Matinee
Die Leere des Raums – Verleihung des Darmstädter Theater­preises 2010. Sucht die Lumpen!

Kapital – Verbrechen

Der Anekdotenstadl

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 8. November 2010, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 8./9. November 2010, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 9. November 2010, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 9. November 2010, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Der selbstreferenzielle „Darmstädter Theaterpreis“ eines Kultur­redakteurs interessiert so gut wie keine und niemanden. Eine Mitgliederver­sammlung geriert sich als Anekdoten­stadl. Ob Antisemit, Stalinist oder Faschist – alles dasselbe, so zumindest in eben selbigem Stadl. Dazu und zur ideologischen Totalitarismus­theorie fand der Politikwissen­schaftler Gerd Wiegel einige gelungene grundsätz­liche Worte.

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Einleitung 

Jingle Alltag und Geschichte

Am gestrigen Sonntag, oder, wenn ihr die Wiederholung hört: am vorgestrigen Sonntag inszenierte die Kulturredaktion von Radio Darmstadt eine Preisverlei­hung. In einer Matinee im Darmstädter Literaturhaus verlieh sie großspurig einen „Darmstädter Theaterpreis“, der im Grunde der Theaterpreis des Kultur­redakteurs Rüdiger Gieselmann ist. Geehrt wurden die Schauspielerin Margit Schulte-Tigges und der Schauspieler Andreas Manz. Ihr könnt Ende des Monats eine Aufzeichnung dieser Selbstdar­stellung des Senders hören.

Bemerkenswert an dieser Selbstin­szenierung des Rüdiger Gieselmann war der Publikumszu­spruch. Wenn ich die Akteure und Aktivistinnen der Inszenierung herausrechne und meinen Besuch der Veranstaltung als redaktionelle Vorbereitung fasse, dann zeigt sich die Bekanntheit und Beliebtheit von Darmstadts Lokalradio am Zuspruch von gerade einmal sechs Personen, die zum Teil ohnehin mit den Geehrten verbandelt waren. Also: viel Show um Nichts, der Saal im Literaturhaus gähnte vor Leere.

Suchmaschinenergebnis
Zwei Wochen nach dem Event belegt die Internetsuche die Irrelevanz der Veranstaltung. Die Treffer sind selbstreferenziell.

Mehr Zuspruch hatte die Mitgliederver­sammlung des Vereins erhalten, der dieses Lokalradio bis zum 31. Dezember 2012 betreiben darf. Hier war die Anekdoten­fraktion des Vereins unter sich, um sich mit Stories und ollen Kamellen die Seele freizureden. Auf den Wahrheits­gehalt kam es hierbei nicht an, und einige der Anwesenden sagten dies auch ganz treuherzig: „Ich habe gehört, daß …“ – und schon plapperten sie munter drauflos. Recherche ist in diesem Medium der Lokalöffent­lichkeit vermutlich ein Fremdwort. [1]

Schade, daß Darmstadts Lokalpresse [wie auch bei der Verleihung des Theaterpreises!] nicht anwesend war. Sie hätte einen trefflichen Einblick in den traurigen Zustand des Lebens im Verein erhalten. Gut hingegen finde ich es, daß der auf der Versammlung anwesende Vertreter der hessischen Landesmedienanstalt unverblümt einen aufgebrachten Anekdoten­stadl erleben durfte. Worum ging es? Dem Darmstädter Echo liegt meines Wissens dieselbe Pressmittei­lung über die Mitgliederver­sammlung vor, die auch mir zugespielt wurde und die nicht aus den Reihen der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt stammt.

Nun wird Rüdiger Gieselmann derlei weder seinen Gästen auf der Matinee erzählt haben noch dem Darmstädter Förderkreis Kultur, der für die Preisgelder aufgekommen ist. Deshalb erfahrt ihr an dieser Stelle von mir, was auf der Mitgliederver­sammlung so Ernstes besprochen wurde:

 

Kommt im Jahr 2012 das „Aus“ für „Radio Darmstadt“?

