Kapital – Verbrechen

Gesundheit und Biologismus

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
In der Sendung vom 13. Februar 2006 sprach ich über die Moral deutscher Spargelbauern, über die profitablen Geschäfte mit der Gesundheit in der Dritten Welt und über die sozio–evolutionsbiologischen Märchen zum Paarungsverhalten von Männern und Frauen.
 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Gesundheit und Biologismus
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 13. Februar 2006, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 13. Februar 2006, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 14. Februar 2006, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 14. Februar 2006, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Jörg Schaaber : Keine Medikamente für die Armen?, Mabuse Verlag
  • Matthias Glaubrecht : Seitensprünge der Evolution, Hirzel Verlag
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_gesun.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Schafe auf dem Spargelacker
Kapitel 2 : Genozidale Pharmazie
Kapitel 3 : No profit – no research
Kapitel 4 : Die evolutionäre Konsequenz der Aminosäure
Kapitel 5 : Vom Voyeurismus der Forscher
Kapitel 6 : Schluß
Weiterführende Linkszum Sendemanuskript
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Schafe auf dem Spargelacker

Jingle Alltag und Geschichte

Am vergangenen Samstag fand ich im Darmstädter Echo eine ganzseitige Anzeige der südhessischen Spargelbauern. Unter dem Motto Der Spargel wächst – 2000 helfende Hände gesucht wird zur Teilnahme an der 1. Stellenbörse Südhessische Ernte bei der Darmstädter Agentur für Arbeit am kommenden Donnerstagmittag aufgerufen. [1] Da stellt sich mir die Frage nach Verdienst und Arbeitsbedingungen. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

Radio Darmstadt ist das nichtkommerzielle Lokalradio für Darmstadt, und zu empfangen auf der terrestrischen Frequenz 103,4 Megahertz, oder im Kabelnetz Darmstadt auf 99,85 Megahertz und in der Kabelinsel Groß–Gerau auf 97,0 Megahertz.

Es ist eine bekannte Tatsache, und die Spargelbauern verschweigen dies auch nicht, daß die Arbeit auf den Spargelfeldern nicht gut ist für den Rücken, also gesundheitsschädlich. Deshalb würden sie ja liebend gerne osteuropäische Arbeitssklavinnen und –sklaven anheuern, die willig sind und (fast) alles mit sich machen lassen; allein: die Bundesregierung in ihrer unendlichen Weisheit möchte die deutschen Arbeitslosen zum Arbeitsdienst auf den Spargeläckern verdonnern. Für die deutschen Bauern ist das ein schwerer Schlag – denn nicht wenige der deutschen Beschäftigten kennen ihre Rechte und pfeifen auf die Arbeitsbedingungen auf dem Acker.

Was mögen die deutschen Arbeitslosen wohl dieses Frühjahr verdienen können? Schon vor einigen Jahren jagte das Arbeitsamt Langzeitarbeitslose aufs Feld, doch es gab ein Problem. Nach damals geltendem Sozialrecht war der Verdienst derart mickrig, daß das Arbeitsamt diesen Job bezuschussen mußte, damit er überhaupt als zumutbar galt. Daraus haben Sozial– und Christdemokratie gelernt und die Zumutbarkeitsbedingungen nach unten korrigiert. Es kann ja nun wirklich nicht sein, daß unsere faulen Arbeitslosen einen auf Hängematte machen, wo doch der ungesunde Knochenjob erledigt werden muß. Ob Rafael Reißer, Walter Hoffmann, Andreas Storm oder Brigitte Zypries diese acht Wochen durchhalten würden? Kaum anzunehmen. [2]

Fragen wir in diesem Zusammenhang besser nicht, wieviel Geld diese rückenschädigende Aktion die Krankenkassen anschließend kosten wird. So etwas nennt man dann Quersubventionierung notleidender Bauern – und das ist eigentlich etwas, was im Neoliberalismus strengstens verboten ist.

Ob die Arbeitslosen mit dem einen Euro abgespeist werden, der für angeblich gemeinnützige Zusatzarbeit ausgezahlt wird? Nun, es gibt ja noch mehr zu vermelden. Da gibt es zum Beispiel sanitäre Einrichtungen, die aus einem Donnerbalken in einer Holzkabine auf schlammigem Ackerboden bestehen. Da gibt es Bauern, die freimütig von den Beschäftigten fordern, das geltende Arbeitsrecht zu brechen und flexibel Mehrarbeit zu leisten (ohne Pause natürlich), und wenn schon mit Pause, dann – bitte sehr – nur dann, wenn es den Bauern paßt. Ein Arbeitsloser, der sich weigert, in seiner Mittagspause am Spargelstand einen Kunden zu bedienen – das ist die Horrorvision jedes anständigen deutschen Bauern. [3]

Vor einigen Jahren verdonnerte mich das Arbeitsamt Darmstadt dazu, einem Spargelbauern in Griesheim meine Arbeitskraft anzudienen. Als ich auf das geltende Recht hinwies und somit kundtat, daß ich meine Rechte sehr genau kannte, wollte mich der Bauer dann lieber doch nicht einstellen. Und dann klagt diese Spezies über deutsche Beschäftigte, die ihnen davonlaufen. Mein Rat ist einfach: wenn ihr Bauern nicht in der Lage seid, eure Ernte unter Einhaltung geltender Regeln und Gesetze einzufahren, dann schließt eure Bude, anstatt die Arbeitskraft von Arbeitslosen oder MigrantInnen hemmungslos auszupressen. Aber seit wann gibt es im Kapitalismus eine Moral des Profits? Das wäre ja auch wirklich zuviel verlangt. [4]

Daß die Arbeitsagentur Darmstadt dieses miese Spiel mitspielt, gehört zum Geschäft des Förderns und Forderns. Man fördert die Bauern, indem man von den Beschäftigten Unzumutbares fordert. Aber das paßt ja ohnehin ins Bild der gegenwärtigen deutschen Arbeitsmarkt– und Sozialpolitik. Dagegen hilft, wie so oft, nur der gelbe Schein, ausgestellt von der Ärztin oder dem Arzt eures Vertrauens.

Um Gesundheit geht es auch in meinem nächsten Beitrag. Die Versorgung mit sinnvollen Arzneimitteln ist schon in den Metropolen des Weltmarktes eine problematische Angelegenheit, doch für den größten Teil der Menschheit sind derartige – zum Teil überlebensnotwendigen – Medikamente schlicht unbezahlbar. Der Entwicklungssoziologe und Gesundheitswissenschaftler Jörg Schaaber hat am Beispiel der Krankheit AIDS die Hindernisse für eine gerechte Arzneimittelversorgung aufgezeigt. Sein Buch Keine Medikamente für die Armen? ist letzten Herbst im Mabuse Verlag erschienen und für diejenigen, welche sich mit den sozialen Folgen der Globalisierung beschäftigen, eine spannende Lektüre.

