Kapital – Verbrechen

Hirnforschung

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Hirnforschung
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 14. Juni 2004, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 14. Juni 2004, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 15. Juni 2004, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 15. Juni 2004, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Günter Gassen, Sabine Minol : Unbekanntes Wesen Gehirn, Media Team Verlag Darmstadt
  • Manfred Spitzer : Selbstbestimmen, Spektrum Akademischer Verlag
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_hirnf.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Neuronale Fehlerquellen
Kapitel 3 : Unbekanntes Wesen Gehirn
Kapitel 4 : Akzeptanzforschung
Kapitel 5 : Warum Brasilien Fußballweltmeister geworden ist
Kapitel 6 : Kleiner Philosoph mit guter Botschaft
Kapitel 7 : Schluß
Verwendete Literatur
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Das Thema meiner heutigen Sendung ist die Hirnforschung. Hirnforschung ist gerade in Mode. Allerdings sind Moden im Kapitalismus keine Zufälle. Moden repräsentieren Bedürfnisse, nicht unsere Bedürfnisse, sondern kapitalistische Bedürfnisse. Auch die wissenschaftliche Erkenntnis ist nicht frei davon. Wissenschaft ist nicht so neutral, wie es der Begriff von der Wertfreiheit der Wissenschaft behauptet. Wer forscht und was geforscht wird, ist – von Nischenexistenzen abgesehen – zunächst eine Frage der Ökonomie. Was wird gebraucht, um das wirtschaftliche Potential einer Gesellschaft voranzubringen?

Unter diesem Gesichtspunkt ist natürlich auch die Hirnforschung zu betrachten. Hinzu kommt ein ideologisches Moment. Wo in einer weltweiten, eben globalen Gesellschaft alle Schranken sozialer Errungenschaften niedergerissen werden sollen, weil sie als Hemmnisse profitablen Wachstums angesehen werden, setzen sich auch sozial– und naturwissenschaftliche Theorien und Positionen als mehrheitsfähig durch, welche den voranschreitenden Prozeß legitimieren und unterfüttern. Kein Wunder also, daß Genetik und Soziobiologie – wieder – in Mode gekommen sind. Erklärungsansätze sozialen Verhaltens, welche die gegebene Gesellschaft thematisieren und als Ursache menschlichen Handelns benennen, werden nicht benötigt. Eine kapitalistische Gesellschaft stellt sich nicht selbst in Frage. Sie existiert, also ist sie richtig. So banal klingt das Credo aufgeklärter postmoderner Wissenschaft. Wenn die Menschen einer solchen Gesellschaft nicht richtig funktionieren, also funktional sind für den profitablen Prozeß von Aneignung und Ausbeutung, dann liegt das an den Menschen, nicht an den Umständen. Und von hier ist es dann nicht weit zu Erklärungsmustern wie "evolutionäres Erbe" oder – plumper – "die Gene bestimmen uns". Allerdings hat diese wissenschaftliche Mode einige Folgerungen. Wenn die Gene unser Handeln bestimmen, dann stellt sich die Frage nach dem sogenannten freien Willen. Konsequent veröffentlichte die FAZ Anfang des Jahres einen Gastbeitrag des Hirnforschers Wolf Singer: "Einen freien Willen gibt es nicht", lautete der Tenor des von der FAZ am Tag zuvor angekündigten Beitrags. Und deshalb forderte der Hirnforscher die Reform der Strafprozeßordnung, weil: wer von Genen oder Neuronen gesteuert wird, ist nicht schuldfähig.

Wir sehen, wohin eine solche gesellschaftswissenschaftliche Mode führt: zu Unsinn. Dennoch liegt dieser Unsinn im mainstream ideologischen Gedankenguts. Täglich prasseln neue sensationelle Erkenntnisse der Hirnforschung auf uns ein – und wissenschaftsgläubig, wie wir sind, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als zu glauben, was wir lesen, sehen oder hören.

Als ich vor einigen Wochen anfing, diese Sendung vorzubereiten, wußte ich auch noch nicht so recht, worauf ich mich da einlasse. Heute kann ich durchaus einiges hierzu sagen. Eines vorneweg: Prüft grundsätzliche jede Aussage, die zu Erkenntnissen der Hirnforschung gemacht wird! Denn mitunter zeigt sich sehr schnell, daß die lautstark verkündeten Forschungsresultate einer näheren Prüfung nicht standhalten. Ich werde in dieser Sendung einige Beispiele derartigen Unsinns vorstellen.

Vor allem aber möchte ich in dieser Sendung auf zwei Bücher eingehen, Bücher unterschiedlicher Qualität. Da ist zum einen das vom Darmstädter Biochemiker Hans Günter Gassen in Zusammenarbeit mit Sabine Minol zusammengestellte Buch Unbekanntes Wesen Gehirn. Es liefert eine brauchbare und vor allem klar verständliche Grundlage zum Verständnis der in der Hirnforschung vorgetragenen Behauptungen.

Der an der Universität Ulm forschende Mediziner und Psychiater Manfred Spitzer ist in seinem Buch Selbstbestimmen der Frage nach dem freien Willen nachgegangen und dabei zu haarsträubenden Ergebnissen gekommen. Allerdings war der Autor mit seinem Buch so freundlich, die unwissenschaftlichen Grundlagen der Hirnforschung offenzulegen. Eine ausführlichere Kritik, als ich sie im Rahmen dieser Sendung leisten kann, findet sich im Internet unter www.hirnforsch.de.vu.

