Banken-Skyline
Banken Skyline Frankfurt

Kapital – Verbrechen

Experimentierfelder

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 23. März 2009, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 23./24. März 2009, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 24. März 2009, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 24. März 2009, 14.00 bis 15.00 Uhr
Mittwoch, 15. April 2009, 19.00 bis 20.00 Uhr
Donnerstag, 16. April 2009, 01.10 bis 02.10 Uhr
Donnerstag, 16. April 2009, 10.00 bis 11.00 Uhr
Donnerstag, 16. April 2009, 16.00 bis 17.00 Uhr

Zusammenfassung:

Tödlich verläuft ein Experiment in Palästina, in dem Menschen gegeneinander aufgehetzt dafür sorgen, daß es keine gemeinsame Zukunft geben kann. Ein Experiment vor vierzig Jahren wirft auch heute noch Fragen auf, vor allem dann, wenn wir nach Alternativen zum bestehenden Wahnmodell des Kapitalismus suchen. Auch die Vergabe von Mikrokrediten kann als ein solches Experimentier­feld betrachtet werden, vor allem dann, wenn wir untersuchen, wie hiermit soziale und solidarische Strukturen unterminiert werden. Als ein Experiment der besonderen Art hat sich der U-Bahnbau in Köln herausgestellt.

Besprochenes Buch und besprochene Zeitschriften:

Playlist:

The Damned : Machine Gun Etiquette

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Meine heutige Sendung stelle ich unter das Motto „Experimentier­felder“. Tödlich verläuft ein Experiment in Palästina, in dem Menschen gegeneinander aufgehetzt dafür sorgen, daß es keine gemeinsame Zukunft geben kann. Ein Experiment vor vierzig Jahren wirft auch heute noch Fragen auf, vor allem dann, wenn wir nach Alternativen zum bestehenden Wahnmodell des Kapitalismus suchen.

Auch die Vergabe von Mikrokrediten kann als ein solches Experimentier­feld betrachtet werden, vor allem dann, wenn wir untersuchen, wie hiermit soziale und solidarische Strukturen unterminiert werden. Als ein Experiment der besonderen Art hat sich der U-Bahnbau in Köln herausgestellt. Hierzu am Ende eine kurze Randbemerkung (von Winfried Wolf). Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte ist Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

Menschen in Extremen

Besprechung von : Karin Wenger – Checkpoint Huwara, Diederichs Verlag 2008, 271 Seiten, € 19,95

Ende Dezember letzten Jahres begann die israelische Luftwaffe mit einer Bombardierung des Gazastreifens, die drei Wochen andauern sollte. Die „Operation Gegossenes Blei“ forderte weit mehr als 1000 Menschen­leben auf palästinensischer Seite, die meisten davon Zivilistinnen und Zivilisten. Auf israelischer Seite soll es dreizehn Tote gegeben haben. Von den zehn getöteten Armee­angehörigen starben vier durch eigenen Beschuß. Die Zahlen­verhältnisse verdeutlichen nicht nur die Asymmetrie des Krieges, sondern belegen, wer als Aggressor aufgetreten ist.

Der israelische Publizist und Friedensaktivist Uri Avnery hat die propagandistische Begründung der israelischen Regierung, des Militärs und der Medien in einer Weise zum Ausdruck gebracht, wie sie vielleicht nur in Israel ohne unangenehmen Beigeschmack möglich ist. Er schrieb Anfang Januar [2009]:

Vor fast 70 Jahren wurde während des Zweiten Weltkriegs in Leningrad ein abscheuliches Verbrechen begangen. Länger als tausend Tage hielt eine Gang von Extremisten, die „Rote Armee“ genannt wurde, Millionen von Einwohnern der Stadt als Geiseln und provozierte die deutsche Wehrmacht aus den Bevölkerungs­zentren heraus. Die Deutschen hatten keine andere Möglichkeit, als die Bevölkerung zu bombardieren und sie einer totalen Blockade auszusetzen, die den Tod von Hundert­tausenden verursachte. Nicht lange zuvor wurde in England ein ähnliches Verbrechen begangen. Die Churchill­bande versteckte sich inmitten in die Londoner Bevölkerung und missbrauchte Millionen von Bürgern als menschliche Schutzschilde. Die Deutschen waren so gezwungen, ihre Luftwaffe zu schicken und die Stadt widerwillig in Schutt und Asche zu legen.

Dies ist die Beschreibung, die jetzt in den Geschichts­büchern stünde – wenn die Deutschen den Krieg gewonnen hätten. [1]

Allerdings – so meine ich – gibt es zwischen dem Vernichtungs­krieg der Nazi-Wehrmacht und der terroristischen Kriegs­führung der israelischen sogenannten Verteidigungs­kräfte einen nicht unwesentlichen Unterschied. Auch wenn in der israelischen Gesellschaft durchaus offen die Vertreibung der Palästinenserinnen und Palästinenser aus Gaza und der Westbank diskutiert wird, so steht diese ethnische Säuberung derzeit nicht auf der Tagesordnung. Und eine ethnische Säuberung ist zudem vom Prinzip her keine geplante und gezielte Massen­vernichtung, auch dann nicht, wenn hierbei Tausende um ihr Leben gebracht werden.

Dennoch gibt uns Uri Avnery hiermit eine ziemlich drastische Vorstellung davon, was dieser Krieg für die Menschen in Gaza bedeutet haben muß. Es ist eine Extremform von dem, was seit zwei Jahrzehnten, seit Beginn der ersten Intifada, palästinensischer Alltag ist.

Wir hier im befriedeten Mitteleuropa leben nicht in solchen Verhältnissen. Ich weiß nicht, wie viele von uns damit klarkommen könnten, wie viele dabei verrückt werden würden, wie viele die Religion als Opium [2] entdecken würden und wie viele zu den Waffen greifen würden. Ehud Barak, immerhin ein maßgeblicher Israeli, hat einmal gesagt, wäre er auf der palästinensischen Seite, er würde Terrorist werden. [3]

Aber genau dies sind die Optionen, die in Palästina vorhanden sind und welche den Alltag palästinensischer Frauen und Männer seit zwei Jahrzehnten bestimmen. Und wenn wir uns fragen, wie Menschen unter derartigen Extrem­situationen leben, leben können, unter einer Extrem­situationen, die mal mehr, mal weniger extrem ist, so stellt sich hier auch die Frage, was dieser Krieg und seine Unmensch­lichkeit aus denen macht, die diesen Krieg führen, also hauptsächlich junge israelische Soldatinnen und Soldaten.

