Plakat
Gesehen in Tübingen, 1992

Kapital – Verbrechen

Frauen- und Männertage

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 8. März 2010, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 8./9. März 2010, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 9. März 2010, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 9. März 2010, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Ein Jubiläum, bei dem es wenig zu feiern gibt, führt uns zu einem Verein mit angeschlossenem Lokalradio, in dem Frauen sich garantiert wohlfühlen. Ein Vereinsmit­glied geht in den Big Brother-Container und wird dafür auf der sendereigenen Webseite gedisst. Ohnehin sollen Frauen Spaß an all dem haben, was ihnen keinen Spaß macht. Die Darmstädter SPD schießt ihren Oberbürger­meister ab. Stadtplanung ersetzt keine Sozialpolitik. Die Myrdals planten ihre eigene Vision einer normierten Gesellschaft. Der Vogel der Woche wird vorzeitig geköpft.

Besprochenes Buch und besprochene Zeitschrift:

 


 

Inhaltsverzeichnis


Einleitung: Weniger Geld für Gegickel 

Jingle Alltag und Geschichte

Vermutlich begehen wir heute ein Jubiläum, auch wenn es nicht als solches wahrgenommen wird. Es wäre ja auch ein recht seltsames Jubiläum. Wer feiert sich schon selbst dafür, daß die grundlegenden Forderungen der ersten Veranstaltung eines internationalen Frauentages, wenn er denn 1911 stattgefunden hat, immer noch nicht erfüllt sind? Es war Clara Zetkin, die auf der 2. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz am 27. August 1910 in Kopenhagen vorgeschlagen hat, einen internationalen, nein: inter­nationalistischen Frauentag zu begehen. Allerdings gibt es zur Herkunft dieses Tages auch andere Traditionslinien und Legenden. Nehmen wir den Tag also als das, was er ist: eine Aufforderung, das Patriarchat abzuschaffen. Und davon sind wir noch jahrzehntelang entfernt. Bezeichnender­weise begeht die Männerwelt den einzig wahren Frauentag am Muttertag, um deutlich zu machen, daß an den anderen 364 Tagen eines Jahres Frauen in der realen Welt wenig bis gar nichts zu sagen haben.

Clara Zetkin und Rosa Luxemburg 1910Pünktlich zu jedem Frauentag meldet sich auch das Statistische Bundesamt zu Wort und erzählt uns das, was so offensicht­lich ist, daß es nicht einmal von den Westerwelles schönzu­reden ist. Frauen haben im Durchschnitt die mieseren Jobs, erhalten weniger Geld für gleiche Arbeit und werden immer noch als Zuverdienerinnen in einem patriarchal durch­strukturierten Haushalt angesehen. Der durchschnitt­liche Bruttostunden­verdienst liegt in Deutschland bei Frauen um ein Viertel geringer als bei Männern; und damit liegt das angeblich fortschrittliche, aber in Wahrheit stockkonser­vative Deutschland am unteren Ende der Skala aller Staaten der Europäischen Union [1]. Diese Zahl verschleiert jedoch, wie groß die Schere wirklich ist. Denn Teilzeit­arbeit war und ist eine Frauendomäne, nicht etwa, weil sich Frauen das so aussuchen, sondern weil Frauen von Männern als billige und flexible Beschäftigte betrachtet werden. Real gesehen dürften Frauen im Durchschnitt allenfalls die Hälfte von dem verdienen, was Männer in diesem Land auf ihrem Lohn- oder Gehaltskonto wiederfinden.

Selbstverständlich sind Führungs­positionen immer noch Männersache. Knallhart durchkalkuliertes kapitalistisches Geschäft erfordert eben echte Kerls, die andere über die Klinge springen lassen können, wenn es darauf ankommt. Frauen mit ihren soft skills sind da eben zu weich, auch wenn sich manche Frauen darin zu beweisen suchen, daß sie noch härter sein können als die Ekelpakete an den Schaltstellen der Macht. Sie können sich noch so anstrengen; irgendwann werden auch sie abserviert, eben weil sie kein Mann sind. Deshalb verlegen sich viele Frauen auf Anpassung, flöten dem Trend hinterher, gickeln unterwürfig herum oder machen sich unsichtbar. Diese Überlebens­strategien in einer Männerwelt mögen zwar den Konflikt ein wenig ausblenden, zerstören jedoch die eigene Persönlichkeit.

Frauen hingegen, die sich nicht alles gefallen lassen, werden selbstverständ­lich gemobbt, und zwar von beiden Geschlechtern. Bei Männern ist das ohnehin so, und die Frauen, die hier mitmachen, beweisen der Männerwelt ihre Loyalität und legitimieren hiermit vor sich ihre eigene Anpassung. So funktioniert die soziale Kontrolle der Frauen in einer patriarchal organisierten kapitalistischen Leistungsgesell­schaft auch im postmodernen 21. Jahrhundert bestens. Meint Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

Wo Frauen gewohlfühlt werden

Männer sehen das in der Regel natürlich ganz anders. Sie nehmen durchaus und zu Recht wahr, daß das Leitbild der zweitrangigen Frau seit fast einem halben Jahrhundert gebrochen ist. So selbstverständlich, wie Frauen als Menschen 2. Klasse, wenn überhaupt als Menschen, betrachtet wurden, ist das heutzutage nicht mehr. So lange ist das allerdings auch noch nicht her, daß Frauen in diesem Land ihren Ehemann um Erlaubnis fragen mußten, ehe sie arbeiten gehen konnten, und daß sie ganz selbstverständ­lich ihren ehelichen Pflichten nachzukommen hatten, auch wenn sie dazu keine Lust hatten. Die natürlich auch von deutschen Tätern begangenen Ehrenmorde legen ein deutliches Zeichen davon ab, wie tief die jahrtausende­lang eingeübte Unterwerfung von Frauen unter männliche Bedürfnisse auch heute noch sitzt.

Es reicht aber auch vollkommen aus, sich ganz normale Gespräche ganz normaler Männer und auch Frauen anzuhören, um die hiermit verbundenen sehr traditionellen Geschlechter­bilder wiederzu­finden. Bemerkenswert ist allenfalls, wie sehr es Frauen nötig haben, sich von einem Feminismus à la Alice Schwarzer zu distanzieren. Die Frauen von heute sehen sich als emanzipiert an und sie benötigen keine Förder­programme. Sie suggerieren sich, sie kämen auch ohne durch. Es ist ein Pfeifen im Wald, denn spätestens, wenn sie ab 30 auf der Karriereleiter festhängen, sofern sie überhaupt eine solche Leiter zu Gesicht bekommen, hat sie die ganz normale patriarchale Realität wieder eingeholt.

Von interessierter Seite werden die armen verunsicherten Männer eingeführt. Es handelt sich hierbei um männliche Jugendliche, die – angeblich – von sich ändernden Rollen­erwartungen zutiefst geängstigt werden. Ein Versager sei demnach nicht mehr der, der bei brutalen Männer­ritualen durchfällt, sondern der, der nicht den Softie mimen kann, um bei Frauen anzukommen. Die Lösung derartiger Probleme ist einfach. So, wie für junge Mädchen ein Girls' Day eingeführt wurde, um deren soziale Kompetenzen gewinn­bringend in berufliche Wirklichkeiten zu überführen, bekommen Jungs ihren Boys' Day. Unter sozialpäda­gogischer Anleitung dürfen sie in einer reinen Männerrunde nicht nur die Sau rauslassen, sondern auch einmal Gefühle zeigen.