Das Sendemanuskript zu dieser Sendung könnt ihr in den nächsten Tagen auf meiner Homepage nachlesen: www.waltpolitik.de. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

 

Neuronale Fehlerquellen

"Ist der Mensch nur ein Automat" fragte Rudolf Grimm am 22. März im Darmstädter Echo. Neuere Ergebnisse der Hirnforschung würden danach Zweifel am freien Willen hervorrufen. Die Argumentation des Bremer Hirnforschers Gerhard Roth läuft beispielsweise darauf hinaus, daß wir uns für getroffene Entscheidungen nachträgliche Begründungen zurechtlegen, also gleichsam etwas rationalisieren, was wir gar nicht selbst bestimmt hätten. Ein freies Bewußtsein gibt es demnach nicht – uns steuern Neuronen und dem Bewußtsein verborgene Hirnprozesse. Doch für eine solche Behauptung fehlen die Beweise.

Der ebenfalls in Bremen lehrende Sozialwissenschaftler Freerk Huisken hat in einer grundlegenden Kritik des von Gerhard Roth vertretenen Ansatzes zwei wesentliche Fehlerquellen herausgearbeitet. Zunächst, so sagt er, ist es doch überhaupt fraglich, woher der Hirnforscher wissen würde, daß der Mensch sich seine Willensfreiheit nur einbilde. Denn Roths eigener Argumentation zufolge sind uns die Konstruktionsprinzipien des Gehirns nicht zugänglich. Wäre es anders, wüßten wir also über die Zusammenhänge Bescheid, dann wären wir auch in der Lage, sie zu durchschauen und selbstbestimmt anders zu entscheiden als die Neuronen wollen. Dieses Paradox eines Hirnforschers wird von einer problematischen Art der Beweisführung flankiert. Behauptet wird, daß das Gehirn bzw. die darin uns verborgenen Prozesse unser Bewußtsein bestimmen und unser Handeln steuern. Freerk Huisken beschreibt eine Argumentation, die darauf hinausläuft, sich zum gewünschten Forschungsergebnis durchzuschwindeln. Es werden auf der Grundlage willkürlicher Voraussetzungen Analogien zusammengetragen, Vermutungen angestellt, enge Zusammenhänge postuliert und schließlich wird aus der Analogie eine Parallele und aus der Parallele wird ein Schluß gezogen – das vorgegebene Resultat.

Anhand des Buches Selbstbestimmen von Manfred Spitzer läßt sich diese verquere Argumentationslogik auch sehr gut darstellen. Aus scheinbaren Parallelen werden durch Gedankenakrobatik urplötzlich gesicherte Erkenntnisse. Freerk Huisken stellt daher in Bezug auf den Bremer Hirnforscher Gerhard Roth völlig zu Recht fest:

Die Beweisführung lebt von einem Fehlschluß: Denn wenn geistige Aktivität als Neuronenaktivität meßbar ist, dann folgt daraus nicht, daß der Naturvorgang der geistige Prozeß ist bzw. den geistigen Prozeß hervorbringt, genauso wenig wie ein Spaziergang, der als Folge von Muskelkontraktionen meßbar ist, damit schon von diesen [Muskelkontraktionen] Richtung, Tempo und Zweck diktiert bekommt. Roth erklärt hier die Neuronenaktivität im Hirn, die die physiologische Verlaufsform des geistigen Prozesses ist, zu dessen Ursache. [1]

Was uns fehlt, um Behauptungen der Hirnforschung sinnvoll bewerten zu können, ist zweierlei. Erstens sollten wir die Grundlagen der Argumentation kennen und zweitens ein eigenes Entscheidungsvermögen entwickeln und uns daher fragen, was als wissenschaftliche Argumentation redlich ist und was nicht. Beides läßt sich anhand von zwei vor einem halben Jahr erschienen Büchern entwickeln – Bücher, die gegensätzlicher kaum sein könnten.

 

Unbekanntes Wesen Gehirn

Günter Gassen und Sabine Minol haben mit ihrem Lesebuch Unbekanntes Wesen Gehirn eine Einführung in die Materie veröffentlicht, die uns genau dieses Grundlagenwissen auf eine anschauliche, verständliche und durchdachte Art und Weise zur Verfügung stellt. Das bedeutet nicht, daß es gänzlich ideologiefrei wäre, aber es zeichnet sich durch kritische Reflektion des Gegenstandes und der Ergebnisse der bisherigen Forschung aus. Vielleicht liegt das auch nur daran, daß der Biochemiker Gassen gänzlich andere Forschungsschwerpunkte und Erkenntnisinteressen besitzt als der Psychiater Spitzer, auf den ich später noch bei der Vorstellung seines Buches Selbstbestimmen zu sprechen komme.

Buchcover Gassen Minol Unbekanntes Wesen GehirnUnbekanntes Wesen Gehirn – der Titel des Buches verrät auch, daß es ein langer Forschungsprozeß war, der zum heutigen zum Teil auch sehr widersprüchlichen Erkenntnisstand geführt hat. Schon in der Antike fragten sich die Philosophen, wo die Seele und das Bewußtsein zu finden seien. Da ihnen dabei die Technologie des 20. und 21. Jahrhunderts nicht zur Verfügung stand, kamen sie mitunter zu erstaunlich falschen Ansichten. Doch sollten wir hier nicht zu selbstgefällig sein, denn auch unser Wissensstand ist begrenzt und zudem mit ideologischem Ballast befrachtet – ein Ballast, der uns an der wissenschaftlichen Erkenntnis hindert. Wenn man und frau bedenkt, daß gewisse noch aus der Antike stammende Modelle allen Ernstes etwa in der Anthroposophie vertreten werden, dann zeigt sich, wie weitreichend der Einfluß spekulativem Gedankenguts ist. Daß im 19. Jahrhundert eine uns heute eher absonderlich vorkommende Theorie namens Phrenologie sogar einen skeptischen Geist wie Karl Marx fasziniert hat, zeigt, wie sehr selbst ernsthafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler außerhalb ihrer Fachgebiete nach Vorgabe ihres Wunschdenkens herumspekulieren.

