S-Bahn Berlin
Mal fährt sie, mal fährt sie nicht: die S-Bahn in Berlin.

Kapital – Verbrechen

Disharmonischer Dreiklang

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 14. Mai 2012, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 14./15. Mai 2012, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 15. Mai 2012, 05.10 bis 06.10 Uhr
Dienstag, 15. Mai 2012, 11.10 bis 12.10 Uhr

Ausstrahlung bei coloRadio in Dresden am 13. Mai 2012.

Zusammenfassung:

Eine Oligarchin findet fußballerische Unterstützung, FDPler sind geschäfts­tüchtig, aber nicht doof, und die Aasgeier des Kapitals benötigen Polizei­staatsschutz. Auch progressive Musik kann zu dumpfem Mainstream mutieren. Es geht nicht um die Reform des Kapitalismus, sondern um seine Abschaffung. Eine Abschweifung zur Geschichte belegt die Notwendigkeit. Während Millionen Kinder verhungern, blüht der tödliche Markt mit Waffen aller Art. Ein betriebs­wirtschaftlich geplantes Desaster in Berlin.

Besprochene Bücher und Zeitschriften:

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Einleitung: Die Spiele zum Habitus 

Jingle Alltag und Geschichte

Raschen Schrittes nahen die publikums­wirksamen Sport­veranstaltungen dieses Jahres. Erst gibt es Rasenschach in Polen und der Ukraine, dann fliegen Tennisbälle auf einem speziell zugerichteten englischen Rasen, und schließlich wird der Sportsgeist bei Olympischen Spielen mit gerissenen Muskeln, Sehnen, Arterien und anderen verletzlichen Körperteilen gestählt. Die Menschen der spät­kapitalistischen Gesellschaft wollen schließlich unterhalten sein, damit sie nicht auf so unsinnige Gedanken kommen, es den Griechinnen und Griechen nachzumachen und die gottgegebene Ordnung dieser Welt in Frage zu stellen. Nun gehören dazu immer zwei Akteure – die Manipulierten und die Manipulateure.

Und es ist ja nicht unbedingt so, daß die mit dem sportlichen Konsumfetisch Manipulierten arme Opfer einer Inszenierung sind. Eben weil das Brot in der Regel hierzulande trotz Hartz IV noch ausreichend vorhanden ist, zumindest im weltweiten Vergleich, benötigen die Menschen der kapitalistischen Metropolen ganz viel ideologischen Balsam, um die Schrecken eines mörderischen Systems zu verdrängen, sofern sie nicht ohnehin ganz ohne Gewissensbisse von selbigen Schrecken profitieren mögen. Brot und dümmliche Spiele regieren jedoch nicht nur die Sportwelt oder die virtuellen Welten des Computerspiele-Magazins von Radio Darmstadt, sondern vor allem die Köpfe und Herzen der vom Leistungswahn gezeichneten Männer und Frauen, ja sogar der Kinder, die von früh auf in Kindergärten, Vorschulen, Gymnasien und Universitäten nachweisen müssen, daß sie allzeit bereit sind, dazu zu gehören, mitzuspielen und ihr Humankapital bestmöglich verwerten zu lassen.

Dabei heraus kommt nicht etwa Bildung, sondern ein Habitus, ein Habitus, der bereit ist, das Spiel der Reichen und Mächtigen aus ganz egoistischen Gründen mitzuspielen. Meint Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

Tränen für Julia und Schrauben für Hellas

Die Fußball-Europameisterschaft wirft nicht nur sportliche Schatten voraus. Aus Gründen, die noch genauer zu untersuchen wären, entwickelt sich eine Medienkampagne gegen die Ukraine, deren herrschende Clique es gewagt hat, die ehemalige Ministerpräsidentin Julia Timoschenko ins Gefängnis zu stecken. Nun ist es den deutschen Medien in der Regel ziemlich egal, wie die Cliquen anderer Staaten miteinander umspringen, erst recht dann, wenn die deutsche Wirtschaft allerbeste Geschäfte mit Diktatoren oder autoritären Regimes pflegt. Ein Boykott der letzten Olympischen Spiele in Peking wäre vollkommen undenkbar gewesen, obwohl das chinesische Regime in Punkto Repression dem ukrainischen um Längen voraus ist.

Bemerkenswert ist jedenfalls, daß nicht etwa die Verfolgung der ukrainischen Frauengruppe Femen zu politischem Säbelrasseln geführt hat, sondern das Knastschicksal einer ehemaligen Oligarchin, die in den 90er Jahren dabei geholfen haben soll, Hunderte von Millionen Dollar auf Kosten der ukrainischen Gaskundinnen und Gasnutzer einzusacken. Spieler der deutschen Fußball-National­mannschaft sollen nun, so erfreut es den Bundestrainer, in den kommenden Wochen ihre Allgemeinplätze zu Demokratie und Menschenrechten absondern, während sich der Deutsche Fußballbund in Sachen Erinnerungskultur lieber zurückhält. Über die Verbrechen von SS und Wehrmacht, so meinte Teammanager Oliver Bierhoff, werde man vielleicht am gemütlichen Kaminfeuer miteinander plauschen [1]. Das Schicksal einer Busenfreundin der neoliberalen westlichen Politikmaschine ist da natürlich ernster zu nehmen, vor allem dann, wenn sich Angela Merkel für sie einsetzt.

Entsetzen – so titelt der Spiegel – herrsche über das Wahlergebnis in Griechenland. Entsetzlich scheint den westlichen Kommentatoren weniger der Vormarsch reaktionärer und neonazistischer Gruppierungen zu sein. Entsetzlich ist das Wahlergebnis einer zersplitterten Linken, die – wenn wir vorsichtig Syriza, die Kommunisten und die Demokratische Linke dazu zählen – rund ein Drittel aller Stimmen bei der Parlamentswahl am 7. Mai [2012] erhalten hat. Entsetzlich ist, daß die mit westlichen Banken, Rüstungs­konzernen und anderen Kapitalisten verbandelten korrupten Machteliten der Neuen Demokratie und der sozial­demokratischen Pasok derart heftig abgestraft wurden. Wer, wenn nicht diese Clique, garantiert zukünftig die Ausplünderung Griechenlands, wer hilft dabei, daß auch zukünftig eine griechische Armuts- und Verelendungs­politik deutsche Profite hervorsprudeln läßt? Kein Wunder, daß der DAX äußerst nervös auf den Versuch einer Regierungsbildung durch selbige Linke reagiert hat.

Gelänge dies [also die Regierungsbildung durch Syriza], wäre das in der Tat ein Desaster. Bundes­außenminister Guido Westerwelle, ein Sprachrohr deutscher Kapitalisten­herrlichkeit, brachte die drohende Katastrophe auf den Punkt: „Wir rufen jetzt die Verantwortlichen in Griechenland auf, schnell für stabile Verhältnisse zu sorgen und dafür, dass eine Regierung der Vernunft gebildet werden kann.“ Seltsam, daß keine und niemand auf den Gedanken gekommen ist, daß derart stabile Verhältnisse ganz vernünftig 1967 durch einen von der NATO unterstützten Militärputsch zustande gekommen waren. Rainer Brüderle, ein anderer gelber Politiker, fand ebenso spannende Worte: „Wir sind solidarisch, aber nicht doof.“ Wäre ja auch wirklich ziemlich doof, wenn der Plan, in Griechenland das Muster zukünftiger Ausplünderungs­politik ausprobieren zu können, so kläglich scheitern würde. Denn da warten noch andere Länder auf ähnliche Spardiktate mit gleichermaßen desaströsen wie profitablen Folgen: beispielsweise Spanien, Portugal, Irland, Italien und Ungarn.