Buchcover Checkpoint HuwaraDie Schweizer Journalistin Karin Wenger ist dieser Frage nachgegangen. Sie hat monatelang unter denselben Bedingungen wie die palästinensische Bevölkerung gelebt, studiert und gearbeitet, sehen wir von der nicht unwesentlichen Einschränkung ab, daß sie, wenn sie wollte, jederzeit die Region verlassen konnte. Die Mauer, mit der Israel die palästinensischen Gebiete umschließt, hindert nicht nur potentielle Attentäterinnen und Attentäter am Grenz­übertritt, sondern überhaupt die meisten Menschen in Palästina daran, zu reisen und zu versuchen, außerhalb der Bantustans zu leben oder zu arbeiten. Der Unterschied zur Berliner Mauer und den Sperr­anlagen der ehemaligen DDR besteht darin, daß es nicht die eigene Regierung ist, die Millionen Menschen einsperrt, und darin, daß diese Millionen immer damit rechnen müssen, den nächsten Tag nicht zu erleben.

Was macht Perspektiv­losigkeit und permanente Demütigung aus Menschen, die eigentlich nur in Freiheit leben wollen? Wie können Menschen ihre Macht ausleben, wenn sie wissen, daß keine und niemand sie zur Rechenschaft zieht? In Karin Wengers Buch „Checkpoint Huwara“ erhalten wir mehr als nur eine Ahnung davon. Israelische Elitesoldaten und palästinensische Widerstands­kämpfer erzählen uns hierüber mehr, als wir vielleicht wirklich wissen wollen. Die Wut, die hochkommen kann, wenn wir die alltägliche Terrorisierung von Menschen an uns heranlassen, deren einziges Verbrechen darin besteht, Palästinenserinnen und Palästinenser zu sein, führt sicherlich dazu, besser verstehen zu lernen, weshalb die drei Optionen, bewaffnet zu kämpfen, sich in die Religion zu flüchten oder wahnsinnig zu werden, gar nicht so verrückt sind.

Und doch ist es bemerkenswert, daß einzelne der im Buch vorgestellten Menschen, meist Männer, darüber reflektieren können und das Verrückte an dieser Konstellation deutlich sehen. Sie sehen, was unkontrollierte Macht aus Menschen macht, und sie sehen, daß auch die Opfer nicht unbedingt die besseren Menschen sind, daß sie durchaus in der Lage sind, die Methoden ihrer Peiniger zu übernehmen und anzuwenden.

Was Karin Wenger hierbei herausstellen will, ist, daß wir nicht so tun sollen, als wären wir hierzu nicht fähig. Es sind die gesellschaftlichen Verhältnisse, die unsere Dispositionen zur Entfaltung bringen. Ob wir Konflikte friedlich oder mit Gewalt lösen, hängt vielleicht weniger von unserer moralischen Einstellung ab, sondern davon, ob wir damit durchkommen. Wobei die individuelle Disposition immer auch daran gekoppelt ist, wie wir in Schulen und Armeen, in Betrieben und Eltern­häusern sozialisiert worden sind. Dafür sind diese Institutionen da. Sie lehren uns, wie wir genauso gut zu funktionieren haben wie unsere Mütter und Väter, zum Wohle derjenigen, die in dieser Welt das Sagen haben und den Rahm abschöpfen. Manchmal geben sie uns ein Stück vom Kuchen ab und lassen uns die Illusion der eigenen Macht. Auf Kosten Anderer.

Wer bereitwillig entfremdet zu arbeiten gelernt hat, wird bereitwillig fremden Befehlen gehorchen, so absurd sie auch sein mögen, wird ohne mit der Wimper zu zucken schikanieren, demütigen, bedrängen und vielerlei mehr. Betrachten wir die deutsche Geschichte des letzten Jahrhunderts, dann entspricht die Unterstützung des Naziregimes dem Arbeitseifer des Wirtschafts­wunders. Es sind dieselben Menschen, die am Massenmord teilhatten und anschließend ganz demokratisch alles verleugneten. Und es sind durchaus dieselben gesellschaftlichen, eben kapitalistische Herrschafts­verhältnisse, die den Blockwart in uns erzeugen.

Karin Wenger stellt neben Auszügen aus ihrem eigenen Tagebuch die Geschichte eines durchschnittlichen Palästinensers und die Erzählungen israelischer Soldatinnen und Soldaten. Die verschiedenen Ebenen, die sich uns hierbei erschließen, ermöglichen es uns, auch dann weiterzulesen, wenn das Grauen überhand nimmt. Auch die Menschen in Palästina sind keine besondere Spezies, die mit der alltäglichen Gewalt und den alltäglichen Entbehrungen besonders gut klarkäme. Aber sie haben keine wirkliche Wahl.

 

Zerstörungslogik im Laborversuch

Während ich meine Gedanken zum Buch von Karin Wenger aufschreibe [4], vermelden israelische Medien, daß israelische Scharf­schützen während des Krieges in Gaza Frauen und Kinder erschossen, allein deshalb, weil sie herum­gelaufen sind [5]. Die freizügige Auslegung militärischer Regeln habe es den Soldaten erlaubt, einfach so draufzuhalten. Repressalien, gar Strafen hätten sie nicht zu befürchten gehabt. Dies ist eine Kriegs­führung, die klar erkennbar keine militärischen Ziele mehr kennt, sondern nur noch Macht und Willkür exekutiert. Wer das Buch von Karin Wenger liest oder die Reportagen der israelischen Journalistin Amira Hass kennt, wundert sich hierüber nicht.

Wo Amira Hass, die bewußt in Ramallah lebt und die alltäglichen Schikanen und Übergriffe hautnah miterlebt, für ein israelisches Publikum in israelischen Zeitungen schreibt, kann Karin Wenger ihr Augenmerk darauf richten, uns hier im friedlichen Mitteleuropa lebenden Menschen den Wahnwitz einer Besatzungslogik zu vermitteln.

