
 
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Fußball, Macht und Geld
Kapitel 3 : Brasilianischer Sklavenhandel
Kapitel 4 : Warum Brasilien verlor
Kapitel 5 : Ein hoffnungsvoller Anfang
Kapitel 6 : Fußball vom Feinsten
Kapitel 7 : Anekdotisches und Wahres
Kapitel 8 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte –

heute zum Thema Spielfreude, Aberglaube und Politik – Fußball in Brasilien. Fußball in Brasilien – das ist nicht nur sportliche Betätigung. Fußball in Brasilien ist ein soziologisches Phänomen, eine Lebenseinstellung, ein Politikum. Der britische Journalist Alex Bellos hat über diese brasilianische Kunst des Lebens ein Buch geschrieben – Futebol, eben zu deutsch Fußball, sprachlich gebildet nach dem englischen football. Es ist eines der besten Bücher über Fußball, die ich je gelesen habe, weil es dem Autor in packender Weise gelingt, das mit dem Fußball verbundene Lebensgefühl einzufangen und gleichsam eine soziologische Studie über den brasilianischen Fußball abzuliefern.

Brasilien ist politisch betrachtet ein Land krasser Gegensätze. Armut und Reichtum sind noch viel ungleicher als in der Bundesrepublik Deutschland verteilt [1], die Korruption blüht und Demokratie ist etwas, was eher als Luxus gilt, selbst wenn es sich inzwischen um ein formal demokratisch regiertes Land handelt. Mit der langsamen Demokratisierung im Gefolge der Militärdiktatur der 60er und 70er Jahre verbunden ist die Arbeiterpartei PT, die seit zwei Jahren auch mit ihrer Symbolfigur Lula den Präsidenten des Landes stellt.

Raul Pont, von 1997 bis 2000 Oberbürgermeister der südbrasilianischen Stadt Porto Alegre, ist PT–Aktivist und Autor eines Buches mit dem schönen Titel Hoffnung für Brasilien, das ich ebenfall im Verlauf dieser Sendung ansprechen werde. Die mir zuhörenden Brasilianerinnen und Brasilianer mögen mir meine ungenaue Aussprache des brasilianischen Portugiesisch verzeihen. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

 

Fußball, Macht und Geld

Der fünfmalige Fußballweltmeister Brasilien gilt als die beste Nationalmannschaft; der brasilianischen Fußball als der schönste und beste auf dieser Erde. Nach der Weltmeisterschaft von 2002 gewann die Mannschaft dieses Jahr [2004] die Copa América, das südamerikanische Gegenstück zur Europameisterschaft. Dabei ist nicht zu übersehen, daß es Brasilien 2002 gelang, sich gerade noch so eben zu qualifizieren; und ähnlich wie der deutschen Mannschaft trauten ihr nur wenige Menschen den Durchmarsch ins Finale zu. Bei der diesjährigen Copa América hing das Schicksal der Brasilianer am seidenen Faden; auch hier war mehr Glück als Können für den Vorstoß ins Finale verantwortlich, das übrigens erst im Elfmeterschießen entschieden wurde.

Wenn wir uns die Statistiken genauer betrachten, dann fällt auf, daß Brasilien gar nicht die dominierende Mannschaft des südamerikanischen Kontinents ist. Von den 33 regulären Turnieren seit 1917 gewann Brasilien nur sieben; Argentinien hingegen elf und Uruguay zehn Titel. Ähnlich verhält es sich mit dem Gegenstück der Champions League, die in Südamerika Copa Libertadores genannt wird. Brasilianische Vereinsmannschaften gewannen elf Mal diese Trophäe, während argentinische Mannschaften insgesamt zwanzigmal erfolgreich waren. Der diesjährige Gewinner kommt aus Kolumbien [2].

Der Konzentrationsprozeß in Bezug auf die erfolgreichen Teams ist in Südamerika noch weiter fortgeschritten als in Europa. Für Europa wurde einmal errechnet, daß drei Viertel der Sieger aller europäischen Pokalwettbewerbe aus nur vier Ländern stammen. In jedem dieser Länder gibt es maximal ein Dutzend Vereine, welche die Titel fast immer unter sich ausmachen. In den 41 Jahren Fußball-Bundesliga gab es beispielsweise unter den Titelträgern gerade einmal elf Vereine, davon machten vier alleine 29 Titel unter sich aus, 17 gingen hiervon an Bayern München [3].

In Brasilien kommen die 35 Titelträger seit 1971 aus siebzehn Vereinen, von denen vier knapp die Hälfte der Titel unter sich ausgemacht haben. Wichtig sind die vier aus Rio stammenden Clubs Botafogo, Flamengo, Fluminense und Vasco da Gama, die vier aus São Paulo stammenden Clubs Corinthians, Palmeiras, Santos [Meister 2004] und São Paulo, dann die beiden Vereine Grêmio und Internacional aus Porto Alegre sowie Atlético Mineiro und der Titelträger des Jahres 2003 Cruzeiro aus Belo Horizonte.

In Argentinien und Uruguay, den beiden anderen großen Fußballnationen Südamerikas, ist die Konzentration größer, dort beherrschen fünf bzw. zwei Clubs die Szenerie. Brasilien hat allerdings auch 170 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, in Argentinien leben 36 Millionen, in Uruguay gar nur drei Millionen Menschen.

 

Brasilianischer Sklavenhandel

Bei diesem Konzentrationsprozeß gibt es eine enge Verknüpfung zwischen Geld und Erfolg. Nun kann Geld zwar den Erfolg nicht garantieren, aber es macht ihn wahrscheinlicher. Bayern München ist das beste Beispiel für diese These, zumal der Club systematisch die Spieler der Konkurrenz einkauft. Ähnliche Tendenzen gibt es zwar auch in Brasilien, aber hier kommt ein wichtiger Faktor hinzu: Brasilien ist ein Land der Dritten Welt und das heißt, seine Spieler sind ein wichtiges Exportgut. Was sich wie Sklavenhandel anhört, ist auch so. Fußballspieler aus Drittweltländern sind die globalisierte Variante früherer Sklaven [4].

Hoffnung für BrasilienAlex Bellos, und damit möchte ich in sein Buch Futebol einsteigen, beschreibt sehr anschaulich diese moderne Form der Sklaverei. Der Nachtwächter eines kleinen Vereins in Florianopolis erhielt lange Zeit keinen Lohn (was nicht unüblich ist) und verklagte seinen Verein. Der aber war pleite; das einzige Vermögen bestand im Stürmer Claudiomir. Also verfügte ein Gericht, daß der Stürmer des Nachtwächters Eigentum werde. Das brachte diesem jedoch nicht seinen Lohn, weshalb er den Stürmer an einen Verein der gleichen Liga verkaufte [5]. So skurril dies klingt – es ist nur die Spitze eines Eisbergs.