In der zweiten Hälfte dieser Sendung werde ich in einem weiteren Beitrag auf die problematischen Aussagen der Evolutionsbiologie zu sprechen kommen. Der Titel des dabei besprochenen Buchs Seitensprünge der Evolution klingt pfiffig, aber sein Inhalt ist es leider nicht. Vielmehr werden die soziobiologischen Standards darüber, warum Männer und Frauen sich verhalten, wie sie sich verhalten, ein weiteres Mal breit getreten, ohne daß die Aussagen dadurch wahrer werden würden. Warum ich dennoch darüber rede? Ich bin einfach immer wieder erstaunt, ja erschrocken darüber, wie vernünftige Menschen aus meiner Umgebung auf so einen Bockmist abfahren können.

 

Genozidale Pharmazie

Besprechung von : Jörg Schaaber – Keine Medikamente für die Armen?, Mabuse Verlag 2005, 288 Seiten, € 22,90

Gesundheit ist ein teures Gut. Die seit einigen Jahren nicht nur in Deutschland zu beobachtende Debatte über die Kosten des Gesundheitswesens führt uns zielstrebig zu der Erkenntnis, daß im Kapitalismus nicht das Wohlbefinden der Menschen im Vordergrund steht, sondern die Frage, wer für die damit verbundenen Kosten aufkommen soll. Angesichts einer in allen Industrieländern vorzufindenden Massenarbeitslosigkeit bedarf es jedoch keiner grundlegenden für alle zugänglichen Gesundheitsversorgung mehr.

Wer krank wird oder aus welchen gesundheitlichen Gründen auch immer nicht mehr arbeitsfähig, wird nicht mehr repariert, sondern weggeworfen. Wo mehr Arbeitsfähige als Arbeitsplätze existieren, ist für ausreichend Nachschub gesorgt. Das Humankapital muß halt selbst sehen, wie es sich möglichst effektiv seiner Verwertung zuführt. Für die Eingeweihten unter euch erinnere ich an das Rindvieh im Restaurant am Ende des Universums[5]

Dieser blanke Zynismus der herrschenden Klasse und ihrer Regierungs- und Medienlakaien wird nur noch übertroffen durch die Perfidie eines geschäftsmäßig organisierten Zweiges der Gesundheitsversorgung, nämlich der Pharmaindustrie. Die großen Pharmakonzerne forschen, entwickeln und vermarkten ihre Medikamente ja nicht, um die drängenden Probleme dieser Welt anzugehen. Nein – es ist sogar so, daß sie selbst gesundheitsschädliche Stoffe und Arzneimittel unter die Menschen bringen. Auch hier, wo wir doch eigentlich ein höherer Ethos erwarten würden, zeigt es sich, daß es nur einen Gott gibt – und das Geld ist sein Prophet. [6]

So hat die BUKO Pharmakampagne Ende 2004 in einer exzellenten Darstellung aufgezeigt, wie irrational der Markt um Gesundheit und Medizin organisiert ist und daß etwa zwei Fünftel aller in Deutschland produzierten Arzneimittel unsinnig, überflüssig oder gar schädlich sind. Deutsche Wertarbeit, die sich offensichtlich eines hohen Ansehens erfreut, denn deutsche Pharmaunternehmen sind auch hier Exportweltmeister. [7]

Das lukrative Geschäft mit der Gesundheit hat jedoch auch systembedingt eingebaute Schattenseiten. Wer hat, dem wird gegeben. Der globale Arzneimittelmarkt hat ein Volumen von etwa 400 Milliarden US–Dollar. Während in Afrika ein Zehntel der Weltbevölkerung lebt, werden dort gerade einmal etwas mehr als 1% aller Medikamente abgesetzt. Zum Vergleich: allein in Japan werden neunmal mehr Arzneimittel verkauft als auf dem gesamten afrikanischen Kontinent.

Hierbei ist noch gar nicht benannt, ob es sich um sinnvolle oder irrationale Medikation handelt. Es zeigt sich, daß in den Metropolen des Weltmarktes mehr Geld für Forschung und Vermarktung der Produkte ausgegeben wird, weil hier ein ausreichend kaufkräftiger Markt zur Verfügung steht. Während es in der Dritten Welt an Forschung und Medikamenten für dort gehäuft auftretende Tropenerkrankungen fehlt, sind in den kapitalistischen Metropolen vor allem Lifestyle–Medikationen der Renner. Ob sie gesund sind, spielt keine Rolle, Hauptsache, sie verkaufen sich.

Jörg Schaaber, aktiv in der BUKO Pharmakampagne wie auch im Rahmen der internationalen Gesundheitsversorgung, hat im letzten Jahr ein grundlegendes Buch über die Hindernisse auf dem Weg zu einer gerechten Arzneimittelversorgung geschrieben. Es heißt Keine Medikamente für die Armen? und ist im Frankfurter Mabuse Verlag herausgekommen. Am Beispiel der Versorgung AIDS–Erkrankter mit lebensnotwendigen Medikamenten legt er den tödlichen Zynismus von Pharmafirmen, Regierungen und Lobbyisten bloß.

Nun sind das im Grunde genommen keine neuen Erkenntnisse, weil wir schon immer wußten, daß profitable Geschäfte über Leichen gehen. Und dennoch ist ein solches Buch wichtig, um uns bewußt zu machen, welche Mechanismen vorherrschen, wessen Interessen vertreten werden und wie organisierter Widerstand hier gegen möglich ist. Jörg Schaaber zeigt zudem am Beispiel Brasiliens und Südafrikas, wie zwei sehr unterschiedliche Länder mit verschiedenen Programmen tatsächlich etwas für die Gesundheit der in diesen Ländern lebenden Menschen tun können, auch wenn man und frau ihnen dabei immer wieder auf die Sprünge helfen muß. Der Staat ist nun einmal in jedem Land der geschäftsführende Ausschuß der Bourgeoisie und kein Wohlfahrtsunternehmen. [8]

 

No profit – no research

Wenn wir über die Gesundheitsversorgung in der Dritten Welt sprechen, dann tritt uns hier kein monolithischer Block entgegen. Es gibt auch hier reiche und arme Länder, und innerhalb dieser Länder krasse Einkommensunterschiede. Während etwa einhundert Millionen Inderinnen und Inder ein in etwa europäisches Lebensniveau vorfinden, haben mehrere andere hundert Millionen nicht einmal Zugang zu den einfachsten Basisressourcen; und in anderen Ländern sieht das nicht unbedingt besser aus. Und in jedem dieser Länder sorgt sich natürlich die jeweilige Regierung um ihre eigenen Privilegien und natürlich erst recht um die Geschäfte der lokalen Bourgeoisie und der euphemistisch Investoren genannten multinationalen Plünderkolonnen.

