Straßenschild Hindenburgstraße
Darmstädter Anti­faschismus: Wir preisen die Täter.

Kapital – Verbrechen

Eine Frage des Bewußtseins

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 23. Januar 2012, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 30./31. Januar 2012, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 31. Januar 2011, 05.10 bis 06.10 Uhr
Dienstag, 31. Januar 2011, 11.10 bis 12.10 Uhr

Zusammenfassung:

Statt Nazi-Banden bestimmen heutzutage Banken und ihre Kollaborateure die griechische Politik, jeweils mit ganz eigenen drastischen Folgen. Bewußt­seinszustände in der Metropole. Rassen­anthropologie in Österreich.

Besprochene Zeitschrift:

Lunapark21, Heft 16, Winter 2011/12

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Jingle Alltag und Geschichte

Vor genau 79 Jahren, am 30. Januar 1933, übergab Reichspräsident Paul von Hindenburg im Auftrag der deutschen Bourgeoisie einem durchsetzungs­fähigen Aufsteiger aus Österreich das Amt des Reichskanzlers. Er wußte genau, was er tat. Die Legende, er sei ein alter Mann und Spielball verschiedener Interessen gewesen, ist eben dies – eine Legende. Daß sich bis heute bestimmte Geschäftsleute und Anwohnerinnen weigern, den historischen Tatbestand zur Kenntnis zu nehmen, und dafür umso lieber an ihrer Hindenburgstraße festhalten, zeigt, welches Bewußtsein den Mainstream auch im 21. Jahrhundert bestimmt. Es ist das Bewußtsein derjenigen, die an bestimmten Traditionen und Lebensweisen festhalten möchten, und die es gar nicht mögen, wenn sich etwas in ihrem Leben ändert – und sei es die Adresse auf ihrem computer­generierten Briefpapier.

Nun ist der Auftrag, den die deutsche Bourgeoisie über ihren Mittelsmann Paul von Hindenburg an einen gewissen Adolf Hitler hat übertragen lassen, nicht ganz formvollendet zu Ende gegangen. Nicht, daß sich selbige Bourgeoisie groß an den damit verbundenen Opfern gestört hätte. Da war zunächst die Exklusion der jüdischen Bevölkerung aus den zivilgesell­schaftlichen Zusammenhängen, was als Arisierung das eine oder andere Schnäppchen als nützlichen Nebeneffekt einbrachte. Auch daß die Nazis der deutschen Arbeiterklasse wieder die Tugenden von Leistung und Gehormsam einprügelten, fand den Beifall von Kohlebaronen, ostelbischen Junkern und kleinen Ladenbesitzern, die alle das Schnäppchen der billigen und willfährigen Arbeitskraft zu schätzen wußten.

Doch nichts gilt als so typisch deutsch wie das Hinterher­dackeln hinter dem gesell­schaftlichen Mainstream, wie Anpassung und Opferbereit­schaft, so daß eine große Mehrheit der deutschen Bevölkerung auch nichts dabei fand, wenn Andere, insbesondere Jüdinnen und Sinti auf deutschem Boden oder die Bevölkerung Osteuropas in den brutalst­möglich besetzten Gebieten die Opfer für das deutsche Wohlergehen zu bringen haben. Heutzutage, nebenbei bemerkt, funktioniert das ein wenig anders. Anstelle der Panzer der Wehrmacht und der Einsatz­kommandos der SS, die ganze griechische Dörfer vernichteten und die Bevölkerung verhungern ließen, sind es heute nicht deutsche Banden, sondern deutsche Banken in trauter Einheit mit IWF und kollaborations­willigen Politikern in Griechenland, die das soziale Elend zugunsten einer kleinen, reichen Schicht exekutieren.

An einem Tag wie heute wäre vieles über von Deutschen in die Welt gesetzte Gewalt und von Deutschen befördertes Leid zu sagen. Manches findet heute in den traditionellen Kommentaren aus Politik und Gesellschaft seinen Widerhall, zumindest solange, wie es das heutige geschäftige Treiben mit dem Elend der Menschen dieser Welt nicht stört. Deshalb werde ich diesen Part einer österreichischen Humanbiologin und Anthropologin überlassen, die am 17. Januar [2012] in Graz einen Vortrag über „Deutschblütig oder Die Idee der ‚Rassenreinheit‘“ gehalten hat. Die Referentin, Margit Berner, wird zu Beginn des Vortrags von meinem Kollegen Walther Moser von Radio Helsinki in Graz näher vorgestellt. Ihm danke ich besonders, den nachfolgenden Mitschnitt hier verwenden zu dürfen.

