Kapital – Verbrechen

Depressionen mit Massendoping

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
In der Sendung vom 26. September 2005 stellte ich ein Buch von Alain Ehrenberg über Depression und Gesellschaft in der Gegenwart vor..
 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Depressionen mit Massendoping
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 26. September 2005, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 26. September 2005, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 27. September 2005, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 27. September 2005, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochenes und benutztes Buch :
  • Alain Ehrenberg : Das erschöpfte Selbst, Campus Verlag
 
 
Playlist :
  • Siouxsie and the Banshees : Christine
  • Beach Boys : Good Vibrations
  • Frank Alamo : Heureux tous les deux
  • Jefferson Airplane : White Rabbit
  • Rolling Stones : Mother's Little Helper
  • Beatles : Lucy in the Sky with Diamonds
  • Anne Clark : Our Darkness (Hardfloor 97 Version)
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_depre.htm
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Karriere einer schwer zu definierenden Krankheit
Kapitel 3 : Depressionen, Drogen, Doping
Kapitel 4 : Reparatur eines stotternden Motors
Kapitel 5 : Die Flucht vor dem sozialen Stress
Kapitel 6 : Konflikte vermeiden und ein biologistisches Weltbild pflegen
Kapitel 7 : Vom Konflikt zum demokratischen Handeln
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Deutschland hat gewählt, und ich gebe gerne zu, daß ich das Wahlergebnis für das lustigste halte, das es in diesem Land je gegeben hat. Doch abgesehen von meiner Belustigung spiegelt das Ergebnis der Bundestagswahl nicht nur die Zerrissenheit der Staatsbürgerinnen und Staatsbürger wieder, die sich nicht entscheiden können und wollen, wem sie die Leitung der Staatsgeschäfte übertragen möchten. Es spiegelt auch die Furcht vor einer weiteren Neoliberalisierung der Gesellschaft wider.

Sicher ist: es gibt keine eindeutig rechte Mehrheit in diesem Land. Das ist irgendwie beruhigend. Sicher ist aber auch, daß es eigentlich nicht so recht etwas zu wählen gab, weshalb eine große beliebige Diffusion entstand. So gesehen eine echte postmoderne Wahl. Natürlich wird die herrschende Klasse am Ende dafür sorgen, daß es eine stabile Regierung geben wird.

Aber auch Perspektivlosigkeit drückt sich im Wahlergebnis aus. Zwar haben rund 10% der Wählenden der Partei der autistisch durchgeknallten Spaßpartei (also der FDP) ihre Stimme gegeben. Ein weiteres Drittel hat lieber die Sozialdemokratie einer echten Alternative vorgezogen – und mit dieser Alternative meine ich gewiß nicht die Linkspartei. Aber eine gesellschaftliche Polarisierung ist nicht sichtbar geworden und somit fehlt der rechte Schwung in Richtung einer Reformpolitik, bei der am Ende kein Stein auf dem anderen stehen bliebe.

Doch wer will schon eine Veränderung, die ihm oder ihr die Existenz raubt? So medienmanipuliert, so konsumentfremdet, so zugerichtet sind die Menschen in diesem Land in der Mehrheit trotz jahrelangen Trommelfeuers immer noch nicht. Das läßt hoffen. Aber irgendwie ist die allgemeine Perspektivlosigkeit auch ganz schön deprimierend.

Und damit bin ich beim Thema der heutigen Sendung. Die vier Striche zweier Kreuzchen in der Wahlkabine sind allenfalls ein Indiz für gesellschaftliche Zustände. Etwa acht Millionen Menschen, das wäre ein Zehntel der Gesamtbevölkerung, sollen an leichten bis schweren depressiven Störungen leiden [1]. Der Konsum von Antidepressiva steigt und beschränkt sich bei weitem nicht auf die Gruppe der depressiv Erkrankten. Psychische und Verhaltensstörungen sollen jährlich Kosten in Höhe von rund 23 Milliarden Euro verursachen. Vier Milliarden Euro entfallen hiervon auf depressive Erkrankungen. [2]

Allerdings entstanden dem deutschen Gesundheitswesen im Jahr 2002 Kosten in Höhe von rund 224 Milliarden Euro, und dann beträgt der Anteil der Depressionen gerade einmal zwei Prozent. In das Gejammer über die Kosten unseres Gesundheitswesens falle ich jedoch nicht ein. Diejenigen, die jammern, haben ein Interesse. Und das ist, wie bei jeder großen Koalition, gewiß nicht unseres [3]. Doch sind acht Millionen an Depressionen erkrankte Menschen nicht gering zu schätzen. Es sind (mindestens) acht Millionen, die entweder mit gesellschaftlichen Anforderungen und/oder mit sich selbst nicht klar kommen.

Der französische Soziologe Alain Ehrenberg hat 1998 in Frankreich ein Buch herausgebracht, das letztes Jahr auf Deutsch mit dem Titel Das erschöpfte Selbst im Campus Verlag erschienen ist. Hierin behandelt der Autor das Thema Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Dieses Buch und die darin enthaltenen Fragestellungen werde ich im Verlauf meiner heutigen Sendung näher vorstellen; sie sind auch sieben Jahre nach ihrer Veröffentlichung immer noch spannend zu lesen. Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist am Mikrofon Walter Kuhl.