Parlamentarische Untersuchungen haben eine Ahnung von dem vermittelt, was mit brasilianischen Fußballprofis geschieht. In Brasilien gibt es etwa 500 Profivereine, die genaue Zahl kennt keine und niemand [6]. Nicht wenige dieser Vereine bestehen nur zu dem Zweck, Fußballer für den internationalen Markt zu produzieren. Da der brasilianische Fußball als das Nonplusultra gilt, können Profifußballer aus Brasilien einfach nicht schlecht sein und sind so ein begehrter Exportartikel. Einige dieser Profis spielen in der deutschen Bundesliga, aber auch in so exotischen Fußballnationen wie den Färöer–Inseln oder Turkmenistan. Wobei sie dort immer noch mehr verdienen als in Brasilien, denn dort erhalten die meisten Spieler gerade einmal 150 Dollar oder noch weniger pro Monat [7]. Das Fälschen der Geburtsdaten ist keine Seltenheit, denn so richtig junge Spieler haben den höchsten Marktwert. Einige der jungen Spieler werden regelrecht durch Spielervermittler verhökert. Ein 16–jähriger wurde nach Belgien mit dem Versprechen gebracht, innerhalb kürzester Zeit einen neuen Paß und einen Verein zu bekommen. Doch der Agent ließ ihn im Stich und der Spieler überlebte nur durch die Hilfe einer brasilianischen Familie, die er zufällig kennengelernt hatte [8].

Ein kleiner Verein aus dem Nordosten Brasiliens brachte es innerhalb von fünf Jahren auf einhundert ins Ausland verkaufte Spieler – je jünger, desto besser. Allerdings hat diese moderne Form der Sklaverei auch einen sehr neoliberalen Hintergrund. Die Vereine Südamerikas sind wie die Staaten, in denen sie beheimatet sind, hoffnungslos überschuldet. Nur durch den Verkauf von immer neuem frischen Blut sind die Vereine in der Lage zu überleben. Der Verein River Plate aus Buenos Aires erhielt innerhalb von fünf Jahren rund 100 Millionen Dollar an Transfergeldern und war dennoch mit 50 Millionen Dollar verschuldet. Das Geld fließt nicht nur in die Vereinskasse, sondern wird auch privat abgezweigt [9].

 

Warum Brasilien verlor

Nach der Fußballweltmeisterschaft 1998 beschäftigte sich das Parlament mit der Frage, warum Brasilien das Finale gegen Frankreich mit 0:3 verloren habe. Hierbei traten skandalöse Dinge zutage. Der Abschlußbericht eines eigens eingerichteten Untersuchungsausschusses listete auf 686 Seiten 33 Personen auf, denen kriminelle Handlungen vorgeworfen wurden, darunter dem Präsidenten des Brasilianischen Fußballverbandes CBF. Ein Vertrag mit dem Sportartikelkonzern Nike brachte das Faß zum Überlaufen.

Der im Jahr 1996 abgeschlossene 10–Jahres–Vertrag beinhaltete die Überweisung von 170 Millionen Dollar an den CBF und berechtigte Nike zur Organisation von mindestens 50 Spielen zwischen der brasilianischen Nationalmannschaft und Teams, die vom unternehmen bestimmt werden konnten. [10]

Die Teilnahme von mindestens acht Nationalspielern war verbindlich, was zu einem vermehrten Reise– und Spielstreß führte. Der Kollaps von Ronaldo wenige Stunden vor dem Finale gegen Frankreich wurde daher Nike angelastet, das auf den Auftritt seines Werbestarts nicht verzichten wollte. Trotz Nikes Finanzspritze hatte der Fußballverband 10 Millionen Dollar Schulden.

Daß Korruption dem Verband nicht fremd war, belegt ein Vorfall nach Brasiliens Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1994 in den USA. Die brasilianische Delegation brachte 15 Tonnen Gepäck ins Land und Verbandspräsident Teixeira verlangte, daß diese Mitbringsel weder verzollt noch besteuert werden sollten. Ein Anruf aus Brasilia gab das Gepäck tatsächlich frei. Die Öffentlichkeit war empört. Also reichte der Fußballverband eine Warenliste nach, für die auch Zoll bezahlt wurde. Allerdings wogen die angegebenen Gegenstände nur knapp mehr als eine Tonne – der Verbleib der übrigen 14 Tonnen wurde nicht geklärt [11].

Der brasilianische Fußballexportmarkt wird nicht zuletzt durch die Nationalmannschaft selbst bedient. Die immense Anzahl von Spielen erklärt möglicherweise, warum Brasiliens Nationalteam ausgerechnet zwischen den beiden Weltmeisterschaften 1998 und 2002 zuweilen desaströse Auftritte hatte. Es wurde ermittelt, daß in den acht Jahren zwischen 1994 und 2002 Brasilien 138 Begegnungen bestritt, das wären 17 pro Jahr. Im Vergleich hierzu spielte Argentinien im selben Zeitraum 99mal und England hatte sogar nur 81 Länderspiele. Schön wird sowieso nicht mehr gespielt, denn das Ziel ist die Vermarktung und nicht ein Schönheitspreis [12].

Ist es da ein Wunder, daß 1999 658 brasilianische Spieler ins Ausland gingen und in der Saison 2001/2002 52 Brasilianer eine Spielerlaubnis für die Champions League hatten? Verständlicher wird es, wenn wir erfahren, daß in den zwei Jahren seiner Amtszeit der Nationaltrainer Wanderley Luxemburgo 91 Spieler berief. Sein Nachfolger Emerson Leão brachte es in sechs Monaten auf 72. Luiz Felipe Scolari, der Trainer der Weltmeisterelf von 2002, holte daran anschließend in den ersten drei Monaten seiner Amtszeit 42 neue Spieler in die Mannschaft. So produziert man nichts als Nationalspieler, die mit diesem Lorbeer versehen später besser verkauft werden können [13].

Vom Spielwitz oder der Spielfreude früherer Zeiten, selbst wenn sie heute ins Legendäre verklärt worden sein mögen, ist dann auch nichts mehr zu finden. Die Spieler werden in ein taktisches Konzept gepreßt und müssen ansonsten sehen, wie sie eine strapaziöse Saison überstehen. Denn es kommen ja noch die Spiele in den jeweiligen nationalen Meisterschaften hinzu, plus der vielen brasilianischen Turniere und der Copa Libertadores [14]. Da ist es ein schwacher Trost, daß nur Brasilien an allen bisherigen Fußballweltmeisterschaften teilgenommen hat.

