Kapital – Verbrechen

Düstere Zukunft, glorreiche Vergangenheit

oder (ganz einfach): der Ball ist rund

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Düstere Zukunft, glorreiche Vergangenheit
oder (ganz einfach): der Ball ist rund
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 26. Januar 2004, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 26. Januar 2004, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 27. Januar 2004, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 27. Januar 2004, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Hardy Grüne : 100 Jahre Deutsche Meisterschaft, Verlag Die Werkstatt
  • Matthias Weinrich / Hardy Grüne : Milliardenliga zwischen Boom und Pleite, Agon Sportverlag
  • Andreas Baingo / Michael Horn : Die Geschichte der DDR–Oberliga, Verlag Die Werkstatt
  • Lorenz Knieriem / Matthias Voigt : Fußballweltmeisterschaft 1950 in Brasilien
 
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Mythen sind gut für's Geschäft
Kapitel 3 : Undeutscher Erfolg
Kapitel 4 : Fußball unter Verwertungszwang
Kapitel 5 : Fußball ist auch Politik
Kapitel 6 : Seltsame Spiele unter dem Zuckerhut
Kapitel 7 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

In einer Woche haben wir sie wieder – die Fußball–Bundesliga. Pünktlich zum Treiben der Schneeflocken endet die Winterpause. Doch die Vereine der Fußball–Bundesliga haben neben ihren sportlichen Problemen vor allem mit finanziellen zu kämpfen. Die 36 Erst– und Zweitligisten sollen über Verbindlichkeiten in Höhe von 700 Millionen Euro verfügen. Dies mag eine lächerliche Summe angesichts der Gesamtverschuldung aller europäischen Fußballclubs in Höhe von mehreren Milliarden Euro sein.

Ist auch der Fußball inzwischen eine gigantische Finanzblase, die wie ein Aktienboom womöglich im Desaster endet? Nicht auszuschließen. Meine heutige Sendung befaßt sich jedoch nicht nur mit den Aspekten des modernen durchkapitalisierten Geschehens auf den Fußballplätzen und Finanzmärkten. Im vergangenen Herbst sind im Verlag Die Werkstatt und im Agon Sportverlag vier spannende Bücher rund um die Geschichte des Fußballs herausgekommen. Diese möchte ich heute vorstellen. Und zwar:

  • von Hardy Grüne der Jubiläumsband 100 Jahre Deutsche Meisterschaft, der neben der Darstellung der sportlichen Ereignisse die Sozialgeschichte des deutschen Fußballs nicht vergißt,
  • in der Reihe Enzyklopädie des deutschen Ligafußballs den Band Milliardenliga zwischen Boom und Pleite
  • dann ein etwas vernachlässigtes Thema, nämlich Die Geschichte der DDR–Oberliga, von Andreas Baingo und Michael Horn
  • und zuletzt aus der Geschichte der Fußball–Weltmeisterschaften der Band zur WM 1950 in Brasilien.

Auf einen informativen Übersichtsband zum Thema Frauenfußball warte ich bis jetzt allerdings vergebens. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

 

Mythen sind gut für's Geschäft

Schuldenberg trotz Umsatzrekord titelte vor kurzem das Darmstädter Echo und sprach von einem düsteren Zukunftsbild des europäischen Fußballs [1]. Der Geschäft brummt zwar, aber die Einnahmen sind alles andere als sicher, selbst bei den Spitzenverdienern der Branche. So scheint ein Verein wie beispielsweise Borussia Dortmund auf eine zusätzliche Finanzspritze von angeblich 80 bis 100 Millionen Euro angewiesen zu sein. Dafür sollen die Einnahmen der nächsten Jahrzehnte verpfändet werden. Ein ungedeckter Wechsel auf eine unsichere Zukunft.

Denn die Fernsehgelder fließen nicht mehr so satt wie noch vor der Kirch–Pleite. Bayern München und Borussia Dortmund denken daher über eine eigenständige Vermarktung ihrer Fußballspiele nach. Doch Pay TV ist ausgerechnet in der Fußball–Hochburg Deutschland nicht gerade der Renner und so fragt sich, ob derartige Pläne überhaupt Aussicht auf Erfolg haben können. Aber womöglich bleibt den großen Clubs keine andere Wahl als hier Neuland zu betreten. Die neoliberale Globalisierung fordert auch beim Fußball ihren Tribut. Fußballclubs sind ja keine Interessenorganisation gleichgesinnter Balltreter, sondern Wirtschaftsunternehmen. Bei Strafe des Untergangs sind sie gezwungen, Erfolge vorzuweisen und vor allem Geld einzutreiben. Fernsehgelder gibt es umso mehr, je erfolgreicher der Verein sich präsentiert. Daher ist für die Bundesligaclubs die Teilnahme an internationalen Wettbewerben Pflicht. Doch auch hier ist die Konkurrenz groß. Es muß also investiert werden. Und das kostet Geld und damit sind wir wieder am Anfang der Spirale. Nur, daß eben die Fernsehgelder nicht mehr so üppig sind. Wenn also Bayern München und Borussia Dortmund den waghalsigen Sprung in eine eigene Fernseh–Liga planen, oder zumindest damit kokettieren, dann mag das verrückt klingen. Aber vielleicht bleibt beiden Clubs keine andere Wahl, um auch in Zukunft im Konzert der Großen in Europa mitspielen zu können. Doch je höher der Einsatz, desto größer ist auch das Risiko. Zwar läßt sich Erfolg nicht kaufen, aber er wird bei größeren finanziellen Ressourcen immerhin wahrscheinlicher. Hingegen zahlt sich Bodenständigkeit nicht aus. Dorfvereine wie der SV 98 dümpeln zwischen 3. und 4. Klasse herum und müssen dennoch sehen, wie sie jedes Jahr den Etat gedeckt bekommen. Und das wird in Zukunft sicher nicht einfacher.

