Zugemauerter Durchlaß
Durch diesen zugemauerten Durchlaß unter der ehemaligen Main-Neckar-Bahn soll der Darmbach einmal wieder fließen.

Kapital – Verbrechen

Eine Annäherung an Herbert Marcuse

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 25. Juli 2011, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 26. Juli 2011, 00.10 bis 01.10 Uhr
Dienstag, 26. Juli 2011, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 26. Juli 2011, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Die neue grünschwarze Koalition macht Kassensturz und entdeckt neue Einnahmequellen. Herbert Marcuse arbeitete mit antifaschistischer Intention für den US-Geheimdienst und schrieb Expertisen, die seiner wissenschaftlichen Karriere dienten. Später solidarisierte er sich mit der 68er-Bewegung. Warum der Streßtest zu Stuttgart 21 eine Farce darstellt, erläutert Brigitte Dahlbender.

Besprochenes Buch:

Tim B. Müller : Krieger und Gelehrte, Hamburger Edition

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Schöner Plätschern in der Steueroase 

Jingle Alltag und Geschichte

Vier Wochen nach der Vereidigung der neuen Dezernentinnen und Dezernenten am 21. Juni [2011] werden die ersten gestalterischen Momente der grünschwarzen Stadtkoalition deutlich. Daß hierbei Bürgerinnen und Bürger mit neuen Abgaben belastet werden sollen, überrascht kaum. Die Sanierung des städtischen Haushalts genießt oberste Priorität. Dies nicht etwa, weil die in den vergangenen Jahrzehnten angesammelte Schuldenlast nicht finanzierbar wäre. Vielmehr schlägt hier neoliberales Denken durch, wonach die Kosten nach dem Verursacher­prinzip zu verteilen sind, davon jedoch die Nutznießer neoliberaler Politik, nämlich kleine und große Kapitalbesitzer und sicher auch Besitzerinnen, auszunehmen sind.

Folgerichtig soll die Grundsteuer, aber nicht die Gewerbesteuer erhöht werden. Während die Grundsteuer mit dem guten Argument auf alle Mieterinnen und Mieter dieser Stadt umgelegt werden kann, daß selbige ja auch von der städtischen Infrastruktur profitieren, gilt dies zwar auch für alle Gewerbetreibenden, für diese vielleicht sogar besonders, aber die herrschende Politik denkt nicht daran, die Kuh, die sie füttert, auch zu melken. Das wäre auch nicht im Sinne eines auf Bereicherung angelegten Geschäftsprinzips.

Versiegelte DarmbachidylleÄhnliche Gedankenspiele lassen sich hinsichtlich der wieder ausgegrabenen Offenlegung des Darmbachs herstellen. Verständlich mag es noch sein, kanalisiertes Bachwasser nicht durch eine Kläranlage zu führen, weil relativ sauberes Wasser nun einmal nicht der Verschlimm­besserung bedarf. Doch ein plätscherndes Ambiente für Manager und ihren Troß, deren Kongresse und Veranstaltungen im Darmstadtium durch jährliche städtische Mittel in Millionenhöhe subventioniert werden, ist weniger einsichtig. Deshalb wird das wahnwitzige Kostenargument hervorgezaubert, eine Investitition in eine Darmbach­offenlegung würde langfristig den städtischen Haushalt entlasten. Das ist wohl wahr. Vergessen wird hierbei, daß es die Stadt Darmstadt selbst war, die über ihre Südhessische Gas und Wasser-Gesellschaft dafür gesorgt hat, eine überdimensionierte und kostenver­ursachende Kläranlage zu bauen. Irgendwer muß dafür gerade stehen. [1]

Und wenn man schon vor einigen Jahren durch die IG Abwasser dazu gezwungen wurde, die Kosten dieser Investition, die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt zusätzlich belasteten, neu anzupassen, dann galt es nun, neue Wege zu finden, die Kosten dann doch wieder auf selbige abzuwälzen. Die neoliberale Gedankenwelt, alles in monetaäre Einheiten zu verwandeln, half hierbei. Zunächst mußte eine Kostensatzung erfunden werden, wonach Frisch- und Brauchwasser, sowie versiegelte Flächen kostenmäßig erfaßt und nach einem kalkulierten Verursacher­prinzip auf Kostenträger umgelegt werden.