 

Ein hoffnungsvoller Anfang

1964 putschten sich mit freundlicher Unterstützung des demokratischen Musterlandes USA die Generäle an die Macht. Die Militärdiktatur konnte sich bis 1985 halten, auch wenn sie Anfang der 80er Jahre langsam zerbröselte. 1980 ist auch das Geburtsjahr einer Partei, der es zumindest ansatzweise gelungen ist, den oligarchischen Konsens der brasilianischen Gesellschaft zu beseitigen. Die Arbeiterpartei PT entstand am Ende der Diktatur als ein Zusammenschluß mehrerer Basisbewegungen aus dem christlichen, gewerkschaftlichen und linken Spektrum. Eine Partei ohne Patriarchen sollte es werden, eine Partei, welche die Interessen der Menschen vor Ort vertritt. Oder genauer: in der die Menschen lernen, sich selbst zu vertreten.

Hoffnung für BrasilienZwischen Anspruch und Wirklichkeit liegen, wie so oft, Welten. Inzwischen ist auch die Arbeiterpartei PT eine gesellschaftliche Macht mit einem eigenen Apparat geworden. Dennoch zeigt der ehemalige Oberbürgermeister von Porto Alegre im Süden Brasiliens, daß es auch anders gehen kann. Die dortige PT setzte auf verschiedene Maßnahmen zur parteiinternen wie auch zur gesamtgesellschaftlichen Demokratisierung. Raul Pont ist ein Exponent eines wichtigen Flügels innerhalb der Arbeiterpartei, und er beschreibt diese Hoffnung für Brasilien in der gleichnamigen Sammlung einiger seiner Aufsätze aus der letzten Zeit.

Dabei verkennt er nicht, daß in der einstmals basisorientierten Arbeiterpartei ein inzwischen auf Wahlerfolge ausgerichteter Politikstil erwachsen ist. Verbunden ist diese Orientierung mit der Person Lula, eigentlich Luiz Inácio da Silva, dem heutigen Präsidenten Brasiliens. Lula steht für eine populistische sozialreformerische Politik, welche die Interessen der herrschenden Klasse und des globalen Kapitals angemessen berücksichtigt, also diesem nicht wehtut. Was bedeutet, daß der Präsident, der gegen den Neoliberalismus angetreten war, heute selbst eine neoliberale Politik betreibt. Brasiliens Außenschuld beträgt weit über 400 Milliarden US–Dollar und für den Ausgleich der Zahlungsbilanz müssen so jede Woche eine Milliarde Dollars aufgebracht werden [15].

Nun ist klar, daß der Verkauf brasilianischer Fußballspieler dieses Loch nicht stopfen wird; also wird Brasiliens Wirtschaft auch unter einem Präsidenten Lula weiterhin auf die Bedürfnisse des Marktes und seiner globalen Profiteure ausgerichtet. Daß es zudem eine einheimische Bourgeoisie gibt, die kräftig mit abkassiert, wird selbst an so unscheinbaren Transaktionen wie dem Nike–Geschäft mit dem CBF deutlich.

Raul Pont steht für eine Alternative zu diesem Politikstil. Das Experiment der Arbeiterpartei PT in Porto Alegre zeigt, daß es selbst trotz massiver Widerstände der immer noch mächtigen Oligarchie und ihrer reißerischen Medien möglich ist, nicht nur etwas für die Menschen vor Ort zu tun, sondern sie auch dafür zu gewinnen, sie zu mobilisieren, sie mit einzubeziehen. Das Experiment hat natürlich seine Grenzen, weil der Markt keine Nischen toleriert; aber dennoch wurde Porto Alegre mehrfach für seine Bemühungen um soziale Verbesserungen ausgezeichnet. Das beinhaltet für uns selbstverständliche Errungenschaften wie eine Kläranlage oder auch die Alphabetisierung der Bevölkerung und den Schulbesuch aller Kinder.

Raul Pont weist darauf hin, daß Wirtschaftsentwicklung auch ohne neoliberale Vorgaben möglich ist und die kommunalen Dienstleistungen sich verbessert haben, obwohl ja angeblich der Markt alles effizienter regelt. Wie diese Effizient in Brasilien aussieht, zeigen andere Großstädte, in denen das übliche neoliberale Chaos herrscht. In Porto Alegre wurde hierfür ein Instrumentarium geschaffen, daß es ermöglicht, Menschen in Entscheidungsprozesse miteinzubeziehen, die üblicherweise durch die Politik ausgeschlossen und ausgegrenzt bleiben. Das Konzept nennt sich Beteiligungsdemokratie und die Umsetzung in der Praxis Beteiligungshaushalt. Das bedeutet: es wird gemeinsam diskutiert und entschieden, welche Prioritäten in der öffentlichen und sozialen Versorgung gesetzt werden. Dabei zeigt sich als bemerkenswert, daß die daran beteiligten Männer und Frauen nicht nur an sich, sondern auch an Andere denken; es ist also ein demokratisches und ein solidarisches Modell. Nicht umsonst fanden die ersten Weltsozialforen in Porto Alegre statt, weil hier Möglichkeiten erforscht werden können, wie eine Alternative zum globalen neoliberalen Modell in der Praxis aussehen könnte.

Raul Pont ist Aktivist und seine Texte reflektieren die internen Auseinandersetzungen innerhalb der Arbeiterpartei PT. Er ist überzeugt davon, daß gesellschaftliche Veränderungen nur durch die Menschen selbst vorgenommen werden können, was beinhaltet, daß sie sich selbst mobilisieren und organisieren. Dies stößt zuweilen an die Grenzen der vorherrschenden Verfassung. Wichtig ist ihm hierbei die Selbstorganisation der Bevölkerung. Mit seinen Worten:

Spontaneität, schöpferische Gestaltungskraft und Partizipation müssen davor geschützt werden, dass sie auf vom Stadtrat beschlossene Statuten begrenzt oder diesen sogar untergeordnet werden. Wir halten an unserer These fest, auch gegen alle Angriffe von Abgeordneten und Stadträten aus dem konservativen Parteienspektrum. In dem Bemühen, den ganzen Prozess als illegal und im Widerspruch zur repräsentativen Überlieferung darzustellen, schrecken sie nicht davor zurück, sogar die Justiz zu bemühen. Sie wollen es nicht zulassen, dass sich die Bevölkerung ihre eigenen Beteiligungsregeln gibt, die, wann immer die Teilhabenden selbst es für nötig halten, wieder geändert werden können. [16]

Raul Ponts Darstellung der Entwicklung und Möglichkeiten in Porte Alegre könnten den Blick dafür schärfen, wie beschränkt wir selbst unser eigenes politisches Engagement begreifen. Allerdings darf auch nicht unterschlagen werden, daß die Arbeiterpartei PT irgendwo zwischen Schröderscher Sozialdemokratie, sich anbiedernder PDS und einigen weit über solch eingegrenzte Vorstellungen hinausdenkende Strömungen verortet werden muß. Es wird sicher kein Vorteil sein, die Präsidentschaft eines maroden Landes zu übernehmen und für die Folgen jahrzehntelanger kapitalistischer Ausplünderung verantwortlich gemacht zu werden. Vor allem dann, wenn man und frau den herrschenden Rahmen akzeptiert und sich darin einrichtet.

