Kapital – Verbrechen

Fußball, Frauen und Verbrechen

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Fußball, Frauen und Verbrechen
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 24. Juni 2002, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 25. Juni 2002, 00.00–01.00 Uhr
Dienstag, 25. Juni 2002, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 25. Juni 2002, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Katja Kullmann : Generation Ally, Eichborn Verlag
  • Karin Reichel und Kirsten Lange : 111 Tipps für Frauen im Beruf, Bund Verlag
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_fuswm.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Hartz quält Arbeitslose
Kapitel 3 : Grüne Wellen in männlicher Logik
Kapitel 4 : Kriegsverbrechen in Afghanistan
Kapitel 5 : Fußball und Menschenrechte
Kapitel 6 : Frausein als Versicherungsrisiko
Kapitel 7 : Generation Ally
Kapitel 8 : 111 Tipps für Frauen im Beruf
Kapitel 9 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Je länger ich darüber nachdenke, ein umso begeisteterer Anhänger der Marktwirtschaft werde ich. Ich finde, alle bisherigen Vorschläge von Parteien, Regierung, Wirtschaftsweisen und anderen Gesundbetern gehen völlig am Ziel vorbei. Wenn der Markt das Allheilmittel schlechthin zur Lösung aller unserer Probleme ist, dann frage ich mich, wozu wir Parteien, Regierungen, Gesundbeter und Wirtschaftsweise überhaupt noch brauchen. Laßt es doch den Markt machen. Keine Regeln, keine Gesetze, keine Steuern, keine Polizei, keine Kontrolle, nichts!

Fangen wir doch gleich damit an. Die Deutsche Bahn AG wird – wie geplant – zerschlagen und aufgelöst und alle Signale auf grün gestellt. Ungehemmter Verkehr von Nord nach Süd, von Ost nach West. Der Markt wird es schon richten, wieviele Züge ankommen, wieviele zusammenstoßen, wieviele überhaupt benötigt werden, und wer im Kampf aller gegen alle am Leben bleibt.

Übertragen wir dieses simple Modell doch auf unsere Volkswirtschaft! Haben wir den Mut liberaler zu sein als die ewiggestrigen 18%. Neoliberale Wirtschaftsweise wie unser allseits geschätzter Professor Rürup von der Technischen Universität Darmstadt verkünden uns: die Wirtschaft funktioniert nicht, weil der Markt durch Staat, Gewerkschaften und ähnliche Störenfriede blockiert wird. Recht haben sie! Weg damit!

Fragt sich nur: Wenn der Markt vernünftig ist und wohlstandmehrend funktioniert, wenn man ihn nur läßt, wozu brauchen wir dann noch Staat und Steuern? Wozu noch Polizei und Verkehrsregeln? Oder ist der Markt etwa doch nicht vernünftig – wozu benötigen wir ihn dann? Gibt es nicht sinnvollere Möglichkeiten, allen Menschen dieser Erde Wohlstand und Wohlergehen zukommen zu lassen, als ausgerechnet durch den heiligen brutalen Markt, der mit eben dieser brutalen Gewalt tagtäglich exekutiert wird? Oder ist es nicht der Markt, der jährlich zehn Millionen Kinder verhungern oder an leicht heilbaren Krankheiten sterben läßt? Nein, ihr habt Recht – es ist ja gar nicht der Markt. Es sind Konzerne, Banken, Profitgeier aller Art, Börsianer, Regierungen, internationale Wirtschaftsorganisationen, Vorstände und Aufsichtsräte. Mit freundlicher Unterstützung von Polizei, Militärs, Ausländerbehörden oder Todesschwadronen. Der Markt ist selbstverständlich rein und völlig unschuldig.

Nun, kommen wir also zu den wahren Fragen des Lebens. Mit den Flausen der neoliberalen Wirtschaftsideologie und ihren zuweilen mörderischen Auswirkungen werde ich mich auch heute beschäftigen. Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt begrüßt euch Walter Kuhl.

Und damit komme ich zu meinen heutigen Themen:

  • Neoliberale Gesundbeter wollen innerhalb von drei Jahren die Arbeitslosigkeit halbieren. Hatte dies nicht schon einmal ein Kanzler versprochen?
  • Im Halbfinale der Fußball–Weltmeisterschaft stehen Südkorea, Brasilien, die Türkei und ausgerechnet Deutschland. Gibt es einen Grund, auf der Seite einer dieser Mannschaften zu stehen? Oder: wieviel Nationalismus brauchen wir? Ich werde dieser Frage anhand der Menschenrechtssituation in diesen vier Ländern nachgehen.
  • Passend dazu verkünden die USA, daß sie einen internationalen Gerichtshof nicht anerkennen werden, der möglicherweise absolut unschuldige Kriegsverbrecher aus den USA aburteilen könnte. Wie es der Zufall so will, kommt die Wahrheit über eines der US–unterstützten Massaker im Afghanistan–Krieg ans Licht.
  • und Katja Kullmann hat ein Buch über die Generation Ally geschrieben. Frauen so um die 30 merken auf einmal, daß die Verheißungen von Freiheit und Emanzipation heiße Luft sind. Wie frauenfreundlich dieses Land und seine Menschen sind, dazu mehr zum Schluß dieser Sendung.

Daß alles mit allem wieder einmal zusammenhängt, erfahrt ihr selbstverständlich hier auf Radio Darmstadt. Wo auch sonst? Also lautet das Thema meiner heutigen Sendung Fußball, Frauen und Verbrechen. Sollte euch das Manuskript zu dieser Sendung interessieren, so findet ihr es im Internet unter www.waltpolitik.de.

 

Hartz quält Arbeitslose

Doch zunächst wende ich mich den faulen Arbeitslosen und den fleißigen Quälgeistern zu. Was Altbundeskanzler Kohl nicht schaffte und Nochbundeskanzler Schröder tatkräftig anpackt – das ist die Halbierung der Arbeitslosigkeit. Nun gibt es verschiedene Methoden, die offiziellen Zahlen zu schönen, zu frisieren oder umzudeuten. Doch dies soll heute nicht mein Thema sein. Auch frage ich nicht danach, wo die vielen Jobs herkommen sollen, die zur Senkung der Arbeitslosenzahlen beitragen sollen. Tun wir doch einfach so, als würden sie vom Himmel fallen. Denn dann sind es ja nur die Arbeitslosen selbst, die an den Zahlen schuld sind.

