Kapital – Verbrechen

Kuba

 

SENDEMANUSKRIPT

In der Sendung vom 10. Juli 2006 sendete ich einen Vortrag von Harald Neuber über eine Insel in starker Brandung, gefolgt von einer Buchbesprechung über dieselbe Insel der Extreme – Kuba.

 

 

Sendung :

Kapital – Verbrechen

Kuba

 

Redaktion und Moderation :

Walter Kuhl

 

gesendet auf :

Radio Darmstadt

 

Redaktion :

Alltag und Geschichte

 

gesendet am :

Montag, 10. Juli 2006, 17.00–18.00 Uhr

 

wiederholt am :

Montag, 10. Juli 2006, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 11. Juli 2006, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 11. Juli 2006, 14.00–15.00 Uhr

 
 

Besprochenes und benutztes Buch :

  • Michael Zeuske : Insel der Extreme, Rotpunktverlag

 
 

URL dieser Seite : http://waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_cuban.htm

 

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung

Kapitel 2 : Eine Insel in starker Brandung …

Kapitel 3 : … ist auch eine Insel der Extreme

Kapitel 4 : Schluß

Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Im Schatten der damals gerade beginnenden Fußballweltmeisterschaft fand am Abend des 12. Juni [2006] in der Bessunger Knabenschule eine entsprechend schwach besuchte Veranstaltung zu Kuba statt. Der Referent Harald Neuber sprach über Kuba in der Kritik von links bis rechts und befand die Insel in starker Brandung. Der Referent ist Journalist und Mitarbeiter der Tageszeitung junge Welt mit dem Schwerpunkt Lateinamerika.

Anlaß seines Vortrags war eine seit einigen Monaten anhaltende Auseinandersetzung innerhalb der Linkspartei.PDS über das Verhältnis zu Kuba. Ausgelöst wurde diese innerparteiliche, aber von interessierten Medien aufmerksam verfolgte Dabette durch eine Entschließung des Europäischen Parlaments vom 2. Februar [2006], worin das Verhältnis der EU zu Kuba festgeschrieben werden sollte. In diesem Beschluß wurde insbesondere die Menschenrechtssituation thematisiert, und zwar auf eine Weise, welche die besonderen Bedingungen des sich sozialistisch nennenden Kubas nicht reflektierte. Dieser Beschluß fand die Zustimmung von einigen Europaabgeordneten der Linkspartei.PDS, unter anderem von André Brie.

Harald Neuber stellte diese Entschließung und die Zustimmung einzelner Linkspartei–Europaabgeordneter in einen politischen Zusammenhang zum einen mit der politischen Entwicklung in Lateinamerika selbst als auch mit der Sozialdemokratisierung einer Partei, die ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft noch sucht. Man und frau mag dies für eine Debatte halten, welche außerhalb dieser Partei wenig Relevanz besitzt.

Allerdings zeigt sich hierbei, wie eine unreflektierte Haltung zum Thema Menschenrechte gerade hier Positionen salonfähig macht, die eher rechte Ideologien widerspiegelt. Hierbei zeigt sich, daß soziale Menschenrechte nicht nur gegen formale bürgerliche Freiheitsrechte ausgespielt werden, sondern genau betrachtet für unwichtig gehalten werden. Und in der Tat: die neoliberale Ideologie und Praxis kann sehr gut ohne soziale Menschenrechte auskommen. Der kubanische Weg zum Sozialismus bedarf daher einer genaueren Analyse.

Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl. Und jetzt zum Vortrag von Harald Neuber.

 

Eine Insel in starker Brandung …

Im ersten Teil referiert Harald Neuber über die von André Brie mit ausgelöste Debatte über Kuba in der Linkspartei.PDS. Anlaß ist der von einigen PDS–Parlamentariern mitgetragene Beschluß des Europäischen Parlaments.

Audiofassung des ersten Teils des Vortrags von Harald Neuber als MP3 [10,3 MB, 11:02 Minuten]

Im zweiten Teil geht Harald Neuber auf die ideologische Offensive der Rechten gegen Kuba ein und leitet dann über zur Politik der Europäischen Union.

Audiofassung des zweiten Teils des Vortrags von Harald Neuber als MP3 [8,2 MB, 8:43 Minuten]

Im dritten Teil analysiert Harald Neuber die Lage der Menschenrechte auf Kuba und zeigt Möglichkeiten der Solidarität mit Kuba auf.