Zu einer Mitgliederversammlung hatte der Vorstand des Trägervereins und Lizenznehmers von „Radio Darmstadt“ am vergangenen Wochenende eingeladen. Die Tagesordnung beschränkte sich nicht nur auf die üblichen Regularien im Verein, sondern zu einem Tagesordnungs­punkt war [ein Vertreter] der „Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien“ (LPR Hessen) aus Kassel angereist. Es ging um die Aufhebung der Hausverbote von drei ehemaligen Mitgliedern, die nun schon drei bzw. vier Jahre andauern. Einleitend referierte [er] über die drei Grundsäulen von nicht­kommerziellen Radios, wie über den Artikel 5 des Grundgesetzes, über den Gedanken der Partizipation und die Chance zum Erwerb von Medienkompetenz.

Immer wieder wurden seine Ausführungen von einigen der ca. 45 anwesenden Mitgliedern unterbrochen, die Anfragen zur konkreten Situation der Hausverbote vorbrachten.

Auf die ging [er] dann ausführlich ein und machte deutlich, dass die Existenz von „Radio Darmstadt“ stark gefährdet sei, wenn der Vorstand nicht bald eine Lösung anstrebe, die eine Aufhebung der Hausverbote zum Ziel habe. Dabei erinnerte er an die Auflage der Versammlung der LPR, die an die zunächst begrenzte Verlängerung der Lizenz für nur ein Jahr geknüpft war. Bis Ende November 2008 gab es die Aufforderung des Lizenzgebers, eine Lösung zu unterbreiten. Dies sei nicht geschehen. Die Versammlung der LPR habe trotz dieser Nichterfüllung von Seiten des Vorstands von „Radio Darmstadt“ noch einmal eine Lizenzver­längerung bis 2012 beschlossen. [Und] weiter, wann begreift RadaR endlich, dass es eine große Chance nach der anderen verstreichen lässt, um die Lizenz auch weiterhin noch zu rechtfertigen?

In seiner Begründung verwies er immer wieder auf § 40 des Hessischen Privatrundfunkgesetzes (HPRG), das eine Zugangs­offenheit zu den Medien in umfassendem Sinn fordert. Dazu gehöre auch, dass sowohl Nichtmit­glieder als auch Mitglieder von Radar e.V. das Recht haben, die Sendetechnik im Sendehaus zu nutzen und jederzeit Sitzungen von Redaktionen zu besuchen.

Die sehr emotional aufgeheizte Stimmung in der Mitgliederver­sammlung, die wegen der Verkleinerung der Senderäume im Naturfreunde­haus an der Darmstraße stattfand, bewegte sich von persönlichen Erfahrungs­berichten gegen die Ausgeschlossenen bis hin zur Kritik an der jetzigen Vereinsführung, die eine Migrantin stellvertretend für andere Mitglieder auf dem Punkt brachte: „Ich habe heute jedes Mal Angst, die Senderäume zu betreten!“

[Der Vertreter der LPR Hessen] appellierte noch einmal an den Willen aller, den Konflikt einvernehmlich zu lösen und verwies darauf, dass andere Regionen, wie zum Beispiel der Vogelsberg oder Fulda, glücklich wären, eine Sendelizenz zu bekommen.

Nach Schluss der Rednerliste brachte Vorstandsmit­glied Benjamin Gürkan einen für die vorherige Diskussion entscheidenden Punkt ein. Demnach befände sich der Vorstand in der Phase, in Absprache mit den Ausgeschlossenen einen Lösungs­vorschlag zu erarbeiten, der dann am 3. Dezember [2010] einer erneuten Mitgliederver­sammlung zur Beschluss­fassung vorgelegt würde.

 

Der Totalitarismus der Anekdoten und Ideologien

Soweit die Pressemitteilung, die den Ernst der Lage für Darmstadts Lokalradio zu vermitteln helfen soll. Vielleicht kommt ja zu der Mitgliederver­sammlung am 3. Dezember nicht nur der „inner circle“ des Vereins zusammen, sondern die anderen Vereinsmit­glieder, die bislang dem Prinzip der drei Affen gefrönt haben. Für das Lokalradio zu hoffen bleibt, daß dem Anekdoten­stadl dann ein Ende gesetzt wird. Glauben daran mag ich jedoch nicht.