Der Vorsitzende der Regierungskommission zur Reform des Arbeitsmarktes ist der VW–Personalvorstand Peter Hartz, nach dem dann auch diese Kommission benannt ist. Er will das schaffen, woran Kohl und Schröder gescheitert sind. Innerhalb von drei Jahren will er die Zahl der Arbeitslosen um zwei Millionen senken. Sein Reformkonzept sieht dreizehn sogenannte Innovationspakete vor. Was hier als Reform verkauft wird, ist nichts weiter als eine weitere Runde im beliebten Arbeitslosenquälspiel. Dafür sitzt Hartz bestens dotiert auch im Vorstand des Schröder–Konzerns VW. Wer selbst fette Kohle verdient, dem macht es offensichtlich besonderen Spaß, andere zu quälen. Offensichtlich sind die Bandagen noch nicht hart genug. Zwar gibt es keine Jobs, aber Arbeitslose, die arbeiten sollen. Die beiden Zauberworte heißen Lohndumping … ich meine Zeitarbeit … und Selbstausbeutung … da habe ich mich doch schon wieder versprochen, ich meine natürlich Selbständigkeit. Klingt doch auch viel besser.

Jedem Arbeitsamt soll nach seinen Überlegungen eine Personalagentur angegliedert werden. Diese Agentur soll dann Arbeitslose befristet an private Ausbeuter ausleihen. Und jetzt kommt's – entweder gegen Cash oder gar kostenlos zur Probe. Andere Vorschläge gehen da noch einen Schritt weiter: Von so sinnigen, aber marktkonformen Vorschlägen wie der Kauf eines Arbeitsplatzes mit Hilfe der Arbeitslosenhilfe ist darin die Rede. Ja klar, erst arbeite ich ohne Geld und dann kaufe ich mir diesen Job auch noch. Einfach genial, diese Kapitalisten.

Durch diese kostenlose Sklavenarbeit in einer arbeitsamtseigenen oder privaten Personalagentur soll die Zahl der Arbeitslosen um 780.000 gesenkt werden. Ich sehe es schon kommen, daß hier eine neue Runde des Lohndumpings und der Lohndrückerei eingeläutet wird. Was die Pflegeversicherung und die Krankenkassen nicht leisten sollen oder wollen, das sollen dann zigtausende Sklavinnen und Sklaven bringen. Einfach perfekt.

Ein weiterer genialer Vorschlag neoliberaler Wortklauberei ist die sogenannte Ich–AG. Ich maloche, also bin ich eine Aktiengesellschaft. Oder wie habe ich dieses Wortgeklingel zu verstehen? Arbeitslose sollen sich selbständig machen und sich auf dem Markt, der schon immer auf die Ausbeutbarkeit dieser mehr oder weniger Scheinselbständigen gewartet hat, bewähren. Wer mit seiner oder ihrer Geschäftsidee nicht mehr als 15.000 bis 20.000 Euro einnimmt, darf den Gewinn größtenteils behalten. Also, die Zahlen signalisieren uns ja nun überdeutlich, daß diese neuen Selbständigen sich selbst nur noch Hungerlöhne auszahlen werden können. Bei Einnahmen von 20.000 Euro abzüglich Büromieten, Fahrzeug– und Telekommunikationskosten, von Ausgaben für Rohmaterial einmal ganz zu schweigen, bleibt gewiß ein bombastisches Gehalt übrig.

Aber genau darin bestehen die revolutionären Reformkonzepte, die uns treuherzig mit einer selbstverständlichen Dreistigkeit ausgerechnet von denen angeboten werden, die selbst nicht wissen, ob sie ihre sauer verdienten Vorstandstantiemen in Aktien, Sportwagen, Jachten oder Villen anlegen sollen. Wollen wir uns das wirklich gefallen lassen? Vielleicht sollten wir dann doch einmal wieder darüber nachdenken, wie wir den Markt und seine Marktschreier aus dem Verkehr ziehen.

 

Grüne Wellen in männlicher Logik

Neoliberale Marktideologen setzen sich auch in Darmstadt gezielt für grüne Wellen im Autoverkehr ein. Leider hat bis heute niemand und keine mein wirklich revolutionäres Reformprojekt aufgegriffen, das die sofortige und vollständige Abschaltung aller Lichtzeichenanlagen und die Demontage aller(!) Verkehrszeichen in Darmstadt vorsieht. Wenn schon Markt, dann bitte auch richtig. Nicht wahr, Herr Knechtel? [1]

Dieselben Schreihälse, die für ihre Blechkarossen regelmäßig grüne Wellen fordern und entsprechend häufig bei tiefdunkelrot über die Kreuzung brettern, haben am vergangenen Freitag wieder einmal den Beweis dafür angetreten, daß Logik nicht gerade zu ihren Stärken gehört. Am Freitagnachmittag um halb vier war Darmstadt lahmgelegt. Nationalistisch grölende Deutschland–Schreihälse und genüßlich dummbeutelhaft hupende Vollidioten sorgten für das bislang größte Verkehrschaos in Darmstadt in diesem Jahr.

Mir hat's im übrigen gefallen. So schöne grüne Wellen habe ich lange nicht erlebt. Die Krönung war ohnehin die vollständige Sperrung des Wilhelminentunnels durch fahnenschwingende Dumpfbacken, die sich in die Niederungen des Cityrings verirrt hatten. Klasse. Endlich haben Fußgänger und ein paar wenige Fußgängerinnen sich die Straße zurückerobert. Denn ansonsten parken dieselben Dumpfbacken ja mit ihrer Frechheit ohnegleichen auf Rad– und Fußwegen oder ignorieren penetrant das Rot vor Kreuzungen und Fußgängerinnenampeln.

Nur um die Dimension klarzumachen. Ich könnte mich beispielsweise an der Kreuzung Bismarckstraße / Kasinostraße postieren und jede und jeden anzeigen, die oder der bei Rot über die Kreuzung fährt. Selbst angenommen, ich bekäme nur 10% der eingetriebenen Bußgelder, ich könnte locker mit einer 20–Stunden–Woche regelmäßig sechs Wochen Luxusurlaub pro Jahr machen. Ob das die neuen Jobs der Ich–AGs aus der Reformschmiede der Hartz–Kommission sind? Ich glaube, ich sollte mich gleich dafür bewerben.