Buchcover Schaaber MedikamenteGesundheitliche Prävention könnte hier also eine ganze Menge zur besseren Gesundheitsversorgung beitragen. Armut, fehlender Zugang zu sauberem Wasser, eine fehlende Kanalisation und Müllbeseitigung sind unzweifelhaft heutzutage Risikofaktoren genannte soziale Umweltbedingungen, geradezu typisch für eine globale kapitalistische Welt. Und es ist nicht abzusehen, daß sich hier etwas zum Positiven verändern würde. Weite Teile Afrikas sind von der weltweiten wirtschaftlichen Entwicklung in den 90er Jahren abgekoppelt worden und die dort lebenden Menschen können nun sehen, wie sie ihr Leben fristen. Und so besorgt AIDS die Ernte dieser tödlichen Logik.

Doch Prävention ist nicht alles. Sicherlich kann so mancher Erkrankung gezielt vorgebeugt werden, doch verhessen wir nicht, daß auch in Westeuropa wurden gewisse hygienische Standards erst Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt worden sind. Neben der Prävention ist die medizinische Behandlung trotz aller Hemmnisse sogar dann erforderlich, wenn die sozialen Grundbedingungen nicht erfüllt sind, die eine kontinuierliche Gesundheitsversorgung gewährleisten. Oftmals fehlt es an der notwendigen Infrastruktur, an ausgebildetem Personal und an einer zuverlässigen Arzneimittelversorgung. In Ländern, die zwar ihre Schulden bezahlen müssen, hingegen ihre Sozialleistungen auf ein Minimum zurückschrauben müssen, wird der eine oder andere Dollar dann eben nicht zum Einkauf von dringend benötigten Medikamenten verwendet, sondern zur Schuldentilgung oder zum Waffenkauf. Auch hier ist Deutschland Exportweltmeister.

Hierüber wachen IWF und Weltbank, und damit stellt sich die Frage nach der Verantwortung des Bundespräsidenten Horst Köhler, der in seinem vorherigen Leben ja der geschäftsführende Direktor der Plünderungsagentur IWF gewesen ist.

Diese Medikamente sind teuer, manche unbezahlbar. Der Pharmamarkt gehört zu den exklusiven Nischen des Weltmarktes, wo wenig Transparenz vorherrscht und wenige Monopolisten eine preissenkende Konkurrenz verhindern. Dasselbe Medikament kann in verschiedenen Ländern ungeahnte Preisdifferenzen aufweisen, so kostet beispielweise ein Medikament in Kenia etwas das 50fache dessen, was für dasselbe Medikament in Sri Lanka bezahlt werden muß. Hinzu kommt ein enormer Kaufkraftunterschied, so daß die Bezahlung einer Medikation gegen Tuberkulose in Tansania 500 Arbeitsstunden erfordert, in der Schweiz hingegen 84 Minuten.

Wer verdient daran? Eigentlich eine dumme Frage. Die Pharmaindustrie nutzt die Situation gnadenlos aus und sorgt zudem dafür, daß Konkurrenten möglichst vom Markt ausgeschlossen werden. Mit dem internationalen Patentschutzabkommen TRIPS haben sich gerade die Konzerne der reichen Industrieländer Ende der 90er Jahre eine Möglichkeit geschaffen, in Drittweltländern eine unangefochten marktbeherrschende Stellung einzunehmen. Anstatt für einen wenig lukrativen Massenmarkt zu produzieren, wird eher auf eine kleine, aber kaufkräftige Kundschaft gesetzt, die sich im Zweifelsfall auch unsinnige Medikationen aufschwätzen läßt.

Dabei wird der Tod bewußt in Kauf genommen. In Südafrika wurde 1997 ein Gesetz verabschiedet, daß es ermöglicht hätte, über sogenannte Zwangslizenzen einigermaßen erschwingliche Preise für dringend benötigte Arzneimittel durchzusetzen. Dagegen klagten 41 Pharmafirmen unter Berufung auf die Verletzung des TRIPSAbkommens und verzögerten so die Umsetzung dieses Gesetzes um drei Jahre. Inzwischen war der öffentliche Druck gegen dieses Vorgehen dermaßen groß geworden, daß dieselben Pharmaunternehmen nunmehr ihre Klage bedingungslos zurückzogen. In diesen drei Jahren starben 400.000 Menschen in Südafrika an AIDS. Ich bin geneigt, unter Berufung auf die Genozid–Konvention von 1948 von Völkermord zu sprechen. [9]

Wie weit der Zynismus der herrschenden Politik geht, mag folgendes Beispiel verdeutlichen. In der Frage der von Südafrika erwogenen Zwangslizenzen setzte die Clinton–Administration auf massiven Druck zugunsten der US–Pharmaunternehmen. Hierbei wurde ernsthaft ein Handelsboykott gegen Südafrika erwogen. Dabei sind derartige Zwangslizenzen in den USA durchaus üblich. Aber die Wirtschaftsinteressen der USA haben natürlich eine ganz andere Wertigkeit als ein paar Hunderttausend tote Schwarzafrikanerinnen. Der Vertreter der US-Regierung kannte daher nur abstrakte Handelsrechte und ihm war es dabei völlig egal, ob es um Barbie–Puppen, Tennisschläger oder um AIDS–Medikamente ging. Allerdings handelt es sich hierbei um ein typisches Phänomen autistischer Machtapparate, die nur noch die Sache kennen und für die rational handelnde Menschen schlicht Handelshemmnisse darstellen, die abgebaut werden müssen.

Irrational hingegen ist ein Markt, der auf Markt, Patente und Preismonopole setzt. Einen anderen Markt jedoch gibt es nicht.

Jörg Schaaber untersucht in seinem Buch Keine Medikamente für die Armen? die Struktur von Gesundheit und Arzneimitteln in der Dritten Welt. Hierbei geht er auf den begrenzten Zugang zu Medikamenten ein und auch auf die durchaus hilfreiche Liste der Weltgesundheitsorganisation WHO, in der unentbehrliche Arzneimittel festgehalten werden. Diese Liste allein legt schon den Schluß nahe, daß es eine ganze Menge Medikamente geben muß, die weder notwendig noch sinnvoll sind. Der Autor ergänzt seine Ausführungen durch den Hinweis, daß die Krankheiten nicht kaufkräftiger Menschen erst gar nicht erforscht werden. Warum sollte die Pharmaindustrie hieran auch ein Interesse haben? No profit – no research.

