Kapital – Verbrechen

Frauen, Hexen, Männerwahn

Teil 1 : Hexenjagd

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Frauen, Hexen, Männerwahn
Teil 1 : Hexenjagd
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 8. September 2003, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 9. September 2003, 00.00–01.00 Uhr
Dienstag, 9. September 2003, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 9. September 2003, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Nawal El Saadawi : Fundamentalismus gegen Frauen, Diederichs / Heinrich Hugendubel Verlag
  • Andrea Trumann : Feministische Theorie, Schmetterling Verlag
 
 
TEIL 2 : EXPEDITION TEIL 3 : BRUCHSTELLEN
 
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Kapitalismus hat ein Geschlecht
Kapitel 3 : Hexenjagd
Kapitel 4 : Die Modernisierung eines Wahns
Kapitel 5 : Fundamentalismus gegen Frauen
Kapitel 6 : Feministische Theorie bewahrt vor antipatriarchaler Kapitalismus–Kompatibiliät
Kapitel 7 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Radio Darmstadt – RadaR

In der heutigen Sendung meiner Sendereihe Kapital – Verbrechen geht es um Hexen. Frauen sind Hexen, vor allem die Frauen, die sich ihrer Zuschreibung als Frau, die sich gefälligst als Frau zu verhalten habe, entziehen. Es geht in dieser Sendung also nicht um esoterische Hexenkulte oder die Geschichte der Hexenverfolgung als Mittel patriarchaler Herrschaft. Es geht um Frauen in dieser heutigen real existierenden globalen Männerwelt. Und es geht um double bind – also darum, daß Frauen, egal wie sie sich verhalten, immer Unrecht haben, sich immer für ihr Tun oder Lassen verteidigen und rechtfertigen müssen, und immer verlieren.

Diese Männerwelt ist jedoch nicht ganz so eindimensional, wie ich sie gerade beschrieben habe. Genauso, wie eine Multi–Kulti–Gesellschaft rassistisch sein kann und die Multi–Kulti–Funktionäre als Minister Abschiebungenen durchführen lassen, genauso haben Frauen ihre Nischen und Freiräume, in denen sie sich verfangen sollen und die letztlich doch nur die patriarchale Welt zementieren. Frauen sind zudem nicht einfach nur Opfer, sie sind auch Täterinnen. Zwei Seiten derselben Medaille.

Frauen, Hexen, Männerwahn – erster Teil. Am Mikrofon ist Walter Kuhl.

Jingle Alltag und Geschichte

 

Kapitalismus hat ein Geschlecht

Das Mittelalter gilt gemeinhin als eine Zeit finsterster Barbarei. Dabei wird gerne übersehen, daß die finstersten Zeiten der Menschheitsgeschichte mit dem Beginn der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals zusammenfallen. Die Reconquista in Spanien ging nahezu bruchlos über in die Zeit der Entdeckungen und Eroberungen. Ganze Landstriche außerhalb Europas wurden entvölkert, die Bewohnerinnen und Bewohner vertrieben, versklavt oder ermordet. Ziel des Ganzen war die profitable Jagd nach Reichtum und – Kapital. Kapital, das investiert wurde mit dem Ziel, Profit zu erwirtschaften, also mehr Kapital anzuhäufen. Die Methoden waren egal und das Menschenrecht auf Profit galt schon damals mehr als das Recht auf Leben und Glück.

Zur gleichen Zeit, also zu Ende des 15. bis hinein ins 18. Jahrhundert, wurden Millionen Menschen als Hexen verfolgt, meist Frauen, zuweilen aber auch Männer. Neben niederträchtigen ökonomischen Motiven, die darin bestanden, sich den Besitz des oder der Denunzierten anzueignen, neben der einmaligen Chance, Feindinnen und Feinde loszuwerden, lag der Hexenjagd ein weiteres Motiv zugrunde, nämlich das Motiv der Disziplinierung. Der beginnende Kapitalismus benötigte Menschen und Familienstrukturen, die sich den Erfordernissen der Kapitalakkumulation unterwarfen. Taten sie es nicht freiwillig, wurden sie solange verfolgt, gemartert, ermordet oder eingesperrt, bis das erwünschte Ziel internalisiert war und alle freiwillig ihre Arbeitskraft in der gewünschten Qualität anboten. Frauen war hierbei eine zweifache Rolle zugedacht. Zum einen sollten sie sich als frei verfügbare Arbeitsmasse zu Hungerlöhnen andienen, zum anderen im neu geschaffenen trauten Heim der Kleinfamilie für die Reproduktion des Mannes und die Aufzucht des Arbeiternachwuchses sorgen.

Ob die oftmals behauptete Ausrottung sogenannter weiser Frauen ein wesentliches Ziel darstellte, darf bezweifelt werden. Denn einerseits ging die Verfolgung, die Hexenjagd, weit über den Kreis dieser Frauen hinaus. Menschen, die garantiert keine weisen Frauen waren, wurden genauso verfolgt, wie Frauen, die aus welchen Gründen auch immer diszipliniert werden mußten. Zum anderen ist es fraglich, ob diese weisen Frauen tatsächlich über soviel heilmedizinische Fähigkeiten verfügt hatten, wie ihnen unterstellt wird. Sprüche und Handauflegen gegen böse Geister waren genauso beliebt wie heilende Kräuter. Natürlich haben im Zweifelsfall eher die Kräuter geholfen, nicht die Gebete, obwohl die psychologische Forschung inzwischen erkannt hat, daß soziale Zuwendung einen heilenden Effekt haben kann. Wenn Hebammen auf der Höhe des medizinischen Wissens ihrer Zeit waren, dann haben sie tatsächlich gute Arbeit geleistet, dafür bedurfte es dann jedoch keiner Zaubersprüche oder Gebete. [1]

Es wurde das Weibliche, symbolisiert durch die Hexe, verfolgt. Das für die kapitalistische Ausbeutung notwendige Arbeitsethos war männlich. Wenn es nicht freiwllig angenommen wurde, wurde es eingeprügelt oder buchstäblich eingebrannt.

