E-Bike-Verleih
E-Bike-Verleih als Stadt­marketing am Luisenplatz in Darmstadt.

Kapital – Verbrechen

Nicht aufgeben

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 16. Juli 2012, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 16./17. Juli 2012, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 17. Juli 2012, 05.10 bis 06.10 Uhr
Dienstag, 17. Juli 2012, 11.10 bis 12.10 Uhr

Zusammenfassung:

Die Wellnessoase Darmstadt expandiert und fährt Rad. Folter und Gewalt im National­sozialismus und Imperialismus. Jean Améry als Widerstands­kämpfer und aufmerksamer Beobachter. Rache als handlungsleitende Motiv. Verbrannte Erde und Demokratie sind kein Widerspruch, vielmehr ergänzen sie einander.

Besprochene Zeitschrift:

Mittelweg 36, Heft 2/2012 und Heft 3/2012

Playlist:

Strom und Wasser featuring The Refugees, daraus die vier Stücke

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Einleitung 

Jingle Alltag und Geschichte [1]

Radio Darmstadt brüstet sich auf seinen eingefahrenen Wellen gerne damit, daß es seit 15 Jahren im Dauersende­betrieb zu hören ist [2]. Das stimmt natürlich nicht so ganz, denn es gab in der Vergangenheit durchaus Zeiten, in denen das Sendeloch stundenlang zuschlug, weil irgendwer mal wieder die eigene Sendung vergessen hatte oder die Technik dem Radio einen kleinen Streich gespielt hat. Diese Zeiten wohltuender Stille sind seit einiger Zeit vorbei, denn immer dann, wenn eigentlich ein Sendeloch zu hören sein sollte, springt ein Computer­automat ein und berieselt uns mit derart langweiliger konsumistischer Musiksoße, daß sie dem bewußteren Teil der Hörerinnen und Hörer schon seit langem zum Halse heraushängt. Es gibt Menschen, die schalten ihr Radio ein und wissen nach drei Takten, daß wieder einmal keine und niemand Lust gehabt hat, ein qualifiziertes Programm zu gestalten.

Die Qualitäts-Checkabteilung dieses Senders, also der Programmrat, ist hingegen vollauf begeistert von derlei das eigene selbstverliebte Selbst­verständnis besabberndem Musikeinerlei, daß er nicht einmal im Traum daran denkt, die eingeschliffenen Musikpfade zu verlassen. Doch dies ist nicht Thema meiner heutigen Sendung. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

Unverschwitzt

Da Radio Darmstadt auf seinen unvergleichlichen Frequenzen ein nicht­kommerzielles Lokalradio ist, werde ich meine heutige Sendung mit einem lokalen Gedanken einleiten. Vor einem halben Monat, kurz bevor ich Darmstadt urlaubsbedingt verlassen hatte, bejubelte die städtische Presseabteilung den Einstieg unserer südhessischen Provinzstadt in das elektrische Zeitalter des Fahrrad­fahrens. Stadt- und Landkreise der Region haben sich zusammengetan und ein touristisches Angebot geschaffen, das der eigenen Klientel entspricht. Es wurden Elektrofahrrad­stationen eingerichtet, an denen sich Bürgerinnen und Bürger sowie Gäste der Region sich ein Velo ausleihen können, um sich die schönen Seiten des Odenwalds, der Bergstraße und vielleicht auch Darmstadts ohne Benutzung des eigenen miefenden Individualmobils anschauen zu können. Der Spaß hat seinen Preis und schließt gleich einmal ein größeres Segment der hier lebenden Menschen kategorisch aus.

Denn so, wie Menschen, die in den Niedriglohn­sektor gepreßt oder von ihren früheren Firmen auf die Straße gesetzt wurden (so wie ich durch den Trägerverein dieses Radios), nicht einmal im Traum daran denken können, sich ein Luxusbad in der Jugendstilwellnessoase zu leisten, denn da stören sie ja nur die Klientel der schwarzen, gelben und grünen Parteigängerinnen und Freunde, so drehen sie jeden Cent mehrfach um, bevor sie beschließen, eben keine 20 Euro pro Tag hinblättern zu können, nur um mal ein bißchen frische Luft zu schnappen oder unverschwitzt, wie es die Pressemitteilung verspricht, beim zukünftigen Arbeitgeber zu erscheinen. Die Mehrklassen­gesellschaft unterscheidet genau zwischen Habenichtsen und denen, die derlei Elektropower schon deshalb verdienen, weil denen, die haben, eben auch etwas zu geben ist.

Apropos – wer hat, dem wird gegeben, und wohl auch in diesem Fall: Die hessische Landes­medienanstalt hatte die Faxen dicke, als sie Anfang Juni beschloß, die Sendefrequenz für Darmstadts schnuckeligstes Mainstream­programm neu auszuschreiben [3]. Nun gibt es vermutlich zwei Bewerber, sobald die Ausschreibung läuft, nämlich den Platzhirschen aus dem Hause Radar und die Konkurrenz der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt. Nun ist es ja so, daß Radio Darmstadt nicht nur seit 15 Jahren, abgesehen vom einen oder anderen Sendeloch, seit 15 Jahren also im Dauersende­betrieb zu hören war und noch ist, sondern diese Programm­leistung ohne staatliche Subventionierung überhaupt nicht denkbar gewesen wäre.

Der Verein Radar e.V., der dieses Lokalradio betreibt, dürfte im Verlauf dieser Zeit die staatliche Summe von rund einer Million Euro geschenkt bekommen haben. Es handelt sich hierbei um von selbiger Landesmedienanstalt weitergeleitete Fördermittel, die dem Rundfunkgebühren­aufkommen (zum Leidwesen des Hessischen Rundfunks) abgezwackt worden sind. Kein Wunder, daß Radar eigene Studios mit einer derart komplizierten Technik betreiben kann, daß die Damen und Herren dieses Senders zuweilen damit überfordert zu sein scheinen, denn sonst wäre es nicht möglich, daß selbst sauber eingepegelte Sendebeiträge das eine oder andere Mal verzerrt rüberkommen [4]. Die Konkurrenz hingegen muß bei Null anfangen. Wer, glaubt ihr, wird daher den Zuschlag bekommen? Eben. Wem man vorher gegeben hat, den kann man ja nicht im kalten Regen stehen lassen. Das nennt man dann Chancen­gleichheit, denn alle haben dieselbe Chance auf die Frequenz, nur diejenigen, die im Geldhaus sitzen, ungleich mehr. [5]

Und damit komme ich zu etwas vollkommen Anderem.

