Kapital – Verbrechen

Grenzen

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Grenzen
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 24. Mai 2004, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 24. Mai 2004, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 25. Mai 2004, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 25. Mai 2004, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Alain Gresh : Israel – Palästina, Rotpunktverlag
  • Amira Hass : Bericht aus Ramallah, Diederichs Verlag
  • Felicia Langer : Brandherd Nahost, Lamuv Verlag
  • Michael Warschawski : An der Grenze, Edition Nautilus
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_grenz.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Felicia Langer – Brandherd Nahost
Kapitel 3 : Alain Gresh – Hintergründe eines unendlichen Konflikts
Kapitel 4 : Amira Hass – Bericht aus Ramallah
Kapitel 5 : Michael Warschawski – An der Grenze
Kapitel 6 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Als die israelische Armee am vergangenen Montag in Rafah einrückte, um mit der systematischen Zerstörung ganzer Häuserzeilen zu beginnen, begann das übliche Prozedere. Die Weltöffentlichkeit zeigte sich empört, die Palästinenserinnen und Palästinenser warfen Steine und demonstrierten und die israelische Armee tötete gezielt und wahllos zugleich. So wie immer.

Zur gleichen Zeit richtete die US–amerikanische Besatzungsarmee im Irak ein weiteres Blutbad an – es wird nicht das letzte gewesen sein. Töten gehört halt zum Geschäft; hier geht es um Öl als kapitalistisches Menschenrecht.

Wenn es nicht so tragisch wäre, dann müßte man über Zeitungsmeldungen wie diese herzhaft lachen:

Trotz massiver internationaler Kritik hat die israelische Armee die Zerstörung hunderter Häuser im südlichen Gazastreifen fortgesetzt.

Kritik ist wohlfeil, aber nicht dramatisch.

US–Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice zeigte sich in Berlin "besorgt" über das israelische Vorgehen.

Besorgt vielleicht, aber letztlich einvernehmlich.

Die EU–Außenminister forderten Israel auf, die "unverhältnismäßigen" Zerstörungen im Gazastreifen sofort zu beenden.

Und was wäre verhältnismäßig? Wieviel Gewalt und Tote erlauben denn die europäischen Gutmenschen ihren israelischen Partnern?

Rice erinnerte Israel [...] daran, dass es Seite an Seite mit den Palästinensern leben müsse.

Nun ja, freundliche Erinnerungen haben in diesem Fall ja wohl eher den Charakter eines freundschaftlichen Klapses.

Die Zerstörung von Häusern sei nicht "förderlich" für einen friedlichen Palästinenserstaat.

Und wenn dieser Palästinenserstaat gar nicht gewollt wird?

In ihrem Bericht zur weltweiten Lage der Menschenrechte warfen die USA

ausgerechnet die USA!

Israel schwere Menschenrechtsverletzungen in den Palästinensergebieten vor.

Die es ohne Zweifel dort gibt. Und wer liefert Israel die Waffen für diese Menschenrechtsverletzungen? Doch nicht etwa gar ... dieselben USA?

UNO–Generalsekretär Kofi Annan sagte, er sei "erschüttert darüber, dass die Zerstörung von Wohnhäusern weiter anhält". Er habe die israelische Regierung mehrmals ermahnt, sich bei der Verteidigung ihrer Sicherheit

Wessen Sicherheit? Die der Regierung oder die Israels? – Also nochmal: Kofi Annan

habe die israelische Regierung mehrmals ermahnt, sich bei der Verteidigung ihrer Sicherheit "innerhalb der Grenzen des Völkerrechts zu bewegen".

Das mit dem Völkerrecht ist eine ziemlich vertrackte Sache. Wer klagt an, wer schiedsrichtert und wer verfolgt hierbei ganz eigene Interessen? Und wieso ist Kofi Annan, der durch sein Nichtstun den ruandischen Genozid von 1994 mit ermöglicht hat, eigentlich immer noch im Amt und gibt anderen gute Ratschläge? Allerdings – wo er Recht hat, hat er Recht:

Die Maßnahmen im Gazastreifen kämen einer kollektiven Bestrafung gleich und seien ein klarer Verstoß gegen internationales Recht. [1]

Nur – wer wird schon so kleinlich sein, das bißchen Rechtsverletzung zu ahnden? Gibt es überhaupt einen Schurken auf der internationalen Bühne, der genügend guten Leumund besitzt, um sich als Richter aufspielen zu können? Zweifel sind mehr als erlaubt.

Felicia Langer, ehemalige Rechtsanwältin aus Israel, die heute in Tübingen lebt, könnte eine ganze Menge zu dieser Kollektivbestrafung sagen und vor allem dazu, warum das israelische Vorgehen in Rafah zum normalen palästinensischen Alltag gehört. Die israelische Journalistin Amira Hass würde eine Reportage aus Rafah beisteuern, die belegt, daß das brutale israelische Vorgehen Methode hat. Der jüdisch–israelische Trotzkist Michael Warschawski würde eine Analyse aus dem Innern der israelischen Gesellschaft beisteuern, die uns erklärt, warum die israelische Regierung das Häuserzerstören geradezu liebt. Und Alain Gresh, Chefredakteur von Le Monde diplomatique könnte die Hintergründe dieses schier unendlichen Konfliktes beisteuern.