Gerhard Aigner, bis Ende letzten Jahres [2003] Generaldirektor der UEFA, sprach zum Abschied [von diesem Amt] einige warnende Worte. Er prangerte die Vereine an, die den Erfolg zu kaufen versuchten und anderen Vereinen die Luft abdrehen würden. Dieser Egoismus führe zu einem Wettlauf mit dem Tod; und diesen könne man nun einmal nicht gewinnen [2]. Was Aigner hierbei vergißt, ist der Sinn des Fußballs. Dieser liegt aller gegenteiligen Bekundungen zum Trotz nicht auf dem Fußballplatz. Das Spiel selbst ist nur die Staffage eines gigantischen Showereignisses. Das liegt daran, daß Fußball nicht im luftleeren Raum gespielt wird, sondern im Kapitalismus. Und deshalb ist es logisch und konsequent, den Erfolg zu kaufen. Das war übrigens schon immer so. Denn im Fußball gelten dieselben Regeln wie im übrigen Wirtschaftsleben.

Auch die Fußball–Weltmeisterschaft 2006 ist ein solches Event. Deshalb steht die Bundesregierung mit milliardenschweren Subventionen nicht abseits, um privaten Kapitaleignern ein lukratives Geschäft zu ermöglichen. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement sagte daher trotz angeblich leerer Kassen über sechs Milliarden Euro zu. Als hätten wir nicht Straßen genug, soll es für knapp 4 Milliarden Euro neue Straßen geben. In einer Gesellschaft, in der Profite privatisiert und Verluste verstaatlicht werden, sollen zusätzlich für den notleidenden Fußball zwei Milliarden Euro für Stadionbauten locker gemacht werden [3]. Wir könnten dies auch als eine versteckte Sonderabgabe für die krisengebeutelte Unterhaltungsindustrie (und die Baubranche!) deuten. Wolfgang Clement erhebt einfach keine erhöhte Mehrwertsteuer, sondern finanziert die Luxusveranstaltungen der Republik über die Kürzung von Sozialleistungen und eine Neuverschuldung, für die wir dann erst später zur Kasse gebeten werden. Dagegen sind die finanziellen Vorstellungen von [Darmstadts Oberbürgermeister] Peter Benz für den Umbau oder gar Neubau des Böllenfalltorstadions absolute peanuts. Obwohl Darmstadts Kassen angeblich ebenso leer sind.

Doch auch Peter Benz weiß nur zu genau: nur eine gut ausgebaute Infrastruktur kann die Basis für erfolgreichen Ligafußball bilden. Allerdings fehlt es dem SV 98 an den nötigen Sponsoren; und – vielleicht zum Glück – hat sich keiner der hier ansässigen Großkonzerne daran versucht, aus einer Provinzmannschaft mit kräftigen Investitionen ein erstligareifes Team aufzubauen. Der Gedanke wäre durchaus reizvoll; die Frage ist, ob ein solches Experiment auch genügend Rendite abwerfen würde. Dies ist jedoch das A und O des Fußballs. Ohne Geld kein Erfolg, ohne Erfolg kein Geld. Das Spiel selbst bleibt nebensächlich.

Zur Vermeidung von Mißverständnissen noch eine Anmerkung: Fußball ist nicht, wie Ästheten meinen könnten, in seinen schönsten Momenten ein Genuß. Fußball ist auch nicht ein Mannschaftssport, in dem die Regeln des fair play gelten würden. Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Gewalt gehört zum Sport wie Betrug zum Sieg. Im Kapitalismus zählt nur eines – der Erfolg. Alles andere sind Mythen, um die Massen glauben zu lassen, es sei ihr Spiel. Dabei bestimmen nicht die Fans die Mannschaftsaufstellung und die Vereinspolitik. Sie sind Konsumentinnen und Konsumenten einer Ware, die es zu vermarkten gilt.

Manchmal, aber nur manchmal, gibt es dann die wenigen Momente, in den das Spiel zu seinem Recht kommt. Doch es ist kein Spiel. Erfolg hat nur, wer sich bestmöglich verkauft, und vielleicht auch, wer die eigenen Mythen und die eigene Geschichte am besten präsentiert. Genau deshalb sind die Bayern das meistgeliebte und gleichzeitig meistgehaßte Team der Republik und genau deshalb lebt Borussia Mönchengladbach vom Mythos des underdog, dem der Erfolg in den 70er Jahren mehr als einmal gestohlen wurde. Und während das Bayern–Spiel abgeklärt bis zum Stumpfsinn zelebriert wird, gelten die Fohlen als Musterbeispiel des Offensiv–Fußballs.

Zwischen 1968 und 1978 machten die beiden Teams 9 von 10 Meisterschaften unter sich aus. Dabei fällt auf, daß der Mythos der Torfabrik vom Bökelberg nur bedingt stimmt. Denn die meisten Tore haben in diesen zehn Jahren die Bayern geschossen. Das wird meist übersehen. Betrachten wir die Spielzeiten zwischen 1968 und 1978 genauer, dann sagt die Statistik:

Bayern München442:238 Punkte4 Meisterschaften777:466 Tore
Borussia Mönchengladbach455:225 Punkte5 Meisterschaften762:418 Tore

Deutlicher wird es, wenn wir sehen, daß in sechs Spielzeiten die Bayern mehr Tore geschossen haben, aber nur in drei die Gladbacher, einmal schossen beide gleich viele Tore. Mythen haben jedoch ihre eigene Geschichte und sorgen für eine Verbundenheit mit Vereinen, welche sich für diese in klingender Münze auszahlt. Deshalb stelle ich nun die vier schon erwähnten Bücher zur Geschichte des Fußballs vor.

 

Undeutscher Erfolg

Besprechung von: Hardy Grüne – 100 Jahre Deutsche Meisterschaft. Die Geschichte des Fußballs in Deutschland, Verlag Die Werkstatt, € 28,00

 
Als die ersten Fußballer um 1860 nach Deutschland kamen, wurden sie zunächst kaum beachtet. Deutschland war Turn–Domäne, und Turnen war eine urdeutsche Leibeserziehung, die vor allem ein Ziel hatte: aus der männlichen Jugend harte und gehorsame Soldaten zu machen. Fußball, ein im Vergleich zum disziplinorientierten Turnen beinahe ungezügeltes Spiel, das noch dazu vom politischen Gegenspieler England kam, hatte eigentlich keine Chance. [4]

Hardy Grüne, von dem diese einleitende Passage seines Buches 100 Jahre Deutsche Meisterschaft stammt, zeigt, daß und warum dieser undeutsche Sport dennoch eine Chance hatte. Während nämlich das Turnen als stupide Vorbereitung auf den Militärdienst galt, konnte im Fußball wie in anderen damals neumodischen Sportarten (Golf, Tennis, Radfahren ...) Individualität ausgelebt und der Leistungsgedanke gefördert werden.

