Oliver Geden - Rechte Ökologie
Rechte Ökologie

Kapital – Verbrechen

Vom Ernst des Lebens

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Mittwoch, 31. Oktober 2007, 19.00 bis 21.00 Uhr

Wiederholt:

Donnerstag, 1. November 2007, 02.00 bis 04.00 Uhr
Donnerstag, 1. November 2007, 10.00 bis 12.00 Uhr
Donnerstag, 1. November 2007, 16.00 bis 17.00 Uhr [1. Stunde]

Zusammenfassung:

In der zweistündigen Sendung werden die nachfolgend aufgeführten Bücher und Zeitschriften vorgestellt und besprochen. Das Sendemanuskript wurde für die Online-Veröffentlichung leicht überarbeitet.

Besprochene Bücher/Zeitschriften:

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung

 

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit dem Alltag und Geschichte Magazin. Durch die Sendung führt Walter Kuhl. Allerdings bin ich nicht persönlich im Studio anwesend. Wie im Darmstädter Echo am 10. Oktober nachzulesen war, werden Konflikte in diesem Radio auf sehr eindrückliche Weise ausgetragen. Da werden Jobs gekündigt, Menschen nach jahrelanger Mitgliedschaft aus dem Verein ausgeschlossen, Haus- und Sendeverbote verhängt. Am 10. Januar dieses Jahres [2007] beschloß der Programmrat von Radio Darmstadt mit Unterstützung der damaligen Mehrheit im Vorstand [1], drei Redaktionsmitgliedern von Alltag und Geschichte ein Sendeverbot auszusprechen. Diese riefen hierzu die Medienaufsicht der zuständigen Landesmedienanstalt an.

Als nun im September [2007] die Frage der Neulizenzierung der sieben hessischen Lokalradios anstand, erhielt der Trägerverein von Radio Darmstadt nicht etwa, wie fünf der anderen sechs Lokalradios, eine Aufforderung, die Verlängerung der bestehenden Lizenz zu beantragen, sondern Besuch von zwei Angestellten der Landesmedienanstalt. Diese machten den Rechtsstandpunkt der Landesmedienanstalt deutlich, wonach diese Sendeverbote nicht mit der Sendelizenz in Einklang stehen. Daraufhin wurden die offensichtlich rechtswidrigen Sendeverbote aufgehoben, weshalb die Stimmen von Katharina Mann, Norbert Büchner und auch die meine wieder auf diesem Sender zu hören sind.

Vor zwei Wochen machte ich daraufhin die Probe aufs Exempel und erschien persönlich zur montäglichen Sendung der Redaktion. Dies löste eine hektische Betriebsamkeit aus. Vorstandsfrau Susanne Schuckmann schaute zusammen mit dem ehemaligen Vorstandsmitglied Günter Mergel [2] meiner Sendetätigkeit von der benachbarten Küche aus durch die Fensterscheibe zu und überlegte, wie sie mit meinem Erscheinen umgehen sollte. Und während ich mich noch im Studio befand und den Vortrag von Christoph Butterwegge, den dieser wenige Tage zuvor in Darmstadt über die Folgen der Zerschlagung sozialstaatlicher Strukturen gehalten hatte, zu Gehör brachte, setzten sich drei Vorstandsmitglieder zusammen und formulierten ein Schreiben, das mir ein Hausverbot aussprach, um mir den rechtlich gebotenen und von der Landesmedienanstalt auch eingeforderten Zugang zu den Sendemöglichkeiten so schwer wie möglich zu machen.

Dieses Schreiben wurde mir jedoch nicht persönlich ausgehändigt, dazu war man und frau wohl nicht in der Lage. Statt dessen fand ich dieses Schreiben bei meiner Rückkehr aus dem Sender in meinem Briefkasten vor. Wir dürfen deshalb gespannt sein, wie die Landesmedienanstalt dieses Vorgehen findet, und wir dürfen erst recht gespannt sein, ob die Versammlung der Landesmedienanstalt, das höchste demokratische Organ dieser Anstalt, am kommenden Montag eine Lizenzverlängerung oder eine Neuausschreibung der Frequenz beschließt, zumal es mit der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt inzwischen eine zweite Bewerberin um Darmstadts Lokalfrequenz gibt.

Im Vorgriff auf diese Entscheidung wird der Trägerverein am Samstag in der Bessunger Knabenschule eine Party feiern. Vielleicht wäre es jedoch besser gewesen, die Mißstände zu beseitigen, welche von der Landesmedienanstalt dem Vorstand des Vereins vorgetragen worden sind. Ich werde mich in dieser Sendung nicht weiter mit diesem Sachverhalt befassen, denn dies ist alles auf meiner Webseite nachzulesen.

Interessanter finde ich die Bücher, die ich mitgebracht habe, obwohl mitgebracht hier der falsche Ausdruck ist, denn ich bin ja nicht physisch, sondern nur stimmlich im Sender anwesend. Die zum Teil schlechte Tonqualität, die insbesondere in der Wiederholung dieser Sendung am Donnerstag ab 2.00 Uhr und ab 10.00 Uhr zu genießen sein wird, hat jedoch nichts mit den Umständen der Vorproduktion dieser Sendung zu tun, sondern mit der miserablen Klangeinstellung durch unsere innovativen Spielkinder, welche die Studiotechnik betreuen.

Kommen wir also zum Inhalt des heutigen Alltag und Geschichte Magazins:

Beginnen werde ich, und das nicht, weil die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen in vier Jahren in diesem Land stattfinden wird, mit der Besprechung eines umfangreichen und, wie ich finde, interessanten Sammelbandes zum Spiel mit dem Fußball. Daran folgt die Besprechung des aktuellen Hefts der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung namens Mittelweg 36. Der Historiker und Politologe wird sich mit den Parallelen zwischen dem Vietnam-Krieg und dem derzeitigen Einsatz der US Army im Irak befassen und hierbei ein erschütterndes Dokument aus dem Innenleben dieses Wahnsinns präsentieren.

In der zweiten Sendestunde geht es um die Wohnungspolitik in Darmstadts ostdeutscher Partnerstadt Freiberg, in die der Darmstädter Bauverein involviert ist. Alsdann stelle ich den Begleitband zur inzwischen beendeten Messel-Ausstellung im Hessischen Landesmuseum vor. Sprachprobleme der besonderen Art lösen zwei nicht ganz so ernst gemeinte Wörterbücher auf. Und schließlich finde ich noch einige Worte zum Tod des früheren grünen Kommunalpolitikers aus Bickenbach, Hermann Benjes, Worte, die in seiner Würdigung im Darmstädter Echo nicht zu finden waren.

 

Fußball spielen ohne Ball

 

Besprechung von: Jürgen Mittag / Jörg-Uwe Nieland (Hg.) – Das Spiel mit dem Fußball, Klartext Verlag 2007, 592 Seiten, € 27,90

Ein Spiel ist nicht bloß ein Spiel. Das kindliche Gemüt in uns allen würde es gerne sehen, wenn ein Spiel frei von Interessen oder Fremdzuschreibungen ist. Doch schon das kindliche Spiel erfüllt diese Vorgabe nicht. Kinder erlernen spielerisch ihre Teilhabe an den wirklichen Welt, sie werden auch durch das Spiel zu sozialen Wesen geformt. Dieses soziale Wesen ist jedoch eines in einer ganz bestimmten Welt, unserer Welt, also der Welt einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft. Deshalb gehört zum Spielen in der Regel das Gewinnen und das Erlernen der Frustration des Verlierens.

Das Spiel mit dem runden Ball, dem Fußball, ist eben solch ein Spiel. Allerdings sind hierbei die Sitten rauher und die Eigen- wie Fremdzuschreibungen ungleich größer. Und so ist es wenig verwunderlich, wenn der Fußball den einen als durchkapitalisiertes Medienereignis dient und die anderen vom Kommerz nichts wissen wollen und dafür die edle, reine Form des Spiels hochhalten. Von diesem Spiel mit dem Fußball handelt der Anfang 2007 im Klartext Verlag von Jürgen Mittag und Jörg Uwe Nieland herausgebrachte Sammelband.

Buchcover Das Spiel mit dem FussballIn 33 Beiträgen gehen 42 Autorinnen und Autoren auf 592 Seiten der Frage nach den Interessen und den hiermit verbundenen Projektionen und Vereinnahmungen nach. Bewußt wurde auf ein abschließendes Resümee verzichtet, zu verschiedenartig sind die Konstellationen auf lokaler, regionaler, nationaler oder globaler Ebene. Hierdurch eröffnet sich der Raum für eine Darstellung historischer Prozesse, politischer Einflüsse, medialer Inszenierungen, kultureller Aneignungen und natürlich wirtschaftlicher Ausbeutung. Fußball ist längst ein wichtiger Marktfaktor und seine Bedeutung spiegelt sich auch im Bruttosozialprodukt wider. Wie also wirkt der Fußball in die Gesellschaft hinein und wie die Gesellschaft auf das Spiel selbst zurück?

Derlei Fragestellungen durchziehen den gesamten Sammelband. Hiermit liegt vielleicht kein Buch vor, das in einem Stück gelesen werden sollte. Und doch kann man und frau immer wieder darauf zurückgreifen, wenn es darum geht, einzelne soziologische, wirtschaftliche, mediale und tatsächlich auch noch sportliche Facetten des Spiels mit dem Fußball auf der Basis neuerer wissenschaftlicher Fragestellungen und Erkenntnisse näher zu betrachten.

Ich möchte zunächst den Aufsatz von Lutz Budraß über den Fußball im nationalsozialistischen Deutschland herausgreifen, denn er vermittelt eine neue Perspektive, die uns sowohl die Rolle des DFB als auch dessen jahrzehntelanges Beharren auf dem Amateurismus besser verstehen läßt.

Das Ende des 1. Weltkrieges läutete nicht nur eine kurze Phase der Demokratisierung, sondern auch der Professionalisierung und Kommerzialisierung vieler Lebensbereiche ein. Symptomatisch für diese Entwicklung ist die Geschichte des Fußballs in Mitteleuropa. Von einem gesellschaftlich eher beschränkten Freizeitvergnügen des Bürgertums wandelte sich dieser Sport mit fünfzigjähriger Verzögerung gegenüber dem englischen Vorbild zu einem Massenereignis.