Im Gespräch mit israelischen Soldatinnen und Soldaten wird das Neben­einander deutlich, in den besetzten Gebieten eine Macht ausüben zu können, die im israelischen Teil Palästinas bestenfalls als befremdlich, aber ansonsten eher als störend, dysfunktional, ja vielleicht auch kriminell angesehen würde. Doch die israelische Öffentlich­keit blendet das Andere jenseits der Sperrmauer aus, als existiere es nicht. Auf einer israelischen Konferenz für Sicherheit und Strategie an einer israelischen Elite-Universität im Dezember 2004 bestätigen sich die Herren über Gewalt, Politik und Krieg in ihrem Denken und Handeln. Als ein Politiker aus der israelischen Linken zaghaft das Wort ergreift, um Kritik anzumelden, wird ihm einfach das Mikrofon abgestellt, er selbst von der Bühne geschoben. Er habe sich nicht an das vereinbarte Protokoll gehalten, so die Begründung. [6]

Es ist ja auch unfein, die Dinge beim Namen zu nennen. Nest­beschmutz wird überall auf der Welt als gemeine Tat betrachtet. Nicht das Unrecht ist gemein, sondern darüber zu sprechen. Nicht nur in Israel, sondern auch in Darmstadt. In unserem alltäglichen Leben. So wird die Moral einer Gesellschaft, einer Gemeinschaft, eines Vereins, eines Lokalradios, einer Partei oder einer Armee aufrecht erhalten, deren moralischen Werte hohl sind. Yehuda, ein ehemaliger Scharf­schütze, beschreibt die Image­kampagne der Hohlheit so:

In der Armee wird die Sprache genauso zurechtgebogen wie in unserer Gesellschaft oder in euren Zeitungen. Nennen wir es Wortwäscherei. Wir sprechen nicht von Palästinensern, oft nicht einmal von Terroristen, sondern von den «Schmutzigen». Es gibt keine toten Zivilisten, es gibt Kollateral­schäden. Wir terrorisieren auch nicht eine ganze Bevölkerung, sondern wir markieren Präsenz. Gebiete werden gesäubert. Das erinnert an Putzmittel­werbung, nicht an Blut und Tränen. Wenn du einmal das richtige Wort für etwas gefunden hast, kannst du die grausamsten Dinge tun und niemand wird sich daran stossen. In Israel hören wir seit sechs Jahren am Abend einen Radio­sprecher sagen: Die israelische Armee erwiderte identifiziertes feindliches Feuer. Wir gehen schlafen und schlafen gut, weil wir nicht wissen, was dieser einfältige Satz bedeutet, nämlich, dass israelische Soldaten wie wild herumgeballert haben. Identifiziertes feindliches Feuer gibt es nicht. Worte schützen uns. [7]

Doch nicht überall wird geschwiegen oder verschwiegen.

Wahrscheinlich sind die gesprächsbereiten jungen Männer und Frauen aus Israels Armee nicht repräsentativ, schon gar nicht was ihre Reflexion des Automatis­mus angeht, selbstherrlich Macht und Gewalt ausüben zu dürfen. Ein ehemaliger Infanterist beschreibt die unmögliche Situation, in die er hineingedrängt wurde, so:

Unser einziges Ziel ist es, die palästinensische Bevölkerung zu unterdrücken, ihr Leben, ihre Gedanken, ihre Gefühle mit Angst zu durchwirken, sie zu terrorisieren. Wie wir das machen, spielt keine Rolle. Manche setzen am Checkpoint ein Lächeln auf, aber für die Palästinenser, die am Checkpoint warten müssen, bedeutet dieses Lächeln nicht Linderung, sondern Hohn. Wenn wir in die Häuser eindrangen, verteilten wir Süssig­keiten an die Kinder. Vielleicht hatte ich zwei Minuten zuvor den Vater des Kindes erniedrigt oder verhaftet, aber jetzt war ich ein netter Soldat. Ein jeder, ob Mörder, Bankier, Politiker oder Soldat, will doch am Ende des Tages ein guter Mensch sein. Deshalb versuchst du dich selbst zu überlisten. Deshalb brauchen wir das Wort Besetzung selten in Israel. Es hinterlässt bei allen einen bitteren Nach­geschmack. [8]

Doch, so fügt er hinzu, bestehe das Paradox darin, daß man oder frau eine Zeitlang mitten dabei gewesen sein muß. um begreifen zu können, was hier wirklich geschehe.

Und deshalb kann Amira Hass in israelischen Tageszeitungen ihre bitteren Anklagen unterbringen, ohne daß dies irgendeine Wirkung hätte. In israelischen Medien wird durchaus offen über die Besatzungs­politik, die Übergriffe, die Gewalt geschrieben. Es interessiert nicht. Man und frau will es nicht wissen. Obwohl die Fakten bekannt sind, wird weiter am Mythos der reinen israelischen Verteidigungs­kräfte gestrickt. Wenn die Soldatinnen und Soldaten nach Ende ihrer Dienstzeit in ein tiefes Loch fallen, so gilt dies in Israel als normal. Solange nicht darüber geredet wird, wird darüber hinweggeschaut. Noch einmal Avichay, der Infanterist:

Die anderen zerstören wir mit der Gewalt von aussen, uns selbst zerstören wir von innen. [9]

Die Zerstörung macht nicht halt vor der israelischen Gesellschaft selbst. Wie Zombies ziehen auch diejenigen in den nächsten Krieg, die rückwirkend mit Abscheu ihre Tätigkeit in den besetzten Gebieten betrachten. Sie kommen aus der Logik der Dumpfheit, der Gewalt, der Hoffnungs- und Perspektiv­losigkeit nicht heraus. Aber sie sind die Täter. Ihnen stehen andere Handlungs­optionen offen als denjenigen, die immer wieder geschlagen, gedemütigt und weggestoßen werden. Wobei die Opfer nicht notwendiger­weise die Guten sind. Immer wieder finden sich bei Karin Wenger Hinweise darauf, daß die Zerstörung der Menschlich­keit dazu führt, daß auch palästinensische Männer von ihren Peinigern lernen und das Gelernte gegen ihre eigene Gesellschaft, gegen ihre eigenen Mitmenschen einsetzen.

Was die palästinensische Seite betrifft, kommt hinzu, daß die Gewalt derart willkürlich gehandhabt wird, daß auch Anpassung und Wohl­verhalten wenig weiter hilft. Mohammed, ein Gegner der Gewalt, wird am Checkpoint Huwara verhaftet, eingesperrt und anschließend in einem wahrhaft kurzen Prozeß abgeurteilt. Sein Verbrechen bestand darin, Palästinenser zu sein. Doch er hegt keinerlei Illusionen über die Fähig­keiten der eigenen politischen Führung, eine lebenswerte palästinensische Gesellschaft aufzubauen, egal ob Fatah oder Hamas.