Ich frage mich, weshalb Jungs einen ganz exklusiven Extratag benötigen, wenn sie doch schon 364 zu ihrer freien Verfügung haben. Lernen sie dort etwa, Frauen zu achten, zu respektieren und als Wesen zu betrachten, die gleichwertig und gleichberechtigt neben ihnen stehen? Ich habe da meine Zweifel. Ich glaube nicht, daß Kickboxen unter Ausschluß der Weiblichkeit zu mehr Respekt führt, eher das Gegenteil – es werden affirmativ männliche Werte ausgelebt. Das Darmstädter Echo kündigte beispielsweise am 6. Oktober 2008 eine solche Veranstaltung unter dem Titel „Boys in Motion“ an, mit Ballspielen, Breakdance, Bullenreiten und einem Trampolin-Workshop. Ach ja, ein Quiz über Sexualität war auch im Angebot, vielleicht auch deshalb, damit die Jungs wissen, was ein Kondom ist, und, daß es nicht beißt. Wie im Jahr zuvor war auch der brasilianische Kampftanz Capoeira angesagt. [2]

Vielleicht ist es ja wirklich so, wie Darmstadts Sozialdezernent Jochen Partsch meint, daß Jungs Räume brauchen, um unter sich zu sein. Weshalb sie jedoch daran interessiert sein sollen, ihre Rollen­zuschreibungen aufzulösen, ist mir nicht einsichtig. Die Männerrolle funktioniert doch trotz aller Verunsicherung ganz gut. Körperpanzer sind in allen Lebenslagen nützlich, vor allem dann, wenn es darum geht, eigene und vor allem fremde Interessen brutalst­möglich durchzusetzen.

Es muß ja nicht gleich so deutlich sein wie vor einigen Jahren [2005/06] in den Senderäumen dieses angeblich freien Radios. Damals grölte ein bis heute noch amtierendes Vorstands­mitglied nicht einmal, sondern recht häufig seine verunsicherte Männlich­keit lautstark durch das weitver­zweigte Sendehaus, er wolle ficken. Kaum sah er eine junge Frau ins Sendehaus kommen, ergänzte er anzüglich: Die hat mich aber jetzt auch mal verdient. Vielleicht ist bei diesem „freien Radio“ mit „frei“ auch nur genau diese Männer­freiheit gemeint, auf jeden Fall handelt es sich um einen Teil des Wohlfühl­klimas, das im Verein seither kommuniziert wird.

Kein Wunder, daß der Frauenanteil im Verein RadaR e.V. und im Sendehaus nicht die kritische Masse erreicht, um männliche Dominanz zurück­drängen zu können. Der Vorstand ist zu 80% männlich, und wenn sich nicht zufällig eine Frau in den Programmrat verirrt, dann ist dieser ein reiner Männerklüngel.

Bildzitat: Screenshot von der Webseite von Radio DarmstadtEin schönes Beispiel für das Wohlfühlklima liefert euer Lokalradio mit einer Posse ab, die zu der Zeit, als ich diesen Beitrag verfasse, auf der Startseite des Internet­auftritts von Radio Darmstadt zu lesen war. Wie ihr wißt, muß ich derzeit aufgrund eines Hausverbots meine Sendungen vorproduzieren und kann daher nicht aktuell und auf dem neuesten Stand sein. Ich hatte gegen das Hausverbot geklagt und in erster Instanz vor dem Amtsgericht Darmstadt gewonnen. Hiergegen ist der Trägerverein dieses Lokalradios in Berufung gegangen. Am 17. März findet die öffentliche Verhandlung vor dem Landgericht am Mathilden­platz statt, wobei ich fairerweise hinzufügen muß, daß Radar-Mitglieder vom Vorstand dort nicht so gerne gesehen werden.

Sie könnten sich ja ein von den gefilterten Informationen ihres Vorstands vollkommen unabhängiges, ein eigenes Bild machen. Bei einer Verhandlung wegen eines weiteren Hausverbots bei Radio Darmstadt war ein Kultur­redakteur anwesend, der einige Zeit später von ausgerechnet dem Vorstands­mitglied mit dem Beischlaf­problem im Sendehaus regelrecht zusammenge­schrieen wurde: Warum warst du bei dem Gerichtstermin? Ist der So-und-so etwa dein Freund? Als er nicht einknickte und seine uneingeschränkte Loyalität bekundete, wurde dieser Kultur­redakteur auf Antrag des sich nicht ganz jugendfrei artikulierenden Vorstands­mitglieds wegen eines nichtigen Anlasses vom Programmrat abgemahnt und mit einem Sendeverbot belegt. Das Wohlfühl­klima bei RadaR eben.

Doch zurück zur Posse auf der Webseite von Radio Darmstadt. Wie es der Zufall will, bewarb sich die Redakteurin und Moderatorin des italienischen Magazins Italian Connection bei den Produzenten von Big Brother und wurde zur Erbauung der Männerwelt in den Container gesperrt. Sabrina Alfarano, so heißt die junge Frau, entledigt sich in ihrem Vorstellungstrailer ihrer Kleidung. Sex sells und Männer wollen das so. Und bei einer Aussicht auf eine Viertelmillion Euro macht eine Frau doch gerne, was die Männerwelt von ihr will. In der Wikipedia las ich, allerdings ohne Bezug auf die italienische Moderatorin, von Verbindungen der Produzenten von Big Brother mit der Pornoindustrie [3]. Auf der Startseite des Webauftritts von Radio Darmstadt können wir nachlesen, wie wohlfühlend der Sender mit der eigenen ehren­amtlichen Belegschaft umgeht.

So hat dann auch besagte Sabrina eine Sendung bei RadaR, die sie aber nebenbei und ehrenamtlich bestreitet. Im Prinzip schämen wir uns auch ein bisschen für Sabrina. Denn der Auftrag von RadaR besteht eigentlich darin, dort Öffentlichkeit herzustellen, wo die normalen Medien versagen. Wir sollen thematisieren, was andere verschweigen. Unser Anspruch ist Themenradio und nicht nur sinnentleerte Unterhaltung. Wir sollen grundsätzlich anders sein und vor allem NICHT KOMMERZIELL. Deswegen passt es auch überhaupt nicht zusammen, wenn eine unserer ehrenamtlichen Redakteurinnen in einer der wohl kommerziellsten Sendung [sic!] im deutschen Fernsehen als Bewohnerin zu sehen ist. Das ist schade, traurig und peinlich – nicht nur für unseren Sender.

Ja, die Sittenpolizei wird zwar im eigenen Haus nicht tätig, aber weltweit verbreitet sie ihren Abscheu vor „dem Kommerziellen“. Offensichtlich hat es sich im Sendehaus noch nicht herumge­sprochen, wie sehr kommerzielle Vorbilder nachäffend eine Reihe von Sendungen daherkommen, angefangen von der manierierten Modulation der Stimme über das Anhimmeln von plastikgestylten Sternchen und der ausgiebigen Vorstellung kriegsgeiler Männerspiele bis hin zum besinnlosen Abdudeln allerkommer­ziellster Hitparaden. Es gibt Moderatoren, die intonieren exakt so wie ihre kommerziellen Vorbilder; das einzige, was tatsächlich fehlt, ist der Werbeblock [4]. Kein Wunder, daß mir vorgehalten wurde, meiner Sendung über den national­sozialistischen Völkermord an den europäischen Sinti und Roma habe das unterhaltende Element gefehlt. Unterhaltsamer Massenmord, ich fasse es einfach nicht!

Viel krasser jedoch wird die auf der Webseite nachzulesende Distanzierung von der eigenen Moderatorin in einem anderen Internetblog diskutiert. Da kommen vor allem die Fans der Show der Selbstentblößung zu Wort, beispielsweise so [5]:

Da will sich wohl nur ein kleiner Lokalsender ins Gespräch bringen, lächerlich.
Vielleicht hätte man Sabrina ehrenamtlich und unentgeltlich ins Haus schicken sollen.
Hmm darf man überhaubt einer bezahlten Arbeit nachgehen wenn man bei Radio Darmstadt mitmacht??
Oder muss man allem weltlichen und komerziellen auf Lebenszeit abschwören?? Radio Darmstadt gesegnet seiest du

Köstlich finde ich auch folgende Wortmeldung:

Ob die nun Werbung machen wollen, oder nicht, ist mir ziemlich egal. Aber natürlich kann man sowas als Werbung verstehen, auch auf der eigenen Homepage:
a) die Schlüsselwörter „Big Brother“, „Sabrina Big Brother“ usw. auf der Homepage zu platzieren sichert halt Suchtreffer über Google, was den Stellenwert der Seite steigern könnte
b) das Statement wird in vielen Foren und Blogs zitiert und verlinkt. Das sind enorm wirksame Backlinks, die man sich normalerweise teuer erkaufen, oder eben hart verdienen muss.