Das Bürgertum, welches die Vereine der Vorkriegszeit organisiert und den DFB ins Leben gerufen hatte, stand dieser Entwicklung wenig wohlwollend gegenüber. Zwar stieg die Mitgliederzahl der Fußballvereine immens und die durch den Zuschauerzuspruch erworbenen größeren Finanzmittel waren gerne gesehen, doch befürchteten die Funktionäre, bei einer Professionalisierung dieses Sports von genau diesen neuen Finanzmitteln abgekoppelt zu werden. Eine Professionalisierung hätte womöglich das Entstehen einer eigenen Ligastruktur außerhalb des DFB bedeutet.

Der Historiker Lutz Budraß legt sein Augenmerk auf einen bislang vernachlässigten Aspekt. Seiner Ansicht nach sollte die Entwicklung des Fußballs in Deutschland auch im Kontext der militärischen Planungen nach der Niederlage im 1. Weltkrieg betrachtet werden. Während die Professionalisierung aus dem Fußball ein Massenereignis, also ein Zuschauerspiel machte, verband sich das Beharren auf dem reinen Amateurismus derjenigen, die sich das im Gegensatz zu proletarischen Kickern leisten konnten, mit der Vorstellung eines Ertüchtigungsspiels aus reformerischen Kreisen der Wehrmacht.

Der 1900 gegründete Deutsche Fußball Bund wurde von der Entwicklung nach dem 1. Weltkrieg zunächst überrollt. Nichts war mehr so, wie es vorher war, immer mehr Vereine wurden gegründet, immer mehr Menschen, hauptsächlich Männer, begeisterten sich für diesen neuen Volkssport. War in den ersten anderthalb Jahrzehnten das Bürgertum noch weitestgehend unter sich, so proletarisierte sich dieser Sport und erforderte eine Antwort auf die Frage, ob ein Massenspektakel mit Amateurregeln zu organisieren sei. Die Funktionäre des DFB mußten befürchten, daß sich eine finanzkräftige Profiliga von ihrem Amateurverband abspalten könnte; und dem DFB nur noch die Organisation des wenig attraktiven Freizeitfußballs obliegen würde. Die Frage nach der Professionalisierung war also eine, die an die Substanz des bisherigen Selbstverständnisses ging.

Parallel hierzu entwickelte sich in Teilen der Reichswehr ein Verteidigungskonzept, das angesichts eines stark verkleinerten Militärs und des Verbots, Wehrübungen abzuhalten, nach Alternativen suchte, um die Wehrertüchtigung für einen Partisanenkampf zu ermöglichen. Anfang der 1920er Jahre war das Deutsche Reich weder in der Lage, Kriege zu führen, noch stark genug, einem Angriff von außen mit konventionellen Mitteln standzuhalten. Daher bot sich der Fußball als ein Ertüchtigungssport an, sofern die als schädlich angesehenen Kommerzialisierungstendenzen eingedämmt werden könnten. Das bloße Zuschauen in einem großen Stadion war so gesehen das Schreckgespenst der Ertüchtigungsideologen.

Und in der Tat läßt sich beim Stadionbau im Deutschland der 1920er Jahre feststellen, daß die Neubauten sich an Rahmenbedingungen orientierten, die einem durchkapitalisierten Fußballbetrieb widersprachen. Während beispielsweise in Österreich und Italien moderne, funktionale und zum Teil auch ästhetisch attraktive Stadien gebaut wurden, war die Maßgabe im Deutschland der Weimarer Republik eine andere. Die neuen deutschen Stadien waren in der Regel kleiner und verzichteten auf jeglichen Komfort. Lutz Budraß bemerkt hierzu:

Die Unzulänglichkeit der deutschen Stadien ging nicht auf technische oder finanzielle Schwierigkeiten zurück, sondern hatte Methode. Systematische Überlegungen zu Anlage und Architektur von Sportstadien wurden in den 1920er Jahren in Deutschland hauptsächlich an einer Stelle formuliert: in der Deutschen Hochschule für Leibesübungen unter ihrem Protektor Carl Diem, zugleich Generalsekretär des Reichsausschusses für Leibesübungen. […] Bei der Anlage von Stadien plädierte Diem kompromisslos für die Ertüchtigung. [Seite 57]

Die neuen Stadien waren architektonisch so konzipiert, daß sie den Blick auf den umliegenden Sportpark ermöglichten, um die Zuschauer zum Mitmachen zu animieren. Diese Vorstellungen wurden jedoch in dem Moment in den Hintergrund gedrängt, als mit dem Ende der Weimarer Republik eine Neuorientierung der Rüstungswirtschaft auf einen zweiten Weltkrieg begann. Damit wurden Sportarten interessanter, welche als vormilitärische Ertüchtigung dienen und den Wehrpflichtigen als Ausgleichssport angeboten werden konnten. Die Leichtathletik war hierbei geradezu ideal, weil sie alle Muskeln und Körperteile trainieren konnte, im Gegensatz zum Fußball, wo beinahe nur ein Körperteil angesprochen wird. Laufen, springen und werfen, vor allem, Handgranaten zu werfen, war mit dem manchmal selbstverliebten Ballspiel nicht in Einklang zu bringen.

Der DFB befand sich daher auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit. Um als ernsthafter Partner wahrgenommen zu werden, bemühte man sich, den Fußball als Ertüchtigungssport zu verkaufen. Die dabei anzutreffenden zuweilen haarsträubenden Verrenkungen der Funktionäre sind deshalb weniger als begeistertes Mitmarschieren zu verstehen als vielmehr als ein Anbiedern. Dies soll den DFB nicht entschulden, aber darauf verweisen, daß es auch andere Motive für das bedingungslose Mitmachen gab als die eigene Kriegsbegeisterung.

Der Amateurismus des DFB war dennoch zumindest in den Anfangsjahren des Nationalsozialismus mit der Sportideologie der Nazis kompatibel, weil die Olympischen Spiele in Berlin im Jahr 1936 bevorstanden; und das waren nun einmal dem offiziellen Wortlaut nach Amateurwettkämpfe. Nach 1936 war den Nazis egal, ob Amateur- oder Profisportler den Ball kickten. In den Kriegsjahren wurden ohnehin die sportlichen Massenveranstaltungen als Freizeitvergnügen benötigt, aber auch zur Hebung der Moral der Truppen an der Front. Hier bot sich der Fußball geradezu an.

Deshalb ist die Geschichte, wonach Sepp Herberger seine Nationalkicker über Kontakte zur Luftwaffe vor dem Militärdienst schützen konnte, wohl auch ins Reich der Legende zu verweisen. Vielmehr wird es wohl so gewesen sein, daß die besten Fußballspieler genauso wie Schauspieler und Sängerinnen für die Ablenkung von Kriegssorgen und die allgemeine Moral benötigt wurden.

Hiermit wurde auch die Frage des Amateurstatus stillschweigend beantwortet, indem die Nationalkicker als besoldete Soldaten so etwas wie die Vorgänger der Staatsamateure des Realen Sozialismus, aber auch der Bundeswehrbiathleten und Fußballsoldatinnen der heutigen Bundeswehr gewesen sind. Der DFB konnte sich demnach nach dem 2. Weltkrieg dann auch deshalb als antifaschistisch gerieren (was er nicht war), weil er mit seinem Amateurideal dieser durch die Nazis geförderten Professionalisierung widersprach. Folglich kickten Deutschlands Fußballer in den 1950er Jahren wieder um die Ehre und nicht ums Geld, offiziell zumindest. Erst die Einführung der Bundesliga und Anfang der 1970er Jahre der Bundesligaskandal machten den Weg frei für Fußballspieler, bei denen das Balltreten auch offiziell zum alleinigen Beruf werden konnte.

Dieser Gedankengang zum Verhältnis der Nationalsozialisten zum Fußball und seinem Dachverband DFB ist genauer nachzulesen im Aufsatz Der Fußball im nationalsozialistischen Deutschland von Jörg Budraß in dem von Jürgen Mittag und Jörg-Uwe Nieland herausgegebenen Buch Das Spiel mit dem Fußball aus dem Essener Klartext-Verlag.

 

Der heute vorgestellte Sammelband Das Spiel mit dem Fußball beinhaltet den Versuch, das Medium seiner Darstellung in seiner gesamtgesellschaftlichen Bedeutung zu erfassen, ohne deshalb gleich dem Fußballspiel als solchem seine Relevanz abzusprechen. Wenn die Lilien gut oder schlecht spielen, gewinnen oder verlieren, aufsteigen oder absteigen, dann geht es nicht nur um die neunzig Minuten auf dem Rasen.

Denn der Fußball ist ein Ereignis, das in gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet ist. Die Regeln als solche erklären seine Attraktivität nicht. Der Fußball ist gleichermaßen ein mediales Event als auch ein wirtschaftlicher Faktor und er ist es nicht. Sein immer wieder beschworenes Zurückführen auf einen angeblichen inneren Kern macht deutlich, daß das Spiel mit dem Ball ein Spiel ist, das seine Grenzen überschritten hat und nur dadurch – global betrachtet – zu dem Spiel schlechthin werden konnte. Markus Stauff verweist daher in seinem Aufsatz Zur medialen Vervielfältigung und Einhegung des Fußballs auf den Gedanken, daß sich aus der Struktur des Spiels selbst keine gesellschaftliche Funktion ablesen läßt [Seite 300].

Wir müssen also davon ausgehen, daß die kapitalistische Moderne dem Fußballspiel eine eigene Dynamik unterlegt hat, die er vorher nicht besaß, und wir müssen gleichzeitig erklären, weshalb dieser Sport im wichtigsten kapitalistischen Land, nämlich den USA, in der Beliebtheit bestenfalls auf Platz Fünf der Rangliste – nach Football, Baseball, Basketball und Eishockey – rangiert. Es scheint so, als würde dieser Sport gesellschaftliche Prozesse fokussieren und damit zur Identitätsstiftung einladen. In den USA ist dies offensichtlich weder notwendig noch erfolgreich, vielleicht auch deshalb, weil die USA als einzig übrig gebliebene Weltmacht andere interne gesellschaftliche Deutungsprozesse unterstützen und erfordern. Hierbei gilt der Fußball als zu soft und es ist daher kein Wunder, daß er sich in den Vereinigten Staaten als Frauensport größerer Beliebtheit erfreut.

