Hinweiszettel
Bitte nicht in die Darmbach­rinne pinkeln!

Kapital – Verbrechen

Flaschenhälse

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 26. November 2012, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 26./27. November 2012, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 27. November 2012, 04.00 bis 05.00 Uhr
Dienstag, 27. November 2012, 10.00 bis 11.00 Uhr
Dienstag, 27. November 2012, 16.00 bis 17.00 Uhr

Zusammenfassung:

Rotlichtsünder mokieren sich über Tauben. Die aufgeputzten Putzfrauen des Kapitals. Videospiele mit tödlichem Ausgang. Der Flaschenhals der Evolution breitet sich ungehemmt aus.

Besprochene Bücher und Zeitschriften:

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Einleitung: Das Darmstädter Rotlichtmilieu 

Jingle Alltag und Geschichte

Deutschland ist ein Land, in dem keine und niemand etwas zu verbergen haben. Ein Land, in dem die Vorratsdaten­speicherung auch deshalb gut rüberkommt, weil ja keine und niemand der Betroffenen – also wir alle – brave Bürgerinnen und Bürger sind, die niemals auffällig werden würden. Derartige Lebenslügen verbreiten insbesondere diejenigen, die sich unbemerkt wähnen, wenn sie mal wieder über die Stränge schlagen. Diese Spezies ist ohnehin naßforsch genug, Anderen Regeln aufzuzwingen, an die sie sich niemals selbst halten würden. Setzt man oder frau Vertreterinnen oder eher Vertreter dieses Spezies in eine eintönig fade Karosse, dann geht der Punk ab. Als die Überwachungs­anlage an der Kreuzung von Karlsruher und Pfungstädter Straße in Eberstadt freigeschaltet wurde, blitzte sie munter vor sich hin.

Jeder Rotlichtverstoß und jede Geschwindigkeits­überschreitung wurde aufgezeichnet, und so verwundert es kaum, daß in nur vier Wochen mehr als 12.000 Fahrzeuge geblitzt wurden. Ich höre schon den Aufschrei der Selbstgerechten, die wieder einmal Abzocke hinter dieser Anlage vermuten, und so ganz unrecht haben sie ja nicht. Denn eine solche Anlage soll sich ja auch rechnen, weshalb sie bevorzugt dort aufgestellt wird, wo eine angemessen hohe Knöllchendichte zu erwarten ist. Nun sind durchschnittlich vierhundert Fahrzeuge pro Tag nicht übermäßig viel, sondern nur Ausdruck dessen, was wir tagtäglich im Darmstädter Straßenverkehr beobachten können.

Würde ich mich an eine belebte Kreuzung stellen und jedesmal, wenn mal wieder eine oder einer der Selbstgerechten bei Rot über die Kreuzung brettert, auch nur fünf Euro abkassieren, dann könnte ich bei geringer Arbeitszeit pro Tag ein finanziell lockeres Leben führen. Soll heißen: Regelverstöße sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Faule Ausreden wie, es war doch noch gelb, oder, ich wurde geblendet, zieren diese selbstgerechte Fraktion deutsch-spießiger Musterbürgerinnen und Musterbürger, die sich ansonsten gerne einmal über die Punks auf dem Luisenplatz oder die fehlende grüne Welle im Straßenverkehr echauffieren. Setze diese Spießbürger in ein Auto und sie laufen Amok.

Die vierhundert geblitzten Fahrzeuge pro Tag sind nur die Spitze eines Eiseberges. Denn erstens wurden hier nur diejenigen erwischt, die das Pech hatten, in der falschen Richtung zu fahren, weil die anderen drei Richtungen vollkommen unbehelligt blieben. Und zweitens beweist die Stadt Darmstadt mit ihrer Maßnahme auch gleich, daß es ihr gar nicht um Abzocke geht. Petra Neumann-Prystaj schrieb hierüber vor zwei Wochen im Darmstädter Echo, einer Zeitung, deren Qualitätsjournalismus spätestens am Taschenrechner endet. Sie schreibt:

Man muss dort nicht lange warten, um sie rot aufleuchten zu sehen. Alle zehn Minuten wird sie aktiviert.

Wenn ich die angegebenen zwölftausend Raser und Farbenblinden nehme, die in vier Wochen auffällig wurden, dann komme ich bei einer gleichbleibenden Frequenz an Werktagen und Wochenenden, tags wie nachts, auf 17 Fahrzeuge pro Stunde, also dreimal mehr, als es uns unsere das alles nicht so genau nehmende Tageszeitung verrät. Dafür erläutert uns die Artikelschreiberin ganz nebenbei, wie wohlwollend die Ordnungsbehörden den Geblitzten gegenübersteht.

Wer bei Rot und zu schnell durchfährt, wird nur für den gravierenderen Verstoß zur Kasse gebeten.

Das heißt, wer genau weiß, daß er (oder sie) zu schnell fährt, um die Gelbphase noch zu erwischen, dann aber bei Rot durchbrettert, wo also Vorsatz und Mutwille, Dritte zu gefährden, dokumentiert sind, kann mit einer Milde rechnen, die er oder sie Anderen wohl selbst kaum angedeihen ließe. Nun will ich hier nicht der harten Bestrafung derartiger Verkehrsrowdys das Wort reden. Aber mit derlei fragwürdigen Maßnahmen wird man oder frau dem Übel des rasenden Rotlichtverstoßes gewiß nicht beikommen.

Die einen zahlen es nämlich lächelnd aus der Portokasse und die anderen suchen sich für ihr Freizeit­vergnügen dann eben einen anderen Parcours. Ohnehin will die Stadt zwar an etwa zehn weiteren Orten ihre Überwachungssäulen aufstellen, aber nur drei davon mit einer Kamera bestücken. Der Sinn dieser Maßnahme erschließt sich mir nicht, es sei denn, man oder frau wolle nur bluffen. Bei einer statistischen Wahrscheinlichkeit von nur 30%, daß die Säule auch blitzt, kann ich mir dann schon überlegen, ob ich das Risiko nicht lieber doch eingehen will. Und wenn es dann urplötzlich rumst und scheppert oder ein Radfahrer oder eine Fußgängerin umgenietet wird, dann trifft das Risiko ohnehin nur die Anderen.

Ich weiß, wovon ich rede. Radfahren ist in Darmstadt kein Vergnügen. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

Der populistische Taubenkrieg

Und wenn wir schon von Selbstgerechtigkeit reden. Auch hier ist auf das Darmstädter Echo Verlaß, wenn es uns eine der human interest-Geschichten präsentiert, bei der Volkes Stimme ausrastet. In der Wikipedia fand ich folgende schöne Definition dieses Begriffs:

Human Interest (Menschliches Interesse), umgangssprachlich in etwa als Interesse für Allzumenschliches ist die Bezeichnung für Interessensbereiche erfahrungsgemäß vieler Menschen (siehe Boulevard­journalismus, Massenmedien). Dies gilt insbesondere, ohne dass dieses Interesse sachlich begründet ist, etwa durch besondere Wichtigkeit oder Aktualität.

Diesmal erwischte die besondere Unwichtigkeit eine in Darmstadt stadtbekannte Frau, die der Meinung ist, daß auch Tauben gefüttert werden wollen. Nun wäre es ja interessant gewesen, wenn unsere Qualitätszeitung selbige Frau einmal begleitet und vorgestellt hätte. Wenn selbige von ihren Vorlieben und Nöten hätte berichten können oder davon, weshalb sie die nervigen Taubenschwärme so anziehend findet. Aber nein, nichts davon! Es geht einzig und allein um Meinungsmache. Vor zwei Jahren pöbelte unser lokales Blatt gegen die Penner, die die Seitenwände des Kollegienbaus für eine öffentliche Bedürfnis­anstalt hielten. Wo wir doch alle wissen, daß Männer, ob obdachlos oder besoffen oder einfach nur stinknormal, ohnehin überall dorthin ihre Duftmarken setzen, wo es ihnen gerade gefällt. Etwa am Rande von Fußballstadien oder bei den vielen Besäufniskerben oder einfach nur mal schnell um die Ecke.

