Kapital – Verbrechen

An der Front

 

SENDEMANUSKRIPT

In der Sendung vom 30. August 2006 sprach ich über die Feldforschung von Pierre Bourdieu in Algerien, über die Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls durch Zinédine Zidane, über verbrannte frazösische Erde im Ersten Weltkrieg und über Wirtschaftssanktionen, welche die irakische Zivilbevölkerung für imperialistische Ölinteressen zurichten sollten.

 

 

Sendung :

Kapital – Verbrechen

An der Front

 

Redaktion und Moderation :

Walter Kuhl

 

gesendet auf :

Radio Darmstadt

 

Redaktion :

Alltag und Geschichte

 

gesendet am :

Mittwoch, 30. August 2006, 19.00–20.00 Uhr

 

wiederholt am :

Donnerstag, 31. August 2006, 01.10–02.10 Uhr
Donnerstag, 31. August 2006, 10.00–11.00 Uhr

 
 

Besprochene und benutzte Bücher :

  • Mittelweg 36, Heft 3/2006
  • Mittelweg 36, Heft 4/2006
  • Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hg.) : Die Deutschen an der Somme 1914–1918, Klartext Verlag
  • Hans–C. Graf Sponeck : Ein anderer Krieg, Hamburger Edition

 
 

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung

Kapitel 2 : Feldforschung in Algerien

Kapitel 3 : Ein Kopfstoß macht Geschichte

Kapitel 4 : Verbrannte Erde auf dem Übungsplatz

Kapitel 5 : Was humanitäre Kriegsführung wirklich ist

Kapitel 6 : Schluß

Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte –

mit dem Alltag und Geschichte Magazin. Die heutigen Themen sind: Wie sich der französische Soziologe Pierre Bourdieu während des algerischen Befreiungskrieges verhalten hat, warum Zinédine Zidane für ein Zusammengehörigkeitsgefühl sorgt, was die Deutschen im 1. Weltkrieg in Frankreich hinterlassen haben, und warum ein Wirtschaftsembargo den Tatbestand des Völkermordes erfüllt. In der zweiten Stunde unseres Magazins erteilen wir den Kolleginnen und Kollegen des Freien Sender Kombinats in Hamburg das Wort mit ihrer literarisch-politischen Sendereihe Lorettas Leselampe. Durch die Sendung führt Walter Kuhl.

Radio Darmstadt ist das lizenzierte nichtkommerzielle Lokalradio für Darmstadt und ist zu empfangen auf den Frequenzen 103,4 Megahertz mit Antenne, auf 99,85 Megahertz im Kabelnetz Darmstadt, auf 97,0 Megahertz in der Kabelinsel Groß–Gerau, Büttelborn und Weiterstadt, sowie weltweit im Internet über den Livestream.

Kommen wir zu unserem ersten Thema.

 

Feldforschung in Algerien

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 3/2006, 94 Seiten, € 9,50

Der im Januar 2002 verstorbene französische Soziologe Pierre Bourdieu wurde Mitte der 50er Jahre als Wehrpflichtiger in die damalige französische Kolonie Algerien geschickt. Seit 1954 befand sich Algerien in einem antikolonialen Befreiungskrieg, der von beiden Seiten hart und brutal geführt wurde. Aufgrund der waffentechnischen Überlegenheit richteten die Kolonialtruppen ein Massaker nach dem anderen an und führten sich auch ansonsten wie Kolonialherren auf, die für ihre Taten nicht belangt werden können. Schätzungen gehen davon aus, daß in den Jahren dieses Befreiungskrieges von 1954 bis 1962 rund 300.000 bis eine Millionen Menschen getötet worden sind, davon die weitaus meisten durch französische Truppen und Paramilitärs. [1]

Pierre Bourdieu hatte gerade die Pariser Elite–Hochschule École Normale Supérieure abgeschlossen und es stand ihm eine ruhmreiche intellektuelle Karriere im Dienste der herrschenden Klasse bevor. Doch anstatt den gehorsamen ideologischen Vorkämpfer französisch–kapitalistischer Werte abzugeben, benutzte er seinen erzwungenen Algerien–Aufenthalt für eine Feldstudie der zu seiner Zeit ungewöhnlichen Art. "Ich wollte", so Bourdieu vier Jahrzehnte später,

angesichts der dramatischen Situation in Algerien etwas tun, wollte mich nützlich machen und entschloß mich deshalb, eine Untersuchung über die algerische Gesellschaft in Angriff zu nehmen, um den Menschen zu Hause ein wenig besser verständlich zu machen, was in diesem Land geschah. Ich wollte bezeugen, was sich da vor meinen Augen abspielte. [2]

Franz Schultheiß schreibt hierzu in Heft 3/2006 der Zeitschrift Mittelweg 36:

Vielleicht handelt es sich hier um einen sehr persönlichen Ausweg aus dem Dilemma der kolonialen Konstellation, aus der »Ursünde des Intellektuellen aus dem Lande der Kolonialherren«. Die Teilhabe an der kollektiven Schuld arbeitet er ab, indem er, mit Marx gesprochen, die Waffen der Kritik zur Kritik der Waffen nutzt und seine wissenschaftliche Kompetenz in den Dienst einer Sicht algerischer Verhältnisse stellt, die den gängigen rassistischen Stereotypen, die sich die kolonialen Modernisierer von den »Entwicklungsländern« machen, zuwiderläuft. [3]

Es ging Bourdieu deshalb darum, die symbolische Gewalt im Blick des Kolonialherren herauszuarbeiten. Diese kolonialistische Weltbild geht davon aus, daß seine eigenen moralischen, ästhetischen und ökonomischen Kategorien und Werte universell gelten. Das Andere ist das Fremde, und es ist in dieser Sicht immer unentwickelt und mangelhaft. Bourdieu hingegen versuchte zu zeigen, daß dieses angeblich Mangelhafte auf einer eigenen rationalen Logik beruht.

Cover Mittelweg 36Bourdieu, der in Algerien zum Schreibdienst abgestellt wird, entwickelt nicht nur quantitative und qualitative Methoden statistischer soziologischer Erhebungen, darüber hinaus entdeckt er das Mittel der Fotografie für sein Anliegen. Eine Fotografie, die das Andere genauso sichtbar macht wie die Zerstörung des Anderen durch den französischen Kolonialismus und Rassismus. Dabei sind die Abgebildeten nicht das Objekt eines sezierenden Forschers, sondern sie sind Teil einer teilnehmenden Beobachtung.