Das muß ich mir jetzt nicht zu eigen machen, zeigt jedoch, daß die kleine, heile, selbstverliebte Welt am Steubenplatz als bigott angesehen wird. Die Haß- und Fangemeinde der jeweiligen Haus­bewohnerinnen und Big Brother-Selbstdarsteller bringt manchmal auch ungewollt Dinge auf den Punkt, die ich nie so sagen würde. In einem virtuellen Forum fand ich folgende Bemerkung:

Wenn ihr so richtig hohl seit, nix vom Leben wisst und hinten rum lästert. Bewerbt Euch bei Radio Darmstadt, dort scheinen die Ansprüche recht gering zu sein!

Ich sag es mal so: Sabrina Alfarano lebt in einer Männerwelt und scheint zu wissen, was Männer brauchen. Sie verhält sich so, sie redet so, sie zieht sich so an und manchmal auch aus. Das sagt uns zwar nichts über Radio Darmstadt, aber ein bißchen über die Hohlheit, Geilheit und Ekelhaftig­keit einer Welt, in der Menschen nicht nur zur Ware gemacht, sondern zudem mental so deformiert werden, daß sie es auch noch sinnvoll finden, sich selbst als Ware anzupreisen. Wenn der Verein, der dieses Radio betreibt, meint, sich von seiner Moderatorin distanzieren zu müssen, dann ist das eben auch nur – wohlfühlend peinlich. Ob die Verantwortlichen auf ihrer Webseite auch einen Mann derart bloßgestellt hätten, möchte ich bezweifeln. Vorgekommen ist es jedenfalls noch nicht.

Die Posse in der Posse: Eine Gegendarstellung zu etwas, das nicht gesagt wurde

Der vorletzte Satz – „Ob die Verantwortlichen auf ihrer Webseite auch einen Mann derart bloßgestellt hätten, möchte ich bezweifeln.“ – führte prompt zu einem Sturm im sendereigenen Wasserglas. Die Posse wurde zu einer weiteren Posse ausgeweitet. Auf der eine Stunde nach Beendigung der Sendung statt­findenden Programmrats­sitzung wurde allen Ernstes vorgetragen, ich solle zu meiner Bemerkung eine Gegen­darstellung verfassen. Obwohl – so ganz stimmt das nicht. Wenn ich dem Protokoll dieser Sitzung Glauben schenken soll, dann wird eine Gegendar­stellung zu einer sinnentfremdet wiederge­gebenen Äußerung verlangt, die von einer Frau gesprochen worden sein soll. Das Protokoll vermerkt hierzu als „Beschluss“, und ich zitiere hieraus, weil es die Methode deutlich macht, mit der ich von interessierten Kreisen im Sendehaus angegangen werde:

„Der Programmrat fordert eine Gegendarstellung von Walter Kuhl. Diese hat in der Sendung Kapital-Verbrechen vom 8.3.2010 behautet, daß der Vorstand sich nicht eingeschaltet hätte, wenn ein männliches RadaR Mitglied im Big Brother Container gewesen währe.“

Ich denke, es herrscht (außer vielleicht im Sendehaus) Einigkeit darüber, daß die mir unterstellte Äußerung nicht dem entspricht, was ich tatsächlich gesagt habe. Für mich erstaunlich fand sich im Programmrat keine Mehrheit für diesen Beschluß, er wurde bei drei Ja-Stimmen und drei Nein-Stimmen mit drei Enthaltungen abgelehnt. War selbst dem Programmrat das Brett zu dünn, das hier gebohrt wurde? Das Protokoll verrät vorsichts­halber nicht, wer überhaupt den Antrag gestellt hat. Ich vermute einmal, es war das Vorstands­mitglied, von dem die Peinlichkeit auf der sendereigenen Webseite stammt.

In der Tat wurde der Programmrats­sprecher Oliver J. von besagtem Vorstandsmitglied instruiert, meine Bemerkung in der Sendung als anstößig einzubringen. Dieses Vorstands­mitglied muß sich wieder einmal fürchterlich darüber aufgeregt haben, daß auch er mit seinen Verbalien der Kritik unterliegt. Interessant ist hierbei, daß selbiges Vorstands­mitglied keine Gegendar­stellung zu seinem Fickenwoll-Gegröle, zu seinen Verdiensten um anwesende junge Frauen oder gar zum Zusammen­schreien eines einfachen Vereins­mitgliedes gesendet wissen wollte. Ihm ist hierbei genauso klar wie mir, daß wir uns dann vor Gericht wiedersehen würden und er ziemlich schlechte Karten haben dürfte, eine Gegendar­stellung zu etwas zu erzwingen, das ich entweder nicht gesagt habe oder das durch Fakten und Zeuginnen zu belegen ist. Denn die Anzahl der von mir dann beigebrachten Zeuginnen und Zeugen dürfte zu erdrückend sein.

Bildzitat: Screenshot der Webseite von Radio DarmstadtNun gibt es zu jeder Posse noch eine Steigerungsmöglichkeit, auch hier im Sendehaus. Es wird jetzt also geradezu possierlich. Meine Montags­sendung, die hier als Sendemanu­skript vorliegt, wurde durch Inkompetenz einer Person im Sendehaus vier Minuten vor ihrem Ende abrupt abgewürgt. Dies war auch dem Oliver J. nicht verborgen geblieben, der selbiges ohne weitere Überprüfung des zugrunde liegenden Sachverhalts zum Anlaß nahm, im Programmrat einen Sendeplatz­entzug für mich zu thematisieren. Mit Bezug auf die Sendekriterien des Programmrats bemängelte er eine um vier Minuten zu kurz eingereichte vorproduzierte CD. Diese CD wurde jedoch nach der Intervention eines anderen Programmrats­mitglieds auf ihre Länge hin untersucht, und siehe da: die CD hatte die erforderliche Länge. Oliver J. war mit seinem Ansinnen, mir eins auszuwischen, gescheitert. Dieser reichlich bescheuerte Einfall, den ich mir nur so erklären kann, daß blinder Haß die Sinne vernebelt, ist selbstverständ­lich im Protokoll der Sitzung nicht vermerkt worden. Eigentlich unnötig hinzuzufügen, daß zuvor noch keine und niemand dafür angegangen oder gar abgestraft wurde, weil eine Sendung nicht die erforderliche Länge hatte. Sendungsausfälle (also eine „Länge“ von exakt 0%) führen in der Regel ebensowenig dazu.

Weshalb überhaupt auf der sendereigenen Webseite ein distanzierender Text zu Sabrina Alfarano auftaucht, verstehe ich ohnehin nicht. Auf der Programmrats­sitzung im Februar 2010 wurde das Big Brother-Engagement der Moderatorin so kommuniziert, daß man hierüber am besten gar nichts verlauten lasse. Das geheime Nichtengagement ging dann so weit, daß der ausführlich im Programmrat besprochene Punkt in dessen Protokoll ebensowenig vorzufinden war. Was soll man oder frau von einer derartig gefilterten Protokollierung eigentlich noch halten?

 

Wo Frauen bespaßt werden

Besprechung von : Mario Barth, Frau – Deutsch / Deutsch – Frau, Langenscheidt Verlag 2010, 144 Seiten, € 9,95

Vor fünf Jahren brachte Mario Barth bei Langenscheidt einen Sprachführer der ganz eigenen Art heraus. Statt Deutsch mit Spanisch zu kombinieren, wurde nun die spezielle Sprache der Frau aufs Korn genommen. Damals wußte ich nicht, wer Mario Barth ist, vermutlich auch deshalb nicht, weil ich eine auf billigem Klamauk beruhende Unterhaltung allenfalls sozial­psychologisch für interessant halte. Doch offensicht­lich hat der Comedian sein Publikum gefunden. Mehr als anderthalb Millionen Mal ging das äußerlich als Wörterbuch aufgemachte Taschenbuch „Frau – Deutsch / Deutsch – Frau“ über die Ladentische.