Dabei hatte Klaus Honold damals nicht an das Naheliegende gedacht. Als ich vor einem halben Jahr weder zu schnell noch bei Rotlicht am Darmstadtium vorbeifuhr, staunte ich nicht schlecht über einen dort angebrachten Zettel: „Bitte nicht vom Beckenrand pinkeln.“ Dabei ist unsere Darmbachrinne gewiß ein geeigneter Ort, denn einen anderen, gar sinnvollen Zweck besitzt sie nicht. Sie ist allenfalls Ausdruck einer flächen­versiegelnden Pflasterkultur, auf daß kein grünes Pflänzchen jemals eine Chance bekomme, das Licht im Asphaltdschungel zu erblicken. – Doch zurück zu den Tauben des Darmstädter Echo.

Ein braver Bürger sieht die Frau, wie sie die Tauben füttert, und zeigt sie an. Nicht einmal, sondern zweimal. Ich gehe davon aus, daß er noch nie in seinem Leben eine rote Ampel ignoriert hat, noch, daß er jemals zu schnell gefahren ist. Weder einmal noch zweimal. Aber bei Tauben ist das natürlich etwas ganz anderes. Tauben sind schlimmer als Raser. Und der Leiter des Darmstädter Ordnungsamtes, Werner Appel, wird folglich auch dahingehend wiedergegeben, daß Tauben

mit ihrem aggressiven Kot nun einmal immense Schäden an Gebäuden [verursachen]. Allein für die notwendigen Reinigungsarbeiten gebe man einen fast vierstelligen Betrag aus.

Fast vierstellig, also dreistellig. Wahnsinn! So ein Volksschädling muß natürlich dingfest gemacht werden. Mit Bußgeldern, die in der Summe gleich fünfstellig ausfallen. Und wenn das nicht reicht, dann weiß unser Ordnungsmann nur einen Rat, so steht es jedenfalls in der Zeitung:

Er sehe in einem Extremfall wie diesem höchstens noch die Option, sie in Gewahrsam zu nehmen.

Knast wegen Taubenfütterns. Und er legt nach:

Mit der Frau scheine psychisch etwas nicht zu stimmen, auch werde sie zunehmend aggressiv.

Also, wenn eine Frau Tauben füttert, ist sie reif für die Klapse? Oder wie habe ich das zu verstehen? Oder, weil sie angeblich zunehmend aggressiv reagiert? Das ist ja dann richtig verrückt. Wenn ein Autofahrer uneinsichtig ist, nachdem er geblitzt wurde, und aggressiv und pampig reagiert, wird ihm dann auch ein psychisches Problem attestiert? Ganz gewiß. Unsere Klapsen sind bekanntlich randvoll zugemüllt mit Verkehrsrowdys.

Also, mal ehrlich. Wenn ich permanent bei meiner vollkommen harmlosen Lieblings­beschäftigung gestört werde, eine Störung, die ich nur als Schikanierung begreifen kann, soll ich ruhig bleiben und noch eine andere Wange hinhalten? Hat sie etwa die Ordnungsbeamten mit dem Messer bedroht und ist deshalb gleich erschossen worden wie Christy Schwundeck im Jobcenter in Frankfurt? Oder hat sie einfach nur unwirsch reagiert, wie das jede und jeder von uns tun würde, wenn wir mit sinnlosen Maßnahmen behelligt werden? Klar, wenn eine Frau nicht brav lächelt und statt dessen auch einmal „Nein“ sagt, dann ist das ein Fall für eine verhaltensändernde Maßnahme. Also Gehirnwäsche. Tja, das ist Darmstadt, die Stadt der Wissenschaft und Künste.

Und, ganz nebenbei, auf die Tauben kann ich auch verzichten. Und auf Raser. Erst recht auf deren Vorbilder, die Schummelraser und die Vettelraser. Die Raser können ja jetzt mit freundlicher Genehmigung der hessischen Behörden auf die B 26 zwischen Darmstadt und Dieburg ausweichen.

 

Die tödliche Kupplung

Bevor ich auf meine heutige erste Buchvorstellung zu sprechen komme, ein gänzlich anderer Hinweis. Bekanntlich fahren in Darmstadt die Straßenbahnen solo oder mit Anhänger. Häufiger ist zu beobachten, wie sportlich tuende Jugendliche, aber auch manch Ältere, Männer natürlich, meinen, die Kupplung zwischen Straßenbahn und Anhänger sei eine Mutprobe wert. Ich kann vom Übersteigen der Kupplung nur abraten. In Hannover gibt es das auch und das ist einem 56jährigen zum tödlichen Verhängnis geworden. Ihr meint, ihr beherrscht die Situation? Laßt es.

 

Fleischbeschau der toten Kosten des Kapitals

Besprechung von : Laurie Penny – Fleischmarkt, Edition Nautilus 2012, 127 Seiten, € 9,90

Frauen, die „Nein“ sagen, bedürfen einer Kopfwäsche. Frauen sind Kapital, soziales, emotionales und allzeit verfügbares Kapital. Und sie sind es nicht erst seit der industriellen Revolution, als die Kapitalistenmänner entdeckt hatten, daß ihre Arbeitermänner dann besonders gut arbeiten, wenn diese sich eine Frau halten können, die sauber macht, kocht, Kinder hütet und zudem sexuell verfügbar ist. Mit dem Beginn der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die wir wohl ins Neolithikum, also die Jungsteinzeit verweisen dürfen, ging auch eine geschlechts­spezifische Arbeitsteilung einher. Der Kapitalismus hat dieses patriarchale Verhältnis vorgefunden, verfeinert und konsumiert es nun. Damit Frauen dies nicht als Sklaverei begreifen, haben der Mann, die Romantik, Hollywood und die Schmachtfetzen etwas erfunden, das sie Liebe nennen. Frauen tun dies alles nur aus Liebe.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist das natürlich alles ganz anders. Frauen besetzen längst die Hälfte aller Parlamentssitze, Aufsichtsrats­mandate und Offiziersränge, und genauso selbst­verständlich sind an Deutschlands Hochschulen die Lehrstühle paritätisch besetzt. Gleiche Löhne für gleichwertige Arbeit ist keine Forderung mehr, sondern praktizierte Selbstver­ständlichkeit. Ingenieure sind zur Hälfte Ingenieurinnen und Putzfrauen sind zur Hälfte Putzmänner. Die Hausarbeit wird fifty-fifty geteilt. Und so weiter. Das Sklavinnendasein war gestern, heute haben Frauen die Schlüssel­positionen inne. Oder bin ich hier doch im falschen Film?

Am 29. November stellt die Rechtsanwältin Anja Theurer ihr Buch über die große Gleichberechtigungslüge vor. Der DGB Stadtverband Darmstadt und der ver.di-Bezirksfrauenrat laden für Donnerstagabend um 19 Uhr 30 ins Gewerkschafts­haus in der Rheinstraße 50 ein.

Nun handelt es sich bei dieser Lüge nicht um ein Versehen. Ganz abgesehen davon, daß der ganze Kapitalismus auf Lug und Betrug fußt, spielen hier Männer ihre Definitionsmacht aus. Frauen dürfen am Katzentisch Platz nehmen. Die englische Journalistin und Feministin Laurie Penny hat hierzu ein kleines hundertseitiges Pamphlet geschrieben, das dem Stand patriarchaler Modernisierung entspricht. Ihr Buch „Fleischmarkt – Weibliche Körper im Kapitalismus“ führt uns auf vier verschiedenen Ebenen vor, was es heißt, den eigenen Körper zu verleugnen und das weibliche Geschlecht zu konsumieren.