 

Karriere einer schwer zu definierenden Krankheit

Ich denke, ich steige am besten in das Buch von Alain Ehrenberg ein, indem ich einige Passagen aus der Einleitung vorlese.

Der Begriff Depression steht heute für die verschiedensten Facetten psychischen Leidens. In den 1940er Jahren galt die Depression dagegen lediglich als ein Symptom, das die meisten Geisteskrankheiten begleitet, und wurde kaum beachtet. 1970 war sie die am weitesten verbreitete psychische Störung der Welt, und die Psychiater verzeichneten eine deutliche Zunahme von Depressiven unter ihren Patienten. Heute steht die Depression im Mittelpunkt des psychiatrischen Interesses, so wie vor 50 Jahren die Psychosen. Das ist ihr Erfolg in der Medizin. Gleichzeitig wird sie in Zeitungen und Zeitschriften zu einer Modekrankheit, wenn nicht zur Jahrhundertkrankheit erklärt. Und obwohl die Begriffe Schwermut, Angst oder Neurose wegen der unspezifischen Erscheinungsform der Störungen, die sie bezeichnen, den gleichen Erfolg gehabt haben könnten, war es der Begriff Depression, der sich zu einem nützlichen Instrument wandelte, um zahlreiche Leiden zu bezeichnen und sie eventuell auch zu beheben. Darin liegt der Erfolg der Depression in der Gesellschaft.

Warum und wie hat sich die Depression als die am meisten verbreitete psychische Störung durchgesetzt? In welchem Maße ist sie charakteristisch für die Veränderungen der Individualität zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Dies sind die beiden Fragen, auf die in diesem Buch eine Antwort gesucht wird.

Die Depression ist eine Krankheit, die sich außerordentlich gut für das Verständnis der zeitgenössischen Individualität eignet, das heißt der neuen Dilemmata, in denen sie steckt. In der Psychiatrie hat die Depression die Rolle eines vagen Sammelbegriffs, und das aus gutem Grund: Die Psychiater können sie nach wie vor nicht definieren. Daher kann der Begriff sehr flexibel verwendet werden. Dass die Wahl auf diesen Begriff fiel, resultiert aus der Kombination von psychiatrieinternen Elementen und tief greifenden normativen Veränderungen in unserer Lebensweise. Sie ist gewiss nicht die erste Modekrankheit. Die Hysterie und vor allem die Neurasthenie hatten Ende des 19. Jahrhunderts den gleichen Erfolg. Zudem gibt es in der Geschichte der Depression Verbindungen zu diesen beiden Krankheiten. Die Depressiven am Beginn des 21. Jahrhunderts scheinen von einem Leiden befallen zu sein, das ebenso wenig greifbar ist wie ein Jahrhundert zuvor die Hysterie. […]

Die Karriere der Depression begann in dem Augenblick, in dem das disziplinarische Modell der Verhaltenssteuerung, das autoritär und verbietend den sozialen Klassen und den beiden Geschlechtern ihre Rolle zuwies, zugunsten einer Norm aufgegeben wird, die jeden zur persönlichen Initiative auffordert: ihn dazu verpflichtet, er selbst zu werden. Die Konsequenz dieser neuen Norm ist, dass die Verantwortung für unser Leben nicht nur in uns selbst liegt, sondern auch im kollektiven Zwischenmenschlichen. [Die Depression] ist eine Krankheit der Verantwortlichkeit, in der ein Gefühl der Minderwertigkeit vorherrscht. Der Depressive ist nicht voll auf der Höhe, er ist erschöpft von der Anstrengung, er selbst werden zu müssen.

Aber was bedeutet es, man selbst zu werden? Diese Frage ist nicht so einfach, wie sie aussieht. Sie stellt uns vor schwierige Probleme der Grenzziehung: zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen, dem Möglichen und dem Unmöglichen, dem Normalen und dem Pathologischen. Die Psyche muss heute mit instabilen Beziehungen zwischen Schuld, Verantwortung und Geisteskrankheit umgehen. [4]

Soweit Alain Ehrenberg in seinem Vorwort zu Das erschöpfte Selbst.

Diese so überforderte Psyche bewegt sich in einem gesellschaftlichen Bezugsrahmen. Das, was wir heute als Neoliberalismus bezeichnen, ist eine bestimmte historische Form kapitalistischer Durchdringung der Gesellschaft. Die Tendenz, sich alle Lebensbereiche unterzuordnen, hatte schon Karl Marx im Kapital erkannt. Doch was Ende des 19. Jahrhunderts erst ansatzweise sichtbar war, wird am Ende des 20. Jahrhunderts zu einer totalen, ja totalitären Realität. Alles wird dem Verwertungszwang untergeordnet, jede soziale Regung daraufhin untersucht, wie sie sich nach den Kriterien betriebswirtschaftlicher Effizienz rechnet. Ein perverses, aber typisches Beispiel sind die getakteten Vorgaben bei der häuslichen Pflege, bei denen das zu pflegende Subjekt nur noch als Objekt wirtschaftlicher Profitabilität vorkommt.

