Schulranzen an der Fassade
Die Trauben der Erkenntnis hängen hoch

Kapital – Verbrechen

Kinderqualen

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 20. Oktober 2008, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 20./21. Oktober 2008, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 21. Oktober 2008, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 21. Oktober 2008, 16.00 bis 17.00 Uhr

Zusammenfassung:

Schulprobleme sind Probleme der Gesellschaft. Hierbei vermitteln sich Leistungsdenken, Profitstreben und Effizienzgedanken mittels eines selektiven Schulsystems, bei dem vor allem diejenigen durch das Raster fallen, die dem psychischen Druck des Normativen nicht stand halten (können). Das Syndrom ADHS verweist auf gesellschaftliche Defizite, die jedoch individualisiert und biologisiert werden. An die Stelle einer (reparierenden) Therapie tritt das Ruhigstellen der Störung durch Ritalin und andere Psychopharmaka. Hier wird eine Verrücktheit durch eine andere „geheilt“.

Besprochene Bücher:

Playlist:

Pierre Henry : Psyche Rock

»»  Siehe auch das Gespräch, das Jens Wernicke mit Dieter Mattner, Professor für Heil- und Sonderpädagogik im Ruhestand, geführt hat. Veröffentlicht auf den NachDenkSeiten am 26. November 2013.


Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Das deutsche Schulsystem ist in die Kritik geraten [1]. Die PISA-Studien [2] zeigen eine mangelnde Effizienz im internationalen Vergleich [3]. Gleichzeitig läßt sich der Selektionsmechanismus der Schulen nicht mehr leugnen [4]. Wer hat, dem oder der wird gegeben. Und so schwirren als Allheilmittel viele Modelle im Raum: Tagesschulen, G8 [5], alternative Schulmodelle, Vorschulunterricht und jetzt als neuer Einfall das gemeinsame Lernen aller Schülerinnen und Schüler bis hin zur 9. Klasse in einer Ganztagsschule, um – wie argumentiert wird – mehr Raum für die individuelle Förderung zu öffnen. So jedenfalls klingen die Vorstellungen der hessischen SPD und der Grünen, sollten sie die Landesregierung stellen. [6]

Und die Kinder? Die werden erst gar nicht gefragt. Statt dessen wird über ihre Köpfe und Fähigkeiten hinweg darüber verhandelt, welches Modell sich am besten dafür eignet, das zukünftige Humankapital effizient, leistungsorientiert und den unterschiedlichen Bedürfnissen der Wirtschaft angepaßt zu dressieren. Das kann natürlich nicht gut gehen. Kinder sind keine Rohmaterialien, die auf ein Bildungsfließband gelegt werden können. Und so ist es kaum verwunderlich, daß an deutschen Kindergärten und Schulen über eine zunehmende Zahl von Kindern, meist Jungen, gestöhnt wird, die sich dem pädagogischen Drill lautstark, aggressiv und mittels unsozialen Handelns verweigern.

Das Problem hat einen Namen: ADHS – Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Es wird als eine Krankheit betrachtet. Kinder, die in diese Schublade fallen, werden mit Medikamenten vollgepumpt, deren bekanntester Vertreter Ritalin ist. Es geht also um das Ruhigstellen von Kindern und Jugendlichen. Die Frage, weshalb sie so geworden sind, bleibt weitgehend ungestellt. Und das hat Gründe. Gründe, auf die ich in meiner heutigen Sendung zu sprechen kommen möchte. Denn ich empfinde diesen Umgang mit Kindern und Jugendlichen als Kinderquälerei.

Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte ist Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

Wozu Bildung da ist

Bildung ist ein solch hohes Gut, daß wir seit einiger Zeit den lebenslangen Lernknast verordnet bekommen haben. Das Stichwort des lebenslangen Lernens ist jetzt schon etwas älter und verweist auf die veränderten Bedürfnisse der Industrie am Ende der fordistischen Ära in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Plötzlich wurde festgestellt, das einmal erworbene Wissen reiche nicht mehr aus. [7]

Der hiermit eingeleitete Paradigmenwechsel besagt, daß wir uns den sich immer schneller wechselnden Anforderungen nur dadurch anpassen könnten, daß wir früher erworbenes Wissen immer wieder auffrischen oder durch neues Wissen ersetzen sollen. Davon lebt inzwischen eine ganze Industrie der Schulungskurse, Bildungsträger und Coaches, wobei nicht zu verkennen ist, daß wie im richtigen Leben eine kleine Schicht den Rahm abschöpft und die vielen, meist freiberuflichen Trainerinnen und Trainer sich schlecht bezahlt durchschlagen müssen.

Was ist überhaupt Bildung? Wenn wir den Propheten des Bürgertums Glauben schenken, dann ist Bildung ein hohes Gut, das möglichst viele Menschen erreichen sollte. Statt dessen erleben wir jedoch, daß viele Menschen von dieser Bildung ausgeschlossen werden. Wer sich kein Hochschulstudium leisten kann, hat eben Pech mit seiner Bildungschance gehabt. Wer als Migrantin oder Migrant der zweiten, dritten oder gar schon vierten Generation durch die Maschen der Integration gefallen ist, landet sehr bald in den Warteschleifen von Trainingsmaßnahmen oder Berufsvorbereitungsjahren. Statt Lehrstellen erwartet sie Stumpfsinn und Perspektivlosigkeit. Offensichtlich ist mit Bildung etwas ganz Spezifisches gemeint, das im öffentlichen Diskurs nicht offen so genannt werden darf: Selektion, Auslese, Nutzbarmachung, Ausgrenzung der Überflüssigen und Nichtbrauchbaren.

Das im 18. Jahrhundert entstandene Bildungsideal galt zunächst nur für die männlichen Sprößlinge der herrschenden oder zur Herrschaft drängenden Klassen – also für den Adel und das Bürgertum. Die Kinder der Arbeiterklasse waren hiervon zunächst ausgeschlossen. In Zeiten, in denen Kinderarbeit die Norm war, war selbst die einfachste Schulbildung Luxus. Doch bald bemerkte die aufstrebende Bourgeoisie, daß sie in gewissem Umfang brauchbare Arbeitskräfte benötigte. Zum einen mußten diese fleißig und ordentlich sein, zum anderen gewisse Strukturen verinnerlicht haben, etwa Pünktlichkeit. Minimale Fähigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechnen waren ebenso erforderlich. Wie sonst sollte eine Arbeitsarmee funktionieren, wenn man immer daneben stehen und den Arbeiterinnen und Arbeitern alles immer wieder erklären muß?

Somit wurde eine rudimentäre Volksschulbildung eingeführt, in der das Nötigste vermittelt wurde. Doch der technische Fortschritt und damit einhergehend der bürokratische Verwaltungsapparat erforderte eine immer größer werdende Anzahl von ausreichend gebildeten Fachkräften, die alleine aus der Jugend des Adels und des Bürgertums nicht zu rekrutieren waren. Daher mußte man wohl oder übel auch Kindern aus der Arbeiterklasse mehr Bildung zugestehen. Jahrzehntelang galten sie in den Schulen und Universitäten als Außenseiter. Sie konnten sich anzupassen versuchen, wie sie wollten, so richtig akzeptiert wurden sie nie.