Frauen, die sich als Frauen organisieren, werden anders betrachtet und wahrgenommen als Männer, die sich als Männer organisieren. Männerbünde jeder Art gelten als derart normal, daß sie nur dann Anstoß erregen, wenn sie als Burschenschafter, Sondereinsatz­kommandos oder Fußballfans in Schwärmen auftreten. Frauen haben sich da eher zurückzuhalten. Schon das 19. Jahrhundert ist voller Beispiele, wie Frauen, die nichts weiter fordern, als ernst genommen zu werden, belächelt, verhöhnt oder verfolgt werden. Das 21. Jahrhundert ist da nicht anders, nur subtiler. Wer sich heute noch als Feministin bezeichnet, muß damit rechnen, als eine antiquierte, aussterbende Spezies betrachtet zu werden. Frauen können doch alles erreichen, wenn sie nur wollen. Daß Männer so denken, ist logisch, denn sie wissen, wie sie Frauen abbügeln können. Daß Frauen so denken, zeigt, wie sehr Frauen­verachtung internalisiert wurde.

Laurie Penny schreibt erfrischend offenherzig über diese ganzen Lebenslügen des kapitalistischen Patriarchats. Sie zeigt uns, wie der Körper, vor allem der weibliche Körper, auf dem Fleischmarkt des angepaßten Mainstreams betrachtet, befühlt, bewertet und abgestraft wird. Es geht hierbei nicht nur, aber auch, um Sex bzw. um das, was der kapitalistische Markt uns als Sexualität verkauft. Der Widerspruch zwischen allseitiger Verfügbarkeit weiblicher Körper in Werbung und Pornografie und dem Lebensstil heranwachsender junger Frauen, die auf gar keinen Fall ein ausschweifendes Sexualleben führen dürfen, löst sich auf in Erwartungshaltungen, die Frauen vorschreiben, wie sich zu kleiden, zu schminken, wie sie zu lächeln und was sie zu konsumieren haben.

Jugendliche Sexualität, wie sie von den älteren Generationen verstanden und vermarktet wird, ist auf einen ritualisierten Akt erotischer Anmache reduziert: eine erbitterte, unfrohe Pflicht, den richtigen Look zu kennen und das kokette Schmollen und gelegentliche teilnahmslose Rumvögeln draufzuhaben, das jeder junge Mensch praktizieren muss, der sozial – oder ökonomisch – nicht zurückbleiben will. [1]

Dazu gehört aber mehr. Die richtigen Kleider, die richtigen Schuhe oder Stiefel, die angesagteste Dumpf­backenmusik, vor allem die Dumpf­backenmusik, mit der Frauen nahegebracht wird, ganz hingebungsvoll auf den Einen zu warten, ihn anzuhimmeln und anzuschmachten. So werden weibliche Rollen­erwartungen vorgegeben und eingeübt. Frauen, die nicht mitspielen, werden ausgegrenzt und wahlweise als Schlampen, Zicken, Hexen oder Lesben beschimpft. Sexualität wird auf diese Weise nicht nur als etwas Entfremdetes erfahren, sie wird durch Selbst­verleugnung auch so gelebt. Und der Fleischmarkt wartet neben der Disco auch anderswo.

Weibliche Körper sind ein weites Feld patriarchaler Zuschreibungen. Wenn sie schon nicht verschwinden können, so sollen sie doch unauffällig sein. Weibliches Fleisch ist eine Gefahr, denn Männer fürchten, davon verschlungen zu werden [2]. Frauen, die auffallen, stören, vor allem dann, wenn sie sich nicht dem Muster der sexuellen Verfügbarkeit fügen. Laurie Penny verweist auf die weit verbreiteten Eßstörungen unter jungen Frauen (und sie weiß aus eigener Erfahrung, wovon sie redet).

Täglich wird uns klargemacht, dass wir hungriger, schlampiger, häßlicher, bedürftiger, ärgerlicher, mächtiger und weniger perfekt sind, als wir sein sollten. Es ist viel mühsamer, dieser Kultur des Kritisierens und der daraus folgenden Herabsetzung des Selbstwertgefühls die Stirn zu bieten, als die Scham darüber einfach wegzuhungern. [3]

Der Triumph des freiwilligen Hungerns ist die größte Niederlage des Feminismus in der westlichen Welt. [4]

Dabei ist es nicht einmal der Starkult, der junge Frauen dazu verleitet, nichts oder nicht ausreichend zu essen. Es ist nicht unbedingt eine Reaktion darauf, den allgegenwärtigen Schönheits­vorgaben nicht zu entsprechen, das sicher auch; aber es ist auch ein Weg, dieser patriarchalen Normierung zu entgehen, auch wenn er selbst­zerstörerisch ist.

Buchcover FleischmarktNeben die Sexualität als Konsum und dem Weghungern eigener Bedürfnisse tritt die Käuflichkeit des Geschlechts und vor allem die Drecksarbeit, die selbstver­ständlich von Frauen zu leisten erwartet wird. Hausarbeit, unbezahlte, nicht belohnte und weitgehend auch ignorierte Frauenarbeit, dient als gesellschaftliche Folie. Wir lernen sie als Ehrenamt kennen oder auch als sozialen Dienst aus Liebe; schon wieder diese Liebe. Vor allem aber handelt es sich um Arbeit, die sozial, gesellschaftlich und patriarchal konstruiert worden ist. Hausarbeit, so wie wir sie kennen, ist genauso wie die bürgerliche Kleinfamilie ein Konstrukt der Industrialisierung. Die Trennung von männlicher Lohnarbeit und weiblicher Hausarbeit ist weder natürlich noch notwendig, aber sie ist profitabel. Und darauf kommt es an.

Nun gibt es im hiesigen Geschichts­verständnis den Mythos vom Jäger und den Sammlerinnen. Dafür gibt es zwar keinerlei Evidenz, aber es wird ein Rollenbild von heute in die Steinzeit zurückverlegt. Kochen, Nähen und Saubermachen waren demnach schon immer spezifisch weiblich, weshalb es auch kaum verwundert, wenn Wilma Feuerstein steingemeißelte Stilettos trägt und einen staub­saugenden Minimammut schwingt. Schön von früh auf lernen die Kleinen, das alles immer schon so war, wie sie es vorfinden, und daß sie gut daran tun, zwischen Jungen und Mädchen nach Maßgabe einer patriarchalen Arbeitsökonomie zu unterscheiden.

Nicht etwa aufgrund antiquierter Gesellschafts­vorstellungen bemühen sich christliche Parteien und Organisationen darum, daß Frauen brav zu Hause sitzen und Familie spielen. In CDU, CSU und den angeschlossenen Kirchen sammelt sich die geballte Macht des patriarchal konnotierten Kapitals, das auf die kostenlose Ressource Frau nicht verzichten kann und will. Laurie Penny liefert mit ihrem Essay über den Fleischmarkt einige recht moderne Betrachtungen, die helfen können zu verstehen, warum Frauen zu Frauen gemacht werden, die auf Kosten der eigenen Selbst­bestimmung zu funktionieren haben. Daß diese Fremd­bestimmung in allen medien als Befreiung und Empowerment verkauft wird, zeigt nur, wie pervers dieser Fleischmarkt ist. Ein Exkurs über den Zusammenhang von käuflichem Geschlecht und Menschen, die als Transgender nicht in das Raster von männlich und weiblich passen, aber sich dennoch hierin zu definieren suchen, runden das durchaus tiefsinnige kleine Buch ab.

