Kapital – Verbrechen

Sendung

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Geschichtsbilder
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 12. Januar 2004, 17.00-18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 13. Januar 2004, 00.00-01.00 Uhr
Dienstag, 13. Januar 2004, 08.00-09.00 Uhr
Dienstag, 13. Januar 2004, 14.00-15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Avi Primor : Terror als Vorwand, Droste Verlag
  • Viola B. Georgi : Entliehene Erinnerung, Hamburger Edition
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_gbild.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Gefahr für den Weltfrieden
Kapitel 3 : Warum ein Friedensprozeß scheitern mußte
Kapitel 4 : Fanatiker und Visionäre
Kapitel 5 : Islamisten erobern Wien
Kapitel 6 : Entliehene Erinnerung
Kapitel 7 : Pragmatisches Geschichtsbewußtsein
Kapitel 8 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Im November vergangenen Jahres legte die Europäische Kommission das Ergebnis einer europaweiten Umfrage zum Krieg gegen den Irak vor [1]. Empörung rief der Teil des Berichtes hervor, der nach den Staaten fragte, welche die größte Gefahr für den Weltfrieden darstellen würden. Insbesondere die Frage nach Israel wurde als antisemitisch gewertet. Allerdings werden in der Umfrage neben Israel und den USA die üblichen Verdächtigen imperialistischer Machtpolitik abgefragt: Iran, Nordkorea, Irak, Afghanistan, Syrien und Libyen. Wenig verwunderlich war, daß die Europäische Union als geradezu friedfertig angesehen wurde.

Der Präsident der Europäischen Kommission, Romano Prodi, versuchte daraufhin, die Wogen zu glätten: Selbstverständlich wäre die in Auftrag gegebene Umfrage zum Irak und dem Weltfrieden nie antisemitisch motiviert gewesen [2]. Mag sein. Aber die Erwähnung Israels als gefährlich nährt derartige Vorwürfe. Auszuschließen ist es jedenfalls nicht, daß antisemitische Ressentiments das Umfrageergebnis beeinflußt haben.

Mein erster Beitrag beschäftigt sich jedoch weniger mit dieser Umfrage, als vielmehr mit der israelischen Besatzungspolitik. Der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor [3], hat sich hierzu seine eigenen Gedanken gemacht und ein Buch darüber geschrieben. Sein Buch und das damit verbundene Geschichtsbild werde ich zunächst vorstellen.

Um Geschichtsbilder geht es auch in meinem zweiten Beitrag. Die Erziehungswissenschaftlerin und Soziologin Viola B. Georgi hat in den 90er Jahren junge Migrantinnen und Migranten – Schülerinnen und Schüler zwischen 15 und 20 Jahren – nach ihrem Verhältnis zur deutschen Geschichte, insbesondere zum Nationalsozialismus und Holocaust, befragt. Sie wollte wissen, inwieweit die Integration dieser Generation in die deutsche Gesellschaft sich auf deren Geschichtsbild und Geschichtsverständnis auswirkt.

Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist am Mikrofon Walter Kuhl.

 

Gefahr für den Weltfrieden

Im Herbst 2003 gab die Europäische Kommission eine Untersuchung in Auftrag. Jeweils 500 Bürgerinnen und Bürger aus den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union sollten telefonisch zum Thema Irak und Frieden in der Welt befragt werden. Bei dieser Umfrage ging es um ein Meinungsbild zur US-Intervention im Irak und dazu, wer am ehesten wirtschaftliche und politische Stabilität in den Irak bringen könne. [4]

Zwar war das gesamteuropäische Bild nicht einheitlich, doch war zu erkennen, daß die Medienpropaganda der vergangenen Monate und Jahre gewirkt haben muß: der Europäischen Union und erst recht dem zahnlosen Papiertiger Vereinte Nationen wurde am meisten Kompetenz zugestanden. Hier zeigt sich, daß die humanitäre Eigenpositionierung im innerimperialistischen Konkurrenzkampf gutmenschelnde Folgen hat. Der Argumentation der friedfertigen humanitären Intervention der EU-Staaten wird durchaus geglaubt.

Dann verwundert die der Untersuchung ebenfalls zugrunde liegende Fragestellung weniger, wer denn den Weltfrieden stören könne. Neben einer allgemeinen Terroristenhysterie, die ebenfalls erfolgreich implementiert wurde, ging es um die gefährlichen Staaten auf diesem Planeten. Erwartungsgemäß fanden gerade einmal 8% der Befragten, daß auch europäisches Militär nicht gerade eine Friedenstruppe ist. Am leichtgläubigsten waren hier ... tja, wer hätte es gedacht? ... die Deutschen und die Österreicherinnen. Ob das daran liegt, daß neben Sozialdemokraten auch Grüne eifrig am Bild der Zivilgesellschaft Europa mitwerkeln?

Wenn wir eine Rangfolge der befragten Länder und Regionen erstellen würden, dann würde Israel noch vor dem Iran und Nordkorea rangieren. Erst dann folgen die USA, der inzwischen besiegte Irak, das Afghanistan der US-gestützten warlords und die Atommacht Pakistan. Ganz zum Schluß dann die peaceniks von der Europäischen Union. Wahrscheinlich leiden die Bürgerinnen und Bürger dieser Friedensgemeinschaft unter allgemeiner Amnesie. Vergessen ist der von Europa maßgeblich geförderte NATO-Krieg gegen Jugoslawien 1999, erst gar nicht beachtet der kleine europäische Kriegsschauplatz im Kongo (seit Sommer 2003).

Doch kommen wir zu Israel zurück. Mit der Ausnahme Italiens fanden die Bürgerinnen und Bürger aller anderen EU-Staaten mehrheitlich, daß Israel eine Gefahr für den Frieden darstellt. Vorreiter dieser Argumentation waren ausnahmsweise nicht einmal die Deutschen (die kamen nur auf Platz 4), sondern die Holländerinnen und Holländer. Nach dem Gefahrenpotential Palästinas wurde jedoch nicht gefragt.

