Ehemaliges Bankgebäude
Kein Bahnhof, sondern ehemals eine Bank.

Kapital – Verbrechen

Radio Darmstadt deponiert sein Geld im Bahnhof, oder: wo die Ahnungslosigkeit grassiert

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 10. September 2012, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 10./11. September 2012, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 11. September 2012, 04.00 bis 05.00 Uhr
Dienstag, 11. September 2012, 10.00 bis 11.00 Uhr
Dienstag, 11. September 2012, 16.00 bis 17.00 Uhr

Zusammenfassung:

Radio Darmstadt übt sich an einer Liveübertragung, die buchstäblich ins Wasser fällt. Der Redakteur im Studio hangelt sich durch ein Notprogramm, das seine pure Ahnungs­losigkeit offenbart. Und er verrät seinen Zuhörerinnen und Zuhörern vorsichtshalber nicht, daß aufgrund eines hausgemachten technischen Desasters die vollmundig angekündigte Liveüber­tragung gar nicht stattfindet.

Wie man und frau eine Außenübertragung vom Hauptbahnhof ohne technische Pannen hinbekommt, hat die ehemalige Radiowecker-Redaktion von Radio Darmstadt am 4. April 2003 bewiesen. Diese Redaktion war dem Mainstream des Senders ein Dorn im Auge und wurde im Herbst 2006 mutwillig zerschlagen.

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Einleitung: Wir motivieren uns selbst 

Jingle Alltag und Geschichte

Wer wie ich in der Regel zweimal im Monat auf diesem Sendeplatz zu hören ist, hat so seine Probleme mit dem Aktualitätsbezug. Manchmal passieren Dinge, die dringend einer umgehenden Analyse und Kommentierung bedürfen; aber wenn ich dann erst eine oder zwei Wochen später auf Sendung gehen kann, ist das alles Schnee von gestern. Insofern versuche ich, meine Beiträge etwas zeitloser zu gestalten. Natürlich brennt es überall auf der Welt, Tag für Tag, und es gäbe genügend Stoff für eine Schreckensmeldung nach der anderen, auch wenn es manch ermutigendes Zeichen von Widerstand gibt.

Angesichts eines medialen Overkills, der uns bei der Lektüre von Zeitungen und Zeitschriften, beim Anhören von Nachrichten oder Features im Radio, oder beim bildgewaltigen Fernsehkonsum überfällt, ist es gar nicht so leicht, mit manch Banalem noch Gehör zu finden. Ich versuche es dennoch. Manchmal ist das Banale aber auch wieder recht aussagekräftig für das Bewußtsein einer Stadt wie Darmstadt, führt es uns doch die bornierte Bigotterie eines längst ergrünten Bürgertums vor Augen. Davon – und einigem anderen mehr – handelt meine heutige Sendung. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Meine heutige Sendung widme ich Lisa Stehling aus der Redaktion Mohnrot. Selbige Redakteurin hatte sich im Programmrat von Radio Darmstadt darüber ereifert, daß ich es wage, kritisch das Sendegeschehen auf diesem Sender on air zu beleuchten. Da schalte sie dann ab. Dagegen ist auch nichts zu sagen, denn Radio Darmstadt ist nicht nur ein Einschaltradio, sondern auch ein Ausschaltradio. Allerdings entgeht ihr dann etwas, was für das Verständnis dessen, was sich hinter den Kulissen von Radio Darmstadt abspielt, recht erhellend sein kann.

Am 31. August [2012], pünktlich zur Mittagszeit, lief die Frist für die Bewerbung auf die Frequenz des Darmstädter nichtkommerziellen Lokalradios ab. Neben dem Platzhirschen Radar hat sich auf selbige Frequenz auch die Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt beworben. Während der Platzhirsch – laut Eigendarstellung auf seinem Programmflyer – über einhundert Unterstützungs­schreiben hat einsammeln können, ist die Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt andere Wege gegangen. Ich gehe davon aus, daß die Unterstützungs­schreiben nicht das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt wurden. Das läßt sich schon daran belegen, daß einzelne Vereinsmitglieder in ihrem Bekanntenkreis vorformulierte Standardtexte verteilt haben. Wenn ich dann lese, was Radar-Vorstand Markus Lang dazu schreibt, nämlich:

„Über 100 solcher Schreiben sind in unserem Büro eingetrudelt und haben uns ob ihrer netten, motivierenden Texte sehr erfreut.“

Radio Darmstadt gefällt sich (Screenshot)Das erinnert mich an den Witz, der auf der Facebook-Seite von Radio Darmstadt zu finden ist. Kaum wird ein neuer Beitrag hochgeladen, was selten genug vorkommt, heißt es dort: „Radio Darmstadt gefällt das.“ Nun wäre es ja auch wirklich verwunderlich, wenn Radio Darmstadt nicht gefallen würde, was Radio Darmstadt an Texten produziert. Doch das hinter dem Like-Button vorzufindende Prinzip der banalen Beliebigkeit hat Methode. Natürlich gefällt Radio Darmstadt nicht nur sein eigener hochgeladener Beitrag, sondern es erfreut sich auch an den motivierenden Texten, die von Mitgliedern des Vereins vorformuliert wurden. Nun ist derlei Stuß kein Einzelfall auf den nicht­kommerziellen Wellen von Darmstadts einzigartigem Radio.

 

Pampern als Programm

Das Beste sind immer noch die Moderatorinnen und Redakteure, die im heiligen Ernst ihres Nachäffens kommerzieller und öffentlich-rechtlicher Vorbilder immer dann von „Recherche“ sprechen, wenn sie im Internet einen Text gefunden haben, den sie entweder wortwörtlich nachbeten oder den sie leicht verfremdet für ihren eigenen ausgeben. Es gibt jedoch auch Highlights auf diesem Sender, die finde ich einfach nur noch köstlich. Insbsondere dann, wenn die Recherche gar nicht erst stattgefunden hat und Radio Darmstadt uns mitzuteilen sucht, daß Geldgeschäfte am besten in Bahnhofshallen vorzunehmen sind.

Vor anderhalb Wochen, auch hier am 31. August, versuchte sich Radio Darmstadt an einer Liveüber­tragung von der Langen Nacht des Hauptbahnhofs. Diese Liveüber­tragung fiel nicht nur aufgrund der Witterungs­bedingungen buchstäblich ins Wasser, sondern offensichtlich auch aufgrund „technischer Probleme“, wie das im Amtsdeutsch von Radio Darmstadt so schön heißt.