 

Depressionen, Drogen, Doping

In gewisser Weise hat der 68er Bewegung in weltweitem Maße einen Anstoß dazu gegeben, was heute als Kreativität, Individualität und Emanzipation daherkommt. Eingebettet in ökonomische Zwänge und verbundenen mit einem neuen wirtschaftspolitischen Paradigma (nämlich dem Neoliberalismus) werden diese Kreativität, Individualität und Emanzipation – in natürlich entfremdeter Weise – zum Motor der Gesellschaftspolitik. Aus den Happenings der 60er Jahre entstehen die Selbstinszenierungen der Fernsehsendungen, aus der Drogeneuphorie der Flower Power-Bewegung die gedopte Gesellschaft, nicht nur im Sport, um

die eigene Stimmung zu stimulieren und die eigenen Fähigkeiten zu steigern. [5]

Ohne Psychopharmaka ist für immer mehr Menschen diese Gesellschaft nicht mehr ertragbar und lebenswert. Ob dies mit den eifrig konsumierten chemischen Kampfstoffen besser wird, ist eine andere Frage.

Dem Glück auf Rezept folgt die Chemie der Verzweiflung; der Medikalisierung der Befindlichkeitsstörung steht die Depression als echte Krankheit gegenüber; auf die Werbung, die ein wunderbares Medikament anpreist, reagiert die Kritik, die von einer Droge spricht, diesmal ohne toxische Eigenschaften und ohne das Risiko, abhängig zu werden. Die Medikalisierung des Lebens ist ein allgegenwärtiges Phänomen, doch in der Psychiatrie wirft sie besondere Probleme auf. [6]

… schreibt Alain Ehrenberg; und er fährt fort:

Die neue Klasse von Antidepressiva […] hebt die Stimmung von Menschen, die nicht »wirklich« depressiv sind. So weckt sie die Hoffnung, jedes psychische Leiden zu überwinden, sie verkörpert, zu Recht oder zu Unrecht, die unbegrenzte Möglichkeit, unsere psychische Befindlichkeit so zu verändern, dass man sich besser als ohne sie fühlt. Man wird keinen Unterschied mehr machen zwischen Sichpflegen und Drogennehmen. In einer Gesellschaft, in der Menschen ständig psychoaktive Substanzen einnehmen und so künstlich ihre Stimmung verändern, kann man nicht mehr sagen, wer jemand selbst ist, ja nicht einmal, wer normal ist. Das »wer« ist hier das Schlüsselwort, denn es bezeichnet den Ort, an dem es ein Subjekt gibt. Werden wir sein Verschwinden erleben?

Ein schwerer Verdacht ist aufgekommen: Ein künstlich hergestelltes Wohlbefinden übernimmt allmählich die Stelle der Heilung. Das wirft eine Reihe von Fragen auf: Ist Leiden nützlich? Wenn ja, wozu? Entwickeln wir uns zu einer Gesellschaft der bequemen Abhängigkeit, in der jeder täglich seine psychopharmazeutische Pille nimmt? [7]

Dieser so stimulierte Staatsbürger scheint das souveräne Individuum von heute zu sein. Und doch verweist es darauf, daß das Individuum ein Defizit hat. Heute wird viel von Orientierungslosigkeit geredet. Alain Ehrenberg betrachtet die neu gewonnene Freiheit jedoch unter einem anderen Blickwinkel: nicht ein Mangel an Orientierung, sondern ein Überangebot derselben könnte Ausdruck des postmodernen Lebens sein. Und ehrlich:

Wollen wir zurück in den disziplinierenden Kerker der alten Gesellschaftsordnung? Wie sollten wir das wollen können? Es ist Zeit, das Problem der Emanzipation mit einem Minimum an historischem und praktischem Sinn anzugehen, statt in Selbstmitleid zu vergehen. […]

Das Erdbeben der Emanzipation hat zunächst kollektiv die Psyche jedes Menschen erschüttert: Die demokratische Moderne – darin liegt ihre Größe – hat uns mehr und mehr zu Menschen ohne Führer gemacht, uns nach und nach in die Situation versetzt, für uns selbst entscheiden und unsere eigenen Orientierungen konstruieren zu müssen. Wir sind reine Individuen geworden, und zwar in dem Sinne, dass uns kein moralisches Gesetz und keine Tradition sagt, wer wir zu sein haben und wie wir uns verhalten müssen. [8]

Damit verschwindet auch die Bedeutung der Disziplin in der Gesellschaft. Möglicherweise wurde der Autor hier jedoch durch das kurzzeitige hedonistische Lebensgefühl der postmodernen 90er Jahre beeinflußt, dem der Kater des Zusammenbruchs der New Economy folgte. Dennoch hat ein Wertewandel stattgefunden:

Die Person wird nicht länger durch eine äußere Ordnung (oder die Konformität mit einem Gesetz) bewegt, sie muss sich auf ihre inneren Antriebe stützen, auf ihre geistigen Fähigkeiten zurückgreifen. Die Begriffe Projekt, Motivation, Kommunikation bezeichnen heute die neuen Normen. [9]

Sie sind Teil unserer Alltagskultur geworden, und wir haben uns anzupassen. Sie finden Verwendung im Unternehmensmanagement wie auch in der Sozialisation junger Menschen. Das ideale Individuum, das Ideal des mündigen Staatsbürgers,

wird nicht mehr an seiner Gefügigkeit gemessen, sondern an seiner Initiative. Hierin liegt eine der entscheidenden Veränderungen unserer Lebensweise, denn man kann sich nicht nach Belieben für oder gegen diese Regulationsmechanismen entscheiden, sie gelten für alle, bei Strafe des Ausschlusses aus der Gemeinschaft. [10]

Daraus zieht der Autor zwei Hypothesen in Bezug auf sein Thema, nämlich die Depression. Zum einen ist diese Krankheit Ausdruck einer Unzulänglichkeit, das neue gesellschaftliche Ideal zu erreichen. Das Individuum funktioniert nicht richtig, es hat einen Defekt. Wie wir noch erfahren werden, betrachtet die Medizin das Problem auch unter diesem Blickwinkel: der Mensch wird gewartet. Zum anderen beruht die Depression darauf, daß nicht mehr der Konflikt des Menschen mit sich selbst und seiner Außenwelt im Vordergrund steht. In gewisser Weise beruht die Depression auf Konfliktunfähigkeit. Allerdings gilt hier zu beachten, daß Menschen ohne Perspektive auch keinen Sinn darin sehen, Konflikte überhaupt zuzulassen und dann anzugehen.

Daß hieraus Sucht und neue Abhängigkeitsstrukturen entstehen können, sei nur am Rande erwähnt. Die Depression, so Alain Ehrenberg,

ist der vertraute Schatten des führungslosen Menschen, der des Projekts, er selbst zu werden, müde ist und der versucht ist, sich bis zum Zwanghaften Produkten oder Verhaltensweisen zu unterwerfen. [11]

Dabei dürfen wir nicht vergessen, daß diese Unterwerfung nicht unbedingt bewußt geschehen muß. Im Gegenteil – dieses zwanghafte Verhalten finden wir nicht selten bei Menschen, die von sich behaupten, frei und selbstbestimmt zu handeln.

Zum Abschluß der Vorstellung der einleitenden Gedanken des Autors noch ein Hinweis auf seine Methode. Sie

besteht darin, die widersprüchlichen Argumente herauszuarbeiten, die das wissenschaftliche und populäre Bild der Depression geprägt hat. Die Absicht ist also Aufklärung in einem politischen Sinn. Sie zielt weniger auf eine wissenschaftliche Wahrheit als darauf, einen Beitrag zur öffentlichen Diskussion zu liefern, sie zielt weniger darauf zu verurteilen als darauf zu verstehen. [12]

Hierbei stützt er sich auf die vorwiegend französische psychiatrische Literatur seit den 1930er Jahren, weiterhin auf eine französische Zeitschrift zur Weiterbildung von Allgemeinmedizinern, sowie auf ausgewählte Massenmedien, die sich seit den 1950er Jahren mit dem Thema Depression befassen und einer breiten Bevölkerungsschicht als Orientierung und Leitfaden dienen.

 

Reparatur eines stotternden Motors

Die Depression ist eine Krankheit der Moderne. Die Verheißung der Aufklärung gründete sich auf der Vernunft und verhieß das Glück auf Erden. Erst mit Aufkommen der kapitalistischen Produktionsweise, des Kampfes Aller gegen Alle, war es möglich, das Individuum als Keimzelle der Gesellschaft zu entdecken. Der Staatsbürger war das politische Ideal, sein Streben nach seiner bestmöglichen Entfaltung das Programm. Frauen, Arme, Sklaven und Kolonisierte waren von vornherein ausgeschlossen.

Der Mensch sei ein Tier, das sozialisiert werden kann, es empfindet Lust und Unlust. Und soweit es die Lebensumstände und damit der finanzielle Spielraum zuließen, konnte er sich melancholischen Gefühlswallungen überlassen:

Als Überschwang und Niedergeschlagenheit, die »die Kunst befruchten und Unvernunft säen«, hat die Melancholie ein doppeltes Schicksal: Ersterer macht aus ihr ein Charakteristikum des genialen Menschen. Seit der Romantik macht sie sich im Künstler breit, dieser erhabenen und tragischen Gestalt, deren Unglück so groß wie ihr Genie ist. Letztere, die den normalen Menschen betrifft, macht aus ihr eine Krankheit. Doch beide bezeugen, dass die Melancholie eng mit der Geschichte des abendländischen Selbstbewusstseins verknüpft ist […], [13]

meint Alain Ehrenberg und beginnt hier seine Geschichte der Geisteskrankheit. Lassen wir vorerst die Frage beiseite, was gesund ist und was krank, wer die zugehörigen gesellschaftlichen Konventionen definiert und damit auch, was als normal zu gelten hat. Natürlich ist das auch eine Klassenfrage. In die Irrenanstalten wurden vor allem Mitglieder der Arbeiterklasse abgeschoben, während die Künstler bewundert wurden, selbst wenn sie ausflippten. Das gehörte (und gehört bis heute) einfach dazu.