Von den mehreren tausend Fotografien sind im Laufe der Jahre viele nicht mehr erhalten. Aus dem fotografischen Fundus des Soziologen entstand das Ausstellungsprojekt Ökonomie des Elends. Pierre Bourdieu in Algerien, das 2005 und 2006 im Kunstraum der Universität Lüneburg realisiert wurde [4]. Die Literaturbeilage Pierre Bourdieu in Algerien bildet einen rund 50 Seiten umfassenden spannenden Schwerpunkt des Juni–Heftes der Zeitschrift Mittelweg 36 aus dem Hamburger Institut für Sozialforschung [5].

Besonders faszinierend (und erschreckend) finde ich die Fotoserie über Landarbeiter in der Mitidja–Ebene südlich von Algier. Sie arbeiten zu fünft oder sechst in einer Reihe und versprühen eine Sulfatlösung. Dabei sind sie selbst nur ausführendes Organ einer lebendigen Maschinerie, denn sie sind über einen Schlauch aneinander gekoppelt und dadurch mit einer Maschine verbunden, die das Sulfat liefert. Diese Landarbeiter arbeiteten für einen Hungerlohn. [6]

Pierre Bourdieu mußte für seine Feldforschungen jedoch auch neue Begriffe und Einsichten gewinnen. Ihm

ging es zunächst um eine Kritik an dem für den Kolonialismus so typischen ethnozentrischen Mißverständnis einer angeblichen ökonomischen »Irrationalität« der algerischen Bevölkerung. Man sprach zum Beispiel regelmäßig in der Presse davon, daß ihr ökonomisches Verhalten eine Modernisierung erschwere, man behauptete, sie wirtschafteten »von Tag zu Tag«, in den Tag hinein, ohne die Fähigkeit zur längerfristigen Planung und Voraussicht und ohne die Fähigkeit, zugunsten späterer Erträge hier und jetzt einen Verzicht leisten zu können.

Die Algerierinnen und Algerier hatten also das aufgeklärte Eigeninteresse eines nur an seiner eigenen Profitabilität interessierten Homo Oeconomicus noch nicht eingebleut bekommen. Pierre Bourdieu fährt fort:

Ich habe in den damals begonnenen Feldforschungen unter anderem versucht, die ökonomische Rationalität der algerischen Bauern durchsichtig zu machen, in ihrer engen Verknüpfung mit natürlichen Zyklen zu verstehen und zu verdeutlichen, wie die vom Kolonialismus mit Gewalt durchgesetzten Innovationen diese Zyklen zerstörten.

Und als Beispiel führt er an:

Dabei zermarterte ich mir oft tagelang den Kopf, um Sachverhalte zu begreifen, die jeder ersten Intuition zuwiderliefen, wie etwa die Frage, warum in der traditionalen Wirtschaft der Kabylei derjenige, der einem anderen seinen Ochsen zu Feldarbeiten leiht, diesem noch das Futter liefert oder bezahlt. [7]

Die französische Besatzungsarmee, in der rund eine Million Franzosen in Algerien dienten, konnte sich dem Befreiungskrieg nur mittels brutaler Repressionsgewalt erwehren. Hierbei wurden Millionen von Menschen systematisch entwurzelt. Es mag dahin gestellt sein, ob die Franzosen ahnten, daß sie den Krieg verlieren würden, und sie deshalb alle Sozialstrukturen zerstören wollten, um dem kriegsmüden Land keine Chance zum Wiederaufbau zu lassen. Oder ob die Franzosen diesen Entwurzelungsprozeß bewußt einsetzten, um den schon bei Karl Marx im Kapital beschriebenen Scheidungsprozeß von Produzenten und Produktionsmitteln, also von Bauern und ihrem Land, durchzuführen. Die Folge wäre ein geradezu vogelfreies Landproletariat gewesen, das sich bei Strafe des Verhungerns zu jeder Arbeit hätte verdingen müssen.

Jedenfalls wurden als Maßnahme zur Aufstandsbekämpfung Millionen Algerierinnen und Algerier in Umsiedlungslager deportiert – später sollte das Konzept beispielsweise in Vietnam "strategische Dörfer" heißen –, um den Zerfall der Familien zu beschleunigen und traditionelle Bande der Solidarität zu zerstören. Diese bewußte Zerstörung einer in sich stimmigen, wenn auch nicht zu glorifizierenden, weil auf anders strukturierter Ausbeutung basierenden Ökonomie kann sicherlich als ein wesentliches Element für den bis heute anhaltenden Desintegrations– und Selbstzerstörungsprozeß der algerischen Gesellschaft verantwortlich gemacht werden.[8]

Pierre Bourdieu machte sich zum Zeugen dieses Prozesses, aus dem er wertvolle Impulse für seine spätere wissenschaftliche Arbeit bezog. Der Literaturschwerpunkt im Juni–Heft von Mittelweg 36 macht diesen Prozeß erfahrbar und vermittelt zudem ein wenig davon, was Feldforschung im emanzipatorischen Sinne bedeuten kann.

Weitere Aufsätze in diesem Heft behandeln NS–Tätertöchter im aktuellen deutschen Familienroman und dessen Entlastungsfunktion, sowie Fragestellungen in Bezug auf eine ritualisierte Erinnerungskultur in diesem Land. Das Heft 3 der Zeitschrift ist im Juni erschienen und über den Buchhandel zu beziehen. Der Preis des Einzelheftes beträgt 9 Euro 50.

 

Ein Kopfstoß macht Geschichte

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 4/2006, 103 Seiten, € 9,50

Aus Algerien stammen auch die Eltern des nach der Fußball–Weltmeisterschaft zurück getretenen Fußballstars Zinédine Zidane. Schon sechs Tage vor seinem berühmten Kopfstoß gegen den italienischen Abwehrspieler Marco Materazzi im Finale der großen Party hat Nikola Tietze einen öffentlichen Vortrag unter dem Titel Zinédine Zidane oder das Spiel mit den Zugehörigkeiten gehalten. Dieser Vortrag kann in einer überarbeiteten und auf die Höhe des Kopfstoßes gebrachten Fassung im aktuellen Heft 4 der Zeitschrift Mittelweg 36 nachgelesen werden. [9]

Nikola Tietze stellt nach einer kurzen Vorstellung der Karriere des nun als Fußballrentner lebenden Stars fest, daß die Gestalt Zinédine Zidane verschiedene Muster bereit, um Zugehörigkeit zu konstruieren. Popstars sind deswegen Popstars, weil sie massenhafte Identifikation ermöglichen und (herbeigewünschte) Lebensvorstellungen zumindest symbolisch repräsentieren. Bei Zidane kommt hinzu, daß er gerade in migrantischen Milieus eine besondere Form der Sinnstiftung ermöglicht. Nikola Tietze möchte daher

ethnische Gemeinschaftsbildungen in der westeuropäischen Einwanderungsgesellschaft, unabhängig von Herkunft, Religion und Kultur, mit Hilfe von Zinédine Zidane in den Blick nehmen und als Ausdruck impliziter Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen verstehen. [10]