Wir ersehen daraus, daß alle Bildungsfragen Fragen der ökonomischen Nutzbarmachung des Humankapitals sind. In der Regel geht es nicht darum, uns Bildung um der Bildung willen zu vermitteln. Die Ressourcen werden bewußt knapp gehalten, um nur diejenigen durchsickern zu lassen, die mit diesen Bedingungen am besten klarkommen. Nicht für die Schule lernen wir, sondern für das entfremdete Leben da draußen.

ZeugniskopfAllerdings geht es bei diesem Lernen nicht nur um das Rechnen und Schreiben, sondern auch darum, sozialadäquate Verhaltensnormen zu erwerben. Das ist der sogenannte heimliche Lehrplan. In früheren Zeiten waren daher die sogenannten „Kopfnoten“ von entscheidender Bedeutung. Da ging es beispielsweise um „Führung“ und „Ordnung“, um die „Beteiligung am Unterricht“ und um den „häuslichen Fleiß“. Auch die Handschrift wurde benotet. Schließlich mußte man oder frau ja später, also noch vor der Verbreitung der computerisierten Textverarbeitung, einmal alles handschriftlich niederlegen; und Dritte sollten das ja lesen können. [8]

Die Maschen waren also fein gestrickt, so daß sich die bürgerliche Gesellschaft den Rahm aus der durchaus vorhandenen Intelligenz der Arbeiterklasse abschöpfen konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet das deutsche Ausbildungssytem zunächst einmal nicht in eine allzu große Schieflage. Die Wirtschaft florierte und die benötigten ausgebildeten Arbeitskräfte wurden ja freundlicherweise in der DDR hervorragend ausgebildet, bevor sie in den Westen abwanderten. In der DDR waren die Klassenschranken der Bildung aufgehoben worden. Damit war 1961 Schluß. Es wurde der Bildungsnotstand verkündet. Die westdeutschen Wirtschaftseliten mußten sich neue Wege ausdenken, wie sie an brauchbares und passend ausgebildeten Humankapital herankamen.

Die Studentenbewegung der 60er Jahre brachte hier zusätzlich frischen Wind in die bildungspolitische Debatte. Der Begriff des „Bildungsnotstands“ wurde übernommen, aber mit neuem Inhalt gefüllt. Zumindest der kritische Teil der damals Studierenden war sich im Klaren darüber, daß die Ausbildung in Schule und Universität nicht das Wohlergehen der Schülerinnen und Studenten zum Ziel hatte. Hier ging es um den nackten Profit. Schulen galten zurecht als Sozialisationsanstalten, in denen die autoritären Normen der bürgerlichen Gesellschaft eingeprägt werden sollten. Die Universitäten füllten sich mit immer mehr jungen Menschen und waren sowohl von ihren Kapazitäten her als auch gedanklich (heute würde man oder frau sagen: mental) vollkommen überfordert. Die althergebrachte Ordinarienuniversität trug noch den Muff von tausend Jahren in sich und gehörte somit zerschlagen.

Ob und inwieweit die Studentenbewegung sich hier als ausführendes Organ des stummen Zwangs der Verhältnisse betätigte, soll hier nicht weiter vertieft werden. Es zeigte sich jedoch, daß nicht wenige Forderungen der Studentenbewegung kompatibel waren mit den Erfordernissen des Kapitals nach einer Öffnung der Hochschulen und einer Demokratisierung des Bildungssystems ingesamt.

Die 68er orientierten sich an der Che Guevara zugeschriebenen Aussage: „Seid realistisch, fordert das Unmögliche!“ Und so ähnlich lautet auch der Titel eines spannend zu lesenden Sammelbandes über die Pädagogik der 68er, der vor kurzem von Meike Sophia Baader im Beltz Verlag herausgebracht worden ist.

 

Klassenfragen

Besprechung von : Meike Sophia Baader (Hg.) – „Seid realistisch, verlangt das Unmögliche!“ Wie 1968 die Pädagogik bewegte, Beltz Verlag 2008, 279 Seiten, € 16,90

Die Erziehungswissenschaftlerin Meike Sophia Baader stellt in ihrer Einleitung zum Sammelband „Seid realistisch, verlangt das Unmögliche“ fast schon ein wenig überrascht fest, daß bei den Beiträgen zur vierzigsten Wiederkehr des mythisch aufgeladenen Jahres 1968 die pädagogische Dimension weitgehend ausgeklammert bleibt.

Die kulturelle Seite der Protestbewegung, ihre Auswirkungen auf die Lebenswelten und die Lebensführung, auf Erziehung, auf Familienformen, das Geschlechter- und Generationenverhältnis und auf die pädagogischen Institutionen wird kaum genauer ergründet. […] Dabei gehört die pädagogische Dimension zu den Besonderheiten der westdeutschen 68er-Aufbrüche und markiert einen Unterschied im Verhältnis zu anderen Ländern. [9]

Es ging um die Legitimation von Autorität und davon abgegrenzt um den Aufbau antiautoritärer Strukturen. Ich erinnere hier nur nebenbei daran, daß Rudi Dutschke zumindest nach außen hin ein vehementer Vertreter des antiautoritären Gedankenguts gewesen ist. Die Fragestellung war aufgrund der deutschen Geschichte klar:

Wie lassen sich Erziehungsverhältnisse so gestalten, dass die nachfolgenden Generationen nicht mehr anfällig für ein System wie den Nationalsozialismus würden, sondern den Mut, die Kraft und die Ich-Stärke zum Widerstand und Protest aufbringen würde? [10]

Somit wurde die Kindheit zum Gegenstand politischer Erörterungen. Noch vor dem Schulbesuch erlernen Kinder im autoritären Milieu der bürgerlichen Familie grundlegende Verhaltensweisen. Auch die Familie als Sozialisationsagentur war kritisch hinsichtlich ihrer Funktion zur Aufzucht verwertbarer Produzenten und Konsumentinnen zu hinterfragen. Somit stand zu Anfang

die Weigerung, die eigenen Kinder nach Prinzipien des Gehorsams und der Unterordnung zu erziehen. [11]

Insbesondere die entstehende Frauenbewegung war es, die es zurückwies, daß Frauen für die Erziehung der Kinder im Vorschulalter verantwortlich zu sein hatten. Die Aufweichung der klassischen Rollenmodelle führte zu der Überlegung, in welchen Institutionen Kinder am sinnvollsten antiautoritäres Verhalten erlernen könnten. Daraus entstand einerseits die Kinderladenbewegung, andererseits wurde die bisherige Schulpädagogik mit dem beliebten Frontalunterricht grundsätzlich infrage gestellt. Selbstverständlich wollte man und frau schon damals alles und zwar sofort, und das war auch nicht falsch, aber vieles mußte neu erdacht werden. Oftmals kam hierbei die kritische Reflexion des eigenen Handelns und Wollens zu kurz.

Buchcover "Seid realistisch, verlangt das Unmögliche!"Der von Meike Sophia Baader herausgegebene Aufsatzband legt nun in dreizehn Beiträgen ein beredtes Zeugnis dieser Bemühungen, ihrer Erfolge, aber auch ihres Scheiterns ab. Nie wieder, das war den Aktivistinnen und Akteuren von damals klar, sollte es eine Pädagogik des Gehorsams, der Disziplinierung und der blinden Unterwerfung unter entfremdete Autoritäten geben. Und im wesentlichen hat sich dieser Impuls der Studentenbewegung bis heute gehalten.