Doch zuvor mache ich noch eine kleine Exkursion in das Bewußtsein derer, die etwas zu verlieren haben und die hoffen, daß es nicht sie, sondern andere trifft. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Besprechung von : Lunapark21, Heft 16, Winter 2011/12, 74 Seiten, € 5,50

Die besseren Argumente zu haben, heißt noch lange nicht, damit auch etwas bewirken zu können. Auch wenn es – beispielsweise – so scheint, als seien Politikerinnen und Politiker notorisch beratungs­resistent, etwa bei der inzwischen aufgrund einer Studie auch nachweislich kriminologisch unnötigen Vorratsdatenspeicherung, so ist nicht zu bestreiten, daß sie recht klassen­bewußt den ganz spezifisch egoistischen Interessen der herrschenden Klasse huldigen. In der aktuellen Ausgabe der ökonomie­kritischen Zeitschrift „Lunapark21“ werden die Argumente gegen die zerstörerische Logik der vorherrschenden profitablen Kapital­akkumulation zusammen­getragen, so daß im Grunde alle diejenigen, die einen Blick in diese Zeitschrift geworfen haben, sagen müßten, so kann es nicht weitergehen, und, es wäre das Beste, die herrschende Klasse samt ihrer politischen und Medienlakaien (und dem dazugehörigen Repressions­apparat) verabschiede sich aufs Mururoa-Atoll, vor allem, weil sie in der Regel Atomkraft ja so toll finden. Doch guten Argumenten fehlt es vor allem an einem, ihrer Durchsetzbarkeit.

Cover Lunapark21Das Beispiel Stuttgart21 zeigt, daß sich gute Argumente nicht nur gegen den neoliberalen Wahnsinn profitabler Wirtschafts­interessen durchsetzen müssen, sondern auch gegen den Mainstream einer Bevölkerung, die sich längst vom politischen Geschehen verabschiedet hat und hofft, daß eine grüne Wirtschafts­politik ihnen zum einen die Proteste vom Leib hält und ihnen zum anderen ihre trügerische Ruhe wiederbringt. In einem Gespräch mit dem Stern-Redakteur Arno Luik, der zu den wenigen Journalistinnen und Journalisten gehört hat, die ernsthaft und frei von wirtschaftlichen Sachzwängen den Unsinn der Marodeure der Stuttgarter Innenstadt offengelegt hat, wird deutlich, daß es mehrere Logiken gibt, die hier aufeinander­treffen. Und so kann es durchaus vorkommen, ja, es ist sogar die Regel, daß die herrschende Wirtschafts­politik als die bessere Logik erscheint, obwohl sie als schädlich erkannt wird.

Nur – wer kann und mag eine gesellschaftliche Alternative denken und auch als realistisch vorstellen, welche die Besitzstände nicht in Frage stellt, die es sogar in den ärmeren Schichten zu verteidigen gilt. Ingo Matuschek faßt für Lunapark21 das Ergebnis einer Belegschafts­befragung der Beschäftigten eines international aufgestellten Automobil­konzerns zusammen. Während auf der einen Seite ein durchaus kritischer Blick auf die gegenwärige Wirtschafts- und Sozialpolitik vorzufinden ist, wird der eigene Betrieb recht unkritisch positiv bewertet. Natürlich spiegelt sich auch hier im Sein das Bewußtsein; die Identifikation mit dem Betrieb ist hoch, denn er vermittelt ihnen eine Sicherheit, die außerhalb des Betriebs nicht als gewährleistet gilt. Man (die Befragten waren hauptsächlich Männer) muß halt sehen, wo man bleibt. Dieses Bewußtsein, so der Autor, „ist häufig gepaart mit der Ohnmachts­erfahrung, angesichts fehlender Alternativen letztlich wenig an den Verhältnissen im Betrieb oder in der Gesellschaft ändern zu können“ [Seite 25].

Diese Haltung hat selbstverständlich Auswirkungen auf gesellschaftliche Zusammenhänge und Verhaltensweisen. Da sich die Beschäftigten mit „ihrem“ Betrieb identifizieren und somit auch die Standort­konkurrenz verinnerlicht haben, „beschädigt [dies] die Fähigkeit und Bereitschaft zur Solidarität“ [ebd.]. Und das kann heißen, daß die eigene Rationalisierung einer Verweigerung von Solidarität dazu führen kann, besonders regressive Ausgrenzungs­strategien für zulässig und angemessen zu halten. In diesem Fall versagen gute Argumente, weil das bessere Argument die Angewiesenheit auf den vorhandenen Job ist. Das Beispiel läßt sich gewiß auf andere gesellschaftliche Bereiche und Befindlichkeiten übertragen.

