DFB Zentrale
Der grüne Fußball des deutschen Bundes

Kapital – Verbrechen

Jubel in Deutschland verdrängt und feiert das Elend

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 25. Juni 2012, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 25./26. Juni 2012, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 26. Juni 2012, 05.10 bis 06.10 Uhr
Dienstag, 26. Juni 2012, 11.10 bis 12.10 Uhr

Zusammenfassung:

Die einen hupen deswegen wie verrückt, die anderen machen daraus ein Geschäft. Die einen lassen die Sau raus, die anderen melken das ledervernarrte Publikum. Der ideologische Gehalt des Fußballspiels läßt sich vielfältig ganz und gar herrschafts­konform nutzen.

Ein besonderer Dank geht an Mario Balotelli.

Besprochenes Buch:

Michael Fanizadeh, Gerald Hödl, Wolfram Manzenreiter (Hg.) : Global Players – Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballs, Brandes & Apsel Verlag

Playlist:

Strom und Wasser featuring The Refugees, daraus die ersten vier Stücke

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Einleitung: Balla balla und die Blutprobe 

Jingle Alltag und Geschichte

Wolle-mer-se-rauslasse? Was, wer, wen, wie? Na, die Sau! Ja, klar doch. Ein Anlaß findet sich immer. Und immer dann, wenn deutsche Millionäre auf grünem Rasen herumwuseln und eine Plastikkugel mehr in ein anderes Netz legen als anders eingefärbte bezahlte Animateure, dann flippen Millionen Sauraus­lasser aus. Die psychologische Erklärung, weshalb ein ganzes wildgewordenes Kollektiv sich passende Anlässe sucht, um orgiastisch in aller peinlichen Öffent­lichkeit herumzustöhnen, herumzuschreien und herumzugrölen, mag in der Beschränkung ihrer üblichen Lebens­äußerungen liegen.

Der Streß in Beruf und Familie, die Anpassungs­leistungen und Verleugnungen, die Job und Partnerschaft einfordern, die Hatz nach Schnäppchen und im Berufsverkehr, all dies und noch viel mehr ist ja nicht so ohne weiteres zu ertragen. Jede Klassen­gesellschaft hat sich hierzu ein Ventil geschaffen. Die Römer kannten die Saturnalien und im Mittelalter gab es einen ritualisierten Karneval, in dem für kurze Zeit alle Hemmungen (und zivilisierten Hüllen) fallen gelassen werden durften. Doch dies allein reicht nicht aus. Brot und Spiele sind das eine, aber richtige Kriege waren schon immer ein bewährtes Mittel zur Triebabfuhr.

Die kapitalistische Gesellschaft hat dem den Konsum von gehirn­verkleisternder und konformistischer Massenware hinzugefügt. Kino- und Musikkonsum gehören genauso dazu wie der Besuch von Gladiatoren­spielen in familiengerecht aufgemotzten Stadien und Hallen. In stetem Wechsel kennt der Sport die Fußballwelt- und -europameisterschaften, die Olympischen Spiele, und zwischendurch die Weltmeister­schaften verschiedener Disziplinen, Wimbledon, die Tour des France oder überhaupt jede regionale, nationale oder internationale Meisterschaft. Und damit das Publikum mitzieht, bedarf es nicht nur bezahlter Animateure, sondern auch der sozialen Vergesellschaftung, also sozusagen den Sport 2.0. Dieser wird nicht nur einfach auf Steh- oder Sitzplätzen konsumiert, nein, das Publikum wird Teil der Choreografie selbst. Ob mit oder oder bengalischem Feuer, Sprechgesängen oder La Ola-Wellen, die Aktivierung der Bürgerinnen und Bürger findet auch im Freizeitverhalten statt. Und das Publikum zieht mit.