Buchcover Mario Barth Frau Deutsch 2Der Erfolg dieses Erstlings ließ den Verlag über den Ausbau eines hierauf basierenden Geschäfts­modells nachdenken, und so wird uns nun nahegebracht, wie die Sprache der Ärzte, Hunde und auch Männer zu verstehen sei. Natürlich darf auch Mario Barth wieder ran. „Frau – Deutsch / Deutsch – Frau für Fortgeschrittene“ vereinigt mehr oder weniger männer­schmunzelnd verpackt alle erdenklichen Vorurteile, die Männer über Frauen haben oder sich ausdenken. Damit könnte ich das kleine Büchlein auch wieder weglegen und darauf vertrauen, daß auch diesmal wieder Hundert­tausende auf das Geschäfts­modell abfahren, und sei es als Abschieds­geschenk für die „Ex“, um es ihr mal so richtig zu zeigen.

Lesen wir das kleine Büchlein jedoch nicht so, wie es sich Autor und Verlag vorstellen, sondern mit soziologischer Brille, dann erfahren wir eine ganze Menge über den Gemüts­zustand des verunsicherten deutschen Mannes. Zwar werden Frauen gleich zu Anfang aufgefordert, die folgenden 138 Seiten als Spaß zu begreifen, aber auch das ist nur eine Masche. Frauen haben an all dem Spaß zu haben, was ihnen keinen Spaß macht, denn sonst gelten sie Spaßbremsen, denen mann so richtig Spaß beibringen muß. Also täuschen sie Spaß so vor wie einen Orgasmus und hoffen darauf, damit durchzukommen. Nur ganz nebenbei sei hier die beliebteste Floskel auf diesem Sender eingeflochten, der uns zu jedem Wortbeitrag, zu jeder Musikeinspielung und zu jedem Sendeloch auffordert, doch jetzt bitte „viel Spaß“ zu haben. Vermutlich ist diese Floskel auch einem kommerziellen Vorbild entlehnt, ich kenne mich da nicht so aus, weil ich kommerziellen Schwachsinn einfach nicht ertrage. Auf seiner Webseite fordert uns Mario Barth jedenfalls auf, „viel Spaß“ mit seinem Buch zu haben.

Doch bevor ich dem Autor Unrecht tue, lasse ich ihn einfach selbst zu Wort kommen. Er erzählt uns, so wird uns vom Verlag versichert, „nach jahrelangen Recherchen im eigenen Haushalt“ all die Dinge, die Männer schon immer wußten, sich aber aufgrund des Emanzenterrors nie gewagt hatten, auch laut zu äußern. Es bedurfte Al Bundy und anderer Frauenversteher, die Dinge wieder zurechtzurücken, damit Männer nicht ganz so verunsichert durchs Leben laufen. Also, Mario Barth gibt uns zu verstehen:

Wenn ich eins gelernt habe über Frauen, dann ist es die Tatsache, dass Frauen weit mehr Fähigkeiten haben als wir Männer. Was nicht heißen soll, dass wir Männer nichts können, aber Frauen können viele Dinge etwas besser.

Zum Beispiel, so füge ich hier ein, konnte eine Frau mit der Studio- und Sendetechnik dieses Senders viel besser umgehen als die hiesigen Männer. Sie wurde, nicht zuletzt deswegen, gegangen. Seither brummt der Sender mit niedlichen fünfzig Hertz oder betrachtet klassische Musik als ein Sendeloch. Aber ich schweife ab. Mario Barth meint nämlich weiter:

Nehmen wir mal das Thema »Ausreden«. Damit meine ich jetzt nicht die Fähigkeit, dass Frauen Männer ausreden lassen – was sie nicht wirklich tun –, sondern die Fähigkeit, immer eine Ausrede parat zu haben. [6]

Und schon klopft sich der Mann auf seine Schenkel und die Frau gickelt vorsichts­halber mit. Sie soll ja auch Spaß daran haben. Frauen kennen diese Situation natürlich auch, aber anders. Bis sie in einer Männerrunde mal zu Wort kommen, davon, ernst genommen zu werden, ganz zu schweigen, dauert es so seine Zeit. Und um Ausreden ist das männliche Geschlecht wahrlich nicht verlegen. Was die alles erfunden haben, um beispielsweise die Finanzkrise schönzureden oder das Tanklaster­bombardement von Kundus, geht auf keine Kuhhaut, jedenfalls auf keine, die etwas auf sich hält. Nein, Frauen wird ein bestimmtes Verhalten als Norm zugeschrieben, und wenn sich Frauen, aus welchen Gründen auch immer, mal an die Regie­anweisung halten, dann ist das gleich der Beweis dafür, daß Frauen eben so sind. So oder ähnlich funktionieren auch Horoskope.

Insofern werden uns auch weiterhin Girls' und Boys' Days nicht davor bewahren können, daß Männer in entscheidenden Dingen das Sagen haben und Frauen allenfalls durch Geplapper [7] Eindruck schinden und ansonsten an dem Gerede über sie Spaß haben sollen. Offensichtlich wird hier ein Bedürfnis befriedigt, aber es ist keines, das über die Verhältnisse nachdenkt und zur Veränderung anregt. Warum sollten Männer auch eine Welt verändern, die ihnen nützt? Stellt sich eher die Frage, wo und weshalb der radikale Aufbruch der Frauenbewe­gung von vor vierzig Jahren versandet ist, und mehr noch, wie das geändert werden kann.

Und damit Schluß mit lustig und ein paar ernste Angaben. Das von Mario Barth verfaßte Bändchen „Frau – Deutsch / Deutsch – Frau für Fortgeschrittene“ ist bei Langenscheidt zum Preis von 9 Euro 95 erschienen.

 

Von der Zurichtung des Mannes

Es gibt Männerklüngel, die nicht nur über Frauen verfügen, sondern auch welche, die ein besonderes Interesse an Lustknaben verspüren. Nun will ich nicht in die allgemeine Entrüstung einstimmen, die pädophilen Priestern oder Lehrern gilt. Bemerkens­wert finde ich hingegen, daß die deutsche Volksseele, die bei pädophil veranlagten Männern am liebsten die Todesstrafe aussprechen würde, hier ganz anders reagiert. Schon die Vorratsdaten­speicherung wurde mit dem Aufspüren Pädophiler begründet. Derartiges hören wir nicht, wenn es um Männer in und ohne Kutten geht.

Kein Mensch käme auf die Idee, Kirchen, Priesterseminare oder die Einrichtung der Regensburger Domspatzen zu schließen, obwohl dort die Gefahr ungewollter sexueller Abhängig­keiten größer zu sein scheint als im Internet. Kasernierte Einrichtungen und zölibatäre Strukturen neigen eben dazu, daß Männer sich die Männer­freiheit nehmen, sich Schwächere zu Diensten zu machen. Hinzuzufügen wäre, daß derartige Bedrängungen Jugendlicher in reinen Fraueneinrich­tungen wohl eher nicht vorzufinden sind. Aber insgesamt handelt es sich um ein Thema, das medial ausgeschlachtet wird, weil auch hier gilt: sex sells.

Männer erschaffen sich ihre Männerwelt nicht zuletzt durch die Entwürdigung ihres eigenen Geschlechts. Damit ist sichergestellt, daß männer­bündische Gewalt, Macht und Herrschaft an die folgende Generation weitergegeben wird. Vermutlich hatte die Päderastie im antiken Griechenland einen ähnlichen Zweck, auch wenn sie nicht so versteckt ausgelebt wurde wie in der schein­heiligen Katholischen Kirche. Es wäre ein Fehler, hier von Abweichungen von einer System­normalität zu reden. Es ist normal, auf Schwächeren herumzutrampeln, sie zu demütigen und – wenn sich die Gelegenheit ergibt – auch sexuell zu belästigen. Sexuelle Gewalt ist eine Gewalt der Unterwerfung; und nur durch freiwillige oder erzwungene Unterwerfung funktionieren seit Jahrtausenden die diversen Klassengesellschaften.

