Kapital – Verbrechen

Driving While Black

 

SENDEMANUSKRIPT

In der Sendung vom 1. Februar 2007 sprach ich über Mumia Abu–Jamal, den institutionalisiert justizförmig ausgetragenen Rassismus in den USA und den damit verbundenen gefängnis–industriellen Komplex als Methode effektiver, an ethnischen Kriterien orientierter Sozialkontrolle.

Diese Sendung hätte ursprünglich am 22. Januar 2007 und in einem zweiten Versuch eine Woche später bei Radio Darmstadt ausgestrahlt werden sollen. Der Programmrat dieses Senders befand es jedoch aus politischen Gründen für angemessen, mir für meine Weihnachtssendung vom 25. Dezember 2006 ein Sendeverbot auszusprechen, das solange andauern soll, bis ich mich angemessen von dieser Sendung distanziert habe. Offensichtlich gefiel es ihm nicht, daß ich offen und deutlich meine Meinung dazu ausgesprochen habe, was täglich auf diesem Sender zu hören ist. Das sei imageschädigend für den Sender. Demnach ist imageschädigend nicht, mehrstündige Sendelöcher zu produzieren, verbotenerweise Werbung zu senden, das Urheberrecht zu verletzen, sinn– und konzeptlos Wiederholungen einzuspielen oder ganz einfach nur Dünnpfiff abzusondern, sondern imageschädigend ist es, offen darüber zu reden. Es ist der bigotte Kleingeist, der aus der Begründung für dieses Sendeverbots spricht. Bemerkenswert, weil passend, ist es auch, daß ausgerechnet der Menschenrechtler Gerhard Schönberger diese Zensurmaßnahme vorgebracht hat. Zensur ist nämlich sein Menschenrecht; Zitat: "Lieber ein Sendeloch als diese Sendung." Wenn das die LPR Hessen hört …, denn die mutwillige Produktion von Sendelöchern kann mit Lizenzentzug geahndet werden!

Und so kommt es, daß bei Radio Darmstadt eine Sendung über sein Ehrenmitglied Mumia Abu–Jamal verboten wurde. Schauen wir doch einmal, als wie imageschädigend sich dieses Sendeverbot erweisen wird.

 

 

Sendung :

Kapital – Verbrechen

Driving While Black

 

Redaktion und Moderation :

Walter Kuhl

 

gesendet vom :

Freien Radio Wüste Welle (Tübingen)

 

im Gästezimmer:

Im neu eingerichteten Gästezimmer empfangen wir Interviewgäste und bringen Beiträge anderer Freier Radios. SendungsanfängerInnen, die nicht gleich mit einer großen Sendung loslegen wollen, bieten wir hier einen Raum in dem sie ihre Ideen umsetzen und ihre experimentellen radiophonen Energien freisetzen können. Individuen und Gruppen, die nur temporär radioaktiv sein wollen, finden hier saubere Handtücher und ein frisch überzogenes Bett. Inhaltlich gibt es ein gemischtes Programm aus kürzeren und längeren Beiträgen, Musik– und Wortfeatures, Einzel– und Mehrteiler. Längerfristig wollen wir das Gästezimmer zu einer größeren Programmfläche ausbauen. Wer an der "Raumgestaltung" mitwirken will, etwa als ModeratorIn, TechnikerIn oder Inhalte gestalten will: Wir treffen uns jeden Mittwoch um 19 Uhr im Funkhaus.

 

gesendet am :

Donnerstag, 1. Februar 2007, 14.00–15.00 Uhr

 

Die Audiofassung ist auf dem Online–Portal des Bundesverbandes Freier Radios anzuhören oder herunterzuladen: Teil 1  Teil 2  Teil 3.

Ein herzlicher Dank geht an die Kolleginnen und Kollegen von Radio F.R.E.I. in Erfurt, die die Sendung im Mittagsmagazin Nowosti sowie in der Abendsendung Weißer Fleck übernommen haben:
Montag, 29. Januar 2007, 12.00–13.00 Uhr (Nowosti)
Donnerstag, 1. Februar 2007, 22.30–24.00 Uhr (Weißer Fleck)

 
 

Besprochene und benutzte Bücher :

  • Michael Schiffmann : Wettlauf gegen den Tod, Promedia Verlag
  • Angela Davis : Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse?, Verlag Schwarzerfreitag
  • Udo Sautter : Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, Alfred Kröner Verlag

 
 

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung

Kapitel 2 : Die Freunde und Helfer der herrschenden Klasse

Kapitel 3 : Black Power ist ein Verbrechen

Kapitel 4 : Staatsfeinde

Kapitel 5 : Der Knast des Kapitals und des weißen Mannes

Kapitel 6 : Checks and balances – erhalten die Macht

Kapitel 7 : Schluß

Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

In meiner heutigen Sendung im Rahmen der Redaktion Alltag und Geschichte werde ich auf die aktuelle Entwicklung im Fall des schwarzen Radiojournalisten Mumia Abu–Jamal eingehen. Mumia Abu–Jamal wurde im Dezember 1981 im Anschluß an die Tötung des Polizisten Daniel Faulkner in Philadelphia in den USA festgenommen und anschließend in einem unfairen Verfahren zum Tode verurteilt. Er sitzt bis heute in der Todeszelle, obwohl zwischenzeitlich die Hinweise darauf, daß er nicht der Täter gewesen sein kann, überwältigend sind. Mumia Abu–Jamal war und ist, das belegen Zeugnisse sehr unterschiedlicher Menschen aus aller Welt, zudem ein unglaublich begnadeter Journalist. Außerdem ist er Ehrenmitglied des Trägervereins dieses Lokalradios [Radio Darmstadt], RadaR e. V.

Ich werde daher ein jüngst erschienenes Buch zum Fall Mumia Abu–Jamal vorstellen. Dieses Buch ist allein schon deshalb bemerkenswert und lesenswert, weil es Mumias Kampf gegen die Todesstrafe auf sehr tiefsinnige Weise mit der bis heute andauernden rassistischen Sozialgeschichte der USA verknüpft. Es ist gleichzeitig ein Ärgernis, weil es die rassistische Terminologie von "Rassen" und "Negern" verwendet, ohne diese Terminologie ausreichend zu reflektieren.

Zur Vertiefung ziehe ich deshalb ein kleines Büchlein von Angela Davis heran, welches den gefängnis–industriellen Komplex der USA anhand seiner rassistischen und sexistischen Grundlagen beleuchtet. Ihr überzeugend vorgetragenes Plädoyer besteht im Eintreten für eine Gesellschaft ohne Gefängnisse. Dies setzt allerdings voraus, daß Politiker, Medien und ganz normale Menschen wie du und ich aufhören, ihr zutiefst ressentimentgeladenes Strafbedürfnis auf Kosten anderer Menschen auszuleben.