Die rund 120 Seiten über die weiblichen Körper im Kapitalismus sind daher vor allem den jungen Frauen anempfohlen, die keinen Bock darauf haben, sich der männlichen Fleischbeschau auszusetzen und zu unterwerfen. Daß organisierte Gegenwehr vonnöten ist, würde Laurie Penny bestimmt sofort unterschreiben auch wenn sie selbst als ersten Schritt den Entzug der weiblichen Arbeitsleistung propagiert. Ihr Buch ist in deutscher Übersetzung in der Edition Nautilus zum Preis von 9 Euro 90 erschienen.

 

Gut versorgte Männer dekretieren rotgrünen Niedriglohn

Wie es der Zufall will, möchte auch der Landkreis Darmstadt-Dieburg auf die billige Ressource Frau nicht verzichten. Die rotgrüne Sparbrötchen­fraktion hat sich dem allgegenwärtigen Lohndumping bei der Schulreinigung verschrieben und so sollen die angeblich ineffektiven im öffentlichen Dienst Beschäftigten durch Leiharbeiterinnen ersetzt werden. Und es ist schon dreist. Ausgerechnet die Sparbrötchen, die in ihren warmen Sesseln sitzen und bestimmt nicht bereit sind, für das Gemeinwohl für lumpige 8 Euro 50 die Stunde zu arbeiten, schreiben Anderen vor, wie sie mit einem mickrigen Gehalt klarzukommen haben. Der grüne Kreisdezernent Christel Fleischmann belegt einmal mehr, daß ökologisch nicht sozial ist, und die SPD trägt sowas ja ohnehin gerne mit, weil sie sich immer wieder gerne solidarisch mit den Interessen des Kapitals zeigt und sich unsolidarisch gegen ihre eigene Klientel einsetzt. Fleischmanns im Darmstädter Echo zitierte Aussage

Wie kann man elf statt neun Euro für Reinigungskräfte fordern, wenn in vielen ungeregelten Bereichen deutlich niedrigere Löhne gezahlt werden?

bringt den Zynismus der technokratischen Manager der Kapitalinteressen deutlich auf den Punkt. Ich nehme stark an, daß Christel Fleischmann nicht einmal die 8 Euro 50 die Stunde verdient, die er den alsbald prekär beschäftigten Putzfrauen zumutet. Alles andere wäre ja auch nur selbstgerecht und verlogen. Sparen, sage ich da nur, fängt am besten am stinkenden Kopf an. Das lokale Monopolblatt rechnet dann auch vor, daß die Lohndifferenz rund 300.000 Euro im Jahr betrage, aber viel wichtiger sei es, sich von den lästigen Sozialabgaben zu befreien. Als würde hier die FDP vorpreschen, sollen 1,8 Millionen Euro dem Sozialsystem vorenthalten werden. Auf der anderen Seite dürfen dann dieselben Putzfrauen, denen das Geld gewiß nicht reichen wird, den Sozialetat des Landkreises belasten, und sei es als sogenannte Aufstocker im Hartz IV-Segment. Daß diese rotgrüne Milchmänner­rechnung eiskalt lächelnd die Altersarmut zukünftig prekär beschäftigter Frauen in Kauf nimmt, sagt uns, wie abgezockt und zynisch soziale Gerechtigkeit sein kann. Reinhard Jörs, der Fürsprecher armer gebeutelter Kapitalisten und ihrer staatlichen Anhängsel, schreibt dann auch in seinem Kommentar ganz scheinheilig:

Die Kluft zwischen privilegierten Arbeitsplätzen, die den Schutz von Gewerkschaften oder gar des Öffentlichen Dienstes genießen, und prekären Beschäftigungs­verhältnissen ist immens. Nur wenn seitens der Arbeitnehmer Privilegien nicht ausgenutzt werden, wenn die Leistung auch ohne permanenten Druck und Angst vor Jobverlust stimmt, kann die Abwärtsspirale gestoppt werden.

Ich wußte es: Die Gewerkschaften sind schuld! Dabei ist die Abwärtsspirale in einem der reichsten Länder dieser Erde politisch gewollt und wird von den medialen Lakaien bis zum Erbrechen herbeigeschrieben. Das nennt sich dann eben Qualitäts­journalismus.

Die Privilegien wohlfeiler Sozialpolitik

Derlei Geschwätz holt sich seine Legitimation aus den Niederungen intellektueller Armseligkeit. In meiner Sendung Nicht aufgeben referierte ich am 16. Juli 2012 über ein anderes Heft von Mittelweg 36, in dem neoliberale Verbalclaqueure ungehindert zu Wort kommen durften, um ausgerechnet die Sozialdemokratie als Retterin aus der Krise anzupreisen. Michel Ignatieff, ein ausgewiesener Liberaler, fand auf einer gemeinsamen Tagung des Einstein-Forums und des Hamburger Instituts für Sozialforschung Worthülsen, die beängstigend dem Niveau gleichen, welches Darmstadts Lokalzeitung seinen Leserinnen und Lesern so zumutet:

„Dazu gehören Gewerkschaften im öffentlichen Dienst und mächtige Berufszweige wie Ärzte, Lehrer und Pflegekräfte, die zwar allesamt für die Allgemeinheit unverzichtbare Leistungen erbringen, aber ihre Praktiken reformieren, einige ihrer Privilegien abgeben und wirtschaftlicher werden müssen, wenn die von ihnen erbrachten öffentlichen Güter tragfähig bleiben sollen.“

Wenn derlei gemeinheitliches Denken auf gewichtigen Tagungen zum gemütlichen Plauderton gehört, dann verstehen wir die Multiplikatoren­wirkung einer sozialwissen­schaftlichen Elitenberatungs­zeitschrift umso besser einschätzen. Beim Darmstädter Echo sind diese Ideologiefetzen jedenfalls auf fruchtbaren Boden gefallen.

 

Die Vorleser der Verfassungsfeindschaft

Bleiben wir einfach in Hessen. Die vor einem Jahr aufgeflogene Zusammenarbeit zwischen thüringischem Verfassungsschutz und nationalsozialistischem Untergrund zieht Kreise. So soll ein hessischer Verfassungsschützer just zu dem Moment am Tatort in Kassel gewesen sein, als ein Migrant ermordet wurde. Da fragt man und frau sich natürlich, welche Rolle der hessische Verfassungsschutz in dieser Neonazi-Groteske spielt – und bekommt eine Antwort, die bezeichnend ist. Silvia Gingold, Tochter des Antifaschisten und Kommunisten Peter Gingold, verlangte im Oktober Auskunft darüber, welche Daten über sie denn der hiesige Verfassungsschutz über sie gesammelt habe. Am 8. November erhielt sie eine Antwort, die ein bezeichnendes Licht auf eine Behörde wirft, die allein schon nach demokratischen Prinzipien aufgelöst gehört.

Die Antwort lautet, sie, Silvia Gingold, sei seit 2009 im Bereich Linksextremismus gespeichert. Und weshalb ist das so? Nun, dem Verfassungsschutz war es nicht entgangen, daß Silvia Gingold im Oktober vergangenen Jahres auf der Gegenveranstaltung zur Frankfurter Buchmesse, der GegenBuchMasse, die Autobiografie ihres Vaters vorgestellt habe. Das ist ja auch ein starkes Stück Antifaschismus. Weiterhin sei sie als Rednerin auf einer Demonstration gegen die staatliche Unterstützung von Nazis im Januar diesen Jahres angekündigt worden. Dort sollte sie über 40 Jahre Berufsverbote in der BRD sprechen, und das geht nun einmal gar nicht, zumal auch sie selbst dieser Gesinnungs­schnüffelpraxis zum Opfer gefallen war. Der Spiegel schrieb hierüber 1976

Zu den aufgelisteten Beweismitteln zählt auch ein Aufsatz über die Chancen­gleichheit der Frau, den Silvia Gingold im Frankfurter Verlag „Marxistische Blätter“ publiziert hatte. Ein Jahr zuvor waren wesentliche Passagen des Artikels von hessischen Kultusministerialen noch als „gut“ bewertet worden –- in der Examensarbeit der geschaßten Lehrerin.