Dennoch dauerte es rund 30 Jahre, bis es in Deutschland einen organisierten fußballerischen Wettbewerb gab. Zwar gab es schon 1892 eine Meisterschaftsrunde eines Bundes Deutscher Fußballspieler, doch diese Vereinigung aus der Frühzeit des Fußballs verschwand schnell wieder in der Versenkung. Erst die Entwicklung der Eisenbahn revolutionierte das Reisen und schuf damit auch die Möglichkeit, daß sich Mannschaften aus verschiedenen Städten gegenüberstehen konnten. Der entscheidende Impuls kam wiederum aus England, das noch im 19. Jahrhundert Meisterschafts– und Pokalspiele eingeführt hatte. Dennoch dauerte es einige Zeit, bis verschiedene Regelwerke vereinheitlicht, verschiedene Verbände zusammengefaßt und eine gemeinsame Vorstellung davon entwickelt wurde, was Fußball in Deutschland zu sein hatte.

Fußball war zu dieser Zeit ein Studenten– und Angestelltensport. Dabei sorgten die Jungs in ihren bunten Trikots oftmals für Gelächter, manche Passanten sprachen gar von Karneval. Natürlich war Sitte und Anstand in Gefahr, doch als sportliche Nische setzte sich der Fußball trotz aller Widrigkeiten durch. Denn es gab ja noch keine Fußballplätze oder gar Stadien; die Torstangen wurden mit zum Spiel gebracht und irgendwie mußte der Spaß ja auch finanziert werden.

Die erste reguläre deutsche Meisterschaft wurde 1903 ausgetragen. Dabei steckte der Spielbetrieb in vielen Regionen noch in den Kinderschuhen; Westdeutschland gehörte dem DFB noch nicht einmal an und nur Süddeutschland hatte eine Art Landesmeisterschaft. Jeder Landesverband konnte zwar nur einen Teilnehmer bestimmen, aber die Größe der Verbände variierte. So wurde etwa der Meister von Süddeutschland mit dem Stadtmeister von Magdeburg auf eine Stufe gestellt. Die erste Meisterschaft geriet zum Skandal. Die hochfavorisierte Mannschaft aus Prag (großdeutsche Lösung!) wurde mit Tricks ausgeschaltet und das Endspiel fand mit halbstündiger Verspätung auf einem staubigen Exerzierplatz statt, weil sich kein Ball finden ließ.

In den darauf folgenden Jahren entwickelte sich der Fußball aus seiner Nischenexistenz heraus. Bald gab es die ersten Debatten um das Profitum und um das Abwerben der besten Spieler. Schon früh nämlich versuchte man, den Erfolg zu kaufen. Verbotene Siegprämien waren an der Tagesordnung und die Vereine beäugten sich gegenseitig, ob sich der Gegner nicht eines verbotenen Vorteils schuldig machte. Ambitionierte Mäzene, die ihren Verein puschen wollten, gab es schon damals. Nachwuchspflege hingegen nicht. Die Klagen über mangelnde Jugendarbeit sind also gar nicht so neu.

Hardy Grüne räumt in diesem Zusammenhang mit zwei weit verbreiteten Legenden auf: Früher fielen mehr Tore, heißt es oft. Zwar stimmt es, daß damals

effektiv mehr Tore fielen, doch das war vornehmlich dem krassen Leistungsgefälle innerhalb der Spielklassen zuzuschreiben. Trafen gleichstarke Mannschaften aufeinander, endeten die Spiele allzu häufig wie heute 1:0, 0:0 oder 2:1. [5]

Die zweite Legende behauptet, daß randalierende Fans ein Phänomen darstellen, das erst in den 70er Jahren aufgetreten sei. Hardy Grüne kann dem anhand der Fachliteratur und der Zeitungsberichte von damals nur widersprechen. Schon 1913 mußten Spiele aufgrund von Ausschreitungen abgebrochen werden.

Mit dem 1. Weltkrieg wird die langsame Entwicklung der Etablierung einer Randsportart schlagartig unterbrochen. Der DFB wie die deutschen Fußballer zogen begeistert in das allgemeine Gemetzel. Festzuhalten wäre noch, daß erst kurz vor dem Krieg so etwas wie Spielkultur aufkam. Neben Versuchen, leistungsstarke Klassen zu schaffen, wurde erstmals, wenn auch oft nur zaghaft daran gegangen, den Fußball zu systematisieren. Nicht weite gebolzte Bälle waren hierbei gefragt, sondern das gepflegte und überlegte Flachpaßspiel. Auf diese Weise wurde die Spielvereinigung Fürth 1914 Deutscher Meister.

In gewisser Weise zerschlug der 1. Weltkrieg nicht nur das Deutsche Kaiserreich, sondern auch die Klassenschranken der Fußballvereine. An der Front wurde während der Gefechtspausen in gemischten Offiziers– und Soldatenteams zur Auflockerung Fußball gespielt. So kamen nach Kriegsende viele Dörfer erstmals in den Genuß, ein Fußballspiel zu sehen, das die heimkehrenden Soldaten dort austrugen. Die Zahl der Vereine und deren Mitglieder wuchsen; Fußball entwickelte sich zum Massenphänomen. Galten vor dem Krieg 1000 Zuschauer als Riesenkulisse, so kamen 1920 zum Endspiel um die deutsche Meisterschaft 35.000 Zuschauer. Da Fußball damals und noch lange hauptsächlich ein Männersport war, galt dies auch für die Zuschauer. Frauen gab es hier selten. Aber der Massencharakter zeigte, daß die Arbeiterklasse den Fußball für sich entdeckt hatte. Nicht zuletzt war der Fußball auch ein Ventil für den verlorenen Krieg und die dabei erlittenen Gewalterfahrungen. Kriegstraumata konnten hier ausgelebt werden. In den 20er Jahren galt daher der deutsche Fußball international als rauh und hart. Tätliche Übergriffe auf Spieler waren an der Tagesordnung.