Michael Schiffmann und Angela Davis argumentieren in ihren Büchern vor dem Hintergrund der Sozialgeschichte der USA. Daher werde ich zum Schluß dieser Sendung noch auf die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika des Historikers Udo Sautter eingehen. Die Musik zur heutigen Sendung entstammt dem Sampler Free Mumia Now!, herausgebracht vom Bremer Schallplattenversand Jump Up.

Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

 

Die Freunde und Helfer der herrschenden Klasse

Besprechung von : Michael Schiffmann – Wettlauf gegen den Tod, Promedia Verlag 2006, 318 Seiten, € 21,90

Die Geschichte ist im Grunde kurz erzählt. Mumia Abu–Jamal, Radiojournalist aus der "Stadt der brüderlichen Liebe" Philadelphia im Bundesstaat Pennsylvania geriet in den frühen Morgenstunden des 9. Dezember 1981 in eine Schießerei mit einem Polizeibeamten, der gerade eine Verkehrskontrolle durchführte. Im kontrollierten Auto saß mitsamt einem Beifahrer einer der Brüder des Journalisten. Der Streifenbeamte Daniel Faulkner wurde hierbei erschossen, Mumia Abu–Jamal überlebte schwer verletzt. Aufgrund der Aussagen mehrerer Zeuginnen und Zeugen und der Tatsache, daß er schwer blutend am Tatort aufgefunden wurde, war er der ideale Verdächtige, dem anschließend der Prozeß gemacht wurde. Die Jury befand ihn des Mordes schuldig, der Richter sprach die Todesstrafe aus. Soweit alles nicht erwähnenswert, sondern US–amerikanische Routine.

So scheint es. Doch schon im Verfahren von 1982 mußten ernsthafte Zweifel an der offiziellen Version aufkommen. Zeuginnen und Zeugen behaupteten etwas, das sie zuvor oder später anders oder gar nicht gesehen hatten. Die ballistischen Ergebnisse waren alles andere als zufriedenstellend, schon gar nicht eindeutig. Doch Mumia Abu–Jamal hatte nichts weiter als einen Pflichtverteidiger, der offensichtlich derart unfähig war, daß an eine ordentliche Verteidigung nicht zu denken war. Doch das größte Hindernis waren die schier unbegrenzten Machtmittel der Staatsanwaltschaft und der vorsitzende Richter Alfred Sabo. Dieser – ein berüchtigter Todesstrafenbefürworter – entzog Mumia Abu–Jamal mehrfach seine gesetzlichen Rechte und sorgte ansonsten dafür, daß der Prozeß seinen vorgeplanten Weg in die Todeszelle nahm.

Buchcover Wettlauf gegen den TodAll dies jedoch kam erst Jahre später ans Tageslicht, als sich kompetente Anwältinnen und Anwälte dieses Verfahrens annahmen. Zwei Hinrichtungsbefehle des Gouverneurs von Pennsylvania wurden zwischenzeitlich ausgesetzt. In diesem Jahr [2007] ist mit der Entscheidung des Bundesberufungsgerichts in Philadelphia zu rechnen. Das kann alles mögliche bedeuten. Die Bandbreite geht von der Neuauflage des Prozesses bis hin zur endgültigen Bestätigung des Todesurteils, gegen die es keine Berufungsmöglichkeit mehr gäbe.

Michael Schiffmann, Anglistikdozent an der Universität Heidelberg, hat diesen Fall mitsamt seiner komplexen Vorgeschichte in seinem im Promedia Verlag herausgebrachten Buch Wettlauf mit dem Tod ausführlich dargestellt. Das besondere Verdienst dieses Buches besteht jedoch in zwei Punkten. Zum einen gelingt es ihm überzeugend, den Fall Mumia Abu–Jamal in den Kontext einer rassistischen Sozial- und Rechtsgeschichte in den USA einzubetten. Viele Details des Verfahrens wie der Hartnäckigkeit, mit der am Todesurteil festgehalten wird, lassen sich hiermit erklären.

Zum anderen gelang es ihm durch einen Zufallsfund im Internet, neue beweiskräftige Fotografien vom Tatort zu präsentieren. Diese Bilder belegen, daß der Tatort schon vor der ohnehin mageren Spurensicherung durch die Polizei Philadelphias [1] manipuliert worden ist. Auf dieser Grundlage kann der Autor demnach die Ansicht des Verteidigungsteams belegen, daß die Version von Polizei und Staatsanwaltschaft nicht stimmen kann, was bedeutet, daß Mumia Abu–Jamal nicht der Täter war.

Fragwürdig ist jedoch der Versuch des Autors, aus den Indizien und Fotografien eine eigene Version der Geschehnisse auszubreiten. Daß der vom Autor als Täter präsentierte Beifahrer des kontrollierten Fahrzeugs tatsächlich geschossen hat, ist erst einmal spekulativ. Erfahren werden wir es wohl nicht mehr, denn er wurde Mitte der 80er Jahre unter dubiosen Umständen von der Polizei Philadelphias getötet. Für die Verteidigung scheint es mir zunächst einmal unerheblich zu sein, wer auf den Polizeibeamten geschossen hat. Denn erstens kann es gute Gründe gegeben haben, sich gegen die in Phialdelphia endemische Polizeibrutalität zu wehren, zum anderen ist entscheidender, daß der Prozeß als ein rassistischer Schauprozeß angesehen werden muß – und schon allein deshalb das Urteil aufzuheben wäre.

Es stellt sich also die Frage nach den Motiven der Polizei und der Staatsanwaltschaft in Pennsylvanias Millionenstadt. Michael Schiffmann geht zur Erklärung weit in die Geschichte der USA zurück und zeigt, daß Rassismus und soziale Unterdrückung eng mit der systematischen Kriminalisierung nichtweißer Bevölkerungsgruppen zusammenhängen. In einem eigenen Kapitel beleuchtet er die Rolle der Polizei Philadelphias, die als eine der korruptesten und gewalttätigsten im gewiß nicht wenig korrupten und gewalttätigen Amerika gilt. Unabhängige Untersuchungen über den Polizeiapparat der Stadt kamen zu dem Schluß, daß mit Billigung der obersten Polizeiführung nicht nur mit der Mafia zusammen gearbeitet wurde, sondern ein nicht geringer Teil der Polizeibeamten selbst an Verbrechen und deren Vertuschung beteiligt war.

