Kapital – Verbrechen

Frauen, Hexen, Männerwahn

Teil 3 : Bruchstellen

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Frauen, Hexen, Männerwahn
Teil 3 : Bruchstellen
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 22. September 2003, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 22. September 2003, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 23. September 2003, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 23. September 2003, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Barbara Nohr / Silke Veth (Hg.) : Gender Mainstreaming, Karl Dietz Verlag Berlin
  • Martin van Creveld : Das bevorzugte Geschlecht, Gerling Akademie Verlag
  • Judith Huber : Risse im Patriarchat, Rotpunktverlag
 
 
Playlist :
  • Laura Branigan : Solitaire
  • Siouxsie and the Banshees : Hall of Mirrors
  • Missy Elliott : All n my Grill
  • Stella : Love Kill Army
  • Tracy Chapman : New Beginning
 
 
TEIL 1 : HEXENJAGD TEIL 2 : EXPEDITION
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_hexe3.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Streichkonzert
Kapitel 3 : Gender Mainstreaming - oder: was ist Mainstream?
Kapitel 4 : Das bevorzugte Geschlecht jammert
Kapitel 5 : Frauen in Afghanistan
Kapitel 6 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Radio Darmstadt - RadaR

Frauen, Hexen, Männerwahn - Teil 3.

Im ersten Teil vor zwei Wochen habe ich auf das unserer patriarchalen Gesellschaft zugrunde liegende double bind hingewiesen. Egal, wie Frauen sich verhalten, egal wie sie leben oder sich verstecken - sie machen es immer falsch und es wird ihnen immer vorgeworfen. Wenn sie sich wehren, ist es falsch, wenn sie sich nicht wehren, ist es auch falsch. Schuld sind nicht die Täter. Aber Frauen sind auch nicht immer nur Opfer. Im Gegenteil: auch Frauen wirken am Bestand unserer patriarchal-kapitalistischen Ordnung fleißig mit. Dennoch gibt es einen Unterschied zwischen Tätern und Mitläuferinnen.

Die Hexenverfolgung während des Übergangs von der religiös inspirierten feudalen Ordnung zur sich rational wähnenden Moderne hat ihre Spuren im kollektiven Gedächtnis hinterlassen. Frauen wissen sehr genau, was es bedeutet, sich gegen die Zumutungen einer Männerwelt zur Wehr zu setzen. Doch wie die ägyptische Feministin Nawal as-Saadawi richtig bemerkte: Frauen zahlen einen hohen Preis für ihre Unterwerfung und Frauen zahlen einen hohen Preis für ihre Freiheit. Warum dann nicht lieber die Freiheit als die Zurückhaltung oder gar Unterwerfung wählen?

Doch Feminismus ist in den postmodernen Zeiten neoliberaler Deregulierung zunehmend out. Lifestyle und die Illusion der Teilhabe sind in. Doch braucht frau nur an der Oberfläche zu kratzen und die männerbündische Verschworenheit kommt deutlich zum Vorschein. Eine Auseinandersetzung mit dieser Männerwelt und ihrer Ideologie ist also notwenig. Mit Andrea Trumann thematisierte ich daher im ersten Teil die Notwendigkeit und bisherige Beschränktheit feministischer Theorie und weiblicher Lebensentwürfe.

Und im zweiten Teil meiner kleinen Sendereihe habe ich das Buch von Christa Rohde-Dachser vorgestellt: Expedition in den dunklen Kontinent. Dieses Buch verdeutlicht, daß es möglich ist, die Psychoanalyse als wissenschaftliche Erkenntnismethode auf ihre patriarchalen Wurzeln selbst anzuwenden, und Christa Rohde-Dachser legt darin auf der psychologischen Ebene die Lügen und Mythen einer immer noch existenten Männerwelt offen. Im heutigen dritten Teil werde ich mich mit anderen Mythen und Realitäten befassen.

Gender Mainstreaming ist seit einigen Jahren das Zauberwort zur Durchsetzung von Chancengleichheit beider Geschlechter geworden. Doch es stellt sich die Frage, ob das herrschende System hier nicht eine neue Möglichkeit gefunden hat, Frauen dabei einzubinden, an der Zementierung männlicher Vorherrschaft mitzuwirken. Ein Tagungsband zu Gender Mainstreaming gibt hierüber Aufschluß.

Der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld widmet sich dem Thema Frauen auf eine sehr männliche Weise. Ähnlich wie unser lokaler Antifeminist Paul-Hermann Gruner sieht er in Frauen das bevorzugte Geschlecht. Was es mit derartigen kruden Theorien auf sich hat, damit befasse ich mich in meinem zweiten Beitrag. Und zum Schluß stelle ich ein Buch über Frauen in Afghanistan vor. Ob Gruner oder van Creveld auch die afghanischen Frauen als Musterbeispiel femininer Macht begreifen würden?

Doch zuvor noch eine Anmerkung zur neuen Streichorgie der hessischen Landesregierung.

Jingle Alltag und Geschichte

 

Streichkonzert

Selbstverständlich gibt es hier klare Prioritäten. Jede Partei, die etwas auf sich hält, wird zunächst ihre eigene Klientel bedienen und bei Sparplänen keine Rücksicht auf zuvor geäußerte ideologische Positionen nehmen. Wenn die Landesregierung inklusive der Sozialministerin Silke Lautenschläger durch die angekündigten Sparmaßnahmen breitflächig soziale Projekte (also nicht zuletzt auch Frauenprojekte) platt macht, dann belegt dies nur, daß diesen Projekten im Grunde keine Wichtigkeit beigemessen wird.