Ist Nationalismus was für Doofe? Nein, so einfach dürfen wir uns das nicht machen. Im Fußball darf sich ein Nationalismus ausleben, der ansonsten schädlich und unerwünscht ist. Fußball dient eben auch als Ventil für soziale und nationale Spannungen. An irgendetwas muß man oder frau sich ja festhalten. Und wer sonst nichts hat, bedient sich halt nationaler oder nationalistischer Symbolik und Ausdrucksformen. 1954 ist es ja ganz besonders deutlich geworden. Deutschland, mit zwei verlorenen Kriegen innerhalb von 30 Jahren, mit einer schnell verdrängten Schuld, war plötzlich wieder wer. Nicht etwa durch besondere Leistungen, nicht etwa durch Schuldanerkenntnisse oder durch tätige Reue. Nein: irgendwelche elf einen Lederball tretende Normalbürger wie du und ich hatten die Fußball–Weltmeisterschaft heim ins Reich geholt. Und plötzlich ging ein kollektives Aufatmen durch die deutschen Lande. Man war wieder wer. Man hatte wieder eine Identität. Man gehörte wieder dazu.

Nun könnte ich hingehen und sagen – Schwamm drüber. Wenn deutsche Identitätssucher ausgerechnet bei den Gurkenkickern der Nation fündig werden, sind sie eigentlich nur zu bedauern. Und es ist ja auch eine interessante Frage, warum ausgerechnet die Mannschaft, die von den vier Halbfinalisten den gnadenlosest schlechtesten Fußball abgeliefert hat, zum Symbolträger nationaler Gefühle werden kann. ‘Tschuldigung: identifizieren sich hier Looser mit Loosern?

Vielleicht hilft uns das Beispiel der Türkei weiter. Was die deutschen Chaoten am Freitag produzierten, wurde am Samstag von türkischen Migranten und einigen wenigen Migrantinnen fortgesetzt. Doch das laute Türkiye! Türkiye!Rufen hat hier noch eine weitere Symbolik. Die Türkei ist ein Land der europäischen Peripherie. Die Türkei bemüht sich seit Jahrzehnten um die Aufnahme in die Europäische Gemeinschaft. Doch immer wieder wird Türkinnen und Türken klargemacht, daß sie nicht erwünscht sind. Deutschland ist eben ein gastfreundliches Land. Nun ist die Türkei zusätzlich ein armes, ausgeplündertes Land, in dem Menschenrechte nur bedingt gelten und ethnische Säuberungen Standard sind. Wenn sich manche Kommentatoren dazu versteigen, von 70 Millionen jubelnden Türken zu reden, beweist dies nur die europäisch–koloniale Arroganz. Je nach Sichtweise gehen Soziologen, Ethnologinnen, Anthropologen und politisch bewußte Menschen davon aus, daß Türkinnen und Türken in der Türkei sogar eine Minderheit sind. Mindestens 20 Millionen Menschen in der Türkei sind Kurdinnen und Kurden.

Und die haben bestimmt nicht über die Siege der türkischen Fußballmannschaft gejubelt. Manche von ihnen haben sich jedoch über den Sieg der deutschen über die US–Nationalmannschaft gefreut. Denn die USA sind die treuesten Verbündeten der türkischen Militärs und der türkischen Bourgeoisie .. äh, ich meine natürlich Arbeitgeber. Mit den nur allzu bekannten Folgen der Herrschaft des Marktes: über dreitausend zerstörte Dörfer, zigtausend ermordete Menschen, Folter, Armut, Vertreibung. Doch auch Deutschland liefert Waffen und Panzer in die Türkei.

Und dies führt uns doch zu einer spannenden Frage: Für welche dieser vier Mannschaften darf denn überhaupt unser Herz bei dieser Fußball–Weltmeisterschaft schlagen? Was ist so spannend daran, wenn die Deutschen die Amerikaner besiegen? Warum der Jubel am Freitag? Vielleicht auch, weil wir es den Amis endlich mal gezeigt haben? Haben wir den 1945 verlorenen Krieg jetzt auch auf dem Fußballplatz doch noch gewonnen? Ich finde diese Frage spannend: wie antiamerikanisch ist die deutsche Bevölkerung eingestellt? Und hat dies vielleicht auch etwas mit den neu erwachten deutschen Ambitionen zu tun? Sind Rudi Völlers Jungs das Gegenstück zu den KSK–Spezialkräften in Afghanistan?

 

Kriegsverbrechen in Afghanistan

Nun wissen wir immer noch nicht genau, was unsere Jungs in Afghanistan machen. Doch es wird immer deutlicher, daß sich US–Militärs an Kriegsverbrechen in Afghanistan beteiligt haben. Und dann wundert es mich nicht, wenn die USA die Immunität ihrer Bürger (wohl weniger der Bürgerinnen) vor dem geplanten Internationalen Strafgerichtshof verlangen. Denn die US–Regierung weiß ja wohl am besten, an welchen Kriegsverbrechen ihre Soldaten beteiligt waren und sind.

Am vergangenen Donnerstag haben die USA angedroht, sich aus allen Missionen der Vereinten Nationen zurückzuziehen, wenn ihren Kriegsverbrechern keine Straffreiheit zugesichert wird. Und damit es in Afghanistan keine Probleme gibt, haben die europäischen Bündnispartner der USA mit der afghanischen Übergangsregierung ein Abkommen geschlossen, daß solche Klagen gegen ihre in Afghanistan stationierten Soldaten vor dem künftigen Strafgerichtshof verhindern soll. Und damit die Groteske noch grotesker wird, kündigte Regierungschef Karsai vor wenigen Tagen die Einrichtung einer Wahrheitskommission an, mit der die Verbrechen während des Krieges in Afghanistan aufgeklärt werden sollen. Naja, der könnte der Junge gleich bei sich selbst anfangen. Oder wie war das nochmal? Die islamischen Gotteskrieger zogen mit Hilfe der christlichen CIA–Fundamentalisten in einen gemeinsamen Kreuzzug gegen das gottlose Böse aus der längst vergangenen Sowjetunion. Kriegsverbrechen, Folter und Mord, Einkerkerung und Verfolgung von Frauen und Mädchen mit eingeschlossen. Die Taliban waren so gesehen nur die Spitze eines mordlüsternen Eisberges gewesen.

Doch jetzt kommt es eben doch an den Tag, was US–amerikanische Zeitungen ihren Leserinnen und Lesern weiterhin vorenthalten: Die US–Armee war wohl doch an Kriegsverbrechen in Afghanistan beteiligt. Schröder und Fischer sind natürlich weiterhin bedingungslos solidarisch.