Schwarz zu sein, war und ist hingegen ein Verbrechen, das unbedingt geahndet werden muß. Schikanöse Verkehrskontrollen gehören für die nichtweiße Bevölkerung der USA zum Alltag. Das sogenannte racial profiling, also die Kriminalitätsbekämpfung anhand rassischer Kriterien [und das ist nicht meine Begrifflichkeit, sondern die Begrifflichkeit des Apparates in den USA], ist durch diverse Studien eindeutig belegt. Der Autor des Buches liefert uns hierzu das notwendige historische und statistische Material. Und es ist von daher auch kein Zufall, daß einer der Brüder von Mumia Abu–Jamal am frühen Morgen des 9. Dezember 1981 im Rotlichtbezirk von Philadelphia in eine Straßenkontrolle geriet. In Anlehnung an den offiziellen Sprachgebrauch, der das Fahren unter Alkoholeinfluß als DWI, als driving while intoxicated, kennzeichnet, wird das Verbrechen, schwarz zu sein, als DWB bezeichnet: driving while black.

Michael Schiffmann berichtet daher nicht vom amerikanischen Traum, sondern vom amerikanischen Alptraum für die unzähligen Millionen Menschen, die nicht weiß sind. In den zumeist putzigen US–amerikanischen Fernsehserien oder gewalttätigen B–Movies werden uns Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner entweder als wohlhabende akzeptierte Mitglieder der Gesellschaft mit all ihren allzu menschlichen Unvollkommenheiten präsentiert wie beispielsweise im Prinz von Bel Air mit Will Smith. Oder aber es handelt sich um allzeit zur Gewalt bereite Kriminelle, die auf den Straßen herumlungern, Drogen verkaufen oder sich am Herumballern mit ihren Waffen berauschen. Manchmal dürfen sie auch den Clown für das weiße Publikum spielen wie Eddy Murphy. Mit der US–amerikanischen Durchschnittsrealität hat dies jedoch nicht das geringste zu tun. [2]

 

Black Power ist ein Verbrechen

Selbst unter diesen Umständen wird nicht so recht deutlich, weshalb der Fall Mumia Abu–Jamal nach 25 Jahren zu einem stark polarisierten Kampf geworden ist, zwischen seinen inzwischen weltweit anzutreffenden Unterstützerinnen und seinen Gegnern, die nur eines wollen: seinen Tod. Michael Schiffmann bezieht deshalb in seine Darstellung des Falls Mumia Abu–Jamal sozialen, politischen und wirtschaftlichen Hintergrund der Lebensrealität nichtweißer Männer und Frauen in den USA mit ein.

Neben dem historisch aus der Sklaverei erwachsenen Rassismus der US–Gesellschaft und der allgegenwärtigen Schikane, die Schwarze, Latinos, Asiatinnen und Native Americans zu jeder Tages– und Nachtzeit treffen kann, gibt es ein weiteres wichtiges Element, ohne das der Kampf um das Leben und die Freiheit von Mumia Abu–Jamal nicht verständlich wird. Denn die Schwarzen Amerikas sind nicht einfach nur Opfer, nur weil sie bis in die 60er Jahre einer gesetzlich abgesicherten Apartheid unterlagen, die in den USA Segregation genannt wird. Sie sind auch nicht einfach nur Opfer, obwohl ihr prozentualer Anteil an den Gefängnisinsassen überdurchschnittlich ist und der größte Teil unterhalb der offiziellen Armutsgrenze lebt.

Angesichts dessen, daß der schwarze Bevölkerungsanteil etwa 12 Prozent beträgt, sind Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner in politischen Entscheidungsgremien, bei der Staatsanwaltschaft und Justiz, aber bei den Geschworenen hoffnungslos unterrepräsentiert. Die Chance, ein nicht von rassistischen Vorurteilen geprägtes Verfahren zu erhalten, ist minimal. Zumal die meisten Schwarzen arm sind und sich keine kompetente Verteidigung leisten können, die es ihnen ermöglichen würde, sich effektiv gegen die weiße Polizei und Justiz zur Wehr zu setzen.

Und so äußert sich der schwarze Widerstand notwendigerweise auf eine Weise, der von der herrschenden Politik als kriminell bezeichnet wird. Wer als kriminell bezeichnet wird, ist demnach durchaus eine Definitionsfrage, die ganz und gar nicht wertfrei beantwortet wird. Hinzu kommt: Wer nichts zu essen hat, wer sich unter den elenden Bedingungen der US–amerikanischen Sozialpolitik behaupten muß, ist fast zwangsläufig dazu verurteilt, sich illegal durchzuschlagen. Und damit will ich nicht sagen, daß dies tatsächlich passiert. Aber es wäre ein guter Grund, es zu tun.

Nehmen wir einmal ein Beispiel aus der Drogenpolitik: Weiße Drogenvergehen werden komplett anders behandelt als schwarze, selbst die Gesetzeslage orientiert sich an rassistischen Kriterien. So verabschiedete der US–amerikanische Kongreß in den achtziger Jahren zwei Gesetze zur automatischen Verurteilung zu fünf Jahren Gefängnis wegen Drogenbesitzes mit der Absicht der Weitergabe. Bei der Droge des armen Mannes, Crack–Kokain, reichen hierzu 5 Gramm, bei der Droge des reichen Mannes, dem vielfach teureren Pulverkokain, sind hierzu 500 Gramm vonnöten. Folglich sind die Verurteilten wegen Crackbesitzes zu fünf Sechsteln schwarz, die wegen Kokainbesitzes zu drei Fünfteln weiß.

Der angebliche Krieg gegen die Drogen, welche die US–Politik seit Anfang der 80er Jahre beherrscht, ist demnach ein Krieg gegen die nichtweiße Jugend, die folgerichtig überproportional im Knast landet [3]. Rassismus zeigt sich eben auch dort, wo angeblich alle gleich sind und gleich behandelt werden. Hier kommt dann eben die Klassenlage oder die nach rassistischen Kriterien erfolgte Zuordnung zu bestimmten Bevölkerungsgruppen zum Tragen.