Karin Wengers Buch erklärt uns diese Art Politik nicht. Die Frage, warum Israels Apartheids­regime ein abhängiges Palästina benötigt, bleibt außen vor. Es ist weniger ein analytisches, mehr ein beschreibendes Buch. Und dennoch ein Buch mit Tiefgang. In wenigen Sätzen erhalten wir den Rahmen für all die Ungeheuer­lichkeiten, die uns andernfalls in schnell erzählten Fernseh­bildern oder knappen Zeitungs­meldungen erreichen. Der schon erwähnte Palästinenser Mohammed faßt den Sinn der kollektiven Demütigung als ein Experiment zusammen.

Die Kontrolle über mein Leben habe ich längst verloren. Es kontrolliert mich, den steuerlosen Kapitän. Es macht mit mir. Es wirft mich in den Abgrund. Ich habe das Gefühl, ich sei eine Labormaus in einem Käfig. Sie versuchen herauszufinden, wie stark sie den Käfig schütteln, wie oft sie mich in kaltes und heisses Wasser tauchen können, wie viele Knochen sie mir brechen müssen, bis ich aufgebe. Aber immer, wenn ich halb tot bin, lassen sie mich ein Weilchen in Ruhe und gönnen mir eine Verschnaufpause, ehe sie wieder von vorne beginnen. Es ist ein einziges Dahin­siechen, dieses Leben. Sie lassen dich nicht in Frieden, aber sterben lassen sie dich auch nicht. Und irgendwann willst du nur noch sterben und bist doch zu schwach und zu ängstlich, um dem Leben ein Ende zu setzen. [10]

Angesichts einer über vierzigjährigen Besatzung [11], unzähliger Demütigungen, verzweifelter Gegenwehr und perspektivloser Dumpfheit eine wahrlich bittere Erkenntnis. Eine Geschichte ohne Ausgang und Ende, aber eine Geschichte, die im Untergang beider verfeindeter Parteien enden kann.

Karin Wenger hat mit ihren Tagebuch­aufzeichnungen und ihren Gesprächen mit palästinensischen Widerstands­kämpfern und israelischen Elite­soldatinnen und Elitesoldaten einen lesenswerten und bemerkenswerten Einblick in ein Gewalt­verhältnis vorgelegt, dem zwei Gesellschaften ausweglos ausgeliefert zu sein scheinen. Es ist kein anti­israelisches Buch. Es beschreibt einfach das, was ist.

Die Lektüre ihres Buches regt ohnehin dazu an, sich selbst zu fragen, unter welchen gesellschaftlichen Vorgaben ein bestehendes Werte- und Normensystem so transformiert werden kann, daß eine scheinbar friedliche Gesellschaft gewalttätig in eine andere eingreifen kann. Es ist eine Frage an dich und mich. Unter welchen Voraus­setzungen lassen wir uns dazu verleiten oder sehen uns dazu gezwungen, auf eine Weise zu handeln, die unserem ethischen Selbst­verständnis widerspricht. Ich bezweifle, daß das Milgram-Experiment bei uns allen funktioniert, aber wer den Mainstream im Kopf hat und die gegebene Ordnung nicht in Frage stellt, ist der beste Kandidat oder die geeignetste Kandidatin dafür, anderen Menschen das Leben zur Hölle zu machen. Nicht nur am Checkpoint, welcher der Namensgeber des Buches ist.

Das Buch von Karin Wenger trägt den Titel „Checkpoint Huwara“ und ist im Diederichs Verlag zum Preis von 19 Euro 95 erschienen.

 

Achtundsechziger Jahrgangssekt

Besprechung von: Mittelweg 36, Heft 6/2008, Dezember 2008/Januar 2009, 94 Seiten, € 9,50

Ein Experiment der eher emanzipatorischen Art war das, was wir heute mit der Jahreszahl 1968 verbinden. Das vergangene Jahr bot den kalendarischen Anlaß, zum 40. Jahrestag Bücher und Artikel auf den Markt zu werfen, oder medial in Filmen und Features die für heute gültige Deutung zu inszenieren. Mit dem letzten Heft der Zeitschrift Mittelweg 36, aus dem vergangenen Jahr erhalten wir die Möglich­keit, auf einer Metaebene über diese Deutungen zu parlieren. Wenn ich die dazu gehörigen Gedanken hier vorstelle, dann befinde ich mich in gewisser Weise auf der 5. Ebene der Wahrheit.

Cover Mittelweg 36Die erste Ebene sind die Ereignisse selbst, geschehen vor 40 Jahren. In einer zweiten Ebene kommen Zeitzeuginnen und Akteure zu Wort, die das Geschehene aufschreiben und einordnen und je nach politischem Lager für die eigenen spezifischen Ziele nutzen. Später schlägt die Stunde der Politologen und Zeit­historikerinnen, die sich auf die Spurensuche nach dem Vergangenen machen, um es auf den Stand der Forschung zu bringen. Die im vergangenen Jahr erschienen Bücher sind Ausfluß dieser Tätigkeit. Dies ist die dritte Ebene. Wenn nun in der vorletzten Ausgabe von Mittelweg 36 der Politologe Alfons Söllner diese Bücher kritisch betrachtet und bewertet, ist Ebene 4 erreicht; und mein Job ist es nun, all dies auf eine Weise zusammen­zufassen, die es euch erlaubt zu entscheiden, ob es sich lohnt, entweder in der Zeitschrift selbst oder in den Büchern alte Erkenntnisse zu bestätigen oder neue zu gewinnen.

Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob all die vielen Bücher, Zeitschriften, Filme und Features dem Geschehen der 60er Jahre gerecht werden können. Die Historisierung der Ereignisse, also die Einordnung des Geschehenen unabhängig von konjunkturellen politischen Stimmungs­schwankungen, ist ja keine wertfreie, sie ist abhängig von der politischen Couleur derjenigen oder desjenigen, die oder der mit den Methoden der Sozial­wissenschaft versucht, eine stimmige Wahrheit zu produzieren. Gerade die Beschäftigung mit einer Zeit wie der von 1968 verlangt jedoch nach einer zusätzlichen Qualifikation.