In den vergangenen zwei Wochen wurde vor ausgewähltem Publikum an verschiedenen Orten in Europa der Dokumentarfilm Massaker in Masar des irischen Regisseurs Jamie Doran gezeigt. Anschließend wurde die Forderung nach internationalen Ermittlungen laut, die untersuchen sollen, ob die USA in Afghanistan Kriegsverbrechen begangen haben. Praktischerweise verweigern sich die USA ja derartigen Ermittlungen. Der Film erhebt den Vorwurf, daß sich amerikanische Soldaten in der Nähe der Stadt Masar–i–Scharif an der Folter von Kriegsgefangenen und an der Ermordung Tausender gefangener Taliban–Kämpfer beteiligt haben. Er dokumentiert die Ereignisse nach dem Fall von Konduz, der letzten Hochburg der Taliban in Nordafghanistan, am 21. November 2001. Andrew McEntee, ein führender Anwalt auf dem Gebiet der internationalen Menschenrechte, erklärte nach der Sondervorführung in Berlin, der Film enthalte

hinreichende eindeutige Beweise für schwere Kriegsverbrechen nicht nur nach internationalen Gesetzen, sondern auch nach den Gesetzen der USA selbst.

McEntee forderte Ermittlungen von unabhängiger Seite.

Kein funktionierendes Strafrechtssystem kann es sich leisten, solche Beweise zu übergehen,

sagte er. Wieso eigentlich nicht? Das ist doch bei eigenen Kriegsverbrechen so üblich. Das Pentagon veröffentlichte deshalb am 13. Juni [2002] eine Erklärung, in der die Beteiligung der USA an der Folter und Ermordung von Kriegsgefangenen dementiert wurde, und das US–Außenministerium schloß sich dem am 14. Juni [2002] mit einem offiziellen Dementi an.

Jamie Doran, ein mit mehreren Preisen ausgezeichneter unabhängiger Filmemacher, dessen Dokumentarstreifen bereits in mehr als 35 Ländern gezeigt wurden, begründete die Vorführung einer Rohfassung seines neuen Films mit der Befürchtung, daß bei einer Verzögerung das afghanische Militär die Beweise für die Massenmorde endgültig beseitigen werde. Der in Boston ansässige Verband Physicians for Human Rights ("Ärzte für die Menschenrechte") gab am 14. Juni [2002] eine Erklärung heraus, in der sofortige Maßnahmen zum Schutz des mutmaßlichen Massengrabs in der Nähe von Masar–i–Scharif gefordert werden.

Im vergangenen Jahr machte Jamie Doran Aufnahmen von der Festung Kala–i–Dschangi außerhalb von Masar–i–Scharif, nachdem dort Hunderte gefangene Taliban–Soldaten massakriert worden waren. Die Bilder der Gefangenen, die offenkundig mit gefesselten Händen erschossen worden waren, lösten einen weltweiten Aufschrei über das Verhalten der amerikanischen Sondereinsatztruppen und ihrer Verbündeten, der Nordallianz aus. Dorans neuer Film enthält Interviews mit Augenzeugen der Folter und Ermordung von etwa 3.000 Kriegsgefangenen. Er bringt auch Aufnahmen von dem Ort in der Wüste, wo das Massaker stattgefunden haben soll. Noch mehr als sechs Monate danach sieht man Schädel, Kleidungsfetzen und Gliedmaßen aus dem Sandhügel ragen.

Die europäische Presse hat ausführlich über den Film berichtet. In den amerikanischen Medien hingegen wurde der Dokumentarfilm fast völlig totgeschwiegen. Die Nachrichtenagentur UPI gab vergangene Woche eine Kurzmeldung darüber heraus, doch die führenden Tageszeitungen (New York Times, Los Angeles Times, Washington Post) schwiegen sich sogar über die bloße Existenz des Filmes aus. Auch die Fernsehsender und speziell die Nachrichtensender unterdrückten jegliche Informationen über den Film und die darin erhobenen Vorwürfe amerikanischer Kriegsverbrechen.

Im Film treten einige Zeugen auf, die berichten, wie sich amerikanisches Militär an dem bewaffneten Angriff auf mehrere hundert in der Festung Kala–i–Dschangi gefangen gehaltene Taliban beteiligt haben. Die Zeugen erheben außerdem den Vorwurf, daß sich nach den Vorfällen in Kala–i–Dschangi die amerikanische Militärführung daran beteiligt habe, weitere 3000 der insgesamt 8000 Gefangenen, die sich nach der Schlacht von Konduz ergeben hatten, zu töten und fortzuschaffen. In Dorans Film erklärt Amir Jahn, ein Verbündeter des Befehlshabers der Nordallianz Rashid Dostum, daß die islamischen Soldaten sich in Konduz nur unter der Bedingung ergeben hätten, das ihr Leben geschont würde. Rund 470 Gefangene seien in Kala–i–Dschangi eingesperrt worden. Die übrigen 7.500 habe man in ein anderes Gefängnis in Kala–i–Zein gebracht. Nach einer Revolte einiger Häftlinge in Kala–i–Dschangi wurde die Festung von amerikanischen Truppen aus der Luft und vom Boden aus unter schweren Beschuß genommen. Die Greueltaten, die sich innerhalb der Festung abspielten, werden in dem Film vom Vorsitzenden des regionalen Roten Kreuzes, Simon Brookes, bestätigt. Er besuchte die Festung kurz nach dem Massaker, inspizierte die Umgebung und fand Leichen mit oftmals schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck.

Der amerikanische Taliban John Walker Lindh gehörte zu den 86 Kämpfern, die das Massaker überlebten, weil sie sich in unter der Festung gelegenen Tunneln versteckt hatten. In einer erschreckenden Szene des Films sieht man geheime Aufnahmen der Vernehmung Lindhs. Er kniet im Wüstensand vor einer langen Reihe gefangener Afghanen und wird von zwei CIA–Beamten verhört. Der Beamte, der das Wort führt, sagt:

Es geht nur darum, das er entscheiden muß, ob er leben oder sterben will. Aber er wird hier sterben, ob er will oder nicht, denn wir werden ihn hier lassen, und er wird für den Rest seines Lebens im Gefängnis bleiben.