Das 126 Seiten umfassende Buch von Raul Pont heißt Hoffnung für Brasilien und es ist Anfang letzten Jahres im Neuen ISP Verlag zum Preis von 12 Euro erschienen.

 

Fußball vom Feinsten

Alex Bellos hat sich für sein Buch Futebol auf die Färöer–Inseln begeben, um mehr über die Geschäftspraktiken internationaler Spielerdealer zu erfahren, aber auch in die unwegsamen Gebiete im amazonischen Urwald. Seine Reportagen über Die brasilianische Kunst des Lebens spiegeln nicht nur die Lebensrealität vieler Bewohnerinnen und Bewohner des Landes wider, sondern auch die Sehnsüchte, Träume und widerständigen Lebensstrategien. Manche mögen uns bizarr erscheinen, wie die Fanclubs brasilianischer Mannschaften oder die magischen Rituale vor den entscheidenden Spielen.

In Brasilien gibt es rund 23.000 Berufsspieler in rund 500 Proficlubs. Es gibt Profiligen in jedem der 26 Bundesstaaten plus Brasilia; und eine nationale Meisterschaft gibt es erst seit 1971. Wie auch anderswo ist der Fußball aus England nach Brasilien gekommen. Doch er breitete sich sehr schnell auf eine sehr eigentümliche Weise aus und schuf das, was wir am Fußball so brasilianisch finden. Spielfreudigkeit gepaart mit Spielwitz, Verspieltheit gepaart mit technischer Finesse. Wo ein deutscher Fußballer bolzt, tanzt der Brasilianer über den Rasen. So zumindest das Vorurteil. In der Realität können auch brasilianische Teams einen normierten Grottenkick abliefern. Tanzende Fußballer aus Deutschland wird man und frau hingegen eher nicht finden.

Schaut euch das Foto von Garrincha in Bellos' Buch auf Seite 112 an und nennt mir einen deutschen Spieler, der so zaubern kann.

Einige Historiker haben die These aufgestellt, daß die Vorliebe für das Dribbeln als Reaktion auf den Rassismus während der Entwicklungsjahre des Spiels entstand. Demnach wurde dieser Stil von schwarzen Fußballern kreiert: Improvisierte Geschicklichkeit als eine Form von Selbstschutz gegen Weiße. Schwarze mußten sich bei Begegnungen davor hüten, weißen Spielern zu nahe zu kommen, weil das gewalttätige Reaktionen provozieren konnte. [17]

Weltweit gilt Pelé als der beste Spieler aller Zeiten. Die Brasilianerinnen und Brasilianer sehen das anders. Alex Bellos war verblüfft, als seine brasilianischen Gesprächspartner immer wieder den Namen Garrincha nannten. Garrincha war nicht nur ein verrücktes Huhn, sondern der klassische Inbegriff eines am disziplinierten Arbeitsethos vollkommen uninteressierten Nichteuropäers. Frauen und Alkohol interessierten ihn weitaus mehr als Geld, das er achtlos in seiner Wohnung verstreute.

Garrincha war einfältig, unbekümmert und ohne Ehrgeiz. Fußball nahm er nicht allzu ernst. Als Brasilien 1950 verlor, fand er es albern, daß die Leute sich deswegen so aufregten.

Die Niederlage im letzten Spiel der Fußballweltmeisterschaft 1950 gegen Uruguay gilt im übrigen noch heute als nationale Tragödie.

Er war lieber angeln gegangen als am Radio das Endspiel zu verfolgen. Nur widerwillig erschien er zu Probespielen bei den großen Vereinen von Rio. Der Trainer von Vasco schickte ihn gleich wieder nach Hause, weil er keine Fußballschuhe mitgebracht hatte. Das Spiel bei Fluminense verließ er vorzeitig, um noch den letzten Zug nach Hause zu erwischen. Wenige Jahre später, Garrincha war nun neunzehn, kam er zu Botafogo, aber auch nur, weil ein Ex–Spieler des Vereins, der seine Dribblings gesehen hatte, ihn förmlich dorthin schleppte. Am zweiten Tag seiner Probezeit wurde Garrincha auf dem rechten Flügel gegen Botafogos linken Verteidiger Nilton Santos, der auch in der Nationalmannschaft spielte, eingesetzt. Mit Leichtigkeit überspielte er ihn, als ob es eine Bolzerei [in seinem Heimatdorf] Pau Grande wäre, und ließ den Ball zwischen seine Füße passieren, was zuvor noch niemandem gelungen war. [18]

Der entnervte Verteidiger, immerhin Weltmeister von 1958, empfahl, Garrincha zu engagieren. Besser er spielt für uns als gegen uns, meinte er. Garrinchas Geheimnis waren seine Beine, die schief gewachsen waren. Botafogos Trainer versuchte, ihm das Dribbeln abzugewöhnen. Ein Schiedsrichter drohte, ihm vom Platz zu werfen, wenn er so weitermache. Er provozierte seine Gegenspieler und gab sie der Lächerlichkeit preis. Der Dramatiker Nelson Rodrigues bemerkte einmal, Garrincha lehre die Fans das Lachen. Der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano setzte ihm folgendes Denkmal:

Es geschah 1958 in Italien. Die brasilianische Auswahl spielte, unterwegs zur Weltmeisterschaft in Schweden, gegen die Mannschaft von »Fiorentina«. Garrincha drang in den Strafraum ein, ließ einen Verteidiger zu Boden gehen und umspielte einen zweiten, dann noch einen. Als er auch den Torwart verladen hatte, stellte er fest, daß noch ein Spieler auf der Torlinie stand. Garrincha tändelte, zögerte, tat dann so, als wolle er den Ball ins Eck schießen; der arme Verteidiger sprang mit dem Kopf gegen den Pfosten. Da fing der Torwart wieder an, Ärger zu machen. Garrincha spielte ihm den Ball zwischen den Beinen durch und schoß ins Tor.
Danach kam er mit dem Ball unter dem Arm langsam auf den Platz zurück. Er ging mit gesenktem Blick, Chaplin in Zeitlupe, so als wolle er um Verzeihung bitten für ein Tor, das ganz Florenz von den Sitzen gerissen hatte. [19]

Solch ein Spieler hätte heute keine Chance. Er wäre der Alptraum jedes Trainers; wahrscheinlich war das schon damals so. Einem brasilianischen Trainer hörte er bei der Mannschaftsbesprechung einfach nicht zu, sondern las ein Donald–Duck–Heft. Der Trainer sagte zu Garrincha resigniert: »Und du machst, was immer du willst.« Brasilien gewann [20].