Dennoch geben die Vertreterinnen und Vertreter autoritärer Handlungsmuster nicht auf. Sie sehen sich außerstande, die von der bürgerlichen Gesellschaft in die Köpfe und Herzen, ja in die Seele der Kinder gepflanzte Gewalt in den Griff zu bekommen. Viele Kinder haben aufgehört, pflegeleicht zu funktionieren, wobei bei den wenigsten der Impuls hierzu von den Eltern ausgegangen sein mag. Heute reden wir von Hyperaktivität und Devianz, von unsozialen Verhaltensmustern und nicht beherrschbaren Aggressionen. Und immer dann, wenn den Zauberlehrlingen der Marktwirtschaft das Chaos, was sie angerichtet haben, über den Kopf wächst und sie nicht mehr weiter wissen, dann rufen sie die Gewalt zu Hilfe.

Ein aktueller Vertreter dieser neoliberal angehauchten Pädagogik ist der ehemalige Schulleiter des Eliteinternats Schloß Salem, Bernhard Bueb. Er schreibt sehr offenherzig über die Furcht als Mittel der Erziehung und findet, daß Urinkontrollen ein gutes Rezept zur Verhaltenssteuerung darstellen. Laß sich andere dopen, aber nicht in meinem Hause. In einem Spiegel-Interview [erschienen am 11. September 2006] schildert er seine Beweggründe, nämlich das Leid des immer wieder gescheiterten Vaters und Pädagogen.

Und weil er nicht mehr weiter wußte, hat er den drakonischen Erziehungskanon der schwarzen Pädagogik wieder ausgegraben. Funktioniert zwar nicht, sorgt aber für viele kaputte Existenzen. Kein Fußballtrainer könnte es besser formulieren: „Freiheit führt über Disziplin.“ Und deswegen werden die Kicker gedrillt, ihre Laufwege zu beherrschen, bis ihnen das eigenständige Denken abhanden gekommen ist. In den Fernsehinterviews nach Spielende geben sie deshalb auch immer denselben abgestandenen Stuß von sich. Diese roboterhafte Gestik und Mimik nennt Bueb dann „Selbstwertgefühl“.

Zitat Bernhard Bueb: „Je früher ein Kind sich in eine Gemeinschaft fügen lernt, umso besser wird es aufs Leben vorbereitet.“ Das ist natürlich richtig. Fragt sich nur, ob wir solch ein Hundeleben Leben nennen sollten. Dennoch ist es das Leben, das viele Kinder früh zu verinnerlichen haben und das sie als Erwachsene mit Sinn und Spaß im Dienste des Kapitals führen sollen.

Wir sehen also, wohin diese Art von Pädagogik uns führen soll: bedingungslose Unterordnung und Unterwerfung unter nicht demokratisch legitimierte Autoritäten. Daß sich solch ein Lesestoff im angeblich aufgeklärten 21. Jahrhundert glänzend verkauft, spricht Bände. Wir dürfen dann wohl die Wiederkehr der autoritären Gesellschaft erwarten, begleitet von permanenter Überwachung der Haushaltsführung, zunächst von Hartz IV-Empfängerinnen, und der totalen Kontrolle unserer Daten und Lebenszeichen. Und wenn das nicht reicht, gibt es ja noch die Bundeswehr, die für Ordnung und Disziplin sorgt. [12]

Ich komme auch deshalb auf diese finstere Art von Pädagogik zu sprechen, weil sich der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik in seinem Beitrag zum Sammelband ausführlich damit befaßt.

Ich kann nur empfehlen, das Buch selbst zu lesen. Es führt die vielleicht Jüngeren unter uns in eine Welt, von der sie allenfalls anekdotenhaft gehört haben. Die Auseinandersetzung um Erziehungsfragen brachte nicht nur Kinderläden und Reformschulen hervor. Sie führte auch zu einem neuen Verständnis von Sexualität, auch und gerade kindlicher Sexualität. Sie entdeckte die Psychoanalyse neu und nutzte sie zur Bewältigung von Konflikten. Das Private wurde als politisch erkannt und so durchzogen revolutionäre Parolen nicht nur Seminarsäle, sondern auch Küchen, Betten und das Verhältnis der Geschlechter zueinander. Die Erziehungswissenschaftlerin und Soziologin Tatjana Freytag faßt diesen Aufbruch sehr schön mit folgenden Worten zusammen:

Sicherlich kann man im Nachhinein auch von der Überforderung einer jungen Generation sprechen, die dem Bewusstsein, dass das schlechte Alte neu gedacht und in Praxis gelebt werden muss, Taten folgen lassen wollte. Überlastungen und Rollenunsicherheiten einer jungen Generation waren die Folge. Es ist eine Generation, der jegliche Erfahrung mit konkreten Vorbildern fehlte und deren Anknüpfung an die selbst gewählten, überfrachteten Ersatzväter nur schlecht funktionieren konnte, oftmals sogar in ein Dogma umschlug. Doch gerade deshalb sollte ihnen auch das Recht zugesprochen werden, sich der Herausforderung gestellt zu haben und in Vielem dabei durchaus reüssiert zu sein. Immer wieder kann man aus Zeitdokumenten herauslesen, dass die Akteure unter enormem Leistungsdruck standen, auch wirklich das Richtige zu tun. Antiautoritäre Erziehung hatte auch stets […] den Anspruch, Selbsterziehung des Erziehenden zu sein. [13]

Es ging hierbei nicht nur um die Erziehung zur Mündigkeit, sondern um Beziehungen unter den Menschen, die ihre Bedürfnisse ohne Angst vor Strafe und frei von Liebesentzug artikulieren und ausleben können. Und ich denke, auch heute sind wir in unseren alltäglichen Beziehungen noch weit von diesem Anspruch entfernt. Die neoliberale Konterrevolution hat nicht nur die Gesellschaft verändert, sondern kontrolliert auch die Gedanken. Jede Pore unseres Lebens wird als Ware betrachtet, die gemessen, gewogen und für profitabel oder wertlos gehalten wird. Auf diese Weise denken und handeln viel mehr Menschen, als sie es selbst wahrhaben wollen. Vielleicht ist gerade deshalb die Rückschau auf einstmals erreichte Erkenntnisse und Verhaltensformen eine Möglichkeit, wieder ein wenig zur Besinnung zu kommen.

Der von Meike Sophia Baader herausgebene Sammelband trägt den Titel „Seid realistisch, verlangt das Unmögliche!“ Er ist im Beltz Verlag herausgekommen und kostet 16 Euro 90.

 

Vom bildungspolitischen Versagen der Evolution

Das Turbo-Abitur enthält durchaus Anklänge zur angeblich gesundheitsfördernden Bedeutung des Sports. Immer schneller, immer höher, immer weiter sollen wir laufen, schwimmen oder radeln, am besten beim Joggen noch den Walkman aufsetzen, um schnell noch ein paar Vokabeln zu lernen oder den nächsten Geschäftstermin vorzubereiten. Eine Welt, in der alles schneller, lauter, bunter und fordernder daherkommt, wird zwangsläufig Menschen hervorbringen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mithalten können oder es auch nicht wollen. Sie werden durch permanente Reize überfordert, ausgesiebt und weggeschmissen. Dennoch sind sie da, und sie stören.

Bei Kindern äußert sich dieses Stören nicht selten als Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, kurz ADHS. Nun besuchen diese Kinder auch Schulen. Es ist sicher kein Zufall, daß sie hier nicht mithalten können, daß sie den dortigen permanenten Leistungsanforderungen nicht genügen. Doch anstatt diese Leistungsanforderungen auszusetzen, anstatt zu fragen, was wir unseren Kindern eigentlich noch zumuten wollen, wird weiter durchgeknallt. Kein Wunder, daß Kids ausrasten, sich zurückziehen, Leistung verweigern oder Macken entwickeln, die nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechen. Diese Kinder erhalten einen Stempel: ADHS.