 

Von der Dekadenz der FDP und den Intelligenzbolzen der SPD

Das hat nichts mit spätrömischer Dekadenz zu tun, auch wenn genügend reiche Römer in der Tradition ihrer geistigen griechischen Lehrmeister sicherlich ein opulentes Bankett nach dem anderen abzuhalten verstanden. Guido Westerwelle muß im Schul­unterricht nicht richtig aufgepaßt haben, denn sonst hätte er ja gewußt, daß Dekadenz irgendetwas mit dem Verfall vorherrschender Sittlichkeit zu tun hat, besser gesagt: mit dem Verfall der Sitten der herrschenden Sklavenhalter­klasse. Was die auf Sparbrötchen gehaltenen Empfängerinnen und Empfänger von Hartz IV damit zu tun haben, weiß wohl nur sein Reden­schreiber. Aber darauf kommt es ja auch nicht an. Wichtig ist, die Mitte der Gesellschaft auf einen rigiden Sparkurs einzupeitschen, weil das Geld, das angeblich nicht mehr verteilt werden kann, ja schon bei den Nutznießern der neoliberalen FDP-Politik gelandet ist.

Das hat auch das Bundesverfassungs­gericht in seinem wegweisenden Urteil zu Hartz IV verstanden. Vor einem Monat hatte ich noch an dieser Stelle gemutmaßt, „ob die eine Richterin und die sieben Richter des Ersten Senats die Staatsraison des neoliberalen Umverteilungsprogramms richtig verinnerlicht haben“. Haben sie. Sie haben der Fast-Allparteien­koalition mit auf dem Weg gegeben, doch bitte sehr das Gesetzeswerk so anzupassen, daß es den Bedürftigen transparent Leistungen vorenthält. Nichts wäre unsinniger, als aus dem Urteil eine Anhebung der Regelsätze herauszulesen. Insofern müssen wir uns fragen, ob der Richter am Landessozial­gericht Darmstadt Jürgen Borchert nicht ausgerechnet denen einen Bärendienst erwiesen hat, die er eigentlich unterstützen wollte. Er hätte wissen müssen, daß Recht auch immer ein politisches Recht und das herrschende Recht letztlich das Recht der herrschenden Klasse ist.

Andererseits – die Westerwelles würden auch ohne das Bundesverfassungs­gericht ihren sozialen Kahlschlag fortsetzen. Rainer Roth hat das Urteil auf seinen Punkt gebracht: die niedrigen Eckregelsätze, auch die für Kinder, sind nicht verfassungswidrig. Sie müssen nur eben nachvollziehbar begründet werden. Im Grunde geht es um Kosmetik, die möglichst nichts kostet. Die Entmündigung der Verarmten dieser Gesellschaft wird fortgeschrieben, wenn ihnen Kanzlerin Merkel vorschreiben will, welche Sachleistungen für Kinder in Zukunft angemessen zu sein haben. Den Rest erledigen die Kochs und Westerwelles, die mit Demagogie die Macht der herrschenden Klasse zum Ausdruck bringen, darüber zu bestimmen, was als menschen­würdig gilt und was nicht. Die Steilvorlage des Bundesverfassungs­gerichts ist klar und eindeutig: zur Berechnung der Menschenwürde werden die Einkommen der untersten 20% der Bevölkerung als Referenzgruppe herangezogen, also diejenigen, die selbst nicht genug zum Leben haben. Die dekadenten Römer von heute wollen ja in ihrem Prassen nicht von den Habenichtsen gestört werden.

Weder Koch noch Westerwelle müssen sich in ihren Tiraden an die Fakten halten. Der angebliche Mißbrauch, von dem auch schon der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und sein Kumpel Franz Müntefering schwadroniert hatten, ist in finanzieller Hinsicht nur ein Bruchteil dessen, was die herrschende Klasse an Steuern hinterzieht und der Allgemeinheit durch Verschwendung öffentlicher Mittel aufbürdet. Deswegen muß die Demagogie auch so scharf sein. Das gemeine Volk, und hier wird der Begriff durchaus doppelsinnig, denkt sich etwas dabei und übernimmt in guter deutscher Radfahrermanier die populistischen Scheinargumente.

Wen stört es da, wenn beispielsweise das Institut für Arbeits- und Berufsforschung, eine Einrichtung der Bundesagentur für Arbeit, der durch die Medien verstärkten Demagogie widerspricht? Ich zitiere bloß einen halben Absatz, der beweist, daß rationale Argumente im Kampf um mehr Lohndumping und Ausgrenzung nicht zählen. Es heißt in der kürzlich veröffentlichten Studie Arbeitsdynamik und Arbeitsmarkt:

Die vielfältigen, auch eigeninitiativ ergriffenen Aktivitäten der Hilfebezieher widersprechen deutlich dem bisweilen in der Öffentlichkeit präsenten Bild des passivierten Transferleistungs­empfängers, der es als erstrebenswert empfindet, ein Leben im Hilfebezug zu führen. Es zeigt sich vielmehr, dass das Erreichen erwerbs- biographischer Stabilität ein Hauptziel der Befragten darstellt. Selbst dort, wo nicht bereits eine resignative oder fatalistische Grundstimmung Platz gegriffen hat, liefen jedoch die auf nachhaltige Erwerbs­integration gerichteten Aktivitäten zumeist ins Leere, wenngleich durch prekäre Formen der Beschäftigung durchaus kurzfristige Verbesserungen erzielt werden konnten.

Oder vereinfacht gesagt: wer von Hartz IV lebt, tut alles, um da wieder herauszukommen, aber die Verhältnisse lassen ihnen keine Wahl. Es gibt unter der Fuchtel des auf Rendite orientierten Kapitals einfach nicht genügend existenz­sichernde Jobs, und es soll sie wohl auch nicht geben. Nicht einmal im Öffentlichen Dienst. Es sind nicht nur die modernen, um nicht zu sagen spätrömisch dekadenten Sklavenhändler der Leiharbeits­branche, die Löhne jenseits von Gut und Böse zahlen, in Gera zum Beispiel 47 Cent pro Stunde. Jeder zehnte Hartz IV-Aufstocker, zumeist wohl Frauen, arbeitet im Öffentlichen Dienst. Soll heißen: Lohndumping von Staats wegen.

Die Armut ist hausgemacht und wird behördlich festgeschrieben. Die Bundesagentur für Arbeit betrachtet erst Stundenlöhne von deutlich unter drei Euro als sittenwidrig. Umgekehrt heißt das: jede und jeder Arbeitslose kann verpflichtet werden, derart schäbig bezahlte Arbeitsstellen anzunehmen. Von der Problematik der Ein-Euro-Jobs will ich hier gar nicht erst reden. Vielfach handelt es sich um verkappte Vollzeitarbeitsplätze, so wie dies bei Hundert­tausenden von unbezahlten Praktika ohnehin üblich ist. Die Bourgeoisie verdient sich eine goldene Nase und läßt ihre Dobermänner zur Flurbereini­gung auf die Medien und Arbeitslosen los.

Die Zeitung der Dienstleistungs­gewerkschaft ver.di berichtet von einer Ausnahme in diesem konsensualen Geschnatter. Unter den 346 Argen in Deutschland gibt es tatsächlich eine, in Stralsund, die gegen Arbeitgeber vorgeht, die Dumpinglöhne zahlen. Vielleicht war es doch etwas zu herb, wenn ein Zimmermädchen 26 Cent oder ein Beschäftigter in einer Pizzeria mit weniger als einem Euro fünfzig in der Stunde abgespeist wurden; denn in solchen Fällen sorgt ja die Allgemeinheit für ein Leben in Hartz IV-geförderter Armut. In eine ähnliche Richtung geht die Idee des von der FDP favorisierten Bürgergeldes – machen wir uns da nichts vor.

Der Versuch, fehlende politische Mobilisierung und soziale Kämpfe über eine Eingabe beim Bundesverfassungs­gericht zu kompensieren, muß insgesamt als gescheitert angesehen werden. Natürlich kann das Urteil auch als Aufforderung interpretiert werden, die Regelsätze auf ein halbwegs erträgliches Niveau zu heben. Aber solange der volksdeutsche Grundkonsens davon ausgeht, daß alle, die arbeiten wollen, auch einen Job bekommen, lassen sich die schlecht bezahlten und die arbeitslosen Männer und Frauen prima gegeneinander aufhetzen und ausspielen. Die Radfahrer­mentalität in diesem Land sorgt schon dafür, daß nach oben gebuckelt und nach unten getreten wird.