Dabei ging es nicht darum, den Verbrauch an Frischwasser oder den Abfluß von Brauchwasser zu drosseln. Wer eine überdimensionierte Kläranlage baut, benötigt folglich mehr und nicht weniger Einlauf, genauso wie eine hochmoderne Müll­verbrennung einen Bedarf an noch mehr Müll nach sich zieht, der folgerichtig zu einem erhöhren Mülltourismus führt wie bei der Müllver­brennungsanlage neben der Knell. Bei derlei ökologischem Widersinn ist es dann nur noch eine mathematische Übung, wie die ohnehin anfallenden Kosten so neu verteilt werden können, daß – wie beabsichtigt – die Bürgerinnen und Bürger einer Stadt dafür geradestehen müssen, was eine städtische Größen­wahnpolitik ihr eingebrockt hat.

Es ist ein reiner Verschiebebahnhof, die Kosten fallen weiterhin an. Dabei bedeutet die Offenlegung des Darmbachs nun keineswegs einen lustig dahinplätschernden Quell der Erbauung und Erfrischung. Weite Teile dieser Offenlegung bestehen in einem neuen unterirdischen Kanalsystem. Allenfalls an einzelnen Punkten wird ein bißchen Idyll produziert. Somit handelt es sich im wesentlichen um eine Schein­produktion von urbaner Qualität. Daß die Anhängerschaft der grünen Partei darauf hereinfällt, verwundert wenig. Verschließt sie sich doch vor dem eigentlichen Zweck dieser Scharade, nämlich der Umverteilung von Kosten und der Entlastung derer, die sie verursacht haben.

Die Klausurtagung des frisch gewählten Magistrats mit dem Ziel, durch einen Kassensturz Einspar­potentiale herauszuarbeiten, führte zu einer zunächst logisch klingenden, aber dann doch merkwürdigen Idee. Die Schlauberger städtischer Kassenführung hatten herausgefunden, daß es effektiver sein könnte, die städtischen Ämter in einem einzigen Gebäude zusammenzufassen. Mag sein, daß über abgeschlossene Altverträge eine Subventionierung notleidender Immobilienbesitzer vorgenommen wurde. Aber anstatt die städtische Brachfläche schlechthin in die Überlegungen einzubeziehen, nämlich den durchaus noch innenstadt­nahen Marienplatz, wurde die Knell ausgeguckt. Kaum anzunehmen, daß die Damen und Herren im neuen Magistrat vergessen haben, daß hier die Seveso II-Richtlinie gilt.

Vermutlich haben sie sich mit dieser als Posse daherkommenden Standortent­scheidung etwas gedacht. Daß sie den Marienplatz nicht antasten wollten, läßt sich nur dadurch erklären, daß die Verantwortlichen dieser Stadt immer noch an den Investor aus dem Morgenland glauben, der märchenhafte Summen für ein architektonisches Scheusal auf dem Schlagloch­parkplatz ausgeben will. Und einen zweiten derartigen Standort gibt es nun einmal innenstadtnah nicht. Wir dürfen gespannt auf den tieferen Sinn dieser zunächst absurden klingenden Standortwahl auf der Knell sein.

Soweit meine heutige Vorrede. Und damit komme ich zu etwas gänzlich anderem. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

Vom Nazifeind zum 68er Idol

Besprechung von: Tim B. Müller – Krieger und Gelehrte. Herbert Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg, Hamburger Edition 2010, 736 Seiten, € 35,00

Herbert Marcuse dürfte zurecht als einer der bekanntesten philosophischen Denker des 20. Jahrhunderts gelten. Seine im zu Klampen-Verlag neu aufgelegte Werksammlung zeigt uns einen Denker, der sich dem Mainstream verweigert und statt dessen kreativ und tiefsinnig die Grundlagen einer kapitalistischen Welt analysiert und ihre Absurdität freilegt. In den 60er Jahren wurde er zu einer Ikone der Stundenten­bewegung, die in seinen Schriften Anhaltspunkte für ihr eigenes Unbehagen in einer entfremdeten und das Leben und Denken defomierenden Gesellschaft fand. Zudem stellte sich Marcuse seinerzeit in der politischen Auseinander­setzung auf die Seite der rebellierenden Studentinnen und Studenten. Fast ein halbes Jahrhundert später wird das, was unter „1968“ subsummiert wird, mit neuen modischen Etiketten versehen, damit auch bewußt entpolitisiert und historisiert.