Nun muß man und frau diese Meinungsumfrage nicht ernster nehmen als sie ist. Meinungsumfragen geben selten gesichertes Wissen wieder, meistens eher Ressentiments, Wünsche oder irrationale Weltbilder. Allerdings läßt sich mit derartigen Meinungsumfragen Politik machen. Durch gezieltes Ansprechen irrationaler Denk- und Verhaltensmuster können Menschen, individuell und kollektiv, dazu gebracht werden, Positionen zu unterstützen oder gar aktiv mitzutragen, welche sie bei gründlichem Überlegen und bei Kenntnis aller Fakten vielleicht eher ablehnen würden. Dennoch ist ein gewisses Eigeninteresse an Ressentiments bei allen Befragten nie auszuschließen. Wer in Israel das Übel schlechthin sehen will, wird auch keine gegenteiligen Argumente zur Kenntnis nehmen. Umgekehrt gilt das jedoch auch: Kritik an Israels Besatzungspolitik ist nicht nur deshalb antisemitisch, weil sie gegen Israel gerichtet ist.

Dennoch ist es auffällig, daß Israel als gefährlicher Schurkenstaat an erster Stelle steht. Eine genauere Analyse imperialistischer Machtpolitik wäre hier zu begrüßen. Dann würden vielleicht die Friedensengel der europäischen Union als das erscheinen, was sie sind: Konkurrenten um Macht, Einfluß, Rohstoffe und Wirtschaftsmärkte. Nur ist es eben noch so, daß die Drecksarbeit von anderen erledigt wird und man sich selbst ein humanitäres Mäntelchen umlegen kann.

Versuchen wir daher, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.

 

Warum ein Friedensprozeß scheitern mußte

Besprechung von : Avi Primor – Terror als Vorwand, Droste Verlag 2003, €16,95

Avi Primor, ehemaliger israelischer Botschafter in Deutschland, wurde vor rund 70 Jahren in Tel Aviv geboren. Von 1961 bis 1999 stand er im diplomatischen Dienst seines Landes, bis Herbst 2003 war er Vizepräsident der Hebräischen Universität Jerusalem. Als Politikwissenschaftler beschäftigt er sich nicht nur mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt, sondern damit zusammenhängend auch mit dem islamischen Terrorismus. Avi Primor ist ein erfahrener Diplomat und Politiker. Mit seiner wissenschaftlich fundierten Ausbildung ist er ernst zu nehmen. Andererseits ist er auch Repräsentant seines Staates und das heißt letztendlich, auch Repräsentant der Interessen Israels. Wie die meisten Israelis will auch er Frieden mit seinen Nachbarn haben. Doch was ist mit diesem Frieden gemeint? Genau das ist die spannende Frage, die auch sein neues Buch Terror als Vorwand durchzieht. Die Ankündigung des Verlages hatte mich daher neugierig gemacht:

[Avi Primor hat] stets einen unbestechlichen Blick für die Interessen beider Seiten, die seines Volkes und die der Palästinenser und der arabischen Welt. [5]

Aber wer definiert, was Frieden ist, und wer definiert die Gründe des Scheiterns aller Verhandlungen? Wenn es richtig ist, daß die Geschichte (fast) immer von den Siegern geschrieben wird, dann wäre ja zu erwarten, daß Avi Primor unbestechlich auch die andere Seite zu Wort kommen läßt. Leider ist dem nicht so. Er bietet uns in seinem Buch zwar eine ernst gemeinte Friedensvision an, aber gleichzeitig eine, welche davon ausgeht, daß Israel der stärkere und wesentliche Partner ist, nämlich der Partner, welcher die Bedingungen vorgibt. Allerdings enthält sein Buch durchaus erhellende Momente. Als Insider israelischer Regierungspolitik benennt er klar das Ziel der israelischen Politik unter Scharon.

Scharon ist ein ideologisch motivierter Politiker. In jedem Amt, das er im Laufe der letzten 28 Jahre innehatte, tat er alles, um die Siedlungsbewegung zu stützen, bekämpfte er heftig jeden Friedensprozess. Sein historisches Ziel ist es, die besetzten Gebiete als Besitztum des jüdischen Volkes für immer und ewig zu sichern. [6]

Scharon ist sicher hierbei durchaus im klaren, daß er die Palästinenserinnen und Palästinenser nicht vertreiben kann. Sein Vorbild ist das Apartheid-Regime Südafrikas, in einer für Israel vorteilhaften Modifikation. Die Zerstückelung Palästinas soll in ein flickenteppichartiges Homeland führen – Scharon benutzt selbst hierfür den Begriff des Bantustans. Dieses Gebiet soll 42% des besetzten Palästina umfassen, der überwiegende Teil fällt an Israel. Der Clou ist dabei, die dort lebenden Menschen nicht zu vertreiben, sondern sie zu Bürgerinnen und Bürgern des Bantustan Palästina zu ernennen. Sprich: sie haben in Israel, dort, wo sie leben werden, keine Rechte. [7]

Warum ist nun Scharon an die Macht gelangt? Um das zu verstehen, ist die Vorgeschichte seines Wahlerfolges heranzuziehen. Wenn man und frau Avi Primors Buch liest, ist festzustellen, daß er die Schuld am Scheitern durchaus erfolgsträchtiger Verhandlungen letztlich der palästinensischen Seite anlastet. Jassir Arafat hat er offensichtlich geradezu als Inbegriff des korrupten Politikers ohne staatsmännische Größe gefressen. Doch schauen wir uns seine Argumente etwas genauer an:

1993 kam so etwas wie Euphorie in Israel und Palästina auf. Die sogenannten Oslo-Verträge schufen eine Basis nicht nur der Verständigung, sondern auch der friedlichen Kooperation. Der Friedensprozess sollte den Palästinensern Autonomie bringen, die Jerusalem-Frage lösen und die jüdischen Siedlungen auflösen. Die Autonome Palästinensische Behörde wurde in der Tat errichtet. In kleinen ausgewählten Gebieten wurde Jassir Arafat die Macht gegeben, die Drecksarbeit für die israelische Regierung zu tun, nämlich die palästinensische Linke auszuschalten. Folter und Repression gehörten zwar schon unter israelischer Besatzung zum palästinensischen Alltag, aber unter Arafat kam es noch schlimmer. Die Israelis hingegen stoppten nicht nur nicht den Siedlungsbau, nein, im Gegenteil, unter dem Hoffnungsträger Ehud Barak wurden so viele Siedlungen wie nie zuvor neu erbaut. Das sieht auch Avi Primor und hält es für falsch. Er selbst hat kein Problem damit, heiliges gelobtes Land nicht selbst zu besitzen. Primor ist kein Fanatiker, sondern nüchterner Politiker. Dennoch ist es verwunderlich, wenn er schreibt:

Die Palästinenser [...] empfanden die neuerlichen Äußerungen Baraks eher als eine Täuschung. In Wirklichkeit, dachten sie, wolle er ihnen das Land, das ihnen nach den letzten Verträgen legal und juristisch zustand, nicht aushändigen. [8]

Dabei geht es nicht um Empfindungen. Der Oslo-Prozeß war eine Täuschung. Die Tatsache, daß die Siedlungspolitik verstärkt wurde, als eigentlich Friedensprozeß angesagt war, zeigt doch nur zu deutlich, daß hinter vielen nett gemeinten nebulösen Worten nichts anderes als das Schaffen vollendeter Tatsachen stand. Doch Avi Primor argumentiert lieber kulturalistisch. Das Problem mit Ehud Barak war seiner Meinung nach nicht, daß er die falschen Ideen hatte, sondern daß er die Mentalität beider Seiten nicht verstand. Barak, so Avi Primor, wollte das Palästina-Problem im Handstreich lösen. Anstatt lange zu verhandeln und zu feilschen, wie es die orientalische Tradition erfordere, sagte er, was er wollte und dachte, mit diesem Angebot durchzukommen.

Der glänzende Intellektuelle Barak war ein Besserwisser, er hatte nie viel Verständnis und wenig Geduld mit anderen Menschen. [9]

Und die palästinensische Seite konnte mit einem solchen Menschen nicht richtig feilschen. So schildert Avi Primor die Verhandlungen des Jahres 2000 als absurdes Theaterstück zwischen einem Regierungschef ohne parlamentarische Mehrheit und

einer palästinensischen Delegation, die ein Volk vertritt, das einen grausamen Terrorkrieg gegen die israelische Zivilbevölkerung entfesselte [...]. [10]

In dieser Aussage wird schon deutlich, daß Terror auch für Avi Primor das Problem ist und daß der damit verbundene Terrorismus systematisch bekämpft werden muß. Seine Vorschläge sind allerdings auch nicht intelligenter als die jeder imperialistischen Antiterror-Strategie des vergangenen Jahrhunderts. Sie laufen auf Prävention, Kollaboration und Repression hinaus. Daß es vielleicht Gründe geben könnte, die zu untersuchen lohnen würde, warum Menschen mit Gewalt auf die gutgemeinten Angebote der Besatzer, Eroberer und Aggressoren reagieren, das scheint Avi Primor nicht in den Sinn zu kommen. Doch Selbstmordattentate fallen nicht vom Himmel.

 

Fanatiker und Visionäre

Selbstmordattentate haben gesellschaftliche Ursachen. Sicher ist nicht allein Israel dafür mitverantwortlich. Sicher sind Attentate, die sich wahllos gegen die Zivilbevölkerung richten, mörderische Zuspitzungen einer männlichkeitsorientierten militaristischen Denk- und Handlungsweise. Dennoch ist es ungeheuerlich, wenn Avi Primor (zumindest in der deutschen Übersetzung [11]) von einem ganzen Volk spricht, das einen grausamen Terrorkrieg gegen die israelische Zivilbevölkerung entfesselt. Im Gegensatz dazu – man und frau glaubt es kaum – schreibt er fast schon verniedlichend:

Selbst die israelische Armee gesteht ein, dass ihr viel zu häufig tragische Fehler unterlaufen, für die sie sich offen entschuldigt. [12]

Sorry, daß wir dich umgebracht haben, soll in Zukunft nie wieder vorkommen! Ist das jetzt Zynismus oder glaubt Avi Primor das wirklich?

Krieg ist keine sterile medizinische Operation in einem Krankenhaus. [13]

Nein, Krieg ist Krieg, und Kriege haben Ursachen. Avi Primors kulturalistischer Blick versperrt ihm jedoch den Weg der Erkenntnis. Denn es sind weder ein korrupter Jassir Arafat noch ein brillanter, aber eingebildeter Ehud Barak, die für das Scheitern zum Greifen spürbarer Verhandlungserfolge verantwortlich sind. Politik folgt immer ökonomischen Interessen. Israel braucht die palästinensischen Gebiete, um sie wirtschaftlich verwerten zu können. Das ist auch Avi Primor klar, der zum Schluß seines Buches eine Friedensutopie entwirft. Ganz im Sinne neoliberaler Dumpinglohnexperten wie Walter Hoffmann und Bert Rürup fabuliert er:

Auch [ein anderes] Projekt, dessen Ausführung noch vor dem Abschluss eines endgültigen Friedensvertrags geplant war, sollte vor allem privaten Unternehmern Anreize bieten: Sie hätten gleichermaßen von den billigen, aber erfahrenen palästinensischen Arbeitskräften, von der israelischen Infrastruktur und von der Kompetenz gut ausgebildeter Techniker und Ingenieure profitieren können. [14]

Diese wunderbare Welt einer Freien Produktionszone kann nur im Kopf eines echten Visionärs entstehen, der nicht danach fragt, was das eigentlich für die betroffenen Menschen bedeuten mag. Genau deshalb versteht er nicht, warum der Besuch Scharons auf dem Tempelberg die al-Aqsa-Intifada ausgelöst hat. Denn der Anlaß war vollkommen egal; die Palästinenserinnen und Palästinenser hatten einfach genug davon, im Oslo-Prozeß verarscht zu werden. Nur entsteht aus Frustration nicht Emanzipation, sondern "sinnlose" Gewalt. Wenn wir Avi Primor Glauben schenken mögen, dann sind die Palästinenser eben so. Und das war schon immer so:

Die erste Begegnung zwischen Europäern und dem, was man heute islamischen Terror nennen würde, ereignete sich zur Zeit der Kreuzzüge. Wie die Amerikaner heute im Irak, mussten die damaligen Kreuzritter rasch lernen, dass sie selbst dann, wenn sie die arabischen Armeen besiegt hatten, immer noch in Lebensgefahr schwebten. Ein geheimnisvoller, tückischer Feind, bekannt als Assassinen, lauerte überall. [15]

Ist ja auch ein bißchen viel verlangt zu verstehen, warum sich die Bewohnerinnen und Bewohner Syriens und Palästinas gegen die meuchelnde Bande der Kreuzritter mit allen erlaubten und verbotenen Mitteln zur Wehr gesetzt haben. Heimtückisch. Das sagen alle Eroberer und deren Botschafter.