Zu ergänzen ware, daß die Redaktion Alltag und Geschichte, also meine Redaktion, nicht nur die Aufhebung der absurden Hausverbote fordert, sondern auch, daß unsere internationa­listischen Kolleginnen und Kollegen der Sendung „Evrenselin Sesi“ ihren ihnen von Vorstand und Programmrat entwendeten Sendeplatz am Freitagabend zurücker­halten. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Kommen wir nun zum Thema dieser Sendung am Vorabend des Jahrestages der Reichspogrom­nacht. – Auf einer Konferenz der VVN Baden-Württemberg, also der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, am 23. Oktober [2010] in Konstanz sprach der Politikwissen­schaftler Gerd Wiegel über die Gleichsetzung von Rechts und Links. Der hiermit einhergehende Extremismusbegriff ist Ausdruck einer bürgerlichen Ideologie, welche die bestehenden Verhältnisse zu den einzig richtigen und wahren zu deuten sucht. Von Gerd Wiegel stammt übrigens eine sehr schöne Dokumentation über das Zusammenspiel von CDU/CSU und dem rechten Rand, die im Internet heruntergeladen und nachgelesen werden kann.

Im Anekdotenstadel von Radio Darmstadt werde ich passender­weise als „Stalinist“ geführt. So einen Mist kann nur der verbraten, der weder eine Ahnung von der Geschichte der Sowjetunion noch vom Wesen des Stalinismus hat. Aber darauf kommt es bei den Anekdoten aus der Mitte des Vereinslebens ja auch nicht an. Hört nun den Vortrag von Gerd Wiegel, eine Aufzeichnung des bermuda.funks, des Freien Radios Rhein-Neckar, die ich mit Dank übernehme.

Den Vortrag von Gerd Wiegel anhören

Den Kommentar könnt ihr entweder über das Audioportal des Bundesver­bandes Freier Radios anhören oder dort herunter­laden werden [link]. Oder aber ihr benutzt das links abgebildete MP3-Abspielgerät, um ohne lästiges Herumgefummel mit internen oder externen Software-Playern dem Kommentar zu lauschen. Wie ihr wollt.


Der Faschismusvorwurf als Teil einer Schmutzkampagne

Am 12. November 2010 ergriff der Kulturredakteur Rüdiger Gieselmann in seiner Sendung „Politische Kultur“ das Wort. Unter anderem ereiferte er sich darüber, daß ich zu seiner betont öffentlichen(!) Veranstaltung, also der Matinee, zusammen mit einem Freund erschienen sei. Mangels inhaltlich begründeter und begründbarer Kritik – wir saßen einfach da und lauschten dem Laudator (also Gieselmann), einer Cellistin und einer Lesung der beiden Geehrten – meinte der Redakteur, Äußerlich­keiten heranziehen zu müssen. Der Freund und ich seien „absichtlich in Lumpen“ erschienen und hätten die Unverfrorenheit besessen, uns auf einen leeren Sitzplatz in der ersten Reihe zu setzen. Das ist sicherlich dreist, denn nach diesem lumpigen Verständnis des Herrn Gieselmann hätten wir uns unsichtbar ins hinterste Eck verdrücken, am besten jedoch gleich seiner Veranstaltung fernbleiben sollen. Unsere bloße Anwesenheit störte ihn, weshalb er zum Abschluß seiner Tirade mit wegkippender Stimme schrie: „Walter Kuhl, wir werden keine Gesellschaft finden!“ Wir lernen daraus: die „Öffentlichkeit“ des Herrn Gieselmann besteht darin, selbst darüber bestimmen zu dürfen, wer öffentlich sein darf – und wer nicht.

Weshalb erinnert mich das bloß an die Feinderklärung, die in den einschlägigen Schriften Carl Schmitts zu finden ist? Rüdiger Gieselmann begründet wortgewaltig, weshalb er an sich aktiv der Ausgrenzung beteiligte:

„Sie haben vielleicht von diesem Streit [gehört], der immer noch nicht beigelegt ist, zwischen unserem Sender Radio Darmstadt und der – sie nennen sich Dissent Medienwerkstatt. Ich gehe jetzt nur auf einen von ihnen ein, nämlich Walter Kuhl, der alles, was vom Sender kommt, angreift, und auch mich. Ich habe lange Zeit da still gehalten, es wurde mir auch angeraten: ‚Wenn du dich dagegen wehrst, dann kriegst du wieder zehn Gegenantworten.‘“

Was daran schlimm sein soll, erschließt sich mir nicht. So etwas nennt man und frau heutzutage „Diskurs“. Hat da wer Angst vor Argumenten statt Anekdoten? Aber weiter:

„Aber ich habe mich jetzt entschlossen, mal was dazu zu sagen, denn, ob ich darauf antworte oder nicht, er macht sowieso weiter. Also kann ich auch mal dazu was sagen. Ändern wird sich dadurch nichts. Aber ich will eben für neutrale Beobachter sagen, daß ich und daß wir Argumente haben. Er will von mir wissen, warum ich damals dafür gestimmt habe, daß er aus dem Sender ausgeschlossen wurde, und das will ich jetzt erklären.

