Wegweiser
Wegweiser im Wald auf den nächsten Sportplatz

Kapital – Verbrechen

König Fußball regiert die Welt

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 10. Juni 2002, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 11. Juni 2002, 00.00 bis 01.00 Uhr
Dienstag, 11. Juni 2002, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 11. Juni 2002, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Fußball ist ein Sport und als solcher gehorcht er gesellschaftlichen Anforderungen und wirtschaftlichen Zielvorgaben. Es ist demnach kein Spiel, erst recht kein einfaches, sondern ein Geschäft. Wer daher der deutschen National­mannschaft mit Inbrunst hinterhertrötet, ist ein Sklave oder eine Marionette entfremdeter Interessen und spielt das Spiel der Kolonisatoren und Ausbeuter brav mit.

Besprochene Bücher:

Playlist:

nicht vorhanden

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Besuch 

Jingle Alltag und Geschichte

Als eines Tages ein Raumschiff aus den weit entfernten Regionen der Galaxie die Erde besuchte, nahmen die Sensoren seltsame Verrenkungen und Laute wahr. Auf dem Monitor des Raumschiffs erschien das grüne Rechteck eines ummauerten Platzes. Fünfundzwanzig Bewohner des Klasse M-Planeten rannten einer kugelförmigen Haut aus Leder hinterher. Kaum wurde sie von einem dieser seltsamen Wesen erreicht, wurde diese runde Haut auch schon wieder weggeschubst. Die Besatzung des Raumschiffs konnte sich auf dieses kuriose Treiben keinen Reim machen. Warum hatten nicht alle eine eigene Lederhaut? Und warum schrieen die Tausende umstehender Planeten­bewohnerinnen und -bewohner wild gestikulierend herum? Warum nur halfen sie den Männern auf dem grünen Rasen nicht, die permanent entschlüpfende Lederhaut festzuhalten? Sicher, auch die Besatzung des Raumschiffs kannte Spiele. Doch sie erinnerte sich nur dunkel an die graue Vorzeit ihrer eigenen Welten, als noch Kriege herrschten und Menschen verhungern mußten. Damals muß es ähnlich seltsam vorgegangen sein. Denn auf dem Monitor sahen sie zwei in verschiedenfarbigen Uniformen verkleidete Bewohner, die nicht nur versuchten, das schlüpfrige runde Ding zu treten, sondern auch einander.

Die Sensoren entdeckten zwei Gegenstände, die wie Altäre aussahen. Schnell war die Besatzung mit Hypothesen zur Hand. Handelte es sich hier um ein kultisches Spiel? Wurden die Verlierer für eine Gottheit geopfert? Oder war es für die Sieger eine Ehre, sich selbst opfern zu dürfen? Doch der Exoplanetarier an Bord wies die wilden Spekulationen in ihre Schranken. Sein wissenschaftlich trainierter Geist warnte davor, in allem Unerklärlichen und Mystischen eine kultische Handlung zu sehen. Er verwies darauf, daß schon mehrere Planeten entdeckt worden seien, deren Bewohnerinnen und Bewohner bewußt irrational ihr Leben bestritten. Manche von ihnen waren auf den kuriosen Gedanken gekommen, daß einige über andere herrschen sollten. Manche von ihnen hatten sich allgemein verfügbare Güter angeeignet und behauptet, dies sei ihr Eigentum. Und auf solchen Planeten waren die raffgierigsten und kriegerischsten Gesellschaften entstanden. Es könnte, so meinte der Exoplanetarier, es könnte sein, daß die Bewohner des Klasse M-Planeten mit dem seltsamen Spiel ähnliche Vorstellungen entwickelt hätten.

Er verwies daher auf die Oberste Direktive, die besagte, daß man und frau sich nur dann einmischen dürfe, wenn die Grundlagen einer neu entdeckten Gesellschaft auch wirklich verstanden worden seien, um dann die emanzipatorischen Kräfte zu fördern. Vielleicht, so fügte er hinzu, würden die Überlieferungen der Bewohnerinnen und Bewohner des Planeten hier weiterhelfen. Doch wo suchen? Vielleicht wäre es sinnvoll, die Mauern nach entsprechenden Zeichen mit den Schiffs­sensoren abzutasten, meinte der Wissenschaftler.

Nun, wir wissen nicht, was die Besatzung dieses Raumschiffs an verwirrenden Codes und Zeichen entdeckt hat, und noch viel weniger, ob sie selbige hat dechiffrieren können. Ich jedenfalls werde im Verlauf der folgenden Stunde ein Buch vorstellen, das von der „Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballs“ handelt. Ein Buch, das möglicher­weise auch für diejenigen unter uns interessant sein könnte, die mit Fußball nichts anfangen wollen oder können. Für die Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt begrüßt euch Walter Kuhl.