Wie praktisch, daß von allen vieren – Felicia Langer, Amira Hass, Michael Warschawski und Alain Gresh – vor kurzem diesbezügliche Bücher erschienen sind. Diese Bücher sagen uns mehr als eine alberne Meldung der Nachrichtenagenturen afp und dpa, welche vom Darmstädter Echo auf seiner Titelseite bedenken– und gedankenlos abgedruckt werden. Daher will ich sie in meiner heutigen Sendung vorstellen und, so hoffe ich, zu einem bißchen mehr Klarheit und Genauigkeit beitragen.

Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl; und das Sendemanuskript zu dieser Sendung wird in den nächsten Tagen auf meiner Homepage verfügbar sein: www.waltpolitik.de.

 

Felicia Langer – Brandherd Nahost

Besprechung von : Felicia Langer – Brandherd Nahost, Lamuv Verlag 2004, € 9,90.

Ich habe Felicia Langer das erste Mal im November 1985 in Tübingen auf einer Veranstaltung gesehen und gehört. Ihr damaliges Thema war dasselbe wie heute: »Menschenrechtsverletzungen Israels in den besetzten Gebieten« [2]. Als Rechtsanwältin hatte sie sich Ende der 60er Jahre auf die Verteidigung palästinensischer Männer und Frauen spezialisiert und damit eine Grenze überschritten.

Sie wurde von ihren Nachbarinnen und Nachbarn geschnitten, bespuckt, verhöhnt, von Taxifahrern stehen gelassen, oder von Richtern bedroht, nur weil sie es gewagt hatte, am israelischen Konsens zu rütteln, nach dem Israel das Recht hatte, sich Land zu nehmen und die darauf lebenden Menschen zu vertreiben. Felicia Langer hat Israel 1990 verlassen, weil sie es als sinnlos betrachten mußte, mit juristischen Mitteln Recht einzuklagen und zu erhalten. In ihrem neuen, im Lamuv Verlag erschienenen Buch Brandherd Nahost macht sie die geduldete Heuchelei zu ihrem Thema.

Vor fast zwanzig Jahren erlebte ich eine engagierte Frau, die sehr klar und eindringlich von der Notwendigkeit sprach, daß sich die israelische Armee aus den besetzten Gebieten zurückzieht, weil es andernfalls keinen Frieden geben könne. Jedes Wort davon ist wahr geblieben und dennoch hat sich viel verändert. Die Repression ist brutaler geworden, aber auch der Widerstand ist ungebrochen, wenn auch zielloser als damals. Mit Selbstmordattentaten kann man kein hochgerüstetes Land in die Knie zwingen.

Schon damals waren Felicia Langers Auftritte nicht nur in Deutschland Gegenstand heftigster Kritik. Gezielt wurden (und sie werden es bis heute) ihre Vorträge gestört, um die Diskussion zu verwirren, wenn man und frau sie schon nicht verhindern kann. Felicia Langer beschreibt diesen Versuch der Meinungsunterdrückung als Methode:

Immer waren es Gruppen des jüdischen Establishments, die die Stimme des anderen Israel zum Verstummen bringen wollten. Morddrohungen waren an der Tagesordnung, und obwohl ich sie nie allzu ernst genommen habe, erschreckte mich immer der Hass, der dahinter steckte. [3]

Felicia Langer kritisiert die israelische Politik hart und kompromißlos. Sie befürchtet, daß eine Fortsetzung der brutalen Besatzungspolitik sich gegen die Israelis (also die jüdischen Israelis) selbst wenden könnte. Ihr Engagement für die palästinensische Seite und ihre Solidarität mit den von Israels Politik Verfolgten hat also durchaus ein gewisses Eigeninteresse, nämlich eines, was sehr sympathisch und notwendig ist: zu verhindern, daß noch einmal Jüdinnen und Juden vertrieben oder ermordet werden. Und sie schreibt über richtige und falsche Freundinnen und Freunde Israels:

Jamal Karsli sprach über die Existenz der jüdisch–zionistischen Lobby. Sein und Jürgen Möllemanns Schicksal sind der beste Beweis nicht nur für die Existenz der Lobby, sondern auch für deren Einfluss und Wirksamkeit. [4]

Sie darf das so sagen. Ich nicht. Und ich will hier auch gar nicht falsch verstanden werden. Ich verstecke mich nicht mit meinen Argumenten hinter dem Namen Felicia Langers. Ich halte ihre Position für fragwürdig, wenn nicht gar für falsch. Sie mag einem Jürgen Möllemann Recht geben, wenn er Hinrichtungen verdächtiger Israelis als Staatsterror bezeichnet [5]. Sie mag es auch Jamal Karsli nachsehen, wenn er von israelischen Nazi–Methoden sprach, zumal dieser Vergleich in Israel selbst gezogen worden ist [6].

Doch es macht einen Unterschied, wer etwas sagt und wo er oder sie derartiges sagt. Dies ist etwas, was Felicia Langer grundsätzlich anders sieht als ich. Ich glaube nicht, daß ich sie vom Gegenteil überzeugen kann; aber ich denke, das ist auch nicht nötig. Denn ihre Stimme ist auch ohne diese Differenz überzeugend genug.