Nun ist die staatliche Regelschule kein Zuckerschlecken. Das war sie auch früher nicht, aber manchmal beschleicht mich der Verdacht, daß es zwar äußerlich lockerer zugeht als zu meiner Schulzeit, aber dann, wenn es ums Eingemachte geht, der Druck subtiler, wenn nicht gar krasser daherkommt. Was wir zu unserer Zeit in 13 Jahren lernen mußten, soll heute in 12 gehen. Und dabei hatten wir noch die Samstage im Schulprogramm.

Goetheschule DarmstadtDas heißt: der Tagesablauf wird gedrängter, kompakter und enthält weniger Möglichkeiten, sich den Anforderungen zu entziehen. So präpariert gelangt ein Großteil derer, die das durchgehalten haben, an die Hochschule, um dort mit weiteren Stundenplänen, Klausuren, Hausarbeiten und Praktika von Prüfung zu Prüfung gescheucht zu werden. Der Sinn ergibt sich aus dem Vorgehen: besinnungslose und freiwillige Unterordnung unter jeden Schwachsinn, den das Geschäftsleben oder eine Bürokratie uns abverlangt. Auf Deutsch: Zombies. Zum Glück funktionieren Menschen nicht so. Sonst wäre der Wahnsinn total.

Manche Eltern befürchten jedoch genau das und entziehen ihre Kinder der staatlichen Regelschule. Wie praktisch, daß verschiedene Arten Reformpädagogik unterschiedliche Schultypen hervorgebracht haben, die angeblich kindgerechter sind. Was schon bei der Waldorfschule auf der Grundlage des Gedankenguts des in seiner Zeit durchaus rassistisch argumentierenden Rudolf Steiner problematisch erscheint [14], erschließt sich bei genauerer Betrachtung bei allen Schultypen. Egal wie reformorientiert auch immer: Schule bleibt Schule.

Das bedeutet: es muß gelernt werden, der heimliche Lehrplan, der dem jeweiligen Schultyp angepaßt ist, muß verinnerlicht werden. Sofern diese Reformschulen alternative Geldquellen haben, können sie tatsächlich bessere Lernbedingungen bieten. Allerdings stellt sich hier die Frage, welche Eltern hier zur Kasse gebeten werden und auch gebeten werden können. Der ganze Ansatz scheitert am Geld. Und wer das nicht hat, kann weiter die staatliche Regelschule besuchen. Die Bildungsexpertin Susanne Schwalgin sagt nicht zu Unrecht, daß Privatschulen gerade für Eltern aus der Mittel- und Oberschicht attraktiv sind. Es handele sich hierbei auch um die zunehmende Bedeutung des Marktes im Bildungswesen. Was die Schulleistung angeht, so bestehe kein Unterschied zu staatlichen Schulen, aber die Kinder seien zufriedener. [15]

Ob das auch daran liegt, daß der Anteil von Migrantinnen und Migranten geringer ist, will ich hier offen lassen, weil ich Kindern nicht unterstelle, rassistisch zu sein. Das ist eher etwas für Eltern [oder allgemein: Erwachsene]. Bemerkenswert fand ich jedoch eine vor einigen Jahren im Darmstädter Echo nachzulesende Selbsteinschätzung des Schulzentrums auf der Marienhöhe. Man fördere dort, so hieß es, die Legasthenie [16]. Was auch immer man uns damit sagen wollte.

Vielleicht ist es an dieser Stelle angebracht, einige ganz allgemeine evolutionsbiologische Tatsachen zu rekapitulieren. Als die Evolution in ihrer unendlichen Weisheit beschloß, daß nach einigen Milliarden Jahren aus Amöben Menschen werden – nein, Quatsch: die Evolution beschließt nichts und sie führt auch nirgendwo mit Absicht hin. Was geschieht, geschieht eben. Also nochmal: als die Evolution den Menschen hervorbrachte, dachte sie nicht daran, das menschliche Gehirn mit Mathematikaufgaben und Wortungetümen zu vernebeln. Deshalb war der Mensch auch nicht darauf vorbereitet, plötzlich zum Rechenkünstler zu werden oder Buchstaben sinnvoll aneinanderreihen zu können. Worauf ich hinauswill: Die sogenannte Lese- und Rechtschreibschwäche (zu Deutsch: Legasthenie) ist ein kulturelles Artefakt, genauso wie die Dyskalkulie, also die mangelnde Fähigkeit zu abstraktem, mathematischen Denken.

Als die Menschen Jägerinnen und Sammler waren, mußten sie weder schreiben noch lesen können und auch das Rechnen war nicht so wichtig. Hier waren andere Fähigkeiten gefordert. Erst als der Mensch begann, sich seßhaft zu machen, Städte zu gründen, Götter anzubeten und Eigentum anzuhäufen, wurden dem Gehirn, das gar nicht darauf vorbereitet war, andere Zumutungen abverlangt.

Jahrtausende später sind kleine Kinder mit demselben Problem konfrontiert. Ihr Gehirn weiß noch nichts von Buchstaben und Zahlen. Vielleicht kann mir einmal einer dieser Hirnforscher erklären, weshalb die Neuronen daran schuld sind, daß wir nicht rechnen können, wo es doch ganz offensichtlich eine Frage der gesellschaftlichen Organisation ist, ob diese Fähigkeit überhaupt entwickelt werden muß. Der ganze biologistische Unsinn mit Genen und Hirnen dient nur dazu, eine gesellschaftliche Fehlentwicklung zum individuellen Problem umzustricken. [17]

Mag sein, daß diese Erkenntnis weder den Kindern noch ihren Eltern weiterhilft. Aber vielleicht sollten wir aufhören, unsere Kinder mit Erwartungshaltungen zu quälen, die nur aufgrund ganz bestimmter gesellschaftlicher Dispositionen gefordert werden. Oder vereinfacht gesagt: Eine Gesellschaft, in der nicht der Profit regiert, sondern das Bedürfnis nach sozialer, solidarischer Kommunikation und Praxis, wird weder Legasthenie noch Dyskalkulie noch ADHS kennen.

Ich denke nicht, daß diese Behauptung allzu gewagt ist. Allerdings werden sich alle diejenigen daran stoßen, die ein Interesse an der Aufrechterhaltung dieser als Fehlentwicklung begriffenen Syndrome haben. Das können Eltern sein, aber auch Lehrerinnen, Bildungsinstitute oder die Pharmaindustrie.