Wären die Grünen oder die SPD an der Landesregierung beteiligt, würde es vielleicht im Einzelfall andere Projekte treffen. Doch es zeigt sich grundsätzlich, daß die Herrschaft des Marktes keinen Sozialklimbim duldet, und die Folgen des Marktes individuell zu verkraften sind. Wer hat, dem wird gegeben, wer nichts hat, wird auch nicht mehr benötigt. Das Argument, daß hierbei Arbeitsplätze in großem Stil verloren gehen, zieht nicht. Seit wann interessiert es die Politik, ob Arbeitsplätze entstehen oder vernichtet werden? Bei Investitionen und Subventionen geht es nie um Arbeitsplätze, sondern allein um Profit.

Die angedrohten Sparmaßnahmen der Landesregierung sind hier ja auch eindeutig. Während einerseits von Arbeitsplatzförderung geredet wird und Arbeitslosen mehr Druck gemacht werden soll, die von der Landesregierung heißgeliebten Billigjobs anzunehmen, werden an anderer Stelle vorhandene Jobs massiv abgebaut. Die darmstädter Stadträtin Daniela Wagner und die darmstädter Frauenbeauftragte Barbara Akdeniz weisen sicher zurecht darauf hin, daß die Sparmaßnahmen der Landesregierung nicht mit dem Konzept des Gender Mainstreaming in Einklang gebracht werden können. Barbara Akdeniz ergänzt: Bereiche wie die Erziehungsberatung, die Gemeinwesenarbeit und erzieherische Hilfe in sozialen Brennpunkten, die Familienbildungsstätte, aber auch die Sozialberatungen für Migrantinnen und Migranten werden in überwiegendem Maße von Frauen in Anspruch genommen. Diese fallen entweder zukünftig ganz weg oder stehen nur eingeschränkt zur Verfügung. Ganz wie Paul-Hermann Gruner es in seinem Buch als Wahrheit verkauft, aber anders meint: Frauen und Kinder zuerst.

Doch sich hierbei gerade auf Gender Mainstreaming zu berufen, einem Konzept, dem sich ja auch die Landesregierung verpflichtet hat, könnte sich als fatal erweisen. Es stellt sich nämlich durchaus die Frage, ob Gender Mainstreaming tatsächlich ein fortschrittliches Konzept ist oder ob es nicht schon das Einfallstor neoliberaler Politik in frauenpolitische Belange bedeutet. Denn der Markt nimmt auf das Geschlecht keine Rücksicht. Hier gilt in der Tat: es besteht Chancengleichheit, ganz wie es im Gender Mainstreaming vorgesehen ist. Frauen haben die gleiche Chance, abserviert zu werden wie Männer; nur eben unter ungleichen Voraussetzungen.

Doch dazu mehr in meinem ersten Beitrag. Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt begrüßt euch Walter Kuhl.

Laura Branigan : Solitaire

 

Gender Mainstreaming - oder: was ist Mainstream?

Frauenförderung ist out, Gender Mainstreaming ist in. Während in den 80er und zu Beginn der 90er Jahre Debatten um Frauenförderung und Frauenquoten die Diskussion um die gesellschaftliche Benachteiligung der Geschlechter bestimmten, gibt es seit Ende der 90er Jahre ein hochoffiziell abgesichertes Konzept: das Gender Mainstreaming. Die Europäische Union und die ihr angeschlossenen Staaten haben es sich zur ureigensten Aufgabe gemacht, eine Benachteiligung, die sich aus dem falschen Geschlecht am falschen Ort ergibt, zu beseitigen. Mehr noch: Projektmittel werden nur noch unter der Maßgabe vergeben, daß sich das Projekt dem Gender Mainstreaming verschreibt. Kein Gender Mainstreaming, dann auch kein Geld.

Nun müssen wir uns tatsächlich fragen, ob diesem Konzept ein machtvoller frauenpolitischer Durchbruch oder nicht vielleicht doch eher ein Herrschaftskalkül zugrunde liegt. Der im Karl Dietz Verlag Berlin erschienene Sammelband zum Thema Gender Mainstreaming kann uns hier bei der Beantwortung dieser Fragestellung weiterhelfen. Die verschiedenen Aufsätze hieraus will ich für den folgenden Beitrag nutzen.

Zunächst einmal: was wird unter Gender Mainstreaming verstanden? Überall dort, wo Beschlüsse gefaßt und Ressourcen verteilt werden, soll in Zukunft die Frage der Gleichstellung der Geschlechter Berücksichtigung finden. Der Begriff gender beschreibt das soziale Geschlecht, also das von der Gesellschaft in jahrtausendelanger Tradition konstruierte und reproduzierte männliche und weibliche Geschlecht. Der Begriff mainstreaming soll bedeuten, daß etwas, was bislang im Mainstream keine Berücksichtigung fand, nun darin enthalten sein soll. Der Begriff mainstreaming ist ein Kunstwort; er existiert nicht in der englischen Sprache.