 

Anspruchsvoll

Besprechung von : Michael Fanizadeh, Gerald Hödl, Wolfram Manzenreiter (Hg.) : Global Players – Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballs, Brandes & Apsel Verlag 2002, 275 Seiten, € 19,90

Fußball ist ein fester Bestandteil populärer Kultur ([und] einer der wenigen, der sein Zentrum nicht in den USA hat) und als solcher [ist er] zugleich Wirtschaftsfaktor und Prestigeobjekt. Gründe genug für eine interdisziplinär zusammengesetzte Gruppe von Wissenschaftlerinnen [und Wissenschaftlern] rund um das Projekt Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien, sich anläßlich der Fußball-Weltmeister­schaft 2002 den kulturellen Formen, dem institutionellen Rahmen und den ökonomischen Mechanismen dieses in den meisten Ländern der Welt hegemonialen Sports zu widmen. Als mindestens ebenso bedeutsam wie der globale Stellenwert des Fußballsports erscheint [den Autorinnen und Autoren] der Umstand, daß sich an seinem Beispiel viele jener Strukturen und Entwicklungen zeigen, die den Lauf der Welt bestimmen [ – als da wären]: Zentrum-Peripherie-Beziehungen, Geschlechter­verhältnisse, Rassismus [oder] Globalisierung […]. Nicht um Fußball als isoliertes Phänomen geht es [in diesem] Band, sondern immer auch um die gesellschaftlichen Verhältnisse, in die er eingebettet ist. Und das auf globaler Ebene.

Bekanntlich war Fußball schon immer mehr als nur ein Spiel, und in der Perspektive dieses Buches [Global Players] wird deutlich, daß Fußball eben auch ein Spektakel, ein inszeniertes Medienereignis, eine Wachstums­maschine, eine Folie für Selbst­darstellungen und Projektionen nationaler Errungenschaften ist, ja sogar, daß er seine eigenen Wirklichkeiten erschafft. Wenn in einer strikt west­europäischen Perspektive das Phänomen Fußball heute haupt­sächlich in seinen ökonomischen Dimensionen gedacht wird, entspricht das der Logik einer spät­kapitalistischen Werteordnung. Angesichts der exorbitanten Kapitalbewegungen, die von den phänomenalen Ablösesummen und Gehältern der Spieler und Trainer, den Einnahmen aus dem Verkauf der Fernsehrechte und den Börse[n]notierungen der Klubs hervorgerufen werden, brauchen keine weiteren Legitimations­fragen mehr gestellt werden. [1]

„Global Players – Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballs“ ist ein Buch, das den Rahmen üblicher Sportbericht­erstattung nicht nur verläßt oder erweitert, sondern ihn vor allem kritisch hinterfragt. Wir erfahren hierin eine Menge über die Funktion von Sport, und damit auch von Fußball, in einer kapitalistischen Leistungs­gesellschaft. Daß Fußball eine ähnlich wichtige Funktion auch in den real­sozialistischen Ländern besaß, beleuchtet Miklós Hadas in einem Beitrag über den ungarischen Fußball.

Nicht nur Männer, sondern auch Frauen kommen zu Wort. Den Stellenwert und die Bedeutung des Frauenfußballs stellt Rosa Diketmüller vor. Frauenfußball gilt als Zukunftsmarkt; und als solcher muß er natürlich gehegt und gepflegt werden. Und wenn es um Zukunftsmärkte geht, dann müssen sie sich auch entsprechend präsentieren. Gewalt und alkoholisierte Männer werden da als störend empfunden und gelten als Sicherheits­problem. Das Verschwinden der Stehplätze hat insofern auch ganz banale wirtschaftliche Gründe. Was den einen ihre saubere Konsummeile ist, ohne Graffiti und kaufunwürdige und unerwünschte Arme, Obdachlose und Junkies, ist den anderen ihr mediengerecht präsentiertes sauberes Fußballstadion. Und wenn wir schon von Armut reden: wer fragt schon danach, wer unter welchen Bedingungen die Fußbälle, Trikots und Schuhe herstellt, mit denen die Akteure der Fußball-WM auf Torejagd gehen?

Fußball ist so gesehen kein sauberer Sport. Er ist so sauber wie die Welt, in der wir leben. Vielleicht macht dies auch seine Attraktion aus. Jedenfalls:

Um dieses Wechselspiel lokaler und globaler Faktoren, sportlicher und sportexterner Einflußfaktoren geht es in diesem [Buch] in erster Linie. Die Auseinander­setzung mit dem Fußball soll den Blick nicht von den Ereignissen ablenken, die sich hinter dem sportlichen Spektakel abspielen. Vielmehr soll [hiermit] die Wahrnehmung seiner Abhängigkeit von den gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Prozessen und Strukturen, in die er eingebettet ist, geschärft werden. [2]

Das Buch formuliert einen hohen Anspruch an Analyse und Reflexion. Es fordert die Auseinander­setzung mit einem der wichtigsten kulturellen Bezugspunkte unserer Gesellschaft ein. Nichts ist heilig, alles muß hinterfragbar sein. Die Autorinnen und Autoren des Buches mögen dem Fußball als solchem positiv gegenüber stehen. Sie verfallen jedoch selten in den Fehler, den guten Fußball in einer schlechten medial inszenierten kapitalistischen Waren- und Profitwelt retten zu wollen. Das Buch wird daher seinen hohen Ansprüchen gerecht. Und deshalb möchte ich im Verlauf dieser Sendung einige Beiträge und Inhalte dieses Buches näher vorstellen. Es heißt „Global Players – Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballs“ und ist im Brandes & Apsel Verlag erschienen. Es kostet 19 Euro 90. [3]

 