„Und wir haben momentan noch ein paar technische Probleme. […] Es geht gerade etwas drunter und drüber.“

Nun kann ich darüber rätseln, worin selbige technische Probleme bestanden haben mögen [1]. Waren doch die technischen Cracks von Radio Darmstadt vor Ort, denen es einen leichtes sein sollte, so etwas Unkompliziertes wie eine Liveüber­tragung auch live hinzubekommen. Immerhin brüstet sich dieser Sender damit, seit nunmehr fünfzehn­einhalb Jahren auf Dauersende­betrieb zu sein, so daß wir mit Fug und Recht erwarten können, daß die technischen Cracks, die ich aus gutem Grund als Bastlertruppe bezeichne [2], es so langsam gelernt haben sollten, wie man eine solche Außen­übertragung auch technisch einwandfrei stemmt.

Es ist ja ein Irrtum zu glauben, nur weil Radio Darmstadt ein nichtkommerzielles Lokalradio ist, das rein ehrenamtlich von Laien gestaltet wird, daß dieses Radio deshalb auch unprofessionell klingen muß. Ganz im Gegenteil – andere Lokalradios dieser Art bekommen das durchaus gebacken. Ich kann mich dunkel erinnern, daß dies auch bei Radio Darmstadt einmal der Fall war. Als ehemaliges Vorstandsmitglied, auch für die Studiotechnik, weiß ich, daß Liveüber­tragungen, die ich mitorganisiert und durchgeführt habe, und das waren etliche, nicht ein einiges Mal ins Wasser gefallen sind [3]. Und daß hierbei niemals ein in Variationen beliebtes Mantra von Radio Darmstadt zu hören war:

„Und wir haben momentan noch ein paar technische Probleme. […] Es geht gerade etwas drunter und drüber.“

Ich denke, der technische Rückschritt, der nach Erteilung mehrerer Sende- und Hausverbote 2006 bei Radio Darmstadt eingezogen ist, macht sich immer wieder dann bemerkbar, wenn die Laientruppe, die aus technischen Cracks besteht, so richtig gefordert wird. Ich mag gar nicht an die so ganz und gar unprofessionellen technischen Features erinnern, an denen jahrelang herumgebastelt wurde. So schafften es unsere Technikexperten, nicht nur eine, sondern ab und an sogar drei Brummschleifen gleichzeitig auf den Sender zu bringen, was selbst für das unprofessionellste nichtkommerzielle Lokalradio ein absolutes No-Go ist.

WindelabteilungDann fingen sie an, die Sendestudios zu digitalisieren, mit dem zweifelhaften Erfolg, daß sie ein Stereosignal aussendeten, daß nur auf einem Kanal, wahlweise dem linken oder auch mal dem rechten Kanal zu hören war. Hinzu kommt, daß sie bis heute nicht in der Lage sind, rechts und links voneinander zu unterscheiden, so daß es durchaus vorkommen kann, daß der linke Kanal eines Originals auch einmal auf dem rechten Kanal ausgestrahlt wird. So ganz nach dem Motto: das merkt ja sowieso keine und niemand. Vielleicht war das auch das Motto bei der Langen Nacht des Hauptbahnhofs am 31. August. Es merkt ohnehin keine und niemand, wenn wir Interviews aufzeichnen und anschließend die Tonkonserve aufgrund schon benannter technischer Probleme im Sendehaus vorbeibringen, wo sie dann vom Redakteur im Studio, Björn Böhmelmann, sozusagen „live“ eingespielt werden.

Warum erzähle ich das alles? Nun, auch Radar, der Trägerverein von Radio Darmstadt, hat sich auf die erneut ausgeschriebene Frequenz für ein nichtkommerzielles Lokalradio beworben. Angesichts dessen, was für ein Mumpitz zuweilen auf diesem Sender zu vernehmen ist, frage ich mich dann schon, warum ausgerechnet eine solche Laientruppe für weitere sechs Jahre eine Lizenz zum Senden erhalten soll. Spannender finde ich jedoch die Frage, ob diejenigen, die einhundert Unterschriften im Sendehaus eintrudeln ließen, eigentlich wissen, was sie da unterstützen. Mehr noch, hören sie dieses Radio eigentlich regelmäßig? Machen sie sich eigentlich Gedanken über die Aufgaben eines nicht­kommerziellen Lokalradios? Oder segnen sie nur einen Zustand ab, von dem sie unzweifelhaft profitieren?

Von Heinrich Böll stammt eine Kurzgeschichte mit dem geheimnisvollen Titel Doktor Murkes gesammeltes Schweigen. Es handelt sich hierbei um eine Satire auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und dessen ureigenste Befindlichkeiten. Die Geschichte spielt in der Zeit des Wirtschwafts­wunders, als alte Nazis lupenreine Demokraten mimten und die Religion als Trostpflaster des Bürgertums fungierte, das sich angesichts eines verlorenen Krieges auf seine konservativen Werte besann. Doktor Murke, ein Angestellter selbigen Rundfunks, machte es sich zur Gewohnheit, besonders gelunge Schnitte, hier: die beim Schnitt entstandenen Schnipsel, zu sammeln. Vor allem dann, wenn sie Stille enthielten. Diese Satire fand eine kongeniale filmische Umsetzung mit Dieter Hildebrandt in der Hauptrolle als Doktor Murke.

Nun war schon damals der öffentlich-rechtliche Rundfunk ein Nest bürgerlicher Heuchelei. Karrieristische Seilschaften, politisches Proporzdenken und persönliche Animositäten spielten damals wie heute eine wichtige Rolle dabei, was gesendet wurde und was nicht. Vor allem der Gesichtspunkt des gegenseitigen Gebens und Nehmens kam nicht zu knapp. Das auf Waren­austausch getrimmte Denken und Handeln der bürgerlichen Gesellschaft findet hier seinen akustischen oder filmischen Widerhall: „Verfeaturst du mich, dann verfeature ich dich.“

Nun hat Radio Darmstadt keine Waren feilzubieten, denn Radio Darmstadt bezeichnet sich als ein nicht­kommerzielles Lokalradio. Aber selbst­verständlich funktionieren auch hier die Mechanismen und Mentalitäten der bürgerlichen Waren­gesellschaft. Einzelpersonen, Initiativen, politische Gruppen oder auch lokale Bands erinnern sich gerne daran, daß sie hier ihr Anliegen vortragen konnten, zumeist ohne sich dabei kritischen Fragen stellen zu müssen. Sie konnten Darmstadts Hörfunkmedium ganz ohne Annoncengebühr und Werbeschaltung nutzen, und deshalb kommen sie auch gerne wieder. Das bürgerliche Befinden will gehätschelt und gebauchpinselt werden.