Ähnlich genial argumentiert der gelernte Politikwissenschaftler im Zusammenhang mit der jüdischen Besiedlung Palästinas in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Angebote der britischen Mandatsmacht wurden sehr unterschiedlich aufgenommen:

Die Juden zeigten sich stets kompromissbereit, während die Araber, die sich später Palästinenser nannten, unzugänglich blieben. Sie beharrten auf der Forderung, das Land gehöre ausschließlich ihnen und es käme gar nicht in Frage, einem anderen Volk einen Teil davon zu überlassen oder sich die Herrschaft zu teilen. [16]

Ja, so sind sie eben, diese Araber! Nicht nur, daß sie etwas dagegen haben, wenn man sie von ihrem Land vertreibt, sie sind auch noch aufsässig und lehnen die von oben diktierten Friedenspläne ab. Kein Wunder, daß daraus ein Volk von Terroristen wird –

ein Volk [...], das einen grausamen Terrorkrieg gegen die israelische Zivilbevölkerung entfesselte [...]. [17]

Es gehört schon sehr viel Unverfrorenheit dazu, die Geschichte Israels und Palästinas systematisch auf eine rein israelische Sicht zu reduzieren und sich dann zu wundern, wenn die Palästinenser das überhaupt nicht einsehen wollen. Dabei wäre es nur zu ihrem Besten!

Aus den Palästinensern wurde ein Volk im Elend, ohne Souveränität, das zum Teil aus Flüchtlingen besteht. Ihr stures Verhalten und ihre eigensinnige Politik änderten sie jedoch nicht. [18]

 

Islamisten erobern Wien

Neben dem israelisch-palästinensischen Konflikt beschäftigt sich Avi Primor mit den Ursachen des Terrorismus. Der 11. September ist hier ein wichtiger Meilenstein. Hinter die Monstrosität dieses Anschlags gibt es keinen Weg mehr zurück. Seither, so sagt er,

befindet sich die Welt in Gefahr. [19]

Die Gefahr besteht aus drei Teilen: extremer Islam, die Methode des Selbstmordattentates und die Möglichkeit, daß nicht nur imperialistische Staaten, sondern auch Terrorgruppen nicht-konventionelle Waffen benutzen könnten. Zwar ist auch Avi Primor bewußt, daß es die USA selbst waren, welche die radikal-islamistischen Terrorbanden ins Leben riefen und für ihre Zwecke nutzten, doch der Zauberlehrling hat sich selbständig gemacht. Sein Ziel ist nichts Geringeres als die Eroberung der Welt:

Bin Laden will die Welt erobern, um den extremistischen Islam in jeder Region auf der Erdkugel zu verbreiten so dass es keinen Ort mehr geben wird, der nicht unter der Scharia, der religiösen Gesetzgebung des Islam steht. [20]

Gegen soviel Welteroberungsgelüste bedarf es einer internationalen Gegenstrategie: militärisches Eingreifen, Erziehungs- und Bildungsprogramme für die Verblendeten, eine Kampagne gegen die Schurkenstaaten und zuletzt das Auffinden der Schläferzellen. Doch das reicht nicht aus:

Eine wirtschaftliche Strategie zur Verbesserung des Lebensstandards ist auch die Grundlage für bildungspolitische und erzieherische Maßnahmen, da wirtschaftliches Elend Menschen in die Arme von Fanatikern treibt. [21]

Das mag so sein. Verarmung und Perspektivlosigkeit mögen sicherlich materielle Grundlagen fanatischen Denkens und Handelns sein. Doch ohne ein Feindbild funktioniert der beste Fanatismus nicht. Und damit sind wir wieder beim Problem angelangt, verstehen zu wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Und das ist banal: Macht, Geld, Reichtum, Profit. Und die Profiteure kapitalistischer Ausbeutung und imperialistischer Ausplünderung sind diese Gegner der Fanatiker.

Fanatiker unterscheiden jedoch nicht zwischen Ausbeutern als Tätern und denjenigen, denen es im Vergleich zu ihnen selbst noch relativ gut geht. Israelis mögen Angestellte und Arbeiterinnen sein; aber es geht ihnen durchschnittlich betrachtet wesentlich besser als den Menschen im besetzten Palästina. Daher sind auch Zivilpersonen das Ziel terroristischer Selbstmordattentate. So einfach ist das.

Wer also die kapitalistische Ordnung nicht antastet, schafft immer wieder aufs Neue die Grundlagen irrationaler Fanatiker und zynischer Machtmenschen auf allen Seiten. Israels Politik ist genausowenig durch einen eingebildeten Ehud Barak noch durch einen fanatischen Ariel Scharon zu verstehen wie palästinensische Selbstmordattentate durch Jassir Arafats Sturheit. Erst eine gründliche ökonomische Analyse zeigt uns, warum welche Kräfte in beiden Gesellschaften gar nicht anders können, als immer wieder gegeneinander zu arbeiten. Scharons Vision eines Bantustan macht ja als ökonomische Strategie Sinn, genauso wie Arafat die palästinensische Bourgeoisie und ihre Interessen vertritt, während die verarmten Kleinhändler den Islamisten zulaufen. Es gibt ja keine Instanz über den Parteien, nur das Wertgesetz. Israel braucht Palästina für Rohstoffe und billige Arbeitskräfte, vielleicht auch als Absatzmarkt. Palästina ist wirtschaftlich in der Situation eines vollkommen abhängigen Drittweltlandes. [22]

Der Oslo-Prozeß mußte so gesehen scheitern. Er scheiterte nicht am guten Willen, sondern daran, daß beide Seiten die Interessen nicht nur ihrer Bevölkerung, sondern auch Kapitalinteressen zu vertreten hatten. Deshalb hat Avi Primor vollkommen Recht, wenn er schreibt, daß George Dubya Bush Ariel Scharon in der Öffentlichkeit zwar zur Mäßigung aufruft, ihm jedoch tatsächlich freie Hand läßt. Da haben sich zwei gefunden; jedoch zwei, die zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt die wirtschaftlichen und militärischen Interessen ihrer Länder so und nicht anders vertreten müssen. Das ist ihr Job; dazu wurden sie gewählt!