Geld kauft Tore

Es wäre […] im Rahmen einer ökonomischen Gesamtanalyse deutlich zu kurz gegriffen, beschränkte man [und frau] sich auf die Einnahmen und Ausgaben der Verbände und Vereine. Der Fußballsport liegt im Mittelpunkt eines Geflechts wirtschaftlicher Aktivitäten, deren bezifferbares Gesamtvolumen um ein Vielfaches höher liegt als die im Rahmen des Spielbetriebs erzielten Einnahmen. [4]

Was macht also den kapitalistischen Wert, also den Profit, des Profifußballs aus? Nicht nur bestimmte Fernsehsender verdienen daran. Die Exklusivrechte zur Fußball­übertragung rechnen sich durch Quoten und Werbe­einnahmen. Die Textilindustrie, insbesondere der Sport­artikelmarkt, ist durchaus lukrativ. Und damit das auch so bleibt, wechseln manche Vereine alljährlich ihre Trikots. Für den Massenmarkt replizierte Trikots bringen allein in Großbritannien jährlich rund 300 Millionen Euro ein.

Buchcover Global PlayersNatürlich bedeutet jedes sportliche Großereignis – Olympische Spiele oder globale und kontinentale Fußball­meisterschaften – auch eine Subvention für die notorisch danieder­liegende Bauindustrie. Keine FDP prangert hier Subventionen oder Staatsnähe bei der Auftragsvergabe an. Das hat eben alles seine kapitalistische Ordnung.

Aber auch in ganz anderen Bereichen hat Fußball eine wirtschaftliche Bedeutung – etwa bei beim Toto oder bei Fußballwetten. Hier geht es um Hunderte von Millionen Euro jährlich. Daß hier Rückwirkungen auf den Spielbetrieb nicht auszuschließen sind, zeigt das Beispiel des bis heute nicht vollständig geklärten englischen Bestechungs­skandals 1994. Wo Geld im Spiel ist, ist auch die Bestechung nicht weit. Das gehört dazu und ist so gesehen natürlich kein Skandal. Zum Skandal wird es ja nur, wenn's auffliegt.

Und parallel zur deregulierten neoliberalen Globalisierung findet eine ähnliche Entwicklung auch im Vereins­fußball statt. Die Clubs werden professionalisiert, teilweise in Aktien­gesellschaften umgewandelt. Manche große Clubs haben ihre Filialen im Ausland, und hier vor allem im außer­europäischen Ausland. Billiges Spielermaterial wird eingekauft; und wie sich das für neokoloniale Ausbeutungs­strukturen gehört, bleibt nur ein Bruchteil dieses Einkaufspreises in den Ländern des Südens zurück.

Doch auch ein anderer Zusammenhang läßt sich nachweisen. Geld bringt Erfolg. Erfolg bringt Geld in die Kassen. Die Teilnahme an internationalen Wettbewerben ist so gesehen nicht nur wirtschaftlicher Erfolgsgarant, sondern geradezu Bedingung für weiteren Erfolg. Es ist nicht die Überlegenheit des spanischen, italienischen, britischen oder deutschen Fußballs, die dazu führt, daß etwa ¾ aller Cupgewinner aus diesen vier Ländern gekommen sind. Es ist das Geld, was den Erfolg kauft. Unter den 40 weltweit umsatz­stärksten Fußball­vereinen der Saison 1999/2000 befanden sich 12 englische, 7 italienische, 6 deutsche, 5 französische und 2 spanische. Platz 15 für die Glasgow Rangers als ersten Club außerhalb der dominanten Ligen, Platz 30 für Galatasaray Istanbul und nur vier Clubs aus Lateinamerika im Hinterfeld zeigen, daß Erfolg käuflich ist.

Entgegen der weit verbreiteten Überzeugung, daß im Fußball alles möglich sei, gehen finanzielle Potenz und sportlicher Erfolg Hand in Hand und verstärken einander wechselseitig: Finanzstarke Vereine verfügen über einen Spielerkader, der sportliche Erfolge zwar nicht garantiert, aber wahrscheinlicher macht; sportliche Erfolge wiederum verbessern über wachsende Zuschauerzahlen, TV- und Merchandising-Einnahmen, Antrittsprämien usw. die finanzielle Situation. [5]

Ähnliche Strukturen finden sich auch innerhalb eines Landes wieder.

Über Jahrzehnte hinweg war versucht worden, durch verschiedene Mechanismen eine gewisse Chancen­gleichheit zwischen den Klubs einer Liga sicherzustellen bzw. die Dominanz eines oder einiger weniger Klubs zu vermeiden. An dieser Stelle ist auf eine spezifische Eigenschaft des Profi-Sports hinzuweisen, die ihn vom kapitalistischen Normalverhalten unterscheiden: Während ein Konzern bestrebt ist, die Konkurrenz auszuschalten (sei es durch oligopolistische Vereinbarungen, durch Fusion oder durch den Bankrott konkurrierender Firmen), benötigt eine Liga eine möglichst ausgewogene [Wettbewerbs-]Struktur, um sich das Interesse des zahlenden Publikums zu erhalten. Aus diesem Grund haben beispielsweise die US–amerikanischen Profi-Ligen Vorkehrungen getroffen, um die ökonomische und sportliche Übermacht eines Vereins zu verhindern […].