 

Gefoltert

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 2, April-Mai 2012, 96 Seiten, € 9,50

Fragen der Gewalt in zivilisierten Gesellschaften, gar ihre Entgrenzung in Metropole wie Peripherie, bilden einen thematischen Schwerpunkt des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Woher diese Gewalt kommt, wer sie ausübt, an wem sie vollzogen wird, all dies läßt recht unterschiedliche Blickwinkel und Darstellungs­formen zu. Hierbei sollte das Credo nicht allein im Beschreiben und analytischem Durchdringen liegen, sondern in der Veränderung und der Ächtung jeglicher Gewalt. Nun ist die kein bloßer Willensakt, zumal er nicht einmal dem Individuum gelingt. Wie dann einer ganzen Gesellschaft? Denn Gewalt ist gesellschaftlich, Gesellschaft ist Gewalt, zumindest jegliche bislang historisch vorgefundene Gesell­schaftlichkeit. Und dennoch ist Gewalt nicht gleich Gewalt. Das gewollte Verhungern­lassen beispielsweise von zehn Millionen Kindern jedes Jahr unterscheidet sich von der schwarzen Pädagogik, und dies wiederum von einem Schulsystem, dessen selektive und selektierende Grausamkeit im G8-Schulsystem besonders zum Ausdruck gelangt.

Cover Mittelweg 36Gewalt gegen Frauen ist kein Phänomen rückständiger Gesellschaften, sondern allgegenwärtig auch in Deutschland oder den USA, nur um zwei angeblich besonders zivilisierte Länder zu nennen, und hierbei spielt weder Bildungsstand noch Einkommen eine besondere Rolle. Folter, Mord, Vertreibung und Entlassungen sind nur für diejenigen Randphänomene, bis sie hiervon selbst betroffen sind. Bis dahin geben sie sich kollektiven Besäufnissen, etwa beim Schloßgrabenfest, beim Heinerfest und den nachfolgenden Kerben, hin, oder auch kollektiven Stöhnorgien auf Fanmeilen und bei Großkonzerten, oder sie sublimieren ihre kollektiven Gewaltphantasien in Computerspielen.

Manchmal, nein meistens, können es sich die Betroffenen gar nicht aussuchen, von derlei Gewalt getroffen zu werden. Jean Améry, gebürtiger Wiener unter dem Namen Hans Mayer, hatte es sich nicht ausgesucht, von den Nazis zum Juden gemacht und – aufgrund seiner Beteiligung am belgischen Widerstand – von der Gestapo gefoltert zu werden. Von Jean Améry und seinen Reflexionen über Gewalt handelt als Schwerpunkt das Aprilheft der Zeitschrift des Hamburger Instituts, Mittelweg 36. Zudem erfahren wir hier Ansichten zu der Frage, ob und wie die in neoliberaler Verwüstung verhaftete Sozialdemokratie das Feld progressiver Politik für sich zurückgewinnen könnte.

Jean Améry, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Brüssel niederließ, aber seine Essays und Artikel weiterhin auf Deutsch verfaßte, beschäftigte sich mit Jazz und Flaubert, vor allem aber mit einem durch das eigene Schicksal gezeichneten Blick auf die damals noch junge Bundesrepublik Deutschland. Zunächst publizierte er vorwiegend in der Schweiz, später auch in deutschen Periodika.

Jean Améry 1965 veröffentlichter Text „Die Folter“ enthält den eindringlichen Satz: „Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt.“ Hiermit nahm er nicht nur Bezug auf eigenes Erleben in Gestapohaft, ein Erleben, das er zur Essenz des National­sozialismus verdichtete. Nicht das Konzentrations­lager Auschwitz, das auch er durchlaufen mußte, er wußte demnach, wovon er schrieb, sondern die Folter. Damit wollte er, der von den Nazis zum Juden Gemachte, keineswegs den Terror des Naziregimes relativieren, aber er brachte dieses Regime auf seine eigene Weise auf den Punkt. Und vielleicht hat Dan Diner mit seiner Lektüre des inzwischen ein halbes Jahrhundert alten Textes Recht, wenn er schreibt:

Vor dem Hintergrund des in Auschwitz exekutierten kollektiven Todes nimmt die Folter sich in der Tat aus wie ein die Individualität des Gefolterten bestätigendes Ehrenmal. [6]

Nun ging es Jean Améry nicht um seine eigene Befindlichkeit, sondern um mehr. Die Folter ist kein Wesenszug des National­sozialismus, sondern auch demokratisch verfaßten Gesellschaften nicht unbekannt. Er, der seinen Namen bewußt Französisch schrieb, nahm Bezug auf die Folter als Herrschafts­instrument des französischen Kolonialismus im Algerienkrieg, einer Folter, die von weiten Teilen der französischen Gesellschaft, auch aus Kreisen der Résistance gegen das Naziregime, für gut befunden oder zumindest beschwiegen und damit toleriert wurde. Und es mag Amérys Betroffenheit nicht einfach darin stehen geblieben sein, sich dies anzuschauen. Er, der Gefolterte, kann nicht anders, als auf der Seite der durch die Folter Malträtierten zu stehen. Nun war auch ihm bewußt, daß die algerischen Kämpferinnen und Kämpfer keine gewaltlosen Heroinnen und Heroen waren, ganz im Gegenteil. Der algerische Widerstand war durchaus terroristisch und notwendig zugleich, besaß jedoch Facetten, die das von Frantz Fanon so treffend beschriebene Ungeheuer kolonialer Selbst­entfremdung nicht besänftigen konnte. Aber dies war nicht sein Thema.

Seine Lebenserfahrung als Gefolterter, der und weil er Widerstand geleistet hat, trug ihm 1974 ein staats­anwaltschaftliches Ermittlungs­verfahren wegen des Verdachts der Billigung von Straftaten ein. Im Herbst 1974 hatten politische Gefangenen in bundesdeutschen Knästen einen mehrere Monate andauernden Hungerstreik gegen ihre Haftbedingungen begonnen, Haftbedingungen, die als Ausdruck „weißer Folter“ beschrieben worden sind. Werner Höfer versuchte in seinem von der ARD ausgestrahlten Internationalen Frühschoppen, den Hungerstreik und seine gesell­schaftlichen Folgen zu einem Lehrstück korrekter Gedankenpolizei umzumünzen. Im November 1974 wurde in Wittlich Holger Meins gezielt unzureichend zwangsernährt, woran er starb, als Reaktion darauf erschoß die Bewegung 2. Juni den Berliner Kammer­gerichtspräsidenten Günter von Drenkmann.

Das Thema des Frühschoppens, gewöhnlich mit sechs Journalisten aus fünf Ländern, lautete „Leben als Wegwerfware? Die Toten von Wittlich und Berlin“. Als ihm, Jean Améry, hier abschließend die Frage gestellt wurde, welches Wort er an die Hungerstreikenden richten würde – und impliziert war hier ein Aufruf, zur Besinnung zu kommen und aufzuhören –, dachte er etwas länger nach und widerstand der insinuierten Gesinnungs­justiz. Er antwortete schlicht: „Nicht aufgeben.“ Dies war in einem Land, das sich auf dem Weg zum Deutschen Herbst befand, des Guten zu viel. Das anschließende Verfahren wurde, wohl weil es als politisch nicht opportun angesehen wurde, bald darauf wieder eingestellt. Hieraus wird ersichtlich, daß und wie Jean Améry die deutschen Verhältnisse sehr genau zu betrachten wußte. Nachzulesen im Aprilheft von Mittelweg 36.