Wie gesagt, es gibt Widerstand dagegen. In den 50er und 60er Jahren war es vornehmlich die schwarze Bevölkerung, welche die Aufhebung der offiziellen Segregation erkämpfte. Spätestens mit den Ghettoaufständen in den US–amerikanischen Metropolen war auch der herrschenden Politik klar, daß sie auf einem Pulverfaß saß. Gewährt wurde jedoch nichts, alles mußte erkämpft werden. Selbst die harmlosesten Gesetze, welche die weiße Vorherrschaft im Süden berührten, wurden nur zögerlich und widerwillig umgesetzt. Die Ghettoaufstände entstanden jedoch spontan. Sie waren nicht vorhersagbar und konnten aufgrund absolut nichtiger Anlässe entflammen.

Gefährlicher für das US–Establishment waren jedoch die organisierten schwarzen Versuche, sich zumindest einmal dieselben Rechte zu erkämpfen, die für die weiße Bevölkerung seit langem selbstverständlich waren. Und das galt nicht nur als kriminell, sondern geradezu als eine Gefahr für die nationale Sicherheit.

Das FBI lancierte ein Programm zur präventiven Aufstandsbekämpfung, welches systematisch jeden Versuch, die herrschende weiße Ordnung zu gefährden zunichte machen sollte. Ein Kristallisationspunkt schwarzen Widerstands war neben anderen Organisationen, deren Bedeutung hier nicht herunter gespielt werden soll, die Black Panther Party. Sie ist selbst heute, über drei Jahrzehnte nach ihrem Niedergang, der wichtigste politische Bezugspunkt der schwarzen Community. Sie hat nämlich ein Erbe hinterlassen.

Die Black Panther Party war ein konkretes Beispiel schwarzer Militanz. Unter Militanz ist jedoch nicht etwa ein martialisches Auftreten zu verstehen, sondern das unbedingte und kompromißlose Eintreten für die eigenen emanzipatorischen Interessen. Ursprünglich trug die Partei den Namenszusatz for Self–Defense, also: zur Selbstverteidigung. Hiermit bezogen sich die Parteigründer Heuy Newton und Bobby Seale auf das verfassungsmäßige Recht weißer Staatsbürger, sich und das eigene Eigentum zur Not auch mit der Waffe verteidigen zu dürfen. Entscheidend dafür, daß sich die Partei innerhalb kürzester Zeit einen ungeheuren Respekt in der schwarzen Community erwerben konnte, waren jedoch nicht ihre Überwachungstätigkeit des Einsatzes weißer Polizeistreifen, auch nicht die unbeabsichtigte Besetzung des Parlamentsgebäudes in Kalifornien mit geladenen Waffen. [4]

Entscheidend war, daß die Black Panther Party vor allem den Jugendlichen in den Ghettos eine Perspektive anbot, ihnen eine politische Orientierung gab und vor allem sogenannte Überlebensprogramme ins Leben rief. Das waren Programme, welche den Kids in den Ghettos wenigstens eine warme Mahlzeit pro Tag ermöglichten, ihnen Bildung vermittelte, ihnen kostenlose Kleidung verschaffte und die es den Menschen ermöglichte, eine kostenlose Rechtsberatung zu erhalten. So reformistisch im Grunde diese Programme waren, so revolutionär waren sie für die schwarze Community. Neben Black Power entwickelte sich ein schwarzer Stolz, und das war etwas, mit dem die Autoritäten noch nie konfrontiert gewesen waren.

So darf es nicht verwundern, daß die Black Panther Party inoffiziell zum Staatsfeind erklärt wurde, der mit allen legalen und erst recht illegalen Methoden zu bekämpfen und zu zerschlagen war. Inzwischen liegen massenhaft Dokumente vor, die belegen, wie das FBI und lokale Polizeibehörden systematisch die Partei bespitzelten, einzelne Ortsgruppen gegeneinander aufhetzten, die Parteimitglieder wegen erfundener Tatvorwürfe festnahmen und jahrelang im Knast vermodern ließen, und wenn das nicht reichte, sie auch einfach kaltblütig erschossen. Politischer Mord ist keine Exklusivdomäne der CIA.

Eine dieser Ortsgruppen der Black Panther Party gründete sich in Philadelphia, und von Anfang an dabei war ein 14–jähriger Junge namens Wesley Cook, der später als Mumia Abu–Jamal bekannt werden sollte. Wesley Cook zeigte schnell sein Talent als Journalist, weshalb er zum lokalen Informationsminister ernannt wurde. Von Mumia Abu–Jamal gibt es eine autobiografisch gefärbte Geschichte der Black Panther Party, die dieses Frühjahr im Bremer Atlantik Verlag in deutscher Übersetzung erscheinen soll. Die Redaktion Alltag und Geschichte, der ich angehöre, hat die Übersetzung dieses wichtigen Buchs mit einer kleinen Spende unterstützt.

 

Staatsfeinde

Mumia Abu–Jamal alias Wesley Cook geriet somit schnell ins Fadenkreuz des FBI. Unter der Code–Nummer 1–157–3937 wurden seine Aktivitäten systematisch aufgelistet. Und doch sollte man und frau nicht denken, hier wären überkandidelte Sicherheitsfanatiker am Werk gewesen. Auch im Alter von gerade einmal 14 Jahren stellte Wesley Cook für die nationale Sicherheit eine potentielle Gefahr dar. Das ist durchaus ernst zu nehmen. Es liegt nämlich im Wesen bürgerlicher Rechtsstaaten, dafür zu sorgen, daß die Geschäftsgrundlage nicht verletzt wird.

Das sogenannte Counter Intelligence Program, kurz Cointelpro, hatte sein Pendant beispielsweise im geheimen NATO–Netzwerk Gladio in Europa oder in den Notstandsgesetzen und damit verbundenen Geheimdienstaktivitäten in der damaligen Bundesrepublik Deutschland. Die Geschäftsgrundlage: das ist der Kapitalismus, und der ist heilig und unantastbar. Sollte er, wie in den USA, mittels eines institutionalisierten oder ab den 70er Jahren eher informellen Rassismus funktionieren, dann ist jeder Widerstand dagegen eine potentielle Gefahr.

Michael Schiffmann beschreibt in seinem Buch Wettlauf mit dem Tod die konkrete Realität der Panthers in Philadelphia, die geradezu lückenlose Überwachung und die bewaffneten Schikanen der dortigen Polizei. Wenn wir uns dann zudem daran erinnern, daß die Polizei Philadelphias ohnehin den Ruf einer der brutalsten der USA genoß, dann können wir erahnen, daß dies unmittelbare Auswirkungen auf die Lebensrealität der schwarzen Bevölkerung und erst recht jeder organisierten politischen Tätigkeit haben mußte. Mumia Abu–Jamal geriet also früh nicht nur ins Fadenkreuz des FBI, sondern unterlag auch der Überwachung durch die städtische Polizei:

So gut wie jede Bewegung sämtlicher Parteimitglieder war von permanenten Schikanen begleitet, von Bußgeldern wegen Herumlungerns, wegen Verstoßes gegen die Müllordnung, wegen Gefährdung des Straßenverkehrs. [5]

Heißt es bei Schiffmann; und das ist umso kurioser, weil die städtische Müllabfuhr in den schwarzen Ghettos ohnehin nicht funktionierte.