Die kapitalistische Ideologie geht davon aus, daß im Kapitalismus alle Menschen, unabhängig von sozialer Herkunft, Hautfarbe oder Geschlecht, die gleichen Chancen haben. Nun ist diese Behauptung leicht durch die Wirklichkeit als Ideologie, als bewußte Lüge zu entlarven. Dennoch hat sich diese Ideologie selbst in der sozialdemokratischen und sozialistischen Linken verbreitet. Frauen gelten bei diesen gemeinhin als Nebenwiderspruch, da der Hauptgegner oder Klassenfeind immer das Kapital und sein kapitalistischer Klassenstaat seien. In einer gerechteren, manche sagen dann sogar: sozialistischen, Wirtschaft werde das Problem der Frauenunterdrückung und –benachteiligung mehr oder weniger von alleine gelöst. Nun müssen wir nicht in den real existierenden Sozialismus der Vergangenheit schauen, der kein Sozialismus war, um zu erkennen, daß diese Behauptung schlicht falsch ist.

Natürlich können wir auch erkennen, warum fortschrittliche oder linke Männer, aber auch linke Frauen, derartigen Unsinn bar jeder Realität behaupten. Es gibt hier ein klares Eigeninteresse. Welcher linke Mann ist denn tatsächlich bereit, seine durchaus vorhandenen Privilegien in dieser Gesellschaft aufzugeben? Eben. Und deshalb sind Frauen ein Nebenwiderspruch, um den mann sich dann kümmern kann, wenn die befreite Gesellschaft eines fernen Tages erreicht worden ist. Also im Zweifelsfall nie.

Der Kapitalismus ist außerdem patriarchaler als es selbst die einzig sinnvolle Theorie sozialer Emanzipation, also der Marxismus in all seinen Schattierungen, wahrhaben will. Natürlich ist tatsächlich im Vakuum der freien Gedanken eine Gesellschaft denkbar, in der Reproduktionsarbeiten unabhängig vom Geschlecht erbracht werden können. Natürlich wäre so betrachtet auch eine Gesellschaft denkbar, in der Frauen lohnarbeiten und Männer die Hausarbeit machen. Nur – es ist eben kein Zufall, daß der konkrete historische Prozeß vom Feudalismus zum Kapitalismus eine Gesellschaft hervorgebracht hat, die sich der schon vorhandenen Frauenunterdrückung bedient hat, um damit das profitorientierte Ziel zu erreichen.

Der Kapitalismus lebt grundsätzlich davon, Menschen gegeneinander auszuspielen. Das Konkurrenzprinzip gilt auf jeden Fall immer für die Ausgebeuteten und Ausgegrenzten. Sie sollen ja geradezu gegeneinander arbeiten, um nicht gemeinsam solidarisch das Kapitalverhältnis umzustürzen, um eine Gesellschaft zu errichten, in der jede das erhält, was sie benötigt, und jeder das gibt, was er zu leisten imstande ist und auch freiwillig erarbeiten will. Hierzu werden die sozialen Kategorien des Geschlechts, der Hautfarbe, der Ethnie oder des Volkes überhaupt erst konstruiert, also erfunden.

Frauen sind also sogesehen diejenigen, die dazu gemacht worden sind. Dies ist nicht nur ein historisch langwieriger Prozeß der systematischen Einübung der Geschlechterrollen, sondern auch ein immer wieder neu reproduzierter Prozeß, der tagtäglich in Familien, Schulen, Fernsehshows, Arbeitsämtern, Sexshops, ja geradezu überall stattfindet. Gehirnwäsche. Aber diese Gehirnwäsche hat eine materielle Grundlage. Sie ist nicht einfach ein Spielen mit Symbolen, wie es die postmoderne Theorie so gerne behauptet. Der Diskurs um Geschlechterrollen, um Rassismus und Antisemitismus, um Ausbeutung und Herrschaft findet nicht symbolisch im luftleeren Raum statt. Jeder dieser Diskurse hat eine materielle Grundlage. Nicht Diskurse ändern den Lauf der Welt, es sei denn, sie werden materielle Gewalt gegen die mörderische und asoziale Gewalt des patriarchalen Kapitalverhältnisses.

Frauen bewegen sich im Rahmen dieser Gewalt. Täglich, überall. Banal, nicht? Umso erstaunlicher, daß diese Gewalt immer noch funktioniert. Ob das daran liegt, daß wir sie so gut internalisiert haben, daß wir sie schon gar nicht mehr in Frage stellen? Und was geschieht mit den Frauen, die sich dagegen zur Wehr setzen, die ihre Zustimmung zu dieser Gewalt verweigern, die also nicht mitmachen? Richtig: sie werden auch Jahrhunderte nach der Hexenverfolgung als Hexen betrachtet und als solche behandelt. Heute werden sie nicht mehr verbrannt, zumindest nicht in Mitteleuropa. Aber Männer (und auch Frauen) kennen genügend andere Methoden, Hexen als Hexen zu jagen.

 

Hexenjagd

Bevor ich mich den Hexen der Postmoderne zuwende, ist es vielleicht nützlich, sich zu vergegenwärtigen, mit welch perfiden Methoden die Männerwelt schon vor Jahrhunderten dafür gesorgt hat, daß Frauen als unglaubwürdig, als Hexen gebranntmarkt werden konnten.