Solidarität sieht anders aus, und es spricht für das soziale Elend in diesem Land, daß ein emanzipatorisches Bewußtsein über „die Arbeit“ kaum vorhanden ist. Ein Bewußtsein hingegen, daß Arbeit an die erste Stelle stellt, egal welche, egal zu welchem Lohn, egal zu welchen Bedingungen, landet irgendwann bei Arbeitszwang, Arbeitshäusern und dumpfen, für reaktionäre Zwecke nutzbaren Ressentiments. Gegen eine derartig aufgeheizte Stimmung läßt sich nicht mit rationalen Argumenten angehen. Eben weil diese Mitte der Gesellschaft (und welche Partei will nicht die Mitte sein?) keine anständigen Argumente besitzt, bricht sich in ihr der Groll gegen alle, die nicht so sind wie sie selbst und die sie auch nicht sein wollen, so ungefiltert Bahn. Umso schlimmer, daß sich die Sozialdemo­kratie aus der politischen Relevanz verabschiedet, denn sie hinterläßt ein Vakuum. Eine politische, emanzipatorisch denkende, handelnde und kämpfende Linke ist hingegen kaum in Sicht.

Insofern ist es zwar lustig, wenn ein paar spätrömische Dekadente in der hiesigen FDP-Filiale ein Happening veranstalten, aber es ersetzt nicht das, was die herrschende Bourgeoisie und ihre politischen und medialen Lakaien längst betreiben: Klassenkampf. In Griechenland ist das etwas anders. Dort wehrt sich die Bevölkerung gegen die vom internationalen Kapital und deutschen Interessen diktierten Sparzwänge. Warum sollte auch die Mehrheit der Bevölkerung die Zeche für eine Politik zahlen, die ihr wenig, der herrschenden Klasse ihres Landes jedoch eine ganze Menge eingebracht hat?

Daß Politik käuflich ist, ist ja nichts Neues. Das ist durchaus legal, auch wenn die CDU es vielleicht ein wenig damit übertrieben hat, wenn sie sich Gespräche mit ihren Landesfürsten in Nordrhein-Westfalen und Sachsen hat bezahlen lassen. Eine nette Variante zu diesem Thema haben die saarländischen Grünen hingelegt. Die haben sich, so meldet die Saarbrücker Zeitung, einen Teil ihres Landtagswahl­kampfs vom FDP-Kreis­vorsitzenden Hartmut Ostermann finanzieren lassen. Anschließend gab es eine Jamaika-Koalition. Ich finde das nicht empörend, nur ein bißchen zu offensicht­lich. Aber es bestätigt, was Johannes Agnoli in seinem 1967 erschienenen Standardwerk zur parlamentarischen Demokratie festgehalten hatte: Die im bürgerlichen, spät­kapitalistischen Parlament vertretenen Parteien bilden die plurale Fassung einer Einheitspartei.

Walter Hoffmann im RadaR-Interview am Wahlabend 2005Irgendwie auch lustig, aber politisch abstrus ist die Selbstdemontage der SPD. Nachdem die Intelligenz­bolzen aus Darmstadt (um Dagmar Metzger) die hessische SPD abgeschossen und Roland Koch eine weitere Legislatur­periode beschert haben, sorgen sie nun vor Ort dafür, daß sie keine und niemand mehr Ernst nimmt. Den eigenen Oberbürger­meister abzuservieren, ist ein starkes Stück.

Nun bin ich gewiß kein Fan von Walter Hoffmann und kann auch nicht finden, daß er sein Wahl­versprechen von Transparenz und seiner Vision eines bewegten Darmstadt eingehalten hätte. Irgendwo in meinem Archv habe ich noch seine Antrittsrede; vielleicht ist es ganz erhellend, ihn an seinen eigenen Vorgaben zu messen. Aber mal ganz ehrlich – wie blöd darf man in dieser Partei eigentlich sein, ohne ernsthafte personelle Alternative den eigenen Parteisoldaten abzuschießen?

Also, das kann ich jetzt schon voraussagen: nächstes Jahr wird die Wahl zum Oberbürger­meister zwischen Rafael Reißer auf der einen und Brigitte Lindscheid oder Jochen Partsch auf der anderen Seite entschieden werden, wen auch immer die Grünen aufstellen mögen. Blöd wie die SPD nun einmal ist, wird sie mehrheitlich der CDU zuneigen und die Grünen für ihre reichlich dubiose Haltung zur Nordostumgehung abstrafen. Heitere Aussichten, mit vielen Wolken und vermutlich einem heftigen Hagelschaden. Mal sehen, wann und zu welchen Konditionen das Darmstadtium privatisiert wird. Ein Faß ohne Boden ist ja nichts dagegen. Obwohl: die Knell ist auch nicht schlecht. Da zahlt der Eigenbetrieb der Stadt namens EAD Gelder an die Stadt für einen Umzug von der Niersteiner Straße auf ein gegenüber dem Müllheizkraftwerk gelegenes Grundstück, damit die Bilanz zwischen Sondermüll-Entsorgung und Erschließung des Geländes auf der einen und Verkaufserlösen auf der anderen Seite halbwegs positiv gestimmt wird. [8]

 

Gut geplant ist halb geherrscht

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 6, Dezember 2009/Januar 2010, 110 Seiten, € 9,50

Manchmal zahlt es sich eben aus, wenn vorher gut geplant wurde. Offensichtlich hat man und frau beim Darnstadtium mit Kunstzahlen operiert, um das je nach Geschmack schöne oder häßliche Gebäude mit vorgeschaltetem Stolpergraben überhaupt erst entstehen zu lassen. Daß die Strategen bei der Erschließung der Knell vergessen hatten, daß ein Chemiekonzern in nächster Nähe mit besonderen Auflagen verbunden sein könnte, die sogenannte Seveso II-Richtlinie, gereicht ihnen nicht zum Ruhm. Doch der Machbarkeits­wahn siegte über rationale Überlegungen und vor allem über demokratisch durchgeführte Entscheidungs­prozesse. Ähnliche Überlegungen, wenn auch mehr theoretischer Natur, finden wir in der Dezemberausgabe der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung namens Mittelweg 36, die ich an dieser Stelle ja schon mehrfach vorgestellt und kritisch, mitunter auch polemisch kommentiert habe.

Vielleicht als Leitmotiv der vorletzten Ausgabe – die neueste, vor kurzem erschienene befaßt sich mit dem Stalinismus – könnten die Erwartungen und Spielräume politischer Planung gelten. Der Untertitel eines einleitenden kurzen Aufsatzes lautet „Zwischen Gegenwarts­stabilisierung und Zukunfts­vernichtung“ und deutet schon an, daß politische Planung eine vielschichtige Angelegen­heit sein kann. Ich möchte mich in meiner heutigen Besprechung auf zwei der in diesem Heft abgedruckten Aufsätze konzentrieren, und zwar den des Soziologen Walter Siebel über „Stadtplanung als Gesellschafts­politik“ und den des Zeithistorikers Thomas Etzemüller über die Normierung einer Gesellschaft in der Vision von Alva und Gunnar Myrdal in Schweden.

 

Ich möchte die beiden Aufsätze auch deshalb kurz ansprechen, weil sie interessant und lehrreich sind. Walter Siebels Aufsatz „Die Welt lebenswerter machen“ handelt von der europäischen Stadt und ihrer für die bürgerliche Gesellschaft typischen Gestalt. Eine Stadt ist nicht einfach da, sondern Kristallisations­punkt ökonomischer oder politischer Macht. Europäische Städte sind etwas anderes als Städte der islamischen Welt oder im kaiserlichen China; sie erfüllen andere Aufgaben und Bedürfnisse.

Die öffentliche Sphäre marktförmig organisierter Ökonomie und demokratisch verfasster Politik und als ihr Gegenüber die private Sphäre familialer Intimität und selbständiger Waren­produktion sind die Geburtsmerk­male des Idealtypus der bürgerlichen Gesellschaft wie der europäischen Stadt.