Nun ist der Mainstream eindeutig patriarchal definiert. Männer nehmen die führenden Positionen ein, definieren von der Kriegsführung bis zur Kunstproduktion das gesellschaftliche Leben und damit natürlich auch Begriffe und soziale Zuschreibungen. Daß inzwischen auch Frauen und ihre Belange berücksichtigt werden, hat nicht nur mit dem Gleichheitspostulat der modernen, aufgeklärten, kapitalistischen Welt zu tun. Es liegt auch im Wesen der kapitalistischen Rationalität selbst begründet, nämlich alle Ressourcen zu erschließen und sie dem Verwertungsinteresse unterzuordnen. Oder anders ausgedrückt: der Kapitalismus kann es sich nicht leisten, Frauen links liegenzulassen. Interessant ist hierbei die Entwicklungsgeschichte nicht nur des Begriffs Gender Mainstreaming, sondern auch des damit verbundenen Konzepts. Es ist ja nicht so, daß die Europäische Union Mitte der 90er Jahre einen frauenpolitischen flash gehabt hat. Das Interesse an der Erschließung der Ressource Frau ist älter, doch bekam er in der entwicklungspolitischen Diskussion der 80er Jahre eine neue Bedeutung. Vorreiter ist - die Weltbank.

Nachdem sich nämlich herausgestellt hatte, daß die alten entwicklungspolitischen Ansätze der gnadenlosen Schuldentilgung mit Hilfe des Internationalen Währungsfonds an seine Grenzen gestoßen waren, kann die "Investition in die Frauen" als ein Versuch gewertet werden, neue Ressourcen für die kapitalistische Ausbeutung zu erschließen. Der Begriff der "Existenzgründung" geisterte schon hier durch die Zielsetzung der Weltbank; gemeint war: weniger Existenzsicherung, mehr Arbeit und - meist - mehr Armut. Ein oftmals nur prekärer Verdienst entsteht hier durch übermäßige Selbstausbeutung.

Natürlich wurde diese Form der Frauenförderung als emanzipatorischer Fortschritt hingestellt. Und dankbar nahm die Europäische Union dieses Konzept Mitte der 90er Jahre auf. Bei zunehmender Massenarbeitslosigkeit und dem Kapitalbedürfnis nach billigen, leicht ausbeutbaren Arbeitskräften lag es ja auch nahe, an Frauen zu denken. In diesem Zusammenhang ist es nicht einmal uninteressant, darüber nachzudenken, ob nicht gerade die sozialdemokratisch orientierten neoliberalen Regierungen ein besonderes Interesse am Gender Mainstreaming haben. Wenn nämlich sozialdemokratische Politik eher auf Konsensfindung basiert, dann könnte es sich beim Gender Mainstreaming um ein auf europäische Frauen ausgerichtetes konsensuales Projekt handeln, das dabei helfen soll, marktförmige Modernisierungsstrategien abzusichern.

Dem Gender Mainstreaming liegt eine in den USA der 80er Jahre entwickelte Überlegung zugrunde, daß die Einbindung von ethnisch und geschlechtlich multikulturellen Belegschaften ein wichtiger Wettbewerbsvorteil darstellen könnte. Es fördert die Leistungsbereitschaft, das Image des Betriebes und damit auch die Bereitschaft von Migranten und Frauen, sich mit einem solch progressiven Unternehmen zu identifizieren und dessen Waren zu kaufen.

Die Europäische Union konnte nun wiederum aus dieser Erfahrung lernen. Es stellte sich nämlich heraus, daß gerade Frauen dem europäischen Einigungsprozeß und dem damit verbundenen neoliberalen Projekt skeptisch gegenüber standen. Insofern kann eine behauptete Gleichstellungspolitik ein Politikansatz sein, das verlorene Vertrauen der Frauen zurückzugewinnen und sie über Gender Mainstreaming einzubinden.

Doch wie immer im Leben geht es nicht um Worte, sondern um Taten. Und hier wirkt sich Gender Mainstreaming unmittelbar aus. Es besteht nämlich nicht einfach aus klassischer Frauenförderung oder aus Quotierung, sondern aus aktiver Beschäftigungspolitik. Mehr Frauen sollen in den Stand versetzt werden, Jobs anzunehmen, vorzugsweise im Teilzeitbereich und im Niedriglohnsektor. Das heißt: die meisten Frauenförderprogramme sollen eine Ressource erschließen, die bereit ist, deregulierte Beschäftigungsverhältnisse anzutreten, während gleichzeitig bestehende Normalarbeitszeitverhältnisse massenhaft gekündigt werden. Beschäftigungsförderung bedeutet dann aber auch: Berufsqualifikation, Weiterbildung, Dienstleistungen für berufstätige Frauen anzubieten. Die besondere Förderung von Haushaltshilfen im Rahmen von Minijobs ist Teil dieser Strategie. Letztlich läuft es jedoch auf eine Umverteilung der bezahlten Arbeit zwischen verschiedenen Frauen hinaus, nicht etwa auf eine Umverteilung zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen den Geschlechtern.

Aber auch die von Roland Koch und Silke Lautenschläger besonders geförderte Aktivierungspolitik durch Zwang und Leistungskürzung gehört hierzu. Insofern sind die beabsichtigten Kürzungen der Geldmittel für Frauenprojekte kein Schlag gegen das Gender Mainstreaming, sondern treiben es geradezu auf die Spitze. Denn an wirkliche Gleichberechtigung war nie gedacht.