Dieser Sport dient der Gemeinschaftsstiftung. Sicherlich soll er auch von der emanzipatorischen Nutzung der eigenen Handlungsfähigkeit ablenken, aber dies ist wahrscheinlich weniger beabsichtigt und hat sich eher vor rund hundert Jahren so herauskristallisiert. Als Zuschauersport fördert er bestimmte Praktiken und Rituale; und jedes Ritual dient der Sinnstiftung einer bestehenden Gesellschaftlichkeit. Dennoch sind Rituale nichts Starres. Sie passen sich gesellschaftlichen Veränderungen an und gießen sie in Praktiken, die von vielen Menschen verstanden werden und auch zur eigenen psychischen Stabilisierung genutzt werden können. Rituale verhindern damit jedoch auch Ausbruchsversuche aus den bestehenden elenden Verhältnissen oder können sie zumindest auf eine Weise einbinden, die das gesellschaftliche Gefüge nicht vollkommen auseinanderreißen.

Fußball ist daher auch eine Inszenierung. Am offensichtlichsten wird es dort, wo der Stadionsprecher die Namen der Spieler aufruft oder die Nationalhymne erklingt. So albern manche dieser Rituale zu sein scheinen, sie gehören dazu. Ohne sie würde etwas fehlen. Sie bieten Vertrautheit und (zumindest für die Heimmannschaft) das heimelige Heimatgefühl. Auch der so oft beschworene Hooliganismus wird ritualisiert ausgetragen. Es sind nicht einfach zufällig ausgebrochene wüste Schlägereien, sondern Choreografien; ganz wie die Choreografien der Fans mit den Fahnen an den Zäunen und mit ihren Gesängen. Hier können vorwiegend Männer ihr Seelenleben auf eine Weise ausleben und ausgleichen, die es ihnen ermöglicht, am folgenden Tag, den ganz normalen kapitalistischen Wahnsinn zu ertragen. Der Fußball besitzt so gesehen eine psychosoziale Funktion, selbst am heimischen Fernsehgerät.

Mit dem Siegeszug des Neoliberalismus in den 1980er und 1990er Jahren ging ein vollkommener Umbruch in der medialen Darstellung des Sports, insbesondere des Fußballs, einher. Hiermit ist nicht nur die Kommerzialisierung einer Eventkultur gemeint, verbunden mit einer astronomischen Zunahme der Zahlungen für die Übertragungsrechte. Auch das Spiel auf dem Platz hat sich geändert.

Das kommerzielle Fernsehen hat dem Sport ein neues Leben eingehaucht, weil es ihm gelungen ist, aus einem drögen Kick in zugigen Stadien ein Medienevent zu gestalten, bei dem die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht einfach auf den Sitzen kleben, sondern selbst zum Teil des Events werden. Für die übertragenden Medien bedeutet dies, so zu berichten, daß dem kommerziellen Erfolg nicht geschadet wird. Kritische Fragestellungen sind daher genauso tabu wie Einblicke in die Mechanismen dieses Sportmedienmarktes. Statt dessen geriert sich eine Trashkultur mit immer denselben Fragen und denselben Antworten, möglichst zwei Sekunden nach dem Abpfiff bzw. nach dem schnell noch eingeblendeten Gewinnspiel – auch dies ein notwendiges Ritual.

Das zum Teil sinnlose Geplapper der Moderatoren, aber auch der Spieler und Trainer, die es eigentlich leid sind, immer wieder denselben Quark über den Teamgeist absondern zu müssen, ist längst Teil einer Medienkultur geworden, bei der es eigentlich nicht darauf ankommt, was gesagt wird, sondern daß irgendwer mit uns am Bildschirm spricht. Drei Sekunden später haben wir ohnehin vergessen, was Moderator X, Spieler Y oder Trainer Z gesagt haben. Von dieser Logik lebt übrigens das kommerzielle Formatradio, bei dem es nur auf die lautstark herausgeschrieene Werbebotschaft ankommt und nicht auf den Inhalt der Moderation. Es soll allerdings auch Sender im nichtkommerziellen Lokalradio geben, welche dieses sinnlose Geplapper nachäffen und kultivieren. [3]

Das, was ein Fußballspiel ausmacht, ist die Ungewißheit über den Ausgang. Doch hieran läßt sich arbeiten. Das Doping anderer Sportarten findet sich zwar auch im Fußball wieder; entscheidender ist jedoch die Finanzkraft der Vereine. Man muß heute nicht unbedingt ein Spiel kaufen, um zu gewinnen, man kann sich auch einfach genügend leistungsstarke Spieler leisten, die den Erfolg sicherer werden lassen. Allerdings wird nicht jeder Star des Erfolges wegen verpflichtet. Ein David Beckham ist eher eine Popikone als ein genialer Fußballspieler, aber für einen Verein wie Real Madrid hat sich sein sündhaft teurer Kauf schnell wieder amortisiert – durch den Verkauf von Fantrikots. Der Fußball als Medienereignis generiert so seine eigene Wirklichkeit, die jedoch ohne das Spiel selbst nie entstehen könnte.

Auch den Fans kommt eine neue Aufgabe zu. Sie werden nicht nur deshalb in den Arenen benötigt, um das eigene Team anzufeuern. Je voller die Arenen, desto gelungener die Choreografie, desto mehr kann auch der Fan vor dem Fernsehgerät mitfiebern. Ein Spiel vor leerer Kulisse ist eine öde Angelegenheit, da kann das Spiel noch so gut sein, und ein solches Spiel vor leeren Rängen wird daher tatsächlich auch als Strafmaßnahme ausgesprochen, wenn die Fans mal wieder über die Stränge geschlagen haben. Eventkultur kommt jedoch erst dann zum Tragen, wenn die Stadien voll besetzt sind – und erst dann klingeln die Kassen bei Übertragungsrechte und Werbeeinnahmen so richtig. Das Spiel selbst kann fad und öd, herumgestochert oder grottenschlecht gekickt sein. Hauptsache, das Event feiert sich selbst.

Der Fußball der 1980er Jahre war auf dem besten Weg, in der Versenkung zu verschwinden, weil die Stadien leer und der Komfort gering war. Hartgesottenen Fans macht das natürlich nichts aus; da fühlen sie sich heimisch. Aber an derartigen Fans kann man nichts verdienen. Also wurden die Stadien umgemodelt, ein neues attraktives Wettbewerbsformat wie die Champions League eingeführt und das alles auf ein neues zahlungskräftiges Zielpublikum ausgerichtet. Mit Fußball hat das nur insofern zu tun, als der Ball das Mittel zum Zweck ist, nämlich gut zu verdienen und sich mittels Marktmacht größere Anteile am Gewinnkuchen zu sichern. Man und frau kann über diese Kommerzialisierung klagen. Aber genau das macht Fußball als Teil der neoliberalen Popkultur aus. Und dementsprechend verändert sich auch die Fankultur:

In der reflexiven Moderne haben sich auch Fußballfankulturen ent-traditionalisiert und deterritorialisiert. Sie wurden zu Geschmacksgemeinschaften, die auch und gerade über die Medien, insbesondere das Fernsehen, konstituiert und zusammengehalten werden. [Seite 486]

schreibt Lothar Mikos in seinem Aufsatz über Fußball-Fankulturen im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen. Vergessen wir nicht, aus welchem Milieu heraus der moderne Fußball entstanden ist: es war zu Anfang eine elitäre Angelegenheit. Der Fußball des Neoliberalismus schafft sich seinen eigenen Markt und seine eigenen Fans. Die Frage ist, wie lange die Blase des Neoliberalismus anhält, und, was danach kommt.

Der von Jürgen Mittag und Jörg-Uwe Nieland herausgegebene Sammelband über Das Spiel mit dem Fußball lädt zu weiteren Reflexionen über das Thema ein, die nicht immer das kommerzielle Abfeiern eines Medienhypes betrachten. Die Frage der Ästhetik spielt hier genauso herein wie die Frage, warum sich seit einigen Jahren vermehrt Intellektuelle des Fußballs annehmen, oder auch, weshalb sich dieser Sport inzwischen auch in Museen wiederfinden läßt.

Man und frau muß den Fragestellungen und Argumentationen nicht unbedingt folgen, um dennoch neue Einsichten in ein Phänomen zu gewinnen, das nicht nur auf dem grünen Rasen stattfindet. Wir können nachlesen, wie weit die Auseinandersetzung innerhalb des gegebenen neoliberalen Kapitalismus gehen kann, doch zuweilen schleicht sich der Gedanke ein, daß eine Sicht von außen fehlt. Dafür sind die Autorinnen und Autoren viel zu ballverliebt, als daß sie den Sinn dieses Spiels wie des Sports überhaupt in Frage stellen würden. Hier fehlt eindeutig etwas.

Trotz dieser Schlußbemerkung finde ich, es ist ein gelungener Band, der uns alle über den Rand des Spielfeldes hinausschauen läßt. Der Band heißt Das Spiel mit dem Fußball und er behandelt die Interessen, Projektionen und Vereinnahmungen durch Politik, Medien, Kultur und Wirtschaft. Er ist Anfang des Jahres im Essener Klartext Verlag herausgebracht worden, hat voluminös sinnhafte 592 Seiten und kostet 27 Euro 90.

 

Unkontrollierte Kontrolle

 

Besprechung von: Mittelweg 36, Heft 5/2007, Hamburger Institut für Sozialforschung 2007, 105 Seiten, € 9,50

No, the government, is not our friend.
Occasionally it can get friendly
when there's a great people's movement
that compels it to be friendly.

Howard Zinn [4]

Schwerpunktmäßig vom Krieg handelt die aktuelle Oktober / November-Ausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36 aus dem Hamburger Institut für Sozialforschung. Der Historiker und Politologe Bernd Greiner beschäftigt sich hierin aus gegebenem Anlaß mit einem Krieg, der als Lüge begann und als Desaster enden mußte, nämlich dem Krieg der USA im Irak, der genausowenig zu gewinnen ist wie vierzig Jahre zuvor der Krieg in Vietnam. Bernd Greiner hat sich intensiv mit dem Vietnam-Krieg auseinandergesetzt und seine Forschungsergebnisse in einem Buch zusammengefaßt: Krieg ohne Fronten, erschienen in der Hamburger Edition des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Dieser Band soll an anderer Stelle besprochen werden.

Die Forschungen zum Vietnam-Krieg werfen Fragen auf: Was haben die politischen und militärischen Führer der USA aus dem Vietnam-Krieg gelernt und weshalb gerät ihr Einsatz im Irak dennoch zum Desaster?