 

Ein Ordnungsamt für Aasgeier

Die Aasgeier sitzen auch hierzulande und können weitgehend u­ngestört ihrem schmutzigen Geschäft nachgehen. Dafür sorgt beispielsweise die Frankfurter Politik mit Hilfe ihres Ordnungsamtes. Da wird das Demonstrations­recht einfach dadurch ausgehebelt, daß man alle möglichen Versammlungsorte und Routen kurzerhand ohne nähere Begründung für ungeeignet erklärt. Frankfurts Oberbürger­meisterin Petra Roth gibt den kapitalisten­freundlichen Ton vor: „Die Blockade der Stadt überschreitet bei weitem das, was verhältnismäßig ist und den Menschen in Frankfurt am Main zugemutet werden kann.“ Ihr christliches Gewissen schlägt für die Werte des Geldes, des Profits, der Ausbeutung und der Zerstörung sozialer, ökologischer und menschlicher Werte, was selbstredend im Einklang mit den geheiligten Werten des christlichen Abendlandes steht. Blockupy wird verboten, weil Zumutungen nun einmal das exklusive Geschäft der globalen Ausbeuter sind.

Wir werden sehen, ob sie damit durchkommen. Irgendwie ist das dann aber schizophren, ein bürgerliches Gericht anzurufen, um eine viertägige vielfältige Kundgebung gegen die vorherrschenden Verhältnisse durchzusetzen. Leider ist die Linke, und damit meine ich nicht die sozial­demokratische Partei gleichen Namens, in diesem Land nicht stark genug, ihr Recht auf Demonstration und Blockade einfach faktisch durchzusetzen. Dann würden wir vermutlich hautnah miterleben können, was ein Polizeistaat so alles sein kann, und dazu müssen wir dann nicht einmal mehr zum Fußballgucken in die Ukraine fahren. Der gezielt nach 1968 und nicht etwa als Redaktion auf die RAF aufgerüstete Polizei-, Geheimdienst- und Repressions­apparat läßt sich für die Bekämpfung jedwelcher Subversion bestens einsetzen; und da kann es eben auch einmal vorkommen, daß dieser Apparat Bomben legt, Pflastersteine in Schaufenster­scheiben wirft oder den National­sozialistischen Untergrund, abgekürzt NSU, gezielt unterstützt.

Blockupy reiht sich ein in eine neue kämpferische Tradition, deren Beginn vielleicht während der Blockade der Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation WTO im Herbst 1999 in Seattle anzusiedeln ist. Seither treffen sich die Regierungschefs der Ausplünder­nationen lieber hermetisch abgeschirmt und noch geheimer, damit keine und niemand sie persönlich an ihre Verantwortung für die kapitalistischen und imperialistischen Verbrechen auf dieser Welt erinnern kann.

Und während ich das Manuskript zu diesem Podcast schreibe, erreicht mich eine Mitteilung des Darmstädter Ablegers der Linkspartei. Darin ruft sie zur Teilnahme an einer Kundgebung mit der Abgeordneten Christine Buchholz am 15. Mai [2012] auf. Dieser Aufruf enthält neben einem ehrenwerten Anliegen auch die eine oder andere Stilblüte, die uns nachdenklich machen kann; und deshalb trage ich den Text hier auch vor.

Gegen Fiskalpakt und ESM – stehen wir auf für ein soziales, friedliches und demokratisches Europa!

Schon diese Überschrift verrät ein wenig durchdachtes Konzept. Denn eine Kundgebung dieser Art führt zu der Vermutung, daß hier nicht das Aufstehen, sondern das Herumstehen gemeint sein könnte. Doch weiter im Text:

Die Kundgebung richtet sich gegen den Fiskalpakt und den „Euro-Rettungsschirm“ und tritt ein für ein soziales, friedliches und demokratisches Europa. Es spricht die friedens­politische Sprecherin der Bundestags­fraktion der Partei DIE LINKE, Christine Buchholz sowie ein Vertreter des Trägerkreises von Blockupy Frankfurt. Die Redebeiträge werden gegen 16 Uhr [auf dem Ludwigsplatz] beginnen.

Wir wollen unsere Solidarität mit den „99%“ der Menschen in Griechenland ausdrücken, die zum Teil existentiell unter dem Druck der Wirtschafts- und Finanzkrise zu leiden haben. Wir sind solidarisch mit den Bevölkerungen auch in den anderen europäischen Ländern, die durch den Fiskalpakt und die Bedingungen des „Rettungsschirms“ von der Politik der deutschen Regierung noch tiefer in die Krise gezwungen werden.

Offenkundig hat es sich noch nicht bis zu den Aktiven der Linkspartei herumgesprochen, daß keineswegs 99% zu den Betroffenen des deutschen Spardiktats gehören. Die kleprokratische Struktur des griechischen Parteiensystems, die lokale Bourgeoisie sowie die offen reaktionären und faschistischen Kräfte gehören nun wirklich nicht zu denjenigen, mit denen wir solidarisch sein können. Nur weil irgendwelche Wohlstandskids die Parole der 99 gegen das eine Prozent ausgegeben haben, sollte man und frau sich derlei klassen­unspezifischen Blödsinn nicht zu eigen machen. Allerdings ist von einer sozial­demokratischen Partei auch nicht zu erwarten, daß sie Klassen­gegensätze korrekt zu benennen weiß. Freuen wir uns deshalb darüber, daß diese Partei zur Teilnahme an den Europäischen Aktionstagen vom 16. bis zum 19. Mai in Frankfurt aufruft, wenn mir auch schleierhaft ist, was dieses soziale, friedliche und demokratische Europa sein mag, wofür diese Partei eintritt. Denn die Europäische Union ist eine Ansammlung von Raubrittern. – Überhaupt: Intern­ationalistischer denken! Global und nicht Europa!

 

Beim nächsten Mal besser vorbereitet

Manchmal blockieren sich diese kapitalistischen Profiteure auch selbst. Als am 9. August 2007 der weltweite Bankenverkehr kurzzeitig zum Erliegen kam, weil die Finanzblase in sich zusammenfiel, stand keine linke, gar revolutionäre Bewegung bereit, um diesen abgewirtschafteten Laden einfach zu übernehmen. Vollkommen unvorbereitet, vielleicht auch geblendet von den permanenten Sieges­meldungen des globalen Kapitals nach der Implosion des Realen Sozialismus vor zwanzig Jahren, konnten Linke weltweit nur staunend verfolgen, wie Banken und Regierungen Milliarden­beträge buchstäblich aus dem Nichts schufen, um den Markt der kapitalistischen Grausamkeiten erneut mit Spielgeld zu schmieren.

Bei Karl Marx, im dritten Band des „Kapital“ kann man und frau einiges Erhellendes über die [für das Kapital] segensreiche Funktion dieses fiktiven Kapitals nachlesen.

Gleichzeitig verkündeten sie uns eine Schuldenbremse, damit wir für ihre Schulden zahlen. Angesichts des Dauer­trommelfeuers der wirtschafts­freundlichen Medien war es dann schon überraschend, daß bei der hessischen Volksabstimmung im März vergangenen Jahres immerhin 30% der Abstimmenden diese Schuldenbremse abgelehnt haben, obwohl doch mit Ausnahme der Linken alle Parteien vehement dafür waren, auch die hiesigen Piraten. Darmstadt schoß dabei den Vogel ab und stimmte gar mit 40% dagegen. Weshalb dieselben Wählerinnen und Wähler dann mehrheitlich die neoliberalen dogmatischen Schuldenparteien gewählt haben, bleibt ihr wohlgehütetes Wahlgeheimnis. Vermutlich drückt sich in dieser Diskrepanz die innere Zerrissenheit der Menschen dieses Landes aus, die einerseits von der sozialen und ökologischen Demontage betroffen sind, andererseits in einem der reichsten Länder dieser Welt davon auch selbst materiell profitieren.

Wir haben also auf der einen Seite die geballte Macht der herrschenden Klasse, die über derart viel Geld verfügt, daß sie gar nicht weiß, wohin damit, weil das grundlegende Problem jeder kapitalistischen Gesellschaft darin besteht, aus Geld noch mehr Geld zu machen. Der Weg über das Drucken von Geldscheinen ist natürlich der bequemste, hat jedoch den entscheidenden Nachteil, daß irgendwer die dadurch angehäuften Milliarden­beträge auch erwirtschaften muß. Diese herrschende Klasse verfügt nicht nur über Geld, sondern auch sonst über alles, was zur Absicherung ihrer Herrschaft notwendig ist: den Staat als ideellen Gesamt­kapitalisten, das Militär zur Absicherung der Plündertour, aber auch zur Niederhaltung der eigenen Bevölkerung. Polizei und Justiz als Klassenorgane, Schulen und Universitäten zur handwerklichen und ideologischen Heranbildung neuer Kader, und selbst­verständlich über genügend Medienclowns, die uns diese Suppe schmackhaft machen sollen.

Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die all diese Zumutungen auslöffeln sollen. Arbeitshetze bei prekären Jobs und die gezielte Benachteiligung von Frauen in Berufen und anderen Lebenslagen mögen Luxusprobleme angesichts weltweiter Verelendung, weltweiten Hungers und der Zerstörung der Lebens­grundlagen von Hunderten von Millionen Menschen der Länder des Südens sein, aber sie sind ebenso real. Die zum Wahlergebnis kondensierte Rebellion in Griechenland war nicht die erste und wird auch nicht die letzte bleiben. Die entscheidende Frage ist hier, welchen Anteil wir hierzulande daran nehmen. Schauen wir zu oder mischen wir uns ein, und wenn ja, führen wir Menschen­rechtskriege oder unterstützen wir die Emanzipation aller Menschen vom kapitalistischen, vom sexistischen und rassistischen Joch?

Vor knapp einem halben Jahrhundert überrollte eine weltweite Revolte die globale Macht des Kapitals. Die Menschen in Vietnam vertrieben die US-amerikanischen Aggressoren und zahlten und zahlen bis heute hierfür einen hohen Preis. In Paris tanzten nicht nur die Puppen, sondern auch die Menschen, und der französische Präsident Charles de Gaulle floh nach Baden-Baden, um sich der Loyalität der dort stationierten Truppen zu versichern. In den USA brannten nicht nur die Ghettos, es herrschte Bürgerkrieg, ein Krieg, der nachfolgend durch die gezielte Zufuhr von Drogen geführt wurde und bis heute wird; Drogen zur Zerstörung eines schwarzen Klassenbewußtseins.

In Prag scheiterte das schüchterne Pflänzchen eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ nicht nur an den Panzern der realsozialistischen Bruderländer, sondern auch am Aufatmen der imperialistischen Bourgeoisie in den USA und Westeuropa. Ein neuer Fokus emanzipatorischen Denkens und Handelns hatte ihnen gerade noch gefehlt. Klar, es gab die üblichen Protestnoten, doch es folgte kein Boykott, sondern ein Wandel durch Annäherung, der insbesondere der deutschen Industrie lukrative Aufträge versprach.

In Berlin beantwortete der damalige Senat die Rebellion der Nachkriegs­jugend mit der Ermordung von Benno Ohnesorg. In akribischer Kleinarbeit konnten damals die Studierenden nachweisen, wie die herrschende Klasse eine hysterische Stimmung schuf, um den Mob und ihre Polizei auf den Protest gegen Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Krieg loszulassen. In der zwölften Ausgabe der damaligen Zeitschrift „Kursbuch“ war im April 1968 nachzulesen, wie staatliche Aufstands­bekämpfung als nicht erklärter Notstand funktioniert.

In seiner „Bibliothek des Widerstands“ hat der Laika-Verlag nach mehr als vier Jahrzehnten eine Bestands­aufnahme vorgelegt, die verdeutlicht, warum viele Jugendliche in der damaligen Bundesrepublik begriffen hatten, daß die Schüsse auf Benno Ohnesorg auch ihnen galten. Die 2009 publizierte Story, daß der Polizist Karl-Heinz Kurras für die Stasi gearbeitet hat, soll davon ablenken, daß Kurras nur einer von denjenigen gewesen ist, die mittels der sogenannten Leberwursttaktik der Berliner Polizeiführung Tote und Schwerverletzte billigend in Kauf nahmen. Seit dem 2. Juni 1967 ist dem bewußten Teil der deutschen Linken klar, daß die Gewalt gezielt vom Staat ausgegangen ist.

 

Die drei Klänge der Vorbereitung

Besprechung von : Jutta Ditfurth – Worum es geht, Rotbuch Verlag 2012, 48 Seiten, € 3,99

Jutta Ditfurth hat vor wenigen Wochen im Rotbuch Verlag eine kleine Flugschrift herausgebracht, in der sie in schlichten, aber eindringlichen Worten versucht hat herauszuarbeiten, „Worum es geht“. Ja, worum geht es? Es geht sicherlich nicht darum, den kapitalistischen Eliten und den von ihnen beeinflußten opinion leaders argumentativ nahezubringen, daß ihr wahnsinniger Crashkurs die gesamte menschliche Zivilisation in den Abgrund reißen kann, wie dies beispielsweise Jan Philipp Reemtsma mit seinem Hamburger Institut für Sozialforschung unternimmt.

In der globalen Auseinandersetzung zwischen imperialistischer Bourgeoisie und den sehr differenzierten proletarischen, bäuerlichen oder halb­proletarischen Massen geht es nicht um die besseren Argumente, geht es nicht darum, wer wen davon überzeugen kann, wie das kapitalistische System besser, vielleicht gar menschen­freundlicher zu organisieren sein könnte. Derart technizistische Vorstellungen überlassen wir lieber der Piratenpartei, mit der sich junge aufstrebende Männer ihren Platz im Konzert der globalen Ausbeutung zu sichern suchen, einen Platz, der ihnen weder FDP noch Grüne bereit waren – und sind – einzuräumen. [2]

Schon mit den ersten Worten ihrer Flugschrift umreißt Jutta Ditfurth ihr Credo und spricht die Leserin und den Leser direkt an:

Frei und glücklich zu sein ist der Sinn deiner Existenz. Du bist ein wunderbares, komplexes Produkt der Evolution mit schier unglaublichen Möglichkeiten. Du hast eine biologische und eine soziale Seite. Ohne Sauerstoff, Wasser und Nahrung kannst du nicht den dümmsten Gedanken fassen. Ohne andere Menschen überlebst du nicht, ohne dich mit ihnen auseinanderzusetzen wirst du nicht klüger. Vom ersten Moment deines Lebens an bist du ein gesellschaftliches Wesen.

Der Sinn des Lebens ist es, dass alle Menschen die gleiche Freiheit haben, ihre sozialen, sinnlichen, intellektuellen, künstlerischen, handwerklichen und technischen Fähigkeiten zu entfalten. Die Vorbedingung wirklicher Freiheit ist, dass die Menschen die gleichen materiellen Möglichkeiten haben, um sich in ihrer individuellen Unterschied­lichkeit frei zu entwickeln. Dass sie sozial gleich sein müssen, um wirklich frei sein zu können. [3]

An diesem derart eingeführten radikalen Humanismus ist die reale Welt zu messen, ist jedoch auch die Utopie einer anderen, besseren, menschlichen Welt zu ergründen. Daß die Welt, in der wir leben, diesem Humanismus nicht genügt, dazu genügt ein offener und nicht konfliktscheuer Blick auf die Wirklichkeit. Es reicht der vorurteilsfreie Blick in unser soziales Nahfeld. Das menschliche Elend findet nicht nur in den Slums von Kalkutta oder in den Handyfabriken der Sonderwirt­schaftszonen in China oder auf den giftigen Wohlstands­müllbergen in Abidjan statt, sondern ebenso in der krank machenden Welt der Arbeitshetze, der betrieblichen Mobbings und der sozialen Ausgrenzung derer, die sich nicht mehr produktiv verwursten lassen.

Buchcover Worum es gehtDer Krieg, von dem Jutta Ditfurth in ihrem kleinen, gerade einmal 48 Seiten dünnen Büchlein spricht, heißt Kapitalismus. Und es bedarf nicht nur der sinnlichen Wahrnehmung, sondern auch der intellektuellen Anstrengung, um zu begreifen, wie dieses Monster funktioniert und zu wessen Zweck es gezüchtet und genährt wurde und wird. Nun sind es in der Tat nicht die besseren Argumente, die uns dabei helfen, einen radikalen Humanismus zu verwirklichen, sondern es ist eine Machtfrage. Wo immer die ausgebeuteten und vielfältig niedrig gehaltenen Menschen etwas erreicht haben, war es durch eine soziale Massen­bewegung. Wahlerfolge, parlamentarische Aktionen, Gesetze und Pöstchen gab es immer nur aufgrund eines derartigen Drucks; niemals gibt die herrschende Klasse freiwillig etwas her.