 

Provokant reformiert

Im Dezember vergangenen Jahres fand in Berlin ein Kolloquium zur politischen Erbschaft des britischen Historikers Tony Judt statt. Das wäre vermutlich nur für Insider interessant, wäre da nicht der Versuch zu vermelden, der Sozialdemokratie eine bestimmte Rolle im Kampf gegen die Entgrenzung neoliberaler Gewalt zuzuschanzen. Auf der vom Hamburger Institut für Sozialforschung und dem Einstein Forum in Berlin gemeinsam betriebenen Veranstaltung befaßte man sich mit der Vergangenheit und der Zukunft der Sozialdemokratie und des Wohlfahrts­staats. Während ich das Hamburger Institut als eine Institution betrachte, die an das aufgeklärte Eigeninteresse des Kapitals zu appellieren versucht, doch bittesehr die Gewalttätigkeit des eigenen Handelns im wohlver­standenen Interesse an der Aufrechter­haltung der westlichen Zivilisation mitzubedenken und, falls möglich, zu zügeln, scheint es sich beim Einstein Forum um einen vom deutschen Kapital unterstützten Think Tank der Aufklärung zu handeln.

Als Partner und Sponsoren werden auf der Webseite der Organisation die Alfred-Herrhausen-Gesellschaft (und somit die Deutsche Bank), die Daimler und Benz Stiftung, die Dresdner Bank, die Fritz Thyssen Stiftung, IBM und die Volkswagen­stiftung genannt, und die Schnittstelle zum Hamburger Institut ist dessen Institutsleiter Jan Philipp Reemtsma als Vorsitzender des Kuratoriums des Einstein Forums. Selbiges Forum stellt sich auf seiner Webseite so vor:

Das Einstein Forum existiert als Katalysator für just die weitreichenden, interdisziplinären Projekte, die oft gefordert, aber selten gefördert werden. Hier werden neue, provokante Denkweisen in einer offenen, informellen Atmosphäre erprobt.

Doch zurück zur Tagung. Drei dort von einem kanadischen Liberalen, einem schwedischen Sozialdemokraten und einem deutschen Sozialhistoriker gehaltene Referate werden im Aprilheft von Mittelweg 36 in überarbeiteter Fassung abgedruckt. Falls man uns damit einen Einblick in die sinnstiftende Ausrichtung des Hamburger Instituts geben wollte, dann scheint das progressive Moment der virtuell gespiegelten Sozial­staatlichkeit der Zukunft in einem ausgeklügelteren Neoliberalismus zu bestehen. Selbiger wird gar nicht erst infrage gestellt, denn Fakten, die sich mit ihrer eigenen Gewalt geschaffen haben, stellt man besser nicht infrage. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die drei abgedruckten Beiträge hierauf systematisch abzuklopfen. Vielmehr sollen einige von mir ausgewählte Stichworte genügen.

Michael Ignatieff, Historiker und kürzlich für kurze Zeit Vorsitzender der kanadischen Liberalen Partei, kann als Sachwalter des ideologischen Gedankenguts einer neoliberal angehauchten kapitalistischen Elite angesehen werden. So ist er der Meinung, westliche Demokratien müßten im Kampf gegen den Terrorismus „kleinere Übel“ wie unbefristete Inhaftierung von Verdächtigen, gezielte Attentate und Präventiv­kriege in Kauf nehmen, um ein größeres Übel zu verhindern. Daß hierin eine ganz eigene und zudem ziemlich verlogen vorgetragene Entgrenzung von Gewalt festgeschrieben wird, scheint dem Hamburger Institut keine Silbe wert zu sein. Immerhin mußte Ignatieff nachschieben, daß er mißverstanden worden sei – Folter lehne er ab. Wie dem auch sei – als Tagungs­teilnehmer meinte er jedenfalls dies:

In der europäischen Krise stellen die starken Staaten plötzlich fest, dass sie von den schwachen abhängen, während diese akzeptieren, sich an Regeln halten zu müssen, die ihnen die starken vorschreiben. Sobald sich alle ihre gegenseitige Abhängigkeit bewusst machen, werden langfristige europäische Lösungen möglich. [7]

Abgesehen von einem typischen politologischen Diskurs fällt auf, daß hier Eliten miteinander darüber kommunizieren, wie globale, hier: europäische, Ausbeutung effektiviert werden kann. So ist sich die deutsche Bourgeoisie sehr wohl dessen bewußt, daß sie vom erwünschten Funktionieren des griechischen Staates abhängt. Allerdings kennt sie auch die erfolgreichen Methoden, die griechische Parteien­landschaft so zu schmieren, daß der Ausverkauf Griechenlands gefördert werden kann. Daß hierbei zynisch über eine ganze Bevölkerung hinweg­gegangen wird, braucht Politologen, Politiker und Wirtschafts­bosse nur insoweit zu interessieren, als sicherzustellen ist, daß Griechinnen und Griechen sich ihrer Rolle als Zitronen, die auszupressen sind, fügen. So gesehen handelt es sich bei den von Michael Ignatieff angesprochenen Regeln, die zu akzeptieren sind, um Zitronenregeln einer Bananen­demokratie. Daß griechische Sozialdemokraten da mitspielen, ist gewiß als progressiv zu betrachten.

Da ist es dann auch kein Wunder, wenn der kanadische liberale Politiker die üblichen Phrasen der Marktdisziplin und pro Wettbewerb drischt. Als Placebo bietet er uns eine Aktivierung des Mitgefühls zusätzlich zur aktivierenden Mobilmachung der zu Verwertenden an. Vermutlich handelt es sich hierbei um eine „provokante Denkweise“.