Selbstverständlich konnten derlei Initiativen und Bands auch ganz kommerzielle Anliegen vortragen; und wenn Aurel Jahn oder Petra Schlesinger im KultTourKalender die vorformulierten Promotiontexte für Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen mehr oder weniger unverändert vortragen, dann ist dies sicher nicht zum Schaden der jeweiligen Veranstalter. [4]

Gewiß, machmal sind Darmstadts Redakteure auch etwas sperrig. Der verstorbene Kulturredakteur Rüdiger Gieselmann beispielsweise hatte kein Problem damit, Theater­inszenierungen zu kritisieren und seiner Ansicht nach schlechte schauspielerische Leistungen zu tadeln. Und wer macht dies heute noch auf Darmstadts lobhudelnden Wellen? Und genau hier liegt das Problem. Darmstadt hat genau das nichtkommerzielle Lokalradio erhalten, das die Befindlichkeiten einer vor allem grün-alternativen Polit- und Kulturszene bestens bedient. Und verwundert es dann, wenn die so Gebauch­pinselten ihre Unterschrift unter vorformulierte Texte setzen? Eine Hand wäscht halt die andere. Da mir mehrere dieser Schreiben vorliegen und auch die dazugehörigen internen Gruppen­diskussionen, weiß ich, wie der Darmstädter Hase gelaufen ist: „Verfeaturst du mich, dann verfeature ich dich.“

Soll ich derlei Unterstützung wirklich ernst nehmen?

Doch kommen wir zurück zur Performance der Langen Nacht des Hauptbahnhofs, und hier der angeblichen Liveübertragung.

 

Ein notwendiger, sich jedoch als ziemlich überflüssig erweisender Sendeplatzklau

Auf dem Programmflyer dieses Senders für den Monat August prangte unübersehbar auf dem Titelbild die Ankündigung, man, vielleicht auch frau, werde selbige Lange Nacht von 18 bis 24 Uhr live begleiten. Das Titelfoto wurde von Fotodesign Mey aus Griesheim zur Verfügung gestellt und es zeigt im nächtlichen Laternenschein eine Straßenbahn vor Darmstadts Hauptbahnhof. Mitunter ist es ja ganz praktisch, ein Archivfoto herauskramen zu können, das nicht mehr ganz taufrisch ist. [5]

Für diese Liverübertragung mußten natürlich angestammte Sendungen zurücktreten. Da der KultTourKalender von Petra Schlesinger ohnehin häufiger ausfällt oder als Notprogramm von anderen Redakteuren gefüllt wird, war dies hier unproblematisch. Beim nachfolgenden Radio Theater von Norbert Büchner war dies jedoch nicht so einfach. Norbert Büchner besitzt nämlich aufgrund eines gerichtlichen Vergleichs eine Sendeplatz­garantie. Das heißt: der Verein hätte hier erst einmal anfragen müssen, ob er den Sendeplatz ausnahmsweise einmal bekommen könne. Die Anfrage jedoch blieb aus. Mehr noch.

Es gibt eine ungeschriebene, aber immer wieder praktizierte Regel des Programmrats von Radio Darmstadt. Wenn der Vorstand oder eine Redaktion für eine eigene Sendung den Sendeplatz einer anderen Redaktion benötigt, müssen sie dies vorab mit der entsprechenden Redaktion oder dem Redakteur bzw. der Redakteurin des Sendeplatzes abklären. Andernfalls gilt dies als unfriendly takeover, und so etwas wird im Programmrat ungern gesehen. Außer natürlich, es trifft die Redaktion Alltag und Geschichte oder den Redakteur mit Sendeplatz­garantie Norbert Büchner. Wer nicht zum Programmratsklüngel gehört, für den gelten die Regeln des Programmrats einfach nicht. Weder wurde die Redaktion Alltag und Geschichte gefragt, noch Norbert Büchner. Spannend wird dieser Sachverhalt in dem Moment, in dem Norbert Büchner knapp vor Beginn der geplanten Übertragung aus dem Büro von Radio Darmstadt folgende schriftliche Mitteilung erhält:

„Wir gehen davon aus, dass Sie durch Ihren Redaktionssprecher hierüber bereits in Kenntnis gesetzt wurden.“

Ist es nicht genial, wie der Sender mit Menschen umgeht, die er am liebsten ausgrenzen würde und die sich ihr Recht zu senden erst vor Gericht erstreiten mußten? Wie dumm nur, daß Norbert Büchner gar keiner Redaktion angehört und mit dem gerichtlich ausgehandelten Vergleich quasi einen direkten Vertrag mit dem Vorstand von Radar abgeschlossen hat. Folgerichtig hat es der Vorstand von Radar versäumt, die Regeln des Darmstädter Lokalradios zu respektieren. Und das für eine Veranstaltung, die dann ohnehin buchstäblich ins Wasser gefallen ist. [6]

John Cage am HauptbahnhofImmerhin – im Gegensatz zum letztjährigen Heinerfestradio [7] begann die Sendung zum 100. Geburtstag des Darmstädter Hauptbahnhofs sogar pünktlich, nämlich mit einem passenden Werbetrailer. Dieser Trailer wurde auch später noch eingeblendet, als klar war, daß da live nichts mehr laufen würde. Versprochen wurde ein Liveprogramm von 18 Uhr bis zur Abfahrt des letzten Zuges. Der Trailer war sogar richtig niedlich, aber ich kann ihn leider nicht so ohne weiteres einspielen. Vermutlich würde Björn Böhmelmann sein Urheberrecht geltend machen, und in der Tat ist – abgesehen vom banalen Text – eine minimale schöpferische Höhe nicht auszuschließen. Das Urheberrecht setzt nämlich Werkcharakter voraus, was ohne eigene schöpferische Leistung nun einmal nicht geht. Nun könnte ich hier noch einflechten, daß selbiger Björn Böhmelmann, dessen Stimme wir bei der Vorstellung der technischen Probleme schon gehört haben, vor einiger Zeit einmal ganz ungeniert die News der Webseite heise.de auf diesem Sender vorgelesen hat, um das Computerspielemagazin von Radio Darmstadt inhaltlich aufzupeppen. Der Heise Verlag fand das gar nicht witzig und pochte gegenüber dem hiesigen Lokalradio auf seinem Urheberrecht.

Ich will das hier nicht vertiefen, weil das Urheberrecht vollkommen zurecht in die öffentliche, und zwar durchaus kritische öffentliche Diskussion gekommen ist. Es wäre ja noch verständlich, wenn die tatsächlichen Urheberinnen und Urheber selbiger Texte gut davon leben könnten. Aber das Printmedien­gewerbe ist ziemlich abgezockt, so daß es eher die Verlage sind, die an den anfallenden Tantiemen verdienen und weniger diejenigen, welche die Texte verfaßt haben.

Nun schreiben die heiligen Sendekriterien von Radio Darmstadt, die sich der Programmrat von einem früheren Vorstandsmitglied hatte diktieren lassen [8], vor, daß das geltende Urheberrecht zu beachten ist. Und während der Programmrat erfundene Verstöße gegen selbige Sendekriterien bei Mitgliedern der Redaktion Alltag und Geschichte gnadenlos mit Sendeverboten abstraft, hielt er sich bei den mannigfaltigen Plagiaten und Urheberrechts­verstößen auf Darmstadts ablesefreudiger Welle deutlich zurück. Das ist auch kein Wunder. Waren doch mehrere heutige oder frühere Programmrats­mitglieder selbst in das Ablesen fremder Texte involviert, Texte, die urheberrechtlich geschützt waren und/oder bei denen das Ablesen fremden Inhalts nicht kenntlich gemacht wurde.