Frauen (aber nicht nur sie, nur wird es hier anhand des patriarchalen Charakters dieser Gesellschaft besonders deutlich) leben oftmals in einer double bind–Situation. Es handelt sich bei double bind um einen Begriff aus der Psychologie, der sehr gut veranschaulicht, was es bedeutet, zur Hexe ernannt zu werden. Unter double bind [2] wird verstanden:

1. eine psychologische Sackgasse, die daraus entsteht, wenn gegensätzliche Anforderungen an ein Individuum gestellt werden, bei dem es letztlich egal ist, welche Lösungsstrategie verfolgt wird, weil die Antwort immer als falsch konstruiert wird. Das heißt, die Antwort wird in einem bestimmten sozialen Zusammenhang als falsch definiert.

2. wird unter double bind eine Situation verstanden, in der eine Person nur zwischen gleichermaßen unbefriedigenden Alternativen wählen kann, was zu einem unentrinnbaren Dilemma führt.

Perfektioniert wurde dieses double bind für als Hexen hingestellte Frauen im sogenannten Gottesurteil. Diese mittelalterliche Kulturtechnik wurde – nur ohne Verbrennung – in die Postmoderne hinübergerettet. Diese Gottesurteile des ausgehenden Mittelalters wurden auch Hexenproben genannt. Für jeden Männergeschmack und zur allgemeinen Volksbelustigung gab es unterschiedliche Darreichungsformen.

Bei der Feuerprobe beispielsweise mußte die als Hexe angeklagte Frau glühende Eisenstücke über eine bestimmte Entfernung tragen oder barfuß über glühende Pflugscharen mit verbundenen Augen gehen. Nach einigen Tagen wurden die Wunden durch die Männer der Inquisition begutachtet. Entweder waren die Wundmale verschwunden, dann konnte sie aufgrund der übernatürlichen Heilung nur eine Hexe sein, oder sie trug ihr Leben lang die physischen Narben dieser Folter mit sich herum. Von den psychischen Folgen dieser Tortur wird interessanterweise nirgends berichtet. [3]

Um herauszufinden, ob eine Frau eine Hexe war, gab es auch die Wiegenprobe. Das Gewicht einer Frau wurde geschätzt. Ergab das anschließende Wiegen ein geringeres Gewicht als vorgegeben, dann mußte sie eine Hexe sein; denn Hexen müssen ja leichter als ihr Gewicht sein, um fliegen zu können. Entsprach das Gewicht den Erwartungen, konnte sie dennoch als Hexe betrachtet werden, denn sie konnte ja die Waage verhext haben. Raffiniert, nicht?

Die Nadelprobe führte genauso zum Ziel. Hierbei wurde in eine Haustelle gestochen, die sich von der umliegenden Haut unterschied. Floß da kein Blut, war die Angeklagte eine Hexe. Solche Stellen hat jeder Mensch. Wer also eine Hexe ermorden wollte, konnte hier auf Nummer Sicher gehen.

So oder so tödlich war auch die Wasserprobe. Hierbei wurden einer Frau Hände und Füße zusammengebunden. Sank der Körper ins Wasser, so galt sie als unschuldig, konnte sie sich befreien und schwamm auf dem Wasser, war sie eine Hexe. Um sicher zu gehen und die Frau noch ein bißchen zu quälen, konnte diese Hexenprobe dreimal wiederholt werden. Das Ergebnis war dann auf jeden Fall tödlich.

Double bind – keine Chance, dem von Männern vorherbestimmten Schicksal zu entrinnen.

 

Die Modernisierung eines Wahns

Doch wer sagt, daß eine solche double bindSituation heute nicht mehr möglich sei? Wenn wir kurz nachdenken, dann fallen uns Szenen aus unserem Alltag ein, bei denen Frauen keine Chance haben. Es trifft sie so oder so.

Es muß ja nicht gleich eine Vergewaltigung sein, ein Delikt übrigens, das eine klare geschlechtsspezifische Zuschreibung besitzt. Ich glaube nicht, daß Paul–Hermann Gruner, der Antifeminist vom Darmstädter Echo, jemals in die Gefahr geraten würde, sich vor Familienangehörigen, Bekannten, Polizeibeamtinnen, Rechtsanwälten oder Gerichten dafür rechtfertigen zu müssen, anzüglich, leicht bekleidet oder sonstwie provozierend durch Straßen oder in Discos gegangen zu sein.

Wie reagiert eine Frau auf die alltäglichen sexistischen Anmachen? Schweigt sie, stimmt sie zu. Begehrt sie dagegen auf, ist sie eine Zicke, frigide oder ... eine Hexe. Wehrt sie sich sogar, zeigt dem Aggressor klare Grenzen auf, dann ist sie natürlich die Böse. Warum hast du so überreagiert, wird sie dann gefragt. Dann ist sie es, die das Betriebsklima stört, den lieben Frieden, den Männer und Frauen in einer sexistischen Umgebung schließen. Das Benennen und Bekämpfen eines Übergriffs gilt dann als Aggression, nicht etwa der Übergriff selbst.

Derart interessante und gleichermaßen erschreckende Beispiele lassen sich überall finden – im Freundeskreis, im Sportverein, auf Klassenfahrten oder im Betrieb. Double bind.