Cover Mittelweg 36 Die Autorin stellt deshalb sechs Zugehörigkeitsmuster zur Debatte: der Genius, die Wurzeln, Solidarität und Treue, geschäftlicher und gesellschaftlicher Erfolg, Respekt vor der individuellen Freiheit und körperliche Leistungsfähigkeit. Ob und inwieweit es sich hierbei um rein männliche Deutungsmuster handelt, ob und inwieweit junge Frauen und Mädchen von der Autorin überhaupt zu ihrer Deutungswelt befragt wurden, bleibt vollkommen offen. Wir bewegen uns offenkundig auf einem rein männlichen Terrain. Das hätte die Autorin thematisieren müssen. "Gemeinschaftsvorstellungen", so sagt Nikola Tietze,

die das Genie einzelner Personen trägt, sind nicht nur Gegenbilder zu erfahrener Mißachtung oder ausbleibender Anerkennung. Sie sind vor allem Gegenentwürfe zur Gesellschaft und ihrer Ordnung. Das Narrativ vom Genie der Gemeinschaft läßt Muslime, Kabylen oder Palästinenser zu außerordentlichen Weltbürgern werden, denen die Bundesrepublik und Frankreich, ja selbst Europa zu klein sind. Egal ob meine Interviewpartner sich als Muslime, Kabylen oder Palästinenser beschreiben, sie stellen mit Blick auf die Ausnahmeleistungen Zidanes der gesellschaftlichen Realität eine utopische Vollkommenheit entgegen: entweder vollkommene Gerechtigkeit und Gleichheit oder einen gegen alle sozio-ökonomischen sowie politischen Schwierigkeiten immunen sozialen Aufstieg. [11]

Auch die übrigen Zugehörigkeitsmuster wie gemeinsame Wurzeln, Solidarität, Erfolg, Respekt oder Physis lassen sich in ähnlicher Weise begründen und individuell abrufen. Und so, wie Zidane, sich in vollem Lauf auf dem Ball drehen kann, um die Gegner auszuspielen, so können auch die Gemeinschaftsvorstellungen agieren wie Zidane als offensiver Mittelfeldspieler. Diese eher migrantischen Gemeinschaften

konzentrieren sich ganz auf situative Gelegenheiten, um [die] gegnerische Verteidigung zu durchbrechen. Diese Strategien befördern die Kreativität der Gemeinschaftsvorstellungen, begründen ihre Drehungen und Schwankungen, spornen nicht zuletzt zu mitunter sogar kapriziösen Stilisierungen an […], [12]

so Nikola Tietze. Sogar das eigentlich alle irritierende Foul in der Verlängerung des letzten Spiels seiner Karriere macht in diesem Kontext Sinn. Zidane hatte sich bekanntlich Tage später bei den Kindern dieser Welt entschuldigt, denen er ein unerlaubtes Verhalten vorgespielt hatte. Doch seine darauf folgenden Sätze sagen etwas darüber hinaus gehendes aus: "Ich habe Kinder, ich weiß, was das heißt. Ich werde ihnen immer sagen, sich niemals auf die Füße treten zu lassen." Nikola Tietze schließt ihre Ausführungen mit dem Gedanken:

Zidanes Erziehungsgrundsatz stellt das Individuum warnend dem Sozialverband gegenüber – und zwar als ein Wesen, das sich selbst heilig ist. Daß dieses Individuum unantastbar sei, ist die Grundüberzeugung, die zu den eingangs beschriebenen Formen von Gemeinschaftsglauben gehört. Sie entscheidet über deren Beschaffenheiten mit und prägt folglich das gesellschaftliche Handeln. Wer sich ihr verschreibt, will nicht ausschließen, daß Kopfstöße ausgeteilt werden, sobald das Gefühl vorherrscht, auf die Füße getreten worden zu sein. [13]

Nun läßt sich durchaus so manches gegen diese Idealisierung eines Kopfstoßes anführen. Ich will an dieser Stelle gar nicht darauf hinaus, daß Männern bei der Lösung sozialer Probleme meist ohnehin nur ein Mittel einfällt, nämlich die rohe Gewalt. In diesem Fall wurde Zinédine Zidane von Marco Materazzi gezielt beleidigt. Diese Form von Beleidigung, für die Schwestern, Mütter und Töchter herhalten müssen, ist auf den Fußballplätzen dieser Welt weit verbreitet. Fußball ist ein Gewaltspiel, auch ein Spiel verbaler Gewalt. Wer dieses Spiel nicht regelgerecht mitspielen kann, riskiert die gelbe, oder in diesem Fall: die rote Karte. Zidane kann sich also nicht herausreden, zumal er für ähnliche Verhaltensweisen schon mehrfach vom Platz gestellt wurde.

Hinzu kommt hier ein Ehrbegriff, der den Mann Zidane ausrasten läßt. Männer definieren ihre Ehre über die Verfügungsgewalt von Frauen. Es ist vollkommen unerheblich, ob Marco Materazzi die Schwester oder die Mutter Zidanes beleidigt hat, eine Terroristin oder Hure zu sein. Wenn Zinédine Zidane sich hierdurch beleidigt fühlt, dann läßt dies tief in seine Seele blicken. Es wäre jedoch verfehlt, hier die algerischen Wurzeln im Sinne rückständigen Denkens anzuführen. Aufgeklärte deutsche Männer sind zu ähnlichen Verhaltensweisen in Bezug auf ihre verletzte Ehre fähig! Allerdings ist hierbei auch festzuhalten, daß eine gewisse rassistische Konnotation nicht zu verkennen ist. Materazzi weiß von den algerischen Wurzeln Zidanes, er weiß also, daß dort irgendwann einmal eine andere Form moralischer Ökonomie vorgeherrscht hat, eine Moral, die er glaubt, beleidigen zu dürfen.