Kommen wir nun zu Beispiel 2: Carl Tham, ehemaliger schwedischer Botschafter und somit auch Botschafter einer Sozialdemokratie, die schon immer wußte, wessen Klassen­interesse sie zu vertreten hat, gibt derselben Sozialdemokratie, die Gerhard Schröder und Tony Blair hervorgebracht und Hartz IV und entfesselte Märkte ermöglicht hat, den guten Rat, mehr Fairneß walten zu lassen. Doch wozu sollte sie das tun? Ganz abgesehen vom ideologischen Gehalt der Floskel Fairneß, an die sich die Repräsentanten der Macht ohnehin nicht halten müssen, ist die europäische Sozialdemokratie seit gut einem Jahrhundert Sachwalter des aufgeklärteren Teils des Kapitals, verbunden mit der Hoffnung, daß die kapitalistische Bourgeoisie ein paar mehr Brotkrumen, vielleicht auch ein Croissant, für das eigene Klientel abwirft. Die Idee, die ganze Bäckerei zu besetzen, um die dort produzierten köstlichen Produkte Allen zukommen zu lassen, hat sie längst verworfen. Der von Carl Tham vorgetragene Appell an selbige Eliten, sich ein wenig menschlicher zu geben, ist demnach eher albern als realitätsnah, so etwa hier:

Das soziale Handeln von Menschen lässt sich nicht auf das Motiv der individuellen Nutzenmaximierung reduzieren. Freilich darf man auch nicht reinen Altruismus erwarten. Vielmehr sollte man den Menschen als ein Wesen begreifen, für das Reziprozität eine große Rolle spielt. Menschen sind durchaus bereit, sich solidarisch zu verhalten, wenn sie sich darauf verlassen können, dass andere dasselbe tun. Fairness stabilisiert die Kooperationsbereitschaft. Das ist die Basis des sozialdemokratischen Projekts, und Politik wie Institutionen der Sozialdemokratie sollten gleichermaßen davon geprägt sein. [8]

Kein Wort davon, daß eine auch von Sozialdemokraten mitgestaltete Wolfsgesellschaft Wölfe und eben nicht Menschen hervorbringt.

Der Sozialhistoriker Martin Geyer macht dann Nägel mit Köpfen. Er findet den Gedanken einer Meritokratie, also der Herrschaft derer, die es sich verdient haben, im Anschluß an Tony Judt gar nicht so schlecht. Unter dem Deckmantel angeblich schon immer knapper Ressourcen behandelt er sodann Altersversorgung und Chancengleichheit, ohne hierbei den ganz speziell kapitalistischen Rahmen der Verteilung von Ressourcen überhaupt zu bedenken. So, als sei es gottgegeben, daß, um beim Bild der Bäckerei zu bleiben, Kuchen und Torten für die Projekte der Bourgeoisie vorbehalten sind, während das, was dann übrig bleibt, der Konkurrenz der Habenichtse ausgesetzt wird.

Es ist bei allen Dreien im Grunde die ewig gleiche Litanei über das Wohlergehen der Märkte und des gesellschaft­lichen Zusammenlebens, das vom gegenseitigen Geben und Nehmen abhängig ist. Die wohlfeilen Worte klingen in der harten Währung kapitalistischer Normalität dann jedoch ganz anders. Zwar seien die Exzesse der ungezügelten Marktkräfte einzuhegen, zwar sei es nur billig, wenn Reiche mehr Steuern abdrücken, zumal diese es sind, die am meisten von der staatlichen Finanzierung ihrer Gesellschaft profitieren. Doch dann läßt der Liberale kurz unverblümt die Sau raus, während Sozialdemokraten hierfür andere Worthülsen finden müssen. Michael Ignatieff schreibt:

»Reformen« heißt, sich auf einen Kampf gegen starke Interessen­gruppen einzulassen.

Damit wir das nicht antikapitalistisch mißverstehen, erklärt er im Satz darauf, wer die wirklichen Boykotteure des Marktes sind:

Dazu gehören Gewerkschaften im öffentlichen Dienst und mächtige Berufszweige wie Ärzte, Lehrer und Pflegekräfte, die zwar allesamt für die Allgemeinheit unverzichtbare Leistungen erbringen, aber ihre Praktiken reformieren, einige ihrer Privilegien abgeben und wirtschaftlicher werden müssen, wenn die von ihnen erbrachten öffentlichen Güter tragfähig bleiben sollen. [9]

Das sage er einmal einer gewerkschaftlich organisierten Pflegekraft im Wolfsmarkt des Gesundheits­wesens direkt ins Gesicht! Der entsolidarisierende Kern derartiger Worthülsen tritt deutlich zu Tage und wir müssen uns dann schon fragen, in welchem Verhältnis Reflexionen über entgrenzte Gewalt und Reflexionen über einzuhegende Marktkräfte zueinander stehen, zumal, wenn es sich womöglich nur um einen verbalen Disput zwischen Intellektuellen und Politik handelt, bei der die Betroffenen möglichst außen vor bleiben. Das nennt sich dann eine provokante Denkweise, die, wie ihr Pendant des Tabubruchs, dazu dient, neue Gemeinheiten zu denken, zu adeln und zu betreiben. Die hierdurch destruierte Gesellschaft­lichkeit muß dann wieder zusammen­gebracht werden, bevor „die da unten“ rebellieren und der Laden den Betreibern der Gemeinheiten um die Ohren fliegt; und als Mittler erscheint dann eine reformierte, progressive Sozialdemokratie.

Privilegien praktisch vernutzt

Offensichtlich lesen auch die Manager des Kapitals im Landratsamt des Kreises Darmstadt-Dieburg die wohlfeilen Äußerungen privilegierter Männer über privilegierte Beschäftigte im Öffentlichen Dienst. Weil den rotgrünen Männern das Putzpersonal nicht kosteneffektiv genug malocht, suchen sie nach Alternativen im Niedriglohn­segment. Schuld daran sind natürlich die Gewerkschaften und Personalräte, die sich weigern, Beschäftigte nach den knallharten Kriterien des Marktes ausbeuten zu lassen. In meiner Sendung Flaschenhälse habe ich diese Mustermänner der Kapital­verwertung zu Wort kommen lassen, damit wir niemals vergessen, was Sozialdemokraten und Grüne uns antun, wenn sie uns die Schuld dafür geben, daß sie sich leider, leider gezwungen sehen, schweinisch zu handeln. Sie könnten auch „Nein“ dazu sagen, aber dann würden sie ihren Job nicht richtig machen.

Reinhard Jörs, der Fürsprecher armer gebeutelter Kapitalisten und ihrer staatlichen Anhängsel, schrieb hierzu am 24. November 2012 im Darmstädter Echo in seinem Kommentar Not und Privilegien ganz scheinheilig:

„Die Kluft zwischen privilegierten Arbeitsplätzen, die den Schutz von Gewerkschaften oder gar des Öffentlichen Dienstes genießen, und prekären Beschäftigungs­verhältnissen ist immens. Nur wenn seitens der Arbeitnehmer Privilegien nicht ausgenutzt werden, wenn die Leistung auch ohne permanenten Druck und Angst vor Jobverlust stimmt, kann die Abwärtsspirale gestoppt werden.“

Das verlogene Geschwätz neoliberaler Ärzte am Krankenbett des Kapitals findet sich somit nicht nur in der Hauszeitschrift eines sich emanzipiert gebenden sozialwissen­schaftlichen Instituts, sondern auch in den Niederungen einer betriebs­wirtschaftlich durchkalkulierten Tageszeitung, die den Chor für derlei unsoziale Maßnahmen gibt.