Selbstredend, daß die Chancen­gleichheit einer Frau verfassungs­feindlich ist, denn sie rüttelt am profitablen Weltbild der Berufs­verbotemänner. Folgerichtig sammelte der Verfassungsschutz, der an seiner eigenen Auflösung nun gar kein Interesse besitzt, fleißig neues Material. Eine offene und ehrliche Auskunft darüber, was ihr Mitarbeiter bei einem Nazimord zu suchen habe, verweigert die Behörde hingegen. Offenkundig hat sie etwas zu verbergen. Bleibt die Frage zu stellen, wie viele Akten des hessischen Verfassungs­schutzes seit dem Auffliegen der Neonazi-Connection vor einem Jahr in Wiesbaden geschreddert und vernichtet wurden.

Wundert es euch dann noch, wenn der Präsident der Herzen aus der Mitte der Gesellschaft, also der Prediger Joachim Gauck, sich weigert, sich mit den Hinterbliebenen der Opfer des verfassungs­geschützten NSU-Terrors zu treffen? Mich nicht. Paßt.

 

Vom Butterkuchen zum Videosnuff

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 4, August / September 2012, 118 Seiten, € 9,50

Wenn schon Neonazis staatlich gedeckt werden, ist es geradezu folgerichtig, daß Kriegsspiele Hochkonjunktur haben. Das Videospiel Call of Duty: Black Ops II soll schon am ersten Verkaufstag eine halbe Milliarde Dollar eingespielt haben. Diese Kriegs­spielreihe hat demnach mehr Geld eingebracht als die Harry Potter- oder die Star Wars-Filme. Der Egoshooter zu Hause ersetzt den ideologischen Kitsch auf der Kinoleinwand. Bis vor einigen Wochen gab es ein Computerspielemagazin auf Radio Darmstadt, in dem derlei virtuelles Kriegs­spielzeug gehegt und gepflegt wurde.

Bildzitat Startseite CS Mag am 25. November 2012Wes Geistes Kind diese aus persönlichen (und nicht etwa pazifistischen) Gründen eingestellte Sendung gewesen sein mag, soll ein Ausschnitt aus der Webseite zur Sendung belegen. Bis heute wird das Computerspiele­magazin als Sendung von Radio Darmstadt auf eine externe Webseite verlinkt, die zugegebener­maßen mehrfach umgebaut und durcheinander gebracht wurde, bis derzeit nur noch ein unfertiges Fragment anzuklicken ist. Die neoliberalen Spielkinder sind eben unfähig, etwas, was sie mal angefangen haben, auch zu hegen und zu pflegen. Aber das soll nicht der hier interessierende Punkt sein. Vielmehr lese ich, während ich das Manuskript zu dieser Sendung schreibe, folgenden Satz auf der Startseite des CS-Mag:

Call of Duty: Modern Warfare 3
Willst du töten? Ja? Dann bist du hier richtig. Anders Breivik ist ein Butterkuchen gegen dich.

Woraus folgt, daß das Zielpublikum dieser Computerspiele­idiotie ganz offensichtlich eine Klientel ist, gegen die mörderische Neonazis wie Anders Breivik verblassen. Auf der Webseite zu diesem Blödsinn gibt es ein paar digitale Spuren, die uns die Hintermänner verraten, etwa ein Sascha als allgemeiner Ansprechpartner, ein Marc, wohl der derzeitige Technikvorstand des Radar-Vereins Marc Gilbert, ist zuständig für das technische Umfeld, ein Günter, das ist Günter Mergel, auch mal Vorstand von Radar, fürs Mitmachen, und ein Björn, das ist Björn Böhmelmann, als Webgestalter. Diese phantastischen Vier sind gewiß keine Butterkuchen. Aber ob und weshalb sie uns töten lassen möchten, würde mich ja schon interessieren.

In Abänderung eines Radar-Jingles bin ich daher geneigt zu sagen: Radio Darmstadt, bringen wir uns um!

Nun sind die Grenzen zwischen Videoanimation und Killerrealität manchmal verschwommener, als uns lieb sein kann. Längst nutzen Kampfflugzeige und Kampf­hubschrauber die technischen Möglichkeiten optik- und lasergesteuerter Überwachung und Zielerfassung. Wo das Morden im Computerspiel noch aus der sicheren Entfernung des eigenen warmen Zimmers heraus geschieht, sitzen Piloten und Bordschützen vor den Monitoren ihrer Mordinstrumente in der Gewißheit, daß der von ihnen anvisierte Feind wohl nicht in der Lage sein wird, zurückzu­schlagen. Manchmal geht das schief, wie dies im kriegs­verherrlichenden Spielfilm Black Hawk Down gezeigt wurde, der in Mogadischu zur Zeit der US-Intervention Mitte der 90er Jahre angesiedelt ist.

Im Augustheft von Mittelweg 36, der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, analysiert der Kunsthistoriker Gerrit Walczak den Film, der Wikileaks berühmt gemacht hat. Es handelt sich um das Video Collateral Murder, das unter anderem zeigt, wie zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters und einige unbewaffnete Zivilisten bei einem Killereinsatz in Bagdad erschossen werden. Der Autor zeigt, daß dieses Video nicht vollständig ist und ziemlich stümperhaft präsentiert wurde. Wenn ich ihn richtig verstehe, hätte Wikileaks daraus mehr machen können und müssen. Seine analytische Nachbereitung erfordert nicht nur das gedankliche Mitlesen; im Grunde genommen müßte permanent der Film nebenher laufen und angehalten werden, damit wir die Details besser erfassen können, die dem Autor aufgefallen sind. Auch wenn einzelne Bilder den Text seines Aufsatzes begleiten, so finde ich seine Darstellung eher verwirrend. Das mag an mir liegen.

Zwei Dinge sind jedenfalls bemerkenswert. Zum einen die im wahrsten Sinne des Wortes augenfällige Nähe von Ballerspiel und der Nutzung des Hubschrauber-Videosystems zur Eliminierung echter oder vermeintlicher feindlicher Kombattanten, zum anderen die emotionale Aufladung der Präsentation dieses Videos. Dabei geht es weniger darum, ob Julian Assange journalistisch sauber aufbereitet hat; vielmehr werfen Streifen wie diese die Frage auf, wie mit derartigem Material so umgegangen werden kann, daß nicht schockierende Bilder, sondern die schockierende Wahrheit über den Krieg im Irak und in Afghanistan hervortritt.

Cover Mittelweg 36Der Historiker Bernd Greiner legt um diesen Film ein Konzept. In seinem Aufsatz geht es um eine bestimmte Form der Aufstands­bekämpfung, die im US-amerikanischen Sprachgebrauch counterinsurgency heißt. Diese spezielle Form der Kriegsführung hat eine Vorgeschichte, und sie führt uns nach Vietnam. Als US-amerikanische Bomberverbände versuchten, Vietnam in die Steinzeit zurückzubomben, war absehbar, daß dieser Krieg nicht zu gewinnen war. Der totale Krieg der US-Militärs sollte dahingehend abgeändert werden, daß Vietnam dazu in die Lage versetzt wird, die (eingebildete) kommunistische Infiltration abzuschütteln. Dies war, so Greiner, nicht allein eine militärische Aufgabe, sondern erforderte die sozioökonomische Transformation einer ganzen Gesellschaft. Die neoliberale Mobilmachung quasi vorwegnehmend, mußten Millionen von Menschen entwurzelt werden und ihnen ganz im kybernetischen Machbarkeits­wahn der 60er und 70er Jahre ein Modernisierungs­schub verpaßt werden.