Wir leben nun einmal im Land der Täter. Natürlich ist es so, daß Schuld weder vererbt noch weitergegeben wird. Das ist keine Gnade einer späten Geburt, sondern der Lauf der Dinge. Andererseits gibt es so etwas wie eine antisemitische Struktur, die in ihrer modernen Ausprägung bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Der Nationalsozialismus war kein Betriebsunfall der Geschichte, sondern fand in Deutschland statt, weil es in Deutschland den passenden Bodensatz dafür gab [7]. Dieser Bodensatz ist nicht verschwunden. Das scheinbar antikapitalistische Ressentiment findet sich in seinem antisemitischen Zwilling nur allzuschnell wieder. Wenn dieses Ressentiment auf aussterbende alte Nazis oder deutschtümelnde Eliten beschränkt wäre, könnten wir vielleicht anders darüber reden. Leider ist dieses Ressentiment weit verbreitet, und auch linke Positionen sind nicht frei davon. Damit will ich nicht sagen, daß die Linke besonders anfällig hierfür wäre. Anfällig ist vor allem eine Linke mit einem verkürzten Kapitalismusbegriff, welcher der Zirkulationssphäre des vagabundierenden Spekulationsgewinns verhaftet ist. So etwas findet sich gerne bei attac, in anarchistischen Kreisen oder bei den Sympathisantinnen und Gefolgsleuten unserer Menschenrechtsregierung.

Wenn israelische Juden von Nazimethoden oder Staatsterrorismus sprechen, dann haben sie wenigstens das moralische Recht der Empörung auf ihrer Seite. Doch was trieb einen Jürgen Möllemann? Möllemanns Interesse an der arabischen Welt war ganz banal geschäftsmäßig motiviert – und das heißt, für seine guten Geschäftsbeziehungen ließ er auch einmal einen passenden Spruch gegen Israel ab. Und das ist in der Tat verwerflich. Gerade Menschen mit deutschem Paß und einer deutschen Geschichte im Gepäck müssen wissen, daß Antisemitismus und Judenfeindlichkeit hierzulande immer noch auf fruchtbaren Boden fallen. Und damit verbietet sich so manches Argument, das anderen Menschen in anderen Ländern mit anderer Geschichte und anderem Resonanzboden womöglich gestattet ist. Ich halte das Naziargument allerdings auch sachlich für falsch. Wenn israelische Soldaten ihre palästinensischen Gefangenen mit Nummern versehen, so verallgemeinern sie eine barbarische entwürdigende Methode, welche auch die Nazis benutzt haben, um ihren Vernichtungswahn umzusetzen. Es kommt also immer darauf an, wer mit welcher Motivation und mit welchem Verantwortungsbewußtsein argumentiert und handelt.

Wenn Felicia Langer als Schirmfrau eines Aufrufs aus Tübingen es unterstützt, keine Waren aus den besetzten israelischen Gebieten zu importieren, dann ist das folgerichtig und aus ihrer Sicht heraus auch sinnvoll, nämlich Druck auf den Kriegsverbrecher Scharon und seine Regierung auszuüben. Aber mit welcher Motivation fordern wir dies? Haben wir uns selbst darüber genügend Gedanken gemacht? Wenn ich manche Texte lese oder Argumente höre, wo dann doch die Juden zum Vorschein kommen, dann habe ich meine Zweifel. [8]

Sie fordert uns auf, nicht in die Antisemitismusfalle zu tappen, und meint all die Vorwürfe, die erhoben werden, wenn in Deutschland die israelische Besatzungspolitik kritisiert wird. Ich denke, diese Aufforderung muß erweitert werden. Wir sollten auch nicht in die Antisemitismus–Falle tappen, die darin besteht, unbearbeitete Ressentiments und verkürzte Analysen zum Leitfaden unseres Handelns zu machen. Genaue Informationen sind genauso notwendig wie ein illusionsloses Weltbild. Und doch hat Felicia Langer uneingeschränkt Recht, wenn sie ihr Buch mit den Worten enden läßt:

Der ewige Brandherd Nahost könnte zu einem Flächenbrand werden. Er stellt eine nicht zu unterschätzende Gefahr für den Weltfrieden dar. [...] Wir alle tragen dafür die Verantwortung – wenn wir nicht laut genug unsere Stimme erheben. [9]

Nur – wer soll unsere Stimme erhören? Joschka Fischer, der 1999 schon einmal Bomben regnen ließ?

Felicia Langer schreibt in ihrem Buch Brandherd Nahost also hauptsächlich von der – wie sie es nennt – geduldeten Heuchelei. Und sie schreibt davon, was in Palästina geschieht, während wir hier mehr oder weniger sinnvolle Antisemitismusdebatten führen, die jedoch kaum zu emanzipatorischer Orientierung beitragen. Ich kann mich durchaus mit dem Standpunkt anfreunden, der besagt, daß wer zu Deutschland schweigt, am besten auch zu Israel und Palästina schweigen sollte. Aber mein Standpunkt hierzu ist wahrscheinlich nicht der ihre. Doch ihre Argumente und persönlichen Einsichten lassen sich am besten in dem kleinen Büchlein Brandherd Nahost aus dem Lamuv Verlag nachlesen. Es hat 170 Seiten und kostet 9 Euro 90.

 

Alain Gresh – Hintergründe eines unendlichen Konflikts

Besprechung von : Alain Gresh – Israel–Palästina, Rotpunktverlag 2003, € 19,80.