1970 verließ Mumia Abu–Jamal die Partei. Mitte der 70er Jahre begann er, sich als Radiojournalist in Philadelphia zu etablieren, und er nahm hierbei kein Blatt vor den Mund, wenn es um die alltägliche Gewalt der Polizei gegen die schwarze Bevölkerung der Stadt ging. So machte er sich schnell unbeliebt und stand somit wiederum im Fadenkreuz des Polizeiapparats, dessen Mafiaverbindungen ich schon erwähnt hatte und dessen Polizeipräsident Frank Rizzo 1972 zum Bürgermeister gewählt worden war. Als solcher konnte er dem Polizeiapparat jede nur denkbare Unterstützung gewähren; und er tat es auch. Als Mumia Abu–Jamal im Morgengrauen [6] des 9. Dezember 1981 neben dem toten Polizeibeamten Daniel Faulkner aufgefunden und festgenommen wurde, war die Stunde der Abrechnung gekommen.

Wenn wir im Nachhinein feststellen können, daß der Prozeß gegen Mumia Abu–Jamal keinesfalls den Standards eines fairen Verfahrens entsprach, dann ist dies eine Untertreibung. Damals, 1982, war ein solches Vorgehen jedoch vollkommen üblich. Und so konnte der Polizeiapparat mit Rückendeckung von oben bestens mit der Staatsanwaltschaft und Richter Alfred Sabo kooperieren und das Beweismaterial manipulieren, wohl wissend, daß hierfür niemals jemand zur Rechenschaft gezogen werden würde.

Das Justizsystem der USA, weit entfernt davon, armen oder gar schwarzen Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen [7], würde schon das seinige dazu beitragen, daß das vorgeplante Todesurteil niemals aufgehoben werden würde. Die entsprechenden rechtlichen Möglichkeiten der Berufung, so minimal sie auch gewesen sein mögen, wurden unter der Präsidentschaft Clinton Mitte der 90er Jahre unter dem Deckmantel der Terrorismus–Bekämpfung faktisch abgeschafft.

Deswegen gibt es auch einen sehr zähen Widerstand gegen jeden Versuch, das Verfahren neu aufzurollen. Die mächtige Polizeigewerkschaft FOP, die selbst tief in diesem Korruptionssumpf steckt, mobilisiert nicht nur ihre Mitglieder, sondern auch die öffentliche Meinung. Demokraten wie Republikaner haben – schon aus Eigeninteresse – kein Interesse daran herauszufinden, was an diesem Sumpf faul ist und verweigern deshalb angeblichen Kriminellen wie Mumia Abu–Jamal ihr Recht. Die Bewegung gegen die Todesstrafe und das rassistische Gefängnissystem in den USA ist schwach, wenn sie sich auch zuweilen lautstark öffentlich äußern kann. Bemerkenswert ist jedoch die internationale Solidarität. Die Stadt Paris verlieh Mumia Abu–Jamal im Oktober 2003 die Ehrenbürgerschaft.

Einmal abgesehen vom solidarischen Gehalt dieser symbolischen Geste sollten wir hierbei nicht übersehen, daß die Animositäten zwischen Frankreich und den USA sich mitunter auch darin äußern, daß die Franzosen dem großen Bruder durch einige kleine Nadelstiche zeigen, was man und frau von ihm wirklich hält. Entsprechend empört reagierte die US–amerikanische Polizeigewerkschaft, als die Franzosen noch einen drauf setzten und im vergangenen April die Zufahrtsstraße zur größten Sportstätte Frankreichs im Pariser Vorort St. Denis nach Mumia Abu–Jamal benannt wurde. Das Stadion selbst trägt den Namen von Nelson Mandela.

Anzumerken sind zu dem soeben vorgestellten Buch jedoch auch einige nun wirklich vermeidbare Ärgernisse, so etwa die unreflektierte Übernahme von Begriffen des rassistischen US–amerikanischen Sprachgebrauchs wie Neger oder rassische Konflikte[8]

Mumia Abu–Jamals Kolumnen aus der Todeszelle sind regelmäßig in der Tageszeitung junge Welt zu lesen. Im Atlantik Verlag sind mehrere seiner Bücher erschienen, so demnächst auch die schon erwähnte Geschichte der Black Panther Party.

Michael Schiffmanns Buch über Mumia Abu–Jamal mit dem Titel Wettlauf gegen den Tod ist im vergangenen Herbst im Wiener Promedia Verlag herausgebracht worden. Es hat 317 Seiten und kostet 21 Euro 90. Ein Buch, das uns über die Lebenswirklichkeit in den USA einiges mehr aussagt als alle Fernsehserien und Actionfilme zusammen, das aber auch reflektiert gelesen werden muß.

 

Der Knast des Kapitals und des weißen Mannes

Besprechung von : Angela Y. Davis – Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse?, Verlag Schwarzerfreitag 2004, 153 Seiten, € 11,00

Wenn wir über die Abschaffung der Todesstrafe diskutieren, wird meist auf die Alternative einer lebenslangen oder doch zumindest längeren Haftstrafe verwiesen. Womöglich ist dieser Ansatz jedoch falsch. Die US–amerikanische Historikerin Angela Davis stellt in ihrer kleinen, 2004 in deutscher Übersetzung im Verlag Schwarzerfreitag erschienenen Schrift über den gefängnis–industriellen Komplex in den USA gleich das gesamte Gefängnis– und Strafsystem in Frage. Provokativ lautet der Titel dann auch: Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse? Und die Autorin sagt: ja.

Buchcover Eine Gesellschaft ohne Gefägnisse?Angela Davis weiß, wovon sie spricht. Ihr Eintreten für politische Gefangene in den USA Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre trug ihr drei Mordanklagen ein. Infolge der Mobilisierung einer weltweiten Öffentlichkeit mußte sie freigesprochen werden. Sie gehörte wie Mumia Abu–Jamal und viele Black Panther zur Zielscheibe des CointelproProgramms des FBI.