Das Konzept der counterinsurgency stand von vornherein auf tönernen Füßen. Die meisten Militärs lehnten es ab und es war eine langfristige Strategie, für die niemand die Zeit aufbringen wollte. Dennoch wurden einzelne Bestandteile dieses Konzepts, und zwar die möglichst repressiven umgesetzt, wie die Einrichtung strategischer Dörfer zur besseren Kontrolle der Bevölkerung oder die gezielte Eliminierung südvietnamesischer Führungskader. Während Bernd Greiner als Schwäche des Konzepts beschreibt, daß derlei counterinsurgency keinen Raum für den Gedanken zuläßt, daß die Aufständischen nicht etwa Fremdkörper, sondern Teil des Volkes sind, gehe ich davon aus, daß den Militärs dieser Sachverhalt klar war. So betrachtet hinterläßt counterinsurgency bewußt verbrannte Erde, was an den Giftgaseinsätzen mit Agent Orange zu sehen ist. Wenn man den Feind nicht besiegen kann, dann muß man so viel Schaden anrichten, wie nur möglich, auf daß er sich nie davon erholen möge. [5]

Eine der Lehren aus Vietnam war, in Zukunft mit Söldnern einen Blitzkrieg zu führen, der den Feind mittels shock and awe derart lähmt, daß an Widerstand nicht zu denken ist. Doch auch im Irak und in Afghanistan hält sich der zunächst besiegte Feind nicht an diese Maßregel. Er kämpft weiter und macht den Besatzungstruppen das Leben mitunter zur Hölle. Also blieb den Militärs nichts anderes übrig, als die verhaßte counterinsurgency wieder aus der Versenkung zu holen. Das Augustheft von Mittelweg 36 wurde vor der US-Präsidentschaft­wahl geschrieben, so daß es im Nachhinein interessant ist zu sehen, wie gewisse Entwicklungen vorhergesehen werden. Denn hier betritt General David Petraeus die Bühne. Petraeus war der Mann der Stunde, als das traditionelle Mordkonzept gescheitert, aber die Alternative hierzu noch nicht entwickelt war. Nun könnte es so scheinen, als ob Petraeus die modernisierte Counter­insurgency 2.0 eingeführt hätte. Doch Bernd Greiner sieht das anders. Der Job von Petraeus war es, nicht die Militärstrategie, sondern deren Wahrnehmung durch Medien und Öffentlichkeit zu verändern.

Es geht also um Verpackung und um Image. Die Aufständischen werden bestochen und renitente Führungskader nach vietnamesischem Vorbild massenhaft exekutiert. Das Ziel lautete demnach, „nicht den Irak, sondern die Heimatfront zu pazifizieren.“ [6]

Bleibt die Frage, weshalb das FBI den General Petraeus dann wirklich abgeschossen hat, ganz gezielt nach dem Wahlsieg Obamas. Diese Frage kann Bernd Greiner in seinem Aufsatz noch nicht voraussehen, noch gar beantworten, aber es liegt nahe, hier ganz andere Interessen zu betrachten als die Frage, wer mit wem in welche Kiste gestiegen ist.

Gehen wir noch einen Schritt weiter. Vom Video zur Kriegsstrategie und nun zu imperialer Herrschaft. Es ist in der US-amerikanisch inspirierten Sozial­wissenschaft als neues Paradigma der Begriff des Empire entstanden. Damit verbunden ist eine Neubewertung, besser gesagt, eine Enthistorisierung des Begriffs des Imperialismus. Während bislang Imperialismus als ein Phänomen betrachtet wird, dessen Beginn zu Ende des 19. Jahrhunderts anzusiedeln ist und das bis heute nachwirkt, bemüht sich eine neue Riege von Historikern und Sozialwissen­schaftlerinnen, den spezifischen Gehalt dieses Imperialismus­begriffs zu verwässern. Der Historiker Flavio Eichmann sieht hierin globalhistorische Ansätze,

die weniger nach Ursachen, Verlauf und Strukturen von imperialistischen Expansionsprozessen fragen, sondern globale Vernetzungsprozesse analysieren, wie sie im Zuge der europäischen Expansion hervortraten. [7]

Dieser neue Ansatz, so betrachtet es dieser Autor dann auch positiv, ermöglicht es, imperiale Herrschaft von den Römern bis zur Hegemonie der USA durch ein und dasselbe Raster zu betrachten. Parallelen sind wichtiger als Ursachen. Dieses sich eher an Phänomenen orientierende Konzept halte ich für höchst problematisch. Zwar bemüht sich der Autor anhand ausgewählter Fallbeispiele aus der britischen Kolonial­geschichte und der römischen Republik nahezulegen, daß die Gleichsetzung gelingen möge, doch der Versuch überzeugt nicht. Erstens ist Imperialismus ein spezifisches Phänomen der kapitalistischen Durchdringung der Erde, die nicht mit vorangegangenen Expansionen vergleichbar ist. Und zweitens ist die sozio­ökonomische Grundlage des Römischen Reiches eine andere als die einer auf Profit­maximierung ausgerichteten staatlichen Gewaltpolitik. Zudem ist die Darstellung des Autors selektiv, weil sie auf aus dem Zusammenhang gerissenen Geschichtsfetzen beruht. Wer die Ursachen vernachlässigt, erhält auch ein entsprechend problematisches Bild.

Hier zeigen sich recht schnell die Grenzen einer Sozial­wissenschaft, die sich erst gar nicht darum bemüht, mit kritischem Blick Ausbeutungs- und Eroberungs­prozesse zu betrachten. Analyse wird ersetzt durch parallelisierte Ereignisse. Ich könnte es auch vereinfacht so sagen: wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Ohne Ursachenforschung bleiben Halbwahrheiten und Fehlurteile. Bezeichnend für diese Argumentations­logik ist folgendes Fazit:

Es mag nun eingewendet werden, die genannten Beispiele aus der Zeit der späten Republik seien untypisch für den römischen Imperialismus. Doch ist diese Frage von sekundärer Bedeutung für die vorliegende Untersuchung … [8]

Das finde ich echt genial. Etwas Untypisches wird zur Grundlage eines Vergleichs, bei dem das Ergebnis, der römische Imperialismus, schon vorausgesetzt ist. Meine Güte, ist die Geschichs­wissenschaft inzwischen tief gesunken …

Bleibt noch eine Tagung über die Bedeutung und Erfolgsaussichten gewaltfreien Widerstandes zu erwähnen, von der mehrere Aufsätze abgedruckt werden, sowie der Auszug aus der Protest-Chronik von Wolfgang Kraushaar. Kraushaar gehört für mich zu der Generation von 68ern und Nach-68ern, die die Geschichte der Studenten­bewegung und des damit verbundenen politischen Protests ihres Sinns berauben und umdeuten wollen. Dennoch sind die einzelnen Kapitel seiner in den Heften von Mittelweg 36 vorzufindenden Chronik nicht uninteressant. Während als Ergebnis der Tagung des Berliner Colloquiums zur Zeitgeschichte im Februar dieses Jahres [2012] festgehalten werden kann, daß gewaltfreier Widerstand ohne die Duldung von Militär- und Polizeiapparaten nicht denkbar ist, so führt uns Kraushaar ins Frankfurt der Jahre 1973 und 1974.