In einem Spiel der Erstliga dribbelte Garrincha vor einem Verteidiger, bis der Ball ins Aus ging. Beide setzten ihr Katz–und–Maus–Spiel auf der Aschenbahn fort. Der Schiedsrichter weigerte sich, das Spiel zu unterbrechen, als ob die Schönheit des Dribblings eine vorübergehende Aussetzung der Regeln rechtfertigte. [21]

Garrincha wurde zu einem der besten Stürmer bei der WM 1958 und zum besten Spieler vier Jahre später gewählt. Garrincha ist eine Legende. Im Gegensatz zu dem schon früh erfolgsorientierten Pelé gab er das frisch verdiente Geld mit vollen Händen aus. Seine etwas verdrehten Beine wurden immer mehr zur Belastung. Jede Körperdrehung bereitete ihm Schmerzen, und die natürlich nie böswilligen, sondern rein zufälligen Fouls machten die Sache nicht besser. Er spielte seltener, trank mehr und verliebte sich unsterblich in eine bekannte Samba–Sängerin. Da er ein lausiger Autofahrer war, fuhr er seinen Vater an und tötete die Mutter seiner Geliebten bei einem Autounfall. Garrincha wurde 49 Jahre alt und starb 1983 im Suff. Er hinterließ 13 Kinder von mehreren Frauen.

Pelé wird verehrt, Garrincha wird geliebt. Wenn die Leute Garrincha für den Größten halten, dann ist das eine Wahl des Herzens. [22]

Solange Pelé und Garrincha zusammen in Brasiliens Team spielten, verlor es nie. Während jedoch Pelé für den Erfolg steht, ist Garrincha der tragische Held.

Pelé reflektiert nicht die Leidenschaften der Massen. Er symbolisiert vor allem Sieg und Erfolg. Garrincha verkörpert das Spielen aus Lust am Spiel. Brasilien ist nicht ein Land der Gewinner. Es ist ein Land, in dem die Menschen lieber Spaß haben [23] –

sagt Alex Bellos.

Das Weltmeisterteam von 1958 war das erste wirklich multiethnische. Drei Schwarze und zwei Afroindianer zauberten vom Feinsten. Doch bis dahin war es ein langer steiniger Weg. Der Rassismus der brasilianischen Gesellschaft sorgte lange dafür, daß der aus Europa importierte Sport ein Freizeitvergnügen der Weißen blieb. Es war Vasco da Gama aus Rio, das Anfang der 20er Jahre die weiße Vorherrschaft brach. Bei Vasco wurden systematisch die talentiertesten schwarzen Spieler beschäftigt und als die Mannschaft 1923 in die erste Liga aufstieg, wurde sie sofort Landesmeister von Rio.

Rassismus gehörte noch lange zum Fußballalltag. Die nationale Tragödie von 1950 wurde den Spielern Barbosa, Bigode und Juvenal angelastet, alle drei Schwarze. Den Torhüter Barbosa erwischte es am schlimmsten, obwohl er am uruguayischen Siegtor unschuldig war [24]. Als er 1993 eine brasilianische Mannschaft in ihrem Trainingslager besuchen wollte, wurde er zurückgewiesen aus Angst, Unglück über das Team zu bringen. »Nach brasilianischem Recht beträgt die Höchststrafe dreißig Jahre, aber ich bin schon fünfzig Jahre eingesperrt«, sagte er [25].

Die Fußballweltmeisterschaft 1950 fand in Brasilien statt. Nur 13 Teams erschienen und so gab es Vorrundengruppen mit zwei, drei und vier Teams. Uruguay und Brasilien trafen am letzten Spieltag aufeinander. Brasilien hatte zuvor Schweden mit 7:1 und Spanien mit 6:1 besiegt. Uruguay hatte gegen Spanien 2:2–Unentschieden und gegen Schweden knapp mit 3:2 gespielt. Brasilien war der klare Favorit, als es vor rund 200.000 Zuschauern im riesigen Oval des Maracanã–Stadions nur ein Unentschieden zum langersehnten Titel benötigte. Doch Uruguay hatte ein Rezept gegen Brasiliens Offensivgeist gefunden. Die Legende will, daß nur drei Menschen die Massen im Maracana zum Schweigen gebracht hätten – Frank Sinatra, der Papst und Uruguays Stürmer Alcido Edgardo Ghiggia, der in der 79. Minute das Siegtor für Uruguay schoß [26]. Brasiliens Aufbruchstimmung nach Jahren der Diktatur, symbolisiert im Maracanã, dem bis heute größten Stadion der Erde, verflog. Was 1954 für Deutschland das 3:2 war, bedeutet umgekehrt das 1:2 für Brasilien. Das scheint für uns heute unbegreiflich zu sein; aber nicht nur von den damaligen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen wurde es so wahrgenommen.

 

Anekdotisches und Wahres

Futebol – Die brasilianische Kunst des Lebens von Alex Bellos ist auch deshalb ein amüsantes, spannendes, unterhaltsames und informatives Buch, weil es den Zusammenhang zwischen Fußball und Politik, zwischen Geld und Macht, zwischen Spiritualität und dem Leben der einfachen Menschen auf eine Weise nahebringt, wie wir sie von einem Fußballbuch eigentlich nicht erwarten.

Der Autor erzählt darin die Entstehungsgeschichte des brasilianischen Nationaltrikots, das nach der Tragödie von 1950 neu entworfen werden mußte. 1958 mußte Brasilien im Endspiel gegen Schweden antreten - und Schweden spielte in Gelb. Was tun? Brasilianerinnen und Brasilianer sind abergläubisch. Na gut, nicht alle, aber die Fußballfans garantiert. Da fügte es sich gut, daß die Farbe Blau des Endspieltrikots rein zufällig die Farbe Unserer Lieben Frau Aparecida, der brasilianischen Nationalheiligen, ist. Dies wurde als gutes Omen gedeutet; und Brasilien gewann das Endspiel. Allerdings hätte sich sicherlich auch ein gutes Omen für die Farbe Rot finden lassen.