Die Phrenologie – zur Erklärung – ging davon aus, daß das Gehirn aus einer Vielzahl von einander unabhängigen Einzelorganen bestehe, die man und frau von außen durch Sehen oder Betasten lokalisieren könne. Aus der Form des Schädels wurde so auf die Psyche der Person geschlossen. Günter Gassen und Sabine Minol weisen so in ihrem einleitenden Kapitel darauf hin, daß die Erforschung des Gehirns schon immer fasziniert hat, aber nicht davor schützt, dabei Unsinn zu produzieren. Das sollten wir vielleicht im Gedächtnis behalten. Denn wer sagt uns, daß dies heute anders ist?

Eine wichtige Erkenntnis ist sicher, daß schon das Neugeborene alle rund 100 Milliarden Neuronen besitzt, über die auch erwachsene Menschen verfügen. Das Entscheidende gerade der ersten Lebensjahre ist der Prozeß der Herstellung der Verbindungen zwischen den Neuronen im Gehirn. Dabei werden jede Menge Verbindungen hergestellt, die später nicht mehr benötigt werden. Offensichtlich unterliegen Kleinkinder einer Flut von Informationen, die zunächst ziemlich ziellos verarbeitet werden, bis sich eine Struktur herausgebildet hat. Nicht benötigte Synapsen werden nachträglich wieder entfernt.

Woraus zu folgern wäre: Kinder, die in einer Umgebung aufwachsen, in der sie streßfrei lernen und sich mit der Welt austauschen können, würden optimale Bedingungen vorfinden. Nur wissen wir auch, daß diese Welt nicht so gestrickt ist. Im Kapitalismus gibt es keinen Platz für eine derartige Entwicklung. Die Kinder der nördlichen Hemisphäre werden hierbei allerdings anderen Streß– und Vernachlässigungssymptomen ausgesetzt als die des Südens, wenn ich das einmal etwas vereinfachend formulieren darf. Doch Gassen und Minol legen noch einen anderen Gedankengang als zwingend nahe. Wenn das Gehirn sich selbst auf Grundlage äußerer Einflüsse bildet, gibt es für genetische Vorgaben keine argumentative Notwendigkeit.

Die Autorin und der Autor stellen alsdann die Verfahren der Hirnforschung vor, sprich: wie kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu ihren doch oftmals erstaunlichen Ergebnissen? Doch Technologie ist nicht alles, denn entscheidend ist die Fragestellung und die Herangehensweise. Eine Wissenschaft, die nur das bestätigen möchte, was vorgegeben wird, wird ganz sicher zu unzulässigen oder begrenzt tauglichen Resultaten gelangen. Deshalb ist es vielleicht sinnvoller, die erkenntnistheoretischen Grundlagen zu betrachten. Sabine Minol und Günter Gassen kommen daher auf den Dauerbrenner der wissenschaftlichen Debatte zu sprechen: Dominiert die Veranlagung oder die Erziehung? Ich bin mir nicht sicher, habe aber den Verdacht, daß die beiden einer klaren Antwort ausweichen, wenn sie schreiben:

Vermutlich lässt sich die Frage nach der Wechselbeziehung zwischen genetisch determinierter Veranlagung und postnatal erworbener Erfahrung nur auf der Stufe des Individuums, nie aber als allgemeinverbindliches Konzept klären. [2]

Daß es genetisch vorgegebene Fehlfunktionen, Krankheiten oder Unvollkommenheiten gibt, steht außer Zweifel, allerdings müssen wir hier die Frage stellen, was überhaupt als "normal" und "gesund" gelten soll – und warum? Problematisch jedoch wird es, wenn für Alkoholismus, Depressionen und Schizophrenie eine genetische Komponente angenommen wird. Der Nachweis wäre nur dann zu führen, wenn sicher ausgeschlossen werden kann, daß gesellschaftlich erworbene Faktoren keine oder nur eine beschränkte Bedeutung besitzen. Von diesem Erkenntnisstand ist die heutige Wissenschaft jedoch weit entfernt.

Ein Teil der Hirnforschung beschäftigt sich mit der Auswirkung von sogenannten Aphasien, das sind Gedächtnisstörungen, und Läsionen, also Gehirnschäden. Aus der Erforschung derartiger Aphasien oder Läsionen glaubt man und frau Rückschlüsse darauf ziehen zu können, welcher Teil des Gehirns für bestimmte Prozesse, Gedanken und Funktionen zuständig ist. Ich halte dies ebenfalls für problematisch, auch ohne Experte für Hirnforschung zu sein.

