Zigarettenwerbung
Zigarettenwerbung mit Drohkulisse – die Heuchelei bürgerlicher Horrorshows

Kapital – Verbrechen

Elitenwechsel

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 23. Mai 2011, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 24. Mai 2011, 00.00 bis 01.00 Uhr
Dienstag, 24. Mai 2011, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 24. Mai 2011, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Ein Sender feiert mit Prominenz den Rückschritt. Im Lunapark der kapitalistischen Glitzerwelt entsteht deutsch-libysches Giftgas innerhalb einer Ölschmierentragödie. Mikrokredite können tödlicher sein als Rauchschwaden. Nigeria verstehen heißt Neokolonialismus denken.

Besprochene Zeitschrift und Bücher:

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Zukunft und Zensur 

Jingle Alltag und Geschichte

Darmstadts Zukunft ist schwarz. Die Dunkelheit kapitalistischer Grausamkeiten, im neoliberalen Neusprech auch Sparzwang und Schuldenbremse genannt, erhält ein grünes Kostüm. In den kommenden Jahren wird uns die neue Bürger­lichkeit zeigen, was ökologisches Bewußtsein und Sozialpolitik verbindet und erst, was sie voneinander scheidet. Die Ankündigung, die Nordostumgehung zu begraben, überrascht kaum. Werden doch auf diese Weise Gelder frei, die in wichtigere Projekte, etwa die Wiederherstellung schlagloch­behafteter Rennpisten durch die Stadt, gesteckt werden können. Gespannt sein dürfen wir auch auf den realpolitischen Pragmatismus, der hinter der grünen Position steht, die ICE-Flotte durch Darmstadts Hauptbahnhof leiten zu wollen.

Bemerkenswert finde ich, daß keine und niemand den Hochgeschwindig­keitswahn kritisch reflektiert. Vielmehr hängt die Zukunft einer Wissenschafts­stadt daran, ob es ihr geling, die überteuerten, vollgestopften, ausfallenden und unpünktlichen Flaggschiffe uneingeschränkter Mobilität nach Darmstadt zu lotsen. Ein Schelm, der sich dabei denkt, es gehe den Grünen um eine Verlangsamung des Geschwindig­keitsrauschs, wenn der ICE auch an der heimischen Milchkanne hält. Stellt sich dann nur noch die Frage, ob die neue Koalition das Lieblingskind christ­demokratischer Autovernunft, nämlich eine Grüne Welle, als Bevorzugung individueller Freiheit umsetzen wird. Zumindest frage ich mich das, wo ich doch mit dem Fahrrad so ziemlich an jeder Kreuzung auf eine rote Ampel treffe. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Am vergangenen Montag konntet ihr auf diesem Sendeplatz vernehmen, wie Zensur bei Radio Darmstadt wirkungsvoll umgesetzt wird. Meiner Redaktions­kollegin Katharina Mann wurde wegen eines angeblichen Verstoßes gegen Sendekriterien ihr Sendeplatz entzogen. Sie hatte etwas getan, was auf diesem Sender als wenig chic gilt, sie hatte kritische Fragen aufgeworfen und dabei die Verantwortung derer thematisiert, die wegschauen. Und wenn es dann des ultimativen Beweises für meine Behauptung bedurft hätte, anstelle von politischen Inhalten seien immer mehr mainstreamige Dudelfunk­sendungen auf diesem Sender zu hören, so wurde dieser Beweis am vergangenen Montag erbracht. Katharina Manns politischer Podcast wurde durch Dumpfbacken­musik ersetzt, die gelegentlich durch mehr oder weniger inhaltslose Bemerkungen zweier Moderatoren unterbrochen wurde. Dem Vernehmen nach wird Radio Darmstadt am 25. Juni [2011] einen „Tag der Offenen Tür“ veranstalten, der mir natürlich verschlossen bleiben wird. In Anwesenheit des neuen grünen Oberbürger­meisters Jochen Partsch und des Direktors der hessischen Landesmedienanstalt, Wolfgang Thaenert, feiert der Sender dann fünf Jahre Rückschritt.

Es sollen dann nämlich zwei weitere Sendestudios fertig gestellt sein, so daß es dann derer drei sein werden. Das ist bemerkenswert, denn drei, nein sogar vier sendefähige Studios gab es schon einmal, bevor die Riege, die den Verein und den Sender anschließend übernommen hatte, diese Infrastruktur demolierte, so daß nur noch ein Sende- und Vorproduktions­studio übrig blieb [1]. Immerhin – nach fünf Jahren sind wir so etwa auf dem Stand von 2006 wieder angelangt, wäre da nicht …

… ja wäre da nicht die Tatsache zu vermelden, daß der Verein seit vergangenem Sommer in wesentlich kleineren Räumlichkeiten ein Hinterhof­studio betreiben muß. Eine ganze Menge Mitglieder sind dem Verein verloren gegangen. Nahm der Verein vor 2006 noch mehr als 20.000 Euro an Mitglieds­beiträgen ein, so waren es 2009 (und 2010) nur noch rund 14.000 Euro. Das ist ein krasser Rückschritt; ein Rückschritt, der dadurch verschleiert wird, daß die Mitgliederkartei offenbar nicht bereinigt wird. Auf der Mitgliederver­sammlung am vergangenen Freitag mußte der Vorstand dann auch rund einhundert Karteileichen eingestehen.

So wundert sich beispielsweise eine Freundin aus meinem Bekanntenkreis immer wieder darüber, daß sie Einladungen zur Mitglieder­versammlung, etwa der am vergangenen Freitag, ja sogar Mitgliederbeitrags­marken erhält, obwohl sie schon vor Jahren schriftlich ihren Austritt aus dem Verein, der dieses Radio betreibt, erklärt hat. Kein Wunder, daß der Verein immer noch von 600 Mitgliedern schwätzt, während die eingenommenen 14.000 Euro darauf hinweisen, daß rund ein Viertel dieser angeblichen Mitglieder die Zahlungen an den Verein aufgrund von Kündigung der Mitgliedschaft oder anhaltendem Desinteresse längst eingestellt hat. Das läßt sich leicht nachrechnen. Der reguläre Jahresbeitrag beträgt 36 Euro. 14.000 Euro dividiert durch 36 ergeben … 388! Naja, das sind ja auch fast 600. Hinzu kommt, daß die Zahl der Sendungen und Sendenden seit 2006 ebenso dramatisch zurückgegangen ist. Wahrlich ein Grund, ein solches Theater mit einem „Tag der Offenen Tür“ zu begehen. Mal sehen, wer da kommt.

Und damit verlasse ich Darmstadt und wende mich der großen, weiten Welt zu.

 

Aufstände und Rochaden

Seit einigen Monaten erleben wir in Nordafrika und dem vorder­asiatischen Raum eine Welle von Demonstrationen gegen die etablierten Regimes. Zunächst stürzte der diktatorische Präsident Tunesiens, dann mußte der ägyptische Präsident das Handtuch werfen. Beide versuchten zunächst, mit Gewalt gegen die demokratische Massenbewegung vorzugehen, aber es scheint so, als habe ein Teil des Machtapparates die Chance erkannt, ihren Chef loszuwerden und zu beerben. In Libyen hingegen sind die Fronten wesentlich unklarer und die Kämpfe brutaler. Libyens oberster Feldherr mag nicht gehen, was der Nato nun gar nicht gefällt. Die Gelegenheit, sich die libyschen Ölquellen unter den Nagel zu reißen, will man sich nicht entgehen lassen. Auch in Syrien werden Panzer losgeschickt, um das zarte Pflänzchen Demokratie zu zermalmen. Bahrain ruft den Großen Bruder aus Saudi-Arabien zu Hilfe; und dieses Regime wiederum wird vom noch größeren Bruder aus den USA gestützt. Auch aus dem Jemen werden Demonstrationen gemeldet.