Ich verzichte an dieser Stelle auf das Benennen der zugehörigen Namen, kann dies, wenn der Programmrat das wünscht, aber gerne in einer meiner nachfolgenden Sendungen nachreichen. Es ist ohnehin auf meiner Webseite ausführlich, mit Beleg, nachzulesen und sogar anzuhören. Im Programmrat geht es bekanntlich recht gesittet zu, so wie etwa bei den bekannten Krähen, bei denen keine einer anderen ein Auge aushacken mag. Da erhalte eher ich ein Sendeverbot, weil ich die Wahrheit auf diesem Sender verbreite, als daß tatsächliche Verstöße aus den eigenen Reihen, obwohl bekannt, auch nur diskutiert würden. Das nennt sich dann etwas euphemistisch „Qualitätscheck“ und ist ein Beweis für die geradezu wörtlich erlesene Qualität von Radio Darmstadt. Klar, auch dafür verdient der Verein einhundert Unterschriften und nachfolgend eine neue Sendelizenz. Daß der Verein sich das selbst eingebrockt hat, daß die Sendelizenz überhaupt erst seitens der Landesmedienanstalt neu ausgeschrieben werden mußte, steht auf einem noch ganz anderen Blatt, das ich hier an dieser Stelle nicht auch noch vortragen werde.

 

Der furchtbar wichtige Ehrenredner aus der Pamperstube

Nach einer ersten Musikeinblendung meldet sich Redakteur Björn Böhmelmann an besagtem Freitagabend zur Langen Nacht des Hauptbahnhofs zurück. [9]

„Im Hintergrund hören wir auch schon viele Leute hastig telefonieren, um unsere schöne Leitung zum Hauptbahnhof hinzukriegen. Das wird sich noch ein bißchen hinziehen. Wir werden wahrscheinlich erst so gegen 19 Uhr voraussichtlich direkt vom Hauptbahnhof berichten. Dann natürlich auch von der Rede von Jürgen, eh, Jochen Partsch. Und vieles mehr.“

Natürlich waren die vielen Leute, die aus welchem Grund auch immer hastig telefonieren mußten, keineswegs zu hören. Ob sie überhaupt im Sendehaus anzutreffen waren, möchte ich bezweifeln. Aber derlei Geschwalle gehört zu jeder kommerziellen Anmutung, bei der es auf die Produktion von viel Schein ankommt. Das nennt sich dann Imageproduktion. Ob die schöne Leitung von Radio Darmstadt bonbonfarben illuminiert oder aus echter Silberlitze besteht, würde mich hingegen eher interessieren. Derlei Geplapper ist typisch, wenn der Redakteur im Studio, der Not gehorchend, schnell ein paar Floskeln ablassen muß. Insofern ist Björn Böhmelmann eher als Opfer widriger Umstände anzusehen. Allerdings sollten wir daran denken, daß wir in Streßsituationen unser Innerstes nach außen zu tragen pflegen, woraus psychologisch geschulte Beobachter und Hörerinnen bemerkenswerte Erkenntnisse über das Sein hinter dem schönen Schein gewinnen können.

Veranstaltungsort am HauptbahnhofHier erfahren wir also, daß die Leitung noch nicht steht. Ich frage mich, ob die Technikcracks von Radio Darmstadt vorab eine Testschaltung durchgeführt haben, um nicht kurz vor knapp live vor Ort auf die Schnauze zu fallen. Versierte Techniker machen so etwas. Ich spreche da aus Erfahrung.

Eine halbe Stunde später, viel Musik ist seither verflossen, erhalten wir das Versprechen, man werde „demnächst“ den ersten Beitrag hereinkriegen. Woraus wir folgern dürfen: die Leitung steht immer noch nicht und ein Kurier (oder eine Kurierin) muß geschwind mit dem Tonträger ins Sendehaus fahren. Doch anstelle des versprochenen Beitrags hören wir einige Minuten später einfach gar nichts, nämlich ein Sendeloch, was uns der Studioredakteur mit folgenden launischen Worten nahezubringen sucht:

„So, meine Damen und Herren, ein bißchen still war es jetzt gerade für eine Zeitlang. Dafür bitte ich mich zu entschuldigen. Manchmal passieren dann parallel einige Ereignisse. Das ist nun mal in einer Livesendung so. Und da kann es doch mal zum Stillstand kommen.“

Zum Stillstand kommen – das verstehe ich nicht. Da wuselten doch vorhin angeblich noch ganz viele Redakteurinnen und Redakteure herum, die hastig telefonisch eine schöne Leitung zu ordern versuchten, obwohl es eine ganz banale auch getan hätte. Wo sind die geblieben? Kurz: Moderations-Blabla. Zumal wir anschließend mit weiterer Musik vertröstet werden. Nun handelt es sich zweifellos um eine Liveübertragung, wenn auch um eine aus dem Sendestudio selbst. Wären nun einige derjenigen, die unter dem Festzelt von Radio Darmstadt an der Westseite des Hauptbahnhofs auf den Regen gewartet hatten, im Sendehaus gewesen, um den Redakteur vor Ort zu unterstützen, dann wäre auch dieses Sendeloch zu vermeiden gewesen. Derlei Ereignisse passieren nur bei mangelnder Vorbereitung, aber nicht einfach „so“. Auch nicht im ehrenamtlichen nicht­kommerziellen Lokalradio. – Dann verspricht uns der Moderator mit Verweis auf die Feierlichkeiten zum 100jährigen:

„Und das ist natürlich ein Anlaß, weswegen wir auch Beiträge Ihnen senden von hier aus. Und der nächste Beitrag wird mit der Polizei sein. Also, wir sind schon mal gespannt.“

Scheint ja schon im Kasten zu sein und als Tonträger vorzuliegen; er wird tatsächlich später auch eingespielt. Doch dann muß ihm ein Haltesignal gezeigt worden sein, denn Minuten später plaudert er aus:

„Ja, natürlich gibt es erstmal, bevor wir – das habe ich natürlich vergessen – den Beitrag von der Polizei in Darmstadt hören, einen anderen Beitrag, und zwar die Eröffnungsrede von Jochen Partsch. Das Ganze beginnt ungefähr in 20 Minuten …

Ich werde noch ein bißchen recherchieren über die Entstehungsgeschichte der Eisenbahn und, welche Musik das begleitet hat. Und da kommen dann nach und nach immer neue Titel dazu, natürlich auch die Vorreiter des Blues.“

Wir schreiben inzwischen viertel nach 7, und da ich nicht bei der Rede des so hochwichtigen Herrn Oberbürger­meisters dabei gewesen bin, kann ich nicht sagen, wann er denn tatsächlich geredet hat. Als ich jedoch kurz vor 7 am Veranstaltungsort vorbeigeschaut habe, um mir mal anzusehen, was Radar da so treibt, konnte ich das erste Trockeninterview erhaschen. Und das wurde garantiert nicht „live“ ausgestrahlt.