Diesem kollektiv aufgeklärten Eigeninteresse steht allerdings das individuelle Eigeninteresse der Vereine gegenüber, möglichst hohe Profite zu [erwirtschaften]. Im (west)europäischen Fußball gewann Letztes seit den 1980er-Jahren allmählich die Oberhand, parallel zum hegemonial werdenden Neoliberalismus, der an Stelle einer begrenzten, politisch regulierten Umverteilung von Ressourcen deren [Verteilung] durch den Markt forcierte. [6]

Die englische Liga ist in vielem Vorreiter. Die niedrige Gehalts­obergrenze für Spieler wurde schon 1961 abgeschafft. Bis Anfang der 80er Jahre wurden Eintrittsgelder noch zwischen Heim- und Gast­mannschaften aufgeteilt. Hinzu kamen Trikotwerbung und TV-Gelder, die ebenfalls die großen Clubs bevorteilten. Dann kam es zu Beginn der 90er Jahre zur Gründung der Premier League mit der erklärten Absicht, sich von den unterklassigen Vereinen finanziell abzunabeln. Nächster Schritt ist das Pay-TV, insbesondere das pay per view. Während es in Deutschland noch nicht so recht Fuß fassen kann, ist die Entwicklung im übrigen Europa weiter. Wer würde schon ein Spiel zwischen Cottbus und Bochum schauen? Also würden beide Vereine kaum Geld erhalten, im Gegensatz zu den beliebten Vereinen Bayern München, Schalke 04 oder Borussia Dortmund. Und so wollen 60% aller Italienerinnen und vor allem Italiener nur die Spiele von drei Vereinen sehen. Nächster logischer Schritt: die Gründung eigener Fernsehkanäle mit der Möglichkeit der exklusiven Vermarktung des eigenen Produkts.

Selbst auf dem Arbeitsmarkt hat sich einiges getan. Während einerseits die Freizügigkeit der Spielertransfers nicht nur durch das Bosman-Urteil ermöglicht wurde, führt die Liberalisierung der nationalen Ligen aber auch dazu, daß billigere Spieler aus südlicheren Ländern importiert werden können. Wobei hier verschärfend noch eine Schere zwischen Spitzengehältern der großen Clubs und den wesentlich geringeren Durchschnitts­gehältern der Durchschnittsclubs hinzukam. Vereine mit viel Geld haben also den exklusiven Zugriff auf alle vermeintlich guten Spieler.

Natürlich gibt es Grenzen dieser Expansion. Die meisten Ligen sind überschuldet. Fernsehgelder fließen auch nicht mehr so üppig. Der Gang zur Börse bringt zwar Geld, doch die Aktien verlieren (wie im richtigen Leben) auch schnell wieder an Wert. Aber all dies führt wahrscheinlich dazu, daß all diejenigen Vereine, die das allgemeine Wettrüsten nicht mithalten können, verschwinden oder bedeutungslos werden.

Der westeuropäische Klubfußball ist mittlerweile in große Netzwerke eingebettet, deren Struktur die weltwirt­schaftlichen Macht­verhältnisse widerspiegelt. Aus der latein­amerikanischen, afrikanischen und asiatischen Peripherie werden billige Waren bezogen (sowohl die Ware Arbeitskraft als auch Sportartikel und andere Merchandising-Produkte), deren Mehrwert zum größten Teil in Europa [erwirtschaftet] wird. Die zweite Trans­nationalisierungs-Achse dient dem Verkauf der Ware Fußball auf den kaufkräftigen Absatzmärkten in Ostasien und Nordamerika. [7]

Aus Afrika werden meist sehr junge Spieler (oft 15 bis 17 Jahre alt) importiert, von denen nur eine Minderheit den Weg in den gut bezahlten Profi-Fußball findet. Der große Rest wird bzw. bleibt Teil der deklassierten und oft auch illegalisierten Arbeitsmigranten in den ökonomischen Zentren Europas und Asiens. [8]

Der Handel mit diesen Spielern liegt weitgehend in den Händen von Europäern. – Doch die Vereine haben zunehmend auch noch ein anderes Problem:

Die hohen Kosten, die mit der Finanzierung einer Mannschaft und – sofern vorhanden und im Eigentum des Klubs – eines modernen Stadions verbunden sind, amortisieren sich umso eher, je öfter und intensiver Infrastruktur und Arbeitskraft genutzt werden. In der schlichtesten Variante erreicht man dieses Ziel dadurch, daß die absolute Zahl der Spiele erhöht wird – für kleinere Vereine beispielsweise durch die Ausweitung des Hallenfußballs in der Winterpause, auf höchster Ebene durch die Erfindung neuer Wettbewerbe […]. Angesichts der begrenzten physischen Belastbarkeit der Spieler kann es aber nicht um bloße Quantitäten gehen, sondern darum, eine möglichst große, verkraftbare Zahl von Spielen gegen möglichst attraktive Gegner vor einem möglichst großen (Fernseh-) Publikum auszutragen. [9]

So erklärt sich die Einführung der Champions League und ihre nachträgliche Aufblähung auf 32 Mannschaften oder die Durchführung der Weltmeisterschaft 1994 in den USA und jetzt in Südkorea und Japan. Es ist kein Zufall, daß die nächste WM nicht – wie versprochen – in Afrika stattfindet, sondern im weltweit wichtigeren Markt Deutschland. Außerdem ist so gewährleistet, daß die international allenfalls zweitklassige deutsche Mannschaft auch in vier Jahren an der Vorrunde der Fußball-Weltmeister­schaft teilnehmen darf.