Wer sich eine derart materialistische Herangehensweise zu eigen macht und kulturalistische Erklärungsmuster verwirft, wird sich dann auch nicht – wie Avi Primor – wundern müssen, warum Barak

die Strategie seiner Gegner aus dem rechten Lager fortsetzte. Auf diese Frage

und er bezieht sich hier auf Baraks forcierte Siedlungspolitik

ist bis heute keine eindeutige und klare Antwort zu geben. [23]

Das sehe ich anders. Ein nüchterner Blick, der das alles nicht seltsam findet, sondern strategisch begreift, hätte ein anderes, ein lesenswertes Buch hervorgebracht. So aber will ich meinen Gedankengang zum Buch von Avi Primor beenden und noch einmal zur Meinungsumfrage der Europäischen Kommission zurückkommen. Ist Israel wirklich die größte Gefahr für den Weltfrieden? Was ist denn dieser Weltfrieden? Ein Stückchen heile Welt in Mitteleuropa und in den USA und die brutale Hölle für mindestens ein Drittel der Menschheit. Und daran hat gewiß nicht Israel Schuld!

Eines hat mich jedoch noch zusätzlich stutzig gemacht. Auf Seite 169 ist tatsächlich davon die Rede, daß Muslime Wien erobert hätten. 1529 und 1683 standen zwar osmanische Truppen vor Wien und belagerten die Stadt; erobert wurde sie jedoch nicht. Mit der geschichtlichen Wahrheit scheint es Avi Primor zumindest an dieser Stelle nicht ganz so genau zu nehmen. [24]

Sein Buch Terror als Vorwand versteht sich zwar als ein Versuch, die Sprache der Gewalt zu verstehen. Ich finde jedoch, der Versuch ist gründlich mißlungen und bleibt auf der Ebene von Vorurteilen und politisch motivierten Ideologien verhaftet. Das Buch ist letztes Jahr im Droste Verlag erschienen und kostet 16 Euro 95.

 

Entliehene Erinnerung

Besprechung von : Viola B. Georgi – Entliehene Erinnerung, Hamburger Edition 2003, €30,00

Ein spannendes, erhellendes und zum Nachdenken anregendes Buch hat die Erziehungswissenschaftlerin und Soziologin Viola B. Georgi in ihrer Studie Entliehene Erinnerung vorgelegt. Es ist gleichzeitig ein im theoretischen Teil schwer zu lesendes Buch, weil es die Auseinandersetzung mit historischer Selbstreflektion und Identitätspolitik voraussetzt. Der zweite Teil, in dem sie exemplarisch junge Migrantinnen und Migranten zu Wort kommen läßt, ist hingegen gut nachvollziehbar.

Viola B. Georgi geht davon aus, daß die Bundesrepublik Deutschland ein Einwanderungsland ist. Mit faktischen Prozessen muß man und frau sich auseinandersetzen, anstatt sie zu ignorieren, zu verleugnen oder durch eine restriktive Ausländer-, Asyl- und Abschiebepolitik zu hintertreiben. Deutschlands nationale historische Identität gründet auf dem Nationalsozialismus und dem Holocaust. Auch dies ist durch geschichtsrevisionistische Diskurse geprägt, aber seit Ende der 90er Jahre hat sich weitgehend eine Erinnerungskultur durchgesetzt, die zwischen ernsthaft und folkloristisch die Vergangenheit aufarbeitet.

Die wiederholt geführten Vergangenheitsdiskurse drehen sich zumeist ausschließlich um die (durch Abstammung begründete) deutsche Schicksals-, Verantwortungs- und Haftungsgemeinschaft. Dadurch besteht die Gefahr, daß sich im kollektiven Gedächtnis ein ethnisch-völkisch geprägtes deutsches Selbstverständnis herausbildet. Mit Blick auf eine deutsche Einwanderungsgesellschaft ist deshalb zu fragen, ob und inwieweit das Festhalten an einem solchen historisch unterfütterten ethnisch-nationalen Selbstverständnis zum Ausschluß von Menschen nichtdeutscher Herkunft führen kann. [25]

Das ist durchaus kein theoretisches Problem, sondern längst Schulalltag. Junge Menschen nichtdeutscher Herkunft werden mit einer Geschichte konfrontiert, die nicht ihre ist. Welche Anpassungsleistung müssen sie erbringen, um akzeptiert zu werden? Welche Strategien entwickeln junge Migrantinnen und Migranten in diesem Diskurs? Da Viola B. Georgis Forschungsschwerpunkte auch Erinnerungspolitik und Geschichtsbewußtseinsforschung beinhalten, entsteht eine weitere Frage: wie vermitteln wir Geschichte nicht nur für Kinder deutscher Herkunft, sondern auch für Migrantinnen und Migranten? Auf der Grundlage US-amerikanischer Migrations- und Identitätsforschung läßt sich zumindest ansatzweise behaupten, daß es erstens nicht die nationale Identität gibt, sondern auch in den USA mehrere Migrationsidentitäten zusammengeflossen sind, und zweitens in der Lebensgeschichte einzelner Individuen Identität entwickelt und auch verändert wird. Identität ist also nicht etwas, was man oder frau ist oder hat, sondern etwas, was sich weiter entwickelt und auch verändern kann. Zumindest bei Menschen, die neugierig sind und ihr eigenes Handeln reflektieren.