Daß es hierzulande nicht Dutzende, wenn nicht Hunderte von Atomkraft­werken gibt, liegt nicht daran, daß es die Grünen gibt. Diese haben sich spätestens mit ihrem Atomkonsens in der nuklearen Frage diskreditiert. Daß es kein Atomkraftwerk zwischen Messel und Kranichstein – so eine Planung aus den 50er Jahren – oder weitere am Rhein zwischen Biblis und Bischofsheim gegeben hat, liegt am entschlossenen Widerstand einer sozialen Bewegung der 70er und 80er Jahre. Und dennoch sterben diese Verrückten nicht aus, die uns nuklear bedrohen. Der Machbar­keitswahn männlicher Spielkinder findet nicht einmal eine Grenze darin, einmal selbst ein schwarzes Loch künstlich erzeugen zu wollen.

Zwar versichern sie uns, es werde schon nichts passieren, wir haben alles im Griff, aber eigentlich haben sie gar keine Ahnung von dem, was sie dort tun. Ähnliche Versicherungen der Ungefähr­lichkeit haben wir auch zur Genüge vor und nach Tschernobyl und vor und nach Fukuschima vernommen. Sie lügen uns an, wo immer sie sich einen Nutzen davon versprechen. Es wird Zeit, daß wir nicht nach jeder Lüge zur Tagesordnung übergehen und die nächste derartige Versicherung unbesehen übernehmen.

Macht es Spaß, sich anlügen zu lassen?

Es ist eine grundsätzliche Frage. Die einzig realistische Einstellung zum realen kapitalistischen Medienbetrieb ist: glaube ihnen nie auch nur ein Wort – und handle danach. Das bedeutet nicht, immer das Gegenteil zu glauben. Es bedeutet, sich aufgrund emanzipatorischer Maßstäbe sachkundig zu machen, um ein eigenes, wohlbegründetes Urteil fällen zu können.

Nun ist ein Leben im Kapitalismus nicht recht hilfreich, um die Welt zu erkennen und zu erkunden. Der entfremdete Mensch ist einer, dessen Bewußtsein schwer angegriffen ist. Neben den unmittelbaren Profiteuren weltweiter Ausbeutung und globaler Zerstörung, die aus nahe liegenden Gründen den ideologischen Quatsch glauben, den ihre wissenschaftlichen und medialen Claqueure ausgebrütet haben, gibt es auch diejenigen, denen es gut genug geht, um nicht an Alternativen zum Bestehenden zu denken, oder die zu desillusioniert sind, um noch daran zu glauben. Und es gibt selbst­verständlich auch diejenigen, die in ihrer Angst, sozial abzusteigen, lieber nach unten treten als aufzumucken, also die Blockwarte, die Schleimer und der reaktionäre Mob, zu Deutsch: die Mitte der Gesellschaft.

In den satten bürgerlichen Milieus von kapitalistischen Zentren wie Deutschland bedeutet das Entfalten individueller Fähigkeiten nur allzu oft, Kinder zu brechen und sie für das kapitalistische Rattenrennen zu stählen. Ihr Selbst­bewusstsein wird auf die falsche Art sozialer Anerkennung getrimmt. Ohne Leistung sind sie nichts wert. Für die Entsagung von wirklicher Freiheit und Glück werden sie mit Privilegien und Konsumgütern verwöhnt. Die Sensiblen leiden darunter, aber nur eine winzige Minderheit dieser elitären Kaste verlässt den goldenen Käfig – in den sie dann doch fast immer lebens­länglich zurückkann. [4]

So Jutta Ditfurth, die aus eigener Erfahrung spricht. Denn die 68er Revolte war auch, aber nicht nur eine Revolte von Bürgers­töchtern und -söhnen, die zumindest ahnten, wenn nicht wußten, daß sie, wann immer sie wollten, heim ins Reich zurückkehren, aufsteigen und profitieren konnten. Dies ist eine wichtige Erfahrung all derer, die diese Möglich­keiten nicht hatten, und es ist eine Erfahrung, die ein gesundes Mißtrauen gegenüber bürgerlicher Opposition schürt. Klassenverrat geübt haben nur wenige – und Jutta Ditfurth beschreibt in ihrer Autobiografie „Durch unsichtbare Mauern“, wie eine Adelstochter den Sprung geschafft hat.

Zu den Lebenslügen insbesondere sozial­demokratisch-grüner Couleur gehört es, den eigenen Reifeprozeß als Erwachsenwerden hinzustellen, mit dem der jugendliche Aufbruch und Elan als naiv und unreif abgetan wird. Man und frau habe „dazugelernt“, heißt es dann, was eine vornehme Umschreibung dafür ist, sich den Werten und Normen der bürgerlichen Gesellschaft angepaßt und unterworfen zu haben.

Nun ist die Mitte der Gesellschaft ein durchaus ernstzu­nehmendes Hemmnis jeder emanzipatorischen Bewegung. Es ist diese Mitte, die offen ist für rassistisches Gedankengut, die mobilisierbar ist für faschistische Lösungen, die an jeder Hetze teilzunehmen bereit ist in der Erwartung, hierfür soziale Anerkennung zu erhalten. Populistische Parolen sind keineswegs nur am rechten Rand der Gesellschaft zu finden, wir können sie – gut bürgerlich verpackt – auch im Spiegel, der „Süddeutschen Zeitung“ oder der Sozialdemokratie und auch bei den Grünen wiederfinden. Eine soziale Revolte gegen die herrschenden Zustände wird folglich immer die Aktion einer Minderheit sein, aber dies war die Französische Revolution oder die Unabhängigkeits­erklärung der USA auch. Wozu zu allem entschlossene Mehrheiten fähig sind, hat gerade in Deutschland die Zeit zwischen 1933 und 1945 gezeigt.

Es ist ein weit verbreitetes Mißverständnis, daß eine Demokratie darin besteht, daß es eine Mehrheit gibt, die bestimmt, wo es langgeht. Auch Mehrheiten sind an Rechtsnormen gebunden und sollten sich bei ihren Entscheidungen an ethischen Maßstäben orientieren, die eine Minderheit nicht ausgrenzen. Nun handelt es sich hierbei nicht um eine Angelegenheit im luftleeren, herrschaftsfreien Raum. Wir befinden uns in einer konkreten kapitalistischen Gesellschaft, in der nicht bessere Argumente, sondern Macht und Profit zählen. Wer seine eigenen Interessen den besseren Argumenten opfert, wäre – ganz im Sinne des Herrn Brüderle – ja auch doof. Überhaupt ist es ja so, daß gar nicht einzusehen ist, weshalb sich eine Mehrheit besseren Argumenten beugen sollte, da kann sie im Zweifelsfall nur verlieren. Geradezu prototypisch handelte hier eine Mitglieder­versammlung des Radar e.V. im April 2007, als sie klar und deutlich zum Ausdruck brachte, daß sie die Rechte anderer Menschen nicht interessiere, weil, sie habe ja die Mehrheit. Daß derlei Gedankengut schnell in unappetitliche Richtungen abdriften kann, bedarf wohl keiner näheren Erläuterung.

 

In den musikalischen Klauen des konformistischen Mitmacher-Mainstreams

Diese Orientierung an Mehrheiten hat sicherlich auch mit der Sehnsucht nach Harmonie zu tun. Diese Sehnsucht ist einerseits verständlich bei gesell­schaftlichen Zuständen, die alles andere als harmonisch sind, die ganz im Gegenteil brutal nicht unbedingt das Recht des Stärkeren, aber auf jeden Fall das Marktgesetz des Profitableren zum Ausdruck bringen. Zu derart harmonisch verkleisterten Mehrheiten gehört ein Konformismus, der sich am Mainstream orientiert, vor allem in der Popkultur, der Musikszene und der stylischen Kleidungsmode. Unter der Maßgabe, ganz individuell sein zu wollen, orientieren sich Millionen Atome an einer vorherrschenden Geschmacks­lage. Dieser Geschmack – so vielfältig er übrigens sein kann – ist darauf ausgerichtet, möglichst nicht wehtun zu wollen und, damit der Umsatz stimmt, auch möglichst viele Menschen erreichen soll.