Informationen zur Geschichte Israels, zur Besiedlung Palästinas und zu den Ursprüngen des schier unendlichen Konfliktes zwischen Israel und Palästina lassen sich nicht schwer finden. Im Zeitalter des Internets sind die passenden Texte nicht rar; und mit den Sendemanuskripten auf meiner Homepage trage ich ja auch meinen Teil zur allgemeinen Reizüberflutung bei. Insofern ist es sinnvoll, eine Art Reiseführer durch Gegenwart und Vergangenheit in die Hand zu bekommen, zumal im Internet auch ziemlich viel Unsinn steht. Alain Gresh, Chefredakteur der Monatszeitung Le Monde diplomatique hat im Herbst vergangenen Jahres im schweizer Rotpunktverlag sein Buch hierzu herausgebracht.

Er geht das Thema auf mehreren miteinander verwobenenen Ebenen an, schon allein deshalb, um einem eindimensionalen Blickwinkel zu entgehen.

Für mich

so schreibt er

gibt es in Palästina kein »natürliches« oder »religiöses« Recht. Tausend oder dreitausend Jahre zurückzugehen, um zu bestimmen, wem welches Fleckchen Erde gehört, ist eine absurde, illegitime Übung mit blutigen Konsequenzen. [10]
Wie soll man sich also orientieren, wenn gegensätzliche Gebietsansprüche aufeinander prallen? Am internationalen Recht. Was sagen die UN–Resolutionen im Wesentlichen zu Palästina und Israel? Sie erkennen an, dass im historischen Palästina fortan zwei Völker leben, das jüdische israelische Volk und das palästinensische Volk, und dass jedes dieser Völker Anspruch auf einen unabhängigen Staat hat. [11]

Und damit handeln wir uns mehr Probleme ein, als uns lieb sein kann. Den erstens: was macht ein Volk aus, und zweitens: wer ist das handelnde Subjekt des internationalen Rechts und verfolgt damit welche Interessen? Diese zweite Frage behandelt Alain Gresh überhaupt nicht, weshalb er UNO und die europäische Politik mit stillschweigendem Wohlwollen übergeht. Die andere Frage berührt die Frage, wer Jude ist und womit sich der laizistisch–zionistische israelische Staat eigentlich begründet hat. Und diese Frage beantwortet sich ganz paradox, wenn überhaupt, religiös.

Denn was ist schon ein Volk? Wieviel Eigen- und Fremddefinition gehört dazu? Von Palästinensern als Volk zu reden, macht dann schon fast noch weniger Sinn, es sei denn wir meinen damit eine nationale Eigendefinition als Konsequenz der Staatsgründung Israels und der nachfolgenden Vertreibung und/oder Besatzung. Vorher sprach man und frau von denselben Menschen (bzw. ja wohl eher: ihren Vorfahren) als Araberinnen und Araber.

Alain Gresh, Sohn einer russischen Jüdin und eines ägyptischen Kopten, bemüht sich, den Knoten der Verwirrung möglichst zu lösen, ohne neue Verwirrung zu schaffen. Im allgemeinen gelingt ihm das auch ganz gut, allerdings manchmal auf Kosten der historischen Genauigkeit bzw. einer differenzierteren Sichtweise. Doch er liefert einen Leitfaden, dem man und frau sich anvertrauen kann. Dazu trägt auch eine, wenn auch eher randständige, Anmerkung zu den seltsamen Verquickungen der Palästinafreunde und Holocaust–Leugner bei. Wie auch immer – er beschreibt die Situation und Lebensumstände der europäischen Jüdinnen und Juden im 19. und 20. Jahrhundert und die daraus erwachsende Konsequenz einer zionistischen Siedlungspolitik. Er benennt diese Siedlungspolitik als kolonialistisch und eurozentristisch. Er behandelt den Mythos vom menschenleeren Palästina und beschreibt, daß der als Argument so gerne verwendete friedliche Landkauf fast immer die Vertreibung der dort lebenden Tagelöhner und Pächter von ihrem Land bedeutete. Dabei kommt auch die wohlwollende britische Kolonialpolitik nicht zu kurz. Alain Gresh übernimmt die politisch–historische Sichtweise der neuen israelischen Historiker, was die Unabhängigkeit und die damit verbundene bewußte Vertreibung der arabischen Bevölkerung bedeutete. Diese Sichtweise führt jedoch auch dazu, begreifen zu müssen, daß eine konkrete israelische Politik nicht etwa eine Verkettung unglücklicher Zufälle oder ein Versehen ist, sondern – wie an anderen Orten der Erde auch – auf rationaler Planung und menschenverachtendem Kalkül beruht.

So ist der Schritt nicht weit, in den Schikanen der heutigen Zeit keine falsche Politik zu sehen, sondern wohlbedachte Schritte hin zu voneinander isolierten Bantustans. Ariel Scharon ist dann so gesehen das ausführende Organ eines in sich stimmigen Planes. Aber wie das mit den Plänen in einer chaotischen Marktwirtschaft nun einmal ist – hier sträuben sich die Betroffenen mit passenden und unpassenden Mitteln, sich in ihr vorbestimmtes Schicksal zu ergeben.