Es gibt jedoch ähnliche Situationen, auf die wir nicht so schnell kommen würden, die dennoch alltäglich sind. Wieviele Frauen sind freiberuflich tätig und erhalten einen Anruf, bei dem nach dem Chef, dem Mann, dem Herrn im Haus, gefragt wird? Was sollen sie tun – auflegen, das Arschloch ignorieren oder süß flöten, um ja den möglichen Auftrag doch noch zu bekommen? Obwohl, eine Frau gilt auch hier immer noch weniger als ein Mann. Jede Frau, die freiberuflich tätig ist, kann das bestätigen, vor allem in klaren Männerdomänen.

Und überhaupt – die Glaubwürdigkeit einer Frau. Zum Glück leben wir in so einer Art Rechtsstaat, der in weiten Teilen noch irgendwie intakt ist. Vor Gericht wird Frauen wohl noch annähernd soviel Glauben geschenkt wie Männern, vor allem Arbeits– und Sozialgerichte sind hierbei geradezu Bastionen fortschrittlichen Denkens.

Im Islam gilt das Rechtsprinzip, daß nur die Aussage von zwei Frauen die Aussage eines Mannes aufwiegt. Immerhin gibt es hier noch klare Regeln, natürlich ungerechte Männerregeln. Doch außerhalb des kodifizierten Rechts wird das auch im Herzen der Zivilisation merkwürdig dünn. Einem Mann glaubt man und frau gerne – aber einer Hexe?

Eine spannende Frage ist, warum auch Frauen dieses double bind unterstützen und mitmachen. Frauensolidarität scheint dort, wo sie dringend nötig wäre, meist nicht zu existieren. Mag sein, daß das Übergriffige eines Übergriffs nicht gesehen wird. Mag sein, daß der alltägliche Sexismus so verinnerlicht ist, daß er nicht mehr wahrgenommen wird. Natürlich steckt auch die durchaus realistische Angst dahinter, das nächste Opfer zu werden. Wegschauen, wegducken, verharmlosen, mitmachen. Frauen sind nicht nur Opfer, sondern oftmals zumindest auch Mittäterinnen, so wie sie sich vor Jahrhunderten sicher auch an der Hexenverbrennung ergötzt haben. Und sei es mit dem Hintergedanken: Gott sei Dank, haben sie nicht mich gefoltert und umgebracht.

Die ägyptische Schriftstellerin Nawal as–Saadawi beschreibt in ihrem Buch Fundamentalismus gegen Frauen die islamische Variante dieses double bind. Dabei ist ihr vollkommen klar, daß es nicht die westliche emanzipierte Welt gibt und die rückständige Dritte Welt. Beide Welten gehören zusammen, bedingen einander, machen Frauenunterdrückung auf unterschiedliche Art erst möglich.

 

Fundamentalismus gegen Frauen

Das letztes Jahr bei Diederichs im Heinrich Hugendubel Verlag herausgebrachte Buch der ägyptischen Schriftstellerin und Feministin Nawal as–Saadawi trägt den Titel Fundamentalismus gegen Frauen. Es handelt sich hierbei weitgehend um einen 1997 auf Englisch erschienenen Reader mit Texten der streitbaren Ägypterin. Sie wurde 1931 in einem Dorf am Nil geboren, studierte und wurde Psychiaterin. Als Psychiaterin konnte sie erleben, wie es sich psychisch auswirkt, als Frau in einem islamischen Land zu leben. Bezeichnend für die ägyptische Form der Hexenjagd ist ihre Biographie – hier in ihren eigenen Worten:

Das erste Sachbuch, das ich zum Thema Frauen schrieb, war Women and Sex. Es erschien 1970 und wurde gleich darauf von der ägyptischen Zensur konfisziert. Dieses Buch war auch der Grund dafür, dass ich 1972 meine Anstellung als Generaldirektorin für Gesundheitserziehung im Gesundheitsministerium verlor.
Ich wurde zum Angriffsziel der politischen Kräfte, die die arabischen Länder inklusive Ägypten beherrschten. Zu ihren Angriffsmethoden gehörte auch der so genannte Propagandakrieg. Die Autoritäten verbreiteten, dass ich Frauen zu absoluter sexueller Freiheit und unmoralischem Handeln anstiftete, obwohl ich in meinen Schriften immer wieder betonte, dass ich dagegen ankämpfe, dass Frauen auf bloße Sexualobjekte reduziert würden, die nur zur Verführung oder zum Konsum taugen. Ich wandte mich sogar dagegen, dass Frauen Make–up tragen. Ich ermutigte die Frauen, sich darauf zu besinnen, dass sie intelligente menschliche Wesen sind und nicht nur Körper, die Männer befriedigen, Kinder gebären und als Sklavinnen arbeiten sollen. [5]

Unter Sadat saß sie drei Monate im Gefängnis. Eine ungemein gefährliche Frau also; eine Hexe. Von 1992 bis 1996 lebte sie in den USA, nachdem die ägyptische Regierung verbreitet hatte, sie stünde auf einer Todesliste islamischer Fanatiker. Nawal as–Saadawi zog es vor, nicht auszuprobieren, ob die Regierung log.

Sie legt in ihrem Buch die Vielschichtigkeit des Angriffs gegen Frauen dar. Es sind nicht einfach nur islamistische Fundamentalisten, die ihr nach dem Leben trachten. Die drei Monate im Knast verdankte sie der bürgerlich–neokolonialistischen Regierung Sadat; und ihre Freilassung nur dem Umstand, daß Sadat 1981 von denselben Mordbuben getötet wurde, die er selbst in den Jahren zuvor hofiert hatte – die Moslembrüder.

Sie sieht Fundamentalisten in allen Religionen gegen Frauen vorgehen – Christen, Moslems, Juden, Hindus usw.. Und sie hat ein feines Gespür dafür, daß die Religion nur das Vehikel der Männermacht ist, Frauen einzusperren, sie zu verschleiern. Der Islam als solcher, so sagt sie, ist nicht unbedingt frauenfeindlich; er wurde dazu gemacht. Der Schleier gilt vielerorts als Symbol islamischer Frauenunterdrückung.