Audiofassung des dritten Teils des Vortrags von Harald Neuber als MP3 [7,5 MB, 8:03 Minuten]

Im Anschluß an den Vortrag Insel in starker Brandung von Harald Neuber über Kuba in der Kritik von links bis rechts wurde von den Anwesenden über verschiedene Aspekte seiner Ausführungen diskutiert. Insbesondere ging es hierbei um die Frage, wie isoliert Kuba im lateinamerikanischen Kontext ist und welchen Stellenwert die Menschenrechte auf Kuba haben und haben sollten. Harald Neuber faßte seine Sicht der Dinge so zusammen:

Audiofassung des Diskussionsbeitrags von Harald Neuber als MP3 [6,1 MB, 6:28 Minuten]

 

… ist auch eine Insel der Extreme

Besprechung von : Michael Zeuske – Insel der Extreme. Kuba im 20. Jahrhundert, Rotpunktverlag, 2. Auflage 2004, 415 Seiten, € 21,00

Das heutige Kuba ist ohne den Rückgriff auf das Ende seiner Kolonialgeschichte Ende des 19. Jahrhunderts nur schwer zu verstehen. Als die Kubanerinnen und Kubaner 1898 de facto ihre Unabhängigkeit von Spanien erkämpft hatten, gab es drei Optionen und zwei Fraktionen. Die eine Option bestand in der vollständigen Autonomie innerhalb des spanischen Königreichs, die zweite in der Unabhängigkeit von Spanien und die dritte im Beitritt zum Staatenbund der USA.

Überlagert wurden diese Optionen von Machtkämpfen zwischen den revolutionären Heerführern und den sich herausbildenden zivilen Autoritäten, die zudem unterschiedliche Teile der kubanischen Bourgeoisie repräsentierten. Heraus kam etwas ganz anderes. Die USA nutzten die Gelegenheit, einem kleinen imperialistischen Krieg gegen Spanien zu führen. Sie besetzten die Philippinen und übten eine in der Folgezeit teils offene, teils indirekte Herrschaft über Kuba aus. Das Fatale daran ist, daß die kubanischen Eliten diesem Arrangement zur Sicherung ihrer eigenen Vorherrschaft relativ schnell zustimmten.

Buchcover Michael Zeuske Insel der ExtremeDiese Grunderfahrung des "fast sofortigen Ausverkaufs kubanischer Werte" [1] prägt den politischen Diskurs auf Kuba bis heute und hat zu etwas sehr eigenem geführt – nämlich eine ganz spezielle Interpretation eines kubanischen Nationalismus. Der Historiker Michael Zeuske hat hierzu in seinem erstmals 2000 im Schweizer Rotpunktverlag erschienen Buch Insel der Extreme seine eigene Sichtweise des kubanischen Phänomens dargelegt. Diese Sicht unterscheidet sich wohltuend von den meist linientreuen Werken von der Insel selbst und erst recht von den Arbeiten westlicher Historikerinnen und Historiker, denen der Sozialismus auf Kuba ohnehin nicht geheuer ist.

Hierbei darf nicht vergessen werden, daß die Machtübernahme zur Jahreswende 1958/1959 auf einen breiten gesellschaftlichen Konsens stieß, auch wenn die dahinter liegenden Motive sehr unterschiedliche gewesen sein mögen. Dies zeigte sich schnell schon im ersten Jahr der Revolution, als Teile der alten Machteliten dachten, auch Castro und seine Gefolgsleute könnten eine neue Runde des alten Spiels im Kampf um Macht und Pfründe bedeuten. Erst als sie bemerkten, daß die Revolutionäre ihr Programm wirklich ernst meinten, kam es zur Konfrontation. Da die alten Eliten jedoch keinen Machtapparat mehr in der Hand hatten, blieb ihnen wenig anderes übrig als nach Miami umzuziehen.

Michael Zeuske geht von diesen inneren Widersprüchen aus, die sich zudem in das Spannungsfeld des Kalten Krieges Anfang der 60er Jahre einbetteten. Diese sozialen Widersprüche haben jedoch auch etwas mit der Stellung von Havanna als kosmopolitische Metropole und dem größten Teil der Insel als eher hinterwäldlerischer Provinz zu tun. Hinzu kommt das Erbe der Sklaverei mit der Verschleppung von Millionen Menschen aus Afrika. Zwar gibt sich Kuba heute als nicht rassistisch, und doch lassen sich Tendenzen ablesen, wonach die besseren Jobs und die besseren Karrieren eher weißen als schwarzen Männern und – seltener – Frauen vorbehalten ist.

Dieser besondere kubanische Nationalismus konnte sich im kalten Krieg der 60er Jahre nur in einem sozialistischen Gewand zeigen, wollte er nicht seine eigenen Grundlagen gefährden. Allerdings handelt es sich hierbei nicht nur um Rhetorik – Kuba unterscheidet sich sehr wohl von anderen lateinamerikanischen Ländern, was die durchschnittliche Lebensqualität angeht. Und die kubanische Regierung tut – wenn auch manchmal mit Berechnung – durchaus einiges, um die Ressourcen nicht nur der Hauptstadt zukommen zu lassen. Der allgegenwärtige Paternalismus läßt sich nicht übersehen und ist eher hinderlich für eine Debatte, wie sie derzeit auf der Insel versucht wird zu führen, nämlich wie Kuba in der Zeit nach Fidel Castro aussehen soll.