Menschen sind im Laufe ihres Lebens verschiedenen historischen Ereignissen ausgesetzt. Dabei erlangen bestimmte Erfahrungen aus der Familien-, Lokal- und Zeitgeschichte für das Individuum lebensgeschichtliche Bedeutung und verleihen seiner Identität eine entscheidende Prägung. Schließlich fließen in die Rollenerwartungen, die an einzelne Individuen gestellt werden, auch Traditionen, Werte und Erfahrungen der jeweiligen Bezugsgruppen ein und durchdringen dabei die soziale Identität des einzelnen. [26]

Entsprechend bildet sich ein Geschichtsbewußtsein heraus. Dieses Geschichtsbewußtsein ist mehr als nur das bloße Faktenwissen. Es enthält vielmehr eine Menge subjektiver Elemente. Was wir lernen und wieder vergessen, was uns interessiert und was wir verdrängen. Hinzu kommt, daß wir Geschichte auch unter Nützlichkeitsaspekten für unser eigenes Leben betrachten:

Unser Geschichtsbewußtsein bildet sich also im Wechsel- und Zusammenspiel repräsentativer Vergangenheitsdeutungen und der jeweils eigenen Zeiterfahrung und Zeitdeutung. [27]

Für Schülerinnen und Schüler, die im oftmals nervenden Geschichtsunterricht mit dem Nationalsozialismus konfrontiert werden, könnte sich hieraus ergeben:

Wenn Jugendliche ihre Bezugspunkte zum Nationalsozialismus in episodischen Erzählungen offenlegen, greifen sie einerseits gesellschaftlich verfügbare Erinnerungen und Vergangenheitsdeutungen auf, andererseits sind sie durch Auswahl und Präsentation vergangener Ereignisse und Personen auch an der Rekonstruktion ebendieser Vergangenheit beteiligt. Dieser Prozeß der Rekonstruktion orientiert sich [...] an der Bedeutung oder auch der Funktion, die eine Vergangenheit für die jeweilige Gegenwart einer Gruppe, eines Kollektivs, einer Gesellschaft hat. Ferner muß das kollektive Gedächtnis auch gepflegt werden [...]. [28]

Somit

ist zu fragen, inwiefern sich Migrantenjugendliche als Teil einer oder auch der Gruppe begreifen, die das kollektive Gedächtnis an den Nationalsozialismus zu unterhalten gewillt ist. Kann eine Vergangenheit für Menschen relevant werden, auch wenn sie nicht im Bewußtsein der »eigenen Gruppe« verortet ist? Kann man sich das kollektive Gedächtnis »anderer Gruppen« zu eigen machen? [29]

 

Pragmatisches Geschichtsbewußtsein

Die Interviews mit den Schülerinnen und Schülern im Alter zwischen 15 und 20 Jahren fanden in der 2. Hälfte der 90er Jahre statt. Von den 55 geführten Interviews hat die Autorin 18 für die Feinanalyse ausgewählt. Davon sind hier elf beispielhaft wiedergegeben worden – 7 Jungen, 4 Mädchen. Bewußt wurden Jugendliche ausgewählt, die im Geschichtsunterricht durch aktive Teilnahme und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus aufgefallen waren. Hieran ließ sich ermessen, wie sich junge Migrantinnen und Migranten deutsche Geschichte zu eigen machen und wie sich darin positionieren.

Dabei ist nicht zu übersehen, daß sie sich verstricken. So kann der Nationalsozialismus mit der eigenen Erfahrung von Rassismus verknüpft werden. Genausogut aber kann es ganz verquer laufen, wenn junge Menschen sich der Abwesenheit von Rassismus versichern wollen und daher dazu neigen, das Bild der anderen, der guten Deutschen im Nationalsozialismus zu verklären – ganz so, wie es die deutschen Nachgeborenen vor zwei oder drei Jahrzehnten getan haben: Die meisten waren nur Mitläufer, es herrschte Befehlsnotstand, es waren nur wenige beteiligt.

Auch wenn [einen der interviewten Migranten] der Rechtsextremismus in Deutschland sehr beunruhigt, weil er ihn zu historischen Entwicklungen im Nationalsozialismus in Beziehung setzt, kann er nicht umhin, sich und anderen immer wieder zu versichern, daß es sich bei der heutigen Ausländerfeindlichkeit nur um ein vorübergehendes Phänomen handele, welches nur von einer kleinen Minderheit der Deutschen getragen werde. [30]

Man und frau darf bei diesen Interviews natürlich nicht vergessen, daß hier Heranwachsende Orientierung in einer wahnsinnigen Welt suchen. Das kann dazu führen, sich mit den Tätern auseinanderzusetzen, um sie verstehen zu lernen, weil man oder frau dem Kollektiv der Täter zugehörig sein will, also Deutsche/r sein will. Genausogut kann das anders laufen. Da werden Identitäten durcheinander geworfen, die eigene und die deutsche, oder es wird versucht, diese ethnisch-national-völkische Sicht zu verlassen, um universell-humanistisch zu argumentieren. Die universalistische Perspektive hat durchaus Vorteile:

Mit dem identifikatorischen Konstrukt »Menschheit« überwindet [eine der interviewten Migrantinnen] den Konflikt, sich innerhalb einer ethnisch unterfütterten Genealogie der Opfer einerseits und der Mitläufer und Täter andererseits positionieren zu müssen. Die Selbstverpflichtung zur politischen Verantwortung leitet [sie] aus dem Menschsein ab. [31]

Diese junge Migrantin ist sich ihrer Diskriminierung in Deutschland sehr wohl bewußt. Und so spielt Anerkennung bzw. Nichtanerkennung eine wichtige Rolle. Wie das bei Jugendlichen so ist – das eigene Bewußtsein, die eigene Identitätsfindung ist alles andere als gesichert. Entsprechend konfus und manchmal auch widersprüchlich sind die Interviews. Dennoch gelingt es Viola B. Georgi nicht nur, Struktur hineinzubringen, sondern diese Widersprüchlichkeit zu erkennen und zu erklären. Sie geht hierbei von vier Typen aus. Der erste Typ beschäftigt sich hauptsächlich mit den Opfern des Nationalsozialismus. Eigene Betroffenheit wird verbunden mit empathischer Übernahme der sozialen Situation der Opfer.