Bei den hohen Arzneimittelpreisen wird von Seiten der Pharmaindustrie oft auf die hohen Forschungskosten verwiesen, welche die Entwicklung neuer Medikamente verschlingen. Hierbei werden Phantasiezahlen von bis zu 800 Millionen Euro pro neuem Produkt genannt. Jörg Schaaber kennt die zugrunde liegende Untersuchung und die damit verbundenenen durch nichts belegten Annahmen und kann daher diesen hochgerechneten Aufwand in das Reich der Märchen verweisen. Abgesehen davon wird bei der Berechnung der hohen Konzernkosten unterschlagen, wie hoch der Anteil staatlicher Forschungsförderung ist. Der Staat fördert (zu einem nicht geringen Teil über Universitäten und Forschungseinrichtungen) mit unseren Steuergeldern die Aneignung privaten Profits. Auch eine Form von Quersubventionierung.

Schließlich zeigt der Autor am Beispiel AIDS, wie Pharmakonzerne absahnen und wie einzelne Regierungen es verstanden haben gegenzusteuern. Dennoch sind es keine Beispiele, die versprechen, Schule zu machen. Brasilien konnte eine eigene Produktion von AIDS-Medikamenten starten, weil das Land sich nicht durch die USA und die Pharmalobby unter Druck setzen ließ – und weil ein Massenmarkt vorhanden war. In Südafrika mußte die Regierung zudem durch lokale Nichtregierungsorganisationen dazu gedrängt werden, mit einer Basisversorgung Ernst zu machen. Andere Länder haben weder den für eine eigene Produktion notwendigen Massenmarkt, noch die dazu notwendigen finanziellen Ressourcen.

Ob Brasilien und Südafrika auch in Zukunft eine eigene, gegen die Interessen der Pharmaindustrie orientierte Gesundheitspolitik fortsetzen können, hängt von Faktoren ab, die nur begrenzt zu beeinflussen sind. Und damit sind wir wieder bei TRIPS. Gerade Brasilien ist zur Herstellung eigener Medikamente auf die Lieferung der Wirkstoffe aus Indien und China angewiesen. Beide Länder sind jedoch durch das TRIPS-Abkommen dazu verpflichtet, auch für diese Wirkstoffe Patente anzuerkennen, die in den reichen Metropolenländern lagern. In einer Tabelle zu Lizenzgebühren auf dem Weltmarkt zeigt sich, daß beispielsweise die Konzerne der USA 19 Milliarden Dollar pro Jahr netto daran verdienen, während die südkoreanische Wirtschaft 15 Milliarden Dollar abführen muß. [10] Patente und Lizenzen sind virtuelle Eigentumstitel, und lukrativ.

Und damit komme ich zu meiner, wenn auch verhaltenen, Kritik des Buches. Jörg Schaaber argumentiert meist auf der Grundlage vorhandener finanzieller Ressourcen. Natürlich ist es richtig, daß die Pharmakonzerne absahnen und eine vernünftige Gesundheitsversorgung für alle Menschen erschwinglich sein sollte. Aber letztlich ist das Beharren auf dem effektiven Einsatz monetärer Einheiten ein Zugeständnis an die Logik des Marktes. Ein Markt, der selbstverständlich nicht nur durch Monopolkonzerne, sondern auch durch Konsumentinnen und Konsumenten beeinflußt werden kann, wenn auch nur ganz ganz marginal durch Letztere.

Dennoch sollten wir uns vielleicht angewöhnen, die grundsätzliche Logik von Geld, Preis und Profit und die damit verbundenen Ausbeutungs- und Lebensbedingungen in Frage zu stellen. Gesundheit ist kein Wirtschaftsgut, sondern sollte – wie ein gutes selbstbestimmtes Leben – eine Selbstverständlichkeit sein.

Weiterhin habe ich ein Problem mit der doch etwas unkritischen Beschreibung der Rolle der Weltgesundheitsorganisation WHO und der bekanntermaßen nicht immer positiv zu bewertenden Nichtregierungsorganisationen. Längst haben die internationalen Konzerne und ihre Regierungen begriffen, wie sie NGOs für ihre Zwecke benutzen können. Ich vermute einmal, daß Jörg Schaaber das gar nicht so sehr anders sehen würde.

Doch wenn wir diese meine kritischen Anmerkungen im Hinterkopf behalten, ist es ein wichtiges Buch für eine gesellschaftliche Debatte über eine vernünftige Gesundheitspolitik in der Dritten Welt – wie auch in den Metropolen. Das Buch Keine Medikamente für die Armen? von Jörg Schaaber ist uneingeschränkt all denjenigen zur Lektüre empfohlen, welche die Irrationalität der weltweiten Gesundheitspolitik genauer kennenlernen wollen. Der 288 Seiten dicke Band ist im Mabuse Verlag zum Preis von 22 Euro 90 erhältlich.

 

Die evolutionäre Konsequenz der Aminosäure

Besprechung von : Matthias Glaubrecht – Seitensprünge der Evolution, Hirzel Verlag 2005, 196 Seiten, € 19,80

Die Geschichte der Menschheit ist nur ein kleiner Ausschnitt der gesamten Erdgeschichte. Was einmal als Aminosäurensequenz begann, schickt sich heute an, der biologischen Vielfalt auf der Erde ein rasches Ende zu bereiten. Der Menschen dünkt sich als Herr (oder Frau) der Schöpfung und bastelt sich eine Geschichte zusammen, bei der logischerweise herauskommen muß, daß das Menschsein sozusagen in der Aminosäuresequenz vorherbestimmt war.

Die alte Streitfrage, was denn die Evolution bestimme, die Natur oder die Umwelt, wird von jeder Generation immer wieder neu aufgewärmt. Die Gene seien es, die unser Verhalten steuern, meinen die einen. Dem entgegnen die anderen, daß es die sozialen Bedingungen sind, die aus dem Menschen machen, was er (oder sie) ist. Es ist letztlich auch eine Frage, ob menschliches Verhalten zwangsläufig ist oder frei wählbar. Wobei die Freiheit dann immer eine ist, die entweder durch die Natur, die Gene oder die soziale Umwelt eingeschränkt wird.

Jede Epoche bastelt sich jedoch auch Theorien nach ihrer sozialen Ausrichtung. Die 60er und 70er Jahre waren bestimmt von Fortschrittsglauben und Aufbegehren gegen verkrustete Strukturen. Eine gesellschaftliche Strömung, welche auf Freiheit und Emanzipation setzt, entwickelt dementsprechend eine andere Selbstwahrnehmung und Theoriebildung als eine Gesellschaft, in der politische und wirtschaftliche Notwendigkeiten als natürlich hingestellt werden. Der Sozialdarwinismus ist die Theorie für gesellschaftliche Verhältnisse, bei denen wir die Sachzwänge von Leistung, Standort und betriebswirtschaftlicher Rechnung als naturgegeben zu akzeptieren haben.