Ihr Buch läßt sich sowohl allein als auch als ideale Ergänzung zu dem Buch von Michael Schiffmann über Mumia Abu–Jamal lesen. Deutlicher noch als Schiffmann arbeitet sie die Geschichte der Sklaverei als Vorgeschichte der heutigen rassistisch konnotierten Gefängnisindustrie heraus. Dabei ist Michael Schiffmann kein Vorhalt zu machen, ist er doch der Übersetzer dieses ungemein aufschlußreichen kleinen Werks. Dies hat den unschätzbaren Vorteil, daß hier jemand als Übersetzer tätig ist, der es als Anglist vermeidet, hölzern englische Texte ins Deutsche zu übertragen, wie das leider allzuoft anzutreffen ist.

Das Gefängnis ist ein Ort, wo keine und niemand gerne hinmöchte und der gleichzeitig als vollkommen normaler Bestandteil einer bürgerlichen Ordnung gilt. Das Gefängnis ist jedoch in der historischen Perspektive keine derartige Selbstverständlichkeit gewesen. Erst mit dem Aufkommen der bürgerlichen Gesellschaft im 17. und 18. Jahrhundert wurde darüber nachgedacht, wie das alte, als barbarisch angesehene Strafsystem der körperlichen Züchtigung bis hin zum Tod humaner gestaltet werden kann. Und in gewisser Weise war es das auch [humaner].

Heute können wir im Anschluß an die Schriften von Michel Foucault noch einmal viel deutlicher erkennen, daß dieser Fortschritt gleichzeitig eine Perfektion der Überwachung und Repression bedeutete. Dies war nur wenigen der damaligen Zeitgenossen bewußt und für noch weniger war dies ein Problem. Eine Ausnahme stellt beispielsweise Charles Dickens dar, der sehr wohl sah, was jahrelange Haft mit den Eingeschlossenen und Eingekerkerten anstellt.

Wenn Gefängnisse gemeinhin mit Kriminalität assoziiert werden, so liegt jedoch ein tiefes Mißverständnis zugrunde. Mögen Gefängnisse vielleicht tatsächlich einmal als Besserungsanstalten verstanden worden sein, so sind sie jedoch vor allem eines: ein Instrument zur Aufrechterhaltung der herrschenden Ordnung und der mit dieser verbundenen Normen. Mit Beginn der Industrialisierung diente das Gefängnis daher der Disziplinierung der vorwiegend städtischen (und männlichen) Arbeiterschaft und der Rationalisierung der Persönlichkeit. Gewisse Ähnlichkeiten zur Funktion der Schule sind hier nicht zu übersehen, auch wenn Angela Davis hierauf nicht eingeht. [9]

Im Kontext der USA kommt jedoch eine weitere Komponente hinzu: die Disziplinierung der schwarzen Bevölkerung. Angela Davis zeigt, daß nach dem Bürgerkrieg die Inhaftierungsrate der schwarzen Bevölkerung dramatisch anstieg, weil auf diese Weise eine legal aussehende Zwangsarbeit die vorherige Sklaverei ersetzen konnte. Wir können anhand der von ihr vorgetragenen Argumentation auch ersehen, daß Kriminalität immer auch etwas ist, was sozial als solche definiert worden ist. Demnach gab es (und gibt es, siehe: driving while black) Delikte, die nur auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe zugeschnitten waren. Weiße lungern eben nicht herum und können deshalb auch nicht inhaftiert werden.

Ich möchte an dieser Stelle nicht näher auf die wahrlich alarmierenden Zahlen eingehen, die belegen, daß sich inzwischen mehr als zwei Millionen Menschen in Haft befinden, mehr als ein Drittel davon schwarz. Erinnern wir uns: Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner stellen gerade einmal ein Achtel der Bevölkerung. In den 80er Jahren setzte ein geradezu wahnhafter Bauboom neuer, meist privater Gefängnisse ein. Die Gefängnisindustrie erwies sich als profitables Geschäft. Heute sind Großkonzerne nicht nur an eigenen Anlagen beteiligt, sondern verdienen auch an der Versorgung dieser üppigen Gefängnisbevölkerung. Für den US–amerikanischen Staat hat dieser Komplex den ungemeinen Vorteil, daß er hierin Menschen verschwinden lassen kann, die sich im Alltag nicht mehr systemgerecht handhaben lassen.

Bemerkenswert an dieser Entwicklung ist jedoch auch, daß die Kriminalitätsrate sinkt und die Gefängnisbevölkerung wächst. Der Kausalzusammenhang ist jedoch nicht der, daß die Kriminalität sinkt, weil die Kriminellen im Knast gelandet sind, sondern ganze ethnisch und klassenmäßig sortierte Populationen verschwinden unter dem Vorwand der Kriminalitätsbekämpfung.

Einen Punkt gilt es noch herauszustellen: Lange Zeit bildeten Frauen einen äußerst geringen Teil der Gefängnisbevölkerung. Inzwischen bilden sie den am stärksten wachsenden Gefangenenmarkt. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, daß die alten repressiven Mechanismen zur Beherrschung von Frauen und ihrer Arbeit, nämlich häusliche Gewalt, dem neoliberalen Trend der Vereinzelung und Aufspaltung aller sozialen Zusammenhänge zum Opfer fallen. Gerade also weil Frauen zuhause nicht mehr normgerecht gezüchtigt werden (häusliche Gewalt wird zum Straftatbestand, obwohl sie natürlich weiterhin vorkommt), wandern sie immer häufiger in den Knast. Angela Davis weist daher vollkommen zurecht auf diese geschlechtsspezifische Besonderheit des neuen gefängnis–industriellen Komplexes hin.

Die Forderung nach Abschaffung der Sklaverei mag Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts bizarr angemutet haben. Heute ist sie für uns selbstverständlich. Die Forderung nach Abschaffung der Todesstrafe ist zwar heutzutage immer noch nicht selbstverständlich, aber keineswegs mehr als skurril anzusehen. Weiter gedacht geht es darum, in einem dritten Schritt eine weitere Bastion der Verweigerung des Rechts auf ein selbstbestimmtes Leben einzureißen.

Sicher, die Forderung nach Abschaffung aller Gefängnisse ist radikal. Aber wäre eine Gesellschaft, die ohne das profitjagende mörderische Wahnsystem auskommen kann, nicht die bessere Alternative? Mord und Totschlag, Raub und Vergewaltigung sind letztlich Ausdruck einer tiefgreifenden Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich, Männer und Frauen, Macht und Ohnmacht. Wer für das Gefängnis eintritt, tritt letztlich auch dafür ein, darüber zu bestimmen, wie andere Menschen zu leben und zu funktionieren haben. Es ist das Gegenteil von Freiheit und Gleichheit, von Solidarität einmal ganz zu schweigen. Und es gibt in der Tat andere Mechanismen, die auf Versöhnung und Wiedergutmachung setzen.