Deshalb hören wir insbesondere in der Sendeloch-Wieder­erkennungsmusik von Radio Darmstadt seit Jahren immer wieder dieselbe einschmeichelnde Soße. Dieser Sender ist derart mainstreamig, daß es richtig weh tut. Seine Musikfarbe drückt eine klare Absage an Dissenz aus, dazu gehört nur, wer sich der Mehrheit des Vereins­mainstreams bedingungslos unterwirft. Alle anderen ernten nicht nur soziale Kälte im Sendehaus, sondern Anfeindungen allerniedrigster Couleur.

In Jutta Ditfurths Autobiografie finden wir jedoch ein vollkommen anderes Verständnis von Musik. Womöglich ist es auch nur so, daß jede Zeit ihre Musik besitzt, und diese Musik trefflich den vorherrschenden Geist zum Ausdruck bringt. Während in den 60er Jahren zornige junge Männer und Frauen den Geist der Revolte atmeten und in die Welt hinausschrieen, wie etwa Janis Joplin und Jimi Hendrix, langweilt heute eine gestylte Popindustrie mit immer neuen Sternchen, deren ganz individuell künstliche Popsongs nach dem Baukasten­prinzip zusammen­gebastelt werden.

Die Musikredaktion von Radio Darmstadt hatte sich in ihren Anfängen ein Statut gegeben, das zumindest eine Ahnung von der Funktion der Popmusik für die ideologische Benebelung der Massen besaß. Höre ich heute, und nicht erst seit heute, eine Sendung dieser Redaktion, dann finde ich eines ganz gewiß nicht: die kritische Reflexion der Musik für die Kulturindustrie des neoliberalen Kapitalismus. Allenfalls werden eigene musikalische Vorlieben zelebriert, die so belanglos und unverbindlich sind wie die gesamte postmoderne Ideologie. Barbara Nickisch beispielsweise liest in ihrer Sendung Special Feature hauptsächlich irgendwelche Texte vor, die sie mehr oder weniger zufällig in Büchern, Zeitschriften oder im Internet gefunden hat, ohne daß dabei jemals eine eigene, gar reflektierte Position sichtbar würde. Das geht auch schlecht, denn wie will sie eine musikalische Vorliebe mittels einer kritischen Auseinander­setzung begründen? Ihr Vorgehen entspricht durchaus nicht dem, was wir im Statut der Musikredaktion vorfinden können:

Die ModeratorInnen sollten im Idealfall SpezialistInnen in ihren Musikbereichen sein. Sie berichten über Hintergründe und Zusammenhänge, von ihren Kenntnissen können die HörerInnen profitieren. Die Beschäftigung mit der Musik befähigt die ModeratorInnen der M-Redaktion, den HörerInnen von RadaR in allen Musiksparten eine echte Alternative zu den etablierten Sendern zu bieten.

Das Profitieren besteht nämlich nicht darin, ebenfalls Expertin der Musikrichtung X zu werden, sondern darin, ihre gesellschaftliche Funktion zu verstehen. Daß inzwischen auch die kritischen Bestandteile der 60er und 70er Jahre kulturell-industriell vereinnahmt wurden, sollte bei der Analyse und der Vermittlung nonkonformistischer Musik berücksichtigt werden.

Selbstverständlich besitzt ein Antikriegssong wie „Masters of War“ von Bob Dylan oder der Aufruf zur Revolte wie in „Street Fighting Man“ von den Rolling Stones heute nicht mehr denselben Stellenwert. Es sind Songs, die zur damaligen Zeit gepaßt haben, die junge Menschen dazu ermunterten, das eigene Leben gegen die bösartigen Verhältnisse in die eigene Hand zu nehmen, und die sich vor allem dem Mainstream noch verweigerten. Als Jimi Hendrix das Sternenbanner musikalisch ein für allemal zerfetzte, standen Hundert­tausende, wenn nicht Millionen hinter ihm, ohne ihn per copy and paste zu kopieren. Sie fühlten genau diese Wut, die sie auch die Schüsse auf Benno Ohnesorg verstehen ließen.

Und heute? Heute benebeln Deutschland sucht den Superstar und ähnliche Soap Operas die Köpfe und Herzen derart vieler Teenies, daß wir zweifelsohne von erfolgreicher Gehirnwäsche sprechen können. Dieses künstliche Universum von musikalischem Klebefleisch finden wir in den Jugend- und Unterhaltungs­sendungen von Radio Darmstadt in aller epischen Breite zelebriert wieder vor; es fördert keine kritischen Gedanken, es zerstört sie. Dabei sein ist alles, dazu gehören ist alles. Kritik ist böse, Selbstreflexion verpönt. Denkt ihr eigentlich jemals darüber nach, daß dieses Berieselungs­programm einzig und allein dazu ausgerichtet ist, daß ihr diese Verhältnisse, an denen ihr durchaus seelisch leidet, ertragen und erfolgreich reproduzieren könnt? Natürlich bringt es keine soziale Anerkennung bei derartigen Mehrheiten, eine eigene Meinung zu vertreten, aber wer hier mitmacht, macht sich auch mitschuldig an den Verbrechen, die in seinem oder ihrem Namen weltweit begangen werden.

Und ganz nebenbei – das zuweilen auf diesem Sender anzutreffende Abfeiern lokaler Bands macht die Sache auch nicht besser. Denn wenn ich mir diese so künstlichen Künstlerinnen und Musiker anhöre, dann erkenne ich in der Regel eine Orientierung an einem weitgefächerten Mainstream wieder, also an etwas, auf das eine Welt, die sich der Emanzipation von den vorherrschenden Verhältnissen verschreibt, gut verzichten kann. Aber ich bin mir sicher, daß ihr bei Radio Darmstadt das nicht versteht. Dafür seid ihr längst im durchaus schillernden Sumpf des konformistischen Konsumismus gefangen. Aber im Grunde genommen spreche ich ja auch nicht zu euch, sondern versuche euren, versuche meinen Hörerinnen und Hörern begreiflich zu machen, worum es geht. Und damit komme ich zu Jutta Ditfurths Flugschrift zurück.

 

Worum es wirklich geht

Jutta Ditfurths veritable Parforcejagd durch die Abgründe einer immer absurder werdenden kapitalistischen betriebs­wirtschaftlichen Zerstörungslogik zeigt auf, daß neue Technologien zwar neue soziale Netzwerke schaffen, diese jedoch die Menschen auf vollkommen neue Weise sozial kontrollieren und abhängig werden lassen. Der virtuelle Konsum wird schnell zur Sucht, er ist das trojanische Pferd derselben Kulturindustrie, die schon zuvor im Radio und Fernsehen den ideologischen Kleister geliefert hat. Doch es geht nicht nur um Gehirnwäsche und Konsum, es geht um Behaglichkeit. In diesem Land hat sich inzwischen ein Bürgertum breitgemacht, das bereit ist, für seinen Wohlstand über Leichen zu gehen. Diese Bürgerinnen und Bürger wissen, daß der Reichtum der kapitalistischen Metropolen auf der Ausplünderung und Verelendung anderer Kontinente beruht. Psychologisch betrachtet ist die Pathologie einfach.