Gleichzeitig fand eine Professionalisierung der Vereinsführung statt. Der Hamburger Sportverein spielte Fußball nicht mehr zum Zeitvertreib oder zur Stählung des Körpers, sondern zur Unterhaltung des Publikums, zur Befriedigung der Eitelkeit der Sponsoren und natürlich des Erfolges wegen. Der Verein wurde zum Unternehmen. Nur daß die Spieler offiziell kein Geld verdienen durften. Sepp Herberger beisspielsweise wurde Anfang der 20er Jahre gesperrt, weil er beim Vereinwechsel ein Handgeld genommen hatte. Das verkappte Berufsspielertum wurde insbesondere von den süddeutschen Vereinen praktiziert.

Im Grunde genommen kam es nur darauf an, sich nicht erwischen zu lassen. [6]

Der DFB und seine angeschlossenen Verbände taten sich mit dieser Frage bis in die 70er Jahre schwer. Dabei war es eigentlich logisch. Für

Spieler in Spitzenteams [wurde es] zunehmend schwieriger, ihre vielfältigen Verpflichtungen aus Liga– und Freundschaftsspielen mit ihren beruflichen Pflichten abzustimmen, ohne dabei Gehaltseinbußen hinzunehmen. So ergab sich fast notwendig die Frage eines finanziellen Ausgleichs. [7]

Nach der Inflationszeit kam Mitte der 20er Jahre ein kurzzeitiger wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Aufbruch. Erstmals wurden Fußballspiele im Radio live übertragen. Das fand jedoch nicht unbedingt Zustimmung. So schimpfte eine Fußballzeitung:

Hat ferner die Fußballbewegung ein Interesse daran, den neuen Typ des auf dem Sofa liegenden, seine Zigarre rauchenden Fußballinteressierten zu schaffen? Wir glauben nein, der richtige Interessent darf auch das schlechte Wetter nicht scheuen. [8]

Jahrzehnte später wurden die Zigarrenraucher von den Chipsessern und Biertrinkern abgelöst, als der Siegeszug des Fußballfernsehens begann.

Doch auch auf dem Fußballplatz gab es Neues: Die Abseitsregel wurde gelockert; dies sollte den Offensivgeist fördern, führte jedoch paradoxerweise dazu, daß man sich mehr Gedanken darüber machte, wie ein Tor zu verhindern als wie eines zu schießen sei. Der Catenaccio ist so betrachtet kein Phänomen der 60er Jahre. Auch etwas anderes wurde zum Problem: die Anzahl der Mannschaften und Ligen. Je nach Region gab es größere oder viele kleine zersplitterte Ligen, die dann in komplizierten Verfahren ihre Endrundenteilnehmer bestimmen mußten. Da nutzte es dem Hamburger SV wenig, die Stadtmeisterschaft mit zum Teil zweistelligen Siegen zu gewinnen, wenn er anschließend auf im harten Ligaalltag erprobte Mannschaften traf. Es gab 1928 sage und schreibe 62 höchste Spielklassen im Deutschen Reich mit 615 erstklassigen Vereinen! Das förderte die Qualität nun gewiß nicht.

Eine Ligareform und die Frage des Berufsspielertums standen auf der Tagesordnung, als die Nazis die Macht übertragen bekamen. Danach war nichts mehr wie vorher. Jüdische Sportler und Funktionäre wurden zum Teil im vorauseilenden Gehorsam aus den Vereinen ausgeschlossen und mußten eigene Meisterschaften austragen. Statt einer schon damals sinnvollen Reichsliga gab es 16 Gauligen; Profis entsprachen ohnehin nicht der nationalsozialistischen Ideologie. Doch das Konzept war erfolgreich; soviele Menschen wie nie zuvor strömten in die Stadien. Der Beginn des 2. Weltkrieg markierte das Ende dieser Fußball–Herrlichkeit. Die Einschränkungen des Spielbetriebs ließen die Meisterschaften eher zur Farce werden; die Massen kamen dennoch ins Stadion.

In den 50er Jahren sah es so aus, als könne es eine Renaissance dieser alten Fußball–Herrlichkeit geben. Zwar war Deutschland geteilt, aber im Gebiet der Bundesrepublik boomte der Fußball weiter. Inzwischen sorgte der DFB immerhin dafür, daß es nicht wieder Miniaturligen gab und förderte so die Leistungskonzentration. Das Wunder von Bern gebar zudem einen eigenen Mythos. In den Ligen dominierten immer mehr Vereine aus Großstädten. Die Tradition der Arbeitersport– oder Vorortvereine zerfiel mit dem Zechensterben im Ruhrgebiet und der erhöhten Mobilität im Rest der Republik. Dennoch konnte in den 50er Jahren ein kleiner Ruhrpottverein für Furore sorgen: der SV Sodingen. 1956 nahm er an der Endrunde der Deutschen Meisterschaft teil; zu seinen drei Endrundenspielen kamen sage und schreibe 100.000 Zuschauer. Doch auch Sodingen verschwand wie so viele andere kleine Vereine. Nur der SV Alsenborn Anfang der 70er und Unterhaching Ende der 90er Jahre konnten zumindest ansatzweise oben mitspielen.

Es kamen andere Zeiten. Neben dem Fernsehen mitsamt seiner Unterhaltungsindustrie wurden dem modernen Großstadtproletariat immer mehr andere Vergnügungen angeboten. Der Fußball verlor seinen identifikatorischen Stellenwert. Der Tiefpunkt dann in den 70er Jahren, vor allem nach dem Bundesliga–Bestechungs–Skandal von 1971. Dieser Skandal läßt in der Logik des Kapitals durchaus die Frage zu, inwieweit sich Erfolg auch durch das Kaufen von Spielen und Spielern herbeizwingen läßt. Dies ist jedoch eine Frage, an die sich selbst heute keine und niemand ernsthaft herantraut. Doch bei Umsätzen in Milliardenhöhe ist die Frage durchaus legitim, vielleicht sogar notwendig.