Wenn wir den Gedanken von vorhin noch einmal aufnehmen, nämlich daß Kleinkinder die Informationsflut erst einmal aufnehmen und verarbeiten müssen und dadurch und nur dadurch eine Struktur im Gehirn entsteht, dann folgt daraus, daß Aphasien und Läsionen schon bestehende Strukturen betreffen. Keinesfalls folgt daraus die Erkenntnis, welche Teile des Gehirns welche Funktionen zwingend erfüllen. Ich fand den Gedanken interessant, daß bei Linkshändern Sprache in beiden Hemisphären des Gehirns abgelegt wird, während bei Rechtshändern bestimmte Sprachfunktionen nur rechts vorzufinden sind. Da stellt sich die Frage, wie dies entstanden ist und ob uns das wirklich etwas über den Aufbau des Gehirns sagt. Mir sagt dieses Beispiel nur, daß sich Gehirne unterschiedlich entwickeln können und daß genau diese Fähigkeit genetisch ermöglicht worden ist. Was wir aus unseren Gehirnen machen, ist jedoch nicht vorherbestimmt, sondern gesellschaftlich und sozial, also durch unsere Umwelt wesentlich mitbestimmt. Kein Wunder, daß in einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft so viele Menschen auf der Strecke bleiben.

Wie ihr bemerken könnt, hat mich das Buch von Günter Gassen und Sabine Minol durchaus zu einigem Nachdenken über uns und unser Gehirn angeregt. Doch auch hier kommt es auf das Erkenntnisinteresse an. Da mein Erkenntnisinteresse die Überwindung dieser vollkommen asozialen Weltordnung ist, suche ich natürlich auch nach Erkenntnissen, die uns zu emanzipatorischem Handeln über die Grenzen des Kapitalismus hinaus führen. Und hierbei finde ich gerade ein Buch eines konservativen Biochemikers und einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin am Institut für Biochemie der TU Darmstadt nicht einmal die schlechteste Einführung. Dennoch finde ich den Schluß des Buches, in den richtigen Zusammenhang versetzt, bezeichnend. Anstatt eine kapitalistische Leistungsgesellschaft zu betrachten, bei der es um Profite und nicht um Menschenleben geht, wird ein bißchen herummoralisiert:

Die Neurowissenschaft wird auch heute noch trotz aller antizipierten Nützlichkeiten hauptsächlich von der Neugierde getrieben. Die heraufdämmernde Neurotechnik aber wird vom Kommerz dominiert. Zwar dient als wohlfeile Begründung immer das eingeübte Credo des wissenschaftlichen Fortschritts, nämlich das Leiden der Mitmenschen zu mindern, aber die Frage nach dem "Cui bono" [also: wem nutzt es?] bleibt. [3]

Angesichts der Gesundheitsreform und Millionen verhungernder oder an leicht heilbaren Krankheiten verreckender Kinder verbietet sich eigentlich ein derartiges Herumgedruckse. Dennoch ist es geradezu typisch, wenn als die zwei großen Themen für die nächsten Generationen ausgerechnet die Suche nach vernunftbegabten Wesen im Weltall und die materielle Entschlüsselung unseres eigenen Ichs hingestellt werden. Vielleicht wäre es angebrachter, die vernunftbegabten Wesen auf dieser Erde zu suchen, um mit ihnen dem Kapitalismus ein Ende setzen, und dabei emanzipatorisch das eigene Ich kennenzulernen.

Dennoch: das Buch von Günter Gassen und Sabine Minol ist unbedingt lesenswert und ganz sicher auf seinen 176 Seiten auf eine visuell ansprechende Art erkenntnisfördernd. Es ist im Media Team Verlag Darmstadt erschienen und kostet 29 Euro 90.

 

Akzeptanzforschung

Wissenschaft und Forschung werden in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht als Selbstzweck betrieben – ich sagte es ja schon zu Beginn meiner heutigen Sendung über Hirnforschung. Der von mir dabei schon angesprochene Bremer Sozialwissenschaftler Freerk Huisken hat über den Zusammenhang von Hirnforschung und Zeitgeist folgendes geschrieben:

Die Befunde der Bremer Hirnforschung, die letztlich auf einen, mit viel Aufwand inszenierten, schlichten Fehlschluß zurückzuführen sind, der die natürlichen Bedingungen des Geistes mit ihrer Bedingtheit durch das Gehirn gleichsetzt [...] regen offenkundig niemanden auf. [...] Denn solche Touren der Erklärung sozialer Vorgänge aus Naturprozessen haben zur Zeit gesellschaftlich Konjunktur. Es kommt heute wieder in Mode, z.B. den per Konkurrenz aussortierten, für unbrauchbar oder unerwünscht erklärten oder auf die "schiefe Bahn" geratenen Volksteilen zu attestieren, daß ihre Natur – ihr Genmaterial oder ihre angeborene Leistungsbereitschaft – ihren privaten Aufstiegswünschen nicht entspricht bzw. ein Einkommen oberhalb der Armutsgrenze nicht hergibt. Der "Zeitgeist" muß sich den wissenschaftlichen Reim auf diese Naturalisierung gesellschaftlicher Ausschlußprozesse nicht selbst machen. Er kann auf die Leistungen der freien Geisteswissenschaften zurückgreifen. Die verbeamteten Geistesriesen brauchen nämlich nicht erst solche politischen Konjunkturen, um auf rassistische Theorien zu verfallen. In Psychologie und Pädagogik, aber auch Philosophie und Politologie ist es Tradition, der Menschennatur anzulasten, was ihr von Politik und Ökonomie angetan wird. Diese Abteilungen pluralistischen Denkens reüssieren dann, bekommen Konjunktur und erfahren plötzlich eine öffentliche Wertschätzung, die sie lange vermissen mußten. [4]