Ich gehe davon aus, daß wir hier nicht einfach eine kultur­revolutionäre Revolte erlebt haben, die das Gesamt­system neu justiert hat. Ich gehe davon aus, daß hier Ansätze einer gesellschaftlichen Organisierung erprobt und erkämpft wurden, die über den Rahmen der bestehenden patriarchal-kapitalistischen Ordnung hinausreichen. Eine zarte Pflanze, gewiß. Und sicherlich verbunden mit haar­sträubenden Irrtümern, neuen Herrschafts­mustern, utopistischem Größen­wahn, ein bißchen Romantik und gewalt­tätigen Auswüchsen, die gewiß nichts in einer Welt zu suchen haben, die anders ist als der Wahnsinn des Marktes. Karl Marx hatte das irgendwo nebenbei angemerkt: eine nach­kapitalistische, also kommunistische Gesellschaft wird erst einmal mit den Mängeln der alten Gesellschaft behaftet sein [12]. Es ist ja nicht so, daß die Sonnen­kinder urplötzlich den Kommunismus erfunden hätten und ihre ihnen jahrzehntelang antrainierten und ansozialisierten Macken verschwunden wären.

Die Rebellion von 1968 war notwendig eine unvollkommene, eine, welche die Macken des Systems reproduziert, und gleichzeitig eine, welche die utopischen Momente beinhaltete, die über den Rand der bestehenden Gesellschaft hinausweisen. Deshalb war „1968“ richtig und notwendig. Die Rebellion der 60er Jahre enthält somit trotz aller nachfolgenden kommerziellen Ausbeutung und Nutzbarmachung für die neoliberale Welt, einer Welt, in der wir unsere Chance in der bestmöglichen Vermarktung unserer persönlichen Nische suchen sollen, viele noch immer fruchtbare Ansätze.

Die wenigsten Autorinnen und Autoren sind daher in der Lage, das Phänomen zu erfassen. Wer Teil des Systems ist und auch sein will, wird kaum die gedankliche Empathie besitzen, die grundsätzliche Infragestellung der herrschenden Ordnung als die zentrale Aussage von 1968 zu verstehen. Aber genau darum ging es. Natürlich ging es auch darum, die „Rassen“­schranken in den USA zu durchbrechen, den Vietnam-Krieg zu beenden, neue Formen der Sexualität repressions­frei zu erkunden oder basis­demokratisch wesentlich lebens­wertere Vorstellungen vom Umgang mit sich selbst und anderen zu erfahren. Die Literatur zeigt, was 1968 evident war. Es war keine nationale Bewegung, auch wenn sie noch weitgehend national verwurzelt war. Man und frau lernte schon weltweit voneinander und bezog sich aufeinander, bevor das Wort Globalisierung erfunden war.

Zum Verständnis und zur produktiven Aneignung dieses Erfahrungs­schatzes benötigen wir also Autorinnen und Autoren, die zumindest dies begriffen haben. Lesen wir nun den Aufsatz von Alfons Söllner in der Mittelweg 36, dann wird uns dies nicht vermittelt. Statt dessen stellt sich der Eindruck ein, als würden verschiedene Autorinnen und Autoren versuchen, das Geschehene so einzuhegen, daß nachfolgende Generationen den entscheidenden Punkt nicht mehr wahrnehmen können. Wer ohne Kenntnis der jüngst erschienenen Bücher einen Überblick über derartige Bemühungen gewinnen will, ist mit der Lektüre in der Mittelweg 36 gut bedient. Wer hingegen angesichts der Finanzkrise und der uns noch bevorstehenden Welt­wirtschafts­krise die Systemfrage wieder hervorholen möchte, wird sicherlich das eine oder andere vermissen.

Auch wenn Wolfgang Kraushaars in jeder Ausgabe der Zeitschrift abgedruckte Protest-Chronik uns so manches Verschüttete wiederbringt. Das Problem mit Kraushaar ist, daß er die Geschichte mit einer Intention aufarbeitet, die den Ereignissen nicht gerecht wird. Natürlich war die Protest­bewegung mit all ihren Regel­verletzungen und Wut­ausbrüchen keine zivilgesellschaftliche Veranstaltung, zumindest keine, wie sich Kraushaar sie sich vorstellen mag. Allerdings wird mir wohl immer unverständlich bleiben, wie man oder frau auf die Idee kommen kann, die pure materielle Gewalt des kapitalistischen Monsters mit Einsicht und Vernunft, mit zivilen Mitteln oder den besseren Argumenten zu zähmen.

So wie wir von einem Ochsen nicht mehr als Rindfleisch erwarten dürfen, so von einer Zeitschrift wie der Mittelweg 36 nicht mehr als das, was sie zu leisten in der Lage ist. Meine Lesart ist, daß sich die Autorinnen und Autoren mit dem Bestehenden arrangiert haben, wohl wissend, daß es Monster gibt, die sie jedoch mit dem Mittel der Vernunft einzuschläfern versuchen. Schon Francisco Goya wußte, daß das nicht geht [13].

Ob sie damit nicht eher sich und uns einschläfern, wäre eine interessante Fragestellung, die ich hier außen vor lassen möchte. Was jedoch auch festzuhalten bleibt, ist das Verdienst der Zeitschrift, nämlich immanent, also im gegebenen Rahmen der Verhältnisse, mit denen man und frau sich arrangiert hat, wenigstens intellektuell auf der Höhe des besprochenen Gegenstandes zu sein. Anders gesagt: geschwafelt wird woanders.

 

Allmachtsphantasien einer Managementfabrik

Daß hierbei sogar interessante Rand­bemerkungen herauskommen, beweist der Artikel von Ulrich Bröckling mit dem etwas sperrigen Titel „Alle planen, auch die, die nicht planen. – Niemand plant, auch die nicht, die planen“. Die Debatte um das richtige Verhältnis von Plan und Markt ist älter, als wir uns vielleicht vorstellen, und sie enthält einige überraschende Elemente. So war sich der Erz­reaktionär der neo­liberalen Denkschule, der Ökonom Friedrich August von Hayek, durchaus der Notwendig­keit und Sinnhaftig­keit planerischen Gestaltens in einer kapitalistischen Markt­gesellschaft bewußt.