Zwar ist Gender Mainstreaming eine hochoffizielle Strategie, aber es sind keine Sanktionen bei Nichtbefolgung zu befürchten. In der Praxis läuft Gender Mainstreaming - und das ist natürlich kein Zufall - darauf hinaus, klassische Frauenförderprojekte zurückzudrängen. Nicht Quoten sind das Ziel, sondern die Chancengleichheit. Die Betonung liegt auf Chance, nicht auf Gleichheit. Konsequenterweise hat Bundeskanzler Gerhard Schröder eine Debatte darüber, ob die Privatwirtschaft zur Chancengleichheit verpflichtet werden soll, Ende 2000 mit einem männlichen Machtwort abgewürgt.

Das ist ja auch logisch. Geschlechtergerechtigkeit vom Standpunkt des Unternehmens aus kann es nur geben, wenn es einer effizienteren Arbeitsorganisation dient oder andere Standortvorteile bringt. Also werden gezielt die Begabungen von Frauen ausgenutzt. Der Verein Total-E-Quality beispielsweise hat sich daher zum Ziel gesetzt, die besten Frauen zu erreichen, nicht etwa allen zur Gleichheit zu verhelfen. Konsequent wird der traditionelle Ansatz einer Frauenförderung auch abgelehnt.

Drei Bemerkungen sind vielleicht noch zu machen:

Erstens: auch nicht alle Frauen sind gleich. Gender Mainstreaming wendet sich vor allem an weiße westliche heterosexuelle Mittelschichtsfrauen. Migrantinnen und einfache Arbeiterinnen bleiben meist außen vor. Die zunehmende Differenzierung zwischen Frauen dient möglicherweise der Zementierung von männlichen Machtstrukturen, indem einige wenige Frauen sozusagen zu Modernisierungsgewinnerinnen werden und ihren Geschlechtsgenossinnen daher in den Rücken fallen. Sie hätten in der Tat etwas zu verlieren.

Zweitens muß danach gefragt werden, ob die Unverbindlichkeit, mit der Gender Mainstreaming umgesetzt werden soll, verbunden mit relativ wenig Geldmitteln, allenfalls eine Nische für Frauenprojekte eröffnet. Im Gegenzug dazu fallen Quotierungen und andere verbindliche Maßnahmen, die tatsächlich allen Frauen zugute kommen könnten, unter den Tisch. Interessant ist hierbei, daß Gender Mainstreaming ein Modell ist, das von oben nach unten durchgesetzt werden soll. Dies wird geradezu als Errungenschaft hingestellt. Top-Down-Modelle sind aber unverwechselbare Kennzeichen von Herrschaft. Patriarchale bürokratische Strukturen bleiben infolgedessen ohnehin unangetastet; und männlicher Widerstand kann gerade in Bürokratien sehr beharrlich sein. Ob eine Gleichstellungspolitik gerade bei Männern ankommt, darf zudem bezweifelt werden. Männer profitieren von Männerbünden. Männerbünde davon überzeugen zu wollen, daß Gender Mainstreaming auch ihnen nützt, dürfte wohl illusorisch sein.

Und drittens sollte darüber nachgedacht werden, ob Gender Mainstreaming, postmoderne Differenzideen und neoliberale Wirtschaftspolitik zusammenhängen. Die Postmoderne als ideengeschichtliches Konstrukt geht davon aus, daß Gesellschaft über Diskurse hergestellt wird. Während die Moderne auf der Idee der Vernunft beruhte und damit auch der Erkenntnis, daß Gesellschaft, Macht und Herrschaft zusammengehören, wird in der Postmoderne vom wesentlichen abstrahiert: vom Kapitalismus und vom Patriarchat. Auch der gender-Begriff des Gender Mainstreaming ist eine derart ahistorisch begriffene Kategorie.

Ketzerisch gesagt, ließe sich der Schluß ziehen: das, was dem Mainstream zugeführt werden soll, sind bislang unerschlossene Ressourcen. Am Mainstream selbst ändert sich dadurch nichts. Frauen sind auch hier das Objekt der Begierde. Allerdings stellt sich die Frage, welche Alternativen dazu bestehen. Denn die Macht des Faktischen ist groß. Wer sich auf Gender Mainstreaming einläßt, kann nur hoffen, daß sich hierüber etwas an der Benachteiligung von Frauen verändern läßt. Sicher ist es nicht. Ich bezweifle sogar, ob es im Konzept angelegt ist. Die Tatsache, daß es derzeit keine realistische Alternative gibt, ist jedoch kein Grund, sich im Hamsterrad des Gender Mainstreaming zu verfangen. Sich über den begrenzten Nutzen dieser Form von selektiver Gleichstellung im Klaren zu sein, hilft vielleicht, Illusionen und Enttäuschungen zu vermeiden.

Kritische Reflexionen einer neuen Strategie lautet dann auch zu Recht der Untertitel des von Barbara Nohr und Silke Veth herausgegebenen Sammelbandes zu Gender Mainstreaming. Er ist im Karl Dietz Verlag Berlin erschienen und kostet 9 Euro 90.