Der Film Massaker in Masar beschreibt weiterhin die Behandlung der übrigen mehreren Tausend Gefangenen, die sich der Nordallianz und den amerikanischen Truppen ergeben hatten. 3.000 der insgesamt 8.000 Gefangenen wurden zu einer Gefängnisanstalt in der Stadt Shibarghan gebracht. Der Transport erfolgte in geschlossenen Containern ohne Belüftung. Ortsansässige afghanische LKW–Fahrer wurden zwangsverpflichtet, in jedem Container 200 bis 300 Gefangene zu transportieren. Einer der beteiligten Fahrer erzählt, das bei der Fahrt 150 bis 160 Menschen pro Container starben. Ein afghanischer Soldat, der den Konvoi begleitete, wurde von einem amerikanischen Kommandeur angewiesen, Löcher in den Container zu schießen, um für Luftzufuhr zu sorgen, obwohl klar war, daß die Schüsse mit Sicherheit die Häftlinge treffen würden. Ein afghanischer Taxifahrer berichtet, daß er mehrere Container gesehen habe, aus deren Unterseite Blut geflossen sei. Ein weiterer Zeuge berichtet, daß viele der 3.000 Gefangenen gar keine Kämpfer waren und zum Teil nur deshalb von den US–Soldaten und ihren Verbündeten gefangen genommen worden waren, weil sie Paschtu sprachen, einen lokalen Dialekt.

Afghanische Soldaten bezeugen, daß die überlebenden Kriegsgefangenen nach ihrer Ankunft im Gefängnis von Shibarghan gefoltert und einige von amerikanischen Soldaten willkürlich getötet wurden. Ein weiterer Afghane, dem man die Strapazen des Kampfs ansieht, beschreibt die Behandlung der Gefangenen in Shibarghan:

Ich sah, wie ein amerikanischer Soldat einem Gefangenen das Genick brach und einen weiteren mit Säure übergoß. Die Amerikaner taten, was sie wollten. Wir konnten sie nicht aufhalten.

Ein weiterer afghanischer Zeuge erhebt den Vorwurf, daß die amerikanischen Offiziere, um Satellitenaufnahmen zu entgehen, die Fahrer angewiesen hätten, die mit toten und noch lebenden Opfern gefüllten Container in die Wüste zu bringen und dort abzuladen. Zwei der zivilen afghanischen LKW–Fahrer bezeugen, daß sie gesehen haben, wie rund 3.000 Gefangene in der Wüste abgeladen wurden. Nach Angaben eines dieser Fahrer wurden im Beisein von 30 bis 40 amerikanischen Soldaten die noch lebenden Gefangenen erschossen und in der Wüste liegen gelassen, um von Hunden gefressen zu werden. Zum Schluß des Films kann man und frau menschliche Knochen, Schädel und Kleidungsfetzen weit verstreut in der Wüste liegen sehen.

Jetzt wissen wir also, wenn wir es nicht schon ohnehin wußten, warum die USA jahrelang die Einrichtung eines Internationalen Strafgerichtshofes hintertrieben haben. Mich interessiert in diesem Zusammenhang immer noch, was unsere Jungs in Afghanistan tun und an welchen Kriegshandlungen sie beteiligt waren. Das Auswärtige Amt und Rudolf Scharpings Kriegsministerium schweigen hierzu.

 

Fußball und Menschenrechte

Wer mag jetzt noch an Fußball denken? Doch, es gibt gute Gründe, so denke ich, noch einmal über die Fußball–Weltmeisterschaft nachzudenken. Vier Mannschaften stehen im Halbfinale. Die Türkei ist sicher keine Mannschaft, der man oder frau Glück wünschen sollte. Denn die Jungs, die auf der Straße feiern, feiern nicht nur mit türkischen Fahnen, sondern auch dem Erkennungszeichen der Grauen Wölfe. Sie feiern die türkische Nation; und das heißt: sie feiern die ethnischen Säuberungen in Kurdistan.

Brasilien ist da schon ein scheinbar unschuldigerer Kandidat. Doch leider verbirgt die demokratische Fassade schwerste Menschenrechtsverletzungen. Landbesetzer werden weiterhin systematisch erschossen. Mit den Landbesetzungen soll deutlich gemacht werden, daß die reichsten Großgrundbesitzer den Ärmsten das Land stehlen oder es nicht im Zuge der Agrarreform zur Verfügung stellen wollen. Auch werden in den Großstädten weiterhin Hunderte Straßenkinder mit Wissen, Billigung und Beteiligung der örtlichen Polizei ermordet. Über eine Million Kinder und Jugendliche werden zur Prostitution gezwungen, vor allem Mädchen aus extrem armen Verhältnissen. Wer jetzt glaubt, daß Brasilien bevorzugtes Ziel von europäischen Sextouristen ist, liegt zwar nicht falsch, aber bei 90% align=center der Freier handelt es sich um brasilianische Männer aus der Mittel– und Oberschicht. Und zuschlechterletzt werden die indigenen Völker Brasiliens weiterhin diskriminiert, ihres Landes beraubt, vertrieben und umgebracht. Brasilien ist also offensichtlich auch kein Land, daß es sich zu unterstützen lohnt.

Kommen wir zu Südkorea. Nach der Vertreibung der japanischen Besatzungstruppen zu Ende des 2. Weltkrieges wurden mit US–amerikanischer Unterstützung Pseudowahlen durchgeführt, die durchgängig die Kandidaten des Regimes an die Macht brachten. Im Zweifelsfall wurde geputscht. Über 40 Jahre Militärdiktatur haben dafür gesorgt, daß die USA in Südkorea nicht übermäßig beliebt sind. Und das Massaker von Gwangju, bei dem nach einem Volksaufstand gegen die Militärherrschaft im Mai 1980 über 1000 Menschen ermordet wurden, ist nicht vergessen. In den 90er Jahren hat sich die Menschenrechtssituation jedoch erheblich gebessert. Der jetzige Präsident Kim Dae Jong wurde 1997 gewählt und regiert seither mit der typischen Zwiespältigkeit eines Sozialdemokraten. Einerseits begnadigte er führende Militärs und zwei ehemalige des Hochverrats verurteilte Präsidenten, andererseits richtete er eine Menschenrechtskommission ein. Einerseits führt er wie jeder gute Sozialdemokrat gnadenlos die Maßnahmen des Internationalen Währungsfonds aus, andererseits halten rechtsstaatliche Prinzipien auch in Südkorea Einzug. Immerhin war Kim Dae Jong unter der Militärherrschaft selbst politischer Gefangener. Dennoch werden bis heute Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter inhaftiert, die es wagen, sich für die Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter einzusetzen. Brasilianische oder türkische Methoden sind derzeit jedoch unbekannt. Insofern ein Lichtstreif am Horizont.

