Georg Fröba
Georg Fröba, Ölgemälde.

Kapital – Verbrechen

Von Georg Fröba zur Vernutzung des Alters

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 27. Dezember 2010, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 27./28. Dezember 2010, 23.15 bis 00.15 Uhr
Dienstag, 28. Dezember 2010, 05.15 bis 06.15 Uhr
Dienstag, 28. Dezember 2010, 11.15 bis 12.15 Uhr

Der Vortrag von Georg Fülberth über Georg Fröba wurde bei bermuda.funk (Heidelberg / Mannheim) am 31. Dezember 2010 und bei Radio Dreyeckland am 11. Februar 2011 gesendet.

Zusammenfassung:

Georg Fülberth stellt den Kommunisten und Antifaschisten Georg Fröba und seinen Lebensweg im National­sozialismus vor. Wer alt ist, ist Definitionssache, und so werden aus alten Jungen junge Alte, damit sie sich besser ausbeuten lassen. Ausbeutung bedarf des Opiums, weshalb die Religion für den Zusammenhalt einer Gesellschaft wichtig ist. Als besonders bigott zu betrachten alljährlich zu Weihnachten.

Besprochene Zeitschrift:

Mittelweg 36, Heft 5, Oktober/November 2010

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Vor vier Wochen, am 30. November [2010], sprach im „Linkstreff Georg Fröba“ der Politikwissen­schaftler Georg Fülberth über den Namensgeber des Linkstreffs. Anlaß war die Übergabe eines nach einer Fotografie angefertigten Ölgemäldes an die Betreiberinnen und Betreiber des Treffpunkts verschiedener Darmstädter linker Organisationen. Im Anschluß an den Vortrag, den ihr in der kommenden Dreiviertel­stunde hören werdet, bespreche ich die Oktoberausgabe von Mittelweg 36 mit zwei interessanten Schwerpunkten, nämlich dem Altersdiskurs dieser Gesellschaft und der Funktion der Religion für soziale Gemeinwesen. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Georg Fülberth über Georg Fröba

Der Vortrag kann entweder über nebenstehenden Player angehört oder über das Audioportal des Bundesverbandes Freier Radios heruntergeladen werden.

 

Ritueller Kannibalismus und altersgerechte Freizeitgestaltung

Besprechung von: Mittelweg 36, Heft 5, Oktober/November 2010, 94 Seiten, € 9,50

Anderes Thema: alle Jahre wieder … naja, ihr ahnt es schon … kommen die Rentiere aus dem fernen Norden, um eine rotbemantelte Kapuzengestalt in den Einkaufszonen abzusetzen, damit er kleine Kinder bespaßt und für die infantil gebliebenen Erwachsenen ein schnuckeliges Ambiente verbreitet. Und wo blieben nach Ende der alljährlichen Feierlichkeiten die Weihnachtsmänner­klone? Habt ihr euch das noch nie gefragt? Dabei hat die Süßwaren­industrie doch die passende Antwort gefunden. Sie werden verspeist. Ritueller Kannibalismus zum christlichen Jahresendfest. Wohl bekommt's!

Nun sind alljährliche Rituale für das psychosoziale Wohlbefinden einer ganzen Gesellschaft auch dann von Nutzen, wenn sie so verlogen daherkommen wie das liebestriefende Einkaufsfest. Jedenfalls möchte ich nicht zu einem solchen Volkskörper gehören, zumal ich die mit Schmelzkäse getrieften Weihnachts­melodien ebensowenig ertrage wie Verlogenheit und Dummheit. Dennoch kann es von Nutzen sein, diese Rituale zu verstehen, und sei es um zu begreifen, weshalb Kitsch, industriell gemästete Gänse und Schokoladenweihnachts­männer ebenso wichtig für den Zusammenhalt einer sich fragmentierenden Gesellschaft sind wie lieblos zusammengekaufte Geschenke aus Buchhandlungen, Parfümerien oder Onlineshops.

Eine Umfrage des Darmstädter Echo ergab auf die Frage „Weihnachtsfeier: Lust oder Frust?“ die nicht wirklich erstaunliche Antwort, daß 64% der 1307 Mausklicks betriebliche Weihnachten als eine schöne Sache befanden, 24% darin eine lästige Pflicht sahen und bei 8% selbiges erst gar nicht mehr stattfand. Das Ergebnis ist sicherlich nicht repräsentativ, denn bei Fragen, welche die Welt bewegen, etwa ob Minarette abzulehnen sind oder Thilo Sarrazin die Seele des deutschen Volkskörpers getroffen hat, wird viel mehr sinnlos herumgeklickt. Immerhin läßt sich der Echo-Umfrage entnehmen, daß ein Drittel aller Mäuse sich als nicht integrations­willig erwiesen.