Dabei war „1968“ mehr als eine Revolte von Bürgersöhnen und -töchtern. Der Aufruhr war weltweit. Er fand in Vietnam statt und in Prag, in Berkeley und Berlin, inspierierte Befreiungs­bewegungen in aller Welt, vielleicht auch die Ghettoaufstände in den USA, und fand seinen Höhepunkt im Pariser Mai 68 im Versuch, die Phnatasie an die Macht zu bringen. Daß die Protagonistinnen und Protagonisten von damals oftmals längst ihre Heimat im neoliberal gewendeten Mainstream gefunden haben und zur psychologischen Entlastung ihre damalige Haltung denunzieren müssen, ist kein Widerspruch, sondern konsequent. Es ändert jedoch nichts daran, daß diese weltweite Revolte – fünfzig Jahre nach der Oktober­revolution – die Verhältnisse zum Tanzen brachte. Einen textlichen wie visuellen Einblick in die damaligen Geschehnisse gibt der soeben im Laika Verlag herausgebrachte Band über „Paris Mai 68“, nicht um die Geschichte konsumierbar zu verwalten, sondern um Anregungen für heute zu geben. Was damals als Traum gedacht wurde, bedarf noch der Erfüllung.

Buchcover Krieger und GelehrteEin anderes Herangehen findet sich in der sogenannten Historisierung der damaligen Geschehnisse. Hierzu bedarf es nicht nur eines zeitlichen Abstandes, sonden auch einer distanzierten, abgeklärten Herangehens­weise, die sich frei macht von den tagespolitisch zugespitzten Interpretationen und Befindlichkeiten. Dennoch erhalten wir mit einer historisierenden Herangehens­weise nicht unbedingt eine objektive Darstellung. Zwar versteht sich eine historisierende Darlegung zeithistorischer Gegebenheiten so, daß sie sich darum bemüht, die Entwicklungs­geschichte von gesellschaftlichen und politischen Strömungen herauszu­arbeiten, ohne einen dezidierten eigenen politischen Standpunkt einzunehmen.

Dennoch ist das Wertesystems eines solchen Forschers oder einer Wissenschaftlerin nicht unerheblich dafür, welche Entwicklungs­linien gesehen, analysiert und in einen noch näher zu bestimmenden Kontext eingearbeitet werden. Insofern unterliegt jede Historisierung auch der Gefahr der Ideologisierung und der Nutzbarmachung für geschichts­politische Projekte und Projektionen. Eine historisierende Darstellung von Ereignissen, die noch nicht dem kollektiven Gedächtnis noch lebender Mitwirkender entschwunden sind, bedarf daher nicht nur der Selbstver­gewisserung der Autorin oder des Autors, sondern auch der Darlegung der eigenen Motivation, des eigenen Standpunkts und der hierdurch beeinflußten Zielsetzung. Es gibt nicht die Geschichte an sich, schon gar nicht in Klassengesell­schaften. Eine historisierende Darstellung befindet sich grundsätzlich in einem wissenschafts­theoreetischen und wissenschafts­politischen Kontext, der niemals frei von eigenen und fremden Interessen sein kann.

Weshalb diese lange Vorrede? Vor zwei Jahren legte Tim B. Müller seine Dissertation „Radikale, Krieger und Gelehrte“ zur Begutachtung vor. Seine nach eigenem Anspruch streng historisierende Arbeit behandelte das Geflecht von Linksintellektuellen, US-amerikanischen Geheimdiensten und philantropischen Stiftungen im Kalten Krieg. Diese Dissertation ist im vergangenen Jahr als Buch in der Hamburger Edition des Hamburger Instituts für Sozialforschung mit dem Titel „Krieger und Gelehrte. Herbert Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg“ herausgebracht worden und reiht sich somit ein in den Forschungs­schwerpunkt dieses Instituts zum Kalten Krieg. Wie sich der Autor hierbei verortet, verrät er nicht. Dies, so denke ich, ist durchaus als Mangel einer ansonsten ambitionierten und materialreichen Arbeit zu betrachten. Doch worum geht es in seiner Darstellung von Gelehrten und Kriegern?