Bemerkenswerter finde ich an dieser Stelle, daß der Redakteur im Studio noch ein wenig nach Musik recherchieren muß. Vermutlich war er darauf nicht vorbereitet. Vermutlich sollte die Liveübertragung ja auch live vor Ort erfolgen und nicht aus dem Sendestudio am Steubenplatz. Und wie bei jeder schlechten Verlegenheits­moderation kann es dann einmal vorkommen, daß ein Redakteur seine ureigenste Aufgabe, als das Banal-Selbst­verständliche, zum Thema seiner Moderation macht. Wen interessiert es, daß er in den Weiten des Internets noch ein wenig herumstöbern muß, um Lückenfüller für eine ins Wasser fallende Liveschaltung zu finden? Nun gut, er könnte auch sagen: „Leute, wir kriegen die Liveübertragung nicht gebacken und müssen statt dessen improvisieren. Da wir nix vorbereitet haben, schon gar keine Inhalte, suche ich jetzt mal im Internet nach Musiktiteln, die irgendwas mit Eisenbahnen zu tun haben könnten.“ Aber so viel Ehrlichkeit widerspäche dem Image eines Senders, der einhundert verfeaturete Unterschriften benötigt, um die Lizenz zum Weiterwurschteln zu erhalten.

Um halb acht, anderthalb Stunden nach Beginn der nicht liven Liveübertragung, verspricht uns unser Redakteur wieder etwas:

„Heute geht es in die Vollen. Jetzt, anderthalb Stunden nach Beginn der Sendung, haben wir die Aussicht auf ein paar Beiträge, die über diesen Festtag am Hauptbahnhof, nämlich 100 Jahre Hauptbahnhof Darmstadt, [lauten?]. Und, wir werden natürlich auch die Eröffnungs­rede von Jochen Partsch präsentieren. Bis dahin hören wir [uns?] noch ein bißchen was an, nämlich  …“

Ja, was wohl? Genau, mehr als eine halbe Stunde lang Musik. Da geht es ehrlich in die Vollen. Nachdem wir aber nun zum dritten Mal eindringlich auf die Wichtigkeit des Redebeitrags von Jochen Partsch hingewiesen worden sind, muß ich frei nach Heinrich Böll eine Frage an Darmstadts Oberbürger­meister loswerden: „Hast Du etwa auch zugunsten der Lizenz für diese Laientruppe unterschrieben? Dann ist es nämlich kein Wunder, daß sie Dich so hypen.“

Das Pampern des Oberbürgermeisters

Im November 2012 stellt der Sender sowohl auf seiner Webseite wie auf seiner Facebook-Seite den Oberbürger­meister ganz groß in Wort und Bild vor. Ein freundlich lächelnder Patriarch strahlt uns dort entgegen und erklärt: „Ich höre RadaR, weil hier Lokalpolitik groß geschrieben wird.“

Es stellt sich heraus, daß dieser freundlich lächelnde Herr von Radar schon einmal für eine Imagekampagne genutzt worden ist. Im Frühsommer 2011 hatte der Verein mit der HEAG einen Deal abgeschlossen. Darmstadts Stadtholding warb auf dem Programmflyer für ein ihr gehöriges Busunternehmen, im Gegenzug konnte Radar besonders preisgünstig für drei Monate das Infotainment der Busse und Straßenbahnen nutzen. Werbewirksam wurde in dieses Infotainment der soeben frisch gewählte grüne Oberbürger­meister eingebaut.

Großes Händewaschen sozusagen.

Bleibt die Frage zu stellen, zu welchen Konditionen die Busfahrerinnen und Busfahrer des Busunternehmens NVS entlohnt werden. Der zwischen dem Landesverband Hessischer Omnibus­unternehmen und ver.di 2012 abgeschlossene Tarifvertrag sieht einen Stundenlohn von € 10,81 vor. ver.di hatte für die u. a. bei NVS Beschäftigten eine stufenweise Anpassung des Stundenlohnes von zuvor € 10,51 auf € 15,00 brutto gefordert. Was immer noch etwa ¼ niedriger läge als der aktuelle hessische Durchschnitts­stundenlohn, der bei etwa € 20,00 liegt, wie ver.di-Verhandlungs­führer Andreas Jung zu Beginn der Tarifverhandlungen erklärt hatte. So findet der Niedriglohn­sektor Eingang in das neoliberal aufgepeppte Image von Radio Darmstadt.

Um sich artig zu bedanken für so viel prominente Unterstützung, muß der Sender nachträglich dem von ihm inniglich geliebten Politiker den Hintern abwischen. So gehört sich das.

 

Von Tuten und Blasen

Doch bevor wir mit der mit mäßiger Spannung zu erwartenden Rede des OB berieselt werden, werden uns zwischendurch recht baldige Beiträge versprochen, gefolgt von der Durchsage, jetzt komme etwas ganz Neues. Nein, nein, keine Liveschalte. Nur ein neuer, aus dem Internet „recherchierter“ Musiker. Wir verstehen nun ganz gewiß, weshalb das „Radio Theater“ von Norbert Büchner abgesetzt werden mußte. Derlei Mumpitzkram rechtfertigt alles. Kurios ist dann, wenn zu Beginn der dritten Sendestunde die Zuhörenden aufgefordert werden, doch einmal vorbeizukommen. Vermutlich, um die Laientruppe in ihrer Kompetenz ganz live zu erleben. Folgerichtig – ihr merkt, mein Sarkasmus bricht nun vollends durch – erklärt uns wenige Minuten später ein hauseigener Trailer: „Radar – es hören uns mehr, als man denkt.“ Das hat dann schon etwas von Realsatire.

Wir warten jedenfalls weiter auf die Einlösung des Versprechens. Und damit es uns nicht allzu langweilig wird vor lauter Vertrösterei, gibt uns Studioredakteur Björn Böhmelmann das Ergebnis seiner Recherche zum Besten:

„Etwas später dann, im Jahr 1912, wurde der Hauptbahnhof in Darmstadt umverlegt. Und der war hier gerade um die Ecke bei Radio Darmstadt, nämlich früher in der Friedrichstraße, bei uns hier. Und direkt gegenüber, wenn man aus unseren Scheiben herausguckt, aus unserem Sendestudio, sieht man noch das alte Gebäude, das mittlerweile zu einem Studenten­wohnheim umfunktioniert wurde.