Hayek, so schreibt Ulrich Bröckling,

verwarf nicht die Idee des Plans überhaupt, sondern die sozialistische Forderung nach einer staatlich zentralisierten Gesamt­planung der Wirtschaft. Abzulehnen war jeder Versuch, festzulegen, wer was zu welchem Preis zu produzieren habe, nicht dagegen die Schaffung günstiger Rahmen­bedingungen für die Markt­akteure. [14]

Die Gewalt zur Schaffung derartiger Rahmen­bedingungen wurde schon von Karl Marx in seinem Kapitel über die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals erhellt [15]. Markt und Gewalt sind zwei Seiten einer Medaille, und das ist einer der Gründe, weshalb ich erst recht die Tiraden über die angeblich so gewalt­tätigen 68er nicht verstehe. Ich möchte dann doch darauf verweisen, daß die Gewalt der Rebellion auch nicht ansatzweise die Gewalt des kapitalistischen Marktes und seiner Akteure erreicht hat. Kein Dieter Kunzelmann [16], kein Rudi Dutschke, keine Rote Armee Fraktion hat im Namen des Marktes und seiner Spieß­gesellen seit 1968 fast eine halbe Milliarde Kinder krepieren lassen oder israelischen Scharf­schützen ans Herz gelegt, Frauen und Kinder abzuknallen.

Planung soll nach dieser Vorstellung eine system­rationale Planung sein. Bevor die durch­geknallten neo­liberalen Strategen und ihre medialen Nach­plapperer mit der totalen Verherr­lichung des Marktes versuchten, verkrustete Strukturen aufzubrechen, um noch mehr und noch viel schneller Profit aus jeder Markt­nische und jeder Lebens­äußerung herauszuholen, war es gerade eine ausgesprochene Planungs­euphorie, die anfangs der 60er Jahre angetreten war, dem Markt­geschehen einen über den kurzzeitigen Profit hinaus­reichenden Planungs­horizont zu ermöglichen. Vielleicht hätte Ulrich Bröckling darauf verweisen sollen, daß sich zu Beginn der 60er Jahre abzuzeichnen begann, daß die Boomphase des Kapitals nach dem Zweiten Weltkrieg seinem Ende entgegen ging und zur Vermeidung einer Depression wie in den 30er Jahren voraus­schauende Maßnahmen angesagt waren.

Dennoch sind seine Ausführungen insofern von Interesse, weil sie belegen, wie in den 60er Jahren über ein vernünftiges Maß an Planung diskutiert wurde. Daß damals auch kybernetische Allmachts­phantasien erblühten, die darauf bauten, daß die beginnende Computerisierung die Verarbeitung massiver Daten­bestände ermöglichen würden, wird hierbei deutlich. Es ist nicht nur ein im Sonnenstaat von Horst Herold [17] anzutreffender Gedanke, sondern überhaupt eine Euphorie, alles mit Planung und Daten in den Griff bekommen zu können.

Eine derartige Planung setzte ein sachliches Verhältnis zu sich selbst voraus. Nicht mehr irrationale Entscheidungen sollten das Wirtschafts­geschehen bestimmen, sondern eine besonnene, auf Fakten und Weitsicht beruhende Planung. Die damit einhergehende Planungs­euphorie vergaß jedoch den entscheidenden Fehler im System: die Konkurrenz von nur auf den eigenen Profit orientierten Markt­teilnehmern. Wenn alle derart planen, kommt dennoch kein Plan, sondern die nächste Wirtschafts­krise dabei heraus.

Insofern war der Paradigmen­wechsel zur neo­liberalen Ideologie folgerichtig und ist für das Kapital heute lukrativer denn je. Die Milliarden, die das Monster derzeit zu futtern bekommt, zeigen nur, daß der nächste Paradigmen­wechsel von uns ausgehen muß. Ulrich Bröckling verkennt nicht, daß der mit dem Neo­liberalismus verbundene semantische Wort­schwall abgelöst werden muß. Eine Rückkehr zum Begriff der Planung scheint ausgeschlossen.

Anbieten würde sich die bei Politologinnen und Soziologen seit einiger Zeit heimische Vokabel „governance“, euphemistisch vorgestellt als das Modell einer „guten Regierung“. Da diese Vokabel jedoch eher einem akademischen Diskurs verhaftet geblieben ist, könnte der Begriff „management“ das Rennen machen. Gemanagt wird ohnehin schon alles mögliche: Karrieren, Familien, Beziehungs­probleme, Behörden, Bürger­initiativen, und noch so einiges mehr. Leicht süffisant beendet der Autor seine Ausführungen damit, daß sich hier ein neue Problem auftut:

Vieles deutet darauf hin, dass diese semantische Verschiebung von Planung zu Management in der aktuellen Krise wiederum obsolet wird. Denn, offen gestanden, wer könnte jetzt […] noch darüber lachen, würde jemand augenzwinkernd das Geheimnis ausplaudern, in Wahrheit manage niemand, auch die nicht, die managen? [18]

Wie wir es drehen und wenden, weder der Markt noch ein nach entfremdeten Kriterien entwickelter Plan oder gar ein die Menschen zu nach Nützlichkeitserwägungen hin- und her­treibendes Management sind geeignet, eine Gesellschaft hervorzubringen, die für alle Menschen lebenswert ist. Dazu bedarf es einer Planung, die von menschlichen Bedürfnissen und Menschen­rechten bestimmt ist und die auf demokratischer Entscheidung beruht. Ich glaube, ich wiederhole mich: etwas Besseres als das zerstörerische, menschen­verachtende Chaos des Marktes kriegen wir allemal auf die Reihe.

Die Zeitschrift Mittelweg 36, wird vom Hamburger Institut für Sozialforschung alle zwei Monate herausgebracht; das Einzelheft kostet 9 Euro 50.

 

Wo Mikrokredite töten

Besprechung von : Lunapark21, Heft 5, Frühjahr 2009, 74 Seiten, € 5,50

Seit nunmehr einem Jahr beleuchtet die ökonomiekritische Zeitschrift Lunapark21 die Finanzkrise und ihre kapitalistischen Hintergründe. Keine Frage – die Finanzkrise ist keine bloße Anomalie einer ansonsten gesunden Wirtschaft; vielmehr bringt sie den Wahn der Plus­macherei auf ihren geldgierigen Punkt. Die geplatzte Blase der Derivate zeigt uns, daß der Kaiser nackt ist. Der neo­liberale Turbo des shareholder value hat nicht nur die Grundlagen der eigenen ökonomischen Theorie zerstört, sondern führt uns allen vor Augen, daß die Blase die Krise der realen Ökonomie nur verschleiert hat.