Buchcover Das erschöpfte Selbst Interessierte im 19. Jahrhundert der Wahnsinn nur als eine die eigene Gesundheit bestätigende Meldung in den Gazetten, so entstand zu Ende des 19. Jahrhunderts mit der Neurasthenie die erste Modekrankheit. Das psychische Leiden des in die kapitalistische Rationalität gezwungenen Menschen wurde zum Objekt des wissenschaftlichen Studiums wie des allgemeinen Klatsches. Sigmund Freud gehörte zu denen, die nicht nur das Unbehagen in der Kultur thematisierten, sondern auch herauszufinden versuchten, was denn so im psychischen Innenleben eines Menschen passiert.

Vererbung als Ursache schied aus, und es setzt sich die Erkenntnis durch, daß es die Gesellschaft selbst ist, die krank macht. Dennoch müssen wir mitbedenken, daß zumindest am Anfang die enstehenden und erkannten Krankheiten Neurose und Hysterie Erkrankungen des Bürgertums waren. Das Proletariat hatte noch ganze andere, existenzielle, Probleme. Dennoch ist die Entwicklung der Psychoanalyse ein wichtiger Fortschritt, denn sie kann – politisch fundiert – Menschen dazu verhelfen, ihr Leben tatsächlich selbstbestimmt zu führen.

Im Grunde haben sich damals zwei Richtungen herausgebildet. Die eine begründete Pierre Janet. Er ging davon aus, daß psychische Probleme zu heilen sind, indem bei dem Patienten oder der Patientin die geistige Kraft und Spannung erhöht wird, etwa durch Hypnose. Es handele sich um ein Problem des ökonomischen Managements der Geisteskräfte und folgerichtig verstand Janet den Arzt als eine Art Mechaniker, der den beschädigten psychischen Motor des Kranken repariert. Das bedeutet: die Ursachen werden nicht beseitigt, sondern der defekte Mensch wird wieder in die Lage versetzt, handlungsfähig zu werden. Wer das seltsam findet, möge sich im Vergleich dazu die heutige (Reparatur–) Medizin anschauen.

Freud hingegen ging davon aus, daß die psychischen Probleme Ursachen haben und daß es deshalb notwendig ist, die Ursachen zu analysieren. Symptome zu bekämpfen, hieße hier, den Ursachen im psychischen Apparat eine andere Möglichkeit zu eröffnen, sich auszutoben. Die Heilung ist daher auch nicht Beseitigung eines Defekts, also Wiederherstellung des früheren Zustandes, sondern eher so etwas wie ein Abkommen über die gegenseitige Toleranz zwischen dem Gesunden und dem Kranken im Patienten, wie es Freud sah.

Die Neurose ist so gesehen eine Zivilisationskrankheit, die entsteht, wenn Menschen den Anforderungen der Gesellschaft nicht genügen können. Sie ist gleichzeitig wichtige Triebfeder für Neugier und Fortschritt. Und sie ist die Angst davor, man und frau selbst zu werden. Was Freud jedoch weitgehend unberücksichtigt ließ, ist, daß es die Gewalt der kapitalistischen Verhältnisse selbst ist, die Menschen nicht zu sich selbst finden läßt. Selbstfindung im kapitalistischen Sinne heißt, sich freiwillig und selbstbestimmt als verwertbares Subjekt zur Verfügung zu stellen. Neurosen und ähnliche Krankheiten sind daher Krankheiten ganz normaler Menschen, die einfach nicht dazu gemacht sind, dem psychischen Druck und den Leistungsanforderungen einer derart irrational gewalttätigen Gesellschaft standzuhalten.

 

Die Flucht vor dem sozialen Stress

Zu einer Krankheit gehört die Therapie. Die Erfindung des Elektroschocks 1938 gab den Psychiatern neue Möglichkeiten an die Hand. Hingegen war die Medikation der 1930er Jahre geradezu beliebig: Zuführung von Mineralien, Calcit, Tee, Kaffee, Chinarinde, Strychnin, Beruhigungsmitteln oder einfach nur Sport. Verstärkt wurde diese Beliebigkeit dadurch, als man und frau sich bei den psychischen Auffälligkeiten auf die Depressionen konzentrierte. Denn Depressionen waren – und sie sind es bis heute – eine undefinierbare Krankheit. Zwar gibt es mannigfaltige Versuche, die Diagnose zu standardisieren und zu klassifizieren, doch das Krankheitsbild ist zu wechselhaft und unpräzise, um es genau zu fassen zu bekommen.