 

Über die Produktion wissenschaftlicher Artefakte

Besprechung von : Matthias Wenke – ADHS: Diagnose statt Verständnis? Wie eine Krankheit gemacht wird. Eine phänomenologische Kritik, Verlag Brandes & Apsel 2006, 149 Seiten, € 14,90

Einen gänzlich anderen Weg der Argumentation beschreitet Matthias Wenke in seinem kleinen, vor zwei Jahren im Verlag Brandes & Apsel herausgebrachten Buch über ADHS: Diagnose statt Verständnis? Auf der Grundlage der phänomenologischen Theorie von Edmund Husserl und Maurice Merleau-Ponty entwickelt er ein Verständnis des seelischen Apparates, mit dem er zum selben Schluß kommt wie ich: ADHS gibt es nicht. Das bedeutet nicht, daß die als ADHS diagnostizierten Symptome nicht existieren würden. Die Analyse seines Buches, so schreibt Matthias Wenke, zeige,

dass das »Etwas ADHS« ein Kunstprodukt ist, ein Konstrukt, das Klarheit vorgaukelt, die es nicht gibt, das im Gegenteil sogar viele Zusammenhänge verschleiert, nämlich den Sinn des Verhaltens der betroffenen Kinder und ihre Lebensgeschichten. [18]

Ich will mich hier nicht mit der theoretischen Grundlage dieses Buches aufhalten, also der Phänomenologie. Ich teile diese theoretische Grundlage nicht, aber für das, was ich hier darstellen möchte, mag der Hinweis auf das erkenntnistheoretische Fundament Matthias Wenkes ausreichen. Für den Gang der Argumentation ist dieser theoretische Hintergrund auch nicht unbedingt notwendig; und so schreibt der Autor auch selbst, man und frau könne auch gleich mit dem dritten Kapitel beginnen.

Buchcover Matthias Wenke ADHSFolgen wir diesem Ansatz, so gelangen wir im dritten Kapitel zu fundamentalen Fragen der Diagnostik. Kein ADHS ohne Diagnose – doch auf welcher Grundlage wird diagnostiziert? Eine Diagnose ist medizinisch betrachtet eine Fallunterscheidung. Es ist der Versuch, ein oder mehrere Symptome in ein vorgegebenes Raster einzupassen. Was im Falle eines Knochenbruchs noch einleuchtend erscheint, wird bei einem komplexen psychischen Krankheitsbild schon schwieriger.

Ich will gar nicht so weit gehen zu sagen: drei Ärztinnen und Ärzte – vier Diagnosen. Aber es entspricht durchaus unserer Lebenswirklichkeit, beim Arztbesuch ein trial and error-Verfahren zu erkennen. Der Fachmann oder die Fachfrau muß anhand der Symprome und der erzählten Krankheitsgeschichte unter Zuhilfenahme objektivierender Röntgen- oder Blutbilder ein Urteil fällen. Diese Entscheidung blendet mögliche komplexere Zusammenhänge weitgehend aus.

So können bestimmte Phänomene, wie etwa unruhiges Verhalten, für sich betrachtet werden, ohne die Familiendynamik zu berücksichtigen. Und in der Tat findet sich genau dieses Vorgehen nicht gerade selten bei der ADHS-Diagnose. Insbesondere dann, wenn es darum geht, die „Störung“ schnellstmöglich abzustellen, damit „Normalität“ entstehe, sind komplexe Krankheitsmuster nicht gefragt. Das Einwerfen der richtigen Medikamente ersetzt die Tiefenschärfe. Machen wir uns nichts vor: wenn wir einen wichtigen Termin haben, werfen wir doch auch schnell etwas ein, anstatt uns Ruhe zu gönnen oder eine Krankheit auszukurieren. Es handelt sich um einen technischen, entfremdeten Umgang mit uns selbst – und täten wir es nicht, wäre der Arbeitsplatz in Gefahr oder eine Freundschaft im Eimer. Matthias Wenke verweist hierbei auf die selbstreferentiellen Diagnosemuster in der ärztlichen Praxis.

Manches erinnert an das bekannte Handwerkerprinzip »Was nicht passt, wird passend gemacht«. […] Die »praktische Ethik« gilt auch für die Diagnosepraxis; man richtet sich nach dem kollegial »Üblichen« und handelt situativ in vorgefundenen Feldbedingungen. Man bedient die Automatik des medizinischen Betriebs und geht auf bzw. unter in der ihm eigenen Perspektive oder »Betriebsblindheit« […]. Daten sind nur ein Element im komplexen Handlungsfeld aus Personen, Institutionen und Ressourcen, und sie erscheinen genau dann als signifikant, wenn sie die üblichen Erklärungsroutinen bestätigen. Vor diesem Hintergrund kann die Hauptaufgabe von Institutionen nicht die Einsicht in irgendeine »Wahrheit« sein, sondern nur die Bewältigung von Irritation und Mehrdeutigkeit mit normativen und als »korrekt« geltenden Entscheidungen: letztlich also die Sicherung und Durchsetzung der Ordnung des je herrschenden Diskurses. [19]

Deshalb sind Gene und Gehirne so beliebt, zumal für diesen die herrschende Ordnung beruhigenden Theorieansatz auch ausreichend Forschungsgelder fließen. Und wer wird schon seinem Auftraggeber Erkenntnisse präsentieren, für die nicht bezahlt wurde?

Matthias Wenke beschreibt die Folgen für Kinder und Eltern. ADHS ist nicht nur eine Diagnose, sie kann auch ein Stigma sein. Ein Stigma übrigens mit der Gefahr, sich zu verselbständigen. Auf einmal fangen alle Beteiligten an, das Kind im Muster ADHS zu betrachten. Egal, was es tut, immer wird die Begründung herangezogen. Faktisch findet hiermit eine Entmündigung des Kindes statt [20]. Dabei ist doch die spannende Frage, was denn das ist, was als ADHS diagnostiziert worden ist? Das Verstehen führt über die Erkenntnis, daß jedes Handeln dieses Kindes einen Sinn ergibt. Es ist eine Mitteilung, eine Botschaft, die es zu entschlüsseln gilt.

Doch schon bei der Diagnose fangen die Probleme an. Was unterscheidet ein Kind, das die diagnostischen Voraussetzungen erfüllt, von einem anderen, dem nur eine Bedingung fehlt? Was wird hierbei als „normal“ vorausgesetzt und was als „defekt“? Ist das eine Kind normal, das andere ein Homunculus? Es kommt noch heftiger: verschiedene Länder kennen unterschiedliche Diagnosepraxen. Während die Diagnose in Japan unbekannt ist, trifft sie in den USA bei 9% aller Kinder zu. Die kulturspezifischen Unterschiede werden ergänzt durch jahreszeitliche Schwankungen. Auffällig ist die Konzentration der Diagnose auf Jungen; in den USA wird ADHS vor allem bei benachteiligten Minderheiten festgestellt. Es scheint, als sei ADHS ein Container, in den Verschiedenes unter einem Label zusammengefaßt werden kann.

So erscheint, meint Wenke, der Begriff „Modediagnose“ noch als verharmlosend, denn tatsächlich werden ADHS-Kinder häufig an Sonderschulen überwiesen. Er spricht hierbei vom „Wolfsgesetz“ der Leistungsgesellschaft, das jeden ausmustere, der nicht als genügend standardisierbar erscheint [21]. Passend dazu merkt er an, daß auch der Zappelphilipp als Prototyp des hyperaktiven Kindes eben nicht als krankes, sondern als ein unartiges Kind beschrieben wurde [22]. Geht es hier vielleicht doch um Gehorsam und Anpassung? Werden Medikamente dann deshalb verabreicht, um systemkonformes Verhalten zu erzwingen? Der Autor meint hierzu:

Pikanterweise wirbt die Firma Neolab für Methylphenidat mit dem Bild einer Spielzeugsoldatentruppe im Gleichschritt, in deren Mitte ein Marschierender aus der Konformität herausfällt, weil er den Blick andersherum wendet: Wer nicht spurt, ist krank und braucht ein Medikament. [23]

Wenn sich diese Krankheit dann auch noch im Gehirn verorten läßt, dann kann das kranke Kind auch von Schuld freigesprochen werden. Da es nicht anders kann, wird ihm Selbstbestimmung abgesprochen. Ein kulturelles Artefakt führt dann zur Entmündigung. Es ist ohnehin ganz praktisch, wenn Verhalten biologisiert werden kann. Wenn eine vererbte Disposition vorliegt, dann können weder die Eltern noch das Kind etwas falsch gemacht haben, von den Zumutungen einer ganzen Gesellschaft ganz zu schweigen. Schlimm genug, daß Eltern und Kindern überhaupt Schuld für etwas eingeredet wird, was ein kulturelles Phänomen ist. Dennoch sollten wir nicht vergessen, daß ein Problem vorliegt und daß das Kind und auch seine Umgebung leidet.