So entstand mit dem Siegeszug des Neoliberalismus auch in den Natur– und Gesellschaftswissenschaften ein neuer Trend, der heute zum Mainstream gehört. Der Mensch wird neu vermessen und humankapitalistisch verwertet. Die Hirnforschung ist eine der Instrumentarien, mit denen menschliches Verhalten rational und rationell erklärt werden soll. Nicht wir bestimmen unser Schicksal selbst, sondern unser Schicksal ist gleichsam in unseren Neuronen und Synapsen festgeschrieben. Und als selbstverständlich wird vorausgesetzt, daß jede Hirnzuckung dem Prinzip von Angebot und Nachfrage auf der Grundlage einer marktförmig organisierten betriebswirtschaftlichen Kalkulation erfolgt. Der Mensch ist der Markt und verwirklicht sich in ihm. [11]

Das ist natürlich ausgemachter Blödsinn, doch dieser Blödsinn gehört längst zum Lehrstoff nicht nur deutscher Universitäten. Jeder Gedanke an ein Leben außerhalb der betriebswirtschaftlichen Logik wird als Abweichung, als kriminell, ja als krankhaft definiert. Die zeitgenössische Sozialwissenschaft geht davon aus, daß Menschen sich durchgängig zweckrational verhalten; und wo sie das nicht tun, soll ihnen hierzu verholfen werden. Die entsprechenden Leitbilder gibt es in Fernsehen und Kino, und die Wissenschaftsserien in Zeitschriften oder Magazinen liefern den angeblich seriösen wissenschaftlichen Hintergrund.

Buchcover Glaubrecht EvolutionAuf dieser Grundlage muß auch das letztes Jahr im Hirzel Verlag erschienene Buch des Evolutionsbiologen und Wissenschaftsjournalisten Matthias Glaubrecht verstanden werden. Es handelt von Machos und anderen Mysterien der Biologie und heißt Seitensprünge der Evolution. Und mit dem Titel des Buches bin ich auch mitten im Thema, denn es ist kein Zufall, daß sich Sozio– und Evolutionsbiologen an der Frage vergreifen, wie denn Männer und Frauen zusammen kommen und was sie dazu motiviert. Hierbei werden erstaunliche Thesen präsentiert, die sich jedoch der wissenschaftlichen Fundierung entziehen.

Matthias Glaubrecht begibt sich in 37 durchaus kurzweiligen Geschichten auf die Spuren der Evolution und erzählt uns interessante, ja spannende Dinge über Käfer und Schnecken, die unvermeidlichen Dinosaurier, über neuentdeckte Elefantenarten oder eine Begründung dafür, warum Kängurus hüpfen, wie sie hüpfen.

Haarig werden seine Geschichten dann, wenn er versucht, den neoliberalen Mainstream der Gesellschaft in evolutionsbiologische Betrachtungen zu gießen. Hierbei ist es durchaus angebracht, darauf hinzuweisen, daß die individuelle Fortpflanzung sich eben nicht der bewußten Entscheidung von Männchen und Weibchen verdankt, wer denn auf welche Weise das eigene Erbgut am besten weitergeben könne. Glaubt denn ein Evolutionsbiologe ernsthaft, daß ein Löwenmännchen über die effektive Weitergabe seiner Gene in Form von Spermien nachdenkt?

Offensichtlich wird den Löwen etwas unterstellt, was nicht einmal beim Menschen als gegeben vorausgesetzt werden kann. Wenn wir in diesem Kontext die durchaus problematischen Begriffe von Macht und Herrschaft verwenden, so liegt hierin ein weitaus sinnvollerer Erklärungsansatz als in dem, wovon die Löwenmänner doch gar keine Ahnung haben. Ihnen kann es doch schnuppe sein, ob ihr Nachwuchs sich evolutionär durchsetzt oder nicht. Nicht egal hingegen kann es ihnen sein, ob das Löwenbaby des Weibchens, das er erobert hat, noch lebt oder nicht. Denn hier könnte ein Konkurrent aufwachsen, der sich verwandtschaftlichen Beziehungen entzieht und sich gegen ihn wenden könnte. Also tötet er es. So einfach ist das.

Zu welch kuriosen Gedankengängen der Autor jedoch abhebt, mag folgender Ausschnitt aus seinem Buch Seitensprünge der Evolution zeigen:

Bereits in der Anfangszeit einer soziobiologischen Betrachtung, also seit den 1970er–Jahren, spielten die Zwänge rund um das Fortpflanzungsverhalten von Löwen eine wichtige Rolle. Bis dahin hatten Biologen meist noch angenommen, das Verhalten von Tieren diene dem Erhalt der jeweiligen Art. Das erwies sich aber als Irrtum, je mehr man Männchen und Weibchen auch ein und derselben Tierart und bei allem bei der Fortpflanzung als Partner mit durchaus widerstreitenden Interessen ansah. Von Löwen hatten Feldforscher bereits lange zuvor immer wieder berichtet, dass die Männchen gelegentlich den Nachwuchs der Löwinnen töteten. Da das einsichtigerweise kaum der Arterhaltung dient, erklärten selbst renommierte Fachleute wie der Verhaltensforscher Konrad Lorenz die Kindestötung im Tierreich als krankhaftes und fehlgesteuertes Verhalten – gleichsam zum Unfall der Natur. Doch wie häufig in der Biologie erwies sich das scheinbar Unnormale als der Regelfall, sobald man es aus anderer Perspektive betrachtete. Die Soziobiologie beschäftigt sich mit den evolutionären Ursachen und Regeln des Zusammenlebens bei Tieren. Wie bei einer Kaufmanns–Rechnung fragt sie dabei nach dem jeweiligen Kosten–Nutzen–Verhältnis, und zwar getrennt für Männchen und Weibchen, wobei sich der Erfolg für beide über die jeweilige Fortpflanzung feststellen läßt. Damit wird der Nachwuchs zur Währung, die Zahl der Jungen zur Zahlungseinheit. [12]

Da frage ich mich doch wirklich, ob der neoliberale Unsinn marktwirtschaftlicher Prozesse, die nicht einmal in einer menschlichen Gesellschaft zu rationalem Verhalten, sondern zu grenzenloser Irrationalität führen, dem Autor das Gehirn vernebelt hat. Löwen und Löwinnen, die weder Dollar noch Euro kennen, sollen sich nach denselben Regeln paaren und verhalten wie das Humankapital. Das neoliberale Denken und Handeln fußt auf den verinnerlichten Sachzwängen einer geldförmig organisierten Warenwirtschaft, in der alles, selbst die innersten Gedanken, zu Geld gemacht werden.