Vielleicht ist die Frage aber auch falsch gestellt. Vielleicht geht es in diesem Kriegszug gegen den Terror um etwas ganz anderes. Vielleicht ist nicht einmal der Irak das wesentliche Ziel, sondern die Ausgestaltung der politischen Landschaft in den USA selbst. Vielleicht, und das ist eine Frage, die Bernd Greiner überhaupt nicht berührt, gehört diese politische Umgestaltung, auf die ich gleich zu sprechen kommen werde, essentiell zur neoliberalen Umgestaltung der Weltwirtschaft dazu. Die Freiheit des Marktes würde dann mit der Freiheit der Politik korrespondieren, grenzenlos über ihre eigenen und die Bürgerinnen und Bürger anderer Staaten verfügen zu können.

Es sind, so Bernd Greiner, ja nicht die längst aufgedeckten Lügen die Pointe der Politik des Kriegszugs gegen den Irak. Weder wurden Massenvernichtungswaffen gefunden noch kooperierte Saddam Hussein mit den von den USA in den 80er und 90er Jahren noch geförderten Terrorbanden, die heute als Al-Qaida bezeichnet werden. Doch das Frisieren von Geheimdienstinformationen und der massive Druck, mit dem diese Kriespolitik durchgezogen wurde, verraten etwas ganz anderes. Es geht darum, die Macht im wichtigsten kapitalistischen Staat neu zu verteilen, neu zu justieren. Die Pointe dieser Politik, so Bernd Greiner,

sollte vielmehr in der geräuschlosen, in kürzester Frist vollzogenen Ausschaltung oder Domestizierung aller für Außen- und Sicherheitspolitik gemeinhin zuständigen Ministerien, Ämter, Abteilungen und Gremien gesehen werden. Unter der Regie von Vizepräsident Richard Chaney übernahm ein handverlesener Stab ideologisch zuverlässiger Experten die traditionell dem Nationalen Sicherheitsrat und dem Außenministerium obliegenden Aufgaben […]. [Seite 6]
Richard Chaney, der »Richelieu hinter dem Thron«, hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass die uneingeschränkte Privilegierung der Exekutive von Anfang an den archimedischen Punkt der Präsidentschaft Bush definierte. [Seite 7]

Die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon lieferten den Anlaß dafür, diese politischen Vorstellungen ohne größeren Widerstand durchsetzen zu können. Das von Bernd Greiner leider nicht weiter hinterfragte System der checks and balances wurde ausgehebelt. Mit rund 750 Ausnahmeverordnungen konnte Präsident Bush am Kongreß vorbei regieren. Hiermit konnten die als Folge des verlorenen Vietnam-Krieges eingeführten lästigen Kontrollen und Auflagen für die Exekutive beseitigt werden. Der Irak-Krieg erscheint so als eine Wiederkehr der aus dem Vietnam-Krieg hinlänglich bekannten verlogenen Außenpolitik mit all ihren Inszenierungen.

Nicht zufällig

so Bernd Greiner

klingt der George W. Bush des Jahres 2007 wie der Richard Nixon des Jahres 1972: Wir müssen im Krieg bleiben, weil wir im Krieg sind und weil eine Beendigung desselben dem amerikanischen Prestige und Einfluss unermesslichen Schaden zufügen würde. [Seite 8]

Auch wenn der Bush-Administration klar ist, daß ein demokratischer Wahlsieg sehr wahrscheinlich sein dürfte, läßt sie nicht von ihrer Politik ab. Möglicherweise steckt dahinter das Kalkül, den Preis des Scheiterns derart hochzutreiben, daß auch seine Nachfolger zur Fortsetzung dieser desaströsen Politik gezwungen sind. Und so fragt Bernd Greiner nach dem Zustand eines politischen Systems, in dem zum wiederholten Mal eine kleine Gruppe entschlossener Dezisionisten die Macht usurpieren konnten. Die Frage ist aus der Binnensicht einer spätkapitalistischen Demokratie folgerichtig; ob sie jedoch richtig gestellt ist, bezweifle ich. Bernd Greiner stellt die Frage so:

Sind die in der Verfassung vorgesehenen »checks and balances« – die gegen das Machtbegehren einer Minderheit institutionell wie rechtlich vorgesehenen Widerlager – angesichts der über Jahrzehnte gesammelten Erfahrungen noch zeitgemäß? Wenn Korrekturbedarf besteht, welcher Art müssten die Reformen sein und auf welche Weise könnten sie realisiert werden? Oder ist der »point of no return« längst überschritten und das Einklagen einer an den Verfassungsmaximen orientierten Selbstkorrektur mithin müßig? [Seite 8]

Angesichts der sicherheitspolitischen Wahnvorstellungen eines Wolfgang Schäuble oder seines Amtskollegen Franz Josef Jung wäre es angebracht, sich bei dieser Fragestellung nicht alleine auf die USA zu beziehen.

Buchcover Mittelweg 36 Heft 5 aus 2007Allerdings bezweifle ich, daß hier eine kleine Clique durchgeknallter Politiker die Macht an sich gerissen hat, um ihre ideologischen Politikmuster durchzudrücken. Schließlich handeln sie nicht im luftleeren Raum, sondern im konkreten Alltag einer globalen kapitalistischen Weltwirtschaft. Sie sind, egal ob bewußt oder unbewußt, ausführendes Organ einer historischen Vernunft, die nicht vernünftig ist, sondern destruktiv wirkt.

Das Kapital frißt seine Kinder und benötigt einen Staatsapparat, der für die bestmöglichen Verwertungsbedingungen sorgt. Dies gilt sowohl auf einer sehr abstrakten Ebene, wenn es darum geht, die Marktmechanismen politisch durchzudrücken, aber auch konkret, wenn es um den kurzfristigen Profit geht. Schon zu Zeiten des Vietnam-Krieges wurde der Zusammenhang zwischen dem Ende des langen Booms nach dem 2. Weltkrieg, der daran anschließenden Rezession von 1966/67 und dem exorbitanten Ausbau der Rüstungswirtschaft und damit verbunden der Eskalation des Krieges in Vietnam gesehen.

Die Regierungen Johnson und Nixon stießen an die Grenzen der bisherigen Politikmuster und mußten daher, zum Wohle des US-amerikanischen Kapitals, einsame Entscheidungen treffen, die den institutionellen Rahmen überforderten. Derartige Entscheidungen erfordern Politiker, die bereit sind, die Grenzen des Legalen zu überschreiten. Eine derartige Politik nährt Allmachtsphantasien, die sich auch in Nebensächlichkeiten austoben. Eine solch unkontrollierte Macht ermöglicht Watergate; wobei wir davon ausgehen müssen, daß es andere Watergates gab, die unter Verschluß gehalten werden konnten.

Etwas ähnliches finden wir bei der gegenwärtigen US-Administration vor. So, wie der Neoliberalismus alle bisherigen sozialstaatlichen Errungenschaften in ein neues Korsett des Förderns und vor allem Forderns zu drängen sucht, so geschieht dies auch in der Innen- und Außenpolitik. Der in zwei Jahrhunderten bürgerlicher Herrschaft aufgebaute bürokratische Apparat steht genauso auf dem Prüfstand wie die damit verbundene institutionell halbwegs austarierte Demokratie. Und vergessen wir nicht: die demokratischen Errungenschaften sind uns nicht geschenkt worden, sie wurden alle gegen den Widerstand der herrschenden Klasse erkämpft.

Bei Bernd Greiner, aber überhaupt beim Hamburger Institut für Sozialforschung, finden wir die Tendenz vor, das neoliberale Wahnsystem vor sich selbst retten zu wollen und, wenn das nicht geht, zumindest wohlfeile Ratschläge für einen halbwegs zivilen Umgang mit der kapitalistischen Gewalt zu entwickeln. Wenn wir ohnmächtig vor diesem Wahnsystem stehen und glauben, es nicht überwinden zu können, dann ist aktive Teilhabe, um Schlimmeres zu verhindern, eine Option. Ich halte sie für illusionär. Das Problematische daran ist jedoch, daß eine solche Haltung auch die wissenschaftliche Herangehensweise beeinflußt.

Wer von checks and balances redet, muß nämlich auch davon reden, daß dies der institutionelle Rahmen der Republikgründung im 18. Jahrhundert gewesen ist, um die zentrifugalen Kräfte der jeweiligen Kapitalfraktionen in den Städten des Nordens und den Plantagen des Südens zusammenzuhalten. Dieser Rahmen ist also an sich schon problematisch. Und dann stellt sich die Frage, ob eine zeitweilig den Verfassungsrahmen sprengende Gruppe wie unter Nixon und jetzt unter Bush jr. nicht als Ausnahmezustand genau zu diesem Rahmen gehört. Wenn der Neoliberalismus das Programm zur Umgestaltung für den Kapitalismus des 21. Jahrhunderts ist, dann ist die totale Datenerfassung und uneingeschränkte Kriegsführung ohne parlamentarische Kontrolle vielleicht das politische Pendant hierzu.

Bemerkenswert ist jedoch eine Tatsache, auf die Bernd Greiner zurecht hinweist. Die Wahlbürgerinnen und Wahlbürger tolerieren die Autokraten im Weißen Haus. Nixon wurde mit einem Spitzenergebnis wiedergewählt und auch Bush jr. erhielt dreieinhalb Millionen Stimmen mehr als John Kerry. Nun wäre es jedoch falsch, auf das dumme Wahlvolk zu schimpfen. Vielmehr zeigt sich hieran ein bemerkenswertes Demokratiedefizit. Die formale Demokratie der Verfassungswirklichkeit in den USA wie in der Bundesrepublik Deutschland spiegelt letztlich Verhältnisse wider, in der sich die dumpfe Gewalt nicht nur in Kriegen, in Massenentlassungen oder rassistischen Hetzjagden wiederfindet, sondern auch in den Köpfen und Herzen der in einem solchen Leben sozialisierten Menschen.