Es gibt unzählige Geschichten von Gelübden, Wallfahrten und Weihungen, die alle nur das eine Ziel verfolgen, nämlich der eigenen Mannschaft zum Sieg zu verhelfen. Es spielt hierbei keine Rolle, ob es sich um Katholiken, Anhängerinnen des afrobrasilianischen Rituals Macumba oder um evangelikale Fundamentalisten handelt. Natürlich geben die afrobrasilianischen Kulte den meisten Exotismus her, um die Brasilianerinnen und Brasilianer für ein bißchen arg extravagant zu halten, doch Alex Bellos verweist zurecht darauf, daß das Christentum sehr gut mit Aberglauben harmoniert. Kolportiert wird gerne folgende Geschichte:

Vasco da Gama aus Rio wurde das Opfer eines Fluches. Angeblich wurde auf seinem Spielfeld ein Frosch vergraben. Denn an einem regnerischen Dezemberabend sollte Vasco gegen das weitaus schwächere Team von Andaraí antreten. Wegen eines Unfalls kamen die Spieler von Vasco zu spät an und Andaraí hätte eigentlich die Punkte am grünen Tisch kassieren können. Aber man wollte lieber spielen und bat statt dessen darum, nicht allzu sehr für diese Freundlichkeit bestraft zu werden. Doch Vasco verwarf den Gedanken an sportliche Fairness und verprügelte Andaraí mit 12:0. Nach dem Abpfiff soll der Ersatzspieler Arubinha auf den Rasen gekniet sein und darum gebetet haben, daß Vasco für jedes geschossene Tor ein Jahr lang nicht Meister werde. Die Geschichte mit dem Frosch kam später bei der Legendenbildung dazu. Natürlich lachte man bei Vasco darüber. Doch Jahr um Jahr verging und selbst die stärksten Mannschaften Vascos wurden nicht Meister. Also ließ man das Spielfeld untersuchen und umgraben, aber der Frosch wurde nicht gefunden. Nach zwölf Jahren wurde Vasco da Gama dann endlich Landesmeister von Rio [27].

Berüchtigt sind auch die Fans und ihre Fanclubs. In Deutschland ist es ja so, daß sich die Nation in Bayernfans und Bayernhasser teilt. In Brasilien mit seinen 170 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern binden sich auch diejenigen an Fußballvereine, die ansonsten mit Fußball nichts am Hut haben. So soll der Club Flamengo aus Rio über 25 Millionen Fans haben, gefolgt von den Corinthians aus São Paulo mit über 17 Millionen. Die Corinthians sind jedoch auch berüchtigt für den größten Fanclub des Landes, die sogenannten Falken. Diese Falken haben 56.000 zahlende Mitglieder und sind der Schrecken der Vereinsführung. Spieler, die fremdgehen oder keine Leistung abliefern, werden bedroht oder auch mal verprügelt. Andererseits sind die Falken auch ein Sammelbecken für die Unterprivilegierten der Stadt. Gegründet während der Militärdiktatur, befriedigten die Fanclubs auch das Bedürfnis nach politischer Organisierung und sozialer Aktivität. 1976 gründeten die Falken eine eigene Sambatruppe für den Karnevalsumzug. Aus der Sambatruppe wurde eine Sambaschule, und so kommt es zu dem Kuriosum, daß ein Fußballfanclub zweimal den Karnevalswettbewerb der Sambaschulen in São Paulo gewonnen hat.

Wer sich darüber wundert, kennt die Geschichte des Karnevals von Rio nicht. Es war nämlich eine Sportzeitung, die Anfang der 30er Jahre den Wettbewerb beim Karneval von Rio erfand. Auch die phantasievolle Untermalung der Fußballspiele mit Trommeln, Gesängen und Feuerwerk stammt aus dieser Zeit. Brasiliens berühmter Sportjournalist Mário Filho erfand als Gag für seine Zeitung den Wettbewerb im Stadion; Gewinner war das Team mit der farbenprächtigsten Show.

Brasilien ist jedoch nicht nur wegen der Fußballverrücktheit seiner Fans bekannt, sondern auch für seine Stadien. Das Maracanã ist nur eines der Riesenarenen; und während der Militärdiktatur bekamen auch die unterentwickeltsten Regionen ihr eigenes Stadion. Ob es benötigt wurde, spielte keine Rolle. So besitzt das Stadion in Brejinho im Nordosten Brasiliens mehr Plätze als die Stadt Einwohner hat, und die gleich miterbauten Kassenhäuschen wurde auch schon einmal benutzt. Der Eintritt ist nämlich normalerweise frei [28]. Exakt auf dem Äquator verläuft die Mittellinie des Stadions von Amapá, auch Große Null genannt. Man vergaß die böigen Winde und deshalb wurde das Stadiodach weggeweht. Übrig blieben die acht Stützpfeiler. Alex Bellos kommentiert: 1:0 für die Natur [29].

Fußball wird in Brasilien überall gespielt, wo sich die Gelegenheit bietet. Aus dem Strandfußball in Rio, von dem sich die Badegäste eher belästigt fühlten, ist inzwischen richtig kommerzialisierter Beach Soccer geworden. Als Hallenfußballvariante wurde das Spiel zu Fünft mit einem kleinen Ball erfunden, das besondere Geschicklichkeit verlangt. Futsal, so heißt dieses Spiel, ist nicht wie in Deutschland zur Überbrückung der Winterpause gedacht, sondern ein eigenständiger Sport mit Mitgliedschaft bei der FIFA und einer richtigen Profiliga in Brasilien. Der erste FutsalVerband wurde 1954 gegründet und die ersten Regeln waren recht eigenwillig:

Bei manchen Spielen durfte nicht gesprochen werden. Jede Äußerung galt als Foul. Selbst den Zuschauern wurde kurzzeitig jeglicher Lärm verboten. Die albernste Regel verlangte, daß die Spieler den Ball nicht spielen dürften, solange eine Hand den Boden berührte. Wenn also einer von ihnen umgestoßen wurde, versuchte er, sich beim Fallen nicht mit den Händen abzustützen, sondern mit den Schultern oder dem Kopf abzurollen. Da die absurde Regel für zahlreiche Armbrüche und ausgerenkte Schultern verantwortlich war, wurde sie schnell wieder abgeschafft. [30]

Absurde Regeln gehören in Brasilien zum Fußball ganz selbstverständlich dazu. Da wird Schlammfußball an Flüssen gespielt, bis es Hochwasser gibt; da wird jongliert, was der Ball hergibt; auch Knopffußball erfreut sich großer Beliebtheit und natürlich auch immer neuer absurder Regeln. In Manaus im amazonischen Urwald wird das ungewöhnlichste Turnier der Erde ausgerichtet: das Peladão. Im Jahr 2000 nahmen 522 Mannschaften an diesem Turnier teil, wobei der Begriff Mannschaft etwas ungenau ist. Es handelt sich nämlich um eine Kombination aus Fußballturnier und Schönheitswettbewerb. Mannschaften, die im regulären Turnier rausfliegen, können durch ihre Schönheitskönigin doch noch in die Endrunde gelangen. Und damit die Schiedsrichter auch zu vernünftigen Leistungen angespornt werden, kann auch die Mannschaft weiterkommen, deren Schiedsrichterteam am besten pfeift [31].