Letztlich läuft es darauf hinaus – und das ist jetzt kein Witz! –, daß das Krankheitsbild dadurch definiert wird, ob und wie ein Medikament wirkt und hilft. Also – es wird etwas behandelt, von dem man und frau nicht so genau weiß. was es ist, mit Mitteln, die mal helfen oder auch nicht, ohne daß wiederum eine oder jemand weiß, weshalb. Der Erfolg rechtfertigt die Mittel und die Zuordnung zu einer Krankheit. [14]

Allerdings sind depressive Zustände eine Realität, keine Einbildung.

Bis zu dieser Erkenntnis war es noch ein langer Weg, bei dem die Elektroschocks abgelöst wurden durch Psychopharmaka. Mehr unfreiwillig gibt Alain Ehrenberg einen Einblick in die Forschungspraxis, wobei er die pharmazeutischen Menschenversuche in Knästen und Psychiatrien weitgehend ausblendet. Studien mit gerade einmal neun oder auch vierzig Patientinnen und Patienten wirkten bahnbrechend – und sie entsprachen garantiert nicht den heutigen wissenschaftlichen Standards. Man tastete sich also voran und versuchte die Symptome chemisch in den Griff zu bekommen. Natürlich waren diese Medikamente nicht frei von – zum Teil erheblichen – Nebenwirkungen.

Dennoch wurde schon 1970 darüber spekuliert, daß es möglich sei, psychische Befindlichkeiten mit einer Art unschädlicher Glückspille zu behandeln. Doch statt zu fragen, ob es sinnvoll und notwendig ist, sich zuzudröhnen anstatt Konflikte auszutragen, wurden die neuen Stimulanzien als emanzipatorischer Fortschritt betrachtet. Eine Gesellschaft, die sich selbst vollaufen läßt, sich zuqualmt oder mit chemischen Kampfstoffen euphorisiert, ist natürlich in Fragen des Klassenkampfes absolut ungefährlich.

Warum die Patienten zwingen, sich ihren Konflikten zu stellen, wenn die medizinische Behandlung das Gefühl der Unzulänglichkeit kompensiert? In der Folge beginnt man auch den Status der Psychopharmaka zu hinterfragen: Setzt man die Menschen unter Drogen oder behandelt man sie? [15]

Wie ich schon anfangs erwähnte, haben sich die gesellschaftlichen Normen und Konventionen in vielen Bereichen seit den 1960er Jahren verändert. Damit einher geht nicht nur eine verstärkte Atomisierung der Gesellschaft, sondern auch die als Befreiung gekennzeichnete Individualisierung und die damit verbundene Suche nach der eigenen Identität. Die Depression verläßt die Welt der Honoratioren und wird Allgemeingut. Die Zahl der Erkrankten steigt sprunghaft. Unklar ist, ob es sich hierbei um veränderte Erfassungsmethoden, veränderte Lebensumstände oder einen tatsächlichen Anstieg von Erkrankungen handelt.

Alain Ehrenberg meint, es sei eine Krankheit der Veränderung, nicht eine der ökonomischen und sozialen Misere. Vielleicht. Aber ist der Druck permanenter Veränderung, den unsere neoliberalen Autisten uns predigen und mit materieller Gewalt über Entlassungen, Arbeitsämter und Ich–AGs auch durchsetzen, etwa keine ökonomische und soziale Misere?

Wie auch immer – der soziale Streß nimmt massiv zu. Jede Pore unseres Alltags will gefüllt sein, die Überforderung wird zum Dauerzustand [16]. Und während die sozialen Zusammenhänge verfallen, Familien und Ehen zerbrechen, fehlt der gesellschaftliche Halt gerade für diejenigen, die ihn am dringendsten benötigen. Eine Gesellschaft schafft sich ihre Kranken. Wobei ich nicht behaupten will, daß die bürgerliche Familie und erst recht die Institution der Ehe emanzipatorisch wären. Sie sind (oder waren?) der soziale Kleister einer Gesellschaft und verhalfen den Individuen zu einem rudimentären Ruhepol.

Freiheit, Selbstbestimmung und Emanzipation – aber wohin? Im Rahmen einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft zählen nur Menschen, die etwas zum Profit Weniger beitragen. Die Flucht in die innere Emigration wird begleitet vom Versuch, sich selbst zu finden, den Ansprüchen zu genügen. Die 70er, erst recht die 80er und 90er Jahre sind das Zeitalter esoterischer Findungsprozesse, die von geschäftstüchtigen Scharlatanen eiskalt ausgenutzt werden. Die Psychotherapie befindet sich im Umbruch. Urschreitherapie, Bioenergetik, Neurolinguistisches Programmieren, Sekten, Spiritualität, New Age – alles dient dem Ziel, psychisches Wohlbefinden in einer Welt zu erlangen, die krank macht.

Diese therapeutische Religiosität ist auf den Körper zentriert, sie verbreitet eine Botschaft der Liebe und betrachtet die Heilung als Glauben. Dies sind ihre wichtigsten Elemente. Ihre Auffassung von Pathologie erscheint vielleicht neu, sie übernimmt aber bloß das alte Defizitmodell der Dysfunktion – nur dass sie darauf zielt, die Kraft des Ichs zu stärken, statt einen Versager zu reparieren. […] Die psychische Konfliktgeladenheit erscheint ihnen als Unsinn, als faule Frucht der Zivilisation. [17]

Konflikte sind böse. Wer nicht mitspielt, wird ausgegrenzt.