Cover Mittelweg 36In der Oktoberausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36 stellt der Religionswissen­schaftler Manfred Bauschulte den Sozialanthropo­logen Franz Baermann Steiner vor, der sich bis zu seinem Tod im Jahr 1952 mit Ritualen und Religion als einer Methode befaßt hat, die den Zusammenhalt von Menschen und menschlichen Gesellschaften befördert. Steiner habe als grundlegende Funktion der Religion die rituelle Wertschöpfung benannt, erwachsen aus der Auseinander­setzung mit der natürlichen Umwelt. Es gehe um den kultisch-religiösen Umgang mit Gefahren, die im Laufe der zivilisatorischen Entwicklung von außen nach innen verlagert werden. Rituelle Wertschröpfung ist demnach Gefahrenabwehr.

Wenn ich diesen Gedankengang weiterverfolge, komme ich zu dem Schluß, daß ein rituell begangenes Weihnachts­fest, dessen soziale Verlogenheit und Kommerzialisierung nicht übersehen werden kann (und auch nicht von denen übersehen wird, die mitmachen), exakt die Befindlich­keiten einer bigotten Gesellschaft wiedergibt. Das Weihnachts­fest dient dem Zusammenhalt einer Gesellschaft, die in ihrer Alltagspraxis atomisierend wirkt und die Lebenslagen der Menschen bedroht. Daher auch die Projektion eines Außen als Gefahr, daher der neurotisch-zwanghafte Integrations­diskurs. Entweder ihr werdet so wie wir, was ihr nie schaffen werdet, oder wir schließen euch aus. Ähnlichkeiten mit dem Verein, der dieses Lokalradio betreibt und diejenigen rausmobbt, die anders als „die Mehrheit“ sind, sind nicht zufällig, sondern ergeben sich ganz von selbst. Die Mitte der Gesellschaft eben.

Franz Baermann Steiner sah in der Religionswissen­schaft eine sozialwissenschaft­liche Anthropologie, die sich mit Einrichtungen befaßt, welche das Zusammenleben von Menschen ermöglichen. Er sah angesichts des National­sozialismus als einer Ausprägung der kapitalistischen Moderne recht deutlich, wie gefährdet dieser menschliche Zusammenhalt ist. Insofern betrachtete er eine frei wählbare Religion als „modus vivendi“ der Menschen innerhalb einer Gesellschaft wie der Religionen nebeneinander, und zwar auch innerhalb derselben Gesellschaft. Ihm schwebte hier als Vorbild das multireligiöse Indien vor; ich habe hier jedoch erhebliche Zweifel an der religiösen Toleranz auf diesem Subkontinent. Eine Auswahl von Steiners Werken ist auf Deutsch im Wallstein Verlag erschienen.

Der eigentliche Schwerpunkt des Oktoberheftes von Mittelweg 36 handelt von der Alterspolitik und der Erfahrung des Alters wie des Alterns. In vier soziologischen und kritischen Aufsätzen befassen sich Silke van Dyk, Stephan Lessenich, Tina Denninger, Anna Richter und Stefanie Graefe mit einem Themenkomplex, der derart ideologisch kommuniziert wird, daß selbst die Soziologie als eine Wissenschaft des Sozialen bislang wenig Nützliches zum Thema hat beitragen können.

Verfolgen wir die einschlägigen Debatten um den demografischen Wandel, die Veralterung der Gesellschaft und die Krise des Sozialstaates, so ergibt die Nutzbarmachung und Aktivierung der Potenziale des Alters wie der Alten einen ganz eigentümlichen Sinn. Zwar werden Postulate einer humanen Gesellschaft aufgestellt, nach denen auch ältere Menschen nicht von der Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen werden dürfen. Doch hinter der pseudo­humanistischen Fassade wartet die Nutzbarmachung, die Mobilisierung noch verwertbarer Altersgruppen, welche vom Arbeitsmarkt längst entsorgt wurden.

Dabei ist zu berücksichtigen, daß die hier angesprochenen Alten eigentlich gar nicht so alt sind. Dieses Alter beginnt etwa mit 45 Jahren und beschreibt im Grunde die Bevölkerungs­gruppen, die bis zur Rente und darüber hinaus der Gesellschaft noch etwas dafür geben sollen, daß sie über Sozialtransfers (wenn überhaupt) von selbiger Gesellschaft alimentiert werden. Diesen Nützlichkeits­diskurs finden wir auch bei Langzeitarbeits­losen, arbeitslosen Jugendlichen oder Menschen mit Behinderung. In einer postmodern-neoliberalen Welt gibt es keine gesicherten sozialen Ansprüche mehr, sondern die freiwillige Unterwerfung unter das Nützlichkeits­postulat durchgeknallter Eliten.