Zu diesem Zeitgeist gehört natürlich auch, den Menschen ihr soziales Fehlverhalten als genetisch vorbestimmt vorzuhalten. Die Gene sollen an der Kriminalität mitschuldig sein. Noch einmal Freerk Huisken zu diesem unglaublichen, aber offensichtlich gesellschaftsfähigen Blödsinn:

Die Frage, woher eigentlich die Gene wissen, welche Taten vom Gesetzgeber jeweils als "kriminell" geahndet werden, wie sie in Erfahrung bringen, was als "kriminelle Tat" gilt, da z.B. bei Uniformierten in Ausübung ihres Berufes ganz legal ist, was Privatpersonen als Vergehen angelastet wird, und woher sie Rechtsstaaten von Unrechtsstaaten unterscheiden können, wo so etwas immer erst das Resultat gewonnener kalter oder heißer Kriege ist, stellt [sich ein solcher Hirnforscher] nicht. [5]

Bei meiner Vorstellung des Buches Selbstbestimmen von Manfred Spitzer komme ich auf diesen Sachverhalt noch einmal zurück.

In der Hirnforschung gibt es allerdings auch ideologisch motivierte Unterschiede. Der von Freerk Huisken gnadenlos kritisierte Gerhard Roth vertritt noch einmal ein anderes Menschenbild als Manfred Spitzer, den einen freien Willen durchaus erkennen will. Günter Gassen wiederum, der aus einer ganz anderen Ecke kommt, nämlich der Biochemie, kann dieser Frage insoweit ausweichen, weil sie sein Spezialgebiet, die Blut–Hirn–Schranke, nur am Rande berührt. Bei dieser Schranke handelt es sich um den Filter zwischen Blutstrom und Gehirngewebe, der die Nährstoffversorgung und Abfallentsorgung reguliert.

Hans Günter Gassen war als Biochemiker maßgeblich mit daran beteiligt, Forschungsvorhaben mit universitärer Unterstützung in private Firmen auszulagern. Hieran wird das Interesse an der privatkapitalistischen Nutzung universitärer Infrastrukturen noch einmal verdeutlicht. Anders gesagt: Subventionspolitik. Auch dies ist durchaus ein Zweck universitärer Einrichtungen. Das hehre Ideal von wertfreier Forschung und Wissenschaft bricht sich schnell am kapitalistischen Verwertungszwang. Gerade in den Zeiten, in denen wissenschaftliche Förderung bewußt knapp gehalten wird, wird durch den stummen Zwang der Verhältnisse der wertfreie Wissenschaftsbetrieb in die gewünschten Bahnen gelenkt. Wenn das Prinzip der freiwilligen Unterwerfung nicht ausreicht, werden auch bewußt Einrichtungen geschlossen oder gefördert. Hans–Günter Gassen ist zudem Mitglied der Arbeitsgruppe Gentechnik des Bundesfachausschusses Forschung und Innovation der CDU. So war er Anfang 2002 an der Erstellung eines Gesamtkonzepts für die Bio- und Gentechnik beteiligt. Darin wird eine erstklassige Forschung, die Mobilisierung privater Mittel, die Vernetzung der Forschung, gesellschaftliche Akzeptanz, Rechtssicherheit und Nachwuchsförderung eingefordert. [6]

Für die gesellschaftliche Akzeptanz sorgt er dann auch selbst mit seinen Büchern und Veröffentlichungen, die natürlich dem Zweck dienen, eine Forschungs– und Wissenschaftspolitik zu legitimieren, welche letztlich auf Profit ausgerichtet ist. Daß dabei womöglich Menschen geholfen wird, ist ein eher unbeabsichtigtes Nebenprodukt. Das klingt zynisch, aber so zynisch ist der Kapitalismus nun einmal. Wenn Hans–Günter Gassen, wie auf der Homepage der TU Darmstadt nachzulesen ist, besonders am Herzen liegt,

ein breites Engagement der Bürger zur Unterstützung der Hirnforschung in Deutschland zu erreichen. Dies wollen wir mit spannenden Vorträgen und verständlichen Büchern schaffen. [7]

dann ist dies zunächst einmal nicht verwerflich. Dennoch müssen wir auch bei einem informativen Buch immer die dahinterstehende Absicht der Verfasserin und des Verfassers berücksichtigen, welche über die reine Popularisierung der Hirnforschung hinausgeht. Dies gilt erst recht für ein auch in wissenschaftlicher Hinsicht problematisches Buch wie das des Psychiaters Manfred Spitzer mit dem positiv klingenden Titel Selbstbestimmen.

 

Warum Brasilien Fußballweltmeister geworden ist

Anfang des Monats war der in Ulm forschende Psychiater Manfred Spitzer zu Gast im Schulzentrum Marienhöhe. Er hinterließ dort eine offensichtlich skeptische EchoRedakteurin. Alexandra Welsch schrieb über eine unterhaltsam angebotene Einführung in die Hirnforschung mit Gags und Anekdoten. Doch ihre Skepsis ist berechtigt, wie ein Blick in das Anfang des Jahres im Spektrum Akademischer Verlag erschienene Buch des Autors mit dem Titel Selbstbestimmen zeigt.