Hardy Grüne hat mit seinem Buch 100 Jahre Deutsche Meisterschaft eine fundierte, gut lesbare und absolut nicht trockene Geschichte des Fußballs in Deutschland geschrieben. Er macht Zusammenhänge sichtbar und zeigt, warum Fußball ein Massenphänomen werden konnte und wem dieses Phänomen in unterschiedlichen Zeiten in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht zugute kam und bis heute auch kommt. Kleinere Exkurse etwa zum jüdischen Fußball, zu Arbeitersportvereinen oder zum Frauenfußball machen den Band besonders wertvoll. Selbstverständlich passiert jede der bisherigen Deutschen Meisterschaften Revue und daher fehlen auch die dazu gehörigen statistischen Angaben nicht. Ein Buch, das ich nur empfehlen kann. Es ist im Verlag Die Werkstatt erschienen, hat 558 Seiten und kostet 28 Euro.

 

Fußball unter Verwertungszwang

Besprechung von : Matthias Weinrich / Hardy Grüne – Milliardenliga zwischen Boom und Pleite. Fußball in Deutschland 1998–2003, Agon Sportverlag, € 25,00

Während die Bundesliga–Fußballrechte für ARD und ZDF für die Saison 1965/66 sensationelle 640.000 DM kosteten, bedeutete die Saison 2001/02 das Ende eines Dukatenesels. Vereinbart waren Fernsehgelder in Höhe von 355 Millionen Euro, doch die Kirch–Gruppe konnte ihr Pay–TV Premiere beim deutschen Publikum nicht ausreichend vermarkten. Der Fernsehmarkt, so scheint es, ist derzeit an der Grenze der Belastbarkeit angelangt. Rezession und zunehmende Arbeitslosigkeit schaffen zwar in der Theorie einen Markt für gelangweilte Menschen, doch in der Praxis zählt cash; und genau hier liegt das Problem. Wer arbeitslos ist, leistet sich nicht unbedingt Premiere.

Daher heißt der von Matthias Weinrich und Hardy Grüne herausgebrachte Band über den Fußball in Deutschland 1998–2003 nicht zu Unrecht Milliardenliga zwischen Boom und Pleite. Die hier dokumentierten fünf Spielzeiten beginnen mit dem wunderbaren Drama von Barcelona, als Manchester United den Bayern den sicheren Champions' League Triumph in letzter Minute wegnahm. Es folgt im Jahr darauf Leverkusens Pleite in Unterhaching, anschließend der Vier–Minuten–Fast–Schon–Meister Schalke 04.

Ein Jahr später ist als ewiger Zweiter Bayer Leverkusen wieder an der Reihe; immerhin spielt die Mannschaft den schönsten Fußball in deutschen Landen seit den seligen Tagen von Uwe Bein und Anthony Yeboah [9]. Aber wer kann schon für Leverkusen sein? Sein Namensgeber und Besitzer ist ein weltweit für seine chemischen und pharmazeutischen Experimente gefürchteter Großkonzern. [10]

Ja, es ist schwer, beim multimedialen Angebot noch eingefleischter Fan eines Fußballmultis zu sein. Und dennoch ziehen die Massen wieder in die Stadien, vor allem deshalb, weil die Vermarkter die Frauen als Zielpublikum entdeckt haben. Die Stadien wurden in den 90ern in Sitzarenen umgebaut, um das richtige Ambiente für eine gelungene Show auch dann zu bieten, wenn die Kickküste wieder einmal äußerst dürftig sind.

Matthias Weinrich und Hardy Grüne konzentrieren sich auf den Ergebnisteil dieser fünf Jahre. Alle Spiele mitsamt Tabellenständen werden genauso aufgeführt wie Mannschaftsaufstellungen und Torschützen. Zumindest was die 1. Liga betrifft. Nicht ganz so ausführlich, aber gut nachschlagbar, ist der Überblick über die 2. Liga, die Regionalligen und die Oberligen geraten. Dabei stellt sich heraus, daß der Konzentrationsprozeß im Fußball seine Opfer fordert. Vereine ziehen ihre Mannschaften zurück, steigen freiwillig ab oder werden gleich insolvent. Eine Entwicklung, die folgerichtig ist, aber durchaus schon aus den 50er Jahren bekannt ist.

Ein Extrakapitel ist dem DFB–Pokal gewidmet; was so manchem Fan die Möglichkeit bietet, die Erfolgsstory seines (oder ihres) Clubs nachzuvollziehen, wie etwa im Herbst 2001, als die Lilien über ihre Verhältnisse spielten und dabei erst am dritten Bundesligisten scheiterten. Interessant ist hierbei ein Blick auf die Resonanz. Zum einen fällt auf, daß die eher dörflichen Fußballfeste im lokalen Rahmen noch groß gefeiert werden, während in den großen Stadien erst mit dem Halbfinale die Begeisterung zum Vorschein kommt. Durchschnittlich 9.000 bis 12.000 Zuschauerinnen und Zuschauer pro Pokalspiel sind sicher keine Erfolgsstory; erst die Vermarktung macht daraus ein richtiges Event.

Milliardenliga zwischen Boom und Pleite von Matthias Weinrich und Hardy Grüne ist im Agon Sportverlag erschienen, hat 260 Seiten und kostet 25 Euro.

 

Fußball ist auch Politik

Besprechung von : Andreas Baingo / Michael Horn – Die Geschichte der DDR–Oberliga, Verlag Die Werkstatt, € 29,90

Wer hat das erste Tor einer DDR–Nationalmannschaft gegen ein bundesdeutsches Team geschossen? Jürgen Sparwasser? Falsch! Es war ein gewisser Günter Schröter im September 1959, als die beiden Mannschaften gegeneinander spielten, um den deutschen Vertreter für die Olympischen Spiele 1960 in Rom zu ermitteln. Beide Spiele fanden übrigens vor einer Geisterkulisse statt; denn Zuschauerinnen und Zuschauer waren zur Vermeidung nationalistischer Gefühlsaufwallungen ausgeschlossen worden. [11]

Aber wer kennt schon die Grundlagen dieses DDR–Fußballs? Andreas Baingo und Michael Horn haben diesem Mangel mit ihrer Geschichte der DDR–Oberliga abgeholfen. Diese DDR–Oberliga mag im Vergleich zum westdeutschen Fußball zweit–, manchmal vielleicht gar nur drittklassig gewesen sein. Dennoch stellte sie 1974 mit dem 1. FC Magdeburg einen Europapokal–Sieger und 1981 mit Carl Zeiss Jena (Hans Mayer!) sowie 1987 mit Lokomotive Leipzig zwei Europapokal–Finalisten. Eine Operettenliga war sie also nicht, auch wenn manch merkwürdige politische Entscheidung den Werdegang des DDR–Fußballs begleitete. Die 70er Jahre waren die wohl sportlich erfolgreichsten: Platz 6 bei der WM 1974 und die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1976 unterstreichen dies.