Ärmere Frauen verschleiern sich oft aus finanziellen Gründen oder um sich vor den Männern auf der Straße zu schützen. Manche muslimische Frauen nehmen den Schleier aus Protest gegen den Westen oder um ihrer authentischen, islamischen Identität und ihrer einheimischen Kultur Ausdruck zu verleihen. Was sie nicht wissen, ist, dass die authentische Identität einer Muslima keinesfalls darin besteht, sich zu verschleiern. Ihnen ist auch nicht bekannt, dass der Schleier gar nicht islamischen Ursprungs ist. […]
Im Westen finden kolonialistische Kreise Gefallen an dieser Art des oberflächlichen Protests, solange nur die wirtschaftliche Ausbeutung dabei fortgesetzt werden kann. Die Darstellung der muslimischen Frauen in den westlichen Medien reduziert sich auf verschleierte Gestalten und halbnackte Bauchtänzerinnen. Progressive Angehörige der politischen Linken tendieren dazu, den Schleier im Namen des Multikulturalismus und der authentischen Identität der muslimischen Frauen zu unterstützen. Doch der Schleier ist nicht mehr als ein Kleidungsstück. Wie kann die authentische Identität auf ein Stück Kleidung reduziert werden? Und wie kann Multikulturalismus darüber definiert werden, dass Frauen eingesperrt werden oder ihre Gesichter verbergen müssen? [6]

Nun ja, wer Kriege im Namen der Menschenrechte führt, ohne die Besitz– und Herrschaftsverhältnisse bei sich selbst anzugreifen, findet auch den multikulturalistischen Schleier ziemlich folkloristisch und erholsam.

So sehr Nawal as–Saadawi den islamischen Fundamentalismus kritisiert, die Kollaboration zwischen Staat, Männern und Religion, so sehr ist ihr auch bewußt, daß es einen Zusammenhang zwischen Frauenunterdrückung und Neokolonialismus gibt. Sie sieht keinen großen Sinn darin, das Authentische des eigenen Landes gegen die Globalisierung verteidigen zu wollen, weil damit meist das Rückständige und die weitere Verschleierung verteidigt wird. Über den kulturimperialistischen Multikulturalismus macht sie sich ohnehin lustig. Interessant wird es, wenn sie darlegt, wie dieser Kulturimperialismus immer noch funktioniert – selbst in den Köpfen vermeintlich progressiver westlicher Männer und Frauen.

Die globale Kultur ist die postmoderne Anwendung des Sprichwortes »Teile und herrsche«. [7]

Und da nimmt man und frau doch gerne ein bißchen Folklore aus dem Süden mit. Nawal as–Saadawi benennt den Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Imperialismus, diktatorischen Herrschaftsstrukturen, ideologischem Konsumkonformismus und Frauenunterdrückung. Daß sie dabei zwischen der Verschleierung einer Muslima und dem Make–up einer Französin keinen großen Unterschied sieht, ist nicht ein Mangel ihrer Analyse. Sie zeigt damit nur, daß der emanzipierte Westen seine eigene Verschleierungspolitik betreibt und gleichzeitig Frauen auf dem Fleisch– und Warenmarkt feilbietet. Zwei Seiten derselben Medaille.

Einen Hexenratschlag für die verzagten gendergemainstreamten westeuropäischen Frauen gibt sie in ihrem Buch Fundamentalismus gegen Frauen mit auf den Weg; ein Gedanke, der in der Tat zum Nachdenken einlädt:

Frauen bezahlen den hohen Preis ihrer Freiheit und Würde, um sich den Gesetzen der Ehe und des patriarchalen Klassensystems unterzuordnen, die die Gesellschaft nach wie vor prägen und bestimmen. Sie bezahlen einen ebenso hohen Preis, um ihre Freiheit zu erlangen und dieser Herrschaft zu entrinnen. Ich habe es vorgezogen, diesen Preis lieber für meine Freiheit zu zahlen als für meine Versklavung. Der Preis ist in jedem Fall sehr hoch. Warum sollten wir ihn also für unsere Versklavung zahlen, wenn wir dafür auch unsere Freiheit haben können? [8]

Was sich wie ein Plädoyer für die Erkämpfung von Frauenrechten in der arabischen Welt anhört, geht jedoch weit darüber hinaus. Im emanzipierten Westeuropa hätten nur reaktionäre christliche Fundamentalisten Anstoß an ihrem Buch Women and Sex genommen [oder die Rechtsaußen der CSU]; ansonsten ist die westliche Zivilisation so frei, auch den Widerspruch auszuhalten. Solange Frauen keine ernsthafte Gefahr für das Bestehen der kapitalistisch–patriarchalen Welt darstellen, läßt man sie gewähren. Ansonsten sind sie Hexen.

Bei Katja Kullmann und ihrem Buch Generation Ally können wir nachlesen, wie das funktioniert. Spätestens mit 30 werden auch die aufgeklärten und emanzipierten westeuropäischen Frauen schon merken, wo der Hase langläuft und wer das Sagen hat. Spätestens dann werden sie die Perspektivlosigkeit ihrer Chancengleichheit entdecken und zu ihrer natürlichen Bestimmung, dem Kinderkriegen, finden. Andrea Trumann hat in ihrem Buch Feministische Theorie die Widersprüchlichkeit der weiblichen Subjektbildung in der Postmoderne herausgearbeitet und ist zu einem Ergebnis gekommen, das alle Hexenjäger dieser Republik beruhigen dürfte.