Vielleicht ist schon der Begriff des Kriegers fehl am Platz. Zwar bildet der Kalte Krieg den zeitlichen Rahmen der Darstellung, aber nicht alle Protagonisten verstanden sich auch als Kalte Krieger. Gerade bei Herbert Marcuse dürdte dieser Begriff nur schwerlich zutreffen. Zu den weniger bekannten biografischen Stationen des Philosophen gehört die Tätigkeit für US-amerikanische Geheimdienste. Der in die USA emigrierte Herbert Marcuse trat 1942 in das OSS ein, das erst kurz zuvor gegründete Office of Strategic Services. Seine Tätigkeit bestand in der analytischen Durchdringung Nazideutsch­lands, um den Alliierten mit wissenschaftlicher Akribie erstellte Hintergrund­informationen darüber zu liefern, wo das Deutsche Reich verwundbar ist. Überhaupt dürfen wir uns die Geheimdienst­tätigkeit Marcuses nicht als Spionageroman vorstellen. Es war eine reine Bürotätigkeit. Das Sichten von verfügbarem Material bildete den Hauptbestand­teil seiner Arbeit. Dieses Material wurde in der Regel nicht konspirativ erworben, sondern lag gleichsam offen auf dem Tisch.

Marcuse dürfte diese Geheimdienst­tätigkeit nicht als problematisch betrachtet haben, zumal er sie als Teil einer notwendigen antifaschistischen Tätigkeit begreifen durfte. Zwar kam er politisch gesehen aus dem linken Flügel der Arbeiter­bewegung der Weimarer Republik und er verstand sich auch als Marxist. Doch Kommunist war er nicht, was ihm für seine weitere geheim­dienstliche und wissenschaftliche Karriere zugute kam. Wenn wir über Historisierung reden, dann gibt uns die Tätigkeit Marcuses für das OSS und seine Nachfolge­organisationen einen Hinweis darauf, welche Qualifikation unabdingbar war. Um den Feind verstehen zu können, bedurfte es eines geschärften wissenschaft­lichen Instrumentariums, das bei einer tiefgründigen Faschismus­analyse nur der Marxismus bieten konnte. Übertragen auf die Dissertation von Tim B. Müller bedeutet dies, daß wir uns fragen müssen, inwieweit Tim B. Müller dafür qualifiziert ist, den marxistischen Philosophen Herbert Marcuse angemessen in seinen historischen Kontext einzubetten.

Dies wird anhand der weiteren Tätigkeit Marcuses deutlich. Marcuse stand im Geheimdienst nicht alleine da. Vielmehr gab es ein weiter verzweigtes Netzwerk an Wissenschaftlern, die sich an einem Punkt einig waren. Es reiche nicht aus, die Irrationalität der ideologischen Verrenkungen des National­sozialismus und anschließend der sowjetrussischen Spielart des Kommunismus zu denunzieren. Vielmehr geht es darum, die innere Rationalität dieser Ideologie und der damit verknüpften Politik zu begreifen, da nur so die inneren Spannungen und Brüche aufscheinen. Herbert Marcuses Bedeutung liegt darin, daß er über ein solches Instrumentarium verfügte. Bemerkenswert ist, daß sowohl seine Geheimdienst­arbeit als auch später seine in die Rockefeller Foundation eingebundene wisseschaftliche Arbeit gerade deswegen geschätzt wurde, eben weil sie sich dem verkürzenden wissenschaft­lichen Mainstream verweigerte.

Tim B. Müller liefert uns eine ausführliche Darstellung dieses Beziehungsgeflechts, in dem Herbert Marcuse nur einer unter vielen war. Zuweilen stellt sich bei der Lektüre der Eindruck ein, daß der Hauptprotagonist dieses Werkes überhaupt nicht vorkommt und der Autor irgendwann die Kurve finden muß, um zur Hauptperson seiner Dissertation zurückzugelangen. Dies alles ist keineswegs uninteressant, weil wir somit einen Einblick in die Wirkungs­geschichte eines anti­kommunistisch inspirierten Wissenschafts­betriebes erhalten. Das Besondere hierbei ist die kleine Intellektuellen­gruppe, in der Marcuse eingebunden war. Sie stellte sozusagen das linke Korrektiv zum affirmativen Mainstream wissenschaftlicher Tätigkeit zu Ende der 40er und Beginn der 50er Jahre dar. Sie sezierte den paranoiden Wahn der McCarthy-Ära, die anti­kommunistische Totalitarismus­theorie und die technokratische Ideologie vom Ende der Ideologie, die nach dem Fall der Mauer nochmals in den 90er Jahren als Begleitmusik zum neoliberalen Siegeszug reüssierte.