 

Sportsgeist

Fußball ist Ende des 19. Jahrhunderts in die Mode gekommen. Er beruht jedoch auf älteren und gewalttätigeren Vorbildern.

Eine neue Bedeutung erhielten Sport und Sportspiele im 19. Jahrhundert an den englischen Public Schools. Dort wurden die wilden und ungezügelten Volksspiele, die angesichts der Modernisierungs­prozesse seit dem Ende des 18. Jahrhunderts generell an Bedeutung verloren, weiter betrieben und nicht selten zur Unterdrückung jüngerer und schwächerer Mitschüler und/oder zur Rebellion gegen die Lehrkräfte eingesetzt. […] Fußball war [selbst­verständlich] ein Männerspiel, und zwar ein Spiel, bei dem ein bestimmtes Männlich­keitsideal produziert und demonstriert wurde. Mit der Veränderung der Public-School-Erziehung und auch der Einführung des Fußball­spiels wurde die Glorifizierung von Gesetzes­verstößen und von ungezügelter Gewalt durch die Idealisierung von Fair Play abgelöst. […]

Fair Play [war] dabei zunächst kein moralisches Ideal, sondern eine praktische Notwendigkeit, die den sozialen Zusammenhalt an den Schulen garantieren sollte. Weitere Tugenden des sportsman waren: Eigeninitiative, Verantwortungs­bewußtsein, Wettbewerbs­orientierung, Siegeswillen – kurz: Männlichkeit. Die Devise „echter“ Männer war: hart, aber fair. […] [10]

Fußball ist also ein männliches Reservat gewesen, und das ist es noch heute, ein Bereich, wo Männer noch richtige Männer sein können. Und deshalb findet das richtige WM-Fieber ja auch im Dumpf­backensender SAT.1 statt.

Was macht nun die Faszination des Sports und insbesondere des Fußballs aus? Das Jagen eines in Form von Leder symbolisierten Wildes? Nein:

Fußball ist eine Inszenierung von „Kraft und Artistik, Kalkül und Spontaneität“ und ermöglicht „wie in einem Drama Individualität und Gemeinschaftsgeist, Egozentrik und Opfermut, Starallüren und Heldentum“ darzustellen. […] Die Globalisierung des Sports ist nicht zuletzt auch seiner allgemein verständlichen Symbolik und der gleichzeitig austauschbaren Bedeutung zu verdanken. So kann der Sport, vor allem auch der Fußball, zur Glorifizierung verschiedener Nationen genutzt werden. Die gleichen Aktivitäten und Praktiken können unterschiedliche nationale Tugenden und Werte symbolisieren und so deutschen, französischen oder britischen Nationalismus verkörpern. [11]

Wir alle kennen die berühmten und immer wieder gern beschworenen typisch deutschen Tugenden. Es handelt sich jedoch hierbei um ganz banale solide kapitalistische Techniken und Wert­einstellungen, die in jeder kapitalistischen Nation zu finden sind. Nur werden eben manche dieser Zuschreibungen bestimmten Nationen zugeschrieben. Doch sind diese Zuschreibungen nicht auf Dauer festgelegt, sondern entsprechen den nationalen bzw. gar nationalistischen Empfindlichkeiten des jeweiligen Zeitgeistes.

Multikultureller Exotismus verlangt geradezu nach der Zuschreibung exotischer Eigenschaften der Männer aus Afrika oder Brasilien. Ballzauber, Verspieltheit, aber auch fehlende Disziplin; es ist die Rede vom typisch südländischen Temperament. So auch jetzt wieder bei der WM in Südkorea und Japan. Bei diesem Exotismus handelt es sich jedoch eher um verkappeten Rassismus.

Sport, und vor allem Fußball, ist aber mehr. Er eignet sich als Ventil sozialer und nationaler Spannungen, ohne direkt gefährlich zu sein. Im scheinbar unpolitischen Sport können Einstellungen und Gefühle ausgelebt und in Szene gesetzt werden, selbst wenn sie politisch kontraproduktiv oder wirtschaftlich überlebt sind. Er ist so gesehen Triebabfuhr – das normale kapitalistische Leben kann anschließend weitergehen.

Fußball ist jedoch auch Teil kolonialer, imperialistischer Kultur. Gerade in Afrika und Asien wurde er hier zielstrebig genutzt. In Südafrika beispielsweise erkannten weiße Geschäftsleute,

daß Fußball spielende Arbeiter an den Wochenenden nicht in ihre Heimatdörfer fuhren und damit als Arbeitskräfte besser verfügbar waren. Unternehmer beschäftigten daher bevorzugt Arbeiter, die Fußball spielten. [12]

Doch auch im übrigen Afrika versuchten die kolonialen Herrenmenschen, den Afrikanern das beizubringen, womit sie in Europa schon erfolgreich waren. Fußball eignete sich hierfür exzellent.