Doch zuvor noch die bibliographische Angabe zu dem Buch von Nawal as–Saadawi: Fundamentalismus gegen Frauen ist bei Diederichs im Heinrich Hugendubel Verlag erschienen und kostet 19 Euro 95. [9]

 

Feministische Theorie bewahrt vor antipatriarchaler Kapitalismus–Kompatibiliät

Andrea Trumanns Einführung in die Geschichte der neueren Frauenbewegung seit den 60er Jahren wird vom herausgebenden Schmetterling Verlag als "kenntnisreich und originell" verkauft. Nun ist es meist so, daß originelle Bücher eine Ansammlung spinnerter Gedanken darstellen. Dies ist hier eindeutig nicht der Fall. Der Gedankengang ist wirklich originell, und er ist fundiert. Der Titel von Andrea Trumanns Buch Feministische Theorie hört sich trocken an, ist jedoch gerade im Hinblick auf immer weiter zurückgedrängtes feministisch–emanzipatorisches Gedankengut ungemein lesenswert.

Grundlage ihrer Überlegungen ist ihre Beobachtung der Frauenbewegung seit den 60er Jahren. Sie geht davon aus, daß Bevölkerungspolitik sich nicht mehr hauptsächlich über staatlichen Zwang vermittelt, sondern dadurch, daß Frauen diesen Zwang internalisiert haben und jetzt selbstbestimmt das tun, was von ihnen erwartet wird. Da ein Diskurs jedoch nicht ohne materielle Grundlage existieren kann, versucht Andrea Trumann, die neue selbstbestimmte weibliche Rollenzuschreibung im Kontext der neoliberalen Deregulierung zu begreifen. Dies ist ein Gedankengang, dem ich durchaus zustimmen kann.

Vielleicht ist es sinnvoll, diesen Gedankengang anhand eines Beispiels zu verdeutlichen. Andrea Trumann schreibt im Hinblick auf die nunmehr selbstbestimmte Bevölkerungspolitik:

Natürlich gibt es immer noch den §218 und die Pränataldiagnostik, Kinder– und Erziehungsgeld sind nicht abgeschafft. Dabei handelt es sich aber um Praktiken, die nicht mehr mit einem schlichten Verbot arbeiten, sondern sich auf die Mitarbeit der Frauen stützen. So ist Abtreibung seit der letzten Reform des Abtreibungsparagraphen von 1995 rechtswidrig, aber nicht strafbar, sobald die Frau ein Beratungsgespräch mitgemacht hat. Pränatale Beratungsstellen argumentieren gerade mit ihrer «humanistischen» Praxis, indem sie sich strikt gegen Zwangsmaßnahmen gegen Frauen wenden und ganz im Sinne des Selbstbestimmungsrechts der Frau nur in ihrem Interesse zu handeln glauben. Das bedeutet also nicht, dass der Staat verschwunden wäre, sondern lediglich, dass sich seine Herrschaftstechniken verändert haben. Statt auf reine Repression setzt er nun verstärkt auf Kontrollmechanismen, die individualisierend wirken. Die Frauenbewegung, die Autonomie und Selbstbestimmung immer mit individueller Entscheidungsfreiheit gleichsetzte, hat nur selten reflektiert, dass es so etwas wie individuelle Entscheidungsfreiheit heutzutage gar nicht geben kann, weil Entscheidungen immer auf Grund von Reproduktionsbedingungen getroffen werden. [10]

Andrea Trumanns Buch über – wie es im Untertitel heißt – Frauenbewegung und weibliche Subjektbildung im Spätkapitalismus ist weniger ein Geschichtsbuch, als vielmehr ein logischer Begründungszusammenhang. Sie zeigt darin, daß es eine Kontinuität zwischen der Frauenbewegung der 60er Jahre und den heute im Gender Mainstreaming und der Regierungsverantwortung angekommenen Frauen gibt.

Nur waren die Frauen der End–60er Jahre sich dessen noch bewußt, daß der Kampf gegen das Patriarchat nicht im Rahmen der herrschenden kapitalistischen Verhältnisse zu führen sei, sondern gegen sie; und daß Befreiung von patriarchalem Zwang eine andere Gesellschaft voraussetzt und nicht das Sich–Einrichten im Bestehenden.

Von Anfang an stand die moderne Frauenbewegung im Widerspruch zu ihren männlichen Genossen. Diese fanden zwar die Frauenbefreiung insofern praktisch, als sie damit eine sexuelle Revolution verkünden konnten, behandelten ihre Genossinnen aber ansonsten als Nebenwiderspruch, also im Zweifelsfall als allseits verfügbare Tippsen und sexuell befreite Betthasen. Auch hier wirkte sich das gegen Frauen gerichtete double bind sehr praktisch für die linken Männer aus: "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment." Was darauf hinaus lief, daß Männer keine Verantwortung mehr übernehmen mußten und Frauen entweder Establishment oder gearscht waren. Die Alternative war die althergebrachte kreuzbrave bürgerliche Ehe.