Das weiß der Bürger, das weiß die Bürgerin. Das verheimlichte Wissen prägt ihren Blick auf die Welt. Von ihrem Anteil an der Beute wollen sie nicht lassen, auch die Mehrheit des aufgeklärteren Teils des Bürgertums nicht. Das erklärt ihre Aggressivität gegenüber jeder radikal-humanistischen Kritik und ihre Sucht nach konfliktlosen, harmonischen Zuständen, weil doch jedes Lüpfen des schweren Teppichs, der ihre Geschäfts­grundlagen zudeckt – und die Verbrechen, von denen sie profitiert haben – enthüllt. Das erklärt auch, warum jede grundsätzliche Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, so schnell als obszön stigmatisiert, als geisteskrank pathologisiert oder als terroristisch denunziert werden muss. [5]

Der gesellschaftliche Ausdruck dieser Geisteshaltung ist der Aufstieg der grünen Partei an die Fleischtöpfe der Macht. Dort angelangt zogen sie ihr soziales Mäntelchen aus (so sie es je gehabt haben) und unterstützten Gerhard Schröders Hartz-Projekte mit den Nummern I bis IV enthusiastisch. Dort angekommen zeigten sie der Welt, wie Menschenrechte herbeigebombt werden können, ohne dabei schamrot zu werden. Diese Haltung wird deutlicher, wenn wir berücksichtigen, daß dieses neue Bürgertum sich allenfalls durch den Einkauf bei Alnatura oder die Beschwörung esoterischer Geister von der bislang für dieses Bürgertum zuständigen FDP unterscheidet.

Folgerichtig verachtet ihr radikalerer Teil diejenigen, die sie mit Hartz verfolgt und schikaniert haben. Diese Armen sind in ihren Augen selbst schuld an ihrem Schicksal und müssen in der Konsequenz nach den Maßgaben des vor zwei Jahrhunderten in England predigenden Vulgär­ökonomen Thomas Robert Malthus als überflüssig beseitigt werden. Die hier durchscheinende „gruppenbezogene Menschen­feindlichkeit“, wie sie seit einigen Jahren in mehreren Studien an der Universität Bielefeld herausgearbeitet wird, ist nicht etwa bei Ungebildeten, sondern bei oberen Status- und Einkommens­gruppen anzutreffen. Das soll jetzt nicht heißen, daß alle Grünen so sind, aber der Nährboden ist reichlich vorhanden. Biologistische Weltmodelle treffen auf schlechtes Gewissen und materiellen Wohlstand, und das ist eine ganz üble Mischung.

Doch eine radikale Analyse gesellschaftlicher Zustände kann nicht ohne die Frage enden, was zu tun ist. In Anlehnung an die berühmte Schrift Lenins aus dem Jahr 1902, der damit ganz bewußt Bezug nahm auf den russischen Schriftsteller und Revolutionär Tschernischewski, stellt sich ganz konkret die Frage danach, was zu tun ist, um eine Gelegenheit wie zum Zeitpunkt der Blockade des Finanzsystems 2007 nicht unvorbereitet verstreichen zu lassen. Natürlich geht es hierbei um Organisierung, denn nur organisierte Minderheiten haben eine Chance, den verkleisterten Mainstream zu bekämpfen. Doch Organisation ist nichts ohne emanzipatorische Zielsetzung, ohne intensives Studium, ohne darauf gerichtete Aktion. Dieser Dreiklang, wie sie es nennt, ist notwendig, auch wenn es keine Erfolgsgarantie gibt. Befreiungskämpfe in der Dritten Welt zu unterstützen, ist gut und schön, tut jedenfalls nicht weh, doch es kommt darauf an, hier, im Herzen der Bestie aktiv zu sein.

Jeder Schritt, der uns hier gelingt, erleichtert das Leben vieler Menschen anderswo, weil der deutsche Staat und das deutsche Kapital […] großen, oft vernichtenden Schaden an Mensch und Natur in aller Welt anrichten. [6]

Organisierung und Aktion bedürfen der richtigen Analyse, um nicht angebliche Fehl­entwicklungen des Kapitals zu kritisieren und selbigem Lösungs­ansätze zu bieten. Es ist nicht das böse Finanzkapital, das uns knechtet. Selbst ohne Krise ist das Wirken jeglichen Kapitals mörderisch. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs dürfte gut eine halbe Milliarde Kinder an Hunger und leicht heilbaren Krankheiten gestorben sein, obwohl Lebensmittel und Medikamente ausreichend vorhanden waren. Vielleicht ist dies ein Gedanke, so ungeheuerlich er auch sein mag, der den Wohlstands­kindern hierzulande zu denken geben mag.

Buchcover Durch unsichtbare MauernGelegenheiten wird es zukünftig (leder) genügend geben. Die Finanzkrise von 2007 mit nachfolgender weltweiter Wirtschaftskrise hat zum wiederholten Male gezeigt, daß es einen Kapitalismus nicht ohne Krisen mit all ihren Verwerfungen geben kann. Die jüngste Krise wurde durch den erhöhten Einsatz von Spielgeld erst einmal überwunden und es ist durchaus möglich, daß der Laden noch einige Jahre mehr oder weniger rund läuft. Das heißt nicht, daß der Aufschwung allen zugute kommen wird. Das tut er nie. Karl Marx hatte schon vor rund 150 Jahren Recht mit seiner Analyse, daß ein Krisenzyklus rund zehn Jahre beträgt, und diesen Gedanken können wir uns insofern nutzbar machen, als wir berechnen können, daß in etwa fünf bis sieben Jahren die nächste Krise ganz gewiß kommen wird.

Die Frage ist, wie die herrschende Klasse sie löst. Vor einhundert Jahren gab es zunächst einen imperialistischen Weltkrieg, dann eine Inflation zur Gesund­schrumpfung des deutschen Kapitals, eine Weltwirtschafts­krise enormen Ausmaßes und einen von derselben herrschenden Klasse herbeigerufenen Faschismus. Wie immer die Krisenlösung der weltweiten Eliten heute aussehen mag, eines ist gewiß: ohne unser Eingreifen wird sie brutaler und mörderischer sein, als wir es uns derzeit in unseren schlimmsten Alpträumen vorstellen können.

Bleibt noch anzumerken, daß eine solche Bewegung nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen sollte. So wichtig Organisierung und Verbindlichkeit sind, so notwendig ist es auch, daß sich antiautoritäre Autoritäten herausbilden, die sich durch ihr Handeln selbst überflüssig machen. Emanzipation bedeutet hier, möglichst viele Frauen und Männer dazu zu befähigen, selbstbestimmt und kollektiv zu handeln, gemeinsam zu entscheiden und bereit zu sein, im richtigen Moment das richtige zu tun. – Jutta Ditfurths Flugschrift „Worum es geht“ ist im Rotbuch Verlag zum durchaus erschwinglichen Preis von 3 Euro 99 erschienen. Zudem empfehle ich nachdrücklich die Lektüre ihrer politischen Autobiografie „Durch unsichtbare Mauern“, als Neuauflage im vergangenen Jahr im selben Verlag herausgekommen.

 

Ein Palaver zur Geschichte

Besprechung von : Oliver Stone / Tariq Ali – Zur Geschichte, Laika Verlag 2011, 92 Seiten, € 14,90

Wer die Gegenwart begreifen will, um die Zukunft zu verändern, benötigt ein fundiertes Wissen um die Vergangenheit. Wer verstehen will, weshalb die Bankrotteure des kapitalistischen Marktes nicht etwa abgesetzt, sondern gepampert werden, wie das Neudeutsch so heißt, muß verstehen, wie der Kapitalismus funktioniert und was Imperialismus bedeutet. Die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts ist ein Füllhorn an derartigen Erkenntnissen. Im Laika Verlag ist hierzu in deutscher Übersetzung ein Gespräch mit dem pakistanischen Schriftsteller und Aktivisten Tariq Ali und dem Regisseur Oliver Stone erschienen mit dem knappen Titel „Zur Geschichte“. Nun handelt es sich bei Oliver Stone um einen Filmemacher, dessen Werke durchaus oskarreif sind und die so betrachtet zum Establishment gehören. Tariq Ali weist jedoch in seinem Vorwort zum Buch auf eine weniger beachtete Nuance hin:

Stones Weigerung, die »Wahrheiten« des Establishments gelten zu lassen, ist der wichtigste Aspekt in seinem Filmschaffen. Er mag sich hier und da irren, aber er greift immer imperiale Annahmen an. [7]

Nach seinem in einem anderthalbstündigen Film kondensierten Interview mit Fidel Castro 2002 begab sich Oliver Stone nach Südamerika, um den neuen Aufbruch eines Kontinents und seinen Versuch, sich von US-amerikanischer Dominanz zu lösen, filmisch einzufangen. Mit Hilfe einer kritischen Bearbeitung durch Tariq Ali konnte hieraus der Film South of the Border fertig gestellt werden, der insbesondere einem US-amerikanischen Publikum zeigen sollte, daß die dortige mediale Darstellung eines Hugo Chávez, eines Evo Morales oder eines Rafael Correa vollkommen an der Realität vorbeigeht.