Nach dem Spiel geht die Show weiter, zumindest dann, wenn das ideelle Gesamtpublikum sich vor dem Fernseher erhoben oder von der Fanmeile verabschiedet hat. Dann wird die Feier noch einmal inszeniert, wobei es hier – und nur hier – erlaubt und sogar geboten ist, die üblichen Regeln des Anstandes und der Unterordnung zu ignorieren. Unmiß­verständlich werden deshalb alle Regeln der den Autowahn zivilisierenden Straßen­verkehrsordnung über Bord geworfen, wobei das Dauergehupe balla-balla-verblödeter männlicher Selbst­darsteller noch das geringste aller Übel darstellt. Interessant wäre es, wenn die Darmstädter Polizei von allen fußball­besoffenen Fahrzeug­lenkern (vielleicht auch einigen wenigen Fahrzeug­lenkerinnen) eine Alkoholprobe nehmen würde. Das würde nicht nur für eine Masse eingezogener Führerscheine sorgen, sondern für einige Zeit auch die Staugefahr auf deutschen Straßen drastisch mindern. Meint Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

Der Patriotismus der Möchtegerngewinnler

Um auf den psychologischen Sinn derartiger autistischer Selbst­inszenierungen zurückzukommen: Die Triebabfuhr bedarf der permanenten Wiederholung. „Solchen Reinszenierungen liegt der Wunsch zugrunde, das Erlebnis der Hilflosigkeit, Verletztheit und Demütigung in ein Erleben des Triumphes zu verwandeln.“ So der Psychoanalytiker Bernd Nitzschke mit Bezug auf Josef Breuer und Sigmund Freud. Das im Juni 2006 eingeführte „Sommermärchen“ muß deshalb immer und immer wieder reinszeniert werden. Doch dies allein verschafft keine Befriedigung. Selbige Befriedigung muß immer schneller, immer häufiger und immer früher vonstatten gehen, damit der Kick nicht zu schal wird. Da muß auch schon einmal der Sieg deutscher Millionäre gegen drittklassige griechische Fußballzwerge herhalten, um den eigenen Größenwahn zu befriedigen. Zukünftig wird dann wohl schon ein Sieg im Qualifikations­spiel gegen Liechtenstein zum Vorwand genommen werden müssen, um die Sau durch Darmstadts Straßen zu fahren.

Derart kollektiv aufgeputschte Massen, die jegliches rationale Denkvermögen über Bord geworfen haben und sich statt dessen mit einem nationalen Fetisch amüsieren, lassen sich auch für andere Zwecke instrumentalisieren. Und es ist ja so: von Deutschlands marktwirt­schaftlicher Vormacht­stellung profitieren hierzulande derart viele Menschen – oder möchten es nur allzu gerne, um dazu zu gehören –, daß sie jegliche Gedanken an Solidarität und Mitgefühl verwerfen.

Sicher – mann und frau kann sich an einem Schauspiel erfreuen, und nichts anderes ist ein Fußballspiel auch. Hochbezahlte Laiendarsteller oder – wie beim Frauenfußball – Laien­darstellerinnen, liefern eine Ware ab, die alles andere als sinnfrei ist. Jedes gute Schauspiel hat die Sittlichkeit einer Gesellschaft zu befördern. Das daraus abgeleitete Schauspiel­genre des Hollywood­films wird daher auch immer mit system­konformen, und das heißt vor allem: patriarchalen, Werten und Normen garniert sein und ein garantiert positives, meist verkitschtes, Ende hervorbringen. Daß selbiges mitunter ziemlich krampfhaft und an den Haaren herbeigeholt zusammen­gestümpert wird, darf nicht verwundern. Seit der Jungsteinzeit lebt jede Ideologie davon, sich die Welt nach den vorherrschenden Interessen zusammenzubiegen.