Das ölbasierte Akkumulations­modell der Auto­gesellschaft ist an eine Grenze gestoßen. Dennoch erleben wir zur Zeit, daß der Wahnsinn Methode [19] hat. Gerade die Finanz­institute, die bewiesen haben, daß sie mit Geld nicht umgehen können, werden massivst mit Milliarden­summen belohnt. Die Umverteilung des gesellschaftlichen Vermögens zugunsten der Reichen und Superreichen geht weiter und zwar, wie Marx sagen würde, auf erweiterter Stufenleiter.

Cover Lunapark21Natürlich sind die Konjunkturpakete handgestrickt und nicht auf der Höhe der Erfordernisse. Doch was ist das Erfordernis? Man und frau kann sich auf den Standpunkt stellen, daß wir mehr Investitionen in den Bildungs­bereich benötigen, auf alternative regenerative Energien umsteigen oder den Bankensektor unter gesellschaftliche Kontrolle bringen sollten. Aber weshalb sollten die wenigen Damen und vorwiegend Herren Kapitalisten mitsamt ihrer Institutionen Wege einschlagen, die wenig Profite und mehr Kosten einbringen? Sicherlich ist es lustig zu fordern, daß das Kapital seine eigene Krise gefälligst selbst ausbaden soll. Die Demonstration am kommenden Samstag in Frankfurt sollte vielleicht in ein Happening verwandelt werden, um diesem Ziel näher zu kommen.

Aber weshalb überlassen wir diesen Autisten eigentlich das Feld? Wozu fordern wir eine Reichen­steuer, wenn es nach der Umverteilung des Reichtums doch gar keine Reichen mehr geben wird? Ich stehe auf dem Standpunkt, nicht bloß das Almosen eines Stückchen Kuchens haben zu wollen, sondern gleich die ganze Bäckerei.

In den vergangenen Ausgaben von Lunapark21 konnten wir eine Menge kluger Gedanken und Analysen über die Ursachen und möglichen Auswirkungen der Finanzkrise und erst recht der anstehenden Welt­wirtschafts­krise lesen. Doch eines wird deutlich. Wenn es jemanden gibt, der nicht auf der Höhe der Erfordernisse ist, dann sind es diejenigen, die zwar davon reden, daß eine andere Welt möglich ist, die es aber bislang nicht geschafft haben, eine gesell­schaftliche Debatte loszutreten, die uns auch dahin führen könnte.

Es ist ja auch ärgerlich. Das System ist verwundbar wie selten, nur ist keine und niemand darauf vorbereitet, den Bankrotteurs­laden einfach zu übernehmen. Da werden wir noch daran arbeiten müssen. Immerhin, und das ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung, thematisiert Lunapark21 in seiner aktuellen Ausgabe die Frage, wie denn diese andere Welt aussehen könnte. Daß wir hierbei nicht vor Über­raschungen gefeit sein werden, ist klar. Den Weg des Real­sozialismus von Kapitalismus zu Kapitalismus müssen wir ja nicht wiederholen. Und so ist das Modell einer "partizipativen Demokratie" nicht von der Hand zu wesen, einer Demokratie, die mehr ist, als alle vier oder fünf Jahre die Repräsentantinnen und Repräsentanten der herrschenden Klasse formal zu bestätigen.

Das Beispiel Venezuela zeigt die Möglich­keiten wie die Wider­sprüche und vielleicht auch die Grenzen der Herstellung einer solchen Demokratie auf. Venezuela bietet sich trotz der dort immer noch anzutreffenden Armut in einem reichen Land als Referenz­punkt an, weil eine – wie Marx sie sich vorstellte – kommunistische Gesellschaft eine des Reichtums und nicht eine der Armut sein muß. Nun wird dort allenfalls von einem Sozialismus gesprochen und auch der ist stark sozial­demokratisch und pater­nalistisch durchsetzt. Aber solange das Öl fließt und der damit erzielte Reichtum nicht auf den Konten der venezolanischen Bourgeoisie in Miami landet, besteht immerhin die Möglich­keit, gesellschaftliche Kräfte finanziell zu unterstützen, welche den bestehenden Kapitalismus emanzipatorisch transformieren wollen.

Aber machen wir uns nichts vor – auch Venezuela ist kein emanzipatorisches Paradies und zudem eine Nische im globalen Kapitalsumpf. Überhaupt sind Nischen nur für wenige da und sie leben davon, daß nicht alle daran teilhaben können. Eine Nische der besonderen Art stellt die auch mit dem Nobelpreis geadelte Theorie und Praxis der Mikrokredite dar. Inzwischen haben auch große Bankhäuser das lukrative Geschäft mit dem kleinen Geld entdeckt und bieten entsprechende Dividenden an. Selbst im hintersten indischen Dorf schlummern noch Ressourcen, die ausge­beutet werden wollen. Gerhard Klas hat hierzu Erfahrungen aus einer Region in Zentral­indien ausgewertet, die uns die Schatten­seiten der Mikrokredite vorführen. Weder der Mikrokredit-Guru Mohammad Yunus noch seine Gefolgsleute erzählen uns etwas über die Schatten­seite derartiger angeblich alternativer Kleinstkredite.

In der Praxis sieht das so aus, daß Mikrokredit­banken in Zusammen­arbeit mit Nicht­regierungs­organisationen in die Dörfer ausschwärmen und dort selbst­verständlich Familien vorfinden, die dringend Kredite für kleinste Anschaffungen benötigen. Nun sorgt sich jedes Kreditinstitut in erster Linie um die Verwertung des eingesetzten Kapitals und nicht um das Wohlergehen der Menschheit. Um demnach sicherzustellen, daß die Kredite auch brav abbezahlt werden, werden mehrere Frauen oder Familien – natürlich ganz "freiwillig", also unter dem Druck der wirtschaftlichen Verhältnisse – kollektiv aneinander gefesselt. Das bedeutet: Kredite werden an Einzelne vergeben, aber die Gruppe steht dafür gerade.