Doch es gibt Demonstrationen und Demonstrationen. Während manche Demonstrationen hierzulande als Aufstand gegen reaktionäre Regimes gefeiert werden, werden Demonstrationen in Griechenland beispielsweise verdammt. Der dortige Aufstand gegen das reaktionäre Regime der Banken und ihrer politischen Lakaien in der griechischen Politik gilt als ganz böse. Er gefährdet die bürgerliche Ordnung, deren Grundsäulen aus Eigentum und Profit bestehen. Die Griechinnen und Griechen sollen dafür bluten, damit nicht zuletzt deutsche Banken aus der Finanzkrise unbeschädigt hervorgehen können. Angela Merkel, die Gralshüterin deutscher Bankenherr­lichkeit, die logischerweise nichts dabei findet, wenn Josef Ackermann in ihrem Regierungsbunker seinen Geburtstag feiert, hält den Griechinnen und Griechen, die die Zeche deutscher Banken zahlen sollen, unmißver­ständlich den Spiegel vor: sie seien zu maßlos. Wie in Deutschland, so soll auch in Griechenland zukünftig zu Hungerlöhnen länger gearbeitet werden. Nun, genau darin besteht der europäische Einheitsgedanke.

Und während ich das hier aufschreibe, um es für meinen Podcast abzulesen, meldet die Tagesschau, daß eine richtige Demokratie wie die spanische friedliche Demonstrationen gegen die banken­freundliche Regierungspolitik einfach mal so verbietet. Daß die beiden großen spanischen Volksparteien in Korruptions­skandale verwickelt sind, paßt ins Bild, lenkt aber vom Wesentlichen ab. Der Staat ist nun einmal ideeller Gesamt­kapitalist und hat die Aufgabe, die Geschäfte der Bourgeoisie bestmöglich zu befördern. Hohe Jugendarbeits­losigkeit, Verarmung und repressive antidemokratische Maßnahmen gehören selbstredend zu diesem Geschäft dazu.

In meiner heutigen Sendung werde ich anhand zweier Bücher und einer Zeitschrift die Grotesken dieser Welt näher betrachten. Mitgebracht habe ich … ach was rede ich hier für einen Quatsch! Ich habe doch gar nichts mitgebracht, sitze ich doch gar nicht im Hinterhof­studio am Steubenplatz, sondern produziere diesen Podcast aufgrund eines Hausverbots zu Hause vor. Also, vor mir auf meinem Schreibtisch liegen selbige zwei Bücher und die eine Zeitschrift.

Der Journalist Heinrich Bergstresser hat im vergangenen Jahr ein kenntnisreiches Buch über Nigeria im Verlag Brandes & Apsel herausgebracht. Hierüber habe ich mit ihm im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse gesprochen. Der österreichische Schriftsteller Walter Wippersberg hat sich über den Krieg gegen die Raucher so seine Gedanken gemacht und sie in einem im Promedia Verlag veröffentlichten Buch aufgeschrieben. Mit einem Schwerpunkt zu Indien schreiben eine Reihe gesellschafts- und ökonomie­kritischer Autorinnen und Autoren in der aktuellen Ausgabe von Lunapark21 über ein „Wachstum zwischen Elend und Widersprüchen“. Mit dieser Zeitschrift werde ich anfangen, denn sie enthält einige bedenkenswerte Aussagen zum deutschen Engagement in Libyen.

 

Erdöl, Erdgas und Giftgas

Besprechung von: Lunapark21, Heft 13, Frühjahr 2011, 72 Seiten, € 5,50

Am 17. März 2011 hatte der UN-Sicherheitsrat angeblich zum Schutz von Zivilistinnen und Zivilisten Luftangriffe gegen Libyens Diktator Gaddafi beschlossen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Guido Westerwelle verteidigten anschließend im Bundestag die deutsche Enthaltung in dieser Frage. Man wolle sich nicht beteiligen, aber teile die Ziele. Nun – neben den Ölinteressen Frankreichs, Großbritanniens und der USA gibt es noch die ganz eigenen deutschen Interessen in Libyen. Winfried Wolf, der Chefredakteur der ökonomiekritischen Zeitschrift Lunapark21, benennt die ganz spezifisch deutsch-libysche Zusammenarbeit und gibt uns damit einen Hinweis darauf, weshalb die Bundesregierung jahrelang deutsche Interessen bei Herrn Gaddafi in guten Händen wußte.

1988 hatte sich eine Frau bei Jakob Moneta, dem langjährigen Chefredakteur der Gewerkschafts­zeitung metall und ihm, Winfried Wolf, gemeldet und berichtete, untermauert durch Unterlagen, über den Bau einer Giftgasfabrik aus deutscher Produktion in Libyen. Die damalige Bundesregierung war hierüber seit 1985 informiert. Seit Anfang der 80er Jahre wurde im libyschen Wüstensand bei Rabta ein Chemiekomplex errichtet, der zum Teil gezielt zur Herstellung chemischer Kampfstoffe dienen sollte. Die Pläne für dieses Werk stammten von der Salzgitter AG, einer hundert­prozentigen Tochter des Bundes. Weitere deutsche Konzerne wie Preußag und Thyssen waren ebenfalls beteiligt. Der Inhaber eines kleinen Unternehmens aus dem Schwarzwald, Jürgen Hippenstiel-Imhausen, wurde nach Bekanntwerden des Skandals zu einer lächerlich geringen Haftstrafe von fünf Jahren verurteilt, die er nur zum Teil absitzen mußte. Den Gewinn aus dem Giftgas-Deal durfte er behalten.

Eine bayrische Firma fand andere Wege, Gaddafis Träume von Macht und Reichtum zu unterstützen. Sie sorgte für den Umbau von Hercules-Transportflug­zeugen, so daß diese in der Luft libysche Kampfjets auftanken konnten. Ein Angriff aus der Luft auf Israel schien denkbar.

Cover Lunapark 21Zwei Jahrzehnte später, der Kalte Krieg war vorbei und der Zugriff aufs Öl von erheblicher Bedeutung, schulten dreißig ehemalige Kombattanten der Sondereinheiten GSG 9 und SEK Libyens Spezialeinheiten im Antiterror­kampf. Derartiges Wissen ist derzeit nützlich zur Bekämpfung der libyschen Opposition. Über den deutsch-französischen Rüstungs­konzern EADS gelangten panzerbrechende Raketen und andere nützliche Waffen­lieferungen in das Land zwischen Sahara und Mittelmeer. Rüdiger Grube, der heute die Deutsche Bahn AG durch Frostschäden und ausfallende Klimaanlagen schleust, wußte noch 2009 die Geschäfts­philosophie von EADS mit klaren Worten zu benennen: „Deutschland ist als Exportland erfolgreich. Und Exporte machen wir nicht mit Bratpfannen und Fahrrädern, sondern mit anspruchsvollen Produkten und Hochtechnologie.“ [2] Daß derartige Produkte tödliche Folgen haben und haben sollen, kümmert einen deutschen Manager selbstredend nicht.

Ach ja, wie hieß der Minister, der in den 80er Jahren die deutsche Beteiligung am Giftgas­geschäft mit Libyen vehement abgestritten hat? Wolfgang Schäuble, derzeit Bundesfinanzminister.