Die 70er Jahre brachten – nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrungen – eine neue Entwicklung in der Frauenbewegung mit sich. Frauen betrachteten sich als different, als nicht männlich, und entdeckten ihre Weiblichkeit. Sie erklärten zu ihrer weiblichen Natur das, was aus ihnen im Verlauf von mehreren Jahrtausenden gemacht worden ist. Doch ging dies nicht ohne eine mehr oder weniger genaue Lektüre der Schriften von Simone de Beauvoir. Andrea Trumann stellt die zugehörige Lektüre vor, stellt ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen heraus. Daß Simone de Beauvoir so fleißig rezipiert wurde, hat allerdings auch damit zu tun, daß sie in ihren Schriften einen neuen Begriff von Autonomie, Freiheit und Selbstbestimmung entwickelt hat. Leider wurde dabei übersehen, daß Simone de Beauvoir die gegebenen kapitalistischen Grenzen nicht transzendierte. Sprich: es wurde nicht darüber nachgedacht, was Freiheit, Autonomie und Selbstbestimmung im Rahmen der gegebenen kapitalistisch–patriarchalen Welt bedeuten. Und so schreibt Andrea Trumann:

Um was es Simone de Beauvoir also hauptsächlich geht, ist nicht eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern eine Anpassung der Frauen an das fordistische System, das zu jener Zeit [also Anfang der 50er Jahre] ein Mehr an Arbeitskräften bedurfte. […] Hergestellt werden muss eine neue Frau, eine Frau mit einem spezifischen Verhältnis zu sich selbst, die sich sowohl zum Arbeitskraftbehälter als auch zur Kontrolle über die Gebärfähigkeit eignet. Das ist die Anstrengung, die die Frau ganz besonders leisten muss: Die Anpassung an den Mann auf ganz frauenspezifische Weise. [11]

Und das scheint durchaus gelungen zu sein. Denn der nächste Schritt der Selbstbestimmung war es zu sagen: "mein Bauch gehört mir"; und damit eine neue Form von Naturverbundenheit einzuführen. Indem sich Frauen als Gegenstück zur patriarchal–technischen Welt definierten, huldigten sie einem weitgehend unreflektierten Naturbegriff von sich selbst; behaupteten also das, was ihnen jahrhundertelang zuvor eingebleut wurde: Frauen sind Natur. Der nächste Schritt zum esoterischen Mystizismus war damit geradezu vorgezeichnet.

Der Schritt von der Autonomie und Selbstbestimmung zu selbstbestimmten und autonomen Frauenprojekten war nicht weit. Was anfangs vielleicht noch als Nische funktioniert haben mag, wurde mehr und mehr kapitalistischen Prinzipien unterworfen. Der Markt verzeiht nichts und er frißt auch Frauen mit ihrer Autonomie und Selbstbestimmung.

Die neuen Arbeitsformen der feministischen Alternativökonomie mit ihrer Kombination von Arbeitsidentifikation und Elendsverwaltung hatten Modellcharakter für die Modernisierung des Kapitalismus in den letzten Jahren […]: Viele Firmen setzen heute auf genau jene Identifikation ihrer Kernbelegschaft mit dem Unternehmen, während der Rest getreu dem Motto «Jeder ist sein eigener Unternehmer» seine Qualitäten in der Scheinselbstständigkeit zu verwalten hat. Der äußere, gesellschaftlich bedingte Zwang zur Arbeit wurde in einen inneren Druck verwandelt, was schon in der Frauenbewegung eingeübt wurde. [12]

Herausgekommen ist ein Bekenntnis zur Nation und eine Quotenpolitik, um auch oder wenigstens etwas vom Kuchen abzubekommen. Daß die damit verbundene selbstbestimmte Bevölkerungspolitik zudem im allgemeinen die ganz freiwillige Entscheidung gegen ein behindertes Kind bedeutet und auch bedeuten soll, bedarf wohl keiner weiteren Erklärung. Vielleicht liegt hier die einzige Schwäche des Buchs von Andrea Trumann. Sie läßt kein gutes Haar an reformistischen innersystemischen Überlebensstrategien. Oder ist es nur so, daß sie ganz klar aufzeigen kann, daß diese Strategien dem Ziel wirklicher Befreiung nicht näher kommen?

Wie auch immer – ihr Buch ist unbedingt lesenswert. Nicht zuletzt deshalb, weil es dazu zwingt, die Erfahrungen der Frauenbewegung in den vergangenen Jahrzehnten nochmals kritisch zu reflektieren und neu zu bewerten. Dies ist keine Absage an den Feminismus, sondern eher das Einfordern seiner Konsequenz. Alles andere ist ja nun auch bekanntlich Quark.

Feministische Theorie von Andrea Trumann ist letztes Jahr im Schmetterling Verlag zum Preis von 10 Euro erschienen.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute zum Thema Frauen, Hexen, Männerwahn. Mehr zu diesem Thema am kommenden Montag um 17 Uhr hier auf Radio Darmstadt oder in der Wiederholung am darauf folgenden Dienstag ab 8 und ab 14 Uhr.

Vorgestellt habe ich hierbei die bei auf ihre Weise anregenden und unbedingt lesenswerten Bücher von

  • Nawal El Saadawi mit dem Buchtitel Fundamentalismus gegen Frauen, erschienen bei Diederichs im Heinrich Hugendubel Verlag – es kostet 19 Euro 95
  • und von Andrea Trumann den Band Feministische Theorie aus dem Schmetterling Verlag; der Band kostet 10 Euro.

Zum Schluß der heutigen Sendung habe ich noch einige politische Veranstaltungshinweise, wobei die beiden ersten, wenn ihr die Wiederholung am Dienstag hört, schon vorbei sind:

Am heutigen Montagabend [08.09.2003] trifft sich das Internationale Bündnis gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Rassismus im Offenen Raum des AStA der TU Darmstadt in der Hochschulstraße 1. Es geht hierbei um die Umsetzung eines von einer Aktionskonferenz von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern, sowie von Arbeitslosen– und Sozialhilfe–Initiativen beschlossenen Aktionstages am 20. Oktober. Zudem soll eine für den 1. November in Berlin geplante bundesweite Demonstration gegen die Reformen der Bundesregierung vorbereitet werden. Heute abend 20 Uhr im Offenen Raum des AStA der TU Darmstadt.