Siouxsie and the Banshees : Hall of Mirrors

 

Das bevorzugte Geschlecht jammert

Regelmäßig, aber in unregelmäßigen Abständen, kommen sie wieder: Männer, seltener Frauen, ereifern sich geradezu darin nachzuweisen, daß Frauen nicht das unterdrückte, sondern im Gegenteil das bevorzugte Geschlecht sind. In Darmstadt tritt hier besonders eifrig der Redakteur des Darmstädter Echo Paul-Hermann Gruner auf. Sein vor drei Jahren erschienenes Buch Frauen und Kinder zuerst legte die Lächerlichkeit männlicher Denkstrukturen bloß. Seine wehleidige, nach Aufmerksamkeit heischende Tour, nachdem es ja die armen Männer sind, die ausgebeutet und benutzt werden, wird eigentlich nur noch durch die Dummheit seiner Argumente und die Ignoranz gegenüber der Wirklichkeit übertroffen. Doch Männer glauben gerne, daß sie es sind, die Opfer bringen müssen. Daß sie Täter sind und die Hauptverantwortlichen für den ganzen globalen asozialen und dabei ziemlich mörderischen Kapitalismus, verdrängen sie lieber und schreiben es anonymen Marktkräften zu. Verantwortung dafür übernehmen wollen sie dann lieber doch nicht.

Der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld ist nun ein weiterer männlicher Autor, der auf diesem Thema herumreitet. Sein Buch Das bevorzugte Geschlecht ist einfach peinlich. Warum es dennoch gedruckt und sogar durch die Alexander-von-Humboldt-Stiftung gefördert wurde, dazu gleich mehr.

Wie funktioniert eine solche Theorie? Wenn wir von der Wirklichkeit abstrahieren, bei der ziemlich offenkundig ist, daß Frauen von Machtpositionen ferngehalten werden, die mieseren Jobs haben, schlechter bezahlt werden und immer noch mehr für Haus und Kind zuständig sind als in der Öffentlichkeit präsent, wenn wir davon also abstrahieren, dann können wir eine ganze Fülle von Beispielen finden, in denen auch Frauen einmal ein Stück vom Kuchen abbekommen. Wer allerdings von der Ausnahme auf die Regel schließt, denkt und handelt unredlich, muß also ein Interesse haben. Das Interesse des Mannes Martin van Creveld ist klar. Er schreibt:

Was immer das Leben für Frauen bereithält, wie die Zukunft der Männer aussehen wird, ist keine Frage. Männer werden weiterhin nach Macht, Ruhm und Reichtum streben, um dann einer oder mehreren Frauen die Ausbeute zu Füßen zu legen. [...] Sie werden auch weiterhin mehr und schwerer arbeiten als Frauen [...]. Angesichts der Strenge der Gesetze werden Männer auch weiterhin viel schonungsloser behandelt werden als Frauen. Angesichts der Schrecken des Krieges werden Männer auch weiterhin sterben, damit Frauen leben können. Auf diese und jede erdenkliche andere Weise werden Männer auch in Zukunft alles in ihrer Macht Stehende tun, um Frauen ein leichteres, besseres, angenehmeres und längeres Leben zu ermöglichen, als sie es selbst genießen können. Währenddessen hören sie sich weiterhin die Klagen der Frauen über alles und jenes an und versuchen, sie zu ignorieren. [1]

Oder sie versuchen, die Wirklichkeit von Frauen einfach mit Worten wegzudichten. Denn Männer, so sagt van Creveld, sind durch die Natur gezwungen, um Frauen zu kämpfen, weshalb sie stärker und kräftiger sind. Deswegen dienen sie auch als Lasttiere. Er fährt dann fort:

Und in unserem tiefsten Inneren wollen wir auch gar nicht, daß sich die Situation ändert. [...] Es wäre jedoch schön, würden wir von Zeit zu Zeit inmitten des unaufhörlichen Stroms von Beschimpfungen den Klang einer angenehmen weiblichen Stimme hören, die sagt: Danke, Kamerad. [2]

Der Schrei nach Beachtet-Werden, der hier erklingt, ist überdeutlich.

Martin van Crevelds Grundannahme ist einfach: es ist eine anthropologische Konstante, durch die Natur vorgegeben, daß Männer kämpfen und Frauen beschützt werden wollen. Um dies zu belegen, würfelt er munter Beispiele aus dem Tierreich mit ethnologischen Untersuchungen, Göttermythen und historischen Beispielen durcheinander. Eine systematische Untersuchung, die wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werden würde, findet sich nirgends. Statistiken werden nur herangezogen, wenn sie seine Behauptungen zu belegen scheinen, aber auch hier wird jeder Beleg aus dem Zusammenhang gerissen und der Nachprüfung entzogen.

Daher kommt er auch zu so kruden Gedanken, wie daß Männer global betrachtet mehr arbeiten als Frauen, was jeder Erkenntnis widerspricht. Auch daß Frauen vor den Schrecken des Krieges geschützt würden, während sich Männer an der Front aufopfern, ist ein solcher Mythos. Krieg ist jedoch auch heute vornehmlich Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Frauen werden nicht im Mindesten geschützt. Daß Männer vor dem Gesetz diskriminiert würden, kann auch nur dem einfallen, der vollkommen von der Wirklichkeit abstrahiert. Ein Beispiel?