1949 startete die DDR ihre eigene Fußball–Meisterschaft, nachdem die Ostzonen–Meister 1948 und 1949 nicht an der gesamtdeutschen Meisterschaft hatten teilnehmen können. Schon das Premierenjahr läßt die Gerüchteküche hochkochen. Wurde Horch Zwickau Meister, weil es ein Arbeiterverein war? Das Endspiel jedenfalls fand unter skandalösen Bedingungen statt. Unter den Dresdener Verlierern ist ein gewisser Helmut Schön, der sich anschließend in den Westen absetzt. Kurz darauf später wird die Liga aufgestockt. Die Hauptstadt der DDR soll angemessen vertreten sein, vor allem das Regierungsviertel mit dem VfB Pankow. Zudem wird der Endspielgegner von Horch Zwickau aufgelöst, um einer Mannschaft der Volkspolizei Platz zu machen. Auch die Vereine erhalten neue Namen, um sie ideologisch besser einbinden zu können. Doch Pankow gerät zur Lachnummer wie später im Westen Tasmania 1900. Nur daß Pankow als abgeschlagener Tabellenletzter nicht absteigt, sondern sich noch einmal in der Oberliga bewähren darf. Aber im nächsten Jahr ist der Abstieg trotz politischer Einflußnahme unvermeidbar.

Derartige Kapriolen – und es sind noch eine Menge mehr – geben Grund zu der Frage, ob und inwieweit die Fußball–Meisterschaften der DDR am grünen Tisch entschieden worden sind. Sicher ist es so, daß je nach politischer Großwetterlage bestimmte Sektoren der DDR bevorzugt oder benachteiligt worden sind. Mannschaften wurden aufgelöst, umbenannt oder in andere Städte verschoben. Wismut Aue firmierte eine Zeitlang als Karl–Marx–Stadt, spielte aber in Aue, weil die dortigen Bergleute mit Streik gedroht hatten, wenn das Team umziehen würde.

Ansonsten scheint es zwar die eine oder andere leichte Bevorteilung gegeben zu haben, wie etwa bei Erich Mielkes Club BFC Dynamo Berlin. Schiedsrichter, die etwas werden wollten, hatten die Wahl, korrekt zu pfeifen, oder politisch korrekt parteiisch zu sein. Das bedeutet aber nicht, daß die Stasi per Hausmacht die Meisterschaften automatisch durchsetzen konnte. Mitte der 80er Jahre sorgte Karl Zimmermann als Generalsekretär des Verbandes dafür, daß Schiedsrichter, die falsch pfeifen, gnadenlos abgestraft werden. Ihm passierte nichts, aber das Spielgeschehen rund um den BFC Dynamo normalisierte sich. Vergessen sollten wir hierbei nicht, daß so manche obskure Entscheidung westlich–kapitalistischer Schiedsrichter ganz sicher nicht von der Hand zu weisen ist; und wo viel Geld im Spiel ist, ist auch die Bestechlichkeit nicht weit. Im Europapokal der 60er und 70er Jahre waren die verteilten goldenen Uhren geradezu sprichwörtlich.

Andreas Baingo und Michael Horn haben aus all dem ein spannendes Buch auch für diejenigen zusammengestellt, die den DDR–Fußball mißtrauisch beäugen. Die politische Einflußnahme wird genauso verständlich wie das Spielgeschehen auf dem Platz. Umfangreiche Statistiken und Vereinsporträts werden aus diesem Band sicher das Standardwerk zum DDR–Fußball machen.

Wer weiß beispielsweise schon, daß Hansa Rostock ursprünglich Empor Lauter hieß? Harry Tisch, später Chef des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, hatte 1954 eine Idee. Da es in Mecklenburg–Vorpommern keine Oberliga–Mannschaft gab, sorgte er kurzerhand dafür, daß eines der neun sächsischen Teams in einer Nacht–und–Nebel–Aktion nach Rostock verfrachtet wurde. Die Spieler und ihre Familien wurden hierbei mit materieller Bevorzugung überzeugt. Es sollte nicht der einzige erzwungene Ortswechsel eines DDR–Oberliga–Vereins bleiben.

Die Geschichte der DDR–Oberliga von Andreas Baingo und Michael Horn ist im Verlag Die Werkstatt erschienen, hat 352 Seiten und kostet 29 Euro 90.

 

Seltsame Spiele unter dem Zuckerhut

Besprechung von : Lorenz Knieriem / Matthias Voigt – Fußballweltmeisterschaft 1950 in Brasilien, Agon Sportverlag, € 22,00

Zum Schluß der heutigen Sendung ein wenig internationales Flair. Während in der DDR der geregelte Oberliga–Betrieb beginnt und manch merkwürdige Entscheidung hervorbringt, bereitet sich Brasilien auf die Fußball–Weltmeisterschaft 1950 vor. Glaube nur keine und niemand, daß politische Merkwürdigkeiten auf den Realen Sozialismus beschränkt wären! Die WM 1950 steht dem in Nichts nach und hat am Ende dennoch einen würdigen Sieger – Uruguay.

1946, nach Ende des 2. Weltkrieges, gab es nur zwei Bewerber um die IV. Weltmeisterschaft. Die Schweiz wurde auf eine angedachte Zwischen–WM 1951 vertröstet, Brasilien sollte die WM 1949 austragen. Doch als abzusehen war, daß die Zeit zur Vorbereitung nicht ausreichen würde, wurde die WM kurzerhand um ein Jahr verschoben und findet seither wieder alle vier Jahre statt. In Brasilien wiederum war nach mehr als zehn Jahren Diktatur 1946 eine neue demokratische Verfassung eingeführt worden. Aufbruchsstimmung hatte das Land erfaßt. Und dann begann man den Bau des größten Stadions der Welt – später Maracanã genannt. Es wurde nicht rechtzeitig fertig. Ohnehin gab es eine Menge organisatorischer Mängel in der Vorbereitung wie bei der Durchführung der WM. Und Brasilien setzte alles daran, daß letztlich die ohnehin beste Mannschaft gewinnen mußte – die eigene.