Dennoch leben wir im 21. Jahrhundert [14], und auch von einem Zidane kann erwartet werden, daß er nicht gleich zum Kopfstoß greift, nur weil ein paar Worte gefallen sind [14a]. Er hätte dem italienischen Verteidiger auch einfach nur erwidern können: "Ja, meine Schwester ist eine Terroristin, meine Mutter eine Hure. Aber beide sind nicht nur bessere Menschen als du– sondern wir werden heute abend trotzdem Weltmeister." Aber warum sollten wir von Zinédine Zidane als Idol der unterdrückten migrantischen Massen mehr erwarten als von den militärischen Friedensengeln dieser Welt, die sich der humanitären Intervention mit der Waffe verschrieben haben und denen es auf ein paar Kollateralschäden mehr oder weniger dabei nicht ankommt? [15]

Und vielleicht ist es ja auch so, daß das zivilisatorische Moment der Gewaltlosigkeit von den Vertreterinnen und Vertretern der Mitte der Gesellschaft gnadenlos ausgenutzt wird. Es nutzt dir nichts, friedlich daneben zu stehen, wenn du beleidigt, verhöhnt, geschlagen oder gemobbt wirst. Welch höheres Wesen soll dich denn davor bewahren, wenn die neoliberale Ordnung immer mehr dazu übergeht, jede Verantwortung für die von ihr geschaffene brutale Welt weit von sich zu weisen? Vielleicht müssen wir neu – und das heißt auch: solidarisch – lernen, mit dieser alten neuen Form sozialer Gewalt angemessen umzugehen. Auch wenn mir dieser Gedanke nicht gefällt, so halte ich es doch mit der guatemaltekischen Friedensnobelpreisträgerin von 1992, Rigoberta Menchú: "Ich habe keine andere Wange mehr anzubieten." [16]

Das aktuelle Heft 4 der Zeitschrift Mittelweg 36 befaßt sich zudem mit anderen Formen der Gewalt. In zwei Aufsätzen werden britische Militärstrategien während des Kalten Krieges beleuchtet, die auch Anhaltspunkte darauf geben können, wie sich das aufgeklärte Europa seine humanitären Interventionen im Zeitalter der Postmoderne vorstellt. Jan Philipp Reemtsma hat Alexander Mitscherlichs Thesen über die Grausamkeit wiedergelesen und Micha Brumlik räsoniert über abwesende Väter. Auch dieses Heft ist über den Buchhandel zu beziehen und kostet 9 Euro 50.

 

Verbrannte Erde auf dem Übungsplatz

Besprechung von : Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hg.) – Die Deutschen an der Somme 1914–1918. Krieg, Besetzung, Verbrannte Erde. Klartext Verlag 2006, 281 Seiten, € 18,90

Der Erste Weltkrieg markiert einen Bruch mit der althergebrachten Kriegsführung. Mittels der Motorisierung schritt die Technisierung des Krieges radikal voran. Der industrielle Massenkrieg entwickelte sich zu einem gigantischen Schlachtfest. Nicht mehr individuelle Tapferkeit, wie es zumindest zeitweise in den Jahrtausenden zuvor gewesen war [16a], entschied eine Schlacht. Denn der Tod am Fließband erreichte alle: Mutige und Feige, Vorsichtige und Draufgänger. Damit verbunden war eine neue Gleichgültigkeit gegenüber dem menschlichen Leben, mit Folgen für die Instrumentalisierung der massenhaften Individuen in den nachfolgenden Jahrzehnten.

Buchcover Die Deutschen an der SommeIch teile zwar nicht die Ansicht der Herausgeber des Buchs Die Deutschen an der Somme 1914–1918, daß die

totalitären Systeme der 1920er und 1930er Jahre mit ihrer Verachtung des Individuums, mit ihren wahnwitzigen Zukunftsvorstellungen und technokratischen Visionen unter Einschluß des Massenmords […] direkte Folgen dieser elementaren Kriegserfahrung der Beliebigkeit des Lebens und Überlebens in militärischen Planungszusammenhängen [17]

gewesen sein sollen. Hierzu wäre erst noch herauszuarbeiten, inwieweit der vorangegangene Siegeszug des Kapitals rund um die Erde die gewaltförmige und volkswirtschaftlich rationale Grundlage für ein solches Denken und Handeln hervorgebracht hatte. Denn auch der Erste Weltkrieg ist ja nicht einfach ausgebrochen, sondern war vorhersehbar, war gewissermaßen notwendig als reinigende Kraft einer heraufziehenden Krise in Bezug auf profitable Geschäftsfelder. So zeigt die im selben Verlag erschienene Studie von Stefanie van de Kerkhof Von der Friedens– zur Kriegswirtschaft, wie notwendig für die Profitabilität der deutschen Eisen– und Stahlindustrie dieser Krieg war [18].

Dennoch ist es richtig hervorzuheben, daß der Erste Weltkrieg einer ökonomischen Logik gehorchte, die in dieser Form erstmals massenhaft umgesetzt wurde: "Maximum slaughter at minimum expense", wie es der englische Philosoph Bertrand Russell formulierte. Also größtmögliches Abschlachten zu minimalen Kosten.

Die größte und zugleich verlustreichste dieser militärischen Operationen des Ersten Weltkriegs ereignete sich vor nunmehr 90 Jahren im östlichen Teil der nordfranzösischen Region Picardie, an beiden Seiten des Flusses Somme. [19]

Und hiervon handelt dann auch der von Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich und Irina Renz im Klartext Verlag herausgegebene Band Die Deutschen an der Somme 1914–1918. Es geht hierbei um Kriegsführung, Besatzungspolitik und vor allem um verbrannte Erde, begangen von deutschen Truppen auf Geheiß ihres Oberkommandos um Ludendorff und Hindenburg [20]. Von Juni bis November 1916 standen sich an der Somme rund zweieinhalb Millionen alliierte und anderthalb Millionen deutsche Soldaten gegenüber, von denen ein Viertel, etwas mehr als eine Million getötet oder verwundet wurden oder in Gefangenschaft gerieten. Diese ungeheuerlichen Verluste in einer gigantischen Material- und Abnutzungsschlacht korrespondierten mit minimalsten Geländegewinnen.

Um einige hundert Kilometer weiter östlich lag die uneinnehmbare Festung Verdun; und hier wird das Ziel der Kriegsführung noch deutlicher. General Falkenhayn gedachte, durch einen Angriff auf Verdun, der nicht das Ziel hatte, die Festung zu erobern, die französische Armee im Verhältnis 5:2 ausbluten zu können. Letztlich entsprach das Verhältnis fast 1:1, aber darauf kommt es nicht an. Das strategische Ziel erforderte es, Menschen massenhaft zu opfern [21]. An der Somme wurde zwischen 1916 und 1918, so das Herausgeberteam,

in großem Stil die neue Waffe der gepanzerten Tanks eingesetzt, hier erprobten alle Seiten neue Techniken der Artillerietaktik und der modernen Luftkriegsführung. [22]

Waren die Schlachtfelder an der Somme für die alliierten Truppen gleichsam synonym für den Ersten Weltkrieg selbst, so wurde der "heroische Abwehrkampf" auf deutscher Seite emotional aufgeladen, verlor jedoch unter den Nazis gegenüber Verdun als Mythenspeicher und Erinnerungsort. Dennoch ist festzuhalten, daß gerade die deutschen Truppen sowohl an der Somme wie auch in anderen Teilen Nordfrankreichs die rigorose Ausbeutung und Unterdrückung der Bevölkerung ermöglichten. Bei ihrem erzwungenen Abzug 1917 hinterließen sie einen kilometerbreiten Streifen absoluter Zerstörung und Verwüstung. Der totale Krieg deutete sich hier in der Politik der verbrannten Erde an.