Aber weshalb soll ein derart verdinglichtes Denken die Instinkte einer Löwenpopulation beherrschen, die weder Waren noch Geld, weder Gene noch das Geheimnis des evolutionären Vorteils bewußt kennen? Die ganze Sozio– und Evolutionsbiologie basiert auf reiner Spekulation über tierisches Verhalten, gebildet nach den Maßstäben verdinglichten menschlichen Handelns. Mehr ist da nicht dran. Allerdings ist das eine nützliche Wissenschaft – für das Kapital, das ja gläubige Menschen für die Marktreligion benötigt.

Doch kommen wir zurück zu unserer Nachwuchswährung und zu dem, was uns Matthias Glaubrecht hierüber zu spekulieren weiß:

Im Falle der Löwen zeigt sich, dass die Männchen unter einem enormen evolutiven Erfolgsdruck stehen.

Von dem sie gar nichts wissen, denn sie haben das Buch Seitensprünge der Evolution nicht gelesen.

Denn nur wenn sie einen Harem für sich erobern können, kommen sie überhaupt zur Paarung.

Das mag stimmen, hat aber mit Evolution nichts zu tun, sondern allenfalls etwas mit der Besitzergreifung eines Löwenweibchen.

Meist gelingt ihnen dies nur, wenn sie einem älteren und schwächeren Männchen dessen Harem abjagen. Oft arbeiten dabei zwei jüngere Männchen, etwa gemeinsam umherstreifende Brüder, zusammen. Gegen sie hat selbst ein an sich stärkeres Männchen über längere Zeit keine Chance. Die neuen Haremsherrscher haben dann ihrerseits nur wenige Jahre Zeit zur Fortpflanzung, bis sie dasselbe Schicksal ereilt und sie von einem oder mehreren stärkeren Rivalen beerbt werden. [13]

Hier ist der Trick dieser Spekulation. Es wird ganz einfach behauptet, daß es den neuen Löwenherrschern um Fortpflanzung geht. Dabei spricht nichts dagegen anzunehmen, daß der Besitz mehrerer Weibchen schlicht und ergreifend eine Ressource darstellt, um möglichst viel Jagdbeute abzubekommen. Der Kopulationsakt drückt das Besitzverhältnis aus – und dabei kommen eben Junge zur Welt. Aber es wird nicht kopuliert, um die eigenen Gene fortzupflanzen. Das ist einfach außerhalb der wie auch immer gearteten Gedankenwelt eines Löwenmannes. Doch es geht weiter in diesem Text, der beispielhaft aufzeigt, wie mit reiner Spekulation große Theorien verkündet werden:

Und eben weil ihre Zeit derart knapp ist,

time ist eben money

müssen sich die neuen Haremsbesitzer bei den gerade eroberten Weibchen beeilen. Ihr erster Akt erscheint uns dabei brutal. Tatsächlich kommt es zur Kindestötung im Löwenrudel immer dann, wenn ein Männchen den Harem neu übernommen hat. Dies dient zwar in der Tat keineswegs dem Erhalt der Art, doch es kommt dem neuen Herrscher gewissermaßen bei der eigenen Gewinnmaximierung im Gen-Wettlauf zugute. Wo es um die Weitergabe der eigenen Gene an die nächste Generation geht, stören die Jungen des Vorgängers. Jeder neue Haremsbesitzer tötet diese scheinbar rücksichtslos, um so seine eigenen Fortpflanzungschancen zu erhöhen, denn nur wenn die Weibchen keine Jungen säugen, werden sie schnell wieder trächtig. Statt also noch länger in den Nachwuchs eines anderen zu investieren, zwingt die Kindestötung des neuen Löwenmännchens die Weibchen dazu, nun rasch dessen Nachwuchs aufzuziehen. [14]

Anders ausgedrückt: die getöteten Jungen sind Investitionshemmnisse. Da spricht ja wohl eher die Befürchtung des patriarchal sozialisierten Menschenmannes, seine Lebensgefährtin könne ihm das Kind eines anderen unterjubeln, was nach betriebswirtschaftlicher Logik einen Betrug darstellt und geahndet werden muß. Der Löwenmann ahndet den Betrug, der schon begangen wurde, ehe er den Harem übernahm, durch die Todesstrafe. Hier ist doch wohl eher zu vermuten, daß der Löwe aus eigener Erfahrung weiß, daß die Junglöwen ihm einmal den Harem abspenstig machen könnten.

Das ganze Geheimnis der Sozio– oder Evolutionsbiologie besteht also darin, uns angeblich menschliche Verhaltensmuster als tierisches rationales Evolutionsverhalten zu verkaufen, um dann mit einer eleganten Schleife hieraus uns wieder unser evolutionsgeschichtliches Schicksal darzulegen.

 

Vom Voyeurismus der Forscher

Sex sells – und das mag nicht nur für Werbung und Marketing gelten, sondern durchaus auch für diese doch ziemlich haltlose, aber hartnäckig vertretene Theorie. Um Sex geht es bei Matthias Glaubrecht auch in einem weiteren Aufsatz zu den direkten Verwandten der Schimpansen, der Bonobos, die derart sexuell aktiv sind, daß die – meist männlichen – Wissenschaftler ihre lüsternen Blicke nicht abwenden konnten. Natürlich bastelten sie sich daraus gleich eine Theorie, in den Worten des Autors des Buches Seitensprünge der Evolution:

Einige Anthropologen sehen im ständigen Sex eine Strategie des schwächeren Geschlechts. Auch bei Schimpansen bekommen paarungsbereite Weibchen von den Männchen eher begehrte Futterbrocken. Zusammen mit den jüngsten Studien an Bonobos schließen viele Forscher, dass sich auch beim Menschen die ständige Sexualbereitschaft der Frauen entwickelt haben könnte, weil auch bei unseren Ahnen Sex als Mittel zum Zweck diente und Menschenfrauen sexuell attraktiv wurden, um sich häufigen Zugang zur Jagdbeute der Männer zu verschaffen. [15]

Ohne daß wir es merken, werden uns hier gleich einige haltlose Behauptungen untergejubelt. Die Feldstudien an Schimpansen und Bonobos (wie übrigens auch beliebig viele andere an anderen Affenpopulationen) haben einen gravierenden Nachteil. Sie untersuchen immer eine kleine Einheit. Statistisch relevante Untersuchungen stehen aus. [16] Zudem kommt der eindeutig fixierte männliche Blick der wissenschaftlichen Vorgehensweise ins Gehege. Es zeigt sich nämlich, daß Wissenschaftlerinnen (wenn sie sich von der männlichen Denklogik frei machen) ganz andere Dinge und Verhaltensweisen wahrnehmen, die bei Männern einfach fehlen – vielleicht, weil sie nicht marktkonform sind. Zum Beispiel ist die Alphamännchen–Theorie eine männliche Kopfgeburt, vielleicht so, wie sie sich selbst gerne sehen würden, aber nicht sind. [17]