Wir haben uns Spielregeln gegeben, unserem Sender, wie es auch in Vereinen usw. üblich ist. Solche Spielregeln sind nicht zivilrechtlich relevant und nicht strafrechtlich relevant, sondern das sind Spielregeln, an denen sich jeder halten muß. Also, wenn du jetzt ein halbes Jahr lang nicht zu unserem Vereinsabend kommst, dann wirst du eben ausgeschlossen, oder wenn du ein Jahr lang nicht bezahlt hast, wirst du ausgeschlossen. Und so haben wir damals beschlossen, Kritik unter uns muß sein, ja, wir sind auf sie angewiesen, aber sie hat sich entweder unter vier Augen abzuspielen oder eben in den entscheidenden Gremien, also hauptsächlich in den jeweiligen Redaktionen – das ist in meinem Fall die Kulturredaktion. Und ich weiß noch, daß er direkt neben mir saß und ich sagte: ‚Lieber Walter, ich habe mich so oft für dich eingesetzt, bitte tu es nicht, höre auf, vor allen Dingen solche Leute, die sich nicht wehren können, öffentlich mit deiner Kritik anzugreifen in deinem Internet-Tagebuch und in deinen Sendungen. Das entspricht und widerspricht unseren, das entspricht nicht und widerspricht unseren Spielregeln. Er hat daraufhin, in der Sitzung hat er nach meiner Erinnerung geschwiegen. Das ist ja auch egal, was er gesagt hat …“

… weil, schuldig ist er ohnehin, …

„… entscheidend ist, daß er mit diesen Beschimpfungen fortgefahren hat. Damals waren das Leute, die sich nicht wehren konnten. …“

… aber hallo, die haben einfach abgestimmt und damit ihre Sendelizenz aufs Spiel gesetzt …

„… Ich kann mich allerdings wehren. Und darauf war ich in der Tat sehr verärgert und bin einer jener gewesen, die dafür geworben haben, ihn auszuschließen.“

Ein typisches Stück aus dem schon angesprochenen Anekdotenstadl. Meine grundsätzliche Kritik an Rüdiger Gieselmann entzündet sich am Widerspruch zwischen seinen salbungsvollen Absichtser­klärungen in seinen Sendungen und der nackten Realität der „Regeln“. Wenn er mir zugesteht, daß es weder straf- noch zivilrechtlich relevante Vorwürfe gebe, dann kann es auch keine Beschimpfungen geben, allenfalls in der Einfältigkeit derer, die in Kritik eine „Beschimpfung“ sehen. Die selbstge­gebene Regel, von der er spricht, ist genau so eine. Sie betrifft nämlich nicht das Fehlen an Vereins­abenden (eher das Gegenteil) und auch nicht die Zahlungsmoral (vorbildlich), sondern das kleingeistige Gemüt im Sendehaus von Radio Darmstadt.

Die Behauptung, man oder frau sei offen für Kritik, ist ein geschichts­klitternder Mythos. Es ist genau diese, fundierte!, Kritik an Sendeabläufen und Programmin­halten gewesen, die den Sendenden, die von Kritik an ihren Sendungen nichts wissen wollten, nicht gefallen hat. Diese Sendenden begreifen jedoch nicht, daß alles, was sie über den Sender von sich geben, grundsätz­lich einer Kritik unterliegt, egal von wem sie kommt und ob sie von den Sendenden auch autorisiert wurde. Sie verwechseln ein nichtkommer­zielles Lokalradio mit seinem gesetzlichen und gesellschaft­lichen Auftrag mit einem passwortge­schützten Internetradio, in dem jeder und jede ohne jede Verantwortung plappern und patzen kann, wie sie und er will.