Bleibt Deutschland. Menschenrechtsverletzungen in Deutschland? Aber hallo! Ich sage nur: Flughafenverfahren, Asylbewerberleistungsgesetz, Residenzpflicht, Abschiebeknäste und Ausreisezentren. Rassistische Straftäter werden weiterhin mit Samthandschuhen angefaßt. Jüngstes Beispiel: die Bewährungsstrafe für die Krawalle und Mordversuche in Rostock–Lichtenhagen 1992. Beim Verfassungsschutz weiß man und frau immer noch nicht, ob er von Neonazis unterwandert ist, oder ob er Neonazi–Organisationen betreibt. Vom wohlbekannten Rassismus bei Polizei und Justiz einmal ganz zu schweigen. [2]

Und Deutschland … führt Krieg. Joschka Fischers bedingungsloser Einsatz für die UÇK–Terroristen im NATO–Krieg gegen Jugoslawien ist bekannt. Panzer werden immer noch an die guten Freunde aus der Türkei geliefert. Gerhard Schröder findet Wladimir Putin einfach sympathisch, (vielleicht weil) dessen Truppen rund 100.000 Tschetscheninnen und Tschetschenen auf dem Gewissen haben(?). Und ausgerechnet Sahir Schah, der sein Volk Anfang der 70er Jahre verhungern ließ, wird heute mit deutschem Geld als Leitwolf nach Afghanistan geflogen. [3]

Perfekt sind jedoch Gerhard Schröder, wenn er sich als Scharfmacher an den europäischen Grenzen aufspielt, und Joschka Fischer, der auf derselben Tagung in Sevilla die humanitäre europäische Tradition der Aufnahme von Flüchtlingen beschwört, im Tandem. Überhaupt – die NATO–Bündnis–Oliv–Grünen … sind ohnehin solidarisch mit allen, die Jagd auf Menschenrechte machen. Äh, nein, die jagen, um Menschenrechte zu machen. Oder, schon wieder falsch? Die Menschenrechte mit Waffen schaffen? Naja, ihr wißt schon.

Es ist übrigens dieselbe Menschenrechtsregierung, die sich bis heute weigert, Entschädigungszahlungen für die Verbrechen von Wehrmacht und SS in Griechenland zu zahlen. Parallelen und Ähnlichkeiten zu aktuellen Ereignissen sind natürlich rein zufällig.

Woraus zu folgern ist: Brasilianischer Fußball mag vielleicht immer noch das eine oder andere Zungenschnalzen hervorrufen, ist aber ansonsten ziemlich langweilig. Deutscher Fußball funktioniert ohne Zungenschnalzen und ist erst recht langweilig. Türkischer Fußball lebt davon, daß die gegnerischen Mannschaften noch unfähiger sind, das Tor zu treffen, ist also auch langweilig. Und die Südkoreaner schicken reihenweise die Favoriten nach Hause. Das macht Spaß.

Das finde ich ohnehin ein interessantes Phänomen. Die drei absolut genialen Mannschaften der letzten Europameisterschaft sind einfach abserviert worden. Die Holländer sind schon in der Qualifikation gescheitert, die Franzosen an den Senegalesen, die Portugiesen an Südkorea. Woran liegt das? Nur daran, daß die Stars der Europameisterschaft älter und müder geworden sind? Ich glaube nicht. Ich denke, die anderen, die drittklassigen Mannschaften haben sich angepaßt. Sie wissen jeden Ansatz guten und schönen Fußballs wieder zu unterbinden. Seht euch die deutsche Mannschaft an. Sie hat entweder gegen dritt– oder gar viertklassige Gegner gespielt oder das Glück gehabt, daß die Favoriten schon frühzeitig heimgeschickt wurden. Manchmal reichen 20 Minuten Volldampf, um sehr sehr weit zu kommen. Die Ukraine war beim 3:0 das erste Opfer. Saudi–Arabien das zweite. Danach kam nur noch Langeweile auf.

Und jetzt kommt Südkorea. Ich hoffe, daß es diesmal viele umstrittene Schiedsrichter–Entscheidungen gibt, die diese Mannschaft ins Finale bringen. Die Italiener sollen ganz ruhig sein. Nicht einmal ich habe es zu meiner aktiven Fußballerzeit geschafft, einen Ball vier Meter vor dem Tor zehn Meter darüber zu befördern. Wer unfähig ist, soll gehen. Der Markt wird es dann schon richten.

Und so laßt mich diesen Beitrag mit einem Gedankengang beenden, der zu meinem letzten Beitrag überleiten wird. Worin besteht die Gemeinsamkeit eines nationalistischen Hupkonzertes mit dem Hupkonzert einer Versklavungszeremonie, auch Hochzeit genannt? Wen wollen nationale Huper versklaven und warum legen Frauen sich vor dem obligatorischen Hupkonzert einen Sklavenhalternamen zu?

 

Frausein als Versicherungsrisiko

Manchmal denkt man, meist eher frau, sie sei im falschen Film. Denn der Markt, also der männlich definierte und dominierte Markt, hat wieder einmal zugeschlagen. Frauen erhalten nämlich wegen ihrer um durchschnittlich fünf Jahre höheren Lebenserwartung für die gleiche Arbeit eine deutlich niedrigere private Altersversorgung als Männer. Grundsätzlich ändert daran auch die Rentenreform nichts. Denn ebenso wie bei der privaten Zusatzversorgung fließt bei der betrieblichen Altersvorsorge über die Entgeltumwandlung ein Teil der Löhne und Gehälter in Lebens– und Rentenversicherungen privater Versicherungsanbieter. Diese betonen immer wieder, daß ihre Leistungen nicht unter das arbeitsrechtliche Gleichbehandlungsgebot fallen, das gleiches Geld für gleiche Arbeit festschreibt. Es gelte das Versicherungsrecht, nach dem ungleiche Leistungen für Männer und Frauen erlaubt sind.

Doch die Fachzeitschrift Arbeit und Recht aus der gewerkschaftlichen Bund–Verlagsgruppe weist in ihrer Mai–Ausgabe ausdrücklich darauf hin, daß das neue Altersvermögensergänzungsgesetz die Entgeltumwandlung ausdrücklich der betrieblichen Altersversorgung zuordnet. Da diese aber als aufgeschobener Lohn gilt, dürfen die Versorgungsleistungen nicht nach dem Geschlecht differenziert werden. Aufgrund des Diskriminierungsverbotes muß der Arbeitgeber unter Umständen höhere Beiträge für seine Arbeitnehmerinnen zahlen, um ihnen eine Rente in Höhe ihrer Kollegen zu gewährleisten.