Bernd Greiner stellt jedoch nicht nur Zustimmung zum bestehenden System fest. Gerade der Irak-Krieg polarisiert auch die öffentliche Meinung in den USA selbst. Die dem linken Flügel des US-amerikanischen Establishments angehörende Zeitschrift The Nation befragte fünfzig Veteranen des Irak-Krieges. Diese

schildern ihren Alltag als eine Praxis der regelmäßigen und exzessiven Gewalt gegen Zivilisten. [Seite 9]

Es ist die Rede von willkürlichen Verhaftungen, der Internierung Unschuldiger, von gewalttätigen Razzien, von Zerstörungsorgien und von check points, die für Normalsterbliche zu tödlichen Fallen werden, weil die Irakerinnen und Iraker die für sie unverständliche Körpersprache der GIs falsch deuten. Viele dieser Taten werden nirgends erfaßt, so daß eine exakte Zahl der von US-Übergriffen betroffenen Menschen niemals festzustellen sein wird. Die Zahl ziviler Opfer seit 2003 wird auf mehr als 650.000 geschätzt, wobei die Koalitionstruppen für mindestens 30% dieser Opfer verantwortlich sind, also für weit mehr als 200.000 Männer, Frauen und Kinder. Uns werden hauptsächlich die Bilder explodierter Bomben und ihrer Folgen gezeigt. Die für diesen Krieg Verantwortlichen können sich leicht dahinter verstecken.

Die Oktober / November-Ausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36 dokumentiert daher den Artikel The Other War der Ausgabe vom 30. Juli 2007. Hieraus können wir erkennen, wie sich die Machtanmaßung einer kleinen Clique im Weißen Haus bis in die untersten Gefilde der US-amerikanischen Streitkräfte ausgebreitet hat.

Im Irak angekommen, machen GIs ein ums andere Mal die Erfahrung, dass man ihnen in Vorbesprechungen zwecks Stimulierung von Aggressions- und Kampfbereitschaft unterschiedslos alle Einsatzorte als Hochburgen von Terroristen ausmalt und kaum verhohlen von Rücksichtnahmen abrät, zuweilen aber mit dem expliziten Hinweis auf die Unvereinbarkeit von Kriegsrecht und Anti-Terrorkampf. Wer sich bedroht fühlt, kann reagieren, wie er will, und sich der Rückendeckung seiner Vorgesetzten gewiss sein. [Seite 11]

so Bernd Greiner. Und in der Tat handelt es sich um ein erschütterndes Dokument aus dem Innenleben der US-amerikanischen Kriegsführung und Aufstandsbekämpfung. Nur ein toter Iraker ist ein guter Iraker; und so wird erst geballert und dann die Lage geklärt. Es handelt sich hierbei um die konsequente Fortsetzung der Irak-Politik von Bill Clinton und seinem Vizepräsidenten Al Gore. In den 90er Jahren durften aufgrund der Boykottpolitik gegen den Irak rund eine halbe Million irakischer Kinder krepieren.

Die damalige Außenministerin Madeleine Albright, übrigens eine Gesinnungsgenossin des grünen Außenministers Joschka Fischer, brachte diese Politik auf den Punkt. Albright wurde 1996 in einer US-amerikanischen Talkrunde gefragt, ob diese halbe Million toter Kinder als Preis für den Boykott gegen Saddam Hussein angemessen seien. Albright antwortete mit dem Zynismus aller herrschenden Klassen: "Ich denke, das ist hart, aber es ist den Preis wert." Eine solche Politik ist wahrlich einen Friedensnobelpreis wert, nicht wahr, Al Gore? Es ist bemerkenswert, wie schnell dieser Politiker zum besten Freund aller Umweltbewußten mutieren kann.

Nun, um auf den derzeitigen Krieg im Irak zurückzukommen: Wer sich sicher sein kann, nicht zur Verantwortung gezogen zu werden, handelt maß- und skrupellos. Und doch dürfen wir hier nicht dem plumpen Antiamerikanismus huldigen. Fragen wir uns lieber, was die Bundeswehr und hier insbesondere das Kommando Spezialkräfte in Afghanistan tun. Ihr Einsatz unterscheidet sich kaum von dem ihrer US-amerikanischen Verbündeten. Kann dann das Ergebnis nicht ähnlich verheerend sein?

Was wäre denn die Alternative zu einer Befriedungspolitik gegen islamisch inspirierte Bombenattentäter und am Ölreichtum interessierte Eliten? Nun – umfassende Demokratisierung aller Lebensbereiche. Unterstützung und Förderung aller Bemühungen, die es Menschen erlauben, ein Leben ohne Hunger, Elend, Angst und Armut zu führen. Daran haben weder Herr Bush, noch Frau Rice, weder Herr Beck noch Frau Merkel ein ernsthaftes Interesse. Dies würde sie ja auch womöglich ihren Job kosten. Denn kapitalabhängige Politikerinnen und Politiker wären dann überflüssig. So bleibt es lieber bei althergebrachten Politikmustern, denn diese schaffen die Gewißheit, daß auch morgen noch Profit und Dividende, Rüstungsaufträge und Niedriglohnsektoren anzutreffen sind.

Mehr hierzu, wenn auch ohne meine kritischen Randbemerkungen, ist nachzulesen in der aktuellen Oktober / November-Ausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36 aus dem Hamburger Institut für Sozialforschung. Weitere Aufsätze befassen sich mit der legendären Fotoagentur Magnum, den letzten Tagen von Walter Benjamin und dem im August verstorbenen Historiker Raul Hilberg. Die alle zwei Monate erscheinende Einzelausgabe kostet 9 Euro 50.

 

Baulöwen im Subventionsdschungel

 

Jingle Alltag und Geschichte

Ihr hört das Alltag und Geschichte Magazin auf Radio Darmstadt, das nun in seine zweite Stunde geht. Nach der Vorstellung des Sammelbandes über das Spiel mit dem Fußball und des aktuellen Heftes der Zeitschrift Mittelweg 36, das sich schwerpunktmäßig mit dem Krieg im Irak befaßt, könnt ihr in der zweiten Stunde Beiträge zur Wohnungspolitik in Freiberg, zur Geschichte der Grube Messel, zu sprachlichen Slapsticks und zum Schluß eine Art Nachruf hören. Durch die Sendung führt Walter Kuhl.

Screenshot der Webseite des FreibÄrgerIm vergangenen Jahr fanden der Darmstädter Bauverein und die Städtische Wohungsgesellschaft in Darmstadts Partnerstadt Freiberg eine Art Kompromiß nach einer jahrelangen Auseinandersetzung um 930 Wohnungen, die der Bauverein nach der Wende gekauft und anschließend saniert hatte. Vertragsgemäß hätte die Freiberger Wohnungsgesellschaft die Wohungen wieder zurückkaufen müssen, hatte jedoch kein Geld dafür. Hinzu kam ein Subventionsbetrug in Millionenhöhe, mit dem dieser Deal eigentlich hätte finanziert werden sollen. Der Bauverein hält nunmehr 49% der Anteile und darf in den nächsten Jahren die Gewinne der Freiberger Gesellschaft abschöpfen. [5]

Kurz darauf wurde ein neuer Deal aus Fördermitteln subventioniert. Freiberg gehört zu den Städten der ehemaligen DDR, deren Bevölkerungszahl schrumpft. Dies allein wäre kein Problem, wenn nicht immer mehr Wohnungen leer stehen würden. Auch dies wäre nicht allzu tragisch, würde es nicht auf den Gewinn drücken, der aus dem vorhandenen Wohneigentum resultiert. Je mehr freistehender Wohnraum, desto niedriger die Mieten. Um diesem marktwirtschaftlichen Übel abzuhelfen, sollen rund eintausend Wohnungen abgerissen werden – und hierfür gibt es Fördermittel aus dem sächsischen Landeshaushalt.

Das Besondere daran ist: bei einem Drittel dieser Wohnungen handelt es sich um altersgerechten Wohnraum im betreuten Wohnen. Aus Rentabilitätserwägungen sollen gerade ältere Menschen umgesiedelt werden, die ein besonderes Interesse am Erhalt ihres gewohnten Wohnumfeldes haben. Gerade im Freiberger Stadtteil Friedeburg, dessen Plattenbauten im ersten Deal modernisiert wurden, sollen auf dem Boden der bisherigen Wohngebäude neue familienfreundliche Eigenheime entstehen, die natürlich viel profitabler sind als Wohneinheiten einer Klientel, die bekanntlich nicht so viel Geld auf der hohen Kante hat.

Bemerkenswert an dieser Angelegenheit ist, wie die Stadt Freiberg und das Land Sachsen versuchen, sich aus der Affäre zu ziehen. Da werden Gebäude, wenn es paßt, als altersgerecht bezeichnet, oder, wenn es nicht paßt, dieses Etikett mit Verweis auf irgendwelche Paragrafen bestritten, obwohl sogar Schilder mit der Aufschrift altersgerechtes Wohnen gesichtet wurden. Die Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner sind ohnehin irrelevant. Auf einer Podiumsdiskussion Anfang August [2007] in der Alten Mensa in Freiberg prallten die verschiedenen Ansichten aufeinander. Die alternative Zeitung Freibergs, der FreibÄrger, fragt dann auch:

Müssen etwa die hochbetagten Bewohner [–] weichen, damit zahlungskräftige Bürger sich an dieser Stelle ihr Häuschen bauen können?

Der Geschäftsführer der Städtischen Wohnungsgesellschaft, Marcel Sonntag, sprach bei dieser Podiumsdiskussion unverhohlen im Marktjargon der ersehnten Investoren:

Von Menschen hörte man bei ihm meist nur im Zusammenhang mit Kunden, Investoren oder Käufern." (So der FreibÄrger.) [6]

Auf der Webseite der Städtischen Wohnungsgesellschaft Freiberg finden wir diesen Sachverhalt verklausuliert wieder. Dort heißt es:

Stadtumbau bedeutet für uns nicht nur Rückbau, sondern beinhaltet vielmehr die Aufwertung der davon betroffenen Stadtteile. So bestehen Möglichkeiten der Ausweisung innerstädtischer Baustandorte für individuelle Eigentumsmaßnahmen wie auch die Anlage von Grünanlagen, Spielplätzen und Pkw-Stellplätzen. Neben der konsequenten Ausrichtung am Wohnraumbedarf kommt in Zukunft der Betreuung mit wohnungsnahen Dienstleistungen eine noch größere Bedeutung zu. Kernziel unserer kundenorientierten Betreuung ist die Erhöhung der Wohnzufriedenheit.

Es soll ja Menschen geben, welche diese neoliberal verfloskelte Kundenmentalität nicht an sich ausgeübt wissen und die lieber weiterhin in ihren vorhandenen Wohnungen leben wollen. Für dieses Investitionshemmnis findet sich gewiß noch ein Parkplatz. Es wäre hingegen auch wirklich zuviel verlangt, wenn ein marktwirtschaftlich orientiertes Unternehmen, das zudem in der Hand des Darmstädter Bauvereins ist, der endlich Kohle sehen will, auf einmal ein soziales Gewissen entwickeln würde.