Dem Herausgeberteam war es wichtig, Einblicke in die militärische Organisation dieses Kriegsgeschehens genauso zu gewähren wie in die individuelle Erfahrung des Kriegsalltags. Hierzu wurden offizielle Verlautbarungen, aber auch Tagebücher, Fotografien, Briefe und literarische Dokumente ausgewertet und abgedruckt. Dieses Buch soll ähnlich wie das Weltkriegsmuseum in Péronne dazu dienen, die Kriegslandschaft an der Somme und ihre deutsche Vergangenheit näher kennen zu lernen. Dieser pädagogisch orientierte Ansatz hat jedenfalls nichts mit einer Begeisterung für Krieg und Heldentum gemein. Es handelt sich also nicht um das literarische Pendant zu einem als Antikriegsfilm verklärten Massenmordschinken.

Jedenfalls wird in den Dokumenten und historischen Überblickskapiteln deutlich, daß man und frau keine Nazis benötigt, um einen totalen Krieg zu führen. Ganz normale Deutsche, wenn auch zumindest an der Front selbst in einer extremen Ausnahmesituation, reichen für Mord, Gewalt und Zerstörung vollkommen aus.

Der von Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich und Irina Renz herausgegebene Band heißt Die Deutschen an der Somme 1914–1918. Das Buch ist im Klartext Verlag erschienen, es hat 281 Seiten und kostet 18 Euro 90.

 

Was humanitäre Kriegsführung wirklich ist

Besprechung von : Hans–C. Graf Sponeck – Ein anderer Krieg, Hamburger Edition 2005, 365 Seiten, € 35,00

Manche Kriege sind auch dann mörderisch, wenn sie weitgehend ohne Waffen geführt werden. Nach der Kapitulation Saddam Husseins nach dem zweiten Golfkrieg 1991 wurde das Land unter ein Wirtschaftssanktionssystem unter Schirmherrschaft der Vereinten Nationen gestellt. Nach fünf Jahren eines harten Sanktionsregimes trat Ende 1996 das Öl für LebensmittelProgramm in Kraft, welches es dem Irak ermöglichte, für eine begrenzte Ölmenge dringend benötigte Güter zu importieren. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wäre nicht der Sicherheitsrat, wenn er nicht jede Menge Fallen und Hindernisse in dieses Programm eingebaut hätte. Denn schließlich sollte das Programm nicht der Zivilbevölkerung dienen, sondern den strategischen Interessen vor allem der USA und seines Satelliten Großbritannien.

Buchcover Ein anderer Krieg Von Herbst 1998 bis zu seinem Rücktritt im Februar 2000 war Hans–Christof Graf Sponeck als Humanitärer Koordinator der Vereinten Nationen für die Umsetzung des Öl für LebensmittelProgramms in Bagdad verantwortlich. Als Insider konnte er eine Menge Erfahrungen sammeln, vor allem solche, mit denen er naiverweise nicht gerechnet hatte. Wenn es jemanden gibt, der Auskunft geben kann über die Brutalität und Unmenschlichkeit eines Wirtschaftssanktionssystems, dann ist es der ehemalige Humanitäre Koordinator im Irak.

Über seine Erfahrungen hat er ein Buch geschrieben, das deutlich macht, was imperialistische Politik bedeutet und wem sie ganz gewiß nicht dient: nämlich der Zivilbevölkerung. Das Buch heißt Ein anderer Krieg, es ist Ende letzten Jahres in der Hamburger Edition des Hamburger Instituts für Sozialforschung herausgekommen. Es ist ein spannend zu lesendes Buch, weil es die Mechanismen der Arroganz der Macht klarmacht, mit der Millionen Menschen in Hunger, Armut, Krankheit und Unterdrückung gehalten werden, nur weil man es auf das Öl des Diktators Saddam Hussein abgesehen hatte.

Wenn Hans-Christof Graf Sponeck tatsächlich der Idealist ist, als der er sich darstellt, dann würde dies so manche Naivität im Umgang mit dieser eiskalt exekutierten Macht erklären. Insbesondere ist auffällig, daß er nicht begreift, daß Politik und Wirtschaft im globalen Maßstab ganz bestimmten Regularien unterworfen sind. Diese Regularien lernt man und frau nicht in den humanitären Institutionen der Vereinten Nationen, sondern in der harten Schule der Auseinandersetzung mit der kapitalistischen Wirklichkeit. Diese fundamentale Kritik an der Naivität des Autors schmälert die Bedeutung seines Buchs über Das Sanktionsregime der UNO im Irak jedoch nicht im mindesten. Die weiter gehende Kritik an derartigen Zuständen ist beim Lesen jedoch immer mit zu denken.

Die Geste, an den von der UNO und seinen Sicherheitsrats–Mitgliedern verübten Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht länger teilhaben und sie durch seine Tätigkeit im Irak nicht weiter legitimieren zu wollen, verdient Anerkennung und Respekt.

Für die ersten drei Phasen des Öl für LebensmittelProgramms hatte der Weltsicherheitsrat jeweils zwei Milliarden Dollar bewilligt. Jede der Ende 1996 begonnenen Phasen dauerte sechs Monate. Jedoch standen nicht die ganzen zwei Milliarden Dollar zur Verfügung. Zunächst einmal wurden hiermit Regreßansprüche aus der Besatzung Kuwaits 1990/91 bedient, die – wie der Autor zeigen kann – zum Teil vollkommen überzogen waren. Dann wurden mit irakischem Geld die Verwaltungsausgaben der UNO hiermit beglichen und selbstverständlich auch die neu angeschafften teuren Fahrzeuge, US–amerikanische Luxuslimousinen, mit der das hoch dotierte UNO-Personal vor den Augen der Irakerinnen und Iraker bequem durchs Land reisen durfte. Auch die Waffeninspektionen wurden hieraus finanziert.

Wenn man und frau bedenkt, daß die Infrastruktur weiter Teile des Iraks 1991 (und danach) gezielt zerstört wurden und die Bombardierungen gerade zu der Zeit wieder ausgeweitet wurden, als der Autor als Humanitärer Koordinator im Land weilte, dann müssen wir den Zynismus des UN-Sicherheitsrates bewundern. Dieser hatte nämlich in einer Resolution sich besorgt gezeigt

über die ernste Ernährungs- und Gesundheitssituation der irakischen Bevölkerung sowie über die Gefahr einer weiteren Verschlechterung dieser Situation [23].