Mitarbeiterinnen, die eine geringere betriebliche Rente zu erwarten haben als ihre Kollegen, können sich an ihre Arbeitnehmervertretung wenden. Betriebsräte haben das Recht, an der Gestaltung der betrieblichen Altersvorsorge mitzuwirken. Bleibt ihre Aufforderung, für einen Ausgleich zu sorgen, ohne Erfolg, kann die Mitarbeiterin ihre Ansprüche vor Gericht einklagen. Lediglich bei über die Betriebsrente hinausgehenden privaten Zusatzversorgungen gibt es in Deutschland kein ausdrückliches Verbot geschlechtsbezogener Unterscheidungen.

Frau zu sein, ist eben ein Versicherungsrisiko. Doch eine neue Frauengeneration hat da kein Problem mit. Oder doch?

 

Generation Ally

Besprechung von : Katja Kullmann – Generation Ally, Eichborn Verlag 2002, € 14,90

Katja Kullmann hat das Buch für Frauen so um die 30 geschrieben. Frauen, die ausgezogen sind, die Welt zu erobern. Die mit Feminismus nichts am Hut haben, ja sowieso emanzipiert sind, keine Quoten benötigen und … Ally McBeal gucken. Also Frauen, die jetzt so langsam merken, daß sie an die Männerwand laufen, daß sie nicht weiterkommen, daß der lifestyle, den sie bisher gepflegt haben und der sie bestimmt hat, daß der ihnen nichts bringt. Nun ist es nicht wichtig, ob wir Ally McBeal konsumieren oder nicht, um ihr Buch zu verstehen. Denn es geht grundsätzlich um die Frage, was machen Frauen zwischen 20 und 30, wenn sie älter werden, immer noch keine Karriere gemacht haben, sich die Kinderfrage stellt, und Männer einfach bescheuert sind?

Oder – wieviele Frauen sitzen in den Vorstandsetagen der einhundert größten börsennotierten Firmen in Deutschland? Eine Frage übrigens für Günther Jauch: A) 0, B) 1, C) 2 oder D) 50%?

Die 20– bis 30–jährigen, meist gut ausgebildet, besser als die Jungs jedenfalls, mit Träumen, Phantasien und Erwartungen. Mit Engagement, Kreativität. Lifestyle und Lust an der Arbeit. Die von sich sagen, eine Vollfrau zu sein, es nicht nötig haben, als frau mit der Endung in miterwähnt zu werden, und die von Männern hinter ihrem Rücken ausgelacht und ignoriert und von ihren Geschlechtsgenossinnen im Konkurrenzkampf ausgestochen werden. Solidarität? Das klingt so, als könne eine es nicht alleine schaffen. Nein, das nagt am Selbstwertgefühl.

Und das Selbstwertgefühl nagt fürchterlich. Fit sein, gesund sein, schön sein, gut aussehen, schlank sein, und keine Haare an den Beinen. Verinnerlichte Männerbilder. Wenn das Selbstwertgefühl fehlt, gibt es die passenden Seminare. Esoterik oder Coaching. Oder beides.

Bei den Coachs handelt es sich meist um verkrachte Unternehmensberater oder Psychologen, die aus irgendeinem Grund ihren alten Job verloren haben und im Lichte des Denglisch–Triumphs auf den Zug des Titel–Erfindens und –Ausnutzens aufsprangen. Manche nennen sich auch Motivations–Trainer/innen. Worauf es ankommt: Sie verkaufen eine Art Instant–Therapie an diejenigen, die es nötig haben, an diejenigen, denen es so schlecht geht, daß sie gar nicht mehr merken, daß man sie von vorn bis hinten veräppelt. [4]

Aus Recherchegründen nahm Katja Kullmann einmal an einer solchen Veranstaltung teil. Von Frauen für Frauen. Das Thema: das Zicken–Prinzip. Sie schreibt dazu:

Ziel war es, in sieben Tagen zur Superzicke zu avancieren. Das klang zunächst recht viel versprechend […]. Allerdings erschöpften sich die Zickigkeiten darin, daß die Teilnehmerinnen sich einen roten Ball zuwerfen und sagen sollten, worüber sie sich zuletzt geärgert hatten. Daß mein Chef mir immer seine ganze Arbeit aufhalst, sagte eine, die offenbar noch einen langen Weg bis zur Zickenweide vor sich hatte. […] Später mußten wir zehn bis zwölf Frauen uns gegenseitig Komplimente machen, damit sich unsere Selbstwahrnehmung verbessert, und man sagte mir mehrmals, daß ich eine aufrechte Körperhaltung habe, was ich im Gesamtergebnis ziemlich enttäuschend fand. Nach drei Stunden war der Blinde–Kuh–Zauber vorbei und wir sollten der Seminarleiterin sagen, was wir von der Veranstaltung hielten. Sie tat mir im Voraus leid, denn sie hatte offensichtlich gnadenlos versagt, nix als Mumpitz war das, und das würde sie jetzt zu hören bekommen. Ich hatte mich getäuscht. Die Gruppe war begeistert. […] Man kann von den Frauenzentren–Coacherinnen dennoch etwas lernen, nämlich eine gesunde Portion Geschäftssinn und das geschickte Ausweiden von Marktnischen, aber dafür muß man keines ihrer Seminare besuchen, man muß nur ein bißchen nachdenken: Die Gründerinnen solcher Zentren […] führen vor, wie mit einer einfachen Geschäftsidee (Verkaufen wir doch einfach ein paar Binsenweisheiten!) eine klar umrissene Zielgruppe (Frauen, die unter ihrem hohen emotionalen Intelligenzquotienten leiden) auszuquetschen ist. Nebenbei zeigen sie, wie staatliche Fördergelder abzugreifen sind (zum Beispiel aus begünstigten Frauen Start–Up–Fonds für Existenzgründerinnen) und wie man das Ganze auch noch herzerweichend vermarktet (Zum Wohle der Frau). [5]

Also, um es gleich zu sagen. Ich mag die Frau nicht und ich mag ihr Buch nicht. Ihre bemühte Distanziertheit von allem, was Feminismus und Solidarität bedeutet, mag ein Lebensgefühl ausdrücken. Der individuelle Wille zum individuellen Erfolg prägt das Buch und die persönliche Einstellung der Autorin. Aber es gibt auch Punkte, da hat sie einfach recht. Frauensolidarität ist kein Kaffeekränzchen. Feministischer Sprachgebrauch ändert die Gesellschaft nicht. Frauen sind auch ohne Quote gut, meist besser und qualifizierter als Männer. Das ist alles richtig. Und es reicht nicht aus. Ohne Gesellschaftsanalyse, ohne das Begreifen, warum sie als Frau an die Wand läuft, warum in den Vorständen der 100 größten deutschen börsennotierten Unternehmen keine einzige Frau sitzt, sitzt sie da wie Ally McBeal.