Doch hören wir weiter, was uns die Zeitschrift Mittelweg 36 im nachfolgenden Juniheft über koloniale und imperialistische Gewalt zu sagen hat.

 

Statistisch verrechnet

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 3, Juni-Juli 2012, 116 Seiten, € 9,50

Auch die Juniausgabe von Mittelweg 36 handelt von Gewalt, genauer: von der Begründung gewalttätigen Handelns während der seit rund 500 Jahren andauernden kolonialen, imperialen, imperialistischen, von Europa ausgehenden Expansion. Gewalt, insbesondere staatliche und/oder militärische Gewalt dürfte als Strukturmerkmal jeder Gesellschaft mit sozialer Schichtung, somit erst recht jeder Klassen­gesellschaft anzusehen sein. Sie ist ihr demnach eingeschrieben. Aber sie ist nicht oder nicht nur anonym, sie benötigt Akteure. Umgekehrt folgt daraus aber auch, daß je egalitärer eine Sozialstruktur ist, desto geringer ist ihr immanentes Konflikt- und Gewaltpotential.

In der Literaturbeilage dieser Ausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36 findet sich eine Besprechung des im vergangenen Jahr erschienenen umfangreichen Werks des US-amerikanischen Psychologen Steven Pinker, die auf Deutsch unter dem eher irreführenden Titel „Eine neue Geschichte der Menschheit“ bei Fischer herausgebracht wurde. Pinkers These läuft darauf hinaus, daß es noch keine historische Epoche gegeben habe, die so wenig gewalttätig gewesen sei wie die jetzige. Dies untermauert er mit mannigfaltigem statistischen Material und Annahmen, die seinem psychologischen Weltbild entsprechen.

Cover Mittelweg 36„Statistisch“ bedeutet in diesem Fall jedoch auch, Mord- und Kriegsopfer auf die jeweils gegebene Population zu berechnen. Um dies zu verdeutlichen: wenn in der Jungsteinzeit eine Person auf welche Weise auch immer umgebracht worden ist, in einer lokalen Entität von sagen wir einhundert Menschen innerhalb eines Jahres, dann müßten, global betrachtet, jährlich 70 Millionen Menschen Opfer von Kriegen und tödlich endenden Gewalt­tätigkeiten werden, was vermutlich nicht der Fall ist. Doch schon hier, im Bereich der Zahlen, fangen die Probleme an, denen der Historiker Benjamin Ziemann in seiner Besprechung nachgegangen ist. Denn Fakt ist: es gibt keine verläßlichen Zahlen, die älter als etwa zweihundert Jahre sind, und selbst diese sind von unterschiedlicher Genauig- und Vergleichbarkeit. Bis heute.

Ich kenne das Buch von Steven Pinker nicht, bin demnach genauso wie eine Leserin oder ein Leser der Besprechung im Juniheft von Mittelweg 36 auf die Argumentation des Rezensenten angewiesen. Aber selbst ein ober­flächlicher Blick erlaubt die Feststellung, daß sich das mörderische 20. Jahrhundert gewiß nicht als Gradmesser für eine Richtung tödlicher Gewalt eignet. Ohnehin wäre, was auch der Rezensent unterschlägt, danach zu fragen, ob nicht die jährlich verhungernden oder an leicht heilbaren Krankheiten bewußt sterben gelassenen zehn Millionen Kinder oder die dem automobilen Wahn geopferten jährlich mehr als eine Million Verkehrstoten weltweit [10] als Gewaltopfer kapitalistisch verfaßter Gesellschaft anzurechnen sind.

Doch Steven Pinker scheint es noch um etwas anderes zu gehen, nämlich um eine soziokulturelle Evolution der Gewalt zu mehr Friedfertigkeit. Nun ist dies schon in historischer Perspektive schwer zu belegen, weil auch seine eigene Argumentation auf die wenigen Bruchstücke Bezug nehmen muß, über die wir zur Beschreibung früherer Gesellschaften in schriftlicher oder mündlicher Überlieferung verfügen. Erst recht sind sie aus dem jeweiligen Kontext heraus zu begreifen und damit ist Quellenkritik unerläßlich.

Pinker scheint sich zur Darlegung seiner Thesen auf die aufkommende Brief- und Romankultur seit dem 18. Jahrhundert zu stützen, um Wesenszüge wie Mitleid oder die Empathie gegenüber dem Leid Dritter zu begründen, die darin vorzufinden ist. Und Empathie führt zu weniger Gewalt. Nun ist seither auch der Mord wachsender Bestandteil der Belletristik und feiert ausgerechnet heutzutage seine gruselige Vermarktung in Buch und Film. Ginge es nach den unzähligen derartigen Schwarten, dann müßte Jahr für Jahr eine mitteldeutsche Kleinstadt verschwunden sein, woraus zu schließen ist, daß eine Korrelation zwischen Romanfiktion und der rauhen Wirklichkeit nicht besteht. Vielmehr müssen wir uns danach fragen, wieviel Gewalt im anheimelnden Genuß von Kriminalromanen oder Computerspielen, wie sie auch auf diesem Sender mit Inbrunst am Mittwoch­nachmittag feilgeboten werden, schlummert und nur auf ihre Wirk­mächtigkeit wartet.

Meine Beobachtung sagt mir, daß Empathie, sofern überhaupt vorhanden, begrenzt vorkommt und sich allenfalls im Almosenablaß zur spendenfreudigen Jahresend­kaufrauschorgie äußert. Es besteht ein innerer Zusammenhang zwischen KZ-Wärter und rührendem Familienvater oder zwischen geselligem Kneipengänger und Ekel auf der Autobahn, der so gar nicht in das Pinkersche Weltbild passen wird. Dieser Gedanke ließe sich auch soziologisch und psychologisch untermauern, zumal der Neoliberalismus als eine Variante entfesselten Kapitalismus verstärkt autistische und selbstgefällige Individuen erzeugt, die im Standortkrieg Aller gegen Alle verheizt werden und auch selbst sich und Andere verheizen.

Insofern scheint mir eine Lektüre der Schwarte von Steven Pinker überflüssig zu sein [11]; und wer sie dennoch konsumiert hat, findet gewichtige Argumente gegen die dort vertretenen Thesen in der Besprechung von Benjamin Ziemann im Juniheft von Mittelweg 36. Doch täuschen wir uns nicht: Argumente zählen im Klassenkrieg wenig, allenfalls sofern sie zur Unterfütterung globaler Vernutzung von Mensch und sogenannter Natur dienen.