Wenn wir bedenken, daß das NATO-Engagement in Libyen nicht zivilisatorischen Zwecken, sondern dem Zugriff auf das im Lande verwertbare Öl dient, dann ist es hilfreich, wenn uns Lunapark21 ein wenig über den aktuellen Stand der Ölpreise mitteilt. Wenn wir ab und an mit Rohölpreisen von über einhundert Dollar für das Faß Öl geschockt werden, woran einige von uns bei der Heizölrechnung oder beim Tanken erinnert werden, dann sollten wir die Auswirkungen jahrzehntelanger Inflation berücksichtigen. Tatsächlich liegt der aktuelle Ölpreis unterhalb des inflations­bereinigten Niveaus von 1980. Dennoch dürfte das noch wesentlich niedrigere Niveau der späten 80er und 90er Jahre wohl nicht wieder erreicht werden. Der Grund liegt in einem Phänomen, das peak oil genannt wird. Es kann als wahrscheinlich gelten, daß das Fördermaximum des Öls erreicht worden ist und der Kapitalismus sich langsam, aber sicher nach neuen Energieträgern umsehen muß.

Um den ehemaligen US-amerikanischen Außenminister Henry Kissinger zu zitieren: „Erdöl ist zu wichtig, um es den Arabern zu überlassen.“

Winfried Wolf stellt uns in einem weiteren Artikel die besondere Bedeutung des arabischen Öls als Schmiermittel der Weltwirtschaft vor. Während normalerweise bei steigendem Bedarf an Rohstoffen die Preise steigen müßten, ist dies beim Öl nur begrenzt der Fall. Tatsächlich gibt es Sonderfaktoren, welche die Marktgesetze außer Kraft setzen. So kann ein Ölförderland kurzfristig das Angebot erhöhen, also mehr fördern lassen, um einen Preisanstieg abzufangen. Früher war dies den USA selbst möglich, heute hat Saudi-Arabien diese Rolle übernommen. Weiterhin bilden die Profiteure einer auf Öl basierenden Gesellschaft strategische Kartelle, es werden Kriege um billiges Öl geführt und Diktaturen eingerichtet und gefördert, die einen niedrigen Ölpreis sicherzustellen haben.

Die arabische Revolte, die in Marokko nur leicht zu spüren ist, in Algerien brutal unterdrückt wird, in Tunesien zumindest einen Präsidenten verjagt hat, in Libyen zu einem westlich befeuerten Bürgerkrieg mutierte, in Ägypten alte Machthaber neue Allianzen bilden läßt, gegen die in Syrien Panzer und in Bahrain saudische Truppen eingesetzt werden, ist ein vielschichtiges Phänomen. Progressive und reaktionäre, weltliche und islamistische Strömungen, manchmal auch eine Frauenbewegung, bilden ein seltsames Gemisch, das gleichermaßen durch Demokratisierung und Modernisierung der Gesellschaft wie auf die Rückbesinnung auf arabisch-islamische (und das sind meist männliche) Werte gekennzeichnet ist.

Was diesen Bewegungen zu fehlen scheint, ist eine klare politische, um nicht zu sagen klassen­kämpferische Komponente. Nach Jahrzehnten der Diktatur fehlt es an Kampftraditionen, an Führungs­persönlichkeiten, an klaren politischen Programmen. In Tunesien und Ägypten sind weiterhin die alten Kräfte an der Macht, die sich folglich nicht scheuen, den eingespielten Repressions­apparat auch gegen die zarten Pflanzen der Demokratie einzusetzen.

Die Westerwelles und Merkels müssen daher nichts anderes tun als ein bißchen abzuwarten, wer denn nun bei der Elitenrochade gewinnt, um mit den neuen Machthabern altbekannte Geschäfte abzuschließen. Es ist kaum anzunehmen, daß sich der Lebensstandard der breiten Bevölkerungs­massen wesentlich hebt. Allerdings ist es auch so, daß die Menschen der Region ihre eigene Stärke neu verspürt haben. Das Ende des Transformations­prozesses der arabischen Regimes ist noch nicht ausgemacht, auch wenn eine linke, emanzipatorische Ausrichtung nicht sehr wahrscheinlich scheint. Der Neokolonialismus zieht sich ein neues Gewand an.

Während die arabischen Regimes zumindest ein wenig zittern, sitzen die Reichen und Superreichen in Indien fest im Sattel. In einem Land, in dem mehr als eine Milliarde Menschen leben, ist es unter den Bedingungen neoliberaler Bereicherung geradezu zwangsläufig, daß eine vergleichsweise breite Schicht wohlhabender Inderinnen und Inder entstanden ist. Es sind Dutzende von Millionen Menschen, die eine ganz eigene Wirtschaftskraft entwickeln, während nur wenige Kilometer von den Reichenvierteln entfernt bitterste Armut in unbeschreiblichen Slums vorherrscht.

Fabian Scheidler beschreibt, wie der Wirtschaftsboom das Land spaltet, in dem Demokratie und Menschenrechte käuflich sind und die Rechte der am Wohlstand nicht Teilhabenden brutal mit Füßen getreten werden. Unvorstellbare nicht-hygienische Bedingungen stehen im Einklang mit einem ökologischen Raubbau, einer ungeheuren Umweltver­schmutzung und – wie sich das bei jedem kapitalistischen Regime gehört – mit einer massiven Verletzung von Menschenrechten. VW ist bei der beschleunigten Motorisierung des indischen Subkontinents mit dabei.

Die Finanzkrise der vergangenen Jahre zeigte zudem die Misere der sogenannten Mikrokredite schonungslos auf. Der globale Geldmarkt hat längst das Potential des Kleinkredite­wesens erkannt. Es geht nicht um kleine Summen, sondern um Milliardenbeträge. Die Mikrofinanziers arbeiten mit Wucherzinsen und Zwangsmitteln und haben nicht zu mehr Wohlstand, sondern zu weiterer Verarmung beigetragen. Gerhard Klas hat hierzu ein Buch geschrieben, das diesen Monat bei der Assoziation A herauskommt, mit dem Titel „Die Mikro-Finanzindustrie – Die große Illusion oder das Geschäft mit der Armut“. Spätestens dann, als der Wegbereiter der Mikrokredite, Muhammad Yunus aus Bangladesh, 2006 mit dem Friedensnobel­preis geehrt wurde, galt der Mikrokredit den großen Banken dieser Welt als gesellschafts- und ausbeutungsfähig.

Eher von theoretischem Interesse sind die Ausführungen von Ernest Mandel zur Rolle Indiens in der Industriellen Revolution, die Gedanken von Georg Fülberth zum Verhältnis von Zentrum und Peripherie, und die Reflexionen von Thomas Kuczynski über die auf Hegel, Marx und Engels zurückgehende eurozentristische Konzeption „geschichtsloser Völker“.

Durchaus spannend zu lesen sind die Aufsätze von Tomasz Konicz und Hannes Hofbauer über die ungarische Rechtsregierung. Beide zeigen, daß eine rechte, antisoziale und nationalistische Politik sich keineswegs den Vorgaben der EU-Kommission und des Weltwährungs­fonds unterwerfen muß, um einen Staatshaushalt zu gestalten. Durch eine geschickte Steuerpolitik holt sich die Orban-Regierung die Finanzmittel, die sie zum Aufbau einer nationalen Bourgeoisie benötigt. Nicht, daß Hannes Hofbauer das reaktionäre ungarische Modell als Masterplan für eine Darmstädter Finanzpolitik empfehlen würde, gewiß nicht. Aber, so sagt er zurecht, es zeigt, daß die neoliberalen Vorgaben nicht heilig sind und daß clevere Politiker dies auch erkennen und für sich nutzen.