Diese Gruppe besaß über ihre Geheimdienst­analysen und spätere Zuarbeit für die Rockefeller Foundation Einfluß auf den Staatsapparat. Dieser war durchaus interessiert an abweichenden Positionen, insbesondere dann, wenn sie durchdacht und politisch nutzbar waren. Der Wiederaufbau Westeuropas über den Marshallplan oder das Containment hin zur Entspannungs­politik gegenüber der Sowjetunion finden hier ihre analytischen Wurzeln, auch wenn die Umsetzung keineswegs so vollzogen wurde, wie die kleine Gruppe es sich gewünscht haben mag. Diese Gruppe umfaßte wissenschaftliche Größen wie Otto Kirchheimer, Franz Neumann, Henry Stuart Hughes oder Barrington Moore.

Manchmal schießt Tim B. Müller auch über sein Ziel hinaus; und mir scheint, daß seine historisierende Darstellung an Grenzen stößt. Herbert Marcuse schrieb in den 50er und 60er Jahren mehrere bahnbrechende Werke, etwa über „Eros und Kultur“, über den „Sowjetischen Marxismus“ oder als General­abrechnung mit der kapitalistischen Gesellschaft sein Werk über den eindimensionalen Menschen [2]. Tim B. Müller führt Marcuses wissenschaftliche Herangehens­weise auf die streng analytische Geheimdienst­arbeit zurück.

Buchcover Der eindimensionale MenschDoch gerade Marcuses tiefschürfendes Verständnis der realsozialistischen Gesellschaften der Sowjetunion und Osteuropas geht weiter. Sein Credo bestand darin, daß man und frau die Kommunisten (und auch Kommunistinnen, soweit Frauen dort etwas zu sagen hatten) nicht als verblendete Ideologie­produzenten wahrzunehmen habe, sondern sie als authentisch begreifen müsse. Es war häufig keine aufgesetzte Attitüde wie bei den ideologischen Image­produktionen des Westens, sondern politischer Ausdruck einer gesellschaftlichen Transformation. Marcuse mußte es wissen. In der Weimarer Republik hatte er bei aller politischen Gegnerschaft erfahren können, daß damalige Kommunistinnen und Kommunisten – sofern sie nicht spätere stalinistische Wendungen zu legitimieren suchten – aufrichtig und ehrlich agierten.

Ab und an fällt Tim B. Müller auch aus seiner historisierenden Rolle heraus. Gerade Marcuses politisches Engagement in den 60er Jahren scheint ihm Kopfzerbrechen zu bereiten. Zwar versichert er uns, Marcuses Haltung in den 60er Jahren nicht bewerten zu wollen, doch sein Unbehagen mit einem der Schlüssel­texte Marcuses über die repressive Toleranz wird mehr als deutlich erkennbar. In dieser Schrift begründet Herbert Marcuse durchaus nachvoll­ziehbar, weshalb es richtig sein kann oder gar sein muß, bestimmten politischen, gesellschaftlichen und auch wissenschaft­lichen Strömungen gegenüber intolerant zu sein. So wie es für uns ja durchaus einleuchtend ist, Nazis gegenüber keine Toleranz zu zeigen. Überhaupt erscheint Marcuse hier bei Tim B. Müller eher als von einer sich radikalisierenden Studentenschaft Getriebener, der Jahre später – altersweis geworden – Rudi Dutschkes Projekt einer Parteigründung jenseits des etablierten Mainstreams seinen Segen gibt. Hieraus entstand die Grüne Partei, deren spätere neoliberale Essenz unübersehbar ist.