Nun ist es schwierig zu belegen, ob das beginnende 21. Jahrhundert gewalttätiger ist als die Zeit oder Zeiten zuvor, oder nicht. Es hängt sicherlich auch von der Betrachtungs­weise ab, ob ich die seit Ende des Zweiten Weltkriegs aus rein egoistischen, weil profitablen Gründen krepierenden Kinder mitzähle oder nicht. Immerhin handelt es sich hierbei um geschätzt eine halbe Milliarde Individuen, wobei hinzuzufügen wäre, daß Hungertote des Mittelalters, der chinesischen Bauern­aufstände oder im Indien des 17. Jahrhunderts sicherlich anders zu gewichten sind als verhungerte Kinder, die anhand der gegebenen materiellen Ressourcen alle hätten ausreichend ernährt, gekleidet und medizinisch versorgt werden können. Was in der Vergangenheit aus eher infra­strukturellen Gründen zwar nicht unvermeidlich, aber doch recht wahrscheinlich war, weil Hungersnöte damals anderen Gesetz­mäßigkeiten gehorchten als heute, muß heute als organisierter Massenmord bezeichnet werden. Insofern habe ich ein Problem mit der abschließenden Feststellung des Rezensenten:

Wer könnte ernsthaft garantieren, dass die 60 relativ tötungsarmen Jahre seit 1945 wirklich mehr sind als eine kurze Atempause in der langfristigen Entwicklung der Gewalt? [12]

Ich bin mir nicht sicher, ob wir von einer Atempause oder einem Vorspiel globaler Gewalt sprechen müssen, die uns der imperialistische und kapitalistische Kontext des 21. Jahrhunderts noch bieten wird. Denn wo es um Profit geht, ist die Zahl der Hungernden, Verelendeten, an den Rand Gedrängten, Verfolgten und schließlich Ermordeten einerlei. Und derlei Gewalt durchzieht das Geflecht auch der eigenen Gesell­schaftlichkeit, selbst wenn Kriege andernorts stattfinden mögen.

 

Ein Klavier sinnt auf Rache

Umrandet wird die Rezension der deutschen Ausgabe von „The Decline of Violence in History and its Causes“ durch Reflexionen über die Gewalt der kolonialen und neokolonialen Expansion der westlichen Welt. Der Historiker Dierk Walter fragt in seiner Einleitung nach den Faktoren, die zur Gewalt­entgrenzung imperialer Herrschaft geführt haben mögen. Nun bedeutet Gewalt nicht gleich Krieg, und selbst die sichtbare Gewalt der strafenden kolonialen Hand erzählt nicht die ganze Geschichte. Der stumme Zwang kolonialer und weltmarkt­bestimmter neokolonialer, also imperialistischer Gewalt ist immer mit zu betrachten, wenn sich die Kolonisierten erheben.

Die koloniale Landnahme fand in der Regel auf Territorien statt, die entweder keine größere, zusammen hängende Herrschafts­struktur kannte oder deren formelle Herrschaft, etwa bei Azteken oder Inka, zerstört wurde. Dadurch waren nicht nur die Grenzen der territorialen Herrschaft unscharf, es fehlte zudem an der bürokratischen Organisation einer Gesellschaft, auf die sich die Kolonialherren stützen konnten. In einer Situation, in der sie als Wenige vielen für sie Fremden gegenüberstanden, folgte die Durchsetzung von Machtinteressen fast schon zwangsläufig gewaltförmigen Mustern, zumindest solange, bis alternative Formen formeller oder informeller Herrschaft gefunden oder etabliert waren.

Bürokratische Herrschaft und Kriege, die nach bestimmten Regeln geführt werden, sind in diesem Kontext eine europäische Eigenheit, die sich in Kolonialgebieten als untauglich erwiesen. Zwar besitzt wohl jeder Kulturkreis eigene Regeln für die Kriegsführung, doch dürften sich diese von den europäischen Regeln unterschieden haben, weshalb sie für die bornierten europäischen Aggressoren unerkannt blieben.

Sacre Coeur in ParisDierk Walter führt nun verschiedene Faktoren an, die eine Entgrenzung kolonialer Gewalt ermöglicht haben sollen, und das fängt schon damit an, daß der Gegner aus gutem Grund selten der Einladung zu einer Entscheidungsschlcht gefolgt ist, was für die arroganten Herren aus Europa als geradezu regellos und Verletzung europäisch normierter Kriegsführung erscheinen mußte. Rassismus dürfte auch eine Rolle gespielt haben, weniger vielleicht im kolonialen Mutterland, eher vor Ort etabliert. Bemerkenswert finde ich jedoch, daß sich Dierk Walter keine Gedanken darüber zu machen scheint, ob nicht vielleicht die Intention der Besitznahme, so als ob die gesamte Erde europäisch zu beherrschen sei, schon aus sich heraus das Aussetzen erkennbarer Grenzen und Regeln erklären kann.

Wer gar nicht erst gewillt ist zu teilen, abzugeben oder gar zu verzichten, betrachtet es als geradezu sein natürliches Recht, sich zu nehmen, was er kann und will. Wenn sich dies auch noch religiös verbrämen läßt, umso besser. Das Christentum wurde seit jeher mit dem Schwert verbreitet, und wer die entsprechende Symbolik von bzw. vor Sacré Cœur in Paris einmal genau betrachtet hat, muß sich fragen, ob die Geschichte des Abendlandes nicht ohnehin eine religiös verkleidete Gewaltorgie gewesen ist, also das, was man, manchmal auch frau, als Projektion so gene dem Islam andichtet.

In einem weiteren Aufsatz führt uns Dierk Walter zu der Frage, weshalb in Kolonialkriegen kein Pardon gegeben wurde, und, wie er anhand des Irak- und Afghanistan-Krieges anmerkt, auch heute nicht gegeben wird. Die Idee, sich hier zu ergeben, muß als abwegig erscheinen. Tatsächlich kommt dieser Fall in 500 Jahren Kolonial­geschichte auch so gut wie nie vor.

Dennoch ist die Frage nach dem Warum? alles andere als uninteressant, weil sich auch hieran der notwendig gewaltförmige Zugriff auf Kolonien und Kolonisierte aufzeigen läßt. Gewiß, auch die Angegriffenen gaben kein Pardon, und sei es, weil ihnen dieses europäische Konzept fremd war und fremd bleiben mußte. Doch dies ist wohl zu vernachlässigen, denn die Gewalt ging und geht bis heute von den Mutterländern der westlichen Zivilisation aus. Selbige betreiben eine Logik der Kriegsführung, die Gefangennahme aus logistischen Gründen eher ausschließt und die, sofern es sich um Guerillakrieg handelt, sich um den Unterschied zwischen Kombattanten und Zivilpersonen nicht schert.