Dieser Konflikt könnte eigentlich als ganz normaler Kolonialkonflikt behandelt werden – und Alain Gresh zieht hierzu auch immer wieder den algerischen Kolonialkrieg und den Befreiungskrieg der algerischen FLN heran –, wenn nicht, ja wenn nicht, zwei wesentliche Faktoren hinzukommen würden: erstens ist Israel das einzige Kolonialgebiet, in dem ein eigener Kolonialstaat ohne vorherige Bindung zu einem Mutterland errichtet worden ist; und zweitens ist Israel, wie ideologisch das seither auch immer ausgeschlachtet worden sein mag, das Land, welches den Überlebenden des Holocaust und den davor Geflüchteten Zuflucht geben konnte. Israel ist also kein normaler Staat – in vielerlei Hinsicht. Der Autor beendet sein Buch mit einer wenig verheißungsvollen Vision. Solange es keine Änderung der israelischen Politik gibt, ist es nicht auszuschließen, wie er schreibt, daß als Alternative

nur ein Albtraum [bliebe], die Apokalypse, die in diesem dreifach heiligen Land schon so oft angekündigt wurde, eine Apokalypse, die unterschiedslos die einen wie die anderen träfe, die Sieger wie die Besiegten. [12]

Alain Greshs Buch Israel – Palästina behandelt Die Hintergründe eines unendlichen Konflikts. Das Buch ist im Rotpunktverlag erschienen, hat 192 Seiten und kostet 19 Euro 80.

 

Amira Hass – Bericht aus Ramallah

Besprechung von : Amira Hass – Bericht aus Ramallah, Diederichs Verlag 2004, € 19,95.

Den Alltag in den von Israel besetzten Palästinensergebieten dokumentiert seit Jahren die israelische Journalistin Amira Hass für die Tageszeitung Ha'aretz. Von ihr ist vor wenigen Wochen eine Sammlung ihrer Berichte und Reportagen auf Deutsch im Diederichs Verlag erschienen. Das Buch heißt schlicht Bericht aus Ramallah und fast genauso schlicht ist das, was die Autorin uns zu erzählen hat. Die nackte Wahrheit ist brutal und wenig schön. Amira Hass nimmt kein Blatt vor den Mund.

Sie denunziert das brutale israelische Okkupationsregime als das, was es ist, und ist in ihrer Kritik gleichermaßen unerbittlich gegenüber Arafats Palästinensischer Autonomiebehörde und deren Repression gegen ihre Kritikerinnen und Kritiker. Amira Hass ist auf ihre Weise uneingeschränkt solidarisch mit denen, welche von Gewalt und Verfolgung, Zerstörung und Haß betroffen sind.

Entlarvend ihr Interview mit einem israelischen Soldaten, der bereitwillig ausplaudert, daß von Scharfschützen gezielt auf unbewaffnete Kinder geschossen wird. Da gibt es kein Versehen. Schneidend ihre hinter Zahlen versteckte Anklage, wenn sie vorrechnet, welchen Verlust an Land, Bäumen und blühenden Landschaften jede neuerbaute Siedlung bedeutet. Und immer wieder ihre Auseinandersetzung mit der antiarabischen Propaganda:

Die Palästinenser sind blutrünstig und rachsüchtig. Das zeigen Demonstrationen und Meinungsumfragen, aus denen hervorgeht, dass die Palästinenser die Selbstmordattentate billigen. Die Israelis, die laut Meinungsumfragen den Anschlag auf Saleh Shehadeh befürworteten – obwohl dabei auch vierzehn Zivilisten ums Leben kamen – sind weder blutrünstig noch rachsüchtig.
Der Palästinenser stört die öffentliche Ordnung, wenn er gegen eine von den Kämpfern in ihren Panzern und gepanzerten Jeeps verhängte Ausgangssperre verstößt. Ein solcher Palästinenser ist zu bestrafen: im besten Fall mit Tränengas, im schlimmsten mit Schüssen. Die israelischen Kämpfer und die Armee halten die öffentliche Ordnung und Sicherheit aufrecht, wenn sie viele hunderttausend Kinder davon abhalten, zur Schule zu gehen, Lehrer davon abhalten, zur Arbeit zu gehen, Patienten davon abhalten, ins Krankenhaus zu gelangen, Landwirte davon abhalten, auf ihre Felder zu fahren, und Großmütter daran hindern, ihre Enkel zu sehen. [13]

Amira Hass nutzt jede ihrer Reportagen dazu, denjenigen, die sie lesen sollen, also Israelis, klarzumachen, wie dumm es ist, die palästinensische Realität zu verleugnen. Gewalt, meint sie, fällt ja nicht vom Himmel. Selbstmordattentate haben Ursachen; und dies gilt erst recht für die breite Zustimmung hierzu.

Das politische Bewusstsein Israels weigerte und weigert sich zu sehen, welches Gesamtbild sich aus den Details und Charakteristika, dem Handeln und den Konsequenzen der andauernden israelischen Herrschaft über ein anderes Volk ergibt. [14]

Wenn wir heute Bilder aus Rafah sehen, dann können wir genauer verstehen, worüber die Autorin schreibt, wenn sie am 20. August 2001 notiert, wie mit den Menschen aus dieser Großstadt umgesprungen wird. Bewohnte Häuser wurden schon damals einfach zerstört. Zuvor wurden sie gezielt beschossen, natürlich nur, weil aus ihnen geschossen worden sein soll. Und obwohl – oder vielleicht weil – Kinder im Haus waren, wurde geschossen. Wer taub ist und nicht hört, wenn geschossen wird, hat halt Pech gehabt.