Es handelt sich hierbei um eine andere Form der Kollektiv­haftung als die, von der Karin Wenger aus Palästina berichtet hat. Werden dort ganze Städte und Dörfer kollektiv für angebliche oder echte Vergehen gegen die israelische Besatzung bestraft, so haften in Zentral­indien kleinere Dorf­kollektive für den zu erwirtschaftenden Profit der Geberbank. Etwas besseres als die Nutzbarmachung von Mechanismen sozialer Kontrolle hätte den Mikrokredit­banken auch nicht einfallen können. Anstatt selbst das Geld einzutreiben, überlassen sie den Job dem Kollektiv. Wer nicht zahlen kann, wird vom wütenden Mob heimgesucht und drangsaliert.

Es ist eben das Geld, was das Schlechte unter den Menschen zum Vorschein bringt. Die Dorf­solidarität wird zerstört, und wird der gezielt manipulierte Druck zu groß, dann nehmen sich die angeblich von Mikrokrediten Begünstigten das Leben. Hier zeigt sich der Mikrokredit als Experimentier­feld für die Zerstörung des Sozialen unter den Menschen.

Es sind Beiträge wie diese, welche Lunapark21 zu einer Zeitschrift machen, die man oder frau lesen sollte. Die Frühjahrs­ausgabe von Lunapark21 ist soeben erschienen und kostet 5 Euro 50. Weitere Informationen zur Zeitschrift und zu den Buchläden, in denen sie bezogen werden kann, finden sich im Internet auf der Webseite Lunapark21.

Auf der Webseite zur Zeitschrift habe ich im übrigen eine treffende Kritik des U-Bahnbaus gefunden. Der Verkehrs­experte Winfried Wolf sieht hierin nicht nur eine Förderung des hemmungs­losen Automobil­verkehrs – freie Fahrt für freie Bürger in besetzte Park­häuser –, sondern auch eine normative Zurichtung der Menschen. Er schreibt:

Mit einer U-Bahn wird bisher oberirdisch verlaufender Verkehr in den Untergrund, in den Keller der großen Städte, verlegt. Den Menschen, die dort verkehren (oder „verkehrt werden“), wird jeglicher Blick auf die Umgebung – die Stadt, die Parks, die Menschen, den normalen Verkehr – genommen. Es handelt sich um die Abstempelung der transportierten Menschen zu Maulwürfen. Nicht umsonst sind Maulwürfe blind.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

In der vergangenen Stunde sprach ich über das Experimentier­feld Palästina, über die Nach­bereitung eines historischen Experiments, nämlich „1968“, sowie über die Experimente der Ökonomie, aus der Finanzkrise noch einen angemessenen Profit zu erwirtschaften. Besprochen habe ich hierbei das Buch der Schweizer Journalistin Karin Wenger mit dem Titel „Checkpoint Huwara“ und die Zeitschriften Mittelweg 36 und Lunapark21.

Ich danke der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt für ihre Unter­stützung bei der Produktion dieser Sendung. Das Manuskript zu dieser Sendung findet ihr in den nächsten Tagen auf meiner Webseite: www.waltpolitik.de. Im Anschluß folgt eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war für die Redaktion Alltag und Geschichte Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Uri Avnery : Die Lügen des Kriegs, in: Telepolis, 12. Januar 2009.

»» [2]   „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“ – Karl Marx : Zur Kritik der Hegelschen Rechts­philosophie. Einleitung [1844], in: Marx-Engels-Werke, Band 1, Seite 378.

»» [3]   Vgl. Igal Avidan : Ehud Barak: „Die Menschen lieben mich nicht“.

»» [4]   Radio Darmstadt zwingt mich aufgrund eines vereins­politisch motivierten Hausverbots, meine Sendungen vorzu­produzieren und auf CD einzureichen.

»» [5]   Siehe hierzu Amos Harel : IDF in Gaza: Killing civilians, vandalism, and lax rules of engagement, in: Haaretz, Onlineausgabe, am 19. März 2009. Sowie Sebastian Engelbrecht : Scharfschützen erschossen Frauen und Kinder, in: tagesschau.de am 19. März 2009.

»» [6]   Karin Wenger : Checkpoint Huwara, Seite 130.

»» [7]   Wenger Seite 217.

»» [8]   Wenger Seite 203–204.

»» [9]   Wenger Seite 205.

»» [10]   Wenger Seite 87.

»» [11]   Gezählt von 1967 an. Mit gutem Grund könnte auch die Jahreszahl 1947 als Beginn der Besatzung genannt werden.

»» [12]   „Womit wir es hier zu tun haben, ist eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eignen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt.“ – Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms [1875], in: Marx-Engels-Werke, Band 19, Seite 20.

»» [13]   Das Capricho 43 von Francisco Goya trägt den Titel „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ bzw. im spanischen Original „El sueño de la razón produce monstruos“.

»» [14]   Ulrich Bröckling : Alle planen, auch die, die nicht planen. Niemand plant, auch die nicht, die planen – Konturen einer Debatte, in: Mittelweg 36, Heft 6/2008, Seite 61–79, Zitat auf Seite 66.

»» [15]   Karl Marx: Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, in: Kapital Band 1, Kapitel 24.

»» [16]   Zu Dieter Kunzelmann und der Bombe im jüdischen Gemeindehaus in Berlin 1968 siehe meine Sendung Antisemitische Bomben vom 23. Januar 2006.

»» [17]   Horst Herold nach der Wiedergabe durch Sebastian Cobler: „Aber ich darf, ich muß die Verfassung auch entwickeln. Ich kann mich doch Erkenntnis­quellen zur Gesundung der Gesellschaft, zur Intakthaltung auch der Verfassungs­ideen und Verfassungs­leitziele nicht verschließen! Man muß einen lebenswerten Staat schaffen. Einen Staat der Bürger – einen transparenten Staat. Und den können Sie nur technisch transparent machen. Ja, das ist natürlich ein Sonnenstaat, aber der ist machbar heute. Hier in der Polizei ist das machbar, ich weiß gar nicht, warum man das nicht verstehen will – oder bin ich da auf einem ganz falschen Dampfer?“ [quelle]

»» [18]   Bröckling Seite 79.

»» [19]   So auch der Titel des Buchs von Sahra Wagenknecht zur Finanzkrise. Von mir besprochen am 26. Januar 2009 in meiner Sendung Die Lichtgestalt in der Dunkelkammer der Finanzkrise.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 3. Mai 2009 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2009. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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