Über Erziehung und Sport sollten die kolonialen Subjekte wenigstens im Rahmen ihrer Möglichkeiten „zivilisiert“ werden. Fußball sollte nicht nur den Körper formen, sondern vor allem den Geist konditionieren. Zentrale Elemente des Spiels wie die Verinnerlichung der kollektiven Unterordnung unter eine Autorität, das Spielen nach festgefügten Regeln und die Entwicklung von Teamgeist entsprachen tiefverwurzelten viktorianischen Werten. Diese britischen Tugenden glaubte man besser über die Ausübung von Sport als über Lehrbücher verankern zu können. […] Dieser imperiale Sportsgeist konnte […] vom Fußballfeld auf das Schlachtfeld oder in die Arbeitsstätten übertragen werden. Es ging nicht so sehr darum, daß gespielt wurde, sondern wie. Fußball entwickelte sich […] zu einer bevorzugten Methode der Kontrolle und Disziplinierung von jungen, urbanen Afrikanern. [13]

Im Neokolonialismus ist natürlich alles anders und besser. Afrikanische Spieler in europäischen Teams produzieren nicht nur multikulturellen Mehrwert.

Afrikanischer Fußball wird dabei in einer postkolonialen und postrassistischen Variante konstruiert, als farbenfrohe Bereicherung eines von Vereinheitlichung bedrohten Metropolen­fußballs. Der multi­kulturalistische Pesudo-Universalismus vermag die Kontinuität von ungleichen Macht­verhältnissen in den Fußball­beziehungen zwischen Europa und den Ex-Kolonien nur schwer zu überdecken. [14]

Und damit wir nicht vergessen, wie diese Macht­beziehungen verlaufen, werfen wir noch einen kleinen Blick auf die Produktions­bedingungen des zu jagenden Stücks Leder (oder Plastik).

Und nur, damit ich nicht mißverstanden werde. Ich bin kein Anhänger der postmodern-soziobiologischen Theorien, wonach wir eigentlich nicht mehr als die modernen Nachfahren der Jägerinnen und Sammler sind. Wir sind nicht vom Jagdfieber gepackt, weil unsere Vorfahren gejagt haben. Wir essen keine Schokolade, weil unsere Vorfahren auf fettreiche Nahrung standen. Frauen sorgen sich nicht aufopferungsvoll, weil dies in ihrem evolutions­genetischen Code eingeschrieben ist. Das ist Unsinn. Jagd ist und bleibt ein bestimmendes Motiv einer patriarchal-kapitalistischen Männerwelt.

Also, gehen wir nach Pakistan. Krankmachende Arbeits­bedingungen, Frauen­diskriminierung, Kinderarbeit und sweat shops gehören zum Alltag der Produktion von Fußball­schuhen, Trikots und dem allerwichtigsten Utensil, nämlich dem dort genähten Fußball selbst. Internationale Kritik an den Arbeitsbedingungen, insbesondere an der Kinderarbeit führten 1997 zum sogenannten Atlanta-Abkommen. Während jedoch die Konzerne Adidas, Nike, Reebok oder Puma am Pranger standen, haben sie dieses Abkommen, das sich gegen Kinderarbeit richtet, nicht unterschrieben. Und selbst­verständlich (wo leben wir denn auch?) wurden die Produzentinnen und Produzenten des global angeeigneten Profits, also die Näherinnen und Näher in Pakistan, an der Erarbeitung und Umsetzung des Abkommens von Atlanta nicht beteiligt.

Ein Vorstandmitglied von adidas erhielt im Jahr 2000 rund 2½ Millionen Mark. Eine für adidas arbeitende Arbeiterin in Indonesien erhielt für eine 80 Stunden Woche 5 Mark pro Tag. Werbeaufwand pro Jahr derzeit etwa 1,5 Milliarden Mark [15]. Wieviele für adidas produzierende Näherinnen und Arbeiter dafür so halbwegs menschenwürdig leben könnten …. Nein – das sind selbstver­ständlich marktwirtschaftlich unhaltbare Flausen. Der Markt gibt eben her, was er hergibt. Nicht König Fußball, sondern der profithungrige Markt regiert die Welt.

Und zum Schluß möchte ich neben dem rassistischen Ausbeutungs­verhältnis im Fußball auch seine sexistische Komponente nicht vergessen, wenn ich sie aufgrund der fortgeschrittenen Zeit auch nur kurz andeuten kann. Frauenfußball gilt zwar als zukunftsträchtiger Markt, aber die Kohle wird eben doch von Männern für Männer gemacht.

Während in Europa der Frauenfußball von männlichen Traditionalisten zum Teil noch immer als Verstoß gegen die weibliche Natur betrachtet wurde, sahen dies viele ihrer amerikanischen Geschlechtsgenoss[…]en anders: Fußball wird dort nicht nur als [ein Sport für Weicheier] bezeichnet, sondern auch mit „weibisch“ denunziert. Ein Sport also, der für Mädchen geeignet ist, den Männern jedoch kein Renommee bringt, denn: „Harte Burschen spielen Football“ [16]

Und so ist Fußball, Frauenfußball, in den USA äußerst populär. Noch 1994 – damals fand die Männer-WM in den USA statt – sollte jedoch der Frauen­fußball für den richtigen Fußball – den der Männer also – mobilisieren. Jedoch müssen wir genauer hinschauen. Fußball ist in den USA vor allem für weiße Oberschichts­frauen ein Feld zur Betätigung und Anerkennung geworden. Also eine Nische.