Am 11. September 2006 gab sich der Programmrat Regeln, die in ihrer Borniertheit kaum zu übertreffen waren (siehe meine Analyse). Diese sogenannten „Sendekriterien“ bedeuteten eine Einschränkung nicht nur der redaktionellen Freiheit, sondern auch des Grundgesetzes: „Jegliche Imageschädigung von Radar ist zu unterlassen. Dazu gehört auch öffentliche Verunglimpfung von Sendenden bei Radar, öffentliche Kränkung und öffentliches Verballhornen von auf Radar gesendeten Beiträgen. Öffentlich schließt insbesondere Äußerungen über den Ether (sic!) ein, sowie Äußerungen über Online-, Print- und AVmedien.“

Zu Deutsch: ein Nestbeschmutzungsparagraf, der eindeutig einzig und allein gegen mich gerichtet war, also ein Maulkorb. Der ehemalige Pfarrer Rüdiger Gieselmann, der sich in seinen Sendungen als Vorkämpfer gegen Zensur geriert, übt selbige mit Selbstverständ­lichkeit und Verve aus. Da paßt, so finde ich, der Begriff „bigott“ ganz gut.

Die Einfalt findet ihre Fortsetzung: „Beschimpfungen vermeiden, oder diese (wenn unbedingt notwendig) deutlich als ‚Kommentar‘ kennzeichnen.“ Nun erlaubt das deutsche Recht ohnehin keine öffentlichen Beschimpfungen, weshalb wir etwas tiefer schürfen müssen, um diesen absurden Paragrafen zu begreifen. Vermutlich ist mit „Beschimpfung“ eine Kritik gemeint, die der oder dem Kritisierten nicht gefallen könnte, weshalb sie vorsorglich als Kommentar zu bezeichnen ist. Es wäre ja auch albern, in einer Sendung zu sagen: „Hier beginnt ein Kommentar. Rüdiger Gieselmann, du bist eine Sau. Kommentar Ende.“ Das wäre dennoch strafbar und entspricht ohnehin nicht meiner Gedankenwelt, wohl aber der seines Senders. Als Monate später eine Vertreterin der Redaktion „Mohnrot“ diesen Quatsch im Programmrat zu lesen begann, lachte sie derart herzhaft drauflos, daß anschließend dieser ganze Unfug einkassiert und für nichtig erklärt wurde. Aber da hatte der Nestbeschmutzungs­paragraf seinen Dienst schon getan und …

… nicht etwa zum Vereinsausschluß, sondern zu einem unbeschränkten Sendeverbot geführt, das erst dann aufgehoben werden sollte, wenn ich mich „glaubhaft“ von meiner verurteilten Sendung distanziert hätte.

Weshalb erinnert mich dieses Vorgehen wohl an die Heilige Inquisition? Doch nicht etwa, weil auch der ehemalige Pfarrer Rüdiger Gieselmann (zugestanden: die Inquisition entstammt einer anderen christlichen Fraktion) an diesem unwürdigen Schauspiel beteiligt war?

Und wenn wir schon bei den von Rüdiger Gieselmann verbeiteten Anekdoten sind. Er vergißt, daß ich über ein gut geführtes Archiv verfüge, mit dem ich die ganzen Anekdoten durch harte Fakten widerlegen kann. Diese Fakten bilden die Grundlage meiner ausführlichen Dokumentation über die Geschehnisse bei Radio Darmstadt seit dem Herbst 2006, die vielleicht nicht durch die Spielregeln des Herrn Gieselmann, aber durch das Grundgesetz gedeckt ist.

Am 10. Juli 2006 legte die Redaktion treffpunkt eine welt einen gegen meine Internet-Dokumentation gerichteten Antrag für die Programmrats­sitzung vor: „Der Programmrat möge beschliessen, dass interne Kritik in einer Sendung oder im Internet erst veröffentlicht werden darf, wenn alle Möglichkeiten der sender- und vereinsinternen Klärung ausgeschöpft sind. Dieser Beschluss ist von allen Sendenden zu unterschreiben. Verstösse werden mit Sendeverboten geahndet.“ Einmal abgesehen davon, daß derlei vermutlich lizenzwidrig ist – der Antragsteller zog den Antrag zurück, nachdem ich erwidert hatte, daß ich jahrelang in Vorstand und Programmrat ebenso wie im direkten Gespräch mit den Sendenden darauf gedrängt hatte, von keiner und niemandem bezweifelte Mißstände anzugehen und zu beseitigen. Er sah ein, daß mein Argument nicht zu widerlegen war. Hier ist demnach festzuhalten, daß ich für ein Vergehen bestraft worden bin, daß nur in der Fantasie einzelner Redakteure bestanden hat. Und so etwas wird ausgerechnet vom Vorkämpfer gegen Zensur (vor allem, wenn sie sich möglichst weit und nicht direkt vor seiner Nase weg ereignet) öffentlich verteidigt! Wie erbärmlich.