Biologisch schlägt der weibliche Organismus bei seiner Entwicklung den Weg des geringsten Widerstandes ein. Insoweit, als es die Gesellschaft Mädchen erlaubt, direkt in die Fußstapfen ihrer Mütter zu treten, wählen sie auch psychologisch gesehen den Weg des geringsten Widerstandes. [3]

Und die armen Jungs müssen den Ödipus-Komplex durchmachen. Damit wir auch nicht vergessen, warum Männer im Kapitalismus das benachteiligte Geschlecht sind, fügt er hinzu:

Bei der Gottesanbeterin und der Schwarzen Witwe zeigt sich am deutlichsten, wie entbehrlich der Mann doch ist. [4]

Was das eine mit dem anderen zu tun hat, bleibt zwar unerfindlich, ist aber auch egal. Es handelt sich ja auch um keine systematische Untersuchung zum Thema. Die zugrunde liegende Theorie ist einfach gestrickt und stimmt immer: die Biologie regiert uns, also sind wir Männer benachteiligt. Wie auch hier:

Praktisch alle Entdeckungen und Erfindungen - von Euklids Mathematik bis zur Geburtszange - wurden von Männern gemacht. Der Lebenserwartung nach zu urteilen, haben hiervon in erster Linie Frauen profitiert. [5]

Bei der Mathematik ist mir der Zusammenhang zur Lebenserwartung nicht so ganz klar, es sei denn, daß sie damit überhaupt erst berechnet werden kann. Aber bei der Geburtszange schon: Auch wenn Martin van Creveld sich noch so bemühen wird, gebären wird er nicht. Aber müssen Frauen Männern deswegen auch noch um den Hals fallen? "Danke für die Geburtszange"?

Während Paul-Hermann Gruner [6] sich auf ein Taschenbuch beschränkt hat, breitet Martin van Creveld diesen Unsinn auf rund 500 Seiten aus, so daß es auch der letzte männliche Idiot nachbeten kann. Denn in acht Kapiteln rezitiert er immer wieder denselben Spruch; und es bedarf schon der Kenntnis von Gehirnwäschemethoden, um die dahinter liegende Struktur zu erkennen. Auch dem dickfelligsten Schädel wird es irgendwann einmal eingebleut sein: wir, die Männer, sind eigentlich das benachteiligte Geschlecht. Und die jammernden Feministinnen profitieren doch nur von uns.

Damit komme ich zu der Frage zurück, warum ein Verlag eine solche Peinlichkeit druckt und eine Stiftung solcherlei auch noch fördert. Martin van Crevelds Buch Das bevorzugte Geschlecht ist im Gerling Akademie Verlag erschienen. Das Zielpublikum scheint aus Möchtegern- oder vielleicht auch echten Managern bestehen, die auf simple Art und Weise ihr Weltbild bestätigt erhalten wollen und sollen. Diese (ja wohl eher immer noch Männer) sind so bescheuert, daß sie sich abrackern, denn sie arbeiten rund um die Uhr, und was ist der Dank? Klagen, Vorwürfe, Forderungen. Das hält ja selbst kein richtiger Mann aus; und daher benötigt er zur geistigen Seelenmassage eine Stütze, die ihm sagt: "Danke, Kamerad."

Es muß wirklich traurig um den Wissenschaftsstandort Deutschland bestellt sein, wenn die Forschungsarbeiten zu diesem Buch auch noch durch die Alexander-von-Humboldt-Stiftung gefördert werden. Muß ich daraus schließen, daß Gegenemanzipation, plumper Biologismus und absolute Ignoranz gegenüber der Wirklichkeit Stand der deutschen Wissenschaft sind? Sind Männer schon so von dem bißchen Gleichberechtigung verunsichert, daß sie das Buch als geistig-moralische Stütze brauchen? Nun, ihr armen benachteiligten und verunsicherten Männer, hier die Literaturangabe:

Martin van Crevelds Buch Das bevorzugte Geschlecht ist im Gerling Akademie Verlag zum Preis von 29 Euro 60 erschienen.

Missy Elliott : All n my grill

 

Frauen in Afghanistan

Ein ernüchterndes Buch über die Situation afghanischer Frauen hat die schweizer Journalistin Judith Huber unter dem Titel Risse im Patriarchat vorgelegt. Im Gegensatz zu Martin van Creveld, der es schafft, die Realität für seinen geistigen Horizont zurechtzubiegen, hat Judith Huber genau hingesehen und hingehört. Herausgekommen ist ein Band, der exemplarisch die Lebensgeschichte von afghanischen Frauen nacherzählt, die es geschafft haben, sich in dieser absolut patriarchalen Männerwelt als Frau zu behaupten.

Klar, weder die Frauenrechtlerin Suraya Parlika noch die kurzzeitige Frauenministerin Sima Samar noch die Staatsministerin für Frauenfragen Mahbuba Hoquqmal sind typisch für die Situation der afghanischen Frauen. Ihre politische Sozialisation entstammt einer Zeit, in der Frauen sich zumindest in Kabul relativ frei bewegen konnten, den 70er Jahren. Judith Huber gelingt es nun, diese drei Frauen und noch einige wenige mehr in einem gesellschaftlichen Umfeld darzustellen. Hierbei ergibt sich ein Einblick in die afghanische Realität, die vor allem einen Schluß zuläßt:

Afghanische Frauen waren nie frei. Es gab mehrere Versuche einer frauenpolitischen Öffnung im 20. Jahrhundert; der letzte Versuch Ende der 70er Jahre endete im Bürgerkrieg. Die Macht der afghanischen Männer, gestützt auf die Scharia und noch viel mehr auf das afghanische Gewohnheitsrecht Paschtunwali, war jedoch stärker. Und ist es noch. Denn die US-Invasion hat die abstrusen Übertreibungen der Taliban wieder auf das Normalmaß afghanischer Männerherrlichkeit zurechtgestutzt. Nicht mehr.