Ausführlicher ist dieser Gedankengang beim Autor selbst nachzulesen. Das Buch von Matthias Wenke erfordert allerdings die Bereitschaft, sich in ein nicht einfaches Thema einzulesen. Hinzu kommt sein theoretischer Ansatz, der sich auch erst vermitteln muß. Dennoch, so finde ich, lohnt es sich. Denn der Autor verweist auf Defizite der diagnostischen Praxis, die uns bei der Allgegenwart von fehlender Aufmerksamkeit und Hyperaktivität zur Vorsicht in unserem Urteil mahnt. Sein Buch ist vor zwei Jahren im Verlag Brandes & Apsel erschienen, hat 149 Seiten und kostet 14 Euro 90.

 

Das Containersyndrom

Besprechung von : Terje Neraal, Matthias Wildermuth (Hg.) – ADHS. Symptome verstehen – Beziehungen verändern, Psychosozial Verlag 2008, 294 Seiten, € 24,90

Unterbelichtet bleiben in der Diagnostik von ADHS die gesellschaftlichen Ursachen. Was als gesund und was als krank gilt, ist gerade im Bereich der Psyche eine Frage der Konvention. Kinder lernen schon sehr früh die Widersprüche des geselligen Zusammenlebens kennen. Ohne zu wissen, was sie tun, sind schon Säuglinge in der Lage, ihre Mütter bis zu einem bestimmten Grad zu manipulieren. Sie haben keine andere Wahl, denn sie sind existenziell abhängig von äußerer Nahrungszufuhr, aber auch von Liebe und Geborgenheit. Erhalten sie dies nicht oder in nicht ausreichendem Maße, treten Störungen in der Realitätswahrnehmung und Realitätsverarbeitung auf. In der Psychotherapie wird hierbei von Bindungsängsten gesprochen.

Es wäre jedoch grundfalsch, die hieraus resultierenden Fehlfunktionen den Eltern anzulasten. Auch Eltern sind Teil einer gesellschaftlichen Matrix, sie unterliegen inneren und äußeren Zwängen, die sie nur zu einem geringen Teil sinnvoll verarbeiten können. Die Zumutungen einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft können nicht individuell bewältigt werden; zu groß ist der Druck, der Streß und auch die Notwendigkeit, sich mit großen und kleinen Lügen durchs Leben zu stehlen.

Buchcover Neraal/Wildermuth ADHSKinder merken das. Sie sind recht früh in der Lage zu erkennen, daß auch Mütter und Väter nicht das tun, was sie dem kleinen Kind abverlangen. So lernen die Kleinen die Grundlagen von Verlogenheit und Heuchelei recht bald kennen. Selbstverständlich wird eine auf Effizienz und Profit abgerichtete Gesellschaft hier keine ausreichenden Hilfen anbieten. Eltern sind also auf sich alleine gestellt und geben den Druck an ihre Kinder weiter. Mit verheerenden Folgen. Wenn dann noch die Selektionsmaschine Schule ins Spiel kommt, sind Katastrophen vorprogrammiert. Und wenn die Bildungspolitik hier – angeblich ausgleichend – schon die Kindergärten in die Bildungspflicht nimmt, dann ist es kein Wunder, wenn Kinder tillen.

Und nur ganz nebenbei bemerkt: Weshalb wird Kindern eigentlich ein unterentwickelter Realitätssinn unterstellt und ein unangemessener Umgang mit sich und anderen, wenn wir tagtäglich erleben, wie uns Luftblasen und Illusionen verkauft werden – und wir geradezu ein manisches Bedürfnis entwickeln, diesen Träumereien einer verlogen-kapitalistischen Verwertungsmaschine auch noch Glauben zu schenken. Der tägliche Börsenbericht ist ja genauso verlogen wie die Werbung im Fernsehen oder die Begründungen für Kriegseinsätze. [24]

Was tun? Die Misere verschwindet ja nicht mit der Erkenntnis. In dem von Terje Neraal und Matthias Wildermuth herausgegebenen Band zu ADHS geht es darum, die Symptome zu verstehen und die zugrunde liegenden Beziehungen zu verändern. Zwar werden hier insbesondere familiäre Strukturen beleuchtet, doch müssen wir immer im Hinterkopf behalten, daß auch diese Familienstrukturen einen gesellschaftlichen Hintergrund haben.

Eine sich als politisch verstehende Psychoanalyse müßte sich demnach nicht nur mit der Psychodynamik des Eltern-Kind-Verhältnisses befassen, sondern auch damit, welche gesellschaftlichen Zwänge und Vorgaben Eltern und Kinder dazu veranlaßt haben, nicht mehr mit sich selbst klarzukommen. Insbesondere ist hier darauf zu verweisen, daß Männer und Frauen bestimmte Rollen auszufüllen haben und vor allem Frauen (und damit auch Mütter) es eigentlich immer nur falsch machen können. Ich betone das deshalb, weil dieser Aspekt in dem ansonsten anregenden und wichtigen Buch so gut wie nicht vorkommt, als habe es in den vergangenen vierzig Jahren keine feministische Theorie und Praxis gegeben.

Die Autorinnen und Autoren dieses in sich geschlossenen Bandes kommen kaum überraschend zu dem Schluß, daß es sich bei ADHS um eine Oberflächendiagnose handelt,

hinter der sich unterschiedliche Störungsaspekte rund um die Kernsymptomatik ergeben. [25]

Also das, was ich als Container recht verschiedener Auffälligkeiten bezeichnet habe. Wichtig ist es zu begreifen, daß jede als störend empfundene Regung eines Kindes einen Sinn enthält. Die Motorik eines Hyperaktiven ist genauso ein Versuch, mit einer nicht bewältigbaren kindlichen Realität klarzukommen und sich mitzuteilen, wie Verweigerungshaltungen, Träumereien oder fehlende Aufmerksamkeit. Es handelt sich daher nicht um Fehler, die beseitigt werden können, sondern um Äußerungen eines gequälten Selbst.

Ein von außen betrachtet sinnloses »Herumhampeln« kann innerpsychisch eine spannungsreduzierende Funktion haben und somit subjektiv entlastend und sinnvoll erlebt werden. [26]

Der in diesem Buch verfolgte Ansatz versucht, die familiäre Dimension zu analysieren und deshalb Kinder und Eltern in die Therapie mit einzubeziehen. Anhand von elf ausführlichen Fallbeispielen werden nicht nur Hintergründe der als ADHS diagnostizierten Symptomatik aufgezeigt, sondern auch die therapeutischen Schritte dargelegt und nachvollziehbar gemacht.