Buchcover Manfred Spitzer SelbstbestimmenIch muß zugeben, daß ich nach der Lektüre des ersten der vier Teile des Buches kurz davor stand, das Buch als ein Ärgernis wegzulegen. Ich habe es jedoch nicht getan, sondern weitergelesen und daraufhin eine ausführliche Kritik geschrieben, die ihr im Internet nachlesen könnt, wenn ihr nach dem folgenden Verriß mehr über den Autor, sein Buch und die zugrunde liegenden ideologischen Annahmen wissen wollt. Um den Artikel besser finden zu können, habe ich eigens eine einfach zu merkende Domain eingerichtet: www.hirnforsch.de.vu. So – und jetzt zum Buch!

Manfred Spitzers Ansatz ist ja zunächst einmal sehr sympathisch. Er will uns – im Gegensatz zu seinem Kollegen Gerhard Roth – zeigen, daß die Hirnforschung eben nicht den freien Willen ausschließt, sondern im Gegenteil das Verständnis des Gehirns es uns erst richtig ermöglicht, uns und die Welt besser zu verstehen. Woraus auch folgt, daß dieses Verständnis uns dazu befähigt, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen.

Wo liegt dann das Problem? Nun – auch Manfred Spitzer ist ein Vertreter des neumodisch–postmodernen Ansatzes der Soziobiologie, welche auf zwei Grundannahmen basiert. Erstens: Menschen tragen ihr evolutionäres Erbe mit sich herum; und das bedeutet – sie verhalten sich wie ihre Vorfahren in den Savannen Afrikas. Zweitens: das Verhalten der Primaten, also der Affen und Menschenaffen, lasse Rückschlüsse auf unser eigenes evolutionäres Erbe zu. Daß an all dem die Gene nicht unbeteiligt sind, liegt in der Natur der Sache. Allerdings ist festzuhalten: diese Theorie ist auf unwissenschaftlichen Annahmen, Zirkelschlüssen und männlichkeitsfixierten Vorgaben gegründet. Beweisbar ist sie nicht. Vielleicht möchtet ihr ein Beispiel hören, zu welchem Unsinn dies den Autor befähigt:

Zwillingsstudien zum Einfluss von Genetik und Umwelt auf die verschiedensten Merkmale wurden in den vergangenen beiden Jahrzehnten sehr bekannt. In diesen Studien zeigte sich immer wieder der Einfluss genetischer Faktoren auf die Ausprägung der unterschiedlichsten Merkmale. Wonach auch immer man schaut, Körpergröße, Gewicht, Intelligenz, Blutdruck oder rechtsradikale Gesinnung: Man findet einen Anteil der Genetik an der Variabilität des Merkmals von 30 bis 60 Prozent. [8]

Rechtsradikale Gene – einfach irre!

Witzig ist auch das unvermeidliche Beispiel der körperlichen Fitness:

Ganz offensichtlich ist diese vor allem ein Resultat des Trainings: Wer viel trainiert, der ist kräftig, hat einen gut funktionierenden Kreislauf und wird plötzlichen körperlichen Belastungen viel besser gewachsen sein als ein völlig untrainierter Mensch. Wie schnell jemand rennt, wie hoch er springt oder wie weit sie wirft, ist also, so scheint es zumindest, vor allem eine Frage des Trainings.
Diese Sicht der Dinge ist korrekt, solange man die Gesamtbevölkerung im Blick hat. Sie wird jedoch falsch, wenn man Hochleistungssportler betrachtet. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie alle maximal trainiert sind. Unter diesen Bedingungen werden genetische Unterschiede wichtig, die in der Variabilität der Bevölkerung im Hinblick auf körperliche Fitness untergehen. Bei Spitzensportlern sind die Unterschiede zwischen den Leistungen nur noch sehr gering und – da alle maximal trainieren – vor allem genetisch bedingt. [9]

Also, mal ehrlich! Wie weltfremd darf denn ein Psychiatrieprofessor sein? Nehmen wir der Einfachheit halber einmal an, alle Leistungssportlerinnen und –sportler würden tatsächlich maximal trainieren. Dann gibt es bessere Trainingsmöglichkeiten in dem einen Land, bessere physiotherapeutische Behandlungen im zweiten, mehr finanzielle Motivation im dritten und geschickte Strategien zur Umgehung von Dopingkontrollen im vierten Land. Überhaupt Doping. Das gehört doch zum Leistungssport dazu! Aus all dem kann ich mir erklären, warum Olympiasieger im Skispringen oder Rudern niemals aus Uganda kommen.

Oder wie will mir Manfred Spitzer erklären, daß Brasilien und nicht Deutschland Fußball–Weltmeister geworden ist? Bei Annahme maximalen Trainings müßten die brasilianischen Gene einfach besser gewesen sein. Um es abzuschließen: erstens benötige ich kein einziges Gen, um Leistungsunterschiede zu erklären, und zweitens funktioniert dieses von Manfred Spitzer und den Soziobiologen aufgestellte Weltbild nur unter drastischer Einschränkung möglicher Erklärungen und der Unterschlagung naheliegender Gründe für menschliches Verhalten.