Lunapark21 ist eine Zeitschrift, die über den Tellerrand nationaler Befindlichkeiten hinausschaut, die eine durchgeknallte Welt ohne ideologische Scheuklappen analysiert, die zeigt, daß Widerstand möglich ist, und die nicht nur aus Texten, sondern auch aus Bildern mit künstlerischem Anspruch besteht. Das aktuelle Heft erinnert an das Massaker der französischen Bourgeoisie an der Kommune von Paris im Mai 1871 und gibt Hinweise auf eine lesenswerte Literatur zu einem der ersten Versuche, selbstbestimmt und solidarisch sich selbst zu regieren. Ich hatte hierzu vor einigen Wochen den Roman „Die Himmelsstürmerin“ von Jutta Ditfurth vorgestellt. Die Zeitschrift erscheint viermal jährlich zum Preis von 5 Euro 50; und auf der Webseite des Projekts gibt es einige interessante Vorschläge, das Heft im Abonnement zu beziehen, und zwar auf www.lunapark21.de.

 

Kanalisierter Unmut, der der herrschenden Klasse nicht weh tut

Besprechung von: Walter Wippersberg – Der Krieg gegen die Raucher, Promedia Verlag 2010, 176 Seiten, € 13,90

Wer den Kids von heute etwas vermitteln will, muß sie schocken. Aufklärung geschieht nicht über rationale Argumente, sondern vermittels animierter Aufreißer. Das dachte sich wohl auch die Deutsche Herzstiftung und ließ einer Klasse von Siebtklässlerinnen und Siebtklässlern am LGG eine solche Schocktherapie zukommen. Rauchen ist gefährlich. Man und frau versammelt alle Gruselstories, die es über das Rauchen und seine Folgen gibt, und lasse dies die Kids in einem drastischen Kurzfilm inhalieren. Alsdann kam eine Autoritätsperson, ein Kardiologe, um das filmisch durch Schockeffekte präparierte und noch formbare kindliche Gemüt mit den Horrostories der gar schröcklichen Folgen des Rauchens zu indoktrinieren. Dies ist meine Lesart eines Artikels im Darmstädter Echo, der am 20. Mai online nachzulesen war.

Ich frage mich, was dieser Überfall auf Jugendliche soll, die gerade erst beginnen, die Welt systematisch zu erforschen, um zu entdecken, daß die Erwachsenen­welt eine ziemlich verlogene Veranstaltung ist. Klar, mahnende Worte helfen da wenig. Teenies, welche die ersten Schritte unternehmen, um sich von den restriktiven Vorgaben der Erwachsenen zu lösen, sind durch gutgemeinte Ratschläge von Eltern, Lehrerinnen oder anderen Autoritätspersonen nur bedingt zu erreichen. Sie sind lernfähig, und sie lernen von den Erwachsenen recht schnell, was es heißt, Andere zum eigenen Vorteil zu manipulieren, sich gegen Andere durchzusetzen, immer den eigenen Vorteil zu suchen, und Menschen wie eine Ware zu konsumieren. Zu dieser Erkundung der Welt gehören Tabak und Alkohol, Haschisch und ziemliche Dummheiten einfach dazu.

Womöglich waren die Animateure des Filmschockers nachträglich zufrieden. Zumindest der Redakteur oder die Redakteurin des Darmstädter Echo verstand es, die erwünschte Botschaft medial zu verlängern, um vielleicht auch die rauchende Welt der erwachsenen Junkies zu erreichen. Sara und Jana sind sich einig, daß sie niemals rauchen werden. Beide sind dreizehn Jahre alt und werden diesen Treueschwur vermutlich bald wieder vergessen. Zu verlockend und spannend ist das Terrain des Verbotenen, des Verpönten, des Nonkonformismus. Zumindest eine Zeit lang; bis eben die Erwachsenen­welt ruft und alle brav und angepaßt vorgeben, ganz individuell sein zu dürfen.

Und damit hier kein falscher Eindruck entsteht. Ich kann weder dem Tabakrauchen noch einem wie auch immer alkoholisierten Zustand etwas abgewinnen. Ich halte beide Drogen für schädlich, und dies nicht nur aus gesundheitlicher Sicht. Beide Drogen helfen, auf unterschiedliche Weise, das Elend des kapitalistischen Alltags zu bewältigen, steigern womöglich kurzfristig die Leistung und helfen ansonsten, Streß und Leistungsdruck zu ertragen. Der hessische Sozialminister Stefan Grüttner stellte dieser Tage die Zahl von rund 100.000 erwachsenen Menschen in Hessen in den Raum, die „in gesundheitlich riskanter Weise“ ihrer Droge frönen. Natürlich sind sie ein gutes Beispiel für Kinder und Jugendliche, denn sie leben den notwendigen Konsum vor, von dem eine ganze Branche abhängig ist. Die Brauereien in Darmstadt und Pfungstadt beispielsweise werden sich für derart schlechte Publicity bedanken.

Nebenbei bemerkt: Katharina Mann erhielt von Radio Darmstadt ein Sendeverbot nicht zuletzt deswegen, weil sie den Alkoholkonsum eines verstorbenen Redakteurs und die Verantwortung der Kolleginnen und Kollegen thematisiert hatte, die brav weggeschaut und ihrem Kollegen nicht geholfen hatten. Bigotte Erwachsenenwelt eben.

Seit einigen Jahren sind in Deutschland Anstrengungen zu beobachten, zwar nicht den Suff, aber zumindest das Rauchen an öffentlichen Orten einzuschränken. An Schulen, an Arbeitsplätzen, in Verkehrsmitteln und in der Gastronomie wurden nach und nach restriktive Regelungen für Raucherinnen und Raucher eingeführt, die vorgeblich dem Gesundheits­schutz diesen sollen. Die hiermit verbundene Kampagne enthält ein gerüttelt Maß an Paternalismus, wird den Menschen doch vorgeschrieben, wie sie ihr Leben gesund zu gestalten haben. Der in Wien lebende Schriftsteller, Regisseur und Filmemacher Walter Wippersberg hat diesen Sachverhalt treffend als „Krieg gegen die Raucher“ bezeichnet und hierüber ein Buch geschrieben. Als ich im vergangenen Oktober auf der Frankfurter Buchmesse den Verleger Hannes Hofbauer auf dem Stand seines Promedia Verlages traf, fiel mir dieses Buch in der Ausstellungstheke auf.

Um es vorwegzunehmen: so richtig überzeugt hat mich das Buch nicht. Vielleicht liegt es auch daran, daß der Autor ein passionierter Raucher ist, der – nicht einmal ungeschickt – die staatsbürgerliche Heuchelei der Krebsstatistiken und Gesundheits­fanatiker aufs Korn nimmt. Wer Argumente benötigt, um wissenschaftlich daherkommender Propaganda zu begegnen, findet hier einige interessante Aussagen. Sicherlich macht es ihm der Eifer der wissenschaft­lichen Gelehrtenwelt einfach, die in ihren Studien alles mögliche vermengen und aus Korrelationen Kausalketten erzeugen.

So ermittelte beispielsweise eine deutsche Studie die exakte Zahl von 3.301 Toten durch passives Rauchen, und man und frau fragt sich, wie diese Zahl ohne Obduktion und langjährige Patientinnen­geschichte, unterfüttert durch alle Aspekte eines krankmachenden Alltags, zustande gekommen sein mag. Noch obskurer fand Walter Wippersberg die Angabe, daß in einem Jahr genau 1.094 Menschen, die älter als 85 Jahre alt waren, am Passivrauchen gestorben sein sollen. Es handelt sich hierbei um statistische Zahlen, die niemals durch eine ausreichend unterfütterte Datenerhebung zustande gekommen sein dürften.