Wir versuchen, schreibt sie, das alles locker zu nehmen, wollen keinen Ärger machen. Wenn wir Worte wie Emanzipation, Geschlechterkampf und Feminismus laut aussprechen, dann kommen wir uns vor, als ob wir einen dicken Döner mit ordentlich Tsatsiki gegessen hätten. Es müffelt übel, abgestanden, unappetitlich, peinlich. Wir sind aufgewachsen in der erblühenden Lifestyle–Ära, in der ein Slogan mehr zählt als tausend Worte. Wir denken in Kategorien wie Coolness und Ich–AG. [6]

Upps … Ich–AG? Naja, das soll ja dann allen Arbeitslosen blühen. Mehr Schein als Sein. Markt eben. Und darüber, sagt sie durchaus selbstkritisch richtig, sollten wir, also die Frauen zwischen 20 und 30, noch einmal nachdenken. Nachdenken über die Muffigkeit eines angestaubten und inzwischen fast vollkommen esoterischen Feminismus. Nachdenken über die Notwendigkeit von Solidarität. Nachdenken darüber, daß Frauen an der weiteren Diskriminierung von Frauen mitwirken. Nachdenken darüber, daß es immer noch eine Männergesellschaft ist, in der Frauen sich daran abarbeiten, männliche Normen zu erfüllen und dennoch ihre eigene Erfüllung zu finden.

Also ganz so blöd ist das Buch nicht. Irgendwie ist es sogar lesenswert. Es hilft verstehen, warum gerade junge Frauen zwischen 20 und 30 jedes Gerede von Emanzipation und Feminismus ablehnen. Weil sie wissen, daß sie gut sind. Es hilft ihnen bloß nichts. Und das werden sie noch merken. Katja Kullmann scheint es gerade begriffen zu haben. Und genau darüber schreibt sie in ihrem Buch Generation Ally. – Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein. Das Buch ist im Eichborn Verlag erschienen und kostet 14 Euro 90.

 

111 Tipps für Frauen im Beruf

Besprechung von : Karin Reichel  Kirsten Lange – 111 Tipps für Frauen im Beruf, Bund–Verlag 2001, € 12,90

Passend zum Thema gibt es noch die 111 Tipps für Frauen im Beruf von Karin Reichel und Kirsten Lange. Zwar als Aufruf gedacht, das eigene Leben tatsächlich so gut es geht, selbst zu bestimmen, verkennen die beiden Autorinnen nicht, daß diese Gesellschaft eben eine Männergesellschaft ist. Also geben sie Tips, wie am besten damit umzugehen ist. Sie gehen, richtigerweise, davon aus, daß Frauen im Durchschnitt qualifizierter sind, sowohl was Lebenserfahrung betrifft als auch fachlich. Sie machen aber genau den Fehler, sie laufen genau in die Falle, welche die heutige Arbeitswelt für Frauen bereitstellt. Soft skills, weibliche Qualitäten einzubringen. Geradezu als Argument, warum gerade eine Frau für den Job geeignet ist.

Etwa bei der Lehrstellensuche: weibliche Lehrlinge gelten nämlich im Schnitt als fleißiger, engagierter und sorgfältiger. Daher der Aufruf, diese angeblich weiblichen Potentiale zu nutzen. Ok, um Dumpfbacken auszustechen, mag das vielleicht sinnvoll sein. Aber um zur Verbesserung des Betriebsklimas herzuhalten? Also doch die Weiblichkeit gezielt einsetzen, weil Männer einfach schwanzfixiert reagieren? ‘Tschuldigung, ich dachte, da seien wir weiter.

Dennoch: die 111 Tipps für Frauen im Beruf bieten eine Fülle an Material, Ideen, Adressen und Handlungsanweisungen, die sinnvoll und notwendig sind, um als Frau in einer Männerwelt zu bestehen. Etwa sich sexuelle Belästigung nicht gefallen zu lassen. Grundsätzlich nicht. Und es nicht wie Ally McBeal zu schlucken. Gut, sinnvoll und richtig ist es, darauf zu bestehen, weibliche Netzwerke aufzubauen und zu nutzen. Genial der Satz: Sie sind Quotenfrau – na und? Dafür sind Quoten doch da, oder? Wie war das mit den Frauen in Vorständen? Oder um es andersherum zu sagen: hätte es keine Quoten, keine Frauenförderpläne und keine Frauenbeauftragten gegeben, dann wären weitaus weniger Frauen eingestellt und befördert worden. Weil sie Frauen sind. Das ist die ganze Wahrheit. Und das ist das Problem mit dem Gender Mainstreaming. Hier wird nämlich die klare Aussage, daß es Frauen sind, die benachteiligt werden, verwischt. [7]

Das trotz einiger Ärgernisse wie etwa bei der positiven Darstellung der Zeitarbeit empfehlenswerte Buch 111 Tipps für Frauen im Beruf von Karin Reichel und Kirsten Lange ist im Bund–Verlag erschienen und kostet 12 Euro 90.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit einer Parforce–Torejagd unter dem Motto Fußball, Frauen und Verbrechen. Habt ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann sprecht doch was auf meine Voice–Mailbox bei Radio Darmstadt auf. Die Rufnummer lautet (06151) 8700–192. Oder ihr schickt mir eine Email an: kapitalverbrechen@alltagundgeschichte.de. Meine Sendungen stelle ich auch ins Internet: www.waltpolitik.de.

Diese Sendung wird am Dienstag um Mitternacht, um 8 Uhr morgens und um 14 Uhr wiederholt. Am Dienstag um 18 Uhr 05 könnt ihr die nächste Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt hören – Jadran, unser serbisches Magazin. Gleich folgt Äktschen!, eine Sendung der Kulturredaktion. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Horst Knechtel war zum Zeitpunkt der Sendung als Bürgermeister der Stadt Darmstadt zuständig für das Ordnungsamt, was er beispielhaft populistisch zu füllen wußte.
[2]   Ich habe hierüber in mehreren Sendungen ausführlich berichtet, insbesondere in meiner Kriminalreihe Phantomverbrechen.
[3]   Siehe hierzu meinen Radiowecker–Beitrag vom 28. April 2002.
[4]   Katja Kullmann : Generation Ally, Seite 104.
[5]   Katja Kullmann, Seite 106–107.
[6]   Katja Kullmann, Seite 12.
[7]   Siehe zu Gender Mainstreaming meine Sendung Frauen, Hexen, Männerwahn (Teil 3) vom 22. September 2003.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 22. Dezember 2005 aktualisiert.
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