Wir haben erfahren jetzt, daß es deswegen Verzögerung gegeben hat, weil eben das Wetter eingesetzt hat, es waren nicht viele Leute da, man hat gewartet, bis sich das Ganze etwas füllt. Aber, die versprochenen Aufzeichnungen vom Bürgermeister Jochen Partsch, die Eröffnungsrede, werden wir in Kürze zu hören bekommen. Jetzt ist es wirklich so weit, also nur ein kleines Bißchen, vielleicht drei, vier Lieder, und dann geht's auch los. Wir hören jetzt …“

… na, was wohl? Musik natürlich. Denn es ist ja eine Liveübertragung. Grins.

Schild am BankeingangWir erfahren nun endlich, was Radio Darmstadts besonderer Bezug zum Darmstädter Hauptbahnhof sein soll. Gegenüber steht etwas. Nun wurde in der Tat 1912 der alte Hauptbahnhof vom Steubenplatz, der damals noch nicht so hieß, einige hundert Meter weiter nach Westen verlegt. Aber, lieber Björn Böhmelmann, vielleicht wärst du zur „Recherche“ einfach einmal auf die Friedrichstraße getapert und hättest dir dort rechts am Eingang zum Studenten­wohnheim die Tafel zu den „Darmstädter Baudenkmälern“ angeschaut, auf der nämlich Folgendes geschrieben steht:

„Bank für Handel und Industrie

Als Repräsentationsbau der Gründerzeit 1873-1875 von Philipp Berdellé bei den alten Bahnhöfen erbaut. Vor allem die Eckfassade orientiert sich an der Baukunst Gottfried Sempers (Mittelpavillon für den Dresdener Zwinger).

Die Fassadenskulpturen von Valentin und Heinrich Barth nach Modellen von August Drach.

Seit 1932 nicht mehr als Bankhaus genutzt, nach dem Zweiten Weltkrieg zwei Geschosse aufgestockt.“

Ja, so sieht eben die „Recherche“ bei Radio Darmstadt aus! Sinnloses dummes Zeug wird in die Welt gestreut, so als wolle man und frau um jeden Preis die kommerzielle Welt des Dummschwätzes anderer Sender nachäffen.

Ich kritisiere das ja an anderer Stelle, daß bei Radio Darmstadt fleißig aus der Wikipedia vorgelesen und diese Vorleserei zuweilen auch als eigene Recherche verkauft wird. Aber vielleicht hätte der Studioredakteur mal weniger nach Musik und statt dessen nach Inhalten im Internet nachgeschaut. Sogar die Wikipedia ist hier ein Füllhorn an richtiger Erkenntnis. Da kannst du das nämlich nachlesen, wo der alte Hauptbahnhof gestanden hat. Und wenn dir das nicht ausreicht, dann hättest du dich vielleicht an die Liveübertragung aus dem Landes­sozialgericht erinnern können, bei der ganz nebenbei erwähnt wurde, daß selbiges Gericht am Standort des früheren Ludwigsbahnhofs erbaut wurde. Und auf derselben Straßenseite, nur einige Meter weiter südlich befand sich das repräsentative Bahnhofsgebäude der Main-Neckar-Bahn, etwa dort, wo heute die Mornewegstraße auf den Steubenplatz mündet.

Und wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf: auch auf meiner Webseite über die Riedbahn könntest du ausreichende Hinweise darüber gefunden haben, daß dein Sermon über das Studenten­wohnheim, das einmal ein Bahnhofsgebäude gewesen sein soll, auf Nichts als Ahnungslosigkeit beruht. Manchmal gewinnt man oder frau ja ohnehin den Eindruck, daß Ahnungslosigkeit zum Programm von Radio Darmstadt gehört.

Immerhin, wir schreiben nun 20 Uhr 17 und wurden mit unzähligen Musiktiteln hingehalten, ist es nun endlich so weit. Radar kann sein Feature senden, nämlich die Rede von Jochen Partsch.

„Und jetzt ist es auch endlich so weit. Wir haben die Eröffnungsrede von Jochen Partsch von dem Fest 100 Jahre Hauptbahnhof bzw. Lange Nacht des Hauptbahnhofs endlich hier bei uns [es folgen die Frequenzen]. Das hören Sie bei keinem anderen Sender.“

Das möchte ich glatt bezweifeln. Honoratiorengesülze ist doch Massenware bei allen Sendern, oder? Nun will ich nicht ungerecht sein. Ja, es gab dann doch den einen oder anderen Beitrag. Mal steuerte Vorstand Markus Lang einen bei, mal Ex-Vorstand Aurel Jahn. Bemerkenswert die Imageproduktion von Markus Lang, der uns das längst vorliegende, weil aufgezeichnete Interview mit der Bundespolizei als live verkauft.

„Wieder live vom Hauptbahnhof. Diesmal zu Gast an unserem Stand Herr V. und Herr M. von der Poliezi, genauer gesagt, von der Bundespolizei.“

Da erstaunt es dann eher, daß Björn Böhmelmann im Verlauf des Abends ganz offenherzig erklärt, man habe noch ein paar Beiträge hereinbekommen, die ganz gewiß live aufgezeichnet, dann live transportiert und schließlich live vom Sendecomputer eingespielt wurden. Das erinnert mich an einen Dampfplauderer bei Radio Darmstadt, dessen Namen ich vornehm verschweige, der allen Ernstes auch die Wiederholung des Vorabend­programms live gestartet wissen wollte. Soviel zum Thema „Live“ im livesten Lokalradio Südhessens.

Wenn der Redakteur im Studio seine Ahnungslosigkeit im Brustton der Überzeugung zu Markte trägt – und es kommt noch besser –, dann gibt sich Markus Lang im Interview mit einem Vertreter und einer Vertreterin der Bahnhofsmission ganz offenherzig ahnungslos.

„Wo genau befindet sich denn die Bahnhofsmission in Darmstadt? Ich muß gestehen, ich weiß es gar nicht genau.“

Dies nur als Beleg zu meiner Aussage, daß Ahnungslosigkeit zum Programm von Radio Darmstadt einfach dazugehört. Ich muß gestehen, ich weiß es auch nicht. Aber wenn ich mich auf ein Interview vorbereite, dann versuche ich schon, dieser Ahnungslosigkeit abzuhelfen. Im Grunde genommen handelt es sich hierbei um einen plumpen Moderationstrick. Mit der offenherzigen Aussage, etwas nicht zu wissen, wirkt der Moderator oder die Moderatorin für das Publikum menschlicher. Und praktischer­weise wird den Gesprächs­partnerinnen der Ball zugeschoben, nämlich daß diese nun die Recherchearbeit übernehmen. Diese Methode verführt geradezu dazu, sich nicht vorbereiten zu müssen, was mich an eine andere geniale Sequenz auf diesem Sender erinnert. Zwei Moderatoren kommen ins Studio und wollen ihre Sendung beginnen. Fragt der eine den anderen: Ja, was machen wir jetzt. Sagt der andere: Keine Ahnung, ich bin nicht vorbereitet. Spielen wir doch einfach Musik. Zweifellos ein Programm, das wir unbedingt weitere sechs Jahre benötigen, weil es keinerlei Entwicklungs­potential verrät.