Wie funktioniert so etwas? Der Autor dieses Raucherbuches führt uns ein in wissenschaft­liche Denkmodelle, die davon ausgehen, daß wenn bei einer Gruppe zwei Faktoren zusammentreffen und dabei bestimmte Ergebnisse herauskommen, die sich von einer anderen Gruppe unterscheiden, dann einer der Faktoren für das Ergebnis verantwortlich sein muß. In unserem Fall: sterben soundsoviele Raucherinnen und Raucher an Lungenkrebs und soundsoviele Nicht­raucherinnen an Lungenkrebs, so geht die Differenz der Todesfälle auf das Rauchen zurück. Nur – wer sagt uns, daß hier alle Faktoren erfaßt worden sind? Macht uns nicht noch mehr krank als Rauchpartikel? Wie sieht es mit Lärm, Lebensmittel­hygiene, Arbeitshetze und anderen Faktoren aus, die ebenfalls unser Immunsystem angreifen? Welche Korrelationen wurden hierbei entdeckt, und wie wirken sie sich bei Raucherinnen und Rauchern aus?

Buchcover Der Krieg gegen die RaucherMit dieser Fragestellung und der daran anschließenden sezierenden Methode läßt sich so ziemlich jede Studie, die in den Forschungs­instituten bürgerlicher und damit beschränkter Wissenschaft entstanden sind, auseinander­nehmen. Es wird solange seziert, bis nichts mehr übrig ist, und damit der Beweis erbracht, daß die tödlichen Folgen des Rauchens und des Passivrauchens nicht wirklich erwiesen sind. Man und frau mag dem Autor hierbei folgen. Ich tue das nicht. Ich bezweifle nicht, daß eine ganze Reihe Studien in allen Wissensgebieten aus wirtschaftlichen, ideologischen, politischen oder anderen Interessen manipuliert, frisiert und gefälscht werden. Derlei ist nicht nur bei Pharmastudien anzutreffen, dort aber zum Pushen eines neuen Medikamentes weit verbreitet.

Meist sind es schon die Grundannahmen einer Studie, die ein bestimmtes und auch erwünschtes Ergebnis hervorbringen sollen. Welcher Konzern, welche Institution finanziert denn eine aufwendige Studie, die nachher kleinlaut feststellen muß, daß die Grundannahme falsch war, das Medikament nichts taugt, oder das Ergebnis nicht den politischen Vorgaben entspricht? Aber nur, weil derartige Manipulationen nicht nur möglich sind, sondern tatsächlich stattfinden, vielleicht sogar sehr häufig stattfinden, gleich alle Ergebnisse über einen Kamm zu scheren, um als erwünschtes Ergebnis zu erhalten, daß die schlimmsten Raucher­legenden nicht belegbar sind, halte ich dann doch für übertrieben.

Dennoch enthält das Buch intelligente Gedanken, die zumindest nachdenklich machen sollten. So berichten uns Studien auf die Dezimalstelle genau, wie hoch die Feinstaub­belastung durch Zigarettenqualm in Raucher- und Nichtraucherinnen­bereichen diverser Gaststätten sein soll. Solchen Untersuchungen fehlt es jedoch an einer Vergleichszahl. Wir hoch ist die Feinstaub­belastung in einer stinknormalen deutschen Großstadt ohnehin? Werden im Kampf gegen das Rauchen Grenzwerte definiert, die im Alltag keine Rolle spielen? Und dazu müssen wir nicht an der Hügel- oder Heinrichstraße wohnen, um den Staubteppich wahrzunehmen, der sich recht schnell in der heimischen Wohnung auch ohne Nikotinkonsum einstellt. Und damit kommen wir zur sozialen Komponente des Rauchens als Genuß, als Sucht und als Lebensstil.

Walter Wippersberg erzählt uns von der Kultur­geschichte des Rauchens und einer ebensolchen der Rauchverbote. Hierbei führt er uns in die gehobenen Etablissements des Bürgertums, das mit seiner Kaffeehaus­kultur selbstverständ­lich auch das Qualmen verband. „Rauchen verbindet sinnlichen Genuß mit stimulierender Wirkung.“ [3] Das wird so sein. Vielleicht. Ich kann das nicht beurteilen. Dennoch schwant mir bei solchen Aussagen, daß der Autor womöglich nicht über die stimulierende Funktion des Rauchens in einer kapitalistischen Leistungs­gesellschaft nachgedacht hat. Oder überhaupt über die Fluppe im Mund, die eine Art oraler Ersatz­befriedigung darstellt. Und damit sind wir bei einem Thema, das in diesem Buch gänzlich fehlt. Rauchen ist nicht einfach Genuß, sondern eine bestimmte, historisch bedingte Konsumform tranceerzeugender Zustände, mit der Zielsetzung der Inwertsetzung der Menschen im Kapitalismus. Des Autors historische Rückbezüge auf indigene Kulturtechniken vernebeln den Sachverhalt eher.

Rauchen mag in einzelnen Fällen ein Selbstzweck sein. Soweit jedoch die Männer und Frauen im sogenannten arbeitsfähigen Alter Körper und Geist für die hehren Zwecke des Profits zur Verfügung zu stellen haben, besitzt das Rauchen eine weitere Funktion, die weit über Genuß und Trance hinausgeht. Die Stimulation hat eine Zielsetzung, einen Sinn, sie wird ausbeutbar. Der Griff zur Zigarette ist der Umgang mit diesem Druck. Ein ehemaliger politischer Gefangener aus der Black Panther Bewegung in den USA hat diesen Sachverhalt auf einer Vortragsreise nach Deutschland in den 90er Jahren etwas anders ironisiert. Auf die Bitte nach einer Pause, um nach der Kippe in der Hand wieder klarer denken zu können, antwortete er, daß ihm das unbegreiflich sei zu behaupten, besser denken zu können, indem man und frau sich das Gehirn benebele. Raucherinnen und Raucher finden halt immer einen Vorwand zur entfremdeten Bedürfnisbefriedigung.

Was den Autor an diesem Feldzug gegen das Rauchen jedoch zurecht stört, ist der Eifer, den Rauchern jedes Plätzchen Freiraum zu nehmen. Gewiß, mir ist es auch ganz recht, mich in Räumlich­keiten aufhalten zu können, die rauchfrei sind. Deshalb hatte ich als Vorstand des Vereins, der dieses Zensurradio betreibt, vor vielen Jahren (bevor mich ein mit meiner Wahrnehmung des Grundgesetzes begründetes Hausverbot ereilt hatte) mit dafür gesorgt, daß die Redaktions-, Studio- und Senderäume rauchfrei werden. Ich liebe es überhaupt nicht, mit rauchge­schwängerten Klamotten nach Hause zu kommen und den „Genuß“ zu verlängern. Einfach nur nervig finde ich Menschen, die mit entsprechenden Klamotten einen Raum betreten, den man oder frau anschließend längere Zeit lüften muß (womit man oder frau im Zweifelsfall den einen Feinstaub gegen den anderen eintauscht). Manchmal frage ich mich, ob diese Menschen überhaupt die Empathie aufbringen, daß sie andere belästigen?