Diese Mechanismen setzen jedoch eine andere Gesellschaft mit einem anderen Wertesystem voraus. Eine solche Gesellschaft würde jedoch nicht verschwenderisch sein, die notwendige Arbeit effektiv organisieren und ganz sicherlich nicht auf Angst und Strafe als System sozialer Belohnung setzen. Hierüber nachzudenken ist sicherlich sinnvoll und gesellschaftlich wahrscheinlich unbedingt notwendig. Angela Davis verhilft uns mit ihrer vorzüglichen Darstellung des gefängnis–industriellen Komplexes in den USA zu neuen Einsichten und, wenn wir offen für das Neue sind, auch zu neuen Ansichten über uns und die Welt. Ihr Buch Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse? ist 2004 im Verlag Schwarzerfreitag erschienen; das Buch hat 153 Seiten, es kostet 11 Euro.

 

Checks and balances – erhalten die Macht

Besprechung von : Udo Sautter – Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, Alfred Kröner Verlag, 7. Auflage 2006, 694 Seiten, € 26,00

Wahrlich umfangreich ist das im letzten Herbst im Alfred Kröner Verlag in siebter und völlig überarbeiteter Auflage erschiene Buch des Historikers Udo Sautter über Die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. Wahrscheinlich ist es ohnehin ein Kunststück, eine derart umfangreiche Materie in 694 Seiten zu pressen, aber es ist ein durchaus gelungenes. Allerdings ist hinzuzufügen, daß der Autor keineswegs als Kritiker dieses Gesellschaftssystems auftritt und ihm deshalb zuweilen die Argumente fehlen, um einen Zusammenhang angemessen darzustellen.

Buchcover Geschichte der Vereinigten Staaten von AmerikaNehmen wir beispielsweise die Verfassungsdebatte in der Gründungszeit der jungen Republik, als es darum ging, zwischen den Interessen des Bundes und den Interessen der einzelnen Bundesstaaten eine angemessene Balance zu finden. Wir kennen das Ergebnis heute aus dem Schulunterricht, wo uns mit schönen Farbtafeln das System der checks and balances vermittelt wird. Worum es hierbei jedoch wirklich ging, ist in Udo Sautters Buch nicht nachzulesen, jedoch in Michael Schiffmanns Buch über Mumia Abu–Jamal.

Der Witz an der ausgeklügelten Verfassungskonstruktion war sicherlich auch der Interessensausgleich zwischen städtischer [Nordstaaten–]Bourgeoisie und sklavenhaltenden Pflanzern [Süstaatenbourgeoisie]. Entscheidend war jedoch ein völlig anderer Gedanke, den der spätere US–Präsident James Madison klar herausstellte. Die Begüterten, so formulierte er, müssen vor der Mehrheit geschützt werden. Eine föderale Verfassung biete die beste Gewähr dafür, daß ein Aufruhr in einem Bundesstaat nicht das gesamte Land erfasse [10]. Hier zeigt sich, daß gewisse Aspekte der Verfassungs– und Sozialgeschichte nur dann zu verstehen sind, wenn sie in einer Geschichtsschreibung aus der Sicht der unterdrückten Klassen thematisiert werden, wie etwa in Howard Zinns Geschichte des amerikanischen Volkes [11], die unerklärlicherweise bei den Literaturangaben in Sautters Buch fehlt.

Als ein anderes Beispiel unter vielen könnte ich die Darstellung der Wirtschaftskrise von 1873 [12] nennen, die im vorliegenden Band eher kursorisch und ohne Tiefgang abgehandelt wird. Hier hilft natürlich das Verständnis der kapitalistischen Produktionsweise, um zu begreifen, warum Krisen entstehen und weshalb sie den Zeitgenossen als so unverständlich erscheinen. Die Triebkräfte einer konkreten Gesellschaft zu ergründen, die grundlegenden Widersprüche zu erfassen und darauf aufbauend die konkrete Geschichte zu begreifen, das ist natürlich eine Kunst. Udo Sautter liefert uns sehr anschaulich eine Menge Material, das wir nur noch interpretieren und richtig einordnen müssen. Insofern ist ein solcher Wälzer natürlich eine ungeheure Hilfe.

Die US–amerikanische Geschichte beginnt bekanntlich als Kolonialgeschichte. Schon in diesen Anfängen waren grundlegende gesellschaftliche Widersprüche angelegt. Die Sklaverei als Instrument einer sich entwickelnden Südstaatenbourgeoisie korrespondiert mit den Zwangsarbeitsverträgen aus dem Norden, mit denen die zum Teil mörderischen Schiffspassagen aus Europa abgelöst werden mußten. Während jedoch im Anschluß daran die weißen Männer sich frei bewegen konnten, traf dies für die schwarze Bevölkerung in den seltensten Fällen zu. Hier wurden nicht nur die Wurzeln für den spezifisch US–amerikanischen Rassismus gelegt, sondern auch die materiellen Grundlagen für die späteren Modifikationen des profitablen Systems der Ausbeutung schwarzer Arbeitskraft.

Daß zudem die indigene Bevölkerung systematisch dezimiert und eingesperrt wurde, gehört zwar nicht zu den Ruhmestaten der USA, ist jedoch systemlogisch vollkommen erklärlich. Massenmord und Kapitalismus sind nur zwei Seiten derselben Medaille.

Der in Udo Sautters Band versammelte Materialreichtum umfaßt auf jeden Fall mehr Themen, als ich sie je angemessen kritisieren könnte. Es ist ja nicht so, daß der Autor uns die negativen Aspekte der Wirtschafts– und Sozialgeschichte der USA verschweigen würde oder den Rassismus unter den Tisch fallen ließe. Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen der kursorischen und durchaus ausführlichen Darstellung dieser Themen und dem tiefer liegenden Verständnis für die dem US–amerikanischen System innewohnende soziale und ethnische Ungerechtigkeit.