Trotz aller Rhetorik darf nicht übersehen werden, daß auch die gegenwärtige kubanische Politik relativ pragmatisch ist. Eine mögliche neoliberale Öffnung der Insel wäre für die meisten Menschen ziemlich fatal, weil ihnen die Lebensgrundlage genommen würde. Andererseits darf nicht übersehen werden, daß es womöglich eine nicht allzu kleine Schicht junger Kubanerinnen und Kubaner gibt, die ein ganz reales Interesse daran haben könnten, Kuba zu öffnen, weil sie hoffen, zu den Gewinnern dieses Prozesses zu zählen. Deshalb kann es gut sein, daß die derzeitige Führung, die sich stark auf das Militär stützt, auf absehbare Zeit mit einiger Akzeptanz rechnen kann, auch wenn die große Integrationsfigur Fidel Castro nicht mehr leben sollte.

Wirtschaftlich effizient im Sinne neoliberaler shareholder valuePropheten mag das kubanische System gewiß nicht sein, aber auch nicht einmal wirklich effizient im Rahmen der gegebenen gesellschaftlichen Möglichkeiten. Doch solange der äußere Druck durch die Handelsblockade und die auch ganz konkrete militärische Bedrohung anhält, werden die kubanischen Widersprüche sicher zu keiner emanzipatorischen Lösung führen. Mag sein, daß dies von beiden Seiten auch so gewünscht wird; wobei der Hinweis des Autors, daß die kubanische Seite diese Blockade durch eine andere Politik hätte beenden können, angesichts der Realität des US–amerikanischen Imperialismus einfach blauäugig ist. [2]. Dies ist jedoch kein Grund, Kuba und sein Modell zu verteufeln und an Maßstäben westlicher Menschenrechtsrhetorik zu messen, die einfach irreal und irreführend sind.

Zum Verständnis einer solchen Position vermag das Buch Insel der Extreme von Michael Zeuske beitragen, das 2004 in einer zweiten aktualisierten Auflage im Rotpunktverlag erschienen ist. Das Buch hat 415 Seiten und kostet 21 Euro. Und wer eine ausführliche 20–seitige Einführung in die kubanische Speise– und Getränkekarte zu schätzen weiß, wird in diesem Buch auf jeden Fall fündig.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit einem Vortrag von Harald Neuber über Kuba in der Kritik von links bis rechts. Die Frage des politischen Verhältnisses zum sozialistisch gefärbten Nationalismus Kubas ist nicht alleine eine der Menschenrechte oder der Solidarität. Tatsächlich wird die Debatte von Inhalten bestimmt, die mit Kuba wenig, aber mit hiesigen Anpassungsdiskursen eine Menge zu tun haben. Die sozialdemokratisch gewendete Linkspartei versucht, sich politikfähig zu zeigen, und das heißt im Zweifelsfall: die eigenen inhaltlichen Positionen als unnötigen Ballast über Bord zu werfen. Eine Partei, die in Berlin zusammen mit der SPD einen neoliberalen Privatisierungskurs fährt, ist wenig glaubwürdig, wenn sie andernorts die neoliberale Politik geißelt.

André Brie ist einer der Vordenker dieses Anpassungskurses und sein Job ist es, die notwendigen ideologischen Sprachbausteine und scheinbaren Sachzwänge zu liefern. Es wäre eine Illusion, in dieser Partei tatsächlich so etwas wie eine glaubwürdige Alternative zum kapitalistischen Wahnsinn zu sehen. Auch diese Partei wird somit den Weg ihrer Vorgänger, der deutschen Sozialdemokratie wie der Grünen gehen. Die Fleischtöpfe der Macht riechen doch ein wenig zu verführerisch und man und frau möchte ja schließlich ernst genommen werden und als politisch handlungsfähig gelten. Interessant daran ist nur, daß diese Damen und Herren ganz offensichtlich von den Reichen und Mächtigen und ihren medialen Vordenkern ernst genommen werden wollen, aber nicht von den Menschen, die sie vorgeben zu vertreten.

In diesem Zusammenhang sind die Äußerungen von André Brie und anderen zu Kuba folgerichtig. Auch diese Insel mit ihren unbequemen Inhalten soll abgewickelt werden, damit endlich Ruhe im Karton herrscht und der eigene Anbiederungskurs legitimiert werden kann. Eine Debatte über eine wahre sozialistische Demokratie wäre hierbei eher hinderlich. Da werden dann doch lieber Vorurteile und Ressentiments bedient und den Rechten nach dem Mund geredet. Menschenrechte sind jedoch nicht wertneutral; im Kapitalismus gibt es nämlich nur ein Menschenrecht: die Freiheit des Kapitals, Menschen auszubeuten und Profite zu machen.

Diese Sendung wird in der Nacht von Montag auf Dienstag um 23.00 Uhr, am Dienstagmorgen nach dem Radiowecker um 8.00 Uhr, sowie am Dienstagnachmittag um 14.00 Uhr wiederholt. Am kommenden Montag hört ihr auf diesem Sendeplatz Katharina Mann oder Niko Martin mit der Sendereihe Hinter den Spiegeln. Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt war am Mikrofon Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Michael Zeuske : Insel der Extreme, Seite 65

[2]   Zeuske Seite 260

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 29. Juli 2006 aktualisiert.

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©  Walter Kuhl 2001, 2006

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