Besorgt, wie die Herren der Welt waren, erlaubten sie dem Irak die Ölausfuhr zur Finanzierung des Programms in einer Größenordnung,

daß jedem irakischen Bürger gerade einmal 32 US–Cent pro Tag für Nahrungsmittel, Arznei, landwirtschaftliche Produktionsmittel, Elektrizität, Wasser, Abwasserentsorgung und Erziehung zur Verfügung standen. [24]

Bei dieser großzügigen Hilfe ist es dann kein Wunder gewesen, wenn die Alphabetisierung dramatisch zurückging, die Armut drastisch zunahm und die Kinder an leicht heilbaren Krankheiten wegstarben, nur weil es nicht erlaubt war, dringend benötigte Medikamente oder Gegenstände einzuführen, mit denen die Medikamente kühl gehalten werden konnten.

Wichtig ist zudem festzuhalten, daß das Sanktionsregime sich besonders perfider Methoden bediente, um die Zivilbevölkerung eines Landes dafür zu bestrafen, daß ihr Diktator Saddam Hussein nicht mehr das Spiel des Westens spielte, sondern sein eigenes. Die Einfuhren wurden streng kontrolliert; die Listen anzuschaffender Gegenstände nach willkürlichen Kriterien durchforstet. Alles, was den Irakerinnen und Irakern hätte helfen können, ein besseres Leben zu führen, wurde verboten mit der Begründung, es ließe sich auch militärisch nutzen. Das gehörten Bleistifte, weil sie Graphit enthalten, oder naturwissenschaftliche Schulbücher, weil daraus das Wissen über Massenvernichtungswaffen gezogen werden könne. Demnach würde an der Technischen Universität Darmstadt nicht nur kapitalismuskompatible Hochschulbildung vermittelt, sondern gezielt Massenvernichtung gelehrt werden. Die Schikanen waren gnaden– und grenzenlos. Und der Humanitäre Koordinator arbeitete sich zunehmend frustriert daran ab.

Professor Marc Bossuyt, Richter am belgischen Schiedsgerichtshof, legte dem Wirtschafts– und Sozialrat der UNO im Jahr 2000 einen Bericht vor. Seine Schlußfolgerung war klar und unmißverständlich: Das Sanktionsregime gegen den Irak verstoße gegen die Völkermordkonvention von 1948 [25]. Das war nicht einfach daher gesagt, sondern wohl begründet [26]. Leider zieht Hans–Christof Graf Sponeck nicht den notwendigen Schluß aus dem Bericht wie seinen eigenen Erfahrungen: die Terrorisierung einer ganzen Gesellschaft war gewollt. Es kann deshalb nicht darum gehen, die UNO zu reformieren, wie der Autor vorschlägt, um derartige Mißstände zu beseitigen. Die UNO ist organischer Teil dieses Regimes selbst.

Kommen wir noch zu dem Gerücht, Saddam Hussein habe mit diesem Programm seinen Repressionsapparat und seinen Luxus finanziert. Dem widerspricht der Autor, weil er es anders erlebt hat und analysieren konnte. Mehr noch: er attestiert seinen irakischen Kolleginnen und Kollegen eine im Rahmen desolat gehaltener Möglichkeiten hohe Professionalität. Hilfsgüter, die mit dem Öl für LebensmittelProgramm angeschafft werden konnten, wurden dort verteilt, wo sie benötigt wurden.

Eine kleinere Ungenauigkeit ist vernachlässigenswert und erschließen sich von selbst. So wird auf Seite 153 der 28. April statt des 28. Februar als Tag eines alliierten Angriffs genannt. Ärgerlich ist jedoch, wenn er von einem "angeblichen" Giftgaseinsatz des Saddam-Regimes gegen die Kurden schreibt [27] oder seinem obersten Boß Kofi Annan recht kritiklos gegenübersteht.

Ich finde, man und frau muß das Buch selbst gelesen haben, um zu verstehen, aus welch tiefer Verzweiflung und mit welchem Haß die Menschen im Irak ihren angeblichen Befreiern begegnen. Wobei festzuhalten ist, daß die Menschen dem Humanitären Koordinator nicht mit Haß, eher mit Verzweiflung begegnet sind. Durch die Invasion der USA und Großbritanniens wurde jedoch die brutale Gewalt, in der Hand eines einzigen Diktators konzentriert war, überführt in die Gewalt der von niemandem mehr kontrollierten Milizen und Kommandos. Die Terroranschläge in Bagdad und anderswo sind nicht blind und planlos, sondern gezielt und gewollt. Hiermit werden unter den Augen und vielleicht auch mit Wissen und wohlwollender Billigung der Besatzungstruppen ethnische Säuberungen vorbereitet und ansatzweise durchgeführt [28].

Und dieser Haß, diese Verzweiflung sind ja auch kein Wunder. Ein irakisches Kind, das zu Beginn der Sanktionen 1990 sechs Jahre alt war, war 19, als die USA das Land eroberten. Dreizehn Jahre armselige Bildung ohne Zugang zu modernem Wissen, dreizehn Jahre Armut, manchmal Hunger, dreizehn Jahre mit ansehen zu müssen, wie eine ganze Gesellschaft zerfällt, dreizehn Jahre erleben, was Entwürdigung bedeutet [29]. Wenn dann Milizen oder religiöse Fanatiker kommen und eine Perspektive anbieten – wer würde da nein sagen? Männer sind nicht von Natur aus gewalttätig; sie werden dazu gemacht.

Wie in Afghanistan so ist es auch im Irak: die imperialistische Gewalt züchtet sich ihre eigenen Terroristen. Ein destabilisierte Gesellschaft ist nämlich eine gute Gesellschaft, weil sie keinen organisierten emanzipatorischen Widerstand gegen die Zumutungen von Fremdbestimmung, Ausbeutung und Ausplünderung mehr leisten kann. Dies – und nichts anderes – war der Sinn des UNO–Sanktionsregimes gegen den Irak. Dieser Schluß ist so ungeheuerlich, daß der Autor, der einmal Teil dieses Systems war, sich diesem Gedanken nicht stellen mag.