Rafah hat einen besonders hohen Anteil von Gehörlosen: Die Mitglieder der alteingesessenen Familien heiraten gern untereinander, damit das Land in der Familie bleibt. Aus diesen Ehen gehen oft Kinder mit Hörbehinderungen hervor. Vor zehn Jahren beschloss die Gemeinde Rafah, eine eigene Schule für sie zu bauen. Niemand hätte gedacht, dass sie einmal eine Sonderausbildung benötigen würden, um zu lernen, was zu tun ist, wenn eine Zivilbevölkerung unter ständigem Beschuss lebt. [15]

Amira Hass' Bericht aus Ramallah ist subjektiv gefärbte Reportage und objektiv soziologische Studie in einem. (Sie würde sagen, ich bin nicht objektiv, sondern fair.) Als Einwohnerin von Ramallah beobachtet sie die Besatzung nicht nur, sie lebt mit ihr. Ein israelischer Minister soll einmal geäußert haben, zu seiner großen Verärgerung natürlich, daß sich die von Amira Hass in Ha'aretz veröffentlichten Informationen als zuverlässiger herausgestellt hätten als das, was er von der israelischen Armee erfahren habe. Das Buch ist im Diederichs Verlag erschienen, hat 231 Seiten und kostet 19 Euro 95.

 

Michael Warschawski – An der Grenze

Besprechung von : Michael Warschawski – An der Grenze, Edition Nautilus 2004, € 19,90.

Ein ganz eigenes Buch hat der jüdisch–israelische Trotzkist Michael Warschawski mit seiner Autobiographie An der Grenze geschrieben. Geboren als Sohn eines Großrabbiners in Straßburg, ging Michael Warschawski 1965 nach Jerusalem und wurde dort in den Sechs–Tage–Krieg im Juni 1967 verwickelt. Seine hiermit verbundene Politisierung führt ihn zu einer linken Splittergruppe, die wiederum durch ihre konsequente (zumindest verbale) Gegnerschaft zur Besatzung nach 1967 Aufsehen erregte.

Warschawski sieht sich als Grenzgänger, vielleicht genauer: als Grenzbewohner. Als jemand, der an der Grenze lebt und deshalb auch offen ist, aber auch als jemand, der Grenzen respektiert.

Die Grenze beschreibt ein Jenseits, das zugleich erschreckt und fasziniert. Sie ist zunächst ein Ort der Trennung zwischen Staaten und Gemeinschaften, Demarkationslinie zwischen uns und ihnen, und von daher ist sie ein [grundlegender] Bestandteil von Identitäten und Gruppen. [...]. Grenzkonflikte brechen aus, wenn es um die Bewahrung von Identitäten und die Verteidigung des Rechts auf Selbstbestimmung geht. Auf der anderen Seite steht der Wille zur Expansion und die Negation der Selbstbestimmung der Menschen jenseits der Grenze. [...] Der Doppelcharakter der Grenze – als trennende, schützende Mauer und als Aufruf zu neuen Eroberungen – erleben Israel und seine Einwohner seit mehr als einem halben Jahrhundert. [16]

Aber die Grenze kann auch ein Ort des Austauschs und nicht der Trennung sein, so Michael Warschawski. Der Autor verbindet in seinem Buch mehrere Stränge, denn seine eigene politische Geschichte ist eng mit der Entwicklung Israels und seiner Besatzungspolitik verbunden. 1987 wurde er wegen der Unterstützung illegaler palästinensischer Organisationen verhaftet und zwei Jahre später zu 30 Monaten Haft verurteilt; das Urteil wurde später auf acht Monate reduziert. Michael Warschawski erzählt seine politische Geschichte auf eine derart feinsinnige Art, daß die Leserin oder der Leser eine ganze Menge über das Land erfahren kann. Insbesondere die Unterstützung Scharons und seiner Politik wird verständlich. Denn der Autor ist nicht nur genauer Beobachter, sondern auch politisch geschult, er kann also einem diffusen Treiben Sinn abgewinnen. Und damit stößt er immer wieder an das Selbstverständnis des jüdischen Staates Israel selbst – und den Widerspruch zwischen weltlichem Zionismus und religiöser Eigendefinition. Dieser sich daraus ergebende scheinbar religiös–fundamentalistische Graben innerhalb der israelischen Gesellschaft stellt sich für den Autor als Klassenfrage und als Frage der Verfügungsgewalt über politische und wirtschaftliche Ressourcen dar.

Der Zionismus hat sich von Anfang an als radikalen, modernen Kontrapunkt zur Religion verstanden. Sie wurde nicht nur als Anachronismus empfunden, der in der modernen Welt, auf die sich die zionistischen Ideologen und Pioniere beriefen, keinen Platz mehr hatte, sondern auch als Hauptgrund für das moralische und materielle Elend der Juden, ihre zweitausendjährige Unterdrückung betrachtet. [17]
In den Augen der Gründerväter Israels mußten [die] ethnischen oder kulturellen Besonderheiten innerhalb von einer oder zwei Generationen im Schmelztiegel einer aggressiven Sozialisation verschwinden, die die Integration oder eher Assimilation an das westliche und säkulare Modell forcieren sollte. Am Ende dieses Assimilationsprozesses sollten alle ihren Platz im Zentrum der israelischen Gesellschaft finden, auch die Kinder derer, die an den Rand, in die geographische und soziale Peripherie gestoßen worden waren.
Dann ist eine Generation vergangen, aber die Peripherie ist in der Peripherie geblieben. [...] Dennoch allerdings hatten sich die Dinge weiter entwickelt: ist die Peripherie in den fünfziger bis achtziger Jahren vom nationalen Kollektiv ausgeschlossen worden, so hat sie sich seit 1980 [...] selbst ausgeschlossen und den offiziellen Diskurs und die herrschende Kultur bewußt abgelehnt. [18]

Diese politisch–kulturell–sozial–wirtschaftliche Spaltung der Gesellschaft wurde von der politischen Rechten und den religiösen Fundamentalisten genutzt. Doch das damit verbundene Problem von Ausgrenzung und Radikalisierung verweist auf eine grundlegende Frage.