Nun, all dies ist in Darmstadt kein Thema. Hauptsache, die drohende Finanzkrise als Nachwirkung des Plattenbaudeals ist ausgestanden und die in Freiberg erwirtschafteten Gelder sprudeln munter nach Darmstadt. Wer sich ausführlicher informieren möchte, kann Freibergs alternative Zeitung kontaktieren. Im Darmstädter Echo hingegen erfahren wir allenfalls etwas über die Sanierung des Freiberger Schlosses Freudenstein, denn dies dient dem Ruhm von Darmstadts Schwesterstadt.

Ähnlichkeiten mit bestehenden Umbau- und Sanierungsmaßnahmen in Darmstadt sind nicht zufällig, schon gar nicht herbeigeredet, sondern unvermeidlich.

 

Pferde im Moder der Zeit

 

Besprechung von: Gabriele Gruber / Norbert Micklich – Messel. Schätze der Urzeit, Konrad Theiss Verlag 2007, 160 Seiten, € 24,90

Von März bis September war in Darmstadt die Wanderausstellung Messel on Tour zu besichtigen. Für alle diejenigen, die sich aus welchen Gründen auch immer die Ausstellung nicht anschauen konnten, aber auch denen, die sich im Hessischen Landesmuseum einen Einblick in die geologische Vorgeschichte verschaffen konnten, möchte ich in den folgenden Minuten den Begleitband zur Ausstellung vorstellen, der im März im Konrad Theiss Verlag erschienen ist.

Buchcover Messel - Schätze der UrzeitDie Grube Messel entstand vor rund 48 Millionen Jahren in Zusammenhang mit der Senkung des Oberrheingrabens. Hierbei drang Magma aus dem Erdinnern nach oben und stieß auf eine Grundwasserschicht. Aufgrund mehrerer Explosionen entstand innerhalb weniger Jahre ein mehrere hundert Meter tiefer Krater, der sich mit Wasser auffüllte. Ein Maar entstand. Aus dem sauerstoffarmen Faulschlamm am Seeboden entstand im Laufe von Jahrmillionen der sogenannte Messeler Ölschiefer.

Messel lag damals auf der sogenannten Mitteleuropäischen Insel, die im Norden und Westen von der Nordsee und im Süden von einem Vorläufer des Mittelmeers umgeben war. Die Alpen gab es noch nicht. Messel dürfte sich etwa zehn Breitengrade südlicher als heute befunden haben, etwa zwischen dem heutigen Südspanien und Sizilien. Die Plattentektonik macht's möglich.

Auch das Klima war ein anderes als heute. Das Eozän war ein recht warmer Abschnitt der Erdgeschichte. Die Polregionen trugen keine Eiskappen und die Meeresströmungen verliefen anders als heute. Daher waren auch die klimatischen Unterschiede zwischen Äquator und Arktis wesentlich geringer als heute. So finden sich nördlich des Polarkreises Überreste von Krokodilen, die als wechselwarme Lebewesen ganz besonders auf Sonnenwärme angewiesen sind. Für kurze Zeit gab es zu diesem Zeitpunkt auch in arktischen Gefilden eine Landverbindung zwischen dem amerikanischen und dem späteren eurasischen Kontinent, was die Ähnlichkeiten der Tier- und Pflanzenwelt im damaligen Zeitraum erklärt.

Der Band Messel. Schätze der Urzeit gibt uns nicht nur die nötige Hintergrundinformation, um die fossilen Funde besser einschätzen zu können, sondern macht uns nachhaltig auf den Gang der Evolution aufmerksam. Anhand der Fossilien von vor rund 48 Millionen Jahren können wir die Vorgänger heutiger Säugetiere (aber auch anderer Lebewesen) erkennen und auch, daß sich manche damaligen Arten näher gestanden haben als heute, etwa Tapire und Nashörner. Daß die damaligen Urpferde das grüne Gras verschmähten und statt dessen lieber Blätter und Früchte futterten, mag erstaunen, ist aber durch den Darminhalt eines Messeler Exemplars gesichert.

Das Interessante an diesem Begleitband zur Ausstellung ist die Darstellung der Artenvielfalt am Messeler Maar, soweit sie überhaupt fossile Spuren hinterlassen hat. Es liegt somit ein guter Überblick über das Leben in einem bestimmten Biotop vor, wobei sicherlich noch zu klären ist, inwieweit sich dieses Biotop über einen längeren Zeitraum erhalten oder verändert hat. Die zahlreichen Fossilien helfen dabei, dieser Frage nachzugehen, dennoch ist manchmal unklar, weshalb sich bestimmte Arten ausgerechnet dieses Maar ausgesucht haben.

So ist die Häufung verschiedener Krokodilarten sehr ungewöhnlich, weil normalerweise nur eine Art an einem Ort vorkommt. Man und frau behilft sich hier mit der Annahme, daß die anderen Exemplare womöglich eingeschwemmt worden sind; dagegen spricht, daß keine Wasserverbindung zwischen dem Messeler See und anderen Gewässern bekannt ist.

Im heutigen tropischen Regenwald können auf der Größe eines Fußballfeldes mehr als 40.000 Insektenarten vorkommen. So ist es schon eher verwunderlich, wie wenige verschiedene Pfanzen- und Tierarten im Messeler Ölschiefer gebunden wurden. Doch hier hilft vielleicht die Überlegung weiter, daß nur ein Bruchteil der vorhandenen Arten im See versunken sind und damit heute gefunden werden können. Viele damalige Pflanzenreste dürften zudem unter den tropischen Bedingungen schneller zersetzt worden sein. Es gibt zudem Anzeichen dafür, daß der Messeler See zeitweise durch Blaualgen und andere Einflüsse derart vergiftet war, daß ein artenreiches Leben eher als unwahrscheinlich anzusehen ist.

Die vielen Farbfotos des Bandes vermitteln dennoch einen Eindruck von der Vielfalt des Lebens unter nachvulkanischen Urwaldbedingungen. Nur wenige Exemplare lassen jedoch eine dreidimensionale Gestalt erahnen, dazu sind die Erhaltungsbedingungen und die technischen Möglichkeiten der Präparation zu eingeschränkt. Dennoch erkennen wir Krokodile und Schildkröten, Laufvögel und Schlangen, Nagetiere und Urpferde, um nur einige Exemplare hervorzuheben. Manche davon sind nur aus Messel bekannt.

Die Ausstellung Messel on Tour wird in den kommenden Jahren an unterschiedlichen Orten zu besichtigen sein. Ab Ende November etwa ein halbes Jahr in Leiden in den Niederlanden oder ab Mai 2009 in Stuttgart. Der Begleitband zur Ausstellung trägt den Titel Messel. Schätze der Urzeit. Die wissenschaftliche Redaktion besorgten die Kuratorin Gabriele Gruber und der Kurator Norbert Micklich. Der 160 Seiten umfassende großformatige und mit 140 farbigen Abbildungen versehene Band ist im Theiss Verlag erschienen; er kostet 24 Euro 90.

 

Politiker und die Deutschfalle

 

Besprechung von: Maybrit Illner – Politiker – Deutsch. Deutsch – Politiker, Langenscheidt Verlag 2007, 128 Seiten, € 9,95

Buchcover Politiker - Deutsch. Deutsch - PolitikerEs gibt Bücher, bei denen man und frau sich wirklich fragen kann, ob wir sie wirklich benötigen oder ob nur wieder einmal ein halber Wald hat dran glauben müssen. Der Langenscheidt Verlag, kompetent in Sachen Wörterbuch, hat sich vor einiger Zeit darauf verlegt, neben den mehr oder weniger unverständlichen Sprachen dieser Welt auch unsere unverständliche Umwelt, nämlich die der eigenen Gesellschaft, in ein verständliches Deutsch zu übersetzen. Dabei soll der Schmunzelfaktor nicht zu kurz kommen. Es ist also nicht so richtig ernst zu nehmen, und es ist gewiß kein Zufall, daß vor drei Jahren ausgerechnet die Frau das erste Objekt der Übersetzungskünste – eines Mannes – wurde.

Wenn nun eine Fernsehmoderatorin wie Maybrit Illner – mit tatkräftiger Mithilfe von Dirk Krömer und Hermann Müller – daran geht, das Wortgeschwafel von Politikerinnen und Politikern in ein verständliches Deutsch zu transponieren, dann sollten wir die Erwartungen nicht zu hoch stecken. Sicherlich ist es ganz nützlich, so manche Worthülse in ihrer erbärmlichen Nichtigkeit vorgeführt zu bekommen. Doch es fehlt etwas. Maybrit Illner – oder ihre Coautoren – entwerfen ein Bild der Politik, das vom guten Willen der handelnden Personen ausgeht. Im Vorwort erfahren wir daher:

Es geht hier nicht um Politikerschelte. Auch ein Therapeut beschimpft seinen Patienten nicht. Er versucht nur, ihn zu verstehen. Genau das ist mein Anliegen. So viel habe ich in meinem Journalisten-Leben ja schon gelernt: Die meisten Politiker wollen verstanden werden. Und geliebt. Und das Leben in unserem Land noch schöner und lohnenswerter machen. Sie sind keine schlechten Menschen. Sie sind nur Menschen, die unverständlich sprechen (ob aus Unvermögen oder aus Berechnung). [Seite 5]

Das sage Frau Illner doch einmal bitte einer alleinerziehenden Mutter ins Gesicht, die schauen muß, wie sie mit Hartz IV nicht einmal eine ausgewogene Ernährung ihrer Kinder sicherstellen kann. Es waren gewiß keine schlechten Menschen, die ihr den Lebensunterhalt zur Qual gemacht haben, es waren ganz einfach Menschen, die aus Berechnung dort sparen, wo es weh tut, damit eine ganz gewisse Klientel noch mehr vom Kuchen abbekommen kann. Vielleicht sollte Frau Illner das mit den geliebt werden wollenden Politikern auch der afghanischen Familie verklickern, die bei einer Aktion des Kommandos Spezialkräfte zu Schaden gekommen ist. Glaubt Maybrit Illner wirklich den Quatsch, den sie dort schreibt (oder schreiben ließ)? In gewisser Weise übernimmt sie den politischen Jargon der herrschenden Klasse und entschuldet so deren verantwortungsloses Handeln.