Es gibt jedoch bei diesem „Krieg gegen die Raucher“ noch einen anderen Aspekt, der eingebunden ist in vielerlei Einschränkungen individueller Freiheiten. Auf eine gewisse Weise gehört das Rauchverbot zur Videoüber­wachung, zur Vorratsdaten­speicherung, zum sozialen Striptease bei Hartz IV-Agenturen und Jobcentern oder zu einem mit einer angeblichen Terrorgefahr begründeten Kontrollwahn, der jegliche menschliche Äußerung als potentiell gefährlich für das Funktionieren der bürgerlichen Gesellschaft ansieht. Was durchaus zweckrational im Sinne der Aufrechter­haltung von Macht und Herrschaft, Eigentum und Profit daherkommt, bedient jedoch zudem die Befindlichkeit unsicherer Menschen. Sie verbieten um das Verbietens willen, weil das, was sie verbieten müssen, sie ängstigt. Das können sie in der Regel nicht zugeben, dafür fehlt es ihnen an schon besagter Empathie. Walter Wippersberg formuliert das so:

Und noch ein Motiv für die Rauchverbote gibt es, dem – meine ich – zu wenig Beachtung geschenkt wird: Die Lust am Verbieten. Wer die Macht dazu hat, erläßt Verbote. [4]

Weshalb nur erinnert mich das an den Vorstand von Radar und an den Programmrat von Radio Darmstadt?

Bei aller Kritik, die ich an bestimmten Aspekten seines Buches vorbringen kann und muß, sei jedoch darauf verwiesen, daß es durchaus einige anregende Gedanken enthält. Die Frage, weshalb Tabak- und Alkoholkonsum als Sucht und Krankheit definiert werden, ist durchaus berechtigt. Dies führt zu einer noch grundsätz­licheren Fragestellung: wer definiert in dieser Gesellschaft auf welcher Grundlage, was als gesund und was als krank, gar schädlich anzusehen ist? Wer die medizinischen Ratschläge zur Erlangung und Erhaltung von Gesundheit und Fitneß aus den vergangenen Jahrzehnten zusammenfaßt, kann nicht darum herumkommen festzuhalten, daß hier modische Trends und Geschäftsideen handlungsleitend sind. Hier mischen sich Jugendkult, Schlankheitswahn und Gesundheitstrips bis hin zur Selbstkasteiung; und wer sich fragt, wozu das alles gut ist, mag zusätzlich darüber nachdenken, warum Sport angeblich so gesund sein soll. Leistungssport ist es jedenfalls nicht, ganz im Gegenteil – und dennoch baut eine ganze Leistungsge­sellschaft auf diesem Fitneßwahn mit geradezu religiöser Inbrunst auf.

Die Fitneßreligion als weiteres Opium eines Volkes, das davon abgehalten werden soll, für seine materielle Absicherung und Emanzipation zu kämpfen. Wer gegen Raucherinnen und Raucher kämpft, affirmiert die Gesellschaft, wie sie ist, und schwimmt mit dem Mainstream, anstatt diese absurde Gesellschaft zu bekämpfen.

Walter Wippersberg führt uns deshalb durch die Untiefen der Tabakkonzerne und der Katholischen Kirche, der Gesundheits­apostel und der Wissenschafts­gläubigkeit. Seine Zeitreisen in die Vergangenheit belegen einen anderen Umgang mit dem heutzutage als schweren Nervengift bezeichneten Nikotin. Er läßt Schriftsteller und andere Geister zu Wort kommen, die sich selbstredend in den höchsten Tönen über den Genuß des Rauchens ausgelassen haben; und wo bleibt hier die Analyse der ideologischen Komponente derartiger Aussagen? Daß die Bohème ihren eigenen Lebensstil pflegt, ist ja nichts Neues.

Laßt mich die Besprechung des Buches „Der Krieg gegen die Raucher“ mit einer österreichischen Idylle beenden, zu der der Autor schreibt:

Die österreichische Lösung ist, scheint mir, durchaus vernünftig: Lokale, die kleiner als 50 Quadratmeter sind, dürfen sich aussuchen, ob sie Raucher- oder Nichtraucher-Lokale sein wollen, in größeren Betrieben sind getrennte Raucher- und Nichtraucher-Zonen einzurichten. Die bei weitem überwiegende Mehrheit der Österreicher scheint – auch wenn ein paar Journalisten anderes herbeischreiben möchten – durchaus zufrieden mit dieser Lösung.

Immer noch sitzen Nichtraucher und Raucher nebeneinander – jeder (im zweifachen Sinn) Lokalaugen­schein beweist es. Und in jenen Gaststätten, in denen es getrennte Räumlich­keiten für Raucher und Nichtraucher gibt, sitzen auch diese vornehmlich in den Raucher-Abteilen. Die den Nichtrauchern vorbehaltenen Räume sind nicht selten gähnend leer. [5]

Das mag so sein. Gesellige Runden haben die Wahl, ob sie die Raucher und Raucherinnen ausgrenzen und sich die Nicht­rauchenden als Spaßbremsen bezeichnen lassen müssen, oder ob diejenigen, die gerne auf den blauen Dunst verzichten würden, konformistisch dem Mainstream hinterher­wackeln. Letzteres ist die einfachere Lösung, zu der alle ja sagen können. Vielleicht wäre es von daher besser gewesen, die Schock­therapeuten der Deutschen Herzstiftung hätten den 13-jährigen Kids eine mentale Stärkung verpaßt, ihnen vermittelt, was es bedeutet und weshalb es wichtig sein kann, nicht mit dem Strom zu schwimmen. Dies wäre eine durchaus angebrachtere Art der Raucher­prophylaxe gewesen als ein Horrorvideo im Klassenraum. Aber an nicht angepaßten, nonkon­formistischen Kindern hat die Erwachsenen­welt, die auf Funktion und Leistung getrimmt ist, ganz gewiß kein Interesse.

Das Buch von Walter Wippersberg „Der Krieg gegen die Raucher“ ist im vergangenen Herbst im Wiener Promedia Verlag zum Preis von 13 Euro 90 erschienen.

 

Elitenrotation und ethnisches Opium auf Nigerianisch

Besprechung von: Heinrich Bergstresser – Nigeria. Macht und Ohnmacht am Golf von Guinea, Brandes & Apsel Verlag 2010, 268 Seiten, € 24,90

Ebenfalls auf der Frankfurter Buchmesse vertreten war im vergangenen Herbst der Brandes & Apsel Verlag aus Frankfurt. Dort fiel mir eine Neuerscheinung über Nigeria in die Hände, ein Land also, von dem ich schlicht keine Ahnung habe. Wunderbar, so dachte ich mir, das läßt sich ändern. Der Autor Heinrich Bergstresser war am Stand und konnte somit seine Motivation, dieses Buch über Nigeria zu verfassen, in eigenem Worten zum Ausdruck bringen.

WK: Spannend auf der Buchmesse in Frankfurt – Ich habe am Mikrofon den Autor des Buchs „Nigeria. Macht und Ohnmacht am Golf von Guinea“. Was hat Sie dazu bewogen, ein solches Buch zu schreiben?

HB: Ja, das ist natürlich eine lange Geschichte, wie häufig bei Büchern. Denn in diesem Fall ist es das Produkt einer Beschäftigung mit Nigeria von über 30 Jahren. Kein Land außerhalb Deutschlands hat mich so sehr zeitlich in Anspruch genommen wie Nigeria. Ich habe mich nirgendwo so häufig und so lange an einem Stück oder an verschiedenen Stücken aufgehalten wie in Nigeria, und viele Artikel geschrieben, Vieles erlebt, Gutes, Schönes, wie auch Negatives. Und dennoch, eine engere Beziehung hat sich natürlich in dieser langen Zeit ergeben. Und als ich das Angebot bekam, also es ging nicht von mir aus, sondern ich bekam eine Anfrage, und da konnte ich natürlich nichts Anderes als sofort "Ja" zu sagen. Und jetzt ist das Produkt hier. Und, ja, innerhalb einer relativ überschaubaren Zeit, gut ein Jahr, und nun liegt es vor, und ich sehe, äußerlich gefällt es mir, wie es innen aussieht, kann ich natürlich als Autor erstmal nicht sagen. Das überlasse ich Anderen.