Der Haß auf die Frommen ist nur eine der Formen der Intoleranz und der Abneigung gegen kulturellen Pluralismus, die für die israelische Gesellschaft kennzeichnend sind. Durch den israelischen Pseudo–Säkularismus verweigert man in Wirklichkeit dem anderen die Achtung seiner Besonderheit und bringt zum Ausdruck, daß man den Unterschied nicht will. [19]

Entsprechendes findet Michael Warschawski im Verhältnis Israels zu seinen palästinensischen Nachbarinnen und Nachbarn wieder. Mit der Radikalisierung der israelischen Gesellschaft wird nun die Peripherie zum Zentrum. Der Autor, der Anfang der 70er Jahre in der politischen Wüste lebte, mit dem Libanonkrieg 1982 plötzlich anerkannt wurde, weil auch andere erkannt hatten, daß eine Grenze überschritten worden sei, findet sich plötzlich, nach der Euphorie des Oslo–Prozesses, in einer neuen Wüste wieder. Er weigert sich standhaft, einen nationalen Konsens mitzutragen, von dem er weiß, daß er in eine Katastrophe münden kann.

Und so kritisiert er nicht nur die Besatzung, sondern auch eine Mentalität, welche er in der politischen Linken Israels vorfindet – den Typ des linken Kolonisators, der besser als die Palästinenserinnen und Palästinenser weiß, wie diese ihren Kampf zu führen haben. Ob dies an der privilegierten Existenz als Mitglied der herrschenden Gesellschaft liegt? Michael Warschawski findet dieses Verhalten ziemlich grenzwertig, um nicht zu sagen: übergriffig. Er ist hier eindeutig solidarisch mit den Unterdrückten.

Sein Buch An der Grenze ist in der Edition Nautilus erschienen; es hat 256 Seiten und kostet 19 Euro 90. [20]

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit der Vorstellung von vier Büchern zu Israel und Palästina.

Die (ehemalige) israelische Rechtsanwältin Felicia Langer kennt das israelische Besatzungsregime aus eigener anwaltlicher Erfahrung nur zu genau. Sie fordert uns, gerade auch als Menschen mit deutschem Paß, dazu auf, unsere Stimme zu erheben und nicht das Unrecht nur deshalb zuzulassen, um uns nicht selbst dem Vorwurf des Antisemitismus auszusetzen. Auch wenn ich ihre Argumentation problematisch finde, so ist es richtig, daß Schweigen den bestehenden Zustand legitimiert. Ihr Buch Brandherd Nahost – geduldete Heuchelei ist im Lamuv Verlag erschienen und kostet 9 Euro 90.

Von Alain Gresh, dem Chefredakteur der Monatszeitschrift Le Monde diplomatique stammt das Buch Israel–Palästina über Die Hintergründe eines unendlichen Konflikts. Auch wenn mich sein Buch nicht durchgängig überzeugt hat, so schafft es der Autor zu belegen, daß der Konflikt nicht vom Himmel gefallen ist, sondern materielle Wurzeln in der Art der kolonialistischen Besiedlung Palästinas hat. Das Buch von Alain Gresh ist im schweizer Rotpunktverlag zum Preis von 19 Euro 80 erschienen.

Die israelische Journalistin Amira Hass berichtet seit Jahren für die Tageszeitung Ha'aretz aus den Palästinensergebieten. Ihre parteiische und gleichermaßen objektive Darstellung solidarisiert sich mit den Betroffenen der israelischen Besatzung und der palästinensischen Scheinautonomie. Ihr Buch heißt Bericht aus Ramallah, es ist im Diederichs Verlag zum Preis von 19 Euro 95 erschienen.

An der Grenze – so lautet der Titel des Buchs des jüdisch–israelischen Grenzgängers Michael Warschawski. Seine autobiographische Analyse der israelisch–palästinensischen Wirklichkeit geht auf eine Weise in die Tiefe, wie man und frau sie nur selten lesen kann. Das Buch ist in der Edition Nautilus erschienen und kostet 19 Euro 90. [21]

Hinweisen möchte ich noch auf ein weiteres Buch. Der israelische Historiker Moshe Zuckermann schrieb das Vorwort zum Buch von Michael Warschawski. Von Moshe Zuckermann sind mehrere Bücher auch auf Deutsch erschienen – unter anderem ein Interviewband mit dem Titel Zweierlei Israel? Darin spricht Moshe Zuckermann offenherzig über sein Verhältnis zu Israel und sagt gleichzeitig, daß er mit Deutschen nicht über die Legitimation des Staates Israel diskutiert. Diese Auskünfte eines marxistischen Juden sind letztes Jahr im Konkret Literatur Verlag erschienen; Preis: 12 Euro.