Demnach, so fährt er fort, ist es

die Gesellschaft, die sich in der Stadt ihre räumliche Gestalt schafft. [9]

Der Umkehrschluß, also daß mit der Planung einer Stadt eine Gesellschaft, gar eine bessere Gesellschaft geplant und gestaltet werden könne, sei ein Trugschluß. Stadtplanung soll einer wachsenden Stadt Räume schaffen, sie leistungsfähig gestalten, natürlich auf Grundlage der wirtschaftlichen Erfordernisse. Mit ihr könne man jedoch keine Probleme der Sozialpolitik lösen. Diese Einsicht mußte jedoch erlernt werden, da es in der Regel Männer sind, die planen. Männer haben ihre spezifischen Machbarkeits- und Gestaltungs­phantasien, ich könnte es auch Größenwahn nennen, die sie nicht selten über die Köpfe der Betroffenen hinweg durchzusetzen versuchen.

Cover Mittelweg 36Walter Siebel geht auf die früheren Utopien erwünschter gesellschaft­licher Strukturen ein, wie sie bei Plato, Campanella und Morus, aber auch bei Richard Owen und Charles Fourier zu finden sind. Es handelt sich um ideal konstruierte Ordnungen mit notwendiger­weise repressiven Zügen. Mitte des 19. Jahrhunderts setzen dann Bemühungen ein, die Entwicklung einer industriell forcierten Urbanisierung zu steuern. Brandschutz, gewachsener Verkehr, Abwässer und Kontrolle bestimmten die ersten Maßnahmen. Der Umgang mit Hygiene sollte zu einer Selbst­disziplinierung des entstehenden Proletariats führen. Sauberkeit, Moral und soziale Integration wurden als zusammen­gehörig betrachtet.

Eine Art Verwissenschaftlichung der Stadtplanung und des Städtebaus ist um die Wende zum 20. Jahrhundert festzustellen. Es entstehen Entwürfe für die Gestaltung des städtischen Raums, die von ökonomischen, sozialen und politischen Verhältnissen zu abstrahieren scheinen. Bei Le Corbusier findet sich „nur noch die ästhetisierende Verherrlichung der Industriegesellschaft, wie sie auf einer autoritären Hierarchie von Elite und Arbeiterschaft beruht“. „Im Grunde,“ so Walter Siebel, handele „es sich um formale Beschwörungen, die das städtische Chaos abwenden sollen“ [10].

Wenn das Bauhaus von einem „neuen Bauen“ sprach, so war damit die Erziehung zu einem neuen Menschen gedacht. Der Wohnungsbau sollte zu Sittlichkeit, Familiensinn und einer gesunden Lebensführung beitragen und den Sinn für Schönheit gestalten. Dahinter steckte ein ökonomisches Prinzip der rationalen Lebensführung. Küchen wurden auf Effektivität durchgeplant, womit gleichzeitig auch die Rolle der Frau als Hausfrau eingeschrieben wurde. Schon hier war der Wohnungsbau als autoritäre Erziehungsmaß­nahme, wie sie im National­sozialismus weitergedacht wurde, angelegt.

Heutzutage kommt der planerische Eifer und damit verbundene pädagogische Gehalt ökologisch daher. Neue Standards wie Ökologie, aber auch Barrierefrei­heit, sind das Vehikel zur Umgestaltung gewachsener städtischer und räumlicher Strukturen, um sie – sozusagen – fit für den Konkurrenz­kampf auf dem Weltmarkt zu machen. Diese Art Planung bevorzugt weiche Standort­faktoren wie Kooperation, Verhandlung und Koordination, vor allem aber Mobilisierung und Begeisterung. Die allgegen­wärtigen Events durchgeknallter Spaßmotoren wie etwa das Snowboarden auf dem Luisenplatz gehören dazu. Es geht hierbei nicht mehr nur um die Bewohnerinnen und Bewohner einer Stadt, sondern um Investoren und Politiker. Harte Standort­faktoren wie Gewerbegebiete, Autobahnen, Flugplätze gibt es überall; es gilt, das Besondere einer Stadt oder einer Region herauszuarbeiten.

Widerstände gegen die so verstandene Planung müssen natürlich beiseite geräumt werden. Je besser die Integrations­leistung gelingt, die lokale Community von einem Projekt zu begeistern, desto weniger Hindernisse entstehen den Planern bei der Durchführung ihrer urbanen Phantasien. Wobei hier nicht mehr die Planung für die Ewigkeit gefragt ist, sondern eher eine Planung, die das zu Gestaltende revidierbar macht. Die permanente Mobilisierung der Einzelnen und der Gesellschaft erfordert es geradezu, Provisorien zu planen, die jedoch nicht wie solche aussehen. Und wie funktioniert das? Auf eine gewisse Weise paradox:

(P)erspektivischer Inkrementialismus, einer Vision folgen und gleichzeitig pragmatisch vorgehen, das heißt das Naheliegende tun, die Mobilisierung demokratischer Initiativen von unten durch hierarchische Intervention von oben, Überredungsdirigismus. [11]

Und so stellt sich Walter Siebel die durchaus berechtigte Frage, ob planerisches Denken nicht in der Nähe autoritärer Regimes anzusiedeln sei. Ein komplexes Gebilde wie eine Stadt strukturieren zu wollen, zeige die repressive Seite von Herrschaft. Differenz und Widerspruch ist da eher hinderlich.

In eine ähnliche Richtung und doch woandershin zielt der Aufsatz von Thomas Etzemüller über das schwedische Traumpaar Alva und Gunnar Myrdal. Sie 1902, er 1898 geboren, betraten die schwedische Öffentlich­keit in den 1930er Jahren. Beide sahen sich als Propheten und Wegbereiter der Modernisierung. Ihr provokantes Auftreten verhalf ihnen zu der Öffentlichkeit, die sie benötigten, um ihre gesellschafts­politischen Visionen kommunizieren und umsetzen zu können, und das war die Ordnung der Gesellschaft. Auch Schweden hatte seinen Diskurs eines Zerfalls der Familie und der damit verbundenen Strukturen. In den Visionen von Alva und Gunnar Myrdal ging es darum, die Menschen so von ihrem Glück zu überzeugen, daß sie freiwillig das taten, was von ihnen erwartet wurde. Repressive Maßnahmen sollten nur im äußersten Notfall angewendet werden.

Kollektives Wohnen war für sie eine Antwort auf die Frage, wie Frauen Arbeit und Familie vereinbaren könnten. Der Aufbau eines modernen Hauses sah beispielsweise kollektives Kochen, Waschen und Kindererzie­hung im Erdgeschoß vor. Die eigene Wohnung als individueller Rückzugsraum im Obergeschoß sollte klein genug sein, um zu verhindern, daß sich einzelne Menschen dauerhaft von der Gemeinschaft abschließen könnten. Alva und Gunnar Myrdal lebten natürlich nicht so, sondern in einer Villa.

Die Kindererziehung in einer Kollektivkinder­krippe sollte ein doppeltes Problem lösen. Eltern von der vor allem finanziellen Last der Kindererziehung zu befreien, aber auch Kinder von einer antiquierten Erziehungs­vorstellung ihrer Eltern zu befreien, die es verhindere, Kinder bedarfsgerecht in die Industriegesell­schaft einzupassen. Ihr Erziehungs­programm war modern, kindgerecht und dachte sogar daran, Geschlechterrollen aufzulösen. Damit verbunden war eine Normalisierung, also die Orientierung der Kinder auf eine erwünschte gesellschaft­liche Norm. Am besten sei es, wenn sich die Kinder selbst erzögen. Der damit verbundene repressive Gruppenzwang war durchaus erwünscht, abweichendes Verhalten sollte von der Gruppe selbst abgeschliffen werden. Bemerkenswert ist der elitäre Beigeschmack dieses selbst­erzieherischen Modernisierungs­programms. Konsum sollte eine wichtige Rolle spielen und qualitativ hochwertige Güter waren zu bevorzugen. Aber manche sind eben gleicher als andere.