Folgerichtig erklären uns die Kriegsherren seit 500 Jahren, wie viele Feinde sie getötet haben, Männer, Frauen und Kinder inklusive. Nur ein toter Feind ist ein erledigter Feind, woraus messerscharf zu folgern ist, daß das Töten der Zivil­bevölkerung notwendiger Bestandteil derartiger Kriegsführung ist und keinesfalls ein Versehen. Dierk Walter verweist dennoch darauf, daß zeitgenössische europäische Beobachter regelrecht schockiert über die Methoden in Kriegen waren, die nichteuropäische Gruppen, Stämme oder Staaten gegen ebensolche führten, wo also Verstümmelungen, Folter, Versklavung, Menschenopfer oder Kannibalismus vorzufinden waren.

Dies mag, abseits der apologetischen Intention derartiger Berichte, so gewesen sein. Selbst­verständlich haben auch andere Zivilisationen, andere soziale Gruppen ihre Form gefunden, Macht und Herrschaft durch­zusetzen. Wir mögen darüber schockiert sein. Und doch lassen sich hierbei vermutlich Regel­haftigkeiten erkennen, die uns befremden mögen, aber der europäische Regelkanon ist nun auch nicht gerade etwas, das rein und verständig daherkommt. Wesentlicher scheint mir jedoch die Frage zu sein, ab wann und inwieweit europäische Kolonial­praktiken die ganz genuine Zivilisations­struktur auch noch nicht beherrschter Gebiete destruiert haben mag. Das Beispiel des Skalpierens als europäische Innovation mag hier zum Nachdenken anregen, auch wenn dieser Sachverhalt von Historikern neuerdings wieder bestritten wird.

Die Sozialwissenschaftler Matthias Häußler und Trutz von Trotha führen und aus den Ebenen der Theorie in die konkrete Historie des kolonialen deutschen Genozids an Herero, Nama und anderen nach Südwestafrika. Sie führen hierbei ein weiteres Motiv ein, das in jüngster Zeit für die Expeditionen neokolonialer Aggressoren gerne verschwiegen wird: Rache. Ganz banale Rache. Und wenn sich die deutschen Herrenmenschen darüber ereifern, daß die von ihnen Gegängelten und Verdrängten dann Siedlerfarmen angreifen und dabei tatsächlich ein Klavier demolieren, dann wird die Verlogenheit nur allzu deutlich. Gerade weil die Herero ein Klavier zerstörten, müssen sie Wilde sein, die folgerichtig kein Erbarmen verdienen.

Dieselbe Argumentationslogik können wir auch heute in Alltag und Politik wiederfinden, wenn sich Menschen und Gruppen nicht an die Konventionen formalisierter Macht und Gewalt halten. Das Überschreiten eines heiligen Stücks Rasen war noch vor einem halben Jahrhundert hierzulande untersagt, und wer dagegen verstieß, stand außerhalb der zivilisierten Bigotterie des Bürgertums. Wer sich heute nicht an die Regeln und Konventionen herrschaftlich normierter Kommunikation hält, beispielsweise schreit oder gar – ganz böse! – Subjektivität in objektivierten Prozessen einfordert, wird außerhalb gestellt.

Und wer die scheinheiligen Sendekriterien von Radio Darmstadt ignoriert, wird, wenn er oder sie ohnehin zum Feind der radaresken Ordnung erklärt worden ist, geradezu regellos mit willkürlichen Sanktionen belegt. Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Mitglieder des Programmrats mögen dagegen verstoßen, doch hier gilt: Quod licet Iovi, non licet bovi. Ein Programmrats­mitglied der Redaktion Mohnrot meinte sogar, meine Sendungen seien ja interessant, aber immer dann, wenn ich diesen Sender zum Thema mache, schalte sie ihr Radio aus. Wie schade! Sie bringt sich um den Genuß, etwas Neues zu lernen und ihren Horizont gerade in Bezug auf ihren Radiosender zu erweitern.

Doch zurück zum besprochenen Heft: Insofern ist jeder der in der Juniausgabe von Mittelweg 36 abgedruckten Aufsätze lesenswert, weil er zu den flüchtigen Grenzen der Gewalt hier und heute führt. Um auf die Rezension von Benjamin Ziemann des Buchs von Steven Pinker zurückzukommen. Selbiger hatte ein Poster, das Frank Zappa beim Urinieren zeigt, für eine Zügel­losigkeit verantwortlich gemacht, die zu einer Mordwelle in den USA der 70er Jahre geführt haben soll. Hier spricht ganz gewiß der bigotte Bürger, wenn ihm die Argumente zur Aufrecht­erhaltung seiner Macht fehlen. Spätestens seit Michael Moore wissen wir ja, wo die Gewalt herkommt und wie schädlich hierbei Bowling sein kann …

 

Musterdemokraten auf dem Barbarentrip

Bleibt noch der Text von Wolfgang Knöbl zu erwähnen, der den Zusammenhang von imperialer Herrschaft und Gewalt aus historischer Perspektive zu beleuchten sucht. Er verweist darauf, daß in der Regel kleine weiße Gruppen riesige Territorien und Menschenmassen zu beherrschen suchten und dabei schon fast zwangsläufig, weil sie ja nicht überall sein konnten, zur Symbolik der Gewalt greifen mußten., um sich und die Ausplünderung ganzer Kontinente abzusichern. Ob hierbei stimmt, daß die kolonialen Siedler zunächst militärisch bzw. waffentechnisch nur geringfügig überlegen waren, lasse ich dahingestellt. Sicher ist richtig, daß schon Cortés und Pizarro auf indigene Kampf­verbände angewiesen waren.

Zur Frage, wie denn die französischen Eroberer das Algerien der 1840er Jahre beherrschen konnten, hatte sich der an anderer Stelle als Verteidiger der Demokratie angetretene Alexis de Tocqueville so seine Gedanken gemacht. Er empfahl die totale Kriegsführung gegen die arabische Bevölkerung, das Vernichten von Ernten oder die Geiselnahme von Frauen und Kindern. Das Land sei, natürlich unter Wahrung der Menschlichkeit und des Völkerrechts, zu verheeren und kein Stein auf dem anderen zu belassen. Es folgt der Kommentar von Wolfgang Knöbl:

Es geht beim Verweis auf diese Aussagen und Zitate de Tocquevilles nicht um Skandalisierung, obwohl man sich durchaus darüber empören könnte, wie unmenschlich ein Theoretiker der Demokratie angesichts scheinbarer realpolitischer Zwänge tatsächlich argumentieren konnte. [13]

Als sei dies ein Widerspruch! Demokratie als formalisierte soziale Verfassung kollektiver Gewalt des Kapitals und die Methodik imperialistischer Gewalt und Massaker schließen sich nicht nur nicht aus, nein, sie bedingen einander. Freiheit und Demokratie auf der einen und der Tod von Zig-, wenn nicht Hundert­tausenden im Irak und in Afghanistan passen doch prima zusammen, wie uns die Fernsehbilder immer wieder einbläuen. Die heuchelnde Lügen­propaganda der medialen Lakaien dieser Politik bringt diesen Zusammenhang treffend auf den Punkt.