Ein anderer Krieg, diese 365 Seiten starke Anklage von Hans–Christof Graf Sponeck über Das Sanktionsregime der UNO im Irak, ist vergangenes Jahr in der Hamburger Edition zum Preis von 35 Euro erschienen. Angesichts der Brisanz des Themas wäre dem Buch eigentlich eine weite Verbreitung mit einem erschwinglicheren Ladenpreis zu wünschen.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute im Rahmen des Alltag und Geschichte Magazins mit Berichten von der Front. Den französischen Soziologien Pierre Bourdieu verschlug es ins Algerien des Befreiungskrieges gegen den französischen Kolonialismus; und er nahm auf seine Weise Partei. Andere Schlachten werden auf dem Fußballplatz ausgetragen. Nikola Tietze betrachtete deshalb den Kult um Zinédine Zidane und dessen Bedeutung für die Zugehörigkeit zu dieser Welt.

Andere Schlachten, andere Kriege. – Die deutschen Truppen betrieben während des 1. Weltkrieges in Frankreich eine Politik der verbrannten Erde. Der erste totale Krieg ließ erahnen, wozu ganz normale Deutsche im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts fähig sein sollten. Und schließlich kann man Krieg auch weitgehend ohne Waffen führen. Hans–Christof Graf Sponeck hat eine grundlegende Untersuchung über das UN-Sanktionsregime gegen den Irak in den 90er Jahren vorgelegt. Die ehemalige US-amerikanische Außenministerin Madeleine Albright, also die gute Freundin von Joschka Fischer, wußte eben genau, warum sie sagte, daß eine halbe Million toter irakischer Kinder an angemessener Preis für imperialistische Interessen sind [30].

Es sei hier nur nebenbei darauf hingewiesen, daß der 1. September traditionell der Antikriegstag ist. Passend hierzu passen deutsche Truppen im Kongo darauf auf, daß die wirtschaftlichen Interessen der BAYER–Tochter H.C. Starck [31] und anderer deutschen Firmen gewahrt bleiben, denn Ausbeutung unter Warlord–Bedingungen ist durchaus profitabel. Wer ein bißchen hierüber erfahren möchte, sollte sich vielleicht den Film Darwin's Nightmare anschauen, der vor einiger Zeit auch im Kommunalen Kino in Weiterstadt zu sehen war. Andere deutsche Truppen sollen zukünftig an Libanons Grenzen stationiert werden, um Israel bei der Fortsetzung seiner Okkupationspolitik in der Westbank, in Gaza, im Südlibanon und auf den Golan–Höhen zu unterstützen.

Vergessen wir nicht die Bundeswehrsoldaten, die nach Aussage des ehemaligen Verteidigungsministers Peter Struck damit betraut sind, Deutschland am Hindukusch vor marodierenden Muslimen zu verteidigen. Das ebenfalls dort stationierte Kommando Spezialkräfte operiert im Verbund mit US–amerikanischen Spezialeinheiten derart geheim, daß es schon wieder verdächtig ist [32]. In all diesen Fällen gilt das Interesse sicherlich nicht dem Schutz der Zivilbevölkerung. Die Zivilbevölkerung findet in derartigen Einsätzen nur als Kollateralschaden statt.

Deshalb noch einmal ein Hinweis auf die in dieser Sendung benutzten Zeitschriften und Bücher:

Die Zeitschrift Mittelweg 36 ist die Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Sie erscheint alle zwei Monate zum Heftpreis von 9 Euro 50. Das Jahresabo kostet 48 Euro plus Versandkosten. Die Literaturbeilage zu Pierre Bourdieu in Algerien findet sich in Heft 3 vom Juni 2006, die Betrachtungen von Nikola Tietze über Zinédine Zidane im aktuellen Heft 4.

Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich und Irina Renz haben den Band Die Deutschen an der Somme 1914–1918 herausgegeben. Das Buch ist im Klartext Verlag zum Preis von 18 Euro 90 erschienen. Das Buch Ein anderer Krieg von Hans–Christof Graf Sponeck ist in der Hamburger Edition herausgekommen und kostet 35 Euro.

Im zweiten Teil dieses Alltag und Geschichte Magazins geht es um Literatur. Im Hamburger freien Radio Freies Sender Kombinat gibt es einmal im Monat die Sendereihe Lorettas Leselampe. In dieser Reihe wird mit wechselnden Schwerpunkten über das Verhältnis von Literatur und Politik und über das Politische an den Medien überhaupt gesprochen. In der Regel führen Angela Delissen und Ole Frahm durch dieses Programm.

Seit einigen Monaten werden ausgewählte Teile dieser Sendereihe auch bei Radio Darmstadt ausgestrahlt, und zwar alle zwei Wochen dienstags um 23.00 Uhr. Die nächste Folge gibt es allerdings urlaubsbedingt erst wieder am 3. Oktober zu hören. So nutzen wir heute die Gelegenheit, Lorettas Leselampe auch einmal im wiederholten Programm von Radio Darmstadt zu senden [33]. Ich hoffe, die Sendung findet euer Interesse.

Das heutige Alltag und Geschichte Magazin wird in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag zwischen 2.00 und 4.00 Uhr [34], sowie am Donnerstagvormittag von 10.00 bis 12.00 Uhr wiederholt. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte war Walter Kuhl. Doch nun zu Lorettas Leselampe.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Adolf Arnold : Algerien [1995], Seite 35. Christine Köfer schreibt in ihrem Buch Die Algerienkrise [1997] von einer Zahl algerischer Kriegsopfer zwischen 141.000 und 1,5 Millionen, auf französischer Seite seien 25.000 Tote zu beklagen gewesen [Seite 79, Anm. 227]. Der großen Spannweite der Zahlen liegen Schätzungen zugrunde, da gesicherte statistische Werte vollständig fehlen und das Schicksal der Algerierinnen und Algerier den französischen Kolonisatoren ohnehin egal war.

[2]   Franz Schultheis : Konversionen des Blicks, in: Mittelweg 36, Heft 3/2006, Seite 38–46, Zitat auf Seite 40.

[3]   Schultheis Seite 41.

[4]   Ökonomien des Elends – Pierre Bourdieu in Algerien: http://kunstraum.uni-lueneburg.de/projekte/bourdieu.html.

[5]   Pierre Bourdieu in Algerien, Beilage zum Mittelweg  36, Heft 3/2006, Seite 37–84.

[6]   Mittelweg 36, Heft 3/2006, Seite 58–59.

[7]   In Algerien: Lehrjahre in einem soziologischen Laboratorium. Pierre Bourdieu im Gespräch mit Franz Schultheis, in: Mittelweg 36, Heft 3/2006, Seite 72–76, Zitat auf Seite 72.

[8]   Siehe hierzu auch meine Sendungen zu Algerien.

[9]   Nikola Tietze : Zinedine Zidane oder das Spiel mit den Zugehörigkeiten, in: Mittelweg 36, Heft 4/2006, Seite 73–92.

[10]   Tietze Seite 76.

[11]   Tietze Seite 80.

[12]   Tietze Seite 88.

[13]   Tietze Seite 92.