Daraus werden Schlüsse für das gegenwärtige und zukünftige Leben in Deutschland gezogen. [32]

Charakteristisch für den zweiten Typ

ist eine aktive und empathische Aneignung der NS-Geschichte, die sich den Motiven und Sichtweisen der Zuschauer, Mitläufer und Täter [...] zuwendet. [33]

Nicht selten werden hierbei deutsche Mythen übernommen. Das Bedürfnis dazuzugehören, nicht als Ausländer ausgeschlossen zu sein, führt zu einer Selbstverstrickung, die schwer aufzulösen sein dürfte. Dies macht deutlich, wie dringend notwendig es ist, diesen jungen Menschen eine Perspektive zu geben, die nicht auf Ausschluß und Rassismus beruht.

Der dritte Typ orientiert sich an der eigenen ethnischen Gemeinschaft, die in der Vergangenheit mit dem NS-Regime konfrontiert war. Manche dieser Migrantinnen und Migranten nutzen den Affektgehalt der nationalsozialistischen Verfolgung, um die eigene Verfolgung in Deutschland sichtbar machen zu können. Sie vermuten, daß eine Verknüpfung der eigenen Geschichte mit Auschwitz in der deutschen Gesellschaft besseres Gehör verschafft. In gewisser Weise instrumentalisieren sie die Geschichte nicht anders, als es in diesem Land viel zu oft üblich ist. Schließlich gab es einmal einen deutschen Außenminister, der mit Auschwitz auf den Lippen deutsche Soldaten nach Jugoslawien schickte: Joschka Fischer. – Und schließlich der vierte Typ.

Bei diesem Typus stehen weder die eigene ethnische Herkunft oder die Opfer nationalsozialistischer Gewaltverbrechen noch die Zuschauer, Mitläufer und Täter im Nationalsozialismus im Mittelpunkt [34]. Die historische Bezugsgruppe dieses Typus ist die gesamte Menschheit [35].

Es handelt sich hierbei nicht um eine geschichtslose Sichtweise, sondern vielleicht um eine, die um die Beschränktheit ethnischer Zuschreibungen weiß und eine politische Moral für alle Menschen dieser Welt einfordert.

Die Studie Entliehene Erinnerung ist eine hochgradig genaue und reflektierte Untersuchung der Geschichtsbilder junger Migranten in Deutschland. Gerade weil qualitative Untersuchungen sich nur schwer statistisch als repräsentativ nachweisen lassen, kommt es darauf an, sich selbst immer wieder zu vergewissern, was eine denn da so forscht und ob sie ihren Interviewpartnerinnen und -partnern nicht das unterschiebt, was erst noch herausgefunden werden soll. Ich denke, das ist Viola B. Georgi gelungen. Auch wenn rund 350 Seiten ein hartes Brot sein mögen – es lohnt sich. Die Studie hilft, Kinder von Migrantinnen und Migranten zu begreifen, begreifen, zu welchen Deutungsmustern und Sinnstiftungen sie greifen, um mit einer in bestimmten Aspekten immer noch hochgradig rassistischen Gesellschaft klarzukommen. Begreifen ist das eine, sich selbst darin zu verhalten das andere.

Daher noch einmal die bibliographischen Daten: Entliehene Erinnerung von Viola B. Georgi ist im vergangenen Herbst in der Hamburger Edition des Hamburger Instituts für Sozialforschung erschienen und kostet 30 Euro.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute zum Thema Geschichtsbilder. Der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland Avi Primor untersuchte in seinem Buch Terror als Vorwand die Sprache der Gewalt. Sein Buch ist im Droste Verlag zum Preis von 16 Euro 95 erhältlich. Die Erziehungswissenschaftlerin und Soziologin Viola B. Georgi interessierte sich für die Geschichtsbilder junger Migrantinnen und Migranten in Deutschland. Ihre Studie Entliehene Erinnerung ist in der Hamburger Edition des Hamburger Instituts für Sozialforschung erschienen und kostet 30 Euro.

Migration ist die eine, Abschiebung die andere Seite der Medaille. Seit zwölf Jahren lebt die kurdische Familie Gözel in Darmstadt und soll nun nach dem bürokratischen Willen der Ausländerbehörde abgeschoben werden. In der Türkei warten ihre Verfolger und Folterer. Familie Gözel kommt aus Kurdistan und hat Anfang der 90er Jahre die kurdische Guerilla mit Lebensmittellieferungen unterstützt. Sie wurden mißhandelt, gefoltert und vertrieben; ihre kleine Mehlfabrik wurde zerstört. Anfang der 90er Jahre war der Höhepunkt einer barbarischen Verfolgungs- und Vertreibungspolitik, denen rund 30.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Tausende Dörfer wurden zerstört, Hunderttausende Kurdinnen und Kurden aus ihrer Heimat vertrieben. Darunter Familie Gözel. Doch auch in Istanbul, wohin sie flüchten konnte, war sie ihres Lebens nicht sicher und mußte nach Deutschland emigrieren. Ein Antrag auf Asyl wurde abgelehnt. Anträge auf Asyl folgen einer Quotenlogik. Derzeit ist eine Anerkennungsrate von 1,6% vorgesehen [36]. Dabei spielt die Frage von Verfolgung, Vertreibung und Folter eine untergeordnete Rolle; wenn die Quote erfüllt ist, wird einfach kein Asyl mehr bewilligt. Deutsche Bürokratinnen und Bürokraten sind hierbei bekanntlich besonders erfinderisch. Sie erfinden sogenannte »inländische Fluchtalternativen« oder »sichere Drittstaaten«, wohin die Flüchtlinge abgeschoben werden können. Wen interessiert, was mit diesen Menschen danach passiert?

Außerhalb der Ausländerbehörde scheint es jedoch Menschen zu geben, die nachfragen und sich gegen diese empörende Abschiebungsverfügung engagieren. Daher findet die schon angesprochene Kundgebung und Demonstration am Mittwoch um 14 Uhr 30 vor der Ausländerbehörde statt. In einer Sendung am vergangenen Mittwoch, in der Familie Gözel ausführlicher über ihre Situation sprach und Hacer Yontar für die Familie übersetzte, sagte sie hierzu Folgendes:

Hacer Yontar motiviert zur (An-)Teilnahme. [37]

Soweit Hacer Yontar zur Vorbereitung der Kundgebung und Demonstration am Mittwoch ab 14 Uhr 30 vor dem Stadthaus in der Grafenstraße Ecke Elisabethenstraße.