Die männliche Erfindung der Geburtszange, auf die Martin van Creveld so stolz ist, scheint sich in Afghanistan nicht zum Segen der Frauen auszuwirken. Jährlich sterben eine halbe Million Mütter während Schwangerschaft und Geburt. Das bevorzugte Geschlecht wird nicht nur eingesperrt, unter die Haube der Burka gesteckt oder sonstwie systematisch diskriminiert, nein, es hat offensichtlich nicht einmal das Recht zu leben.

Nun ist Afghanistan gewiß ein besonders übles Beispiel für die Diskriminierung und Mißachtung von Frauen. Wir dürfen dabei nicht vergessen, daß dies die Spitze eines globalen Eisberges ist und daß auch im friedlichen Mitteleuropa Frauen alles andere als gleichberechtigt, gleich geachtet und respektiert sind. Frauen sind nun einmal Hexen. Und während hierzulande um Quoten oder Finanzmittel für ein Projekte im Rahmen des Gender Mainstreaming gestritten werden kann, sind Frauen auch heute, zwei Jahre nach dem Sturz der Taliban, immer noch weitestgehend vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Die Warlords regieren das Land und terrorisieren weiterhin die Bevölkerung. Die Regierung Karsai beherrscht nicht einmal die Außenbezirke Kabuls, vom restlichen Land ganz zu schweigen. Die Militarisierung des Landes wurde nicht beendet. Frauen können sich immer noch nicht frei und sicher bewegen.

Und die Kriegsschäden sind nicht nur materiell sichtbar; sie wirken vor allem in den Köpfen fort. Traumata überall und kaum eine Möglichkeit, die psychischen Folgen von rund 25 Jahren Bürgerkrieg zu behandeln. Ist es nicht absurd, wenn ein 15-jähriges Mädchen in der psychiatrischen Frauenklinik von Kabul äußert, sie wolle lieber hier bleiben, als draußen leben? Afghaninnen, die ihr Gesicht in der Öffentlichkeit zeigen, müssen auch heute damit rechnen, beschimpft oder gar bedroht zu werden - von ganz normalen Passanten. Männern.

Während Männer in Kabul frei herumlaufen, miteinander scherzen und schwätzen, sich umarmen oder einfach nur herumlungern, gibt es keine einzige Frau mit diesem Privileg. Die Burka ist immer noch auch das andere: Schutz. Schutz vor männlichen Übergriffen.

Die Taliban sind vertrieben, aber die Gesellschaft ist dieselbe geblieben. Und warum sollte die internationale Gemeinschaft daran etwas ändern wollen? Wenn schon die USA vor dem Einmarsch der Roten Armee die frauenfeindlichen Mudschaheddin unterstützt hatten und sich sogar mit den Taliban arrangiert hätten, warum sollen die Regierung Karsai oder gar die Warlords ausgerechnet auf Frauen Rücksicht nehmen müssen? Mädchenschulen wurden auch 2002 zerstört. Und? Was sagt Joschka Fischer dazu? Nichts. Er schweigt.

Sicherheit ist der Schlüssel für jegliche Beteiligung der Frauen am öffentlichen Leben; ohne Sicherheit ist eine nachhaltige Verbesserung der Situation der Frauen nicht möglich. Sie werden weiter unsichtbar bleiben. Unter den Taliban durften sie das Haus nicht verlassen, heute wagen viele es nicht, das Haus zu verlassen. Alle Afghaninnen, die ich bei meinem Aufenthalt zum drängendsten Problem der Frauen befragt habe,

schreibt Judith Huber,

haben die fehlende Sicherheit genannt - ausnahmslos. Erst dann ist Bildung, Arbeit, politische Betätigung überhaupt denkbar. Und solange die Frauen wegen fehlender Bildungs- und Einkommensmöglichkeiten materiell völlig auf ihre männlichen Familienmitglieder angewiesen sind, wird keine Emanzipation möglich sein. Umso mehr, als der Staat faktisch abwesend ist und keine Alternativen zur Familie oder zum Clan in Form sozialer Sicherheit bieten kann. [7]

Judith Huber gibt in ihrem Buch Risse im Patriarchat eine kurze Geschichte der Frauenemanzipation, bevor sie die drei schon genannten Ausnahmefrauen zu Wort kommen läßt. Hierbei wird eine afghanische Gesellschaft sichtbar, in der garantiert die Frauen das bevorzugte Geschlecht waren und sind. Angeblicher oder echter Ehebruch führt direkt ins Gefängnis, jahrelang. Die Ehre des Mannes ist alles, was zählt. Die von Joschka Fischer gesponserte Loja Dschirga vom Juni 2002 zeigte dies allzu deutlich. Frauen, die dort öffentlich äußerten, wer für das Morden der letzten 25 Jahre mitverantwortlich war, wurden von den Mudschaheddin niedergebrüllt.