Buchcover Zur GeschichteNun wird es auch hier so sein, daß keine noch so guten Argumente zählen, wenn eine Macht auf ihrem Recht besteht, sich die Welt nach eigenem Gusto zusammenzurauben und vorzustellen. Doch für eine neue, junge Generation von US-Bürgerinnen und -Bürgern mag der Film und das im Anschluß daran entstandene Buch „On History“ eine Hilfe sein, sich zu organisieren und der ideologischen Vereinnahmung durch den imperialen Mainstream zu entgehen. Insofern ist schon die Frage erlaubt, ob es sinnvoll ist, ein auf ein US-amerikanisches Publikum zugeschnittenes und mitunter auch grobschnittiges Buch nach Deutschland zu exportieren. Denn so bösartig und gewalttätig der US-Imperialismus auch sein mag, die deutsche Fassung ist sicherlich keine Schmusekatze. Andererseits schadet eine Lektüre dieses 92-seitigen Büchleins auch nicht, denn es kann dazu anregen, sich selbst auf die Suche nach den wahren Zusammenhängen von Macht, Reichtum, Elend und Krieg zu begeben.

Tariq Ali entstammt der antiimperialistischen Linken der 60er und 70er Jahre, und dies ist seiner Argumentation auch heute noch anzumerken. Er gehört nicht zu denen, die gelernt haben, erwachsen zu werden, um sich der Gedanken­freiheit des Mainstreams anzupassen. Im Gegenteil – was immer er schreibt, wo immer er auftritt, was immer er zu sagen hat: es ist fundiert und analytisch klar. Leider kommt diese intellektuelle Fähigkeit in seinem Gespräch mit Oliver Stone nicht so recht zum Tragen. Das mag an der Gesprächs­situation liegen, das mag auch daran liegen, daß Oliver Stone als Stichwortgeber allzuoft abrupt das Thema wechselt und dem pakistanischen Politaktivisten nicht ausreichend Gelegenheit bietet, sein Thema zu entwickeln. Andererseits belegen diese sprunghaften Wechsel auch nur, wie sehr alles mit allem zusammenhängt.

Auf YouTube gibt es ein Video, das einen Vortrag von Tariq Ali auf einer sozialistischen Konferenz im Juni 2010 in Chicago wiedergibt. Er sprach dort über Barack Obama und dessen Kriege im Irak und in Afghanistan. nebenbei gab er ein Bonmot wieder, das durchaus zum Nachdenken anregen kann. Auf den Vorhalt konservativer Kreise, so meinte er, daß der Kommunismus gescheitert sei, gebe es eine naheliegende offensive Antwort. Sie lautet: Ja, das stimmt, es gab einen Versuch und der ist nach 75 Jahren gescheitert. Der Kapitalismus hingegen habe schon viele Versuche gehabt, und er sei jedesmal gescheitert. Nun kann man und frau das auch anders sehen, und das Scheitern des Kapitalismus als sein strukturelles Systemmerkmal betrachten. In seinem Gespräch mit Oliver Stone erweitert er den Gedanken:

Ich sage das, weil der Kapitalismus unzählige Male gescheitert ist. Ich weiß nicht, ob wir da einer Meinung sind, aber seit 1825 gab es Dutzende und Aberdutzende kapitalistischer Zyklen mit Aufschwung und Krise. Aufbruch, Krise, Zusammenbruch. Ich meine, wir können uns natürlich an die großen erinnern, es gab allerdings auch kleinere. Dieses System darf sich aber jedes Mal wieder erholen, oder wird zu neuem Leben erweckt, wie wir es heute wieder sehen können. Und die Sozialisten, die Kommunisten und die Sozialisten, hatten einen Versuch, der fünfundsiebzig Jahre dauerte, bis ihr System zusammenbrach, und alle sagten, es ist vorbei. Ich meine, diese bestimmte Art von Kommunismus und dieser bestimmte Versuch mag vorbei sein, aber es gibt überhaupt keinen Grund dafür, warum die Menschen sich kein besseres System als das bestehende vorstellen sollten, ohne das Schlimmste dessen, was das Sowjetsystem darstellte, zu wiederholen. [8]

Dieser geradezu unerschütterliche Glaube daran, daß sich Menschen nicht alles gefallen lassen, daß gegen jedes System von Herrschaft und Unterdrückung irgendwann rebelliert wird, durchzieht diesen kleinen Band. Allerdings ist ihm auch bewußt, daß jahrzehntelange Abstumpfung, daß Perspektivlosigkeit, aber auch die marginale Teilhabe am Reichtum dieser Welt zu anderen Lösungen führen können.

[I]n den 1940ern und 1950ern, in den 1960ern und 1970ern dachten die Leute, sie könnten die Welt zum Besseren verändern. Und wenn das Gefühl verloren geht, dann treten all diese rückschrittlichen Gruppen und Bewegungen in den Vordergrund. [9]

„Zur Geschichte“, der kleine Diskursband aus dem Laika Verlag, kostet 14 Euro 90.

 

Mord ist ein einträgliches Geschäft

Besprechung von : Lunapark21, Heft 17, Frühjahr 2012, 72 Seiten, € 5,50

Imperialismus ist eine Mischung aus Wirtschaft, Politik und Krieg, bei dem die Wirtschaft profitiert, den Krieg jedoch zur Eroberung und Sicherung von Märkten und Rohstoffen benötigt. Die Politik hat die entsprechenden Rahmen­bedingungen zu gewährleisten und das Militär dorthin zu schicken, wo es die Wirtschaft benötigt. Dieses zugegebener­maßen holzschnittartige Szenario beschreibt dennoch ganz gut den Siegeszug des Kapitals in den vergangenen zwei, drei Jahrhunderten. Krieg ist jedoch nur eine Facette des blutigen Geschäfts der Rüstungs­produktion. Rüstungs­wirtschaft sichert, nein kreiert Profite, die im normalen Geschäftsleben so nicht denkbar sind. Das aktuelle Frühjahrsheft der ökonomie­kritischen Zeitschrift Lunapark21 wendet sich angesichts verstärkter Krisentendenzen der kapitalistischen Weltwirtschaft ganz folgerichtig dem Geschäft mit dem organisierten Mord und Totschlag zu.

Cover Lunapark21 Heft 17Im Grunde genommen, so ließe sich argumentieren, kann es ja ganz gleichgültig sein, wofür ein Staat sein Geld ausgibt. Solange die Wirtschaft davon profitiert, wäre ja alles in Butter. Dennoch ist die Realität eine andere. Während Sozialausgaben grundsätzlich mißtrauisch beäugt und als ein schweres Verbrechen gegen die Selbstheilungs­kräfte des Marktes angesehen werden, wird trotz Schuldenbremse und Troikadiktat beim Rüstungs­haushalt recht selten gespart. Dies finden wir demnach derzeit auch in Griechenland vor. Das griechische Rüstungs­programm wird im Gegensatz zur Sozialpolitik kaum beschnitten. Das wäre ja auch widersinnig, denn europäische und somit auch deutsche Konzerne können es sich nicht leisten, ein derart lukratives, weil vollkommen sinnloses Geschäft zu verlieren.