Die brasilianische Fußballmeisterschaft ist eine Wissenschaft für sich. Fast jährlich ändern sich die Regeln und die vielleicht absurdeste Variante hatten sich die Verantwortlichen für das Jahr 1978 ausgedacht, um möglichst viele Mannschaften möglichst lange im Turnier zu behalten. Ich zitiere Alex Bellos:

Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit: Es gab damals in der Nationalliga 74 Mannschaften, die in sechs Gruppen aufgeteilt waren (A bis F). Vier Gruppen hatten 12 Klubs und zwei 13. Jede Mannschaft spielte einmal gegen alle anderen in der Gruppe. Wer qualifizierte sich für die zweite Runde? Alle. Aus den sechs besten Vereinen der Gruppen A bis F wurden vier neue Gruppen mit je neun Teilnehmern geformt (G bis J). Erneut kamen die sechs Besten aus jeder Gruppe in die dritte Runde. Die anderen Mannschaften aus der Anfangsrunde bildeten sechs neue Gruppen (K bis P), zwei mit sieben Teams und vier mit sechs. Von denen qualifizierten sich für Runde drei nur die Sieger. Das heißt: 24 Mannschaften kamen aus G bis J und sechs aus K bis P. Können Sie mir noch folgen? Zusammen mit den bestplazierten Verlierern aus den Gruppen G bis J und K bis P formierten diese dreißig Teams vier neue Gruppen (Q bis T). Die beiden Ersten aus jeder Gruppe rückten weiter bis zur nächsten Runde mit nur noch acht Konkurrenten, die im Viertel– und Halbfinale und dann dem finalen Finale die Meisterschaft unter sich austrugen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß das Karussell nur zu einem Halt kam, weil den Funktionären die Buchstaben ausgingen. [32]

Diese seltsame Regelung brachte die Mannschaft von Guarani aus São Paulo zu ihrem bislang einzigen Titelgewinn.

Demokratischer geworden ist der Fußball durch solche Regeln sicher nicht. Der Spieler Sócrates wagte in einem bis heute nicht wiederholten Experiment um 1980 herum den Aufstand gegen de Vereinshierarchie. Sie entschieden alles durch Mehrheitsbeschluß, selbst so simple Dinge wie die Frage: Wann essen wir zu Mittag? Für ihn war hierbei die Einübung demokratischer Prinzipien wichtig. Deshalb vertritt er heute die These, auch den Trainer der Fußballnationalmannschaft wählen zu lassen. Alex Bellos wendet im Gespräch mit ihm ein, daß ein solches Plebiszit nicht durchführbar sei. Darauf Sócrates:

Dann werden wir eben die ersten sein. [33]

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit dem Thema Spielfreude, Aberglaube und Politik – Fußball in Brasilien. Das von mir hierfür herangezogene Buch Futebol – Die brasilianische Kunst des Lebens ist in diesem Sommer in der Edition Tiamat erschienen; das Buch kostet 18 Euro. Ich glaube nicht, daß ich meine Begeisterung für dieses Buch in dieser Sendung verheimlichen konnte. Von Raul Pont stammt das Buch Hoffnung für Brasilien, das die Entwicklung der Arbeiterpartei PT, den Beteiligungshaushalt in Porto Alegre und den Wahlsieg von Lula beleuchtet. Sein Buch ist letztes Jahr im Neuen ISP Verlag zum Preis von 12 Euro erschienen.

Diese Sendung wird in der Nacht zum Dienstag um 23 Uhr, sowie am Dienstagmorgen nach dem Radiowecker um 8 Uhr und noch einmal am Dienstagnachmittag ab 14 Uhr wiederholt. Nächste Woche ist auf diesem Sendeplatz die Redaktion Gegen das Vergessen mit ihrer gleichnamigen Sendung zu hören; und im Anschluß an meine heutige Sendung folgt das Offene Haus der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Der Ende November 2004 veröffentlichte Armutsbericht der Bundesregierung nennt einen Anteil von 13,5% der Bevölkerung, der unterhalb der von der EU definierten Armustgrenze lebt. Die reichsten 10% der deutschen Haushalte verfügen demnach über fast die Hälfte des privaten Nettovermögens, während die unteren 50% der Haushalte gerade einmal auf einen Anteil von 4% an diesem Nettovermögen kommt. Soziale Ungleichheit ist eine Tatsache, sagt der Bericht und verschweigt dabei, daß es dieselbe herausgebende Bundesregierung ist, welche dafür zur Verantwortung zu ziehen wäre. [Quelle: Der Spiegel 49/2004, Seite 106]

Alex Bellos nennt einen UN–Bericht von 2001, wonach nur Swaziland, Südafrika und Nicaragua bei der Reichtumsverteilung schlechter abschneiden würden. Demnach haben die wohlhabendsten 20% der Bevölkerung einen westeuropäischen Lebensstandard und die ärmsten 20% leben auf dem Niveau der afrikanischen Staaten. [Alex Bellos : Futebol, Seite 129]

[2]   Zur Copa América siehe beispielsweise http://global.terra.com/copaamericaperu2004/ingles/campeoes.htm. Zur Copa Libertadores siehe die Zusammenstellung von Karel Stokkermans: http://www.rsssf.com/sacups/copalib.html.

[3]   1964 Köln, 1965 Bremen, 1966 1860, 1967 Braunschweig, 1968 Nürnberg, 1969 Bayern, 1970/71 Mönchengladbach, 1972–1974 Bayern, 1975–1977 Mönchengladbach, 1978 Köln, 1979 Hamburg, 1980/81 Bayern, 1982/83 Hamburg, 1984 Stuttgart, 1985–1987 Bayern, 1988 Bremen, 1989/90 Bayern, 1991 Kaiserslautern, 1992 Stuttgart, 1993 Bremen, 1994 Bayern, 1995/96 Dortmund, 1997 Bayern, 1998 Kaiserslautern, 1999–2001 Bayern, 2002 Dortmund, 2003 Bayern, 2004 Bremen. Die Dominanz eines einzigen Vereins ist in Europa eher ungewöhnlich. Normalerweise teilen sich hauptsächlich zwei oder drei Teams die Meistertitel. Das wäre wahrlich eine statistische und vor allem wirtschaftspolitische Analyse wert. Hier ein bißchen Material:

 D/BRDEnglFraItalNLSchottSpan
Gesamtzahl Titel9210511810310910873
Gesamtzahl Vereine2824351626108
Titel 1964–200441414141414141
Vereine 1964–200411101012557
Titel pro Verein3,34,43,46,44,210,89,1
TpV 1964–20043,74,14,13,48,28,25,9

Die Anzahl der Titel stimmt nicht immer mit der Anzahl der Jahre überein. Aufgrund des 1.  und 2. Weltkriegs oder anderer Ereignisse fielen entweder Meisterschaften aus oder wurden geteilt. Da ich mich auf andere Statistiken verlasse und mich auch einmal verzählt haben kann, ist diese Auflistung zwar ohne Gewähr, gibt jedoch einen klaren Trend wieder. Um einen gemeinsamen Vergleichsmaßstab herbeizuführen, wurden die Titel seit Einführung der Bundesliga in der Saison 1963/64 miteinander in Bezug gesetzt. Der Konzentrationsprozeß wird deutlicher, wenn wir einen Blick darauf werfen, wie wenige Vereine wie viele Titel zwischen 1964 und 2004 angehäuft haben.

 D/BRDEnglFrankItalNLSchottSpan
Vereine1 (3)332 (3)321 (3)
Titel17 (26)292424 (29)393620 (33)
Titel pro Verein17,0 (8,7)9,78,012,0 (9,7)13,018,020,0 (11,0)

Deutschland / BRD : Vor 1964 war der 1. FC Nürnberg acht Mal erfolgreich; Schalke 04 sieben Mal. Doch keiner der übrigen 22 Titelträger kam über drei Titel hinaus. Seit 1964 hat sich Bayern München als die dominierende Mannschaft gezeigt: 17 Titel.

England : Vor 1964 gab es 20 Titelträger, von denen keiner mehr als sieben Titel gewann. Seither haben drei Teams 29 von 41 Titeln unter sich ausgemacht.

Frankreich : Hier ist der Konzentrationsprozeß noch am wenigsten ausgeprägt. Vor 1964 schaffte es Stade Reims zwischen 1942 und 1962, sieben Titel zu erringen; AC Standard Paris holte in den Anfängen des Fußballs zwischen 1894 und 1901 fünf Titel. Ansonsten holten sich 27 weitere Teams die Meisterschaft. Seit 1964 holten AS Saint Etienne (9), der FC Nantes (8), Olympique Marseille (7) und der AS Monaco (5) insgesamt 29 von 41 Titeln.

In Italien dominieren seit jeher Juventus Torino (27), der AC Milan (17) und Inter (14). Seit 1964 konzentrieren sich die Titel auf nur noch zwei Vereine: Juventus (15) und AC Milan (9).

Niederlande : Krass ist der Konzentrationsprozeß in den Niederlanden. Hier holten Ajax (19), der PSV Eindhoven (13) und Feyenoord (7) seit 1964 alleine 39 von 41 Titeln. Vor 1964 waren insgesamt 21 Vereine Titelträger, darunter Ajax (10), Feyenoord Rotterdam (7), Sparta Rotterdam (7), der PSV Eindhoven (4) und in der Frühzeit des niederländischen Fußballs HVV Den Haag (9).

Schottland : Hier dominieren seit eh und je zwei Mannschaften: die Glasgow Rangers und Celtic Glasgow. Andere Teams (insgesamt 8 Vereine) kamen nur 19mal zum Zug; jedoch nur fünf Mal seit 1964 (3 Vereine).

Spanien : Auffällig ist, daß in der gesamten spanischen Geschichte nur ganze acht Vereine den Meistertitel holen konnten, davon Real Madrid (29, davon 20 seit 1964, 9 davor), der FC Barcelona (16/8/8), Atletico Madrid (9/5/4), Athletic Bilbao (8/2/6), FC Valencia (6/3/3) alleine 68 von 73 Mal. Dennoch ist die Dominanz von Real Madrid seit 1954 nicht zu übersehen.

[4]   Es ist hierbei sicherlich nur ein historischer Zufall, daß die Sklaverei in Brasilien offiziell erst sehr spät, nämlich 1888, abgeschafft worden ist. Moderne Formen systematisierter Sklaverei finden sich heute sowohl in den verarmten nordostbrasilianischen Bundesstaaten als auch in den Tagelöhnereien der Megastädte. Das Kapital findet immer einen Weg, Menschen profitabel an sich zu ketten.
[5]   Alex Bellos : Futebol, Seite 331
[6]   Bellos Seite 381. Die Zahl der Profivereine wechselt ständig; aber wenn fast jede Woche ein neuer Profiverein gegründet wird, dann ist es schon ziemlich unwahrscheinlich, daß hierbei nur fußballerische Motive vorherrschen.
[7]   Bellos Seite 28. Siehe auch Richard Giulianotti : Fußball in Südamerika, in: Fanizadeh u.a. (Hg.) : Global Players, Seite 159–181, hier Seite 172. Giulianottis Aufsatz ist eine wertvolle Ergänzung zu Bellos' Buch.
[8]   Bellos Seite 330
[9]   Bellos Seite 330–331. Giulianotti Seite 172.
[10]  Giulianotti Seite 178
[11]  Bellos Seite 337
[12]  Bellos Seite 344
[13]  Giulianotti Seite 170. Bellos Seite 357.
[14]  Die großen brasilianischen Clubs nehmen jährlich an bis zu sieben Turnieren teil; entsprechend aufgebläht ist auch der Spielerkader. Bellos Seite 299. Giulianotti Seite 171.
[15]  Raul Pont : Hoffnung für Brasilien, Seite 111
[16]  Pont Seite 44
[17]  Bellos Seite 42
[18]  Bellos Seite 100
[19]  Eduardo Galeano : Der Ball ist rund und Tore fallen überall, Seite 127
[20]  Bellos Seite 105
[21]  Bellos Seite 105
[22]  Bellos Seite 114
[23]  Bellos Seite 117–118
[24]  Bellos Seite 56 und 79
[25]  Bellos Seite 61. Galeano Seite 115.
[26]  Bellos Seite 56
[27]  Bellos Seite 187–188. Etwas anders dargestellt bei Galeano, Seite 83.
[28]  Bellos Seite 148–153
[29]  Die große Null des Stadionnamens Zerão bezieht sich natürlich nur auf den Breitengrad und ist keine Anspielung auf die Erbauer. Bellos Seite 273–280.
[30]  Bellos Seite 168
[31]  Spätestens hier wird man und frau das von Alex Bellos nicht reflektierte Verhältnis zwischen Fußball und Sexismus bemerken. Männer sind eben manchmal ziemlich beknackt.
[32]  Bellos Seite 298–299
[33]  Bellos Seite 366

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 17. Dezember 2005 aktualisiert.
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