Meine Position hierzu ist in diesem Land sicher nicht mehrheitsfähig, aber dafür auch nicht falsch: offene Grenzen für alle, die hier leben wollen, wenn sie schon nicht dort leben können, woher sie kommen.

Zum Schluß noch ein Programmhinweis in eigener Sache. Am Mittwochabend um 23 Uhr setzt die Redaktion Alltag und Geschichte ihre Vorlesungsreihe Einführung in den Marxismus nach dem gleichnamigen Buch von Ernest Mandel fort. Mehr dazu findet ihr im Internet unter www.einfuehrung.de.vu. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Das Ergebnis der Umfrage als fast 11 Megabyte große PDF-Datei ist zu finden unter http://europa.eu.int/comm/external_relations/iraq/doc/fl151_iraq_full_report.pdf.
[2]   Antisemitismus-Vorwürfe gegen Europäische Union (Darmstädter Echo 08.01.2004) und: Rasche Versöhnung mit Prodi (Darmstädter Echo 09.01.2004).
[3]   Biographische Daten, gefunden bei 3sat.
[4]   Siehe Anmerkung 1.
[5]   Zitat aus der Presseinformation des Droste Verlages zum Erscheinen des Buches.
[6]   Avi Primor : Terror als Vorwand, Seite 142
[7]   Primor Seite 142-149
[8]   Primor Seite 57
[9]   Primor Seite 62
[10]  Primor Seite 66
[11]  Bei manchen Formulierungen bin ich geneigt anzunehmen, daß das ursprüngliche Manuskript zumindest teilweise nicht auf Deutsch vorlag. Dies erklärt vielleicht auch den eklatanten Fehler bei der Eroberung von Wien (vgl. Anmerkung 24).
[12]  Primor Seite 139
[13]  Primor Seite 139
[14]  Primor Seite 214
[15]  Primor Seite 29

[16]  Primor Seite 108. Bezeichnend für die unbestechlichen Befindlichkeiten ist folgender Ausschnitt aus einem Interview des Hessischen Rundfunks anläßlich der Buchmesse in Frankfurt/Main 2003 :

Sie sollen die Israelis mit ihren Problemen ansprechen, d.h. sie sollen den Israelis nicht immer erzählen, wie sehr die Palästinenser leiden, wie sehr sie im Unrecht leben und so. Der Israeli macht sich um sich selber Sorgen. Sie sollen dem Israeli sagen: schau, wir bangen um eure Sicherheit, wir werden euch die Sicherheit gewährleisten, sollten Sie unsere Gebiete räumen. Also so soll man die Israelis ansprechen. Das haben die Palästinenser nie getan.

Was ja auch Sinn macht: Die PalästinenserInnen sollen sich gefälligst Sorgen um ihre Bedrücker machen und ihr Leid klaglos ertragen. Der Kulturalismus wird hier auch gleich noch paternalistisch. Abgesehen davon hilft in der Tat zu jammern nicht weiter.

[17]  Primor Seite 66
[18]  Primor Seite 118
[19]  Primor Seite 152
[20]  Primor Seite 157
[21]  Primor Seite 171
[22]  Vergleiche hierzu die Artikel The Hidden Economic Logic of Oslo und von Yacov Ben Efrat : From Statelet to Protectorate.
[23]  Primor Seite 52

[24]  Im Buch heißt es tatsächlich auf den Seiten 168-169:

Die ersten Knospen der moslemischen Demütigung erblühten 1571. Bei der griechischen Stadt Lepante besiegt die Kriegsmarine der christlichen "Heiligen Liga" [...] die um ein Drittel größere türkische Kriegsmarine, die die christliche Welt bedrohte. [...] Seitdem siegten noch hin und wieder Muslime über christliche Regenten, darunter fiel sogar die Eroberung von Wien, aber im allgemeinen gewann allmählich die christliche Welt an Macht in allen Teilen der Erdkugel, während die islamische Herrschaft ununterbrochen schrumpfte.

Natürlich kann ich hier nur raten. Möglicherweise hieß es im englischen Manuskript siege of Vienna und irgendwie hat Herr Freud (Wien!) hier kräftig zugeschlagen: siege – besiegen – Eroberung. Dann handelt es sich eindeutig um einen ziemlich peinlichen Übersetzungsfehler. Oder aber das Manuskript lag von Anfang an auf Deutsch vor – warum auch nicht? Schließlich war Avi Primor sechs Jahre israelischer Botschafter in Deutschland –, dann aber schlage ich dem Politikwissenschaftler und seiner Lektorin einen historischen Auffrischungskurs vor. Richtig ist jedenfalls, daß weder 1529 noch 1683 die osmanischen Türken Wien eingenommen haben.

Avi Primor scheint sich jedenfalls ehrlich darüber zu freuen, daß seine islamischen Feinde mal so richtig eins übergebraten bekommen haben. Im Detail verrät sich meist dann doch die wahre Gesinnung.

[25]  Viola B. Georgi : Entliehene Erinnerung, Seite 10
[26]  Georgi Seite 28-29
[27]  Georgi Seite 43
[28]  Georgi Seite 91
[29]  Georgi Seite 91
[30]  Georgi Seite 147
[31]  Georgi Seite 189
[32]  Georgi Seite 300
[33]  Georgi Seite 301
[34]  Georgi Seite 305
[35]  Georgi Seite 307
[36]  Im Manuskript der Sendung standen hier doch tatsächlich unverantwortliche 7% – dies war die Zahl, die ich hierfür im Kopf hatte. Ich muß zugeben, daß ich die Barbarei deutscher Abschiebungsexperten leider immer noch unterschätzt habe. Otto Schily hat am 16. Januar 2004 die neuesten Zahlen vorgelegt: Demnach wurden im Jahr 2003 in 93.885 getroffenen Entscheidungen 1534 Personen als Asylberechtigte anerkannt, das sind 1,6%.
[37]  Ihr einminütiger Appell liegt in schriftlicher Form nicht vor.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 21. Dezember 2004 aktualisiert.
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