Die sich hierin ausdrückende Feinderklärung findet offenbar einen Liebhaber in seiner Kultur­redaktion. Auf deren Sitzung im August 2010 meinte ein Redakteur, mich als Faschisten beschimpfen zu dürfen. Rüdiger Gieselmann saß dabei und schwieg fein und still. Eine Intervention hätte ihm womöglich den Vorwurf der Parteinahme eingebracht, wie dies anderen Vereinsmit­gliedern übrigens schon widerfahren ist, die sich vorsichtig kritisch zu den ausgesprochenen Hausverboten geäußert hatten. Doch am 12. November, drei Monate später, platzte es dann aus ihm heraus:

„Er hat neulich gesagt, indem ich gegen ihn gestimmt hätte, sei ich auch verantwortlich für die Beschimpfungen, die ihm zuteil geworden sind, also ‚dumme Sau‘ und ‚Faschist‘ usw. Nun, ich stehe zu meinem Abstimmungsverhalten, aber ich kann doch keine Verantwortung übernehmen [für] das, was andere Leute ihm entgegenhalten, die ähnlich wütend über ihn sind wie ich. Ich distanziere mich ausdrücklich, weil ich sehr oft gegen die Inflatorik des Begriffs Faschist gekämpft habe. Ich distanziere mich von dem Schimpfwort Faschist. Natürlich ist Walter Kuhl kein Faschist, das habe ich niemals gesagt, aber ich kann doch nicht jetzt den ganzen Tag mich im Sender aufhalten, wenn die Leute über Walter Kuhl schimpfen, und denen in die Parade fahren.“

Aber, wenn Du dabei anwesend bist, vielleicht doch, oder? Oder ist „links sein“ für Dich, bei Hetze zu schweigen?

Selbstverständlich sieht der Vorstand des Vereins, in dessen Räumen derart herumgehetzt wird, keinen Handlungsbedarf.

Das Beste habe ich mir bis zum Schluß aufgehoben. Rüdiger Gieselmann, aufrechter Vorkämpfer für die selbstaufer­legten kleinlichen Regeln des Vereins, verstößt selbst hiergegen. Am 28. Februar 2008 gab sich der Programmrat erneut „Sendekriterien“, beziehungs­weise: sie wurden ihm vom Vorstands­mitglied Benjamin Gürkan diktiert. In Punkt 1.14 dieser „Regeln“, die nichts anderes beinhalten als der Nestbeschmutzungs­paragraf der Vorgänger­version, heißt es:

„Kritik an Personen, Strukturen, Sendungen oder anderen internen Gremien von Radio Darmstadt ist zunächst intern an den oder die zuständigen Redakteur/In, den Programmrat, den Vermittlungsaus­schuss oder den Vorstand zu richten. Erst wenn keine Abhilfe zu schaffen ist oder das Problem intern nicht gelöst werden kann, kann von der Möglich­keit Gebrauch gemacht werden, Missstände und Konflikte öffentlich zu machen und zu senden. Auch hier gilt dann die Maßgabe der journalistischen Sorgfalt.“

Selbstredend ist Rüdiger Gieselmann nicht an mich herangetreten, hat den Vermittlungsaus­schuß eingeschaltet oder versucht, das Problem intern zu lösen. Meinetwegen kann er öffentlich Stellung beziehen, auch ohne den kleinlichen Regelkram einzuhalten, aber: wenn er dies von anderen einfordert und auch noch für Ausgrenzung und Verdammnis stimmt, dann ist er gehalten, sich an seine Regeln zu halten. Aber das hat er ja nicht nötig, denn er hat ja „Argumente“.

Ich folgere daraus: Quot licet Iovi (Rüdiger Gieselmann) non licet bovi (Walter Kuhl), was ich, wie ich schon zum Ausdruck gebracht habe, als bigott empfinde.

 

ANMERKUNGEN
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»» [1]   Das Wort Recherche ist ohnehin ein Fremdwort, aber hier ist gemeint: ordentlich zu recherchieren.


Diese Seite wurde zuletzt am 20. Februar 2011 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2010, 2011. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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