Seit 1970 waren, vor allem im Frankfurter Westend, eine Reihe von Häusern besetzt worden, die von Baulöwen wie dem späteren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden Ignatz Bubis abgerissen und durch Wolkenkratzer ersetzt werden sollten. Gegen diesen Abriß historischer und recht gut erhaltener Bausubstanz regte sich selbst aus dem Bürgertum Protest. Studentinnen und junge Arbeiter machten Nägel mit Köpfen und sorgten ganz praktisch dafür, daß die Abrißbirne vorerst nicht zum Einsatz kam. Die von Wolfgang Kraushaar vorgetragene Geschichte einer nicht unbedingt als gewaltfreien Widerstand zu bezeichnenden Protestkultur läßt sich auch anders betrachten. Allerdings wird auch bei Kraushaar das erschreckende Gewaltpotential deutlich, das nicht etwa von der Protestbewegung, sondern von der Frankfurter Polizei ausgegangen ist, und zwar mit Duldung, gar euphorischer Billigung der damals in Hessen regierenden Sozialdemokratie. Denn auch hier war diese Partei Steigbügel­halter kapitalistischer Verwertungsinteressen.

Mittelweg 36 wird alle zwei Monate herausgegeben und kostet als Einzelheft 9 Euro 50, ein Abonnement ist möglich.

 

Schöner wohnen ohne Bonzen und Bullen

Kurzbesprechung von : Wolf Wetzel (Red.) – Häuserkampf I. Wir wollen alles – der Beginn einer Bewegung, Laika Verlag, 296  Seiten plus 3 DVDs, € 29,90

Wolfgang Kraushaar hätte hier ruhig die Problematik näher beleuchten dürfen, die sich daraus ergab, daß man Ignatz Bubis keinen Bauspekulanten nennen durfte, weil das ja antisemitisch ist. (Antisemitisch ist es, jemanden mit Bezug auf seine jüdische Herkunft einen Spekulanten zu nennen.) Dies führte bald darauf zu einer ganz anderen Kontroverse, als Rainer Werner Fassbinder einen nicht näher bezeichneten reichen Juden zum Protagonisten seines Stückes machte.

Das Geschehen spielt in der düsteren Atmosphäre einer maroden, verrotteten Stadt, bei deren Sanierung sich Politiker und Immobilien­spekulanten gegenseitig in die Taschen arbeiten, unterstützt vom korrupten Polizeipräsidenten

– so die Darstellung in der Wikipedia. Die Anklänge an den Häuserkampf sind unverkennbar.

Buchcover Häuserkampf IDie mit der Studentenbewegung einhergehende Protestrevolte machte vor dem bürgerlichen Eigentum dort nicht halt, wo günstiger Wohnraum benötigt und von Spekulanten vorenthalten wurde. Die Häuser wurden besetzt, und in den 70er wie 80er Jahren ging es mancherorts hoch her. Berlin, Frankfurt, später auch Freiburg, Zürich und Nürnberg waren die Schauplätze von Auseinander­setzungen, in denen der bürgerliche Staat mit seinem Polizeiapparat sein Unwesen trieb. Hausbesetzungen waren – zumindest eine Zeitlang – eine effektive Methoden, den sogenannten Investoren die Verfügungs­gewalt über brach liegenden und zur Zerstörung vorgesehenen Wohnraum zu entreißen.

Der von Wolf Wetzel redaktionell zusammen­gestellte erste Band zum Häuserkampf aus dem Laika Verlag zeigt in Wort und bewegtem Bild, warum Wohnungsnot bewußt erzeugt wird, damit sich Hausbesitzer, Wohngesell­schaften und Bauvereine auf unsere Kosten eine goldene Nase verdienen können. Die drei dem Buch beiliegenden DVDs führen uns (unter anderem) ins Frankfurt der frühen 70e Jahre, damit wir nicht vergessen, warum unsere Mieten derart hoch und weshalb Widerstand gegen das Spekulieren mit Wohnraum nicht nur möglich, sondern auch angebracht ist. Wer wissen will, wie ein Rechtsstaat blank zieht und seine Prügelbullen losschickt, findet hier ausreichend Anschauungs­material, das sich durchaus durch entsprechende Bilder von der Verteidigung gemein­gefährlicher Strahlenbunker wie in Biblis (oder wahlweise Brokdorf, Wackersdorf oder Gorleben) ergänzen ließe.

Das Buch Häuserkampf I aus dem Laika Verlag kostet 29 Euro 90.

Vor dreißig Jahren stellte ein sozial­demokratischer Professor an der Universität Tübingen seinen Studentinnen und Studenten die scheinheilige Frage, weshalb die politisch-gesellschaftlich-wirtschaftlich Herrschenden auf diesen Protest so hart und verständnislos reagierten. Das war mein Referatsthema im Hauptseminar über die außerparlamentarische Opposition und das politische System der BRD. Und dem Herrn Professor gefiel das gar nicht, daß und wie ich herausarbeitete, daß hier zwar hart, aber gewiß nicht verständnislos zugeschlagen wurde, und, daß dies gut mit der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ordnung zu begründen war. Ohne den Begriff counterinsurgency zu benutzen, war mir klar, daß hierbei andernorts erprobte Methoden der Aufstands­bekämpfung auf die bundesdeutschen Verhältnisse übertragen worden waren. Mein damaliges Referat könnt ihr auf meiner Webseite nachlesen; es mag als Anregung dienen, sich näher mit dem Häuserkampf als Teil deutscher Protestkultur zu befassen.

Und damit komme ich zu etwas vollkommen Anderem.

 

Jagen, Sammeln, Kochen und Vermuten

Besprechung von : Archäologie in Deutschland, Heft 4, August / September 2012, 81 Seiten, € 9,95

Cover AiDLaurie Penny hatte in ihrem Buch über den Fleischmarkt auf die geschlechts­spezifische Arbeitsteilung hingewiesen, die von einer interesse­geleiteten modernen Sozial­wissenschaft auf die Verhältnisse in der Steinzeit zurückprojiziert wird. Tatsächlich wissen wir so gut wie gar nichts darüber, wie Männer und Frauen sich die notwendige Arbeit während der Eiszeit geteilt haben, und auch für die nachfolgende Jungsteinzeit sind die Befunde recht dürr. Und so schadet es nichts, sich näher damit auseinander­zusetzen, was die Archäologie uns hierzu mitzuteilen hat, beispielsweise in der sechs Mal im Jahr erscheinenden Zeitschrift Archäologie in Deutschland.

Das Augustheft handelt unter anderem von der frühen menschlichen Expansion und führt uns zum homo heidelbergensis nach Schöningen ins Gebiet zwischen Harz und Norddeutscher Tiefebene. Hier ergrabene Speere belegen das Wissen darüber, wie eine solche Jagdwaffe austariert sein muß, um weit zu fliegen und effektiv zu treffen, woraus das Grabungsteam den Schluß zieht, daß die Menschen vor rund 300.000 Jahren schon ein gewisses Abstraktions­vermögen besessen haben mögen. Über Arbeitsteilung sagt dies jedoch nichts aus.

Die derzeit gültige Standard­hypothese zur Verbreitung des Menschen geht von zwei Wanderungswellen aus den Tiefen Afrikas aus. Wir dürfen uns das natürlich nicht so vorstellen, daß ein Wanderungstreck aufgebrochen ist, um sich die Erde untertan zu machen. Vielmehr war es eine recht langsame Bewegung, die vor zwei Millionen Jahren begann. Der Mensch paßte sich den vorgefundenen Verhältnissen außerhalb Afrikas an, veränderte sich dabei sowohl morphologisch wie intellektuell und sozial, veränderte jedoch zudem, was langfristige Folgen haben sollte, auch seine Umwelt.