WK: Wie sind Sie nach Nigeria gekommen?

HB: Ja, wie so häufig in der Geschichte, hat viel mit Zufälligkeiten zu tun, natürlich auch mit Interesse. Aber während des Studiums bin ich sehr früh auf Afrika gestoßen, als Politologe, aber eben auch als jemand, der sich in die Kultur und Sprache einarbeiten wollte, einarbeiten mußte zum Teil sogar. Und als ich das erste Mal als kleiner Student dorthin fuhr und sechs Wochen mich dort aufhielt, war ich relativ ratlos, das war 1978, relativ ratlos, fuhr nach Hause und war verwirtt. Aber letztendlich die Verwirrung hat letztlich dazu beigetragen, mich noch mehr damit zu beschäftigen und zu fragen, was habe ich eigentlich nicht verstanden? Warum habe ich es nicht verstanden? Und das Ergebnis war, das erste Ergebnis war dann einige Jahre später ein DAAD-Stipendium, ein Jahr. War eine schwierige Sache, das zu bekommen, aber es hat geklappt. Und danach war es sozusagen ein Selbstgänger. Denn Anfang der 90er Jahre hatte ich die Chance, dort mehrere Jahre zu verbringen, als Leiter der Friedrich-Naumann-Stiftung dort politische Bildungsarbeit zu leisten. Und das war natürlich eine ganz, ganz tolle Herausforderung. Und zu einer Zeit, als Demokratisierung gerade auf der Tagesordnung auch in Afrika stand, erstmals wieder nach langer Zeit, was dann aber wiederum gekippt wurde, nichtsdestotrotz, diese Aufgabe vier Jahre in Ghana und Nigeria, überwiegend in Nigeria, zu arbeiten, war schwierig, herausfordernd, aber natürlich dann auch so intensiv, daß so viel hängen blieb und die Frage natürlich dann war, ja, wie kann man sowas weiter verarbeiten? Dann passiert häufig nichts, man schreibt mal kleine Artikelchen. Und dann plötzlich diese Anfrage. Und alles das fließt hoffentlich so auch in dieses Buch ein, also eine Mischung aus wissenschaftlichem Anspruch, journalistische Tätigkeit, also Essays, persönliche Begegnungen mit wichtigen und mit weniger wichtigen Leuten; und das zusammen versucht zu beschreiben und zu analysieren, wie dieses etwas komplizierte, für manche unüberschaubare Land tickt. Und ich hoffe, daß mir das zumindest in weiten Teilen gelungen ist.

WK: Wenn wir in den Medien hier etwas über Nigeria erfahren, dann sind das Auseinander­setzungen, die dann als religiöse Konflikte oder ethnische Konflikte gehandelt werden. Ist das der Alltag in Nigeria oder ist Nigeria ganz anders?

HB: Es ist sowohl als auch. Aber ich möchte gerade davor warnen, hier gilt die Wahrnehmung: religiöse Konflikte. Es ist genau umgekehrt. Es sind politische Konflikte, die religiös verbrämt werden. Und dazu kann man nur immer wieder versuchen, dicke Bretter zu bohren, den Menschen hier wie auch dort zu sagen: Leute, das sind keine religiösen Konflikte, das sind politische, ökonomische, machtpolitische Konflikte, über die dann eine religiöse Soße gekippt wird, um es dann nachher erscheinen zu lassen als religiöse Konflikte. Und das ist das Riesenproblem dort wie hier. Und das einfach mal gerade zu rücken, ist ganz, ganz entscheidend. Und auch das war natürlich ein Ziel, oder ein Teil dieses Buches, dies Problematik einfach mal darzustellen. Zugleich natürlich trotz des chaorischen Erscheinungs­bildes funktioniert natürlich trotzdem vieles, was uns meistens verborgen bleibt. Aber nichtsdestotrotz gibt es Strukturen, die über die lange Zeit, über 50, 60 Jahre unverändert funktionieren. Die Eliten sind weiterhin dieselben, die reproduzieren sich genau auf derselben Art und Weise, sie verteilen die Reichtümer auf dieselbe Art und Weise wie vor 30, 40 Jahren. Daran hat sich nichts geändert. Das Alter hat sich geändert. Die Kinder dieser Eliten haben sich sozusagen reproduziert. Also, von daher gibt es Konstanten, die bei uns in der Form häufig nicht so wahrgenommen werden, wie sie tatsächlich sind.

WK: Wie bestimmend ist der Erdölsektor in Nigeria?

HB: Ah ja, natürlich ist das Erdöl und Erdgas das bestimmende Element, was Wirtschaft angeht! Und da muß man sich nichts vormachen, aber ohne Kooperation mit den Ölmultis läuft das natürlich nicht. Das heißt, die Ölmultis sind genauso verantwortlich für das Elend und für die Ausbeutung der Ressourcen wie die dortige Elite. Also die beiden arbeiten Hand in Hand, und da ändert sich im Augenblick nichts, kann ich nicht erkennen. Das heißt, die haben aber auch eine Perspektive der Ausbeutungsphase, sie können hundert Jahre weitermachen. Und von daher ändert sich so schnell nichts, sondern, wenn überhaupt, dann in ganz, ganz kleinen Schritten.

Ich danke Heinrich Bergstresser für das Interview, zu dem er sich kurzfristig bereit erklärt hatte, obwohl er aus Termingründen schon im Aufbruch war.

Im April wurde in Nigeria gewählt, erst das Parlament, dann der Präsident, und zuletzt die Provinz­regierungen. Friedlich verliefen auch diesmal die Wahlen nicht, wie immer gibt es Vorwürfe, die Wahlen seien manipuliert worden. Kein Wunder, denn die Wahlen sind Teil einer Elitenrochade, die sich einen demokratischen Anstrich gibt. Wir sollten uns dennoch davor hüten, mit euro­zentristischem Blick die Realität eines afrikanischen Landes zu betrachten. So viel demokratischer ist es hierzulande auch nicht; die Mechanismen sind nur andere. Letzten Endes geht es um die Verteilung des gesellschaftlich erzeugten Reichtums in die Hände einer kleinen Klasse von Besitzenden, während diejenigen, die diesen Reichtum erarbeitet haben, nach Möglichkeit außen vor gelassen werden. Was als Elitenrotation in europäischen Demokratien relativ reibungslos abläuft, funktioniert in Staaten mit neokolonialen Abhängigkeiten ein wenig anders. Auch hiervon handelt das Nigeria-Buch von Heinrich Bergstresser.

Buchcover NigeriaHilft das Buch, Nigeria zu verstehen? Ganz gewiß. Auch wenn mir die politische Brille, mit welcher der Autor das Geschehen betrachtet und analysiert, nicht immer zusagt. Es ist vielleicht kein Zufall, daß er gerade für die FDP-Parteistiftung unterwegs war. Ob Konrad Adenauer, Friedrich Ebert, Hanns Seidel oder Friedrich Naumann, deutsche Parteien­stiftungen sind im Ausland die inoffiziellen Repräsentanten deutscher Politik und nehmen durchaus Einfluß auf das politische Geschehen ausgesuchter Staaten. Abgesehen davon denkt der Autor als ausgebildeter Politologe natürlich politologisch, und ich kann diesem Jargon nichts abgewinnen, vielleicht gerade weil ich einstmals Politikwissen­schaft studiert habe. Diese Vorbemerkung halte ich für wichtig, weil wir sie bei der Lektüre des Buches immer auch im Hinterkopf behalten sollten.