Nun gut – so ernst gemeint ist dieses kleine Büchlein ohnehin nicht. Wir sollen ein wenig schmunzeln und diejenigen verstehen lernen, die mit voller Absicht ihren verquasten Jargon benutzen, um uns einzulullen. Etwa so. Der Politiker sagt, ich habe nicht vergessen, wo ich herkomme. Er meint, deshalb bin ich auch so froh, dass ich nächste Woche wieder nach Berlin darf. Zu banal? Wie wär's hiermit?

Ich werde mich persönlich um ihr Anliegen kümmern. [Seite 48]

Klingt gut – denn er weiß, daß sein Referent über eine hervorragende Sammlung von Musterbriefen verfügt. Ohnehin ist Bürgernähe sehr gefragt. Ein Politiker, Frauen sind hier immer noch die Minderheit, also ein Politiker, der keine Hobbies hat, ist schon sehr verdächtig. Aber er sollte mit der Angabe seiner Hobbies nicht übertreiben, sonst könnte man und frau ja denken, er sei pflichtvergessen:

Wähler haben Hobbys. Politiker eigentlich nicht. Wenn einer sein Mandat ernst nimmt, hat er für Hobbys keine Zeit.

(Logisch, er sollte auch mehr Zeit für Lobbies haben.)

Das kann der Politiker aber nicht sagen, denn das wirkt verbissen. Von zu viel Freizeit zu reden, geht aber auch nicht, denn das wirkt faul.

Deshalb gilt das folgende Statement als angemessen:

In meiner knapp bemessenen Freizeit unternehme ich gerne was mit der Familie, und leider komme ich viel zu selten dazu, meinem Hobby nachzugehen. [Seite 54]

Auf insgesamt 128 Seiten bemüht sich unsere ZDF-Talkgastgeberin somit um die notwendigen Hintergrundinformationen, damit wir die Politikerinnen und Politiker aller politischen Talkrunden noch ein wenig besser verstehen können. Ob uns dies dabei hilft, den Börsengang der Deutschen Bahn zu verhindern, die Bundeswehr aus Afghanistan herauszuholen oder die Agenda 2010 zu entsorgen, das ist eine ganz andere Frage. Politiker – Deutsch. Deutsch – Politiker, geschrieben von Maybrit Illner mit tatkräftiger Mithilfe von Dirk Krömer und Hermann Müller, ist bei Langenscheidt zum Preis von 9 Euro 95 erschienen.

Im Nachwort führt Frau Illner noch Folgendes an:

Wenn man das Suchwort "Politikerwitze" bei Google eingibt, meldet die Suchmaschine in 0.18 Sekunden 210.000 Treffer. Klar, über Politiker kann man Witze machen.
Gibt man das Suchwort "Wählerwitze" ein, gibt es 0 (!) Treffer. […] Stattdessen fragt Google verschämt an: "Meinten Sie … Führerwitze? [Seite 127]

Nun – auch Google scheint dieses kleine Büchlein gelesen zu haben, denn eine kürzliche Abfrage ergab, daß nicht einmal mehr die Führerwitze angeboten werden.

 

Besprechung von: Übelsetzungen – Sprachpannen aus aller Welt, Langenscheidt Verlag 2007, 126 Seiten, € 9,95

Buchcover ÜbelsetzungenWeniger ernsthaft als die Politikerfibel ist das ebenfalls bei Langenscheidt herausgebrachte Bändchen mit Sprachpannen aus aller Welt. Nun ist Deutsch ganz gewiß eine der schwierigsten Sprachen, die es gibt, denn selten findet sich eine Sprache, in der es mehr Ausnahmen als Regeln gibt. Und es ist gewiß auch eine seltsame Form von Humor, sich über die Bemühungen anderer Menschen zu amüsieren, die mehr oder weniger treffsicher den Tücken der deutschen Sprache zu Leibe rücken. Aber gut – wir kenn das alle: Hinweisschilder, Produktbeschreibungen oder Waschzettel, die uns etwas verständlich zu machen suchen, woran schon Politikerinnen und Politiker gescheitert sind.

Lustige Erlebnisse dieser Art finden sich in diesen Übelsetzungen zuhauf, und der Witzigkeitgrad bemißt sich sicherlich auch daran, wie wir gerade gelaunt sind. Manches ist in der Tat unverständlich, sollte sogar zum Nachdenken anregen. Oder wie würdet ihr reagieren, wenn ihr einer Speisekarte die Aufforderung entnehmt: "Bringen Sie Schädel unter" – und der ganze Spaß soll dann auch noch neun Euro kosten. Manche Schmunzeleien wirken etwas gekünstelt, aber das geht vielleicht nur mir so. Manches wiederum ist richtig pfiffig, etwa wenn wir an der polnischen Grenze eine "besonders ansteckungsfähige Desinfizierungsschleuse" vorfinden.

Mein Lieblingsdeutsch findet sich jedoch auf einem Schild eines Pubs in Liverpool neben dem legendären Stadion an der Anfield Road: "Willkommen Fussball-Ventilatoren der Welt". Tja, dort bläst den Fans offensichtlich ein heißer Wind ins Gesicht.

Das reich bebilderte Bändchen Übelsetzungen mit Sprachpannen aus aller Welt wurde vom Langenscheidt Verlag zum Preis von 9 Euro 95 herausgebracht.

Eine abschließende Bemerkung kann ich mir dennoch nicht verkneifen. Im Vergleich zu manchen Moderationen auf Deutschlands Radiostationen sind die Politikersprüche und Übelsetzungspannen geradezu harmlos. [7]

 

Kein Nachruf auf Hermann Benjes

  

Wie das Darmstädter Echo am Dienstag vermeldete, ist der ehemalige Bickenbacher Lokalpolitiker Hermann Benjes in der vergangenen Woche in seinem Wohnort in Niedersachsen gestorben. Benjes war in den 80er Jahren für die Grünen in Bickenbach kommunalpolitisch aktiv und setzte sich seit den 90er Jahren bis zu seinem Tod für die Freiwirtschaftslehre des Silvio Gesell ein. Soweit unsere Lokalzeitung im Landkreisteil. Gerade dort, wo es spannend wird, endet der Bericht. Wahrscheinlich, weil der Redakteur oder die Redakteurin nicht weiter nachrecherchiert hat. Woher sollte er oder sie auch wissen, was es mit Silvio Gesell und seiner Freiwirtschaftslehre auf sich hat? Das hätte ja Recherche bedeutet; und diese Art der Recherche macht sich in einer Todesmeldung nicht so gut. Wie heißt es so oft? De mortuis nil nisi bene.

Die oftmals kolportierte Übersetzung, nichts Schlechtes über die Toten zu reden, trifft die Sache nicht. Richtiger wäre es, über die Toten so zu reden, daß sie nicht unangemessen kritisiert werden; denn sie können sich nicht wehren. Bei Radio Darmstadt gibt es jedoch die Redaktion treffpunkt eine welt, die hier korrigierend eingreifen könnte. Die Freiwirtschaftslehre wird immerhin auf ihrem Sendeplatz propagiert.

Reden wir daher nicht schlecht vom jüngst Verstorbenen, sondern betrachten sein Umfeld. Da wäre zum Beispiel seine Mitgliedschaft in der Freisozialen Union ab Anfang der 90er Jahre zu vermelden, deren Bundesvorsitzender er 1999/2000 gewesen ist. Oliver Geden schreibt in seinem 1999 in 2. Auflage erschienenen Buch Rechte Ökologie zu dieser Partei:

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs konnte die Freiwirtschaftsbewegung die ohnehin bescheidene Stärke aus der Zeit der Weimarer Republik nie mehr erreichen. Ein großer Teil […] wanderte bald ins Lager der »Sozialen Marktwirtschaft« ab, weil sie die neoliberal orientierte Wirtschaftspolitik der Bundesregierung als Schritt in die richtige Richtung ansahen. Somit kann die Freisoziale Union (FSU) bis heute als größte und bedeutendste freiwirtschaftliche Organisation in der Bundesrepublik gelten. Sie entstand 1950 durch die Fusion dreier freiwirtschaftlicher Parteien aus den verschiedenen Westsektoren und sah es bei ihrer Gründung im wesentlichen noch als ihre Aufgabe an, den Konzepten Silvio Gesells politisch zum Durchbruch zu verhelfen. Die notwendigen Bündnispartner suchte sich die FSU schon in den fünfziger Jahren am rechten Rand des politischen Spektrums, war verankert im nationalneutralistischen Lager um den »linken« Nationalsozialisten Otto Strasser und seine Deutsch-Soziale Union (DSU). Hatte es zu Strasser aus der Freiwirtschaftsbewegung heraus schon seit den zwanziger Jahren Kontakte gegeben, so wurde[n] derlei Traditionslinien auch auf anderen Ebenen aufgegriffen. Während der Präsidentschaft des ehemaligen NSDAP-Mitglieds Wilhelm Radecke nahm die FSU zahlreiche Mitglieder der 1952 verbotenen neofaschistischen Sozialistischen Reichspartei (SRP) in ihre Reihen auf, darunter auch den späteren FSU-Generalsekretär (1969-82) Ferdinand Böttger […].
Die FSU näherte sich in der Folgezeit mehr und mehr dem konservativen bis rechtsextremen Teil der entstehenden Umweltbewegung an. Doch obwohl sich die Partei mittlerweile von einer absolut detailgetreuen Übernahme und Einforderung der Gesellschen Konzepte gelöst hatte, kam eine Mitwirkung im Parteigründungsprozeß der Grünen nicht in Frage. Ihre dogmatisch vertretene These, daß Lebens- und Umweltschutz erst auf der Basis der Freiwirtschaft möglich werde, ließ im Bereich des Möglichen liegende Kooperationen mit den Umweltparteien der späten siebziger Jahre schon frühzeitig scheitern. So blieb die FSU auch in den achtziger und neunziger Jahren eine Organisation am rechten Rand des Parteienspektrums, verankert vor allem im lebensschützerischen, rechtsökologischen Lager. [Seite 169–170]

Buchcover Oliver Geden: Rechte ÖkologieOliver Gedens Buch Rechte Ökologie gilt als eines der wichtigsten Bücher bei der Darstellung der Schnittlinien zwischen Umweltbewegung und rechtsextremen bzw. neofaschistischen Positionen. Folglich lautet der Untertitel dieses Nachschlagewerks auch Umweltschutz zwischen Emanzipation und Faschismus. Ob und inwieweit sich Hermann Benjes derartige Position zu eigen gemacht hat, soll hier offen gelassen werden. Nicht stehen gelassen werden kann jedoch der positiv gemeinte Verweis auf seine Verdienste um die Freiwirtschaftslehre eines Silvio Gesell. Die Vertreterinnen und Vertreter dieser Lehre bemühen sich beispielsweise seit Jahren, einen Fuß in die kapitalismuskritische Bewegung attac zu bekommen, auch in Darmstadt.