Und so also, wie ein Schauspiel Sittlichkeit vorzutragen hat, ist auch der moderne Fußball angehalten, die passenden Werte einer aufgeklärten neoliberalen Demokratie vorzuführen und in die Hirne und Herzen des Publikums zu transportieren. Hier ist der Star das Team, und Joachim Löw mag es daher gar nicht, wenn seine Jungs sich vorlaut hervortun und ihre Eigen­vermarktung dem kollektiven Dünkel vorziehen. Otto Rehhagel hat diese neoliberale Anpassung einmal treffend als „demokratische Diktatur“ bezeichnet. Griechenland, Spanien und bald auch Italien lernen das Diktat derselben „demokratischen Diktatur“ recht drastisch kennen. Wohl dem Fan und der Fanin, die solcherlei autoritäres Gedankengut laut johlend feiern. Sie haben damit soeben ihre eigene Unterwerfung unter das Diktat des Marktes vollzogen.

Denn das nationalistische Brimborium oder – wie dies im gewendeten Neusprech heißt – der deutsche Patriotismus ist keine Veranstaltung im herrschafts­freien Raum. Er kommt den herrschenden Eliten überaus gelegen, die gerade mit Milliarden­aufwand ihre krisen­geschüttelten Schäfchen ins Trockene bringen, während über uns das Diktat der Schuldenbremse ausgebreitet wird. Allerdings sollten wir nicht vergessen, was Deutschland wirklich bedeutet: es bedeutet Hunger in Griechenland, ersoffene Flüchtlinge im Mittelmeer, Förderung des Frauenhandels im Kosovo direkt vor der Nase der Bundeswehr in Prizren, es bedeutet Waffen­geschäfte mit Diktatoren, bombardierte Frauen und Kinder in Afghanistan, sowie Schlecker-Frauen, die jahrelang ausgebeutet und nun wie ausgequetschte Zitronen weggeworfen worden sind, oder die Beschäftigten von Serono in der Schweiz, die von Merck der Dividende wegen gefeuert werden. All dies wird mit derselben patriotisch-deutschen Geste dann eben auch mitgefeiert. Und die Liste der aus Deutschland stammenden Verbrechen des aufgeklärten 21. Jahrhunderts ließe sich durchaus erweitern.

Wenn Angela Merkel, ausgerechnet zum Spiel gegen die griechische National­mannschaft, sozusagen als verhöhnende Geste gegenüber den Griechinnen und Griechen, die unter dem deutschen Spardiktat ächzen und stöhnen, im Stadion von Gdańsk herumhüpft wie eine aufgezogene Marionette, und dies, um den Hohn auch deutlich sichtbar zu machen, in aller epischen Breite auf Stadionleinwänden und Fernseh­bildschirmen unter Wiederholungs­zwang zelebriert wird, dann steckt dahinter eine Botschaft. Diese Botschaft hat eine Kehrseite, welche die Tageszeitung junge Welt in ihrer Bild-Parodie am vergangenen Samstag [23. Juni 2012] so kommentiert hat: „Lustige Hüte in Nationalfarben werden grundsätzlich von Leuten getragen, die zwischen Europa­meisterschaft und Weltmeister­schaft trübe Tassen und absolute Langweiler sind.“ Auf gut Deutsch also: hier regiert der Dumpfbacken-Mainstream.

 

Heilserwartungen auf Deutsch und US-amerikanisch

Nun ist die Heilserwartung kein exklusives Kennzeichen gesinnungs­patriotischer deutscher Dumpfbacken, also dem Völkchen, auf das Bundespräsident Joachim Gauck setzt, wenn er die Bundeswehr zu einem Friedensmotor verklärt. Das sehen die Angehörigen der von selbigem Friedensmotor Ermordeten nun wirklich ganz anders, aber das kümmert das Jubelvolk nicht. Heilserwartung findet sich beispielsweise auch im evangelikalen Umfeld US-amerikanischer Fundamentalisten oder in der Illusion, der Friedens­nobelpreisträger Barack Obama bringe den Frieden überall dorthin, wo seine Armee raubt, plündert und mordet. Der in den USA eingekerkerte Mumia Abu-Jamal zieht eine recht realistische Bilanz der Präsident­schaft eines solchen Friedensfürsten:

Für viele Menschen, die unter der Regierungszeit von Ex-US-Präsident George W. Bush stöhnten, schien die Amtsübernahme durch seinen Nachfolger Barack Obama eine Erlösung wie die aufgehende Frühlings­sonne nach einem Chaos und Zerstörung bringenden Sturm zu sein. Wer konnte schon ahnen, daß sich der Aufstieg Obamas gewissermaßen als eine Fortsetzung der Ära Bush entpuppen würde? Bush lebte mit den Kriegen seine Sturm- und Drangzeit aus und gab gern damit an, ein »Kriegspräsident« zu sein. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger spricht Obama jedoch selten über den Krieg. Er prahlt nicht damit, führt den Krieg aber mit einer Intensität, die man nur als niederschmetternd bezeichnen kann. […]

In Wahrheit ist Obama jedoch weitaus martialischer als Bush. Seine Krieg­führung ist technologisch ausgefeilter und zielgerichteter, und im Gegensatz zu Bush redet er weniger darüber. Ein Kommentator sagte, Obama sei wie ein unter Steroide gesetzter Bush – geräuschloser, aggressiver und noch skrupelloser. […]

Ist es das, wohin die Reise geht? Und welche Rolle gedenken Frau Merkel und Herr Gauck bei so viel Schlächterei ihrem Friedensmotor zuzuschreiben? Und weshalb promotet das Computerspiele-Magazin auf diesem Sender sogenannte Spiele, die eher einem virtuellen Massaker gleichen?

 

Die Rumpler sind unterwegs

Doch kommen wir zu den durch und durch deutschen Ekstasen eines vom Medienzauber hypnotisierten Publikums zurück. Vor zehn Jahren fand in Südkorea und Japan eine Fußball­weltmeisterschaft statt. Damals mußten sich die deutschen Millionäre erst über zwei Ausscheidungs­spiele gegen die Ukraine qualifizieren, weil der deutsche Rumpel­fußball allenfalls zweitklassig war. Und so rempelte und rumpelte sich die von Oliver Kahn und Michael Ballack angeführten Rumpel­fußballer bis ins Finale.

Eine spanische Zeitung schrieb fassungslos, daß diese Deutschen irgendetwas spielten, das gewiß kein Fußball sei, aber zum Leidwesen der übrigen Welt immer gewönnen. Wobei natürlich recht hilfreich war, daß der schottische Schiedsrichter Hugh Dallas im Spiel gegen die US Boys freundlicher­weise ein Handspiel von Torsten Frings auf der Torlinie übersah. Zur selben Zeit gaben Michael Fanizadeh, Gerald Hödl und Wolfram Manzenreiter im Frankfurter Verlag Brandes & Apsel ein Buch über den globalen Fußball heraus, das analytisch aus der Mainstream-Bericht­erstattung herausstach. Und weil es auch heute noch sehr gut zu den Ballspielereien in Polen und der Ukraine paßt, zumal das Buch weiterhin lieferbar ist, leite ich zu meiner damaligen Besprechung über.

Diese Buchbesprechung mit einigen einleitenden Worten zur kulturellen Deutung durch Außerirdische habe ich am 10. Juni 2002 in meiner Sendung König Fußball regiert die Welt vorgetragen; sie ist im dortigen Sendemanuskript nachzulesen.

 

Schluß

Zum Abschluß meiner heutigen Sendung in den Räumen von Radio Darmstadt, so viel Senderkennung muß sein, also des hiesigen Vereinsfunks, möchte ich noch kurz auf zwei interessant klingende Termine hinweisen.

»»  Newo Ziro – Neue Zeit; ausführlicher Veranstaltungs­hinweis hier.

»»  Die Kinder der Villa Emma; ausführlicher Veranstaltung­shinweis hier.

Die in dieser Sendung gespielten Musikstücke entstammen der CD Strom und Wasser featuring The Refugees. Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.


Diese Seite wurde zuletzt am 17. Juli 2012 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2012. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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