 

Zum Schluß möchte ich noch auf folgende Termine hinweisen:

Am kommenden Mittwoch (26. Mai 2004) zeigt das Kommunale Kino der Stadt Darmstadt den Dokumentarfilm Die Rollbahn von Malte Rauch, Bernhard Türcke und Eva Voosen aus dem Jahr 2003. Es ist die Geschichte von 1700 jüdischen Zwangsarbeiterinnen, die im Sommer 1944 von Auschwitz nach Walldorf transportiert wurden, um die Rollbahn des Frankfurter Flughafens zu bauen. Dieser Film ist wirklich sehenswert. Zu sehen am Mittwochabend um 20 Uhr 15 im Kommunalen Kino in der Helia–Passage.

Am Freitag (28. Mai 2004) spricht Professor Freerk Huisken aus Bremen über den Sozialstaatsabbau zwecks Standortaufbau und legt dar, warum es sich um ein durch und durch imperialistisches Programm handelt. Während die kapitalistische Regierung Schröder–Fischer den Sozialstaat demontiert und dies Reform nennt, möchten andere diesen Sozialstaat erhalten wissen. Doch so sehr einerseits Kritik am Abbau angebracht ist, so unangebracht ist es andererseits, deswegen den Sozialstaat verteidigen zu wollen, meint Freerk Huisken. Sein Vortrag mit anschließender Diskussion ist am Freitagabend um 19 Uhr im Alten Hauptgebäude der Technischen Universität Darmstadt zu hören.

Die Ausstellung Hornhaut auf der Seele über die Geschichte der Verfolgung der Sinti und Roma in Hessen wird bis Dienstag im Foyer des Staatstheaters gezeigt, anschließend in mehreren darmstädter Schulen ausgestellt. Am Mittwoch, den 2. Juni, führt Dr. Udo Engbring–Romang durch diese Ausstellung, die er selbst auch konzipiert hat. Treffpunkt ist die Heinrich–Emanuel–Merck–Schule im Berufsschulzentrum, Alsfelder Straße 23, um 18 Uhr.

Ich mache jetzt drei Wochen Pause und bin wieder am Montag, den 14. Juni 2004, um 17 Uhr zu hören; voraussichtliches Thema: Hirnforschung. Nächsten Montag zur gleichen Zeit stellt sich DIDF vor – die Föderation der Demokratischen Arbeitervereine. Diese Sendung wird auf Türkisch zu hören sein.

Fragen, Anregungen und Kritik zur Sendung könnt ihr entweder meiner Voice–Mailbox bei Radio Darmstadt anvertrauen – die Telefonnummer ist 8700–192. Oder ihr schickt mir eine Email an kapitalverbrechen@alltagundgeschichte.de. Das Sendemanuskript zur heutigen Sendung werde ich in den kommenden Tagen auf meine Homepage stellen: www.waltpolitik.de. Es folgt nun Äktschen ! – eine Sendung der Kulturredaktion. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Leicht gekürzte Meldung des Darmstädter Echo vom 18. Mai 2004 (Seite 1) auf der Grundlage von Meldungen der Nachrichtenagenturen afp und dpa vom Vortag. Zur Rolle von Kofi Annan siehe das Sendemanuskript meiner Sendung Anklagen vom 17. Mai 2004 auf Radio Darmstadt.
[2]   In meinem Archiv habe ich den Einladungstext zu dieser Veranstaltung am 4. November 1985 wiedergefunden. Auch wenn ich heute manche der damaligen Formulierungen mehr als nur merkwürdig finde, sei es hier dokumentiert.
[3]   Felicia Langer : Brandherd Nahost, Seite 102.
[4]   Langer Seite 91.
[5]   Langer Seite 103.
[6]   Langer Seite 90.
[7]   Nachzulesen bei Daniel Jonah Goldhagen.
[8]   Es ist schon erstaunlich, wie schnell Gespräche zum israelisch–palästinensischen Konflikt bei Bemerkungen über die Juden landen. Weil ich es zu oft erlebt habe, weigere ich mich zu glauben, daß der Antisemitismus in diesem Land keinen Resonanzboden mehr hat. Das ist auch der Grund dafür, warum ich Menschen deutschen Passes das Recht abspreche, sich mit Vorschlägen und Forderungen gegenüber Israel, Israelis oder Jüdinnen und Juden zu Wort zu melden.
[9]   Langer Seite 170.
[10]  Alain Gresh : Israel – Palästina, Seite 14.
[11]  Gresh Seite 15.
[12]  Gresh, Seite 167–168.
[13]  Amira Hass : Bericht aus Ramallah, Seite 212.
[14]  Hass Seite 183–184.
[15]  Hass Seite 129.
[16]  Michael Warschawski : An der Grenze, Seite 18.
[17]  Warschawski Seite 193–194.
[18]  Warschawski Seite 183.
[19]  Warschawski Seite 206.
[20]  Markus Kilp hat auf Radio Palmares in Paderborn das Buch von Michael Warschawski mit anderer Akzentuierung besprochen. Seine Besprechung ist als Audio–File auf den Seiten des Bundesverbandes Freier Radios zu finden.
[21]  Mein Geheimtip in dieser Sendung.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 21. Dezember 2004 aktualisiert.
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