Manchmal müssen wir uns dann auch fragen, warum uns ein bestimmtes kindliches Handeln stört und weshalb wir es therapieren wollen. Was stört uns – daß Kinder Kinder sind und sich entsprechend unangepaßt benehmen? So wird durchaus zutreffend festgestellt, daß die Gefahr bestehe,

dass bei einer bestimmten Anzahl von Symptomen normale Temperamentsvariationen pathologisiert werden oder für verschiedene Kontexte nicht passende, in sich jedoch positiv bewertbare Eigenschaften wie Lebendigkeit und Beweglichkeit psychiatrisiert werden. [27]

Auffällig ist der Unterschied in der Diagnose bei Jungen und Mädchen. Leider gehen die Autorinnen und Autoren dieses Bandes kaum näher auf dieses Phänomen ein, obwohl es uns möglicherweise einen Hinweis auf grundlegende gesellschaftliche Defizite gibt. Nur an einer Stelle wird von einer nicht aufgelösten Verklebung zwischen Mutter und Sohn gesprochen, als ob dies als Erklärung ausreichen würde. Ich glaube nicht, daß sich die Geschichte des Patriarchats auf einen unzureichenden Abnabelungsprozeß des männlichen Geschlechts reduzieren läßt. Dies würde der Gender-Forschung fundamental widersprechen.

Halten wir fest: Nicht alles, was als ADHS klassifiziert wird, ist eine Störung. Vieles ist der Variationsbreite der gesellschaftlichen Normalität zuzurechnen, und die ist ja oft wahnsinnig genug. Die im Buch dargelegten Fälle legen den Verdacht nahe, daß sich familiäre Dramen hinter der Diagnose verbergen, die mit dem ADHS-Artefakt nichts zu tun haben. Eine Therapie ist hier sinnvoll und, wie das Buch zeigt, in Grenzen auch erfolgreich. Ein ganz wichtiger Aspekt der Darstellung ist es, daß auf Medikamente weitgehend verzichtet werden kann, es allenfalls Ausnahmesituationen gibt, bei denen sie kurzzeitig zum Einsatz kommen sollten.

Wichtig ist es auch hervorzuheben, daß es hier grundsätzlich nicht um die Frage von Schuld und Versagen geht. Schuldzuweisungen helfen nicht nur nicht, sie sind auch unangebracht. Eine Gesellschaft, die noch ganz andere Monster hervorbringt, darf sich nicht wundern, wenn Kinder und ihre Eltern mit dem ganz alltäglichen Wahnsinn nicht klarkommen. Dies – und damit komme ich kurz noch einmal auf den von Meike Sophia Baader herausgegebenen Band über die Pädagogik der 68er zurück – ist eine Erkenntnis, die dazu anregen sollte, vollkommen andere, solidarisch-kollektive Erziehungsmodelle zu suchen anstatt allein erziehende Mütter mit den alltäglichen Problemen und Zumutungen alleine im Regen stehen zu lassen.

Das von Terje Neraal und Matthias Wildermuth herausgegebene Buch heißt ADHS. Symptome verstehen – Beziehungen verändern. Es umfaßt 294 Seiten, kostet 24 Euro 90 und ist im Psychosozial Verlag erschienen.

 

Zusammenfassung und Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

In der vergangenen Stunde hörtet ihr eine Sendung zum Thema Kinderqualen. Hierbei ging es um alternative pädagogische Vorstellungen der 68er Bewegung, um die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, kurz ADHS, sowie um psychodynamische Lösungsansätze, die Kindern, aber auch Familienstrukturen helfen können, mit unbewältigten Anforderungen, Ängsten und Defiziten umzugehen.

Ich denke, ich habe meine Position zur genüge deutlich gemacht: ADHS ist der Sammelbegriff für alle kindlichen Defizite, die in einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft psychisch nicht normgerecht verarbeitet werden. Nur wer die gesellschaftlichen Grundbedingungen kritisch hinterfragt, kann Lösungsansätze herausfinden, die derartige Defizite entweder nicht zu solchen werden läßt oder sie schon im Entstehen verhindert.

Hilfreich fand ich bei dieser Fragestellung drei Bücher:

Zum einen den von Meike Sophia Baader herausgegebenen Sammelband „Seid realistisch, verlangt das Unmögliche!“ Wenn es noch eines Belegs bedürfte, auf welche Weise die 68er positiv in die Gesellschaft hineingewirkt haben, dann finden wir ihn hier vor. Die Aufdeckung des Politischen im Privaten ist eine emanzipatorische Errungenschaft, hinter die keine soziale Bewegung zurückfallen darf. Das Buch ist im Beltz Verlag erschienen, umfaßt 279 Seiten und kostet 16 Euro 90.

Dann das sehr theoretische Buch von Matthias Wenke, der der Frage nachgeht, wie eine Krankheit gemacht wird. Er fragt daher im Buchtitel: ADHS: Diagnose statt Verständnis? Auch wenn ich seine erkenntnistheoretischen Grundlagen nicht teile, so stecken hierin doch wichtige Fragestellungen zum eigenen Körperverständnis und zur Problematik dessen, was eigentlich als „normal“ zu bezeichnen ist. Wenn er feststellt, daß aus pragmatischen Erwägungen heraus nicht beherrschbare und systemdysfunktionale Konflikte möglichst effizient durch Ruhigstellen beseitigt werden sollen, dann sind zwei seiner Aussagen zentral: Erstens, es gibt kein ADHS, und zweitens, die Verabreichung von Medikamenten ist abzulehnen. Dieses Buch ist schon 2006 im Verlag Brandes & Apsel erschienen. Die rund 150 Seiten kosten 14 Euro 90.

Schließlich der psychotherapeutisch argumentierende Band ADHS: Symptome verstehen – Beziehungen verändern, der von Terje Neraal und Matthias Wildermuth herausgegeben wurde. Dieser Band wendet sich zunächst einmal an alle Berufsgruppen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, aber auch an betroffene Eltern und Jugendliche. Auch wenn hier der Eindruck bestätigt wird, daß ADHS ein schwammiger Begriff für alles ist, was Kinder, Jugendliche und ihre Familienverbände nicht ausreichend verarbeiten können, so liegt das Schwergewicht darin, die psychodynamischen Grundlagen des als ADHS bezeichneten Syndroms verständlich zu machen.

Anhand mehrerer Fallbeispiele werden überzeugend Lösungs­möglichkeiten aufgezeigt. Besonders hervorzuheben ist, daß der Band auch für Laien verständlich geschrieben ist, ohne die mit der Thematik schon eher vertrauten Personen zu unterfordern. Dieser Band aus dem Psychosozial-Verlag umfaßt 294 Seiten und kostet 24 Euro 90.

Ich danke der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt für ihre Unterstützung bei der Produktion dieser Sendung. Das Manuskript zu dieser Sendung werde ich in den nächsten Tagen auf meiner Webseite zur Verfügung stellen: www.waltpolitik.de. Die gerade gehörte Sendung wird voraussichtlich wiederholt, und zwar am Montag nach den Deutschlandfunk-Nachrichten um 23 Uhr, am Dienstagvormittag um 8 Uhr und am Dienstagnachmittag um 14 Uhr. Im Anschluß folgt eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte war Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Als ein Beispiel unter vielen mag der Bericht des UN-Sonderberichterstatters Vernor Muñoz vom März 2007 gelten. Siehe hierzu Thorsten Stegemann : Deutsches Schulsystem: „Extrem selektiv“, in: Telepolis am 1. März 2007.