[14]   Wir sollten uns nichts darauf einbilden, in einem aufgeklärten 21. Jahrhundert angekommen zu sein. Esoterischer Obskurantismus beherrscht unser Denken genauso wie neoliberaler Postmodernismus und die Wiederkehr biologistischer Denkmuster. Ich gehe davon aus, daß dieses Jahrhundert weitaus mörderischer sein wird als das vorangegangene. Und damit meine ich nicht einmal die zu erwartende Zahl von rund einer Milliarde Kindern, die krepieren dürfen, obwohl Lebensmittel, Medikamente, Geld und andere Ressourcen in ausreichendem Maße zur Verfügung stünden, ihnen ein Leben in Geborgenheit und Würde zu geben. Aber Kriegsspielzeug und Profit sind eben wichtiger.

[14a]   Marco Materazzi erklärte gegenüber der italienischen Sportzeitung Gazzetta dello Sport den Vorgang so: "Ich habe an seinem Trikot gezogen. Da hat er gesagt, wenn ich sein Trikot unbedingt haben wolle, könne ich es ja nach dem Abpfiff haben. Ich habe darauf geantwortet, dass mir seine Schwester lieber wäre." Selbstverständlich findet Materazzi nichts dabei, Frauen zur männlichen Verfügungsmasse zu erklären, so von Mann zu Mann. Und von Mann zu Mann fügt er hinzu: "Man schließt Frieden nach verheerenden Kriegen, warum sollten wir keinen Frieden schließen?" [afp 5. September 2006] Ja, warum eigentlich nicht? Mord und Totschlag geh&ouuml;ren zu einer ordendlichen Männerwelt genauso wie verbale und pedale Gewalt auf dem Fußballplatz. Allerdings frage ich mich dann, warum sich Herr Materazzi über den Kopfstoß beschwert. Oder gehört ein Kopfstoß nicht zu einem ordentlich brutalen Männersport?

[15]   Siehe meine Nachbetrachtung zu einer großen patriotischen Party: Public Viewing.

[16]   Eduardo Galeano : Das Jahrhundert des Sturms [= Erinnerung an das Feuer, Band 3, 1988], Seite 315. Ein großartiges Buch.

[16a]   Individuelle Tapferkeit war schon in den streng disziplinierten Armeen der Antike nicht entscheidend. Hier kam es vielmehr auf den Drill einer Kampfmaschine an. Siehe hierzu: Nicholas Guild : Der Makedonier [Roman, 1993]; Kate Gilliver : Auf dem Weg zum Imperium. Eine Geschichte der römischen Armee [2003], besprochen für den Radiowecker am 21. März 2004.

[17]   Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz : Die Somme – Menetekel des "totalen" Krieges, in: dieselben (Hg.) : Die Deutschen an der Somme 1914–1918, Seite 7.

[18]   Siehe das Manuskript zur Sendung Amerika, Deutschland, Vietnam vom 12. Juni 2006.

[19]   Hirschfeld u.a. Seite 7.

[20]   In meinem Beitrag zur Darmstädter Diskussion über die Umbenennung der Hindenburgstraße gehe ich näher auf den Nichtdemokraten Hindenburg ein. Angesichts einer massiven Leserinnen– und Leserbriefkampagne gegen die Umbenennung im Darmstädter Echo, das sich sehr prononciert und überzeugend für die Umbennung ausgesprochen hat, knickt der Darmstädter Magistrat ein. Er will eine Umfrage unter den Anwohnerinnen und Anwohnern der Straße durchführen. Hiermit gibt der Magistrat seine Verantwortung ab, er versteckt sich hinter einem pseudo–objektiven Plebiszit. Hier wäre zu fordern, daß die gesamte Bürgerschaft aufgerufen wird, auf der Grundlage einer sachlich und nicht emotional geführten Debatte zu entscheiden. Der in Darmstadt lebende Historiker Helmut Castritius setzt sich in einer Email am 18. August 2006 an die "Redaktion von Radio Darmstadt" vehement für Hindenburg ein:
"[I]m Januar hatte jemand die Gelegenheit [das war ich], Hindenburg, aber auch die Gräfin Dönhoff und die demokratischen Parteien der Weimarer Republik aus einem bestimmten politischen Blickwinkel zu betrachten. Im Zusammenhang der äußerst aktuellen Diskussion über die Umbenennung der Hindenburgstraße – man vergleiche nur das Leserbriefecho gerade kürzlich im "DE" – wäre es dringend erforderlich und im Sinne einer Ausgewogenheit der Berichterstattung der Medien auch geboten, ja eigentlich selbstverständlich, aus der Sicht der Wissenschaft den betreffenden Personen und Institutionen von einem multiperspektivischen Ansatz her [what's that?] gerecht zu werden."
Ich frage mich allen Ernstes, wie ein Historiker heute noch den Mitverantwortlichen für die Schlächterei des Ersten Weltkrieges und die Machtübertragung an Hitler als multiperspektivisch positive Gestalt hinstellen kann. Auf einen derartigen Beitrag im Radio kann ich durchaus verzichten.

[21]   Jan Philipp Reemtsma : Mord am Strand [1998], Seite 304–305.

[22]   Hirschfeld u.a. Seite 8.

[23]   Hans–C. Graf Sponeck : Ein anderer Krieg, Seite 31

[24]   Sponeck Seite 31.

[25]   Siehe hierzu William A. Schabas : Genozid im Völkerrecht [2003].

[26]   Sponeck Seite 220 Anm. 341.

[27]   Sponeck Seite 295.

[28]   Thomas Pany : Leben in Bagdad, in: Telepolis, 18. Juni 2006.

[29]   Sponeck Seite 219.

[30]   1996 wurde die US–Außenministerin Madeleine Albright gefragt, ob der Tod von einer halben Million Kinder nicht ein zu hoher Preis sei. Wir meinen, daß es den Preis wert ist, gab sie zur Antwort.

[31]   Jan Pehrke : Bundeswehr auf BAYER–Mission, in: Stichwort BAYER 02/2006.

[32]   Tobias Pflüger : Wer kontrolliert eigentlich die Aktionen des KSK? Presseerklärung 2006/40 vom 14. Juli 2006.

[33]   Das Programm von Radio Darmstadt wird so wiederholt, daß die Sendungen zwischen 17.00 und 23.00 Uhr aufgezeichnet werden, die dann nach der letzten Abendsendung, nach dem morgendlichen Radiowecker und evtl. noch einmal am Nachmittag en bloc vom Band abgespielt werden.

[34]   In dieser Nacht begann die Wiederholung der Sendung außerplanmäßig schon gegen 1.10 Uhr.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 8. September 2006 aktualisiert.

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