Udo Sautters Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika ist nichtsdestotrotz ein informatives und zum Schmökern einladendes Buch. Wenn wir bei der Lektüre im Hinterkopf behalten, daß manche historische Ereignisse sich nur durch eine angemessene Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse begreifen lassen, dann ist sein in 7. Auflage neu herausgebrachtes Buch sicherlich als Nachschlagewerk unentbehrlich. Es ist im Alfred Kröner Verlag erschienen und kostet 26 Euro.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

Heute mit einigen Anmerkungen zu der Frage, warum Verkehrskontrollen tödlich enden können und welchen Anteil der Rassismus in den USA hieran hat. Zum besseren Verständnis einer uns weitgehend unbekannten US–amerikanischen Realität habe ich drei Bücher vorgestellt:

Von Michael Schiffmann ein Buch über den in der Todeszelle sitzenden US–amerikanischen Radiojournalisten Mumia Abu–Jamal mit dem Titel Wettlauf gegen den Tod, erschienen im Promedia Verlag.

Von Angela Davis die provokative Streitschrift Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse? aus dem Verlag Schwarzerfreitag.

Sowie von Udo Sautter die in aktualisierter Neuauflage im Alfred Kröner Verlag erschienene Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika.

Diese Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte wird voraussichtlich in der Nacht von Montag auf Dienstag um 23.00 Uhr, am frühen Dienstagmorgen gegen viertel nach Fünf und noch einmal am Dienstagvormittag gegen halb Zwölf wiederholt [13]. Das Manuskript zur Sendung gibt es demnächst auf meiner Webseite: www.waltpolitik.de. Die Musik zur heutigen Sendung entstammt dem Sampler Free Mumia Now!, herausgebracht vom Bremer Schallplattenversand Jump Up.

Im Anschluß an diese Sendung folgt eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

VERWEISE

Jürgen Heiser schrieb am 13. Januar 2007 zum Buch von Michael Schiffmann eine Besprechung, die zwar ein wenig unter der Ausbreitung der persönlichen Differenzen zwischen ihm und Schiffmann leidet [was in seiner Ehrlichkeit wiederum sympathisch ist], andererseits aber die problematischen Punkte des Buches ziemlich gut offen legt: "Der Kampf um Befreiung ist keine Sportveranstaltung. Über das Buch »Wettlauf gegen den Tod« von Dr. Michael Schiffmann".

Buchcover Settlers - The mythology of the white proletariatMir ist auf einem Kongreß in Frankfurt vor 15 Jahren ein Buch aus den USA in die Hand gefallen, welche die Geschichte des US–amerikanischen Rassismus aus antiimperialistischer Sicht beschreibt: Settlers. The mythology of the white proletariat von J. Sakai. Leider gibt es diese Schrift nur auf Englisch und wahrscheinlich ist sie in Deutschland nirgends erhältlich. Weitere Informationen zu diesem spannend zu lesenden und weiße Mythen enthüllenden Buch gibt es auf www.kersplebedeb.com.

 

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Die akribische Spurensicherung mit modernster Technologie, wie wir sie in Serien wie CSI vorgeführt bekommen, hat wenig mit dem US–amerikanischen Polizeialltag zu tun. Erst recht dann nicht, wenn es darum geht, Spuren von ganz alltäglicher Polizeibrutalität und Polizeiwillkür zu verwischen, wie im vorliegenden Fall.

[2]   Es gibt natürlich in den USA auch eine schwarze Bourgeoisie, die sich ein Stück weit vom Dünkel ihrer weißen Klassengenossinnen und Klassengenossen hat freikaufen können. Doch auch sie unterliegt diesem racial profiling und steht somit unter besonderer Beobachtung.

[3]   Dieser Antidrogenkrieg ist nicht auf die USA beschränkt. Im gesamten Lateinamerika, besonders jedoch in Kolumbien, dient diese Chiffre als Deckmantel für die Ausrüstung von Paramilitärs zur Bekämpfung als terroristisch angesehener Widerstandsstrukturen gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Über die intensive Verwicklung der CIA informiert Alfred McCoy in seinem Buch Die CIA und das Heroin.

[4]   In Califormia wurde deshalb ein Gesetzentwurf gegen das offene Tragen von Waffen eingereicht. Um hiergegen zu protestieren, wollten sich die Black Panther mit geladenen Waffen auf die Besuchergalerie begeben. Statt dessen fanden sie sich mitten im Sitzungssaal wieder, was den lustigen Effekt hatte, daß die versammelten Parlamentarier sich unter ihren Bänken verkrochen. Diese Black Panther wurden wegen Mißachtung des Parlaments angeklagt.

[5]   Michael Schiffmann : Wettlauf gegen den Tod, Seite 98

[6]   Genau genommen beginnt das Morgengrauen erst, wenn es langsam hell wird. Dafür war es streng genommen morgens um 3.51 Uhr im Monat Dezember nun doch etwas zu früh. Was lernen wir daraus? Nicht einfach sinnlos auflockernde Floskeln zu benutzen.

[7]   Deshalb sind US–amerikanische Gerichtsserien in der Regel vollkommen wirklichkeitsfremd. Entscheidend sind oftmals nicht die Beweise und Indizien, sondern die Verfügbarkeit über Geld und Ressourcen.

[8]   Beispiele: Rassenunruhen [Seite 28], rassenneutraler Pazifismus [Seite 49], Rassenbeziehungen [Seite 68], die Rassen Philadelphias [Seite 64], Rassentrennung [Seite 64 und öfter], rassische Integration [Seite 69], rassische Animosität {Seite 70], rassisch–ethische Kräfte [Seite 75]. Auf Seite 16 steht das Wort Rasse wenigstens einmal in Anführungszeichen, ohne daß diese erklärt würden. Auf Seite 44 wird der Buchtitel Negroes with guns als Überschrift Neger mit Waffen verwendet, ohne daß, wie in verschiedenen verwendeten Zitaten auch, der kolonialistische Begriff Neger irgendwo einmal problematisiert werden würde. Wenn gleichzeitig im Buch regelmäßig der Begriff Afroamerikaner erscheint, dann wäre eine begriffliche Klärung vielleicht schon angebracht.

[9]   Die Vermittlung von Bildung bedarf nicht unbedingt einer Schule. Und wenn seit den 90er Jahren vom lebenslangen Lernen die Rede ist, dann ist der Gedanke des Lernknastes nicht allzuweit entfernt.

[10]   Schiffmann Seite 19

[11]   Siehe meine Besprechung in der Sendung Kriterien vom 30. Oktober 2006.

[12]   Udo Sautter : Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, Seite 280–281

[13]   So stand es zumindest im Sendemanuskript. Der am 29. Januar 2007 zuständige Chef vom Dienst bei Radio Darmstadt, ein gewisser Ralf Donath, bestand auf dem vom Programmrat [dem er angehört] ausgesprochenen Sendeverbot [das er mir jedoch nicht erklären konnte].

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 16. Dezember 2007 aktualisiert.

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