Genetiker und Klimaforscherinnen gehen von einem Flaschenhals aus, der vor rund 70.000 Jahren fast zum Aussterben des modernen Menschen geführt haben soll. Eine Kaltzeit, verbunden mit den Folgen eines Vulkanausbruchs im heutigen Indonesien, soll einen dramatischen Bevölkerungs­rückgang verursacht haben. Ich bin da vorsichtig. Statistische Genomunter­suchungen sind fehlerbehaftet und der damalige Mensch war gewiß anpassungsfähiger und erfinderischer, als wir es uns vorstellen mögen. Das hier vorgestellte Heft der Zeitschrift Archäologie in Deutschland gibt uns hierzu einen Einblick in den Stand der Forschung, auch wenn wir dabei immer berücksichtigen müssen, daß es sich hierbei nur um die vorherrschende Lehrmeinung handelt, die gerne einmal nicht passende Puzzlestücke ignoriert. Das Einzelheft dieser Zeitschrift kostet 9 Euro 95 und ist im gutsortierten Buch- und Zeitschriften­handel erhältlich.

Besprechung von : Brian Fagan – Cro-Magnon. Das Ende der Eiszeit und die ersten Menschen, Konrad Theiss Verlag 2012, 288 Seiten, € 29,95

Die Fragestellung, was geschah, als sich der anatomisch moderne Mensch und der Neandertaler in Mitteleuropa und dem Vorderen Orient begegneten, mag faszinieren. Was läßt sich da nicht alles hinein­geheimnissen. Warum starben die Neandertaler aus, während die moderneren Menschen die Eiszeit überlebten? Diese zur Spekulation reizenden Fragen machen den Reiz eines Buchs des englischen emeritierten Anthropologen Brian Fagan aus, das den deutschen Titel „Cro-Magnon. Das Ende der Eiszeit und die ersten Menschen“ trägt. Der Buchtitel ist nur begrenzt deckungsgleich mit dem Inhalt des Buches, und die Bezeichnung Cro-Magnon wird für den anatomisch modernen Menschen heute kaum noch verwendet.

Der Autor führt uns ein in einen Zeitraum voller Widernisse, denn die Menschen, die nach Mitteleuropa einwanderten, mußten kältere und wärmere Phasen der Eiszeit ertragen. Überhaupt stellt sich die Frage, weshalb diese Menschen in angeblich so unwirtliche Gegenden kamen, waren sie doch nicht so viele, als daß sie sich nicht auch anderswo auf der Erde hätten niederlassen können. Gehen wir also davon aus, daß sowohl Neandertaler wie auch die Cro-Magnon-Menschen anpassungs­fähig genug waren und über ausreichend Nahrungsmittel verfügten. Das mag während der extremen Kälte vor rund 20.000 Jahren anders gewesen sein, aber die wenigen vorhandenen Funde aus dieser Zeit lassen den vernünftigen Schluß zu, daß die damaligen Menschen einfach nach Süden oder Osten ausgewichen sind.

Brian Fagan beginnt seine Darstellung jedoch nicht mit unseren direkten Vorfahren, sondern mit dem ausgestorbenen Seitenzweig der Evolution, den Neandertalern. Diese waren durchaus erfolgreich darin, hier zu leben und zu überwintern, weshalb sich die Frage stellt, warum sie dann doch verschwanden. Vielleicht waren es weiter entwickelte kognitive Fähigkeiten und Technologien, die den moderneren Menschen bevorteilten, Jedenfalls muß ein Aufeinandertreffen beider Gruppen nicht zu Aggression geführt haben, denn der Lebensraum gab genügend Nahrung und Material für alle umherstreifenden Gruppen her.

Eine Stärke und gleichzeitig Schwäche des Buches besteht in der Fantasie des Autors. Während er einerseits immer wieder konstatieren muß, wie wenig wir eigentlich wissen, versucht er auf der anderen Seite, uns als Leserinnen und Lesern recht anschaulich die damalige Welt und ihre Geheimnisse vorzustellen. Das kann alles so gewesen sein, aber eben auch anders. Bezeichnend ist etwa folgende Passage:

Trotz ihrer künstlerischen Genialität wissen wir nichts über die Festlichkeiten und kulturellen Aspekte im Leben der Menschen des Magdalénien: Farben, Gerüche, Gesang, Tanz, Flöten- und Trommelspiel – Dinge, die eine wichtige Rolle in einem zweifellos kulturell reichen Leben spielten, in dem Zeremonien äußerst bedeutsam waren. [9]

Buchcover Cro-MagnonWir wissen nichts darüber, aber es war zweifellos bedeutsam. Wenn das die Folie ist, die das Buch durchzieht, können wir es auch gleich weglegen. Wir können es aber auch gegen den Strich bürsten und versuchen, die eigenen Projektionen im Kopf beiseite zu schieben, um uns dem Leben in der Steinzeit zu nähern. Denn bedenklich wird Fagans Darstellung immer dann, wenn seine eingestandenermaßen vagen Vermutungen als Gewißheiten benannt werden. Woher weiß er, daß die Männer auf die Jagd gingen, während die Frauen im Lager die Mahlzeiten zubereiteten? [10]

Das Fundmaterial gibt eine solche Interpretation nicht her. Es handelt sich folglich um eines der vielen populär­wissenschaftlichen Bücher, die zwar geeignet sind, unsere Fantasie anzuregen, die jedoch den grundlegenden Fragen aus dem Weg gehen. Wie ist es denn dazu gekommen, daß Männer und Frauen sich die Arbeit geteilt und vor allem geschlechts­spezifisch geteilt haben. Das biologische Argument ist dann keines mehr, wenn wir uns von der absurden Vorstellung befreien, daß nur Männer in der Lage waren, einen Speer zu werfen. Kochtöpfe gab es zu dieser Zeit ohnehin noch nicht, so daß das Zubereiten der Nahrung wohl eine Gemeinschafts­arbeit war.

Insofern ist dies eher ein problematisches Buch, in dem der Autor seine eigene ideologische Beschränktheit nur schwer abzulegen weiß. Aber darin ist er in guter Gesellschaft. Das Buch über Neandertaler, Steinzeit­menschen und die Eiszeit, das die Ursachen insbesondere geschlechts­spezifischer Arbeitsteilung erarbeitet, statt selbige einfach vorauszusetzen, muß wohl erst noch geschrieben werden. Solange können wir uns auf das im übrigen gut lesbare Buch „Cro-Magnon“ von Brian Fagan stützen. Es ist dieses Jahr im Theiss Verlag zum Preis von 29 Euro 90 erschienen.

Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN
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»» [1]   Laurie Penny : Fleischmarkt, Seite 26.

»» [2]   Vergleiche den Klassiker von Klaus Theweleit, Männerphantasien.

»» [3]   Penny Seite 46.

»» [4]   Penny Seite 47.

»» [5]   In der Vorgängersendung des CS-Mag von Radio Darmstadt, genannt /bdquo;In-Game“ las Redakteur Nils Paeschke einschlägige Seiten im Internet ab, in denen es darum ging, welche Waffen wie viel „Schaden“ ermöglichten.

»» [6]   Bernd Greiner : Es geht um die Wahrnehmung, Dummkopf!, in: Mittelweg 36, Heft 4/2012, Seite 40–60, Zitat auf Seite 57.

»» [7]   Flavio Eichmann : Expansion und imeriale Herrschaft: Zum epocheüber­greifenden Charakter des Imperialismus, in: Mittelweg 36, Heft 4/2012, Seite 89–111, Zitat auf Seite 89.

»» [8]   Eichmann Seite 106.

»» [9]   Brian Fagan : Cro-Magnon, Seite 238.

»» [10]   Fagan Seite 231.


Diese Seite wurde zuletzt am 15. Dezember 2012 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2012. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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