Viele Menschen, die mit den Gesellianern in Berührung kommen, ahnen nichts von den Hintergründen dieser Lehre – meist wollen sie auch nichts davon wissen. Gesells Lehre lebt vor allem dadurch weiter, daß in ihr der Zins als das wichtigste Hemmnis einer freien Wirtschaft gesehen wird. Der Zins als das Übel – und schon werden mögliche antisemitische Muster sichtbar, die sich in der Tat schon bei Silvio Gesell finden lassen. [8]

Silvio Gesell war ein kleiner Kaufmann. Er wurde 1862 in Belgien nahe der deutschen Grenze geboren und publizierte 1911 sein Hauptwerk Die natürliche Wirtschaftsordnung. Ausdrücklich geht es Gesell nicht um das Verhältnis zwischen Kapitalisten und Lohnabhängigen. Als Kaufmann weiß er sehr genau, wo ihm der Schuh drückt. Es ist das Kreditwesen, das seine unternehmerische Freiheit einschränkt. Ausbeuten hingegen ist bekanntlich das profitable Geschäft jedes kleinen und großen Kapitalisten.

Gesells Theorie ist so krude wie ansprechend. Sie läßt sich auf einige wenige Kernpunkte reduzieren: Freiland, Freiwirtschaft und Freigeld. So soll das Privateigentum an Boden abgeschafft werden, hierdurch würden auch staatliche Territorien als Basis von Kriegen beseitigt. Allerdings solle der nun freie Grund an den Zahlungskräftigsten verpachtet werden.

Die Arbeitenden sollen nicht mehr verdienen als die Bauern. Gewerkschaften und Streiks lehnt Gesell daher als unnatürlich ab. Was auch aus der persönlichen Situation heraus verständlich ist: ein kleiner Kaufmann kann keine Lohnerhöhung vertragen. In der kapitalistischen Konkurrenz schlagen derartige höhere Lohnkosten gleich negativ zu Buche. Wirtschaftskrisen entstehen nach der Auffassung Gesells, weil Geld gehortet und damit Zinsen (zum Beispiel von ihm als Kaufmann) erpreßt werden können. Um das Geld in den allgemeinen Kreislauf zu zwingen, soll es periodisch entwertet werden. Natürlich nur das Bargeld. Das Eigentum an Produktionsmitteln wird selbstverständlich nicht angetastet. Gesell propagiert eine natürliche Wirtschaftsordnung. Das "Natürliche" daran ist die Mutterschaft. Mittels Eugenik wird eine natürliche Zuchtwahl angestrebt.

Silvio Gesells sozialdarwinistischer Wirtschaftsliberalismus ist durchaus kompatibel zu rassistischen, wenn nicht neofaschistischen Positionen, aber selbstverständlich auch zum heutigen Neoliberalismus. Somit bewegte sich die Freisoziale Union durchaus auf dem Boden ihres Lehrmeisters, wenn sie mit alten und neuen Nazis kokettierte. Diese Partei ist vor einigen Jahren in der Humanwirtschaftspartei aufgegangen.

Hermann Benjes schrieb 1995 das Buch Wer hat Angst vor Silvio Gesell? Der Untertitel lautet: Das Ende der Zinswirtschaft bringt Arbeit, Wohlstand und Frieden für alle [9]. Folglich konnte er mit seinen freiwirtschaftlichen Gesinnungsgenossinnen und -genossen bei einer breiten Bewegung wie attac punkten. Deren Beharren auf einer Tobin Tax für vagabundierendes Geldkapital propagiert zwar das Schröpfen des massiven unkontrollierten Geldumlaufs, ändert jedoch an den Grundlagen einer neoliberal radikalisierten kapitalistischen Gesellschaft rein gar nichts. Auch mit Tobin Tax werden jährlich Millionen Kinder verhungern oder an leicht heilbaren Krankheiten sterben, Kriege geführt oder Menschen aus Profitgründen auf die Straße geworfen und im Elend gehalten. Ein Kaufmann benötigt derartige Zustände um zu leben.

Nun können wir von einer Lokalzeitung wie dem Darmstädter Echo nicht ernsthaft erwarten, daß sie derartige Hintergründe recherchiert oder gar analysiert. Aber die kritiklose Darstellung des Lebens von Hermann Benjes hat mich schon erstaunt. Allerdings steht das Echo hier nicht alleine da. Auch auf diesem Sender werden die Lehren des Silvio Gesell und seiner Nachfolger auf dem Sendeplatz der Redaktion treffpunkt eine welt seit Jahren unkritisch und wohlwollend verbreitet. Ich werde das hier nicht weiter kommentieren. [10]

 

Schluß

 

Jingle Alltag und Geschichte

Ihr hörtet in den vergangenen zwei Stunden das Alltag und Geschichte Magazin mit folgenden Beiträgen:

In der ersten Stunde stellte ich den von Jürgen Mittag und Jörg-Uwe Nieland herausgegebenen Sammelband über Das Spiel mit dem Fußball vor. Dieser fast 600 Seiten starke Band ist im Klartext Verlag herausgebracht worden und kostet 27 Euro 90.

Danach besprach ich das aktuelle Heft der Zeitschrift Mittelweg 36, die vom Hamburger Institut für Sozialforschung herausgegeben wird. Schwerpunktthema ist der US-amerikanische Krieg im Irak. Das Einzelheft kostet hier 9 Euro 50.

In der zweiten Stunde befasste ich mich mit der subventionierten Zerstörung altersgerechten Wohnraums in Darmstadts Schwesterstadt Freiberg. Wir erinnern uns daran, daß der Darmstädter Bauverein inzwischen maßgeblichen Einfluß auf Freibergs Städtische Wohungsgesellschaft ausübt.

Alsdann stellte ich den Begleitband zu Ausstellung Messel on Tour vor, die bis Ende September in den Räumen des Hessischen Landesmuseums zu sehen war. Dieser reich bebilderte Band heißt Messel. Schätze der Urzeit und ist im Theiss Verlag zum Preis von 24 Euro 90 erschienen.

Etwas weniger ernsthaft ist das im Langenscheidt Verlag herausgebrachte Wörterbuch Politiker – Deutsch. Deutsch – Politiker. Hieran maßgeblich beteiligt war die ZDF-Moderatorin Maybrit Illner. Es kostet 9 Euro 95. Zum selben Preis ist ebenfalls bei Langenscheidt das Bändchen Übelstzungen erschienen, welches uns einige ausgewählte Beispiele der Verfremdung der deutschen Sprache nahebringt.

Und schließlich habe ich eine Art Nachruf auf den in der vergangenen Woche verstorbenen ehemaligen grünen Kommunalpolitiker Hermann Benjes verfaßt, weil unsere Lokalzeitung etwas Wesentliches ausgespart hatte.

Ich hoffe, ihr habt bis zum Ende durchgehalten und hierbei die eine oder andere interessante Einsicht gewonnen. Das Manuskript zu dieser Sendung werde ich in den kommenden Tagen auf meiner Webseite zur Verfügung stellen: www.waltpolitik.de. Diese Sendung wird voraussichtlich in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag ab 2.00 Uhr und am Donnerstagvormittag um 10.00 Uhr wiederholt werden. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Anfang 2007 waren neben Susanne Schuckmann, Markus Lang, Stefan Egerlandt und Benjamin Gürkan (die Mehrheit) noch Niko Martin und Walter Kuhl Vorstandsmitglieder des Trägervereins von Radio Darmstadt.

»» [2]   Zu Günter Mergel siehe die Dokumentation Einladung zur Anhörung am 29. November 2006.

»» [3]   Manche Unterhaltungssendungen bei Radio Darmstadt sind ein müder Abklatsch mehrfach durchgequirlten Quarks bei anderen Formatradios. Wenn eine ganze Generation aber nichts anderes kennt als diese werbefinanzierte Dröhnware, dann meint sie, das Radio müsse so klingen. Also kopieren die solcherart medial Sozialisierten diesen Quark mit Wonne. Das fängt vom Ablesen von Boulevardmeldungen im Internet an und hört bei der freiwilligen Unterwerfung unter das Anhimmeln von Stars in der Jugendredaktion YoungPOWER noch lange nicht auf.

»» [4]   Howard Zinn am 12. Mai 2006 in der Immanuel Presbyterian Church in Los Angeles: "Just War", als Video bei YouTube: [teil 1], [teil 2], [teil 3] und [teil 4]

»» [5]   Siehe hierzu auch meine Sendung Im Freiberger Subventionsdschungel vom 15. März 2006.

»» [6]   FreibÄrger, Heft 58, Seite 3.

»» [7]   Es würde mir sicherlich ein erneutes Sendeverbot einbringen, in diesem Zusammenhang die Sprachslapstickkünstler von Radio Darmstadt zu nennen. In meiner Dokumentation zu Radio Darmstadt finden sich zuhauf Beispiele für eine an sich nicht zu bemängelnde, in diesem Falle jedoch zum Unverständnis beitragende Neugestaltung der eigenen Muttersprache, beispielsweise hier.

»» [8]   Die folgende Darstellung orientiert sich an Peter Bierl: "Schaffendes" und "raffendes" Kapital – Die Tauschringe, die Lehre des Silvio Gesell und der Antisemitismus. Peter Bierl sprach am 26. Februar 2003 auf Einladung der Redaktion Alltag und Geschichte im Sendehaus von Radio Darmstadt über diese Gemengelage.

»» [9]   Schon das Vorwort dieser Schrift verrät die vollkommene Unkenntnis des Autors über die Entwicklung des Warenhandels und der Einführung des Geldes. Er konstruiert, wie alle Ideologen, ein Idyll einer Zeit, in der die Menschen nützliche Dinge erfanden, die dann leider, leider später instrumentalisiert und mißbraucht worden sind. Nichts von dem, was er dort schreibt, hat irgendeinen Erkenntniswert.

»» [10]   Drei weitere Texte: (1) Peter Bierl: Schwundgeld, Menschenzucht und Antisemitismus. (2) Stefan Zenklusen: Silvio Gesell und die Freiwirtschaftslehre. (3) Verschiedene: Freiwirtschaft und Zins.

 


 

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