Es reicht nicht, dass heute drei Frauen in der Regierung sitzen und in Kabul viele Frauen wieder an ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt sind - solange der Einfluss dieser Frauen gering ist und ihr Aktionsradius so stark eingeschränkt, dass sie bei jeder grundsätzlichen Kritik an den (angeblich) islamischen Grundwerten um ihr Leben fürchten müssen, wie das Sima Samar geschehen ist. Es reicht nicht, dass Frauen an der Großen Ratsversammlung teilnehmen, wenn ihnen der Mund verboten wird. Es reicht nicht, dass Mädchen offiziell wieder zur Schule gehen dürfen, wenn die Schulen schlecht ausgerüstet, die Lehrer und Lehrerinnen kaum ausgebildet sind - und die meisten Mädchen sowieso mit zwölf aus der Schule genommen und verheiratet, weggesperrt oder zur Arbeit geschickt werden. Oder aus Geldmangel gar nicht zur Schule dürfen. [8]

Judith Huber beschreibt aber auch, mit welchen Tricks und Überlebenskünsten die Frauen Afghanistans selbst in der finstersten Taliban-Zeit Krankenhäuser und Schulen aufgebaut und betrieben haben, nicht zuletzt für Frauen und Mädchen. Ihr Buch ist eine unglaublich gut gelungene Einführung in die afghanische Realität fernab von Mythen, Rechtfertigungsideologien oder platten eurozentristischen Zuschreibungen. Es ist im schweizer Rotpunktverlag herausgekommen, heißt Risse im Patriarchat und kostet 21 Euro. [9]

Stella : Love Kill Army

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte -

heute mit dem dritten Teil von Frauen, Hexen, Männerwahn. Vorgestellt und besprochen habe ich die folgenden drei Bücher:

Zum einen das im Karl Dietz Verlag Berlin erschienene Buch zu Gender Mainstreaming. Die darin versammelten Aufsätze mehrerer Autorinnen und Autoren schwanken zwischen vorsichtiger Hoffnung und grundsätzlicher Problematisierung dieses Konzepts. Wer über vermeintliche Stärken und durchschimmernde Schwächen des Konzepts Gender Mainstreaming besser informiert werden möchte, findet in diesem Buch eine komprimierte und kompetente Zusammenstellung. Das von Barbara Nohr und Silke Veth herausgegebene Buch Gender Mainstreaming aus dem Karl Dietz Verlag Berlin kostet 9 Euro 90.

Weniger empfehlenswert ist die Schwarte von Martin van Creveld über das angeblich bevorzugte Geschlecht. Diese haarsträubende Parforcejagd durch die Menschheitsgeschichte auf der Grundlage pseudowissenschaftlicher anthropologischer ewiger Wahrheiten über Männer und Frauen ist im Gerling Akademie Verlag erschienen und kostet 29 Euro 60.

Frisch aus der Druckpresse kommt das Buch von Judith Huber über Frauen in Afghanistan aus dem schweizer Rotpunktverlag. Paul-Hermann Gruner, Martin van Creveld und ihre Glaubensgemeinde werden ganz sicher auch dieses Buch nicht zur Kenntnis nehmen, denn es paßt nicht in ihr Weltbild. Judith Huber schreibt jedoch nicht nur über Frauen als Opfer, sondern auch über Frauen, die sich nicht haben unterkriegen lassen. Ihr Buch heißt Risse im Patriarchat und kostet 21 Euro.

Das Sendemanuskript aller drei Teile von Frauen, Hexen, Männerwahn mitsamt der Buchvorstellungen könnt ihr auf meiner Homepage noch einmal nachlesen: www.waltpolitik.de. Nächste Woche werde ich voraussichtlich ein brisantes lokales Thema behandeln: das dubiose Geschäft des darmstädter Bauvereins mit der Städtischen Wohnungsgesellschaft von Darmstadts Schwesterstadt Freiberg in Sachsen.

Diese Sendung wird am Dienstag um Mitternacht [10], morgens um 8 Uhr nach dem Radiowecker mit Wafaa Harake und Katharina Mann, und noch einmal am Dienstagnachmittag um 14 Uhr wiederholt. Fragen, Anregungen und Kritik könnt ihr auf meine Voice-Mailbox bei Radio Darmstadt aufsprechen; die Telefonnummer lautet (06151) 87 00 - 192. Oder ihr schickt mir eine Email an kapitalverbrechen@alltagundgeschichte.de. Es folgt nun eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

Tracy Chapman : New Beginning

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Martin van Creveld : Das bevorzugte Geschlecht, Seite 404
[2]   Martin van Creveld : Das bevorzugte Geschlecht, Seite 404-405
[3]   Martin van Creveld : Das bevorzugte Geschlecht, Seite 63
[4]   Martin van Creveld : Das bevorzugte Geschlecht, Seite 64
[5]   Martin van Creveld : Das bevorzugte Geschlecht, Seite 307-308
[6]   Eine Entgegnung auf Paul-Hermann Gruner ist auf der Homepage von Alltag und Geschichte nachzulesen. Die Autorin Anita Kastl, im Mai 2000 Mitarbeiterin des darmstädter Frauenbüros, wollte diese Entgegnung als Leserinbrief im Darmstädter Echo abgedruckt wissen. Dort hatte Paul-Hermann Gruner eine Kurzfassung seines Buches unter dem Titel »Der Mann als Kulturverlierer« am 29. April 2000 abdrucken können. Logisch, er arbeitet ja für's Echo. Der Leserinbrief wurde hingegen erwartungsgemäß nicht gedruckt. So weit geht die männliche Meinungsfreiheit dann doch wieder nicht. Zum Text der Entgegnung.
[7]   Judith Huber : Risse im Patriarchat, Seite 19-20
[8]   Judith Huber : Risse im Patriarchat, Seite 217-218
[9]   Siehe auch Judith Hubers Artikel in der deutschen Ausgabe von Le Monde Diplomatique vom 14. März 2003: Neuer Hut, gleicher Kopf.
[10]  Die Wiederholung des Programms von Radio Darmstadt wurde jedoch schon am Montagabend gegen 23.10 Uhr gestartet.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 23. Dezember 2004 aktualisiert.
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