Lorenz Knieriem und Matthias Voigt bringen uns diese etwas merkwürdige Weltmeisterschaft 1950 in Brasilien mit viel Fingerspitzengefühl und solider Recherche näher. Wir erfahren, warum nur 13 Mannschaften an der WM teilnahmen, was das Besondere am brasilianischen Fußball der damaligen Zeit war, und vor allem, warum es gar nicht so überraschend war, daß Uruguay sich den Titel holte.

Schon die Qualifikation zu dieser WM war der Horror. 33 Verbände hatten gemeldet; aber Deutschland und Japan waren aus gutem Grund ausgeschlossen. Dänemark, Bronzemedaillengewinner der Olympischen Spiele 1948, verzichtete. Die Dänen sahen als reine Amateure für sich keine Chance gegen die Profis aus England oder Brasilien. Die Sowjetunion und die Ostblockstaaten verzichteten aus ideologischen Gründen, wären in Brasilien aber auch nicht gerne gesehen gewesen. Was bleibt, ist kurios. Schottland qualifizierte sich, verzichtete aber als Zweiter der britischen Gruppe. Wenn man nicht die britische Meisterschaft gewinnen könne, sei man auch nicht würdig, die WM zu gewinnen, so tönten die Schotten hochmütig vor der dann ausgetragenen britischen Meisterschaft. Die Türkei qualifizierte sich ebenfalls, verzichtete aber aus finanziellen Gründen. Damals war eine Turnierteilnahme noch nicht gleichbedeutend mit einem großen Geldregen. Indien wiederum qualifizierte sich kampflos, bestand aber darauf, barfuß zu spielen. Das lehnte die FIFA ab.

Die FIFA suchte nun verzweifelt nach Ersatzteilnehmern, fand aber keine. So fand diese WM mit 13 Mannschaften in vier Gruppen statt. Der Modus war obskur genug: zwei Vierergruppen, eine Dreiergruppe und eine Zweiergruppe mit Uruguay und Bolivien. Die Sieger der Gruppen trugen eine Endrunde aus, wobei die Brasilianer bei der Erstellung des Spielplans darauf achteten, ein echtes Endspiel gegen Uruguay zu erhalten und vor allem im heimischen Maracanã zu spielen. Dieses faktische Endspiel verloren sie jedoch unerwartet. Diese Niederlage ist bis heute ein brasilianisches Nationaltrauma.

England hingegen, der große selbsternannte Favorit, schied sehr unrühmlich mit zwei Niederlagen aus. Das brasilianische Trauma muß stark gewesen sein. Nie wieder trat eine brasilianische Nationalmannschaft in den damaligen weißen Trikots an, erst vier Jahre später spielte sie wieder im Maracanã. Und wenn Fans aus Uruguay die brasilianischen provozieren wollen, dann reichen vier Ziffern auf einem Transparent: 1950. Sportlich eine Katastrophe, war die WM aufgrund des Riesenstadions in Rio de Janeiro wirtschaftlich gesehen allerdings ein Gewinn. Obwohl das Stadion Maracanã offiziell rund 183.000 Plätze besaß, müssen dem letzten entscheidenden Spiel der Weltmeisterschaft 1950 über 200.000 Menschen beigewohnt haben. Die dadurch verursachten chaotischen Zustände werden im Buch anschaulich wiedergegeben.

Lorenz Knieriem und Matthias Voigt haben ein durch statistisches Material und viel Hintergrundwissen angereichertes Buch zur WM 1950 verfaßt. Wären beim Satz nicht kleinere Pannen passiert, würde der schmale 128 Seiten starke Band glatt als Leckerbissen durchgehen, nicht zuletzt durch die minutiöse Aufarbeitung des alles entscheidenden Spiels selbst. Er ist im Agon Sportverlag erschienen und kostet 22 Euro. [12]

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute zum Thema: Düstere Zukunft, glorreiche Vergangenheit – oder: der Ball ist rund. Vorgestellt habe ich dabei vier Bücher, die nicht nur das Herz des Statistikers erfreuen, sondern auch in soziologischer Hinsicht zum Verständnis eines Phänomens beitragen, das bei genauerer Betrachtung doch arg seltsam erscheinen muß. Zigtausende in den modernen Arenen des Kapitals und Millionen mehr vor ihren hochauflösenden Digitalfernsehern konsumieren ein Ereignis, bei dem man und frau sich fragen muß, welchen Wert es besitzt. Da laufen in der Regel 22 Figuren hinter einem runden Etwas her, treten sich dabei die Knochen kaputt oder beschimpfen sich, nur um dann, wenn sie Besitz dieses Etwas sind, nichts Besseres zu tun haben, als dieses Etwas möglichst schnell wieder loszuwerden. In gewisser Weise kontrastiert dies die Hatz nach Macht und Profit, die jedoch nie zur inneren Zufriedenheit führt, bestenfalls dazu, noch mehr Menschen für sich einzuspannen und noch mehr Gewalt auszuüben, um noch mehr zu besitzen.

Hardy Grüne hat mit seinem Buch 100 Jahre Deutsche Meisterschaft ein in jeder Hinsicht spannend zu lesendes Werk geschrieben. Der Untertitel Die Geschichte des Fußballs in Deutschland ist nicht übertrieben – es ist die Geschichte, denn Hardy Grüne bettet das sportliche Ereignis selbst immer wieder in den gesellschaftlichen Zusammenhang ein. Fußball ist zwar auch ein Spiel, aber eben von Anfang an auch und vielleicht hauptsächlich ein kommerzielles Ereignis. Sein Buch ist im Verlag Die Werkstatt erschienen und kostet 28 Euro.

Derselbe Hardy Grüne hat zusammen mit Matthias Weinrich im Agon Sportverlag den Band Milliardenliga zwischen Boom und Pleite herausgebracht. Beide Autoren behandeln hierin den Fußball in Deutschland 1998–2003. Das Buch kostet 25 Euro.