So ist von best agers die Rede, die mit 50 Jahren noch einmal ihre Erfahrung und ihr Wissen einbringen sollen. Der ideologische Kontext besteht darin, daß diesen gar nicht so Alten abgesprochen wird, noch innovativ und flexibel zu sein, sowie geistig und körperlich schnell reagieren und handeln zu können. Die Norm ist der weiße, mitteleuropäische Mann in den mittleren Lebensjahren. Wer hier nicht mithalten kann, muß eben Ressourcen entwickeln und aktivieren, die es ihm oder ihr ermöglichen, sich nützlich machen zu können und daher auch die Berechtigung erhalten, sich nützlich zu fühlen und als nützlich, also vernutzbar, zu gelten. Hinter allem steht die Drohfassade der nicht mehr so nützlichen Alten, die als soziale Last definiert und am besten in Altersheime und Pflegedienste abgeschoben werden. Die Giftspritze als Konsequenz dieser Barbarei wagt noch keine und niemand direkt auszusprechen.

Hinzu kommt in einer Lifestyle- und Wellnessgesellschaft der permanente moralische Druck auf die etwas älter Werdenden, Körper und Geist zu pflegen, um als noch nicht wirklich alt zu gelten, nicht so alt jedenfalls, um als altes Eisen weggeworfen werden zu können: „Das Nicht-Altern wird vor diesem Hintergrund zu einer Frage der persönlichen Wahl und das Altern zum persönlichen Versagen deklariert.“ [1]

Diese Debatte kennt weder eine Altersdis­kriminierung noch Verlierer. Was gut ist für den Einzelnen oder die Einzelne, ist nützlich für die Gesellschaft. Die hiermit einhergehende Selbstver­pflichtung, Eigen- und Fremdbe­stimmung unter einen Hut zu bringen, entspringt knallhart ökonomischen Kalkülen. Emanzipation, gar die Subversion, diese absurden Werte einer auf Leistung getrimmten Gesellschaft zu unterlaufen, kommen in diesem Diskurs allenfalls als verpönte Abweichung von der Norm vor. Wobei das Arbeitsethos dieser Gesellschaft ohnehin die Köpfe präformiert hat: tatsächlich wollen viele „ältere“ Menschen genau das, was sie sollen. Eigenes Denken, die Entwicklung einer eigenständigen, widerständigen Identität ist unerwünscht und nicht vorgesehen.

Es ist im Grunde derselbe Aktivierungsdiskurs eines auf sozialer Sparflamme agierenden Staates, der uns auch bei Hartz IV begegnet. Das Bundes­ministerium für Senioren gab schon 1996 einen Sammelband heraus, in dem das Programm unverblümt benannt wurde: „Ältere Menschen können ehrenamtlich Leistungen erbringen, für die die Kommunen nicht oder nicht mehr in der Lage sind, den Einsatz hauptamtlicher Kräfte zu finanzieren“ [2]. Neben die Etablierung eines Niedriglohn­sektors tritt die freiwillige Hingabe zum Nulltarif.

Inwieweit sich diese Politik und Verinnerlichung der damit einhergehenden Normen und Anforderungen auf die Identitäts­findung des Alters und im Alter auswirkt, wird in eigenen Aufsätzen genauso untersucht wie die Frage, wie ältere Menschen in der Sozialpolitik der DDR vorgekommen sind. Mittelweg 36, die Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, erscheint alle zwei Monate. Das Einzelheft kostet 9 Euro 50, ein Abo ist möglich.

Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt[3].

 

ANMERKUNGEN
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»» [1]   Silke van Dyk und Stephan Lessenich : Die Potenziale des Alters und die Soziologie, in: Mittelweg 36, Heft 5/2010, Seite 8–14, Zitat auf Seite 10.

»» [2]   Zitiert nach: Silke van Dyk u.a. : Die »Aufwertung« des Alters. Eine gesellschaft­liche Farce, in: Mittelweg 36, Heft 5/2010, Seite 15–33, Zitat auf Seite 22.

»» [3]   Den Abschluß bildete ein „Vogel der Woche“, diesmal Die Spinatwachtel.


Diese Seite wurde zuletzt am 4. Februar 2011 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2010, 2011. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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