Die nächste haltlose Behauptung betrifft die Bereitschaft von Frauen, sich mit Sex Nahrung und Treue zu erkaufen. Das mag ein patriarchal geprägtes Wunschbild der Jahrtausendwende sein, entzieht sich jedoch jeder archäologischen und ethnologischen Evidenz. Menschliches Verhalten wird sich im Verlauf der letzten hunderttausend Jahre zweimal fundamental geändert haben. Die Neolithische Revolution vor etwa 10.000 Jahren schuf die Basis für Besitz und Reichtum, und daran anschließend Herrschaft, Sklaverei und Krieg. Das gab es davor nicht. Der Siegeszug des Kapitalismus seit etwa 500 Jahren macht aus allen menschlichen Beziehungen in der Tendenz Warenbeziehungen mit einem dazu gehörigen Warendenken. Aber es spricht nichts dafür, daß die Menschen vor 10.000 Jahren ebenso gedacht und gehandelt haben.

Einmal abgesehen davon ist es ein längst widerlegter männlicher Mythos, daß die frühen Gesellschaften vom Jagdglück des Mannes abhängig waren. Es war ja wohl umgekehrt: die Frauen sammelten und pflanzten und schufen so die Basis einer gesicherten Versorgung, auf deren Grundlage die Männer dann zur Jagd gehen konnten, um das Nahrungsangebot zu ergänzen. Und hieran sehen wir, daß die Annahmen der Sozio– oder Evolutionsbiologie schlicht die veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse im Verlauf von Hunderten oder auch Hunderttausenden von Jahren ignorieren. Der Mann schafft sich eben eine Welt nach seinem eigenen Bild von sich selbst. Das läßt tief blicken.

Und all dies macht das Buch von Matthias Glaubrecht zum Ärgernis. Es mag sich gut verkaufen. Das ist das Schicksal jeder marktkonformen Mainstream–Ideologie. Nur – wahrer wird der evolutionsbiologische Unsinn deshalb nicht. Natürlich fehlt in dem Buch auch die berühmte Studie von David Buss nicht, die immer noch in den Redaktionsstuben und Universitätsvorlesungen herumgeistert, obwohl ihr jede wissenschaftliche Fundierung fehlt. David Buss erklärt uns darin das Verhalten von Männern und Frauen quer durch alle menschlichen Kulturen der Jetztzeit. [19]

Ihre jeweiligen Vorlieben dürften Mann und Frau im Verlauf der Evolution an jede kommende Generation weitergereicht haben. Individuen, die mit solchen bevorzugten Eigenschaften – sei es nun Schönheit, Macht oder die Fähigkeit, wertvolle Ressourcen anzuhäufen – nicht in hervorstechender Weise aufwarten konnten, liefen immer Gefahr, im Lebensspiel den Kürzeren zu ziehen und sich mit weniger zu bescheiden.

Das von David Buss aufgedeckte multikulturelle Muster sowie die von Karl Grammer beschriebenen Vorgänge bei der Partnerwahl spiegeln eine genetische Programmierung wider. Frauen versuchen seit Urzeiten vor allem bei knappen wirtschaftlichen Ressourcen ihrem Nachwuchs und auch sich selbst die bestmöglichen Überlebenschancen zu sichern. Daher bewerten sie noch heute den Verdienst höherrangig als andere Eigenschaften. Sie zwingen ihren potenziellen Partner damit zur Selbstdarstellung eben dieses Potenzials. Und dieses Potenzial heißt beim heutigen Menschen – mag uns dies auch nicht gefallen – Portemonnaie und Porsche, neuestes Handy und schickes Haus. [20]

So trist mögen ja Männer denken, aber Frauen? Da hätte ich an den Evolutionsbiologen Matthias Glaubrecht doch eine Frage zu stellen: Womit haben denn die Männer der Altsteinzeit ihre Frauen beeindruckt und bezahlt? Mit den archäologisch nicht nachgewiesenen Glasperlen? Oder waren gar die Faustkeile die Währung der damaligen Zeit? Das würde ja ein völlig neues Schlaglicht auf die Archäologie der Steinzeit werfen! So bleibt uns nur festzuhalten, daß dieses angebliche frauliche Verhalten seit Urzeiten einfach ein unbewiesenes Hirngespinst ist. Bemerkenswert ist auch, wie der Autor es schafft – wenn wir nicht genau mitlesen oder mithören –, vom sozial von Generation an Generation weiter gegebenem Verhalten auf einmal bei den Genen zu landen. Dieses Gen möchte ich doch zu gerne einmal zu sehen bekommen!

Und so weiß ich jetzt, warum die Kängurus hüpfen und warum ich den weiteren Ausführungen dieses Autors mit einer gehörigen Portion Skepsis begegnen muß. Das Buch Seitensprünge der Evolution von Matthias Glaubrecht ist letztes Jahr im Hirzel Verlag erschienen, es hat 197 Seiten und kostet 19 Euro 80. Schade um den Wald, der hierfür büßen mußte.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

Dies war eine Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt. Falls wir jetzt Montagnachmittag kurz vor 18.00 Uhr haben, dann hört ihr die Sendung im Original, wenn nicht, dann hört ihr die Wiederholung unseres Programms. Diese Sendung selbst wird wiederholt in der Nacht von Montag auf Dienstag um 23.00 Uhr, am Dienstagmorgen direkt nach dem Radiowecker um 8.00 Uhr und noch einmal am Dienstagnachmittag um 14.00 Uhr. Das Manuskript dieser Sendung werde ich im Verlauf dieser Woche auf meiner Homepage veröffentlichen: www.waltpolitik.de.

Ich sprach heute über die Gesundheitsversorgung in der Dritten Welt und habe hierbei das Buch Keine Medikamente für die Armen? von Jörg Schaaber vorgestellt. Dieses wirklich lesenswerte Buch ist im Mabuse Verlag zum Preis von 22 Euro 90 erschienen.

Dann sprach ich über die haltlosen Voraussetzungen der Sozio– bzw. Evolutionsbiologie, die als heutiger wissenschaftlicher Mainstream anzusehen ist. Dies zeigt uns, welche Gedankenarmut mit ungeheuer viel publizistischer Propaganda an deutschen Universitäten gelehrt wird. Ich habe mich hierzu heute auf das im Hirzel Verlag herausgekommene Buch von Matthias Glaubrecht bezogen. Es heißt Seitensprünge der Evolution und kostet 19 Euro 80.