Apropos Ahnungslosigkeit. Studioredakteur Björn Böhmelmann verfällt als Zwischenton zu den nun nach und nach eingespielten live aufgezeichneten Interviews auf den wahnwitzigen Gedanken:

„Wenn Sie Fragen zum Darmstädter Hauptbahnhof haben, und wann und wie und welcher Architekt und so weiter ihnen auf den Lippen liegt, dann können Sie uns auch anrufen [es folgt die Telefonnnummer].“

Was überaus sinnvoll ist, wenn man oder frau kein Internet zu Hause hat, denn woher sonst wird sich der Studioredakteur informieren? Von welch zweifelhaftem Wert dieser Aufruf ist, zeigt uns folgende gründliche Recherche:

„Es gibt natürlich auch nochmal geschichtliche Informationen von Radio Darmstadt. Wir wären ja nicht Radio Darmstadt, wenn wir das vernachlässigen würden. Ich hab's vorhin schon erwähnt. Hier am Steubenplatz gab es auch mal einen Bahnhof, der ist natürlich 1912 nicht mehr dagewesen, beziehungsweise aktiv gewesen, denn es gab ja den Hauptbahnhof, der jetzt ins hundertste Jahr geht. Aber es war ein Bahnhof, der in Richtung Frankfurt-Heidelberg, also Durchgangs­bahnhof, und Mainz-Aschaffenburg. Also immerhin, man kann sich das gar nicht mehr vorstellen heute, da um diesen Bahnhof herum viele Gebäude und Straßen stehen, unter anderem auch die Feuerwehr. Und deswegen ist es auch interessant, mal hier vorbeizuschauen bei uns, bei Radio Darmstadt, oder gegenüber, um sich den alten Bahnhof anzusehen, denn, wenn [man] von außen davorsteht, fällt es erst gar nicht so wirklich auf, aber die hohen Gebäude sind dann der deutliche Hinweis, die hohen einzelnen Stockwerke, daß da mal früher irgendetwas drin gewesen sein muß, wo Züge oder irgendetwas in der Art durchgefahren sind. Und es war tatsächlich der Vorgänger­bahnhof von unserem Hauptbahnhof, hier, Ecke Friedrichstraße / Steubenplatz 12.“

Also, wenn irgend etwas in der Art durch das damals noch nicht aufgestockte Gebäude gegenüber dem Sendefenster von Radio Darmstadt durchgefahren ist, dann sind es die Geldscheine eines florierenden Bankbetriebes. Ich schlage vor, der Programmrat dieses Ahnungslosen­radios beschließt als Maßnahme zur Qualitäts­verbesserung seines Programms, dem Redakteur Björn Böhmelmann die Grundlagen sachgerechter Recherche nahezubringen. Das ist ja nicht zum Aushalten! Wir wären vermutlich nicht bei Radio Darmstadt, wenn uns derlei Dünnpfiff nicht mit besonderer Effekthascherei nahegebracht würde. Aber ich fürchte, hier hat der gesellschaftliche Mainstream mit seinen markt­schreierischen Hörfunk- und Fernsehprogrammen, egal ob privat oder öffentlich-rechtlich, im Gehirn mancher Redakteure tiefe Spurrillen hinterlassen.

 

Hundert Jahre Ahnungslosigkeit

Da der Redakteur nun wahrlich keine Ahnung hat, blubbert er sich irgendeinen Stuß zusammen. Ja, es gab einmal einen Durchgangs­bahnhof auf der Strecke von Frankfurt nach Heidelberg, aber das ist nichts Besonderes, das gibt es auch heute. Damals wie heute fuhren und fahren Züge nach Mainz und Aschaffenburg. Das kann man sich wirklich nicht vorstellen! Und vermutlich wird sich Björn Böhmelmann auch nicht vorstellen können, daß vor einhundert, einhundert­zwanzig Jahren auch einmal Schnell- und Eilzüge über Griesheim nach Worms verkehrten.

Apropos Ahnungslosigkeit als Programm. Wir hören gleich den Originalton Tonka. Selbiger war nämlich für die ins Wasser gefallene Liveübertragung als Moderator ab 22 Uhr eingeplant worden. Er kam mit dem Zug eine halbe Stunde früher an und traf die Menschen vom Radar-Stand am Hauptbahnhof beim Einpacken an. Aber John Cage hat es ihm angetan. Wir erfahren:

„Daß es auch tolle Kunst gibt am Bahnhof, und zwar von John Cage, der ja seinen 100. Todestag hat.“

Aua! Immerhin bemerkt jemand im Sendehaus diesen Fauxpas, weshalb er in einer späteren Moderation richtig gestellt wird. Ein anderer Fauxpas hingegen bleibt unbemerkt. Am nachfolgenden Samstag, also am 1. September, veranstaltete die Heag ihren Tag der offenen Tür an fünf Standorten. Passend hierzu verband die Heag als altes Straßenbahn­unternehmen selbige Locations mit einer eigenen Straßenbahn­linie 100. Und da Ahnungslosigkeit an diesem Abend epidemisch auftrat, hören wir nun die exquisite Recherche von Radio Darmstadt.

Zweimal hundert ergibt erst recht keine Ahnung

Die Redakteure Björn Böhmelmann und Thomas Tonka spielen sich kurz vor Ende der unliven Liveüber­tragung gegenseitig den Ball der Ahnungslosigkeit zu:

„Wir haben noch ein paar Hinweise hier bei Radio Darmstadt, Südhessens Radiosender Nummer 1 bei den Werbefreien. Zum Beispiel gibt es hier Heimstätten­kerb. Und, ich glaube, die Heag hat auch 100jähriges. Hat dann vielleicht in diesem Moment auch [gleich?] die Entega 10jähriges?“ – „Das weiß ich nicht. Aber es ist schon ein seltsames Ereignis, der Hauptbahnhof wird 100 und die Heag wird 100. Ob da irgendwie Zusammenhänge bestehen …?“ – „Jetzt anrufen! Nein …“ – „Das werden die uns wahrscheinlich morgen erklären.“

Wie ich schon sagte: die Recherche wird Dritten aufgehalst. Man könnte sich ja die Finger schmutzig machen … – Aber ich hätte da einen Rechercheauftrag an die beiden Spitzen­journalisten: findet doch einfach einmal den Zusammenhang heraus. Es ist gar nicht so schwer. Ihr müßt halt ein wenig suchen und euch ein wenig Ahnung verschaffen. Aber wir wären ja nicht bei Radio Darmstadt, wenn … ach, lassen wir das.