Sinnlos? Ich denke, das ist der falsche Gedanke. Edwin Starr hatte der Friedens­bewegung der 60er Jahre einen netten Popsong gewidmet, in welchem er die Frage stellte: War – what is it good for? Seine Anwtort lautete „absolutely nothing“; und diese Antwort ist offensichtlich falsch. Denn Kapitalismus und Rüstungs­wirtschaft hängen so eng miteinander zusammen, daß auch staatstragende Gewerkschaften wie die IG Metall die Auseinander­setzung um todbringende Arbeitsplätze in der deutschen Kriegsindustrie scheuen. War sells. Dieses Geschäft läuft so gut, daß nach einer Delle im Gefolge des Verschwindens der Sowjetunion und dem damit beendeten Kalten Krieg heute mehr Rüstungsgüter produziert werden als noch vor zwei Jahrzehnten. Daß die deutsche Wirtschaft hier fleißig bei Rüstungs­exporten mitmischt, ist kein Geheimnis, sondern ein Geschäftsprinzip. Nur was andere tötet, macht uns reich.

Daß nicht Rüstungs­programme, sondern die kärglichen Reste eines Wohlfahrtsstaats eingedampft werden, ist aus der Sicht der Kapitalisten durchaus funktional. Während der Wert der Ware Arbeitskraft, wo immer es geht, zu senken ist, um noch mehr Mehrwert herauspressen zu können, ist der hemmungslose Zugriff auf Staatsknete kein Leistungsmißbrauch.

Die aktuelle Ausgabe von Lunapark21 befaßt sich folglich selbst­verständlich auch weiterhin mit der ebenfalls von Deutschland ausgehenden Strangulation Griechenlands, fragt danach, was so toll und gleichberechtigt daran ist, wenn auch Frauen Krieg spielen dürfen, untersucht die Widersprüche des iranischen Atomprogramms und zeigt auf, daß Argentiniens Ökonomie zehn Jahre nach ihrem wirtschaftlichen Zusammenbruch und Schuldenschnitt wieder ganz gut funktioniert. Allerdings sollten wir nicht den Fehler begehen, Argentinien als Vorbild für einen alternativen Umgang mit Griechenland zu nehmen. Zwar floriert das Leben für weite Teile der Bevölkerung wieder, aber Armut ist weiterhin verbreitet und der Aufschwung prekär.

Ein weiteres lateinamerikanisches Land, Venezuela, verwendet seinen Ölreichtum mittels einer sozialdemokratisch orientierten Wirtschaftspolitik zum Aufbau einer eigenen Infrastruktur; kein Wunder, daß die dortige Bourgeoisie dagegen wettert, vor allem dann, wenn es nicht sie ist, die geschmiert wird. Alix Arnold stellt uns mit Cecosesola einen selbstverwalteten Betrieb vor, der seit 44 Jahren der oligarchischen Vereinnahmung zu trotzen versucht. Interessant hieran sind die internen Spielregeln des Projekts. Demokratie benötigt Zeit, Respekt und Vertrauen, und so werden Entscheidungen nicht technokratisch übers Knie gebrochen, sondern ausdiskutiert. Das ist ein Horror für Manager und Betriebs­wirtschaftler, aber segensreich für die dort Beschäftigten.

Eine Kurzmeldung zu Kinderarbeit in Äthiopien endet mit der seltsamen Formulierung,

daß der weltweite Kapitalismus mit seinem grenzenlosen Reichtum auch darauf basiert, dass Hunderte Millionen Kinder nicht Kind sein dürfen. [10]

Ganz abgesehen von der noch zu klärenden Frage, was dies denn sein soll, ein Kind sein zu dürfen, ohne in romantisierend-schnulzige bürgerliche Behaglichkeit zu verfallen, ist nicht nur Kinderarbeit das Problem, sondern auch das, was diesen Kinder vorenthalten wird, nämlich die Schule. Wenn ich mir die gehetzten G8-Kinder als Spitze eines Eisberges anschaue, die mit Ritalin vollgepumpt werden, damit sie ihren Bewegungsdrang marktkonform bändigen, dann frage ich mich ja schon, worin denn eine kindgerechte Kindheit in einer durchgeknallten kapitalistischen Metropole bestehen könnte. Im gegenwärtigen Schulsystem jedenfalls nicht.

Lunapark21 ist eine Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie und zur Vernetzung von emanzipatorischen Gedanken und Positionen. Sie erscheint vierteljährlich; das hier besprochene Heft kostet 5 Euro 50.

 

Systematische Betriebsstörung

Besprechung von : Lunapark21, extra06, Frühjahr 2012, 56 Seiten

Cover S-Bahn-Krimi BerlinBernhard Knierim betrachtet das Desaster der Bahn­privatisierung in Großbritannien. Diese Privatisierung war derart erfolgreich, daß der Staat, natürlich mit Steuergeldern, den maroden Haufen zurückkaufen und wiederherstellen mußte, womit die Profiteure der Privatisierung noch einmal abkassieren konnten. Ein jüngster Untersuchungs­bericht bemüht sich, das Desaster schönzureden, obwohl deutlich wird, daß die heutigen 25 Privatunternehmen, die auf einer staatlich verwalteten Infrastruktur verkehren, jede ideologisch vorgetragene Behauptung, die für eine Privatisierung sprechen soll, durch ihre Praxis widerlegen. Ineffizient, viel zu teuer und unflexibel, so sieht diese Praxis aus. Woraus die betriebs­wirtschaftliche Idiotie messerscharf den Schluß zieht, daß das Versagen der Privatisierung mit noch mehr Privatisierung kuriert werden solle.

Unter ähnlichen Vorzeichen finden wir derlei auch in Deutschland vor. Nachdem der Börsengang der Deutschen Bahn erst einmal ausgesetzt wurde, sollen auf Umwegen private Investoren mit Steuergeldern als staatlicher Subventionierung ihren Reibach machen können. Das Debakel des Berliner S-Bahn-Verkehrs ist Ausdruck der von den neoliberalen Bahnchefs Mehdorn und Grube vehement vertretenen Politik, die Nahverkehrsmittel für die S-Bahn gewinnbringend innerhalb des DB-Konzerns umzuschichten, ohne die mit diesen Mitteln eingekaufte Leistung erbringen zu müssen.

Ein soeben erschienenes Schwerpunktheft von Lunapark21 schildert uns den „S-Bahn-Krimi Berlin“, der viel realistischer und auf eine gewisse Weise auch noch unglaublicher ist als die mitunter nur noch absurden Drehbücher deutscher Tatorte. Wer wissen will, warum in Deutschlands Hauptstadt ein wichtiges Rückgrat des öffentlichen Personenverkehrs von Pleiten, Pech und Pannen begleitet wird, findet hier die systemnotwendigen Antworten: Fahren auf Verschleiß, Personalabbau, Vernachlässigung der Infrastruktur, Unterordnung unter betriebsfremde Interessen. Mit einem Wort: Bereicherung auf unsere Kosten. Aber das stört den gemeinen Malthusianer nicht, denn der fährt ganz gewiß nicht mit der Bahn.

Dieses gemeinsam von Berliner Bahninitiativen und Lunapark21 herausgegebene Heft ist Bestandteil des Plus-Abos der Zeitschrift, ist aber auch frei im Internet verfügbar. Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN
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»» [1]   Am 30. Mai 2012 tickert dpa, daß eine deutsche Delegation nach dem Vorbereitungs­spiel gegen Israel Auschwitz besuchen werde. Genial ist dieser darin enthaltene Satz: „Löw hatte seine Spieler bereits in der EM-Vorbereitung durch Expertenvorträge mit der deutschen Geschichte vertraut gemacht.“ Ja, wie? In der Schule nicht aufgepaßt?

»» [2]   Eine brauchbare analytische Annäherung an diese Piratenpartei bietet Georg Fülberth in seinem Artikel Warum Piraten?, erschienen in der „jungen Welt“ am 26. Mai 2012.

»» [3]   Jutta Ditfurth : Worum es geht, Seite 5.

»» [4]   Ditfurth Seite 10.

»» [5]   Ditfurth Seite 25–26.

»» [6]   Ditfurth Seite 39.

»» [7]   Oliver Stone / Tariq Ali : Zur Geschichte, Seite 10.

»» [8]   Stone/Ali, Seite 69. Im Video ist die Stelle etwa bei Minute 33 zu finden.

»» [9]   Stone/Ali, Seite 78.

»» [10]   Lunapark21, Heft 17, Seite 34.


Diese Seite wurde zuletzt am 2. Juni 2012 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2012. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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