Das hat mit Wissenschaft nichts – mit ideologischen Absichten jedoch eine Menge zu tun! Selbst die vielen an den Haaren herbeigezogenen Forschungsergebnisse müssen in jedem einzelnen Fall auf ihre Wissenschaftlichkeit untersucht werden. Denn zum Teil sind die Versuchsanordnungen haarsträubend! Schlimmer noch: manche der in der Literatur zitierten Experimente haben nie oder nicht so wie dargestellt oder unter schlecht kontrollierten Umständen stattgefunden oder – auch das kommt vor – das glatte Gegenteil des Behaupteten bewiesen. [10]

 

Kleiner Philosoph mit guter Botschaft

So gibt es zum Beispiel die auch von Manfred Spitzer unkritisch wiedergegebenen Studien zur Wirkung des Enzyms Monoaminoxidase A. Männer mit defektem Gen sollen demnach sehr stark zu kriminellem Verhalten neigen. Dies belegt der Autor an Beispielen aus Holland und Neuseeland [11]. Wie gut, daß ich das Buch von Hans Günter Gassen und Sabine Minol gelesen habe. Nüchtern stellen die beiden fest:

Da es jedoch Personen gibt, denen dieses Gen fehlt, ohne dass sie zu Gewalttätern werden, sind die Schlüsse, die aus den Daten gezogen werden, mehr als fraglich. [12]

Stimmt genau. Da der Psychiatrieprofessor aus Ulm es jedoch unterläßt, eine Gesellschaftsanalyse vorzunehmen, um herauszufinden, warum Männer in einer patriarchalen Welt aggressiv sind, kommt er auch nicht auf den naheliegenden Gedanken, daß er als Mann befangen sein könnte. Nein – es muß ein Gendefekt sein.

Ich könnte jetzt ewig so weiter machen, weil das Buch voll derart kruder Gedankengänge ist. Aber mir ist es wichtiger herauszuarbeiten, worin der Sinn dieses öffentlich verbreiteten Unsinns besteht. Ich denke, es hat etwas mit der sozialen Demontage und deren Folgen zu tun.

Wenn der Autor behauptet, in Hallen vor tausend Menschen aufgetreten zu sein [13] – was ich gerne glaube –, bei denen er mit Gags und Anekdoten Sympathie für seine oftmals unbewiesenen Aussagen erweckt, dann muß ich Alexandra Welsch für ihre skeptische Nachbetrachtung loben. Sie ist offensichtlich nicht darauf hereingefallen. Das Muster ist bekannt: Sympathie wecken und dann die Botschaft vermitteln, so daß sie kritiklos aufgesaugt wird. Was ist also die Botschaft?

Die gegenwärtig täglich diskutierten brennenden Probleme unserer Gesellschaft – Gesundheit, Arbeit und Altersversorgung – erscheinen in diesem Zusammenhang in einem neuen Licht: Schmerzen und Nächstenliebe müssen in Euro und Cent verrechnet werden, um eine rationale und faire Lösung zu finden. [14]

Das ist im Grunde genommen nur konsequent: im Neoliberalismus wird auch noch der letzte soziale Kontakt in klingender Münze ausgedrückt. Nur daß der Autor dies mit Hirnforschungsergebnissen abzudocken versucht. Überhaupt ist für ihn der öffentliche Diskurs über die Hirnforschung wichtig. Denn erstens sollen wir alle davon überzeugt sein, wie wichtig es ist, unsere Gene zum Zwecke der Marktoptimierung zu kennen, und zweitens spricht hier ein kleiner Philosoph. In den Worten des Autors:

Wir neigen dazu, unser Schicksal in die Hand zu nehmen, wann immer wir die Gelegenheit dazu haben. Mit hoher Wahrscheinlichkeit scheint zudem folgendes zuzutreffen: Überlassen wir die Frage nach genetischem Screening nationalen Regierungen und dem Markt [...], dann wird sich die kostengünstigere Alternative langfristig automatisch durchsetzen. Ob diese in jedem Fall dem Menschen eher entspricht, sei dahingestellt. Daher ist ein Weiteres klar: Wir sollten über die Fragen ernsthaft nachdenken und können es uns nicht leisten, auf Professionalität auch in diesem Bereich der Wissenschaft zu verzichten. Vielleicht sollten wir also einige der 50.000 neuen Lehrstühle, die der Boom der Genetik mit sich bringt, mit Philosophen besetzen. [15]

Wahrscheinlich zur Abwiegelung. Schon Karl Marx wußte ja, daß Philosophen die Welt in Grund und Boden interpretieren, es aber darauf ankomme, sie zu verändern. [16]

Manchmal verirren sie sich jedoch auch in die banalen Niederungen der Ökonomie. Und dann fangen sie an darüber zu spekulieren, ob denn der Einbruch der Aktienkurse etwas mit Depressionen zu tun habe und das wiederum von der Zufuhr von Serotonin anhänge. So witzig die Argumentation auch sein mag, selbst dem Autor ist klar:

Diese Überlegung lässt sich nicht empirisch überprüfen.

Damit hätte er es auch besser belassen sollen, weil Börsenkurse nun einmal kapitalistische Kennziffern und keine Psychogramme sind. Doch er fährt fort:

In Anbetracht der Tatsache jedoch, dass man im Bereich der Ökonomie erst seit kurzem damit anfängt, emotionale Prozesse überhaupt in das Kalkül mit einzubeziehen, erscheint es aufgrund der Tatsache, dass unser aller Wohl auch von der Börse abhängt [...], ratsam, diese Vorgänge ernst zu nehmen und wissenschaftlich gründlich zu erforschen! [17]

Aus der richtigen Erkenntnis, etwas nicht überprüfen zu können, folgt der falsche Schluß, das Nichtüberprüfbare erst recht zu erforschen. Ich erlaube mir die Anmerkung, daß die 50.000 Lehrstühle offensichtlich mit pseudowissenschaftlichem Unsinn gefüllt werden müssen. Oder soll dies die Aufgabe der wenigen Philosophen auf diesen Lehrstühlen sein?