„Das Ganze läuft an fünf Veranstaltungsorten. Da fahren momentan Busse durch die Stadt. […] Die haben die Veranstaltungsorte nicht draufgeschrieben. Und es ist also einmal am Kranichsteiner Bahnhof, einmal am Siemensstraße, Rhönring, Luisenplatz und Böllenfalltor. Und da fährt ein Shuttlebus. Man kann sich nicht verfahren.“

Verkleideter Shuttlebus in KranichsteinIch sehe das so: ähnlich, wie die Technikcracks von Radio Darmstadt mit rechten und linken Kanälen so ihre Probleme haben, haben Redakteure vom Land keine rechte Ahnung vom Unterschied zwischen einer Straßen- und einer Gummibahn. Meiner bescheidenen Ansicht nach gehört diese Sendung auf den Prüfstand einer ernsthaften Qualitäts­verbesserungs­maßnahme bei Radio Darmstadt, aber darauf können wir beim vorherrschenden Mainstream im Programmrat wohl lange warten [10]. Wahrscheinlicher ist es, daß ich mir mal wieder anhören werden muß, daß ich die Betriebs­geheimnisse von Darmstadts Nummer Eins unter den Recherche­sendern in aller Öffentlichkeit ausgeplaudert habe. Das, was ich hier etwas breiter ausgeführt habe, läßt sich durchaus auch im einen oder anderen Mikrokosmos wiederfinden.

Hinweisen möchte ich noch darauf, daß ich einzelne Moderationen ein wenig zusammengeschnitten habe, aber nicht, um Doktor Murke neues Schweigen zu verschaffen, sondern um das Wesentliche herauszudestillieren.

Immerhin wissen wir nun, daß Radar seine Geldscheine nicht in einer Bank, sondern wahrscheinlich in einem Bahnhofs­schließfach deponiert, und, daß Liveüber­tragungen nicht nur technische, sondern auch redaktionelle Probleme aufwerfen. Ich mag mich wiederholen, aber ich frage die angeblich mehr als einhundert Menschen und Institutionen aus dem Darmstädter Unterschriften­kartell: Seid ihr wirklich der Meinung, daß derlei Mumpitz eine Sendelizenz verdient? Ich behaupte, daß diese Menschen und Institutionen einen Beweihräucherungs­sender haben möchten, bei dem es gar nicht darauf ankommt, ob qualifizierte Inhalte gesendet werden. Vielmehr kommt es wohl darauf an, daß man und frau sich gegenseitig pampert. Zu den Grundregeln der bürgerlichen Gesellschaft gehört es, sich nicht öffentlich zu kritisieren, sondern jeden Blödsinn abzufeiern. Und mit diesem Gedanken entlasse ich euch für heute. Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN
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»» [1]   Bei Radio Darmstadt gibt es keine Realsatire, die nicht noch zu überbieten wäre. Die Redakteurin der nach mir folgenden Sendung fand ein Sendestudio vor, in dem gar nichts mehr lief. Passenderweise wurde, wenn auch zufällig, ausgerechnet diese Passage mit den technischen Problemen des Herrn Böhmelmann, gefolgt von meinem launischen Kommentar, eingeblendet. Und weil im Sendehaus jeder Quatsch noch quätscher gestaltet werden kann, wurde bei einer weiteren technischen Panne zwei Wochen später erneut eben selbige Passage eingespielt.

»» [2]   Meine Dokumentation zu den Geschehnissen in und rund um Radio Darmstadt zwischen 2006 und 2012 bietet eine Fülle an exquisiten Beispielen für zuweilen verbüffend trickreiche Bastelei. (Vorsicht, Ironie!)

»» [3]   Das konnte Björn Böhmelmann nicht auf sich sitzen lassen. Er verwies auf zwei Beispiele, in denen eine Liveübertragung durchaus nicht so ablief, wie erwartet. 2004 beispielsweise wurde eine Außenüber­tragung aus der Orangerie durch ein automatisches Signal pünktlich um 22.00 Uhr abgeschaltet, was in den Vorbesprechungen seitens der Vertreter der Stadt nicht thematisiert worden war. Offenbar handelte es sich um eine Schaltung, von der keine und niemand etwas wußte. Das zweite Beispiel konnte Herr B. nicht konkretisieren – aber gestehen wir ihm einfach zu, daß sein Gedächtnis dann besonders gut ist, wenn es darum geht, Kritik zu kontern. Das ist er sich einfach schuldig, nachdem er vor kurzem in den erlauchten Kreis der Basteltruppe aufgenommen worden ist.

»» [4]   Auch wenn das ehemalige Vorstandsmitglied Aurel Jahn über die Fähigkeit verfügt, die vorzutragenen Texte derart unverständlich vorzulesen, daß mitunter jeglicher Sinn verloren geht. Nachzulesen und anzuhören im Manuskript zu meiner am 26. März 2012 ausgestrahlten Sendung Zwischen Polizeifunk und Lesekompetenz. Diese Sendung brachte mir erneut ein Sendeverbot durch den Programmrat von Radio Darmstadt ein, welches immerhin vom Vorstand desselben Vereins aufgrund offenkundiger Rechts­widrigkeit wieder kassiert wurde. Die Einsicht des Vorstandes resultierte auf einem gewissen Druck der hessischen Landesmedienanstalt, die Praxis der Haus- und Sendeverbote zu beenden. Ansonsten könne sich der Verein möglicher­weise wegen fehlender Sendezulassung um ein neues Tätigkeitsfeld bemühen.

»» [5]   Anhand des Werbebanners der abgebildeten Straßenbahn läßt sich das ungefähre Aufnahmedatum bestimmen.

»» [6]   In den Protokollen des Programmrats von Radio Darmstadt konnte ich keinen Hinweis auf einen Beschluß zu dieser Liveüber­tragung finden. Es scheint, als habe der Vorstand dies im Hintergrund mit mir unbekannten Mitgliedern des Programmrats einfach ausgeklüngelt.

»» [7]   Eine kritische Würdigung dieser absurden Veranstaltung findet sich in meiner Darstellung Gehe zurück auf Los und melde Bankrott an.

»» [8]   Warum veröffentlicht eigentlich Radio Darmstadt seine Sendekriterien nicht auf seiner Webseite? Dann könnten wir doch tagtäglich Anspruch und Wirklichkeit miteinander vergleichen.

»» [9]   Wiedergabe der gesendeten Sequenzen nach dem Höreindruck. Allzusehr Genuscheltes oder Verschliffenes wurde in Richtung Hochdeutsch abgeändert, der Sinn bleibt vollständig unverändert.

»» [10]   Und wie zu erwarten war, lief das dann so ab: Redakteur Björn Böhmelmann beschwerte sich auf der Sitzung des Programmrats am Abend der Sendung und die Empörung war groß. Eine Veranlassung, diesen hanebüchenen Quark einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, wurde nicht gesehen. Soviel zum ernsthaften Willen eines Gremiums, bei dem der Qualitätscheck im gegenseitigen Bauchpinseln besteht.


Diese Seite wurde zuletzt am 30. November 2012 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2012. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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