Von dieser Warte aus betrachtet sind die guten Argumente von „Lunapark21“ nur begrenzt tauglich für den betrieblichen Alltag. Selbst wenn alles im Heft stimmen würde, nutzt das Wissen darüber nichts, weil es ganz eigene gesellschaftliche Logiken gibt, die zwar irrational erscheinen, aber für den Mainstream der Gesellschaft ausreichend Plausibilität besitzen. Daher wählen sie lieber Angela Merkel oder in Stuttgart Wilfried Kretschmann, obwohl dieser recht deutlich zum Ausdruck gebracht hatte, daß die Grünen nicht prinzipiell gegen Stuttgart21 seien.

Eine im Grunde recht harmlose sozial­demokratische Partei wie Die Linke, die gerade in Stuttgart eine konsistente und in manchem durchdachtere Position zum neuen unterirdischen Monster vertreten hatte als die Grünen, die einen Haufen Pöstchen witterten, konnte bei der letztjährigen Landtagswahl gerade deshalb nicht davon profitieren. Im Moment, so scheint es, bleiben linke, kapitalismus­kritische Argumente, die das Ende des Wahnsinns einfordern, auf der Strecke, und es ist nicht abzusehen, wann oder: überhaupt, daß sich das ändert. Grüner Kleister ist dann eben doch besser für das eigene Gewissen und entspricht einem längst im Mainstream angekommenen Bewußtseinsstand.

Umso frappierender erscheint die Titelseite des aktuellen Heftes, auf der ein langgezogener US-amerikanischer Leichenwagen mit der Aufschrift „Kill the Poor“ durch die Gegend fährt. In der Tat kann diese Parole als Sinnbild der neoliberalen Offensive seit Margaret Thatcher und Ronald Reagan gelten. Denn, wie der einleitende Beitrag über die Quartalslüge ein weiteres Mal offen legt, gibt es keine Schuldenkrise, sondern nur eine Krise der Verteilung des vorhandenen immensen gesell­schaftlichen Reichtums, der gezielt von einer kleinen Klasse Reicher abgeschöpft wird. Wenn wir davon ausgehen, daß allein in diesem Land etwa zwei Millionen Menschen in Millionärs­haushalten leben und einige Millionen mehr auch nicht schlecht, dann können wir erahnen, daß und wie diese Minorität mit Hilfe der Verfügungs­gewalt über die Medien und die Politik (und den Repressions­apparat) ihre Vorstellungen gegen die Majorität „ganz demokratisch“ durchsetzt.

Weitere Themen des aktuellen Heftes sind der Staatsstreich in Athen, bei dem die deutsche Politik inzwischen ganz offen den Takt im eigenen wohlverstandenen Interesse vorzugeben sucht, die neue Finanz­aristokratie, wie Ungarns rechte Regierung versucht, dem Wirtschaftsdiktat von EU und IWF zu entgehen, oder weshalb 20 Jahre Kapitalismus in Rußland auch nicht demokratischer sind als die poststalinistische Sowjetunion. Natürlich wächst weltweit die Empötung und Wut, und manchmal gibt es auch Erfolge gegen den Durchmarsch von Banken und Konzernen zu vermelden. Auch innerhalb der ausgebeuteten Klassen gibt es Gewinner und Verlierer, insbesondere Österrreich liegt in der finanziellen Diskriminierung von Frauen ganz vorne. Winfried Wolf nimmt uns daher mit zu einem lehrreichen Crashkurs in kapitalistische Ausbeuter- und Plünderlogik und erklärt uns, wie diese Logik mit dem Geschäfts­gebaren chinesischer Neureicher zusammenhängt, exorbitant teuren Wein einzukaufen und zu Spekulations­zwecken einzulagern.

Die ökonomiekritische Zeitschrift „Lunapark21“ wird viermal pro Jahr zum Einzelpreis von 5 Euro 50 herausgegeben und ist in Darmstadt im Georg-Büchner-Buchladen und im Zeitschriften­handel im Hauptbahnhof erhältlich. Die auch sozial recht ausdifferenzierten Abomöglich­keiten sind auf der Webseite des Projekts ausführlich beschrieben: www.lunapark21.de.

Und damit kommen wir nun zum schon angekündigten Vortrag von Margit Berner. Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

»»  Zum Podcast: „Deutschblütig oder Die Idee der ‚Rassenreinheit‘“.


Diese Seite wurde zuletzt am 5. März 2012 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2012. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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