Ebenfalls am heutigen Montagabend, wenn auch in Mörfelden, geht es um die Tendenzen deutscher Militärpolitik angesichts der Rolle Deutschlands während und nach dem Irakkrieg der USA. Als Referent spricht Tobias Pflüger von der Informationsstelle Militarisierung aus Tübingen. Tobias Pflüger ist einer der profiliertesten Militarismuskritiker in Deutschland und Autor des Buches Die neue Bundeswehr, das 1997 im Neuen ISP Verlag erschienen ist. Heute abend 20 Uhr im Jugend– und Kultur–Café im oder am Bahnhof Mörfelden.

Am Mittwochabend um 18 Uhr spricht vor dem Hintergrund des 30. Jahrestages des Pinochet–Putsches in Chile im Foyer des Hauses für Industriekultur der Vorsitzende der chilenischen Lebensmittelarbeitergewerkschaft COTIACH, Manuel Ahumada, zum Thema Gewerkschaften in sozialen Kämpfen! Der Militärputsch in Chile kann historisch betrachtet als Auftakt der neoliberalen Konterrevolution begriffen werden. Mit Pinochet kamen die Chicago Boys ins Land und schufen die wirtschaftlichen Grundlagen zur Ausplünderung Chiles. Pinochet sorgte für die dazu notwendige Friedhofsruhe. Am 11. September 1973 putschte das chilenische Militär unter seiner Führung mit logistischer Unterstützung der CIA und finanzieller Unterstützung US–amerikanischer Konzerne gegen die demokratisch gewählte sozialdemokratische Regierung von Salvador Allende. Mehr als 20.000 Menschen wurden ermordet, von 2.000 fehlt bis heute jede Spur. Zwar wurde 1989 die Diktatur beendet, doch das neoliberale Konzept hält bis heute Chile in seinem Würgegriff.

Über die Erfahrungen der chilenischen Gewerkschaften nach dem Putsch 1973 und über die Bedingungen ihrer heutigen Arbeit, sowie über die Notwendigkeit und die Möglichkeiten internationaler Solidarität fernab von Bundeswehreinsätzen und humanitären Bombeninterventionen sprechen Manuel Ahumada und der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft NGG, Franz–Josef Möllenberg. Begrüßt werden sie vom darmstädter DGB–Vorsitzenden Jürgen Planert; Peter Lehmann, Schauspieler aus Chile im deutschen Exil, wird Texte chilenischer Dichter vortragen. – Mittwochabend 18 Uhr im Foyer des Hauses für Industriekultur in der Kirschenallee 88.

Diese Sendung wird am Dienstag um Mitternacht, nach dem Radiowecker um 8 Uhr und noch einmal nachmittags ab 14 Uhr wiederholt. Fragen, Anregungen und Kritik nimmt vertrauensvoll meine Voice–Mailbox bei Radio Darmstadt entgegen; die Telefonnummer lautet (06151) 8700 192. Oder ihr schickt mir eine Email an kapitalverbrechen@alltagundgeschichte.de. Im Anschluß folgt eine Sendung der Kulturredaktion [13]. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Vgl. hierzu Andrea Trumann : Feministische Theorie, Seite 94–95.
[2]   Diese knappe, aber brauchbare Definition habe ich gefunden unter http://www.bartleby.com/61/28/D0352800.html.
[3]   Oder war es andersrum? Wenn noch Wunden zu sehen waren, war sie eine Hexe? Meine Quellen widersprechen sich. Vielleicht ist dann doch ein Blick in den Hexenhammer oder andere christliche Folterquellen vonnöten.
[4]   Siehe hierzu beispielsweise:
[5]   Nawal El Saadawi : Fundamentalismus gegen Frauen, Seite 32 und 26
[6]   Saadawi, Seite 89–90
[7]   Saadawi, Seite 130
[8]   Saadawi, Seite 33
[9]   Eines der für mich größten Ärgernisse (abgesehen von offensichtlichem inhaltlichem Unsinn) ist das zunehmende Diktat neoliberaler Sachzwänge im Verlagswesen. Beim Computerkauf muß der user (oder die Userin) als Betatester(in) herhalten, um die Mängel der schon gekauften Hard– oder Software zu finden; handelt also als unbezahlte Qualitätskontrolle. Denn es ist billiger, Hard– oder Software auszutauschen (sofern sich eine / jemand beschwert), als selbst nach Fehlern zu suchen. Ähnliches scheint im Verlagswesen um sich zu greifen: Bücher werden nicht mehr sauber übersetzt, lektoriert und redigiert. Das Buch Fundamentalismus gegen Frauen sündigt hier wenigstens nur an marginaler Stelle. Im Kapitel Frauen und der Islam werden die im Text noch vorgesehenen Anmerkungen 29 bis 34 im Anmerkungsapparat einfach "eingespart". Ein Platzproblem kann es nicht gewesen sein, allenfalls Schlamperei. Das schmälert den Wert des Buches allerdings nur am Rande. Mehr derartiger Ärgernisse habe ich auf einer eigenen Seite zusammengestellt – die Spitze eines Eisberges!
[10]   Andrea Trumann : Feministische Theorie, Seite 12
[11]  Trumann, Seite 65–66
[12]  Trumann, Seite 128
[13]  Das stand jedenfalls so im Sendemanuskript; wer dann nicht erschien, war der Redakteur bzw. Moderator der nachfolgenden Sendung Gehörgang. So kann's eben gehen in einem nichtkommerziellen Lokalradio.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 17. Dezember 2005 aktualisiert.
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