»» [2]   Die PISA-Studien führen zu einem Ranking im internationalen Vergleich. Gemessen wird der Erfolg eines Bildungssystems, gemessen an den Anforderungen für ein optimal verwertbares Humankapital. Schlechtere Werte zeigen also nicht unbedingt schlechtere Bildung, sondern schlechtere Verwertungschancen für das Ausschlachten des Bildungsimputs an.

»» [3]   Siehe beispielsweise die Kurzfassung der PISA-Studie 2003, nach der die Kompetenzen deutscher Schülerinnen und Schüler allenfalls internationaler Durchschnitt sind. Eine kritische Würdigung der PISA-Studien stammt von Volker Hagemeister : Kritische Anmerkungen zum Umgang mit den Ergebnissen von PISA, die er auf seiner Webseite vertieft hat.

»» [4]   Siehe beispielsweise das Interview mit Michael Hartmann im Darmstädter Echo am 7. Dezember 2007: Das Märchen der Chancengleichheit.

»» [5]   Siehe beispielsweise Thorsten Stegemann : Überlastete Schüler und Politiker auf Entrümpelungstour, in: Telepolis am 6. Februar 2008.

»» [6]   Pressemeldung SPD und Grüne in Hessen wollen Neue Schule einführen vom 17. Oktober 2008.

»» [7]   Siehe hierzu beispielsweise Erich Ribolits : Die Arbeit hoch? Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Post-Fordismus [1995, 2. Auflage 1997]. Vergleiche den gleichnamigen, 2001 gehaltenen Vortrag von Erich Ribolits über Bildung und Bildungspolitik für eine menschenwürdige Gesellschaft. Sein Fazit: „Die ‚Befreiung des Menschen durch Bildung‘ war immer bloß ideologischer Überbau für eine schulische Realität, die niemals anderes war, als das Domestizieren des prinzipiell freien Wesens Mensch zum brauchbaren Arbeitstier. Nach der Bildungspolitik für eine menschenwürdige Gesellschaft zu suchen, bedeutet das Pferd beim Schwanz aufzuzäumen. Eine menschenwürdige Gesellschaft wird nicht durch die Schule begründet, sondern durch jene, die den Mut haben, über die Arbeitsideologie, die ihnen in der Schule eingebläut worden ist, hinauszudenken.“

»» [8]   In den Bürokanzleien waren „Sauklauen“ logischerweise unbeliebt. Bei meinen Archivstudien zur Geschichte der Riedbahn bin ich auf die handschriftlichen Unterlagen des 19. Jahrhunderts gestoßen. Nicht nur, daß sie in deutscher Schrift verfaßt sind, sie zeichnen sich zum Teil durch eine überbordende Verschnörkelung aus, die eine Entzifferung enorm erschweren.

»» [9]   Meike Sophia Baader : Erziehung und Bildung: übersehene Dimensionen in der 68er-Retrospektive, in: dieselbe (Hg.) : „Seid realistisch, verlangt das Unmögliche!“, Seite 7–13, Zitat auf Seite 7.

»» [10]   Baader Seite 8.

»» [11]   Baader Seite 8.

»» [12]   Christian Rath : Bundeswehr gegen den inneren Feind, in: taz am 5. Oktober 2008.

»» [13]   Tatjana Freytag : Väterliche Autoritäten und vaterlose Gesellschaft?, in: Baader (Hg.), Seite 173–181, Zitat auf Seite 178–179.

»» [14]   Siehe hierzu beispielsweise das Frankfurter Memorandum. Rudolf Steiner und das Thema Rassismus von Ramon Brüll und Jens Heisterkamp. Weitaus kritischer Ute Siebert in ihrem Offenen Brief an Lorenzo Ravagli : Warum kann man als Anthroposoph nicht sagen: Auch bei Steiner gab es Widersprüche und dunkle Seiten?

»» [15]   Susanne Schwalgin : Privatschulen sind für Mittelschichteltern attraktiv, in: ver.di Publik 08–09, August/September 2008, Seite 19.

»» [16]   Ariane Stech im Interview mit dem damaligen Schulleiter Lothar E. Träder : Konfliktlösung im Unterricht, in: Darmstädter Echo am 6. März 1998. Frage: „Wie werden schwächere Schüler gefördert?“ Antwort: „Legasthenieförderkurse.“ Es ist zwar klar, was gemeint ist, aber es wird anders ausgedrückt. Eine ehemalige Schülerin hat diese Legasthenie­förderung am eigenen Leib ausprobieren dürfen. Obwohl sie in ihren Klausuren gute Ergebnisse vorzeigte, wurde sie aufgrund ihrer Rechtschreib­eigenheiten regelmäßig abgewertet. Sie und ihr Selbstwert­gefühl litten darunter sehr. Das nenne ich: Legasthenie­förderung. Oder in Frage und Antwort zum Abschluß des Zeitungsinterviews: „Wie könnte das Motto Ihrer Schule heißen? – Kernziel: Persönlichkeitsentwicklung.“

»» [17]   Siehe zu den Verrenkungen der Hirnforschung meinen Text Über Manfred Spitzers Buch „Selbstbestimmen“.

»» [18]   Matthias Wenke : ADHS: Diagnose statt Verständnis? [2006], Seite 8.

»» [19]   Wenke Seite 45.

»» [20]   Diese entmündigende Zuschreibung von Verhaltensweisen oder Eigenschaften ist sicherlich weit verbreitet und betrifft nicht nur das ADHS-Syndrom. Edward Said beispielsweise beschreibt diesen Mechanismus ausführlich in seiner Autobiografie Am falschen Ort [1999, dt. 2002]: „Wenn ich auf das Körpergefühl zurückblicke, das ich seit meinem achten Lebensjahr besaß, dann sehe ich meinen Körper eingeschlossen in eine anspruchsvolle Reihe wiederholter Korrekturen, die sämtlich von meinen Eltern angeordnet waren und in der Mehrzahl die Wirkung hatten, mich gegen mich selbst auszuspielen.“ [Seite 101] Das Phänomen ist offensichtlich nicht auf eine bestimmte „Kultur“ begrenzt.

»» [21]   Wenke Seite 68–69.

»» [22]   Wenke Seite 70.

»» [23]   Wenke Seite 76.

»» [24]   Die medial verbreiteten Hypes in Hörfunk und Fernsehen vermitteln bewußt eine Welt der Illusionen, um die Werbezeiten besser verkaufen zu können. Diese Art Hörfunk wird derart für real gehalten, daß sie in der Billigkopie auch bei Radio Darmstadt zu hören ist. Eine kritische Reflexion dieser Luftblasen­illusions­maschinerie finden wir jedenfalls am Steubenplatz nicht vor.

»» [25]   Anna Maria Sant'Unione und Matthias Wildermuth : Die Praxisstudie, in: Terje Neraal, Matthias Wildermuth (Hg.) : ADHS, Seite 235–287, Zitat auf Seite 287.

»» [26]   Terje Neraal : Neurobiologische versus psycho- und familiendynamische Ursachenerklärungen, in: Neraal/Wildermuth, Seite 19–37, Zitat auf Seite 25.

»» [27]   Sant'Unione/Wildermuth Seite 239.


Diese Seite wurde zuletzt am 26. November 2013 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2008, 2013. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

Die abgebildete Goetheschule in Darmstadt dient als Bildbeispiel einer staatlichen Regelschule. Keineswegs wird hiermit zum Ausdruck gebracht, sie sei besser oder schlechter als andere Schulen.

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