Die vergebliche Suche nach oder die beständige Unsicherheit über die eigene Identität bringt die BorderlinePersönlichkeit hervor. Sie löst den klassischen Neurotiker ab, ist unfähig, Konflikte zu entwickeln, übermäßig narzisstisch und leer.

 

Konflikte vermeiden und ein biologistisches Weltbild pflegen

Psychopharmaka sind nicht nur Behandlungsmittel für Depressionen; sie sind inzwischen auch Gemütsaufheller in allen Lebenslagen. Das eingeworfene Aspirin für die körperliche Gesundheit wird ergänzt durch das Aufputschmittel. Insofern stellt sich durchaus die Frage, ob wir seit den 70er Jahren nicht mit einer Art Massendoping konfrontiert sind? Es geht mir gar nicht um die von Alain Ehrenberg in seinem Buch Das erschöpfte Selbst mehrfach aufgeworfene Frage, ob sich hierdurch die Persönlichkeit verändert. Gerade die esoterisch–religiöse Identitätssuche zeigt doch, daß es die Persönlichkeit so nicht gibt. Wenn es überhaupt Sinn macht, von einer solchen sprechen, dann im Widerspruch zur vorherrschenden Gesellschaft.

Von André Breton ist der Ausspruch überliefert, mit dieser Welt gebe es keine Verständigung; wir gehören ihr nur in dem Maße an, wie wir uns gegen sie auflehnen. Das ist allerdings nur schwer zu realisieren und zu ertragen. [18]

Nein – dieses Massendoping ist, sollte es gesellschaftlicher Normalzustand geworden sein, eine Form der Verarbeitung gesellschaftlicher Zwänge. Permanente Leistungsbereitschaft hat ihren Preis. Wer heutzutage von Schülerinnen und Schülern permanente Leistungsbereitschaft einfordert, muß sich darüber im Klaren sein, was die Folgen sind. Lauter kleine Egomanen, die sich mit allem zudröhnen, was ihnen weiterhilft, und die alles zurückweisen, was ihnen keinen Kick und keinen Profit einbringt. Und sie sind bereit, im wahrsten Sinne des Wortes, alles zu schlucken – die Pillen und den sie zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft impfenden Lernstoff.

Konfliktfähigkeit und Demokratie ade – dafür Autismus und Hyperaktivität. Aber wahrscheinlich ist dies das gesellschaftliche Leitbild von Karin Wolff (oder Edelgard Bulmahn, das Phänomen ist parteiübergreifend), denn der damit verbundene Ausleseprozeß ist absolut funktional. Es geht nicht um PISA. Die mit diesem Namen verbundenen Studien sind ein willkommener Anlaß, den eigenen Nachwuchs so zu quälen, daß er nie auf die Idee kommt, falsch zu wählen. Der neoliberale Staatsbürger denkt nämlich immer zuerst an den eigenen Profit, und sei es der, den er daraus zieht, sich optimal verwerten zu lassen.

Das damit verbundene Weltbild ist ein biologistisches. Hatte Freud noch deutlich gemacht, daß unbewältigte Konflikte in unserem Inneren schlummern, die es zu bearbeiten gilt, ist die angeblich wissenschaftliche Forschung der 90er Jahre auf den biochemischen Zug aufgesprungen. Neurotransmitter, Serotonindefizite und Noradrenalinkonzentration werden uns nicht nur in Science Fiction Serien als Weisheit zukünftiger Jahrhunderte verkauft [19]. Sie bestimmen schon jetzt den Mainstream einer defizitär orientierten Wissenschaft. Es geht darum, Symptome abzuhaken und Syndrome zu behandeln.

Der Autor weist deshalb zurecht darauf hin, daß sich die führenden Wissenschaftler uneins sind, in welchem Verhältnis der Serotoninspiegel zur Depression steht. Was auch nicht verwundert. Wenn die Depression letztlich eine Krankheit mit vielen Unbekannten ist, dann ist der Serotoninspiegel bestenfalls ein Indiz, nur – wofür, ist dann unklar. Die Frage der Medikation ist nämlich eine ökonomische, und die Wissenschaft liefert dazu die passenden Studien. Nein, der Zaubertrank der Psychopharmaka schmeckt nicht nur bitter, er ist auch nicht die Verheißung einer glückseligen Zukunft.

Vielleicht ist es daher eher so, daß die Depression auf soziale und medizinische Probleme hinweist. Das bedeutet: jede Therapie müßte nicht an der einzelnen Patientin, sondern an der gesamten Gesellschaft ansetzen.

Eine Einsicht, die über das Thema des Buches hinausweist.