Und vielleicht noch eine nette Variante zum Thema Frauen­emanzipation, also das, was typisch nett ist in einer Männerwelt. Norwegen gilt als eines der Länder Europas mit der fortschrittlichsten Einstellung zum Geschlechter­verhältnis. Norwegens männliche Kicker sind bestenfalls zweitklassig, die norwegische Frauen-Fußball-Nationalelf wurde 1995 Weltmeister und 2000 Olympiasieger. Und was verdienen Männer und Frauen? Jede Frau erhielt eine Siegprämie beim Titelgewinn von 251 Dollar. Jeder Mann erhielt pro Spiel der Vorrunde eine Siegprämie von 3761 Dollar. Selbst für eine Niederlage bei den Qualifikations­spielen zur Fußball-Europa­meisterschaft 2000 gab es bei Auswärtsspielen eine Prämie von 1128 Dollar. Die Kapitänin der norwegischen Fußball-Nationalelf erhielt für ein Nacktfoto doppelt so viel Geld wie für die Gesamtprämien im Falle des Gewinns der Welt­meisterschaft 1999.

Noch Fragen? – Antworten gibt es im Buch „Global Players – Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballs“. Das Buch ist im Brandes & Apsel Verlag herausgekommen. Es kostet 19 Euro 90 und ist sehr lesenswert.

 

Erinnerungen

Besprechung von : Jupp Derwall – Fußball ist kein einfaches Spiel, Sportverlag Berlin 2002, 270 Seiten, € 20,00

Pünktlich zur Fußball-Weltmeister­schaft in Südkorea und Japan, bei der zu hoffen ist, daß die Löwen aus Kamerun die Gurkenkicker aus Deutschland nach Hause schicken (ich glaube daran allerdings nicht) [17], erschien im Sportverlag Berlin die Autobiographie des ehemaligen Bundestrainers Jupp Derwall. Fußball ist kein einfaches Spiel orakelt der Trainer einer Mannschaft, die immerhin Europameister und Vizeweltmeister wurde, herum. Zwar erfahren wir nicht, warum Fußball kein einfaches Spiel ist, aber statt dessen werden wir mit Anekdoten unterhalten. Oder vielleicht meint Jupp Derwall dies:

Der ehemalige englische Nationalspieler Gary Lineker soll einmal gesagt haben, daß Fußball zwar ein einfaches Spiel sei, der Ball gehe hin und her, aber am Ende gewinnen sowieso immer die Deutschen. In den 80er Jahren war das vielleicht noch so. Doch seitdem der deutsche Fußball seine Grenzen klar aufgezeigt bekommen hat, ist offensichtlich Fußball kein einfaches Spiel mehr. Weil die Deutschen seither herumrätseln, warum sie trotz desselben Gegurkes wie zuvor ihre Gegner nicht mehr beeindrucken können.

Das frage ich mich auch. Die bisherigen Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft waren jedenfalls keine Offenbarung. Hingegen waren die Spiele der vergangenen Europameister­schaft von einer geradezu herz­erfrischenden Leichtigkeit, vor allem in dem berühmten Spiel, als der deutschen Fußball-Nationalmannschaft erstmals die Angst ins Gesicht geschrieben stand. Als nämlich Portugals B-Auswahl die Helden der Nation eiskalt abzockten. – Doch zurück zu Jupp Derwall.

Buchcover Global Players Er spielte von 1945 bis 1962 bei Rhenania Würselen, Alemannia Aachen und Fortuna Düsseldorf; und anschließend beim FC Biel und beim FC Schaffhausen in der Schweiz als Spielertrainer. Als Stürmer schoß er in der damaligen Oberliga West fast einhundert Tore, als zweimaliger Nationalspieler war er jedoch nicht erfolgreich.

Und auch wenn Jupp Derwall, vielleicht noch mehr als McBerti Vogts, das Etikett des nicht sonderlich ernst zu nehmenden Bundestrainers anhaftete, so darf man und frau nicht vergessen, daß er in seiner Fußballwelt durchaus erfolgreich war. Mit dem FC Biel wurde er Vizemeister und stand im Schweizer Pokalfinale. Als Assistenztrainer von Helmut Schön war er an den Erfolgen zwischen 1970 und 1978 mit beteiligt. Und nach seinem Abschied 1984 wurde er mit Galatasaray Istanbul einmal Pokalsieger und zweimal türkischer Meister.

Nur – die intellektuelle Offenbarung ist sein Buch nicht, eher eine Ansammlung von Anekdoten. Und manchmal auch von Rechtfertigungen. Bekanntlich begann die Auswahl der Bundesrepublik die Welt­meisterschaft 1982 mit einer Niederlage gegen Algerien. Der weitere Verlauf der Vorrunde brachte es mit sich, daß sich Österreich und Deutschland für die zweite Runde nur dann qualifizieren würden, wenn Deutschland mit 1:0 gewinnt. Genau das passierte, zumal damals die Spiele des letzten Spieltages noch nicht parallel angepfiffen wurden. Das Spiel ging als Skandalspiel von Gijon in die Annalen des deutschen Fußballs ein. Denn dem Endergebnis ging ein Spiel voran, das für viele Beobachterinnen und Journalisten nach Betrug roch. Nach dem Siegtor in der 11. Minute schoben sich die Spieler beider Mannschaften rund um den Mittelkreis den Ball hin und her, und am Ende, so wissen wir ja von Gary Lineker, gewannen wie immer die Deutschen. Natürlich, so sagt uns Jupp Derwall, war das Ergebnis nicht abgesprochen. Es war nämlich so: Nach dem Führungstor verlegte sich die deutsche Mannschaft darauf, das Ergebnis zu halten, und die österreichische Mannschaft verstärkte die Abwehr, um sich kein zweites Tor einzufangen. Zufällig kam dabei heraus, daß beide Mannschaften sich nicht wehtaten und eine Runde weiterkamen. Die Leidtragenden waren die Algerier. Denen genügte ein weiteres Tor – egal von welcher Mannschaft – zum Weiterkommen.