Ach ja – das Wichtigste hätte ich fast vergessen: die Frage der Freiheit und Selbstbestimmung. Nachdem nämlich Manfred Spitzer uns ausführlichst erklärt hat, wie die Neuronen in unserem Gehirn munter vor sich hin feuern und damit unser Verhalten steuern, kommt er dann doch zu der Frage, wie dann Selbstbestimmung möglich ist. Ich erspare uns seine philosophische Beweisführung und frage lieber danach, warum all diese Möchtegern–Philosophen, die sich mit der Frage des freien Willens abquälen, nicht auf die naheliegende Erklärung kommen.

Denn was, bitte sehr, ist im Kapitalismus der freie Wille? Doch letztlich die ganz und gar selbstbestimmte Entscheidung, sich zum Wohle des Profits und der daran teilhabenden Kapitalbesitzer aufzuopfern. Anders gesagt: wer nix zu fressen hat, krepiert. So wie die auch von Manfred Spitzer angeführten elf Millionen Kinder, die jährlich verhungern oder an leicht heilbaren Krankheiten sterben. Was, wie der Autor ganz bestimmt weiß, nur deshalb so ist, "weil es am nötigen Geld fehlt" [18]. Das stimmt. Die Kinder haben kein Geld und dürfen verrecken. Falsch ist aber, was er meint, nämlich daß kein Geld da sei. Für profitable Mordmaschinen ist bekanntlich immer Geld da.

Ich könnte also glatt auf den Gedanken kommen, ganz selbstbestimmt und ohne durch meine Neuronen dazu bewegt worden zu sein, daß der Autor wie manche seiner Kolleginnen und Kollegen mit Absicht am entscheidenden Problem vorbeidiskutieren. Selbstbestimmung wäre dann nämlich, diese entfremdete Gesellschaft mit all ihren tödlichen Folgen einfach abzuschaffen. Dazu benötige ich allerdings weder Screening noch Hirnforschung, sondern einfach nur Einsicht die materiellen Verhältnisse dieser Welt, die danach schreit, verändert zu werden.

Manfred Spitzer hat hierzu sein Buch Selbstbestimmen mit dem Untertitel Gehirnforschung und die Frage: Was sollen wir tun? anzubieten. Es hat 426 Seiten, ist im Spektrum Akademischer Verlag erschienen und kostet 29 Euro 95. Schade um die dafür abgeholzten Wälder.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute zum Thema Hirnforschung. Bei den beiden in dieser Sendung besprochenen Bücher handelt es sich um:

  • Unbekanntes Wesen Gehirn von Günter Gassen und Sabine Minol, erschienen beim Media Team Verlag Darmstadt zum Preis von 29 Euro 90 und
  • Selbstbestimmen von Manfred Spitzer, erschienen im Spektrum Akademischer Verlag zum Preis von 29 Euro 95. Eine ausführlichere Kritik der methodischen Unsauberheiten des Buches könnt ihr im Internet nachlesen unter: www.hirnforsch.de.vu.

Zum Schluß noch ein kurzer Hinweis auf die Ausstellung Hornhaut auf der Seele über die Geschichte der Verfolgung der Sinti und Roma in Hessen. Die Ausstellung ist ab Mittwoch in der Bertolt–Brecht–Schule zu sehen. Weitere Informationen hierzu gibt es auf der Website www.sinti–roma–hessen.de.

Das Sendemanuskript zu dieser Sendung gibt es in den nächsten Tagen auf meiner Homepage nachzulesen: www.waltpolitik.de. Das aktuelle Programm von Radio Darmstadt liegt in sechstausendfacher Auflage an etwa 150 Verteilstellen in Darmstadt und Umgebung aus. Regelmäßig aktualisiert gibt es unsere Programmvorschau auch im Internet, ganz ohne http und Doppelslash; einfach: programm.radiodarmstadt.de eingeben. Und passend dazu verrät uns in wenigen Minuten Gerhard Schönberger in seiner Sendung Nickelodeon, was die Flimmerkiste in nächster Zeit Sehenswertes zu bieten hat.

Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt war am Mikrofon Walter Kuhl.

 

 

VERWENDETE LITERATUR

 

 

 

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Freerk Huisken : Zur Kritik Bremer "Hirnforschung"
[2]   Gassen/Minol, Unbekanntes Wesen Gehirn, Seite 102
[3]   Gassen/Minol, Unbekanntes Wesen Gehirn, Seite 176
[4]   Huisken, Zur Kritik ...
[5]   Huisken, Zur Kritik ...
[6]   Deutschland braucht ein Gesamtkonzept in der Bio– und Gentechnik, Pressemitteilung der CDU–Bundesgeschäftsstelle vom 5. März 2002
[7]   Nachzulesen hier
[8]   Spitzer, Selbstbestimmen, Seite 108
[9]   Spitzer, Selbstbestimmen, Seite 105–106
[10]  Buchholz, Psych–News–Letter, Seite 3
[11]  Spitzer, Selbstbestimmen, Seite 110–113
[12]  Gassen/Minol, Unbekanntes Wesen Gehirn, Seite 103
[13]  Spitzer, Selbstbestimmen, Seite 61
[14]  Spitzer, Selbstbestimmen, Seite 195
[15]  Spitzer, Selbstbestimmen, Seite 124
[16]  Karl Marx : Thesen über Feuerbach, in: Marx–Engels–Werke, Band 3, Seite 7 bzw. Seite 533
[17]  Spitzer, Selbstbestimmen, Seite 280
[18]  Spitzer, Selbstbestimmen, Seite 361

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 4. Juli 2006 aktualisiert.
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