Im Anschluß hört ihr eine Sendung der Kulturredaktion, und zwar nickelodeon mit Gerhard Schönberger. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

WEITERFÜHRENDE LINKS

 

Die BUKO Pharmakampagne mit Sitz in Bielefeld wendet sich seit 1981 gegen unlautere und unethische Absatzpraktiken der deutschen Pharmaindustrie in der Dritten Welt.
www.bukopharma.de

Health Action International mit Sitz in Amsterdam ist ein weltweites Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen, die sich mit Gesundheit und vernünftigem wie bezahlbarem Medikamenteneinsatz befassen.
www.haiweb.org

Petra Kringhove schrieb zum 12. Mai 2001 für die Badische Zeitung den Artikel "Pillen für die Dritte Welt" zur Kritik an der Pharmaindustrie.
Pillen für die Dritte Welt

Matthias Glaubrecht arbeitet am Museum für Naturkunde Berlin mit dem Forschungsschwerpunkt Mollusken.
Dr. Matthias Glaubrecht

Johannes Kaiser besprach am 2. Februar 2006 im Deutschlandradio das Buch von Matthias Glaubrecht wesentlich wohlwollender als ich, spart allerdings auch nicht mit Kritik.
Kuriositäten der Entwicklungsgeschichte

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Darmstädter Echo, 11. Februar 2006, Seite 9. Am 15. Februar fragt Petra Neumann–Prystaj in derselben Zeitung: "Melden sich deutsche Spargelstecher?" Sinn der Stellenbörse ist demnach offensichtlich zu demonstrieren, daß sich nicht genügend deutsche Arbeitslose für diesen Knochenjob einfinden werden, um dadurch ein größeres Kontingent ausbeutungswilliger PolInnen herauszuschlagen.
[2]   Rafael Reißer ist hessischer CDU–Landtagsabgeordneter, Walter Hoffmann war treuer Weggefährte des ehemaligen Wirtschaftsministers Wolfgang Clement und hat rechtzeitig den Absprung vom SPD–Hinterbänkler zum Oberbürgermeister von Darmstadt geschafft. Auch Andreas Storm ist die Karriereleiter heraufgefallen. Er hat zwar den Darmstädter Wahlkreis mit Pauken und Trompeten an die Bundesjustizministerin Brigitte Zypries verloren, ist dafür jedoch zum Staatssekretär befördert worden. Ihnen allen ist gemeinsam, die neoliberale Peitsche gegen die Arbeitslosen zu schwingen.
[3]   Einige O–Töne zu den konkreten Ausbeutungsbedingungen in Darmstadts Umgebung hatte ich für meine Sendung Erntehilfe vom 22. April 1998 gesammelt.
[4]   Eine Bäuerin aus Darmstadt–Arheilgen rief direkt nach der Wiederholung der Sendung am Dienstagmorgen empört im Sender an, um sich zu beschweren. Einer Redaktionskollegin, die ihren Anruf entgegen nahm, mußte sie jedoch beipflichten, daß es eine Menge schwarzer Schafe in ihrer Branche gebe. Bleibt nur zu fragen, wie groß die Minderheit der weißen Schafe ist?
[5]   Douglas Adams : Das Restaurant am Ende des Universums [1982], Seite 105–107
[6]   Dieser an metallische und papiernere monetäre Einheiten gebundene Aberglauben ist sogar noch tödlicher als die Weltgeschichte des religiösen Aberglaubens jedweder monotheistischer Schattierung.
[7]   Sprudelnde Geschäfte. Deutsche Medikamente in der 3. Welt. Ich habe die Broschüre am 19. Dezember 2004 im Radiowecker von Radio Darmstadt besprochen.
[8]   "Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuß, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet." – Karl Marx und Friedrich Engels  Manifest der Kommunistischen Partei, in: Marx Engels Werke, Band 4, Seite 464
[9]   Siehe hierzu das Manuskript zu meiner Sendung Völkermord vom 15. März 2004 mit der Besprechung des monumentalen und ungemein informativen Bandes Genozid im Völkerrecht von William A. Schabas.
[10]  Jörg Schaaber : Keine Medikamente für die Armen?, Tabelle 20 auf Seite 184
[11]  Siehe hierzu meine Seite zu Manfred Spitzers Buch "Selbstbestimmen".
[12]  Matthias Glaubrecht : Seitensprünge der Evolution, Seite 181
[13]  Glaubrecht Seite 182–182
[14]  Glaubrecht Seite 182
[15]  Glaubrecht Seite 81
[16]  Bei Andreas Paul [Von Affen und Menschen. Verhaltensbiologie der Primaten, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1998] findet sich auf Seite 152–154 eine Tabelle zu "Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Dominanz und Reproduktionserfolg männlicher nichtmenschlicher Primaten". Hier werden die Ergebnisse verschiedenster Affenarten im Freiland und im Gehege wild durcheinander gemischt, so daß es nicht verwundert, wenn der Autor feststellt: "Auch hier zeigt bereits ein flüchtiger Blick auf die Ergebnisse, daß der Zusammenhang alles andere als eindeutig ist."

[17]  Elke Ostbomk–Fischer schrieb zu den imaginierten Alphamännchen schon vor zehn Jahren:

Welchem Zweck dient solche Forschung? […]
Voyeuristisch in der Szenenwahl und sensationslüstern in der Sprache greif(t) sie aus dem vielschichtigen Sozialverhalten der Primaten gerade nur die Sequenzen heraus, welche die Aggressivität und Dominanz des Affenmännchens illustrieren. Wie gebannt starren die männlichen Forscher auf den Affenmann, und sie projizieren auf ihn ihre mann–menschlichen Wünsche vom Haremshalter. Anderslautende Forschungsergebnisse werden ignoriert. […] Weniger aggressive Tierpopulationen werden nicht untersucht. […] Ist schon die Auswahl der Forschungsinhalte auffällig einseitig, so ist es erst recht die bedenkenlose Übertragung von tierischen Verhaltensweisen auf den Menschen. Vergleiche avancieren zur Gleichheit. Jahrzehntelange sozialwissenschaftliche Forschung über den Erwerb von weiblichen und männlichen Rollenstereotypen verleugnen die Forscher […].

[Frauenverachtung als zentraler Bestandteil allgemeiner Bildung – Psychobiologie und Soziobiologie in der Bildung und Fortbildung am Beispiel Funkkolleg, in: beiträge zur feministischen theorie und praxis, Heft 43/44 (1996), Seite 177–183, Zitat auf Seite 181.]

[18]  [Anmerkung ist offen gelassen]
[19]  Zu David Buss siehe die Zusammenfassung bei Andreas Paul [siehe Anm. 16] auf den Seiten 127–130. Meine Kritik hieran findet sich im Manuskript zur Sendung Menschenbilder vom 14. September 1998.
[20]  Glaubrecht Seite 122

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 1. März 2006 aktualisiert.
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