Nigeria mit seinen rund 150 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist ein schwer zu fassendes Land. Trotz oder gerade aufgrund seines Erdöl- und Erdgasreichtums hat seine Entwicklung zuweilen skurrile Formen angenommen. Der geradezu unermeßliche Reichtum, der trotz der Wertab­schöpfung multinationaler Konzerne im Land verbleibt, wird nicht nur extrem ungleich verteilt. Er führt gleichzeitig zu einer Automobilisierung, der es an brauchbaren Straßen außerhalb der Großstädte fehlt, und zu einer Energiever­schwendung, die mangels eines brauchbaren Stromnetzes mit brüllend lauten Diesel­aggregaten bewerkstelligt wird.

Die Geschichte des Landes dreht sich letzten Endes darum, wie dieser Reichtum erwirtschaftet und verteilt wird; und daß Nigeria trotz seiner künstlich geschürten ethnischen und religiösen Konflikte nicht auseinander­gebrochen ist, mag daran liegen, daß die Verteilung der Dollarmilliarden innerhalb der Eliten im muslimischen Norden und christlichen Süden derart geschickt abgewickelt wird, daß alle Beteiligten ein Interesse an einem gemeinsamen Staatsgebilde besitzen, das bislang jedenfalls keine eigene nationale Identität herausgebildet hat. Nun ist dies wenig verwunderlich.

Schon die britischen Kolonialherren beherrschten die Strategie der Kooptation einheimischer Eliten, die sie gegeneinander auszuspielen pflegten. Das indirect rule, die indirekte britische Herrschaft, hat Spuren hinterlassen. Die Bevorzugung oder Benachteiligung von Bevölkeruns­gruppen, die ethnisch definiert wurden und werden, bildete und bildet bis heute eine wichtige Grundlage für das Gedeihen einer kleinen Elite. Nun ist der Begriff der Elite reichlich unscharf. Korrekt müßten wir von einer Klassen­herrschaft sprechen. Das Problem ist, daß in neokolonialen Strukturen eine einheimische Bourgeoisie nur schwer auszumachen ist und sich auch anders herstellt als in Europa beim Übergang von Feudalismus zum Kapitalismus.

Selbstverständlich hat der Kapitalismus auch in Nigeria Akteure. Die Militär­regierungen der 70er, 80er und 90er Jahre haben dazu beigetragen, daß sich lokale Profiteure etablieren und vor allem bereichern konnten. Das Militär ist selbst, wie in anderen Drittwelt­ländern auch, Teil der lokalen Bourgeoisie geworden. Nun würde Heinrich Bergstresser dies gewiß nicht so formulieren wie ich. – Die britische Herrschaft beinhaltete eine religiöse Komponente. Mit den Kolonisatoren kamen die Missionare, die nach Zerstörung einheimischer Idole bei den Igbo besonders erfolgreich waren:

Die traditionelle Igbo-Gesellschaft, die keine oder nur rudimentäre zentralistische und hierarchische Organisations­strukturen kannte, entpuppte sich mit ihren flachen Hierarchien und dezentralen Macht­strukturen als ideale Plattform für einen schnellen und durchgreifenden Transformations­prozess. Kategorien wie Erfolg, Konkurrenz und Individualismus waren Eckpfeiler, die jedwede Autorität jederzeit in Frage stellten und herausforderten. In diesem Umfeld konnte ein junger und erfolgreicher Igbo-Geschäfts­mann aufgrund seiner persönlichen Leistung im politischen System des Spät­kolonialismus politische Macht erlangen und sie sogar gegenüber der älteren Generation ungestraft ausüben, eine Möglichkeit, die in den hoch­hierarchischen Yoruba- und Haussa-Fulani-Gesellschaften undenkbar gewesen wäre. [6]

Der koloniale Kapitalismus hatte seine Agenten gefunden, die zur Zerstörung tradierter Ausbeutungs- und Herrschafts­strukturen zugunsten neuer derartiger Strukturen beitrugen. Mit der beginnenden Dekolonisierung nach dem Zweiten Weltkrieg saß eine neue soziale Elite in den Startlöchern. Es sollte jedoch anders kommen. Bei der formalen Unabhängig­keit 1960 war das Land in drei Regionen unterteilt; eine davon unter der Kontrolle der Igbo-Eliten, und zwar ausgerechnet diejenige, aus welcher der junge nigerianische Staat seinen Erdölreichtum schöpfen konnte. Es kam, wie es kommen mußte, zum Konflikt zwischen der Bundesregierung und dem Gouverneur der Ostregion, und damit zum Bürgerkrieg um Biafra von 1967 bis 1970. Danach hatten Männer, die den Igbo zugerechnet wurden, erst einmal nichts mehr zu sagen. Bemerkenswert ist, daß sich der Putschführer Ojukwu Jahrzehnte später problemlos innerhalb der neuen nigerianischen Eliten bewegen kann. Man ist irgendwie unter sich.

Die nachfolgenden Militär­diktaturen lösten das Problem, zentrifugale Kräfte einzubinden, mit Geld, Einfluß und – falls nötig – auch mit Gewalt. Hinzu kam, daß die Soldaten der unterlegenen biafranischen Armee nicht integriert wurden, sondern ihr Leben mit dem gestalten mußten, womit sie gut zurecht kamen, also auch mit Gewalt. Waffen gab und gibt es zur genüge, Konfliktpotential ohnehin. Die krassen Gegensätze zwischen Arm und Reich, die Glitzerwelt neben den Slums, all dies läßt sich prima benutzen, um eigene Interessen voranzutreiben, und sei es, ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Es gab jedoch auch demokratischere Wege, die sozialen Konflikte zu thematisieren. Ken Saro-Wiwa wurde, nachdem er aus vielen kleinen Ethnien eine ethnisch definierte politische Bewegung der Ogoni geschmiedet hatte, 1995 hingerichtet.

Neben einer historischen und sozialen Einführung und Übersicht in Geschichte und Lebenswelt der Menschen in Nigeria, in der interessanter­weise Streiks und Arbeitskämpfe nicht vorkommen [7], erhalten wir zusätzlich einen spannenden Einblick in die nigerianische Literatur und Kunst als eigenständigen Beitrag zur globalen Kultur. Die Sympathie des Autors für Land und Leute ist hier unverkennbar. Heinrich Bergstressers Buch „Nigeria – Macht und Ohnmacht am Golf von Guinea“ ist im vergangenen Herbst im Brandes & Apsel Verlag zum Preis von 24 Euro 90 erschienen.

Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN
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»» [1]   In meiner umfangreichen Dokumentation zu Radio Darmstadt und seinem Trägerverein habe ich fünf Jahre lang dieses von den Verantwortlichen und ihren Claqueuren selbstver­schuldete Desaster begleitet.

»» [2]   So in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, online am 23. März 2009.

»» [3]   Walter Wippersberg : Der Krieg gegen die Raucher, Seite 59.

»» [4]   Wippersberg Seite 43.

»» [5]   Wippersberg Seite 153.

»» [6]   Heinrich Bergstresser : Nigeria, Seite 27.

»» [7]   Problematisch ist zudem sein Kapitel über Nigeria als „Ordnungsmacht und strategischer Partner der Großmächte“, das den neokolonialen Aspekt nigerianischer Truppenver­bände beim als Friedensmission verkleideten militärischen Einsatz in anderen afrikanischen Staaten unterbelichtet.


Diese Seite wurde zuletzt am 18. Juni 2011 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2011. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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