Die Geschichte der DDR Oberliga thematisiert einen oftmals belächelten Aspekt deutscher Fußballgeschichte. Doch die beiden Autoren Andreas Baingo und Michael Horn erzählen hierbei mehr als nur das sportive Ereignis. Der Fußball in der DDR gehorchte anderen Regeln als im Westen, war aber dennoch auf seine Weise als Massenunterhaltung erfolgreich. Dieses Buch ist wiederum im Verlag Die Werkstatt erschienen und kostet 29 Euro 90.

Und zuletzt habe ich den engen deutschen Rahmen verlassen und ein wenig Sporthistorie vermittelt. Lorenz Knieriem und Matthias Voigt haben den Band zur Fußballweltmeisterschaft 1950 in Brasilien zusammengestellt. Erheiternde Momente wechseln ab mit Informationen, die zeigen, daß die Geschichte der Fußball–Weltmeisterschaften auch immer ein Politikum beinhaltet. Dieses Buch aus dem Agon Sportverlag kostet 22 Euro.

In diesem Zusammenhang und vor allem angesichts des rührseligen Films von Sönke Wortmann möchte ich auf den in derselben Reihe erschienenen Band zur Fußball–WM 1954 hinweisen. Er heißt zwar wenig phantasievoll Das Wunder von Bern, ist aber ein absolutes Muß für diejenigen, die sich nicht nur am deutschen Sieg berauschen wollen (oder vielleicht: genau das nicht!), sondern die fundiert und kritisch der Frage nachgehen, wie dieses Wunder zustande kommen konnte. Das Wunder von Bern als deutscher Nationalmythos galt schnell als Widergeburt einer Nation – und genau darauf geht dieser Band sehr genau und differenziert ein. Ebenfalls im Agon Sportverlag erschienen kostet er 24 Euro. [13]

Und wenn ihr mich nun fragt, warum ich angesichts so viel kritischer Kommentierung überhaupt über Fußball rede, dann vielleicht deshalb, weil auch ein kapitalistischer Leistungssport viel zu schade dafür ist, ihn den Managern und Funktionären, den Trainern mit ihren starren taktischen Konzepten und vor allem den profithungrigen Vermarktern zu überlassen.

Diese Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte wird am Dienstag nach dem Radiowecker um 8 Uhr und noch einmal am Nachmittag ab 14 Uhr wiederholt. Für Fragen, Anregungen und Kritik haben wir natürlich ein offenes Ohr oder genauer gesagt, eine Mailbox. Es ist die 87 00 192 für diese Sendung. Emails lese ich natürlich auch gerne; hier lautet die Adresse kapitalverbrechen@alltagundgeschichte.de. Es folgt nun eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Düsteres Zukunftsbild, Meldung des Sport Informations Dienst (sid), abgedruckt am 29. Dezember 2003 auf Seite 25. Schuldenberg trotz Umsatzrekord, Meldung des sid, abgedruckt am 23. Januar 2004 auf Seite 26.
[2]   Düsteres Zukunftsbild, Meldung des sid, Darmstädter Echo 29. Dezember 2003.
[3]   Kurzmeldung im Darmstädter Echo vom 23. Januar 2004.
[4]   Hardy Grüne : 100 Jahre Deutsche Meisterschaft, Seite 11.
[5]   Grüne Seite 71.
[6]   Grüne Seite 118.
[7]   Grüne Seite 120.
[8]   Zitiert bei Grüne Seite 148.
[9]   Es schien im Jahre 1993 so, als könne Eintracht Frankfurt unter Trainer Klaus Toppmöller endlich einmal über den eigenen Schatten springen und Deutscher Meister werden. Doch die Gegner hatten erkannt, was Stärke und gleichzeitig Schwäche der Eintracht ausmachten: der Torjäger Anthony Yeboah. Und so kamen die Gegner nach einigen Spielen zu dem nach kapitalistischer Logik absolut sinnvollen Schluß, Anthony Yeboah so lange zu treten, bis er für einige Monate verletzt zuschauen mußte. Die Eintracht wurde folgerichtig nur Fünfter; Meister wurde der FC Bayern. Vergleiche hierzu allerdings auch Ulrich Matheja, der in seinem Eintracht FrankfurtBuch (Verlag Die Werkstatt, 1. Auflage 1998) vom "Hochmut" der Beteiligten schreibt (Seite 253 bis 255).
[10]  Ich verweise hier auf die einschlägigen Seiten der Coordination gegen BAYER–Gefahren.
[11]  Siehe hierzu den Artikel von Michael Bolten : Wo warst du, als das Schröter–Tor fiel? Jungle World, Ausgabe 4/2004 vom 14. Januar 2004.
[12]  So steht auf Seite 82 nicht die Spielstatistik des Finalrundenspiels Schweden gegen Spanien, sondern es wird die Übersicht aus Seite 80 zum Spiel Uruguay gegen Schweden nochmals abgedruckt. Auf Seite 87 führt die satztechnisch eingefügte Spielstatistik zum Spiel Uruguay gegen Brasilien dazu, daß der Spielbericht in der 90. Minute abrupt mitten im Satz endet: "Máspoli fängt einen Eckball und schlägt ab. Da erfolgt der Schlusspfiff und Uruguay jubelt über". Auf Seite 126 heißt es im Begleittext zur wiedergegebenen Titelseite einer Illustrierten: "Link: 13 Nationen waren in Brasilien zu Gast." Kein Schreibfehler: "Link"! Erschwerend hinzu kommt, daß nicht ganz zu Ende gedacht wurde. Brasiliens Mannschaft war ja wohl offensichtlich nicht "zu Gast" im eigenen Land. Auf Seite 127 findet sich Brasiliens Superstadion Maracanã in der abgedruckten Zuschauerstatistik seltsamerweise in Porto Alegre wieder. [Bei so viel Detailkritik frage ich mich natürlich, welch haarsträubende Fehler sich auf meiner Homepage wiederfinden mögen.]
[13]  Siehe meine Besprechung dieses Buches in einem Radiowecker–Beitrag vom 23. November 2003.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 27. Januar 2005 aktualisiert.
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