 

Vom Konflikt zum demokratischen Hndeln

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit der Vorstellung eines schon im letzten Jahr erschienenen Buchs zur Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Der Autor, der Soziologe Alain Ehrenberg, fragt hierin nach Ursachen und dem Umgang mit Depressionen. Auch wenn die gesellschaftspolitische Dimension ein wenig unterbelichtet bleibt, auch wenn wir nicht so recht erfahren, was genau die Menschen in den Metropolen des Kapitals so depressiv macht, so ist es doch ein interessantes, ein anregendes und auch ein nachdenklich stimmendes Buch.

Mir hat es an mancher Stelle geholfen, mein eigenes Umfeld klarer zu sehen und mir unverständliche Verhaltensweisen erklärbarer zu machen. Es ist natürlich auch immer die Frage, was einen oder eine gerade beschäftigt. Entsprechend fokussiert liest man und frau solch ein Buch, stolpert über Ungereimtheiten, findet Vertrautes wieder, erhält so manches Aha–Erlebnis. Bei mir kam dieses Aha–Erlebnis gleich im Vorwort, und das hat mich dazu gebracht, den nicht immer leicht auf rund 300 Seiten zu lesenden Text bis zum Ende mit besonderem Interesse aufzunehmen. Alain Ehrenberg schreibt hier zur Wichtigkeit des Konfliktes:

Durch die Institutionalisierung eines Konflikts können einander widersprechende Interessen frei miteinander konfrontiert und akzeptable Kompromisse erzielt werden. Sie ist die Bedingung für Demokratie, denn sie macht es möglich, auf der politischen Bühne die Spaltung des Sozialen darzustellen. Im selben Sinne ist der psychische Konflikt die Bedingung der Selbstbegründung, die die moderne Individualität auszeichnet. Der Begriff Konflikt ist das Mittel, um einen Unterschied zwischen dem, was möglich, und dem, was erlaubt ist, beizubehalten. Das moderne Individuum befindet sich im Krieg mit sich selbst: Um mit sich selbst verbunden zu sein, muss es von sich selbst getrennt sein. Im politischen wie im privaten Leben ist der Konflikt der normative Kern der demokratischen Kultur. [20]

Eine demokratische Kultur, die Konflikte vermeidet, die sich nicht auseinandersetzen will, die sich der Anstrengung, verantwortungsbewußt zu diskutieren und zu entscheiden, verweigert, arbeitet genau den Zuständen in die Hände, die wir in der bürgerlichen Demokratie als Ohnmacht gegenüber politischen Entscheidungen wiederfinden. Anstatt im Konflikt und im Widerspruch etwas Böses zu sehen, ist es dringend notwendig, ein eigenes politisches Selbstverständnis zu formulieren, das im Konflikt eine Bereicherung sieht. Nur wer den Konflikt aushalten will und kann, ist in der Lage, über seinen eigenen bornierten Interessen zu stehen. Wer jedoch die drei Affen bevorzugt, inszeniert die eigene Ohnmacht und handelt gewiß nicht emanzipatorisch. Depressionen sind daher durchaus auch selbst gemacht.

Wie immer im Leben, hören diejenigen mal wieder nicht zu, die es betrifft, und wenn sie zuhören, dann werden sie sich weigern, daraus etwas zu lernen. Für alle anderen empfehle ich die Lektüre des Buchs von Alain Ehrenberg. Es heißt Das erschöpfte Selbst, es ist im Campus Verlag herausgekommen und kostet 24 Euro 90.

Diese Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte wird in der Nacht zum Dienstag um 23 Uhr, sowie am Dienstagmorgen nach dem Radiowecker um 8 Uhr und noch einmal am Dienstagnachmittag ab 14 Uhr wiederholt. Es folgt nun Äktschn!, eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Stefanie Graefe : Wir Depressiven, in: ak 494 vom 15. April 2005
[2]   Statement von Präsident Johann Hahlen auf der Pressekonferenz "Krankheitskosten in Deutschland im Jahr 2002", Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes vom 6. Juli 2004
[3]  Vergleiche hierzu das Sendemanuskript zu meiner Sendung Jammern auf hohem Niveau vom 7. Juli 2003
[4]   Alain Ehrenberg : Das erschöpfte Selbst, Seite 3–5
[5]   Ehrenberg Seite 5
[6]   Ehrenberg Seite 5
[7]   Ehrenberg Seite 6
[8]   Ehrenberg Seite 7–8
[9]   Ehrenberg Seite 8
[10]  Ehrenberg Seite 9
[11]  Ehrenberg Seite 12
[12]  Ehrenberg Seite 13
[13]  Ehrenberg Seite 31
[14]  Ehrenberg Seite 177
[15]  Ehrenberg Seite 122
[16]  Karl Marx : Das Kapital, Band 1, MEW 23, Seite 360–361
[17]  Ehrenberg Seite 140
[18]  Leitmotiv zu meiner Sendung zur Neuherausgabe des Bandes Subversive Aktion im Verlag Neue Kritik 2002. Siehe dort Seite 123, 145 und 223.
[19]  Paradigmatisch seien hier die Serien Star Trek The Next Generation und Star Trek Voyager genannt.
[20]  Ehrenberg Seite 11

 

 

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