Natürlich war es ein Skandalspiel. Aber genau das ist Fußball eben auch: eine große Inszenierung. Da werden Spiele mehr oder weniger unausgesprochen auch einmal abgesprochen. Da wird geholzt und betrogen, da werden Hände und Füße zu Hilfe genommen, um den Gegner mit allen erlaubten und vor allem auch unerlaubten Mitteln zu besiegen. Dabeisein ist alles? Wer setzt denn diesen Naivglauben in die Welt? Fair Play? – was für ein Unsinn!

Fußball darf nicht nur gespielt und gekämpft werden – Fußball muß auch gelebt und vorgelebt werden. Sagt Jupp Derwall. Und was bedeutet dies in Wirklichkeit?

Diego Maradona vertraute auf die Hand Gottes und Bernd Hölzenbein war seinerzeit aufgrund seiner Flug­eigenschaften bekannt. Beide wurden mit ihren Talenten Weltmeister. Als ein gewisser Klaus Toppmöller 1993 Trainer der Frankfurter Eintracht war, war die Mannschaft auf dem besten Weg, mit Bein und Yeboah die Konkurrenz nach allen Regeln der Kunst auszuspielen. Konsequenter­weise wurde Yeboah solange getreten, bis er monatelang verletzt nicht spielen konnte.

Nein, Fußball ist kein einfaches Spiel. Auch im Fußball finden wir die Spielregeln dieser Gesellschaft wieder. Von wegen Fair Play. Gewalt auch hier.

Nur sind dies eben Ansichten, die in der Autobiographie von Jupp Derwall nicht zu finden sind. Und, ehrlich gesagt, wer will es ihm verdenken? Soll er uns denn sagen, daß der Sport, an dem er hängt, auf Lug und Trug, auf Gewalt und Geld aufgebaut ist? Nein. Und so lenkt er uns mit den banalen Alltäg­lichkeiten und romantisierenden Rückblicken einer eben auch medien­inszenierten Welt auf, ohne die wir den nackten Tatsachen der Realität vielleicht genauer ins Auge sehen müßten. „Fußball ist kein einfaches Spiel“, geschrieben von Jupp Derwall und Günter Wiese, ist im Sportverlag Berlin erschienen. Das Buch kostet 20 Euro.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

Heute zum Thema König Fußball regiert die Welt. Ich hoffe, ich habe verdeutlichen können, daß eben nicht der Fußball die Welt, sondern das Geld den Fußball regiert. Daß Leistungs-, aber auch Breitensport eine wichtige gesellschaftliche Funktion hat. Daß Fußball mehr ist als nur ein Spiel, und daß die damit inszenierte Wirklichkeit nach denselben marktwirt­schaftlichen Regeln funktioniert wie die Welt um uns herum.

Davon handelt das in meiner heutigen Sendung vorgestellte Buch „Global Players – Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballs“. Es ist im Brandes & Apsel Verlag erschienen und kostet 19 Euro 90.

Es folgte der Abspann mit Kontakt­möglichkeiten, Wiederholungs­regelungen, dem Hinweis auf die nachfolgende Sendung „Gehörgang“ und der Nennung des verantwortlichen Redakteurs.

 

ANMERKUNGEN
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»» [1]   Michael Fanizadeh, Gerald Hödl, Wolfram Manzenreiter : Vorwort, in: Global Players, Seite 9–10.

»» [2]   Vorwort Seite 11.

»» [3]   Vgl. aich die Webseite zum Buchprojekt; HSK/IE 20: Global Players.

»» [4]   Gerald Hödl : Zur politischen Ökonomie des Fußballsports, in: Global Players, Seite  13–35; Zitat auf Seite 14.

»» [5]   Hödl Seite 18.

»» [6]   Hödl Seite 18–19.

»» [7]   Hödl Seite 30.

»» [8]   Hödl Seite 31.

»» [9]   Hödl Seite 32.

»» [10]   Gertrud Pfister : Wem gehört der Fußball?, in: Global Players, Seite 37–56; Zitat auf Seite 38–39.

»» [11]   Pfister Seite 51.

»» [12]   Karl Wachter : Fußball und (Post-)Kolonialismus in Afrika, in: Global Players, Seite 117–132 Zitat auf Seite 119.

»» [13]   Wachter Seite 121–122.

»» [14]   Wachter Seite 131.

»» [15]   Jörg Zimmermann : Fußbälle aus Pakistan – der globalisierte Alltag, in: Global Players, Seite 227–255; Zitat auf Seite 248.

»» [16]   Rosa Diketmüller : Frauen­fußball in Zeiten der Globalisierung – Chancen und Risiken, in: Global Players, Seite 203–227; Zitat auf Seite 214.

»» [17]   Die Löwen blieben zahm, und der GAU konnte gerade noch dank der Herren Rivaldo und Ronaldo verhindert werden. Vergleiche meine Nachbetrachtung zur Fußball-Weltmeisterschaft 2002.


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