Ein verbleibender Sektor von Luxusgütern stünde den Wohlhabenderen offen, wobei sich Alva Myrdal durchaus vorstellen konnte, auch der Massenware den Anschein von Luxusgütern zu geben, um den Durchschnitts­bürgern das Gefühl zu nehmen, bloß mit Standardwaren abgespeist zu werden. [12]

Warum erinnert mich das an Glasperlen? – Einfachheit, Schönheit und Klarheit gehörten zum ästhetischen Erziehungs­programm der Myrdals. So paradox das klingt, aber Alva Myrdal bestand auf der Vorstellung von Emanzipation durch Selbstnormali­sierung. Und es ist nicht so, daß hier eine Spinnerin und ein Spinner am Werk waren. Sie gestalteten eine Entwicklung mit, von der sie auch getragen wurden. Als abschließendes Paradox betrachtet Thomas Etzemüller das Zusammen­wirken einer zutiefst demokratischen Gesellschaft, die auf Einbindung beruht, mit einer nicht totalitären Struktur, die durch „eine totale soziale Durchstruktu­rierung des Volkskörpers auf die Löschung von Ambivalenz und die Herstellung von Ordnung zielte“ [13].

Die dahinter versteckte Ideenwelt ist auf eine infame Weise autoritär, denn sie setzt auf die ästhetisch motivierte Selbst­regulierung ihrer Insassen. Ich möchte hier hur anmerken, daß die sozialkritischen Kriminalromane um den Polizisten Martin Beck, geschrieben von Maj Sjöwall und Per Wahlöö in den 1960er und 1970er Jahren, ein eher düsteres Bild von Schwedens Gesellschaft gezeichnet haben. Hier findet sich die Verlogenheit eines Gesellschafts­modells wieder, das auf Reichtum und Macht basiert, dies aber nicht kommunizieren will: „Davon darf nichts an die Öffentlichkeit.“ (Sjöwall/Wahlöö in „Verschlossen und verriegelt“)

 

Etwas befremdlich fand ich den Aufsatz von Hermann Lübbe über Bevölkerungs­politik, weil es sich offensicht­lich noch nicht bis zu ihm herumge­sprochen zu haben scheint, daß die Finanzierung des Rentensystems nicht von einer genügenden Anzahl junger Menschen abhängig ist. Der demografische Wandel wird uns als ein Schreck­gespenst serviert, obwohl er allenfalls ausdrückt, daß Menschen älter werden. Ob die heutige Generation genügend Nachwuchs in die Welt setzt, ist zur Finanzierung zukünftiger Renten unerheblich.

Erstens ist nicht gesagt, daß es für den Nachwuchs auch genügend Jobs gibt, zweitens ließe sich die angebliche demografische Lücke auch durch eine Öffnung der europäischen Grenzen schließen, und drittens reicht es zur Finanzierung der Zukunft vollkommen aus, die Nutznießer derselben, also die Bourgeoisie, zur Kasse zu bitten. Wenn der sogenannte Generationen­vertrag an seine politisch gewollten Grenzen stößt, muß eben etwas Neues her. Wo bitte ist das Problem? Nun, es gibt ein Problem, wenn auch ein anderes. Das Problem ist, daß die sozialen Sicherungs­systeme nach und nach zerschlagen werden, um sie profitableren Formen der Zukunfts­sicherung zuzuführen. Die Herren Riester und Rürup haben hierzu ihren ganz und gar nicht solidarischen Beitrag geleistet.

Weiterhin findet sich im Dezemberheft von Mittelweg 36 ein Aufsatz von Jens Kersten über Wilfrid Schreiber und die Planung der sozialen Marktwirtschaft mitsamt ihres Generationen­vertrages in den 50er Jahren. Der von der Katholischen Soziallehre beeinflußte Schreiber vertrat so etwas wie einen ökonomischen Humanismus, also etwas, was im Kapitalismus nicht gelingen kann. Michael Behr befaßt sich mit den Planungs­paradoxien bei der Integration der annektierten DDR, und Wolfgang Kraushaar erzählt in seiner Protest-Chronik über die Hintergründe der Verhaftung Ulrike Meinhofs im Jahr 1972 [14]. Mittelweg 36 erscheint alle zwei Monate, umfaßt pro Heft etwas mehr als einhundert Seiten und kostet als Einzelheft 9 Euro 50. Ein Abonnement ist möglich. Das aktuelle Februarheft handelt vom Stalinismus.

 

Schlußakkord

Damit endet meine heutige Sendung, die – wenn alles mit rechten Dingen zugeht – in der Nacht von Montag auf Dienstag kurz nach 23.00 Uhr, am Dienstagmorgen um 8.00 Uhr und am Dienstag nachmittag ab 14.00 Uhr wiederholt wird. Am Mikrofon war für die Redaktion Alltag und Geschichte Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Vorgesehen war zum Schluß der Sendung ein Beitrag über die Regensburger Domspatzen, satirisch verpackt als Vogel der Woche. Dem Kompetenzteam von Radio Darmstadt gelang es, wie weiter oben schon erwähnt, diesen Beitrag vorzeitig abzuwürgen und die Schuld für dieses Malheur zur Befriedigung eigener Befindlich­keiten zunächst bei mir abzuladen.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Pressemitteilung Nr. 079 des Statistischen Bundesamtes vom 5. März 2010: Gender Pay Gap 2008: Deutschland weiterhin eines der Schlusslichter in der EU.

»» [2]   Es handelte sich vermutlich um die aufbereitete Fassung einer eingereichten Pressemitteilung.

»» [3]   In der am 11. März 2010 einsehbaren Fassung heißt es hierzu: „Seit Beginn der 9. Staffel, aber auch in der 5.Staffel, scheinen die Produzenten offensichtliche Verbindungen mit der Pornoindustrie einzugehen und den Focus auf Duschszenen und sexuelle Handlungen zu verstärken, um höhere Quoten zu erzielen. So zieht in der 9.Staffel die ehemalige Porno­darstellerin Annina Ucatis in das Big-Brother Haus ein, welche des öftern nackt zu sehen ist. Die Videos werden anschließend auf dem Videoportal YouPorn veröffentlicht. Ähnlich wird in der 10.Staffel derzeit mit der Porno­darstellern Callboy Klaus und Sexy Cora verfahren.“

»» [4]   Beispielsendungen sind Hallo Darmstadt, Young Power, CS-Mag oder Gipfelstürmer. Diese Sendeformate mitsamt ihrer Präsentation widersprechen nicht der Sendelizenz.

»» [5]   Radio Darmstadt kritisiert TV-Format BigBrother.

»» [6]   Mario Barth : Frau – Deutsch / Deutsch – Frau für Fortgeschrittene, Seite 130.

»» [7]   Auch bei Radio Darmstadt sind derartige Frauen vorzufinden. So erschien im Sommer 2007 ein sogenannter „Radiowecker“, der ein halbes Jahr später still­schweigend wieder in der Versenkung verschwand, mit einer Moderatorin, die durch besonders sinnloses Geplapper auffiel. Allerdings ist hinzuzufügen, daß das, was bei Frauen Geplapper ist, unter Männern ein Männer­gespräch genannt wird. Im „Radiowecker“ am 22. August 2007 [[Fundstelle]) war das sinnlose Geplapper auf dem Sender schier unerträglich.

»» [8]   Zum Darmstadtium: Darmstadtium könnte bis zu 92,3 Millionen kosten (Darmstädter Echo, online am 27. Februar 2010). Zur Knell: Die Knell bringt der Stadt Darmstadt Geld ein (Darmstädter Echo online am 3. März 2010). „Schönrechnerei bei der Knell“ (Darmstädter Echo online am 5. März 2010).

»» [9]   Walter Siebel : Die Welt lebenswerter machen. Stadtplanung als Gesellschafts­politik, in: Mittelweg 36, Heft 6, Dezember 2009 / Januar 2010, Seite 26–48, Zitate auf den Seiten 28 und 29.

»» [10]   Siebel Seite 35.

»» [11]   Siebel Seite 46.

»» [12]   Thomas Etzemüller : »Swedish Modern«. Alva und Gunnar Myrdal entwerfen eine Normalisierungsgesell­schaft, in: Mittelweg 36, Heft 6, Dezember 2009 / Januar 2010, Seite 49–63, Zitat auf Seite 58.

»» [13]   Etzemüller Seite 63.

»» [14]   Kraushaars Darstellung, aber dies nur nebenbei, hat einen leicht tränendrüsigen Touch.


Diese Seite wurde zuletzt am 4. April 2010 aktualisiert. Grund: Link angepaßt. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2010. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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