Marcuse war jedoch kein Getriebener. Seine politische Position seit der November­revolution über die Geheimdienst­tätigkeit im Zweiten Weltkrieg bis hin zur Verteidigung des Staatsfeindes Angela Davis enthält durchaus einen roten Faden. Es waren die sich radikalisierenden Verhältnisse selbst, die Herbert Marcuse dem wissenschaftlichen Elfen­beinturm entrissen und zu einem praktisch wirkenden linken Marxisten werden ließen. Die Grenze der Historisierung ist dort erreicht, wo sie selbst wiederum neue Ideologie hervorbringt. Die 60er Jahre kulminierten nicht nur in „1968“, sondern gaben eine Ahnung von dem, was außerhalb der kapitalistischen Rationalität möglich ist.

Das Hamburger Institut für Sozialforschung hat sich hingegen einem anderen Projekt verschrieben, welches die gesellschaft­lichen Fundamente zwar kritisch beleuchten mag, aber nicht antasten will. Der Horror vor dem, was eine Rebellion, gar eine Revolution hervorbringen könnte, ist einfach zu groß. In den 60er Jahren stellte sich Marcuse genau dieser Fragestellung, und „Repressive Toleranz“ ist eine brilliante theoretische und politische Antwort. Die Geschichte von 1968 kann schon deshalb nicht historisiert werden, weil sie noch nicht zu Ende geführt wurde. Dies ist eine Aufgabe, die noch vor uns liegt.

Tim B. Müller bietet uns auf 736 Seiten eine bestimmte Lesart des wissenschaft­lichen Werdegangs eines bedeutenden Intellektuellen. Ob wir diese Lesart als langatmig empfinden sollen, möchte ich dahingestellt sein lassen. Vermutlich ließe sich noch viel mehr hierzu beitragen, vermutlich würde sich hierbei auch die Gewichtung mancher These des Autors verändern. Als wissenschafts­theoretischer Diskurs ist sein Buch allemal interessant; doch wir müssen auch die Grenzen der hierdurch vermittelten Erkenntnis berücksichtigen. Das im vergangenen Jahr in der Hamburger Edition erschienene Buch kostet 35 Euro.

 

Tunnelmaniacs im Streß

Vor wenigen Tagen verkündete die Deutsche Bahn AG den poitiven Abschluß ihres Streßtests für den geplanten Stuttgarter Tiefbahnhof des Projektes „Stuttgart 21“. Wer hätte auch etwas anderes erwartet? Tags darauf ging in Schwäbisch-Hall die Landes­vorsitzende des BUND Baden-Württemberg, Brigitte Dahlbender in einer öffentlichen Veranstaltung der Frage nach, ob es sich um einen echten Belastungstest oder doch nur um eine Farce gehandelt habe. Der Dank geht an den St(h)örfunk in Schwäbisch-Hall, der mir den von mir leicht gekürzten Vortrag zur Verfügung gestellt hat.

Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

»»  Zum Podcast mit dem Vortrag von Brigitte Dahlbender.

 

ANMERKUNGEN
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»» [1]   In der Fraktionszeitung der seinerzeitigen Stadtverordneten­fraktion OS/3 hieß es hierzu im August 2002: „Am 13. Dezember 1988 hatte die Stadtverordneten­versammlung mit den Stimmen von SPD, CDU und FDP beschlossen, die städtischen Kläranlagen an die Südhessische Gas und Wasser AG zu verkaufen. Dem städtischen Tochterunter­nehmen überließ man damit Neubau und Betrieb der Abwasser­reinigung. An der Gräfenhäuser Straße entstand in der Folgezeit eine prachtvolle, gigantische und vor allem teure Abwasserreinigungs­fabrik. So wurde eine Entwicklung angestoßen, die vom damaligen Gebührensatz von 2,20 DM zum bundesweit herausragenden Hammer von 8,20 DM pro Kubikmeter Abwasser katapultierte. […] Einer der Hauptkritik­punkte an der überteuerten Kläranlage war die dort installierte Klärschlamm­trocknungsanlage. Die Südhessische hatte damals gehofft, auch die Klärschlämme der Firma Merck, der Stadt Langen und anderer Anlieferer verarbeiten zu können, und eine viel zu große Anlage erstellt. All diese Vorstellungen zerschlugen sich und heute ist die Anlage nicht ausgelastet.“ Quelle: [online].

»» [2]   Die US-amerikanische Originalfassung findet sich auf der Marcuse-Familienwebseite.


Diese Seite wurde zuletzt am 29. Juli 2011 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2011. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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