Das methodische Problem, das in diesen ansonsten durchaus gewinnbringend zu lesenden Zeitschriften­aufsätzen aufscheint, besteht darin, daß die Herren Soziologen und Historiker – ja, tatsächlich!, zum Thema Gewalt bestehen die Experten ausschließlich aus Männern, dabei hätten Frauen vielleicht noch ganz Anderes hier hinzuzufügen – ihr argumentatives Problemfeld nur immanent betrachten. Gewiß, Dierk Walter stellt den Zusammenhang zwischen verlogener Legitimation derartiger Gewalt und Kriege als humanitäre Mission sogar her, als wisse er von der mörderischen Konsequenz angeblich friedfertiger Intentionen.

Doch hier wäre der Blick darüber hinaus zu richten, und jegliche Klassen­gesellschaft, erst recht der Kapitalismus und Imperialismus, kritisch zu analysieren, zu verwerfen und nach Maßstäben der Darstellung und Analyse zu suchen, die außerhalb der gewalttätigen Logik der letzten 12.000 Jahre begründet sind. Daß dies auf eine noch erst zu errichtende Gesellschaft ohne Ausbeutung und Herrschaft verweist, ist evident, aber nichts­destotrotz unausweichlich. Nicht einhegen, sondern abschaffen, nur das kann die Devise sein, auf deren Grundlage geforscht wird.

Wer sich jedoch mitten im Geflecht formalisierter und regelbehafteter Wissen­schaftlichkeit in Institutionen befindet, die ganz gewiß das Wohlergehen der hiesigen Ordnung im Sinn haben, kann schlechterdings nicht darüber hinaus denken. Erstens wäre er seinen Job los und zweitens würden ihm die „Macher“ dieser Gesellschaft auch nicht mehr zuhören.

Mittelweg 36, die Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, erscheint alle zwei Monate in den geraden Monaten. Das Einzelheft kostet 9 Euro 50, ein Jahresabo beläuft sich auf 48 Euro.

 

Die Lager der Werte des christlichen Abendlandes

Cover Strom und WasserWährend die westliche Wertegemeinschaft über Syrien herfällt, führt die Türkei ihren Spezialkrieg mit ebenderselben westlichen Unterstützung weiter, vermöbelt Demonstrantinnen in Diyarbakır und attackiert mit gezielten technischen Maßnahmen die Internetpräsenz kurdischer Oppositions­gruppen, damit die Weltöffent­lichkeit nicht erfährt, was eine ordentliche demokratische Entgrenzung der Gewalt ist. [14]

Das soeben Gehörte werde ich in den nächsten Tagen auf meiner Webseite als geschriebenen Text zur Verfügung stellen: www.waltpolitik.de. Die in meiner heutigen Sendung eingespielte Musik stammt von der CD Strom und Wasser featuring The Refugees. Es handelt sich um die Musik derjenigen, die vom deutschen Menschenrechts­regime in Lagern und Knästen oder von wundervollen Ausländer­behörden schikaniert und festgehalten werden, nur weil sie als Migrantinnen und Migranten ohne die nach deutschen Regeln ausgeknobelte Berechtigung sind, sich in diesem tollen Land der christlichen Wohltäter aufzuhalten. Gewalt kennt viele Facetten, dies ist eine davon.

Nächste Woche geht es an gleicher Stelle weiter. Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN
Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

»» [1]   Der Jingle fiel einer kuriosen Einstellung des Studio­mischpults zum Opfer. Um den Jingle von einer frisch eingelegten Minidisc zu starten, mußte man zuvor erst auf „Stop“ drücken. Ist doch logisch, oder? Macht ihr daheim bei eurem CD-Player ja auch genauso …

»» [2]   Dieses Mantra ist allenthalben auf diesem Sender zu hören. Das ist psychologisch auch ganz wichtig, um sich zu vergewissern, wo man und frau die letzten Jahre verbracht hat …

»» [3]   Nicht des Mainstreams wegen, damit hat die Anstalt als Propagandistin derartigen Mainstreams gewiß kein Problem, sondern aufgrund von Problemen mit der Zugangs­offenheit im Darmstädter Lokalradio zwischen 2006 und 2012. Siehe hierzu auch meine Darstellung Ein neuer Besen.

»» [4]   So erklang die Wiederholung dieser Sendung am Dienstag­vormittag wieder einmal in einer geradezu schaurig verzerrten Qualität. Da müssen die technischen Bastler im Sendehaus noch ein wenig tüfteln, bis sie es nach sechs Jahren vielleicht doch noch einmal schaffen, so etwas wie einen sauberen Sound zu Gehör zu bringen.

»» [5]   Damit will ich nichts gegen die staatliche Subventionierung eines medialen Feigenblatts gesagt haben, und rund 80.000 Euro im Jahr ist zum Betrieb eines derartigen Lokalradios auch eigentlich eher ein Witz. Aber wenn dabei weitgehend Quark herauskommt, ist die Frage schon erlaubt, ob die billige Kopie von Allerwelts­dudelei unterstützt werden sollte.

»» [6]   Dan Diner : Verschobene Erinnerung, in: Mittelweg 36, Heft 2, April-Mai 2012, Seite 21–27, Zitat auf Seite 27.

»» [7]   Michael Ignatieff : Fortschrittliche Politik in schwierigen Zeiten, in: Mittelweg 36, Heft 2, April-Mai 2012, Seite 67–75, Zitat auf Seite 70.

»» [8]   Carl Tham : Tony Judt und die Sozialdemokratie, in: Mittelweg 36, Heft 2, April-Mai 2012, Seite 76–81, Zitat auf Seite 80.

»» [9]   Ignatieff Seite 74.

»» [10]   Winfried Wolf : Verkehr. Umwelt. Klima. Die Globalisierung des Tempowahns [2007], Seite 321. Zu meiner Besprechung dieses Buchs siehe das Manuskript zur Sendung Aufbrüche vom 14. Januar 2008.

»» [11]   Vergleiche auch die Rezension des Buchs von Steven Pinker durch Werner Seppmann Welch friedliche Zeiten! in der jungen Welt am 2. August 2012.

»» [12]   Benjamin Ziemann : Eine »neue Geschichte der Menschheit«? Anmerkungen zu Steven Pinkers evolutiver Deutung der Gewalt, in: Mittelweg 36, Heft 3, Juni-Juli 2012, Seite 45–56, Zitat auf Seite 56.

»» [13]   Wolfgang Knöbl : Imperiale Herrschaft und Gewalt, in: Mittelweg 36, Heft 3, Juni-Juli 2012, Seite 19–44, Zitat auf Seite 21.

»» [14]   Vgl. den Artikel von Nick Brauns Tag